Maria, Mutter des Guten Hirten

 

3. September

 

In den unterirdischen Grabstätten der ersten Christen, den Katakomben, schaut uns oft das Bild Christi als des Guten Hirten an. Es muss ihre bevorzugte Christuserfassung gewesen sein. Sie hatten freilich auch allen Grund zu dieser Wahl. War er nicht gleichsam als der Heiland ihrer Seelen aus der Mitte des Auserwählten Volkes durch seine Apostel herausgeschritten, um sie in der Nacht ihres Heidentums zu suchen? Als der wahrhaft Gute Hirte hatte er im Kampf mit dem höllischen Untier sein Leben für sie dahingegeben und sie aus seinen Klauen befreit. Nun hatte er sie auf die gute Weide geführt, wo die Sonne der göttlichen Liebe schien und die himmlische Seelenspeise ihre Nahrung ward.

 

Dieses Bild bleibt ewig wahr. Jeder von uns hat alle Veranlassung, es auf sich anzuwenden. Nicht nur ob der ersten Hinführung zum „Hirten eurer Seelen“, wie ihn St. Petrus nennt. Unausgesetzt muss er als treu wachender Hirte Umschau halten, damit nicht der Teufel einbreche in die Hürde des Friedens, damit wir nicht, durch dessen Täuschungskünste verlockt, ausbrechen, um an giftiger Nahrung elend zugrunde zu gehen. Und wie oft muss er auf mühsame Wanderung gehen, um ein verirrtes Christenschäflein wieder heimzubringen in die Wohnstatt des Friedens.

 

Man kann es einem gläubigen Christenherzen nicht verargen, wenn er dem Hirten Christus Maria als die Mutter des Guten Hirten beigesellt. Sorgt sich denn diese Mutter nicht mit ihrem Hirtensohn um seine und damit auch ihre Schäflein? Wandert sie als die Mutter der Barmherzigkeit ihnen nicht nach, um sie von den Schultern ihres Sohnes heimtragen zu lassen? Hat nicht auch sie in ihrem Sohn ihr Gut und in ihrem Mutterschmerz ihr Herzblut hingegeben, damit wir heimfänden zum Hirten unserer Seelen, wie auch die Menschen aller Völker?

 

Mutter des Guten Hirten, führe dem himmlischen Hirten unsere verirrten Brüder und Schwestern wieder zu! Treib jene der Hürde deines Sohnes zu, die in der wasserlosen Wüste des Heidentums vom ewigen Verschmachten bedroht sind.

 

Kirchengebet

 

Herr Jesus Christus, Guter Hirt, du hast für deine Schafe dein Leben gegeben und uns, dein Volk und die Schafe deiner Weide, der Jungfrau-Mutter empfohlen, während du am Kreuz hingst. Auf ihre Vermittlung lass uns dir, unserem Hirten, auf Erden folgen, um zu den Weiden des ewigen Lebens zu gelangen.

 

Zur Geschichte des Festes: Das Fest „Maria, Mutter des Guten Hirten“ ist eine Frucht der Marienverehrung der Kapuzinerpatres von Sevilla. Diese feierten am zweiten Sonntag nach Ostern, an dem in der Heiligen Messe das Evangelium vom Guten Hirten gelesen wird, ein Marienfest unter diesem Titel. Papst Pius VII. gestattete im Jahr 1801 die Feier dieses Festes in ganz Toskana. So war der Weg frei für eine weitere Verbreitung. Der Tag der Festfeier war allerdings nicht überall einheitlich. Pius IX. (1846-78) zeigte eine ganz besondere Vorliebe für dieses Marienfest. Er schenkte ihm ein neues Stundengebet, um – wie er selber sagte – „die Aufmerksamkeit der Gläubigen, ihre Dankbarkeit und ihr vertrauensvolles Gebet auf die liebende Sorgfalt zu lenken, mit der Maria über uns wacht, sowie auch auf die himmlische Speise, die wir ihr verdanken“.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)