Mariä Opferung

 

21. November

 

Als die heilige Mutter Anna von einem Engel die Zusicherung erhielt, dass sie eine Tochter gebären werde, die gebenedeit sein sollte im Himmel und auf Erden bis in alle Ewigkeit, da versprach sie hochbeglückt in überreicher Freude:

 

„Wenn dem so ist, dann soll das Mädchen dem Herrn geweiht sein alle Tage seines Lebens.“

 

Das war ein heiliges Gelöbnis, und dass Sankt Anna das Gelübde gehalten hat, zeigt das heutige Fest Mariä Opferung.

 

Die ersten drei Lebensjahre blieb das Gnadenkind Maria in der Obhut der Eltern Joachim und Anna in Nazareth. Die Legende weiß zu berichten, dass die Kleine, als sie sechs Monate alt war, die ersten Schritte getan hat. Sieben Schritte sollen es gewesen sein, von der Hauswand bis in die Arme der Mutter Anna, die vor dem Kind auf dem Boden hockte und es zu sich lockte. Wenige Tage später, also bedeutend früher, als es sonst bei Kleinkindern der Fall ist, konnte Maria laufen.

 

Als sich des Kindes Geburtstag zum ersten Mal jährte, veranstalteten die glücklichen Eltern ein Fest und luden viele aus der Verwandtschaft und der Bekanntschaft dazu ein. Auch einige Priester waren zugegen, und die Priester segneten Maria, indem sie sprachen:

 

„Gott unserer Väter! Segne dieses Mädchen und gib ihm einen Namen, der ewig genannt sei von allen Geschlechtern!“

 

So beteten die Priester über Maria, und alle, die zugegen waren, sagten:

 

„Es geschehe, geschehe! Amen! Amen!“

 

Genau so ging es auch im folgenden Jahr zu, als Maria zweijährig wurde. Bei dieser Gelegenheit drängte Joachim bereits die Gattin und sagte zu ihr:

 

„Anna! Wir wollen das Kind in den Tempel bringen und das Gelübde erfüllen, das wir gelobt haben.“

 

So sprach Joachim zu Anna, doch Anna entgegnete ihm:

 

„Nein, Joachim, wir wollen noch das dritte Jahr abwarten, damit die Kleine in der Ferne nicht Heimweh bekommt nach Vater und Mutter.“

 

So meinte Anna, und so geschah es auch.

 

Als Maria drei Jahre alt wurde, brachten Joachim und Anna sie nach Jerusalem. Dort befand sich neben dem Tempel ein Haus, in dem junge Mädchen erzogen und unterrichtet wurden, die zugleich durch ihre Arbeit dem Tempel dienten und später nach Ablauf einer Reihe von Jahren wieder in ihre Familien zurückkehrten.

 

Dahin wurde Maria von den Eltern gebracht. Sie trug damals ein himmelblaues Gewand. Himmelblau ist die Mutter-Gottes-Farbe deswegen, weil sie uns in ihrem göttlichen Kind den Himmel gebracht hat. Weißgekleidete Mädchen mit brennenden Kerzen in den Händen führten Maria auf dem Weg zu ihrer Opferung rechts und links wie bei einer Prozession, und als sie sich so in der Begleitung der Eltern inmitten der Gespielinnen näherte, stand der Priester, der die Jungfrauenschule beim Tempel leitete, oben am Ende der Treppe im Portal des Hauses und empfing sie segnend und sprach in erleuchteter Weisheit die Worte:

 

„Groß gemacht hat Gott der Herr deinen Namen unter allen Geschlechtern der Erde, denn in dir wird offenbar werden die Erlösung der Kinder Israels.“

 

Auf diese Weise haben Joachim und Anna das Gelübde eingelöst, indem sie ihr Kind dem Herrn und seinem Dienst im Tempel weihten, und Maria hat ihrerseits Eltern und Heimat verlassen, um sich Gott zu schenken und ihm allein anzugehören. Wir wissen, dass aus dem Doppelopfer der Eltern und des Kindes ein unendlicher Segen für die ganze Welt geflossen ist.

 

Elf Jahre blieb Maria im Tempel. Dort lernte sie spinnen und nähen und mit Gold- und Silberfäden in Seide sticken, so dass sie alle heiligen Gewänder, wie sie die Priester beim Gottesdienst damals trugen, kunstvoll anzufertigen verstand. Ebenso wurde sie im Lesen unterrichtet, damit sie die alten heiligen Lieder, die sie beim Gottesdienst mitsang, auch begriff. Voll Ehrfurcht war Maria stets gegen die Vorgesetzten und voll Liebe zu den Gespielinnen im Haus, gern half sie bei der Arbeit und war voll Sanftmut und Geduld. Von der Tempeljungfrau Maria sagt der heilige Kirchenlehrer Ambrosius, ihr Leben sei so heilig gewesen, dass es allen Menschen und ganz besonders den Kindern zum Vorbild gereicht.

 

Als die Schuljahre in Jerusalem vorüber waren, kehrte Maria nach Nazareth zurück. Dort wurde sie später, wie wir aus der biblischen Geschichte wissen, mit einem Mann aus Davids Haus verlobt, der Josef hieß, und wieder einige Zeit später wurde zu ihr der Engel Gabriel gesandt, der ihr die gnadenvolle Botschaft brachte, dass sie die Mutter des Sohnes Gottes werden sollte, dem sie dann in der Heiligen Nacht, allen Menschen zur immerwährenden Freude, zu Bethlehem im Stall das Leben schenkte.

 

Welch ein reicher Gottessegen liegt doch auf dem Leben der allerseligsten Jungfrau, und wie lieb muss sie uns deswegen sein!

 

Von der heiligen Anna

 

Die heilige Anna ist eine von den Müttern gewesen, welche erst in ihren späten Jahren und gleichsam am Rand des Lebens empfangen haben. Und bei diesen Müttern ist die so späte und wunderbare Fruchtbarkeit als eine besondere Belohnung zu betrachten. Sie sind durch eine außerordentliche Gnade und durch ein himmlisches Wunder zu Müttern geworden, und zwar dann, als sie selbst angefangen hatten die Hoffnung auf ein Kind aufzugeben. Die alte Sarah empfing noch ihren Isaak und Elisabeth, die die Unfruchtbare genannt wurde, wurde erst nach vielen Jahren mit Johannes gesegnet. Der heiligen Anna aber hat Gott eine noch viel größere Gnade zukommen lassen als den anderen berühmten Frauen. Sie durfte vor ihrem Ende noch die Mutter derjenigen werden, die das Heil aller Völker gebären wird. Anna, die Mutter Mariens und die Großmutter des Weltheilands!

 

Die heilige Anna ist als Ehefrau und Mutter die Glücklichste gewesen: sie hatte einen heiligen Ehemann und eine heilige Tochter, zwei Vorzüge, die ihre Ehe zu einem Paradies auf Erden machen musste. Im Himmel aber wird die heilige Anna in Anbetracht der Erhöhung ihrer Tochter vollends glücklich und selig gewesen sein. Welch eine Freude war es für sie, von himmlischer Höhe herabzusehen, wie die Chöre der Engel ihre Tochter mit Leib und Seele in den Himmel heraufholen, wie gleich das Heer der Blutzeugen sie als Königin der Märtyrer empfangen hat, zu sehen, wie sich die Erzväter und die Propheten vor ihr als ihrer Königin verneigten, zu sehen, wie die Engel, die Erzengel, die Cherubinen und Seraphinen, die Fürstentümer und Thronen und alle seligen Geister um den Thron Gottes herum erschauerten und Maria als ihre Königin verehrten. Welch eine wunderbare Freude war es für die heilige Anna, ihre Tochter so geehrt zu sehen und ihren Thron ganz in der Nähe des Thrones Gottes, und ihre Tochter schließlich nach Gott als die größte im Himmel und auf Erden zu sehen. Oder fällt nicht die Herrlichkeit der Tochter auf die Mutter zurück? Wird nicht die Mutter in der Tochter geehrt? Und ist nicht die Erhöhung der Tochter die Herrlichkeit der Mutter?

 

Ja, Anna ist voller Herrlichkeit und Freude und darum auch mächtig in der Fürbitte.

 

Matthias Hergert

 

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Als der Erzengel Gabriel Maria die inhaltschwere Botschaft überbrachte, sie solle Mutter des Herrn werden, gab die seligste Jungfrau ihre Herzenseinstellung in den schlichten und doch tiefen Worten kund: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Wort!“ Maria hätte bei dieser dunklen Botschaft ein solches Wort nicht so schnell und so echt sprechen können, wenn sonst ihr Leben auf etwas anderes ausgerichtet gewesen wäre als darauf, den Willen Gottes zu erfüllen. Wir spüren förmlich bei dieser Szene, dass diese Antwort nur aus einer lebenslang geübten Einstellung auf den Willen des Herrn herausgeflossen ist.

 

Auf diesen Tatbestand möchte das Fest der Opferung Mariens aufmerksam machen. Es hat zwar zum geschichtlichen Ausgangspunkt die Auffassung, Maria sei als kleines Kind von ihren Eltern zum Tempel nach Jerusalem gebracht worden, um dort als gottgeweihte Tempeljungfrau dem Dienst des Allerhöchsten zu leben. Darum Mariä Opferung genannt. Da die Heilige Schrift uns nichts von dem berichtet, was im Leben der Auserwählten der Verkündigungsszene vorausgegangen ist, so schweigt sie auch über diese Auffassung. Leider wissen wir auch aus anderen Quellen nichts geschichtlich Sicheres, was diese fromme Legende stützen könnte.

 

Aber der innere Kern, der in dieser Auffassung ausgesprochen werden soll, ist sicherlich echt. Gott bereitet nämlich seine Werke in feinster Weise vor. Da er das Kind Maria von Nazareth nur als die vorausbestimmte Mutter seines Sohnes ins Dasein treten ließ, so hat er durch seine Gnaden in diesem Mädchenherzen darauf hingearbeitet, dass es in besonderer und in vollster Weise des Herrn sein wollte. Wollte er doch seine Menschwerdung nur verwirklichen mittels der freiwilligen Zustimmung Mariens. Darum wird er ihre gesamte Seelenerziehung darauf abgestellt haben, dass es ihr stets eine Lebensspeise war, dem Willen Gottes zu folgen. Maria ist darum nicht nur jenes Wesen, das der Allerhöchste ganz und gar für sich und seine Pläne mit Beschlag belegt hatte. Sie ist auch ihrerseits in freier sittlicher Entscheidung jenes Menschenkind, das sich ganz und voll dem Herrn hingibt.

 

Durch Gottes Einfluss lebte Maria als Mädchen in jener inneren Haltung, die später als das Ideal christlicher Jungfräulichkeit bezeichnet wurde. Von ihr sagt ja der heilige Paulus: „Die Jungfrau aber ist um die Sache des Herrn bedacht, sie will an Leib und Seele heilig sein.“ Mit Recht hat man seit unvordenklichen Zeiten diese Haltung aus dem Wort Mariens herausgelesen: „Wie soll mir das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“

 

In solcher Einstellung, die Maria ein ganzes langes Leben begleitet hat, steht Maria in der göttlichen Heilsgeschichte als die Jungfrau aller Jungfrauen da. Leuchtendes Vorbild christlicher Jungfräulichkeit. Kaum spricht man je den Namen „Maria“ aus, ohne hinzuzufügen: die „Jungfrau“. Keineswegs darf bei dieser Aussage Mariens wunderbare leibliche Unversehrtheit trotz echter Mutterschaft im Vordergrund stehen. Das Ausschlaggebende ist vielmehr ihre seelische Unverletztheit oder Sündenlosigkeit, ihre innere Totalhingabe an den Herrn. Ohne diese hätte Maria niemals jene Heilsaufgaben an der Seite ihres Sohnes Jesus erfüllen können, die die Liebe Gottes ihr zugedacht hatte.

 

Darum wird auch die Kirche als der fortlebende Christus der jungfräulichen Seelen nicht entraten können. Nie wird das Reich Gottes auf dieser Erde zur Blüte kommen, wenn es nicht Menschen gibt, die in jungfräulicher Ganzhingabe sich dem Reich Gottes zur Verfügung stellen, sei es für seine Ausbreitung unter allen Völkern der Erde, sei es zu seiner Vertiefung in den Seelen der Christen.

 

Kirchengebet

 

O Gott, du wolltest, dass am heutigen Tag die heilige, allzeit reine Jungfrau Maria, die Wohnung des Heiligen Geistes, im Tempel dir dargebracht werde. Daher bitten wir dich: gib, dass wir auf ihre Fürsprache würdig seien, dereinst selber im Tempel deiner Glorie vor dich gebracht zu werden.

 

Zur Geschichte des Festes: Die Feier des Festes „Mariä Opferung“ ist jedenfalls uralt. Im Morgenland ist sie schon im 8. Jahrhundert bekannt, und zwar unter dem Titel: „Einzug der Gottesmutter in den Tempel“. Durch einen Gesandten von Cypern am päpstlichen Hof zu Avignon (wo Gregor XI. damals residierte) veranlasst, wurde dieses Fest in der abendländischen Kirche 1372 zum ersten Mal feierlich begangen. Es wurde aber bereits im 11. Jahrhundert mancherorts gefeiert. Papst Sixtus IV. ordnete es im Jahr 1472 für die ganze Kirche an. Pius V. (1566-72) strich aber wieder diesen Festtag aus dem römischen Kalender. Sixtus V. führte ihn 1585 wieder ein. Klemens VIII. approbierte das Offizium in seiner heutigen Form. Dass gerade dieses Fest in Norddeutschland zu den volkstümlichen Marienfesten gehört, ist dem Umstand zuzuschreiben, dass die Bischöfe Preußens eine lange Zeit hindurch Mariä Opferung auf den staatlichen Buß- und Bettag verlegt hatten.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, So feiert dich die Kirche, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)