Die Schule des heiligen Philipp Neri

 

Inhalt:

 

Erste Lektion: 

Von dem Beichtvater und dem Verhältnis des Beichtkindes zu ihm

 

Zweite Lektion: 

Von der heiligen Kommunion

 

Dritte Lektion:

Vom innerlichen Gebet

 

Vierte Lektion:

Von der Einführung des Familiengebetes in Privathäuser

 

Fünfte Lektion:

Von der Gegenwart Gottes

 

Sechste Lektion:

Vom mündlichen Gebet 

 

Siebente Lektion:

Um was wir zu Gott beten sollen

 

Achte Lektion:

Wir sollen uns den Gebeten anderer empfehlen

 

Neunte Lektion:

Von der Lesung geistlicher Bücher

 

Zehnte Lektion:

Von der Demut

 

Elfte Lektion:

Vom Gehorsam

 

Zwölfte Lektion:

Von der äußeren Abtötung

 

Dreizehnte Lektion:

Von der inneren Abtötung

 

Vierzehnte Lektion:

Von der Vermeidung des Müßiggangs

 

Fünfzehnte Lektion:

Von der Keuschheit

 

Sechzehnte Lektion:

Vom Geiz

 

Siebzehnte Lektion:

Von der Entsagung der Besitztümer

 

Achtzehnte Lektion:

Die Enthaltsamkeit von Geschenken

 

Neunzehnte Lektion: 

Wir sollen uns von Ehren und Würden fernhalten

 

Zwanzigste Lektion:

Von der Liebe Gottes

 

Einundzwanzigste Lektion:

Von den Andachten, die wir üben sollen

 

Zweiundzwanzigste Lektion:

Von der äußerlichen Andacht und der Vermeidung der Sonderbarkeit

 

Dreiundzwanzigste Lektion:

Von den geistlichen Übungen des Oratoriums

 

Vierundzwanzigste Lektion:

Vom Kirchenbesuch

 

Fünfundzwanzigste Lektion:

Von der fühlbaren Andacht, von geistlichen Tröstungen und Süßigkeiten

 

Sechsundzwanzigste Lektion:

Von der geistlichen Trockenheit

 

Siebenundzwanzigste Lektion:

Von den Verzückungen

 

Achtundzwanzigste Lektion:

Von den Visionen

 

Neunundzwanzigste Lektion:

Vom eitlen Ruhm

 

Dreißigste Lektion:

Von den Skrupeln

 

Einunddreißigste Lektion:

Vom Almosen

 

Zweiunddreißigste Lektion:

Vom Krankenbesuch

 

Dreiunddreißigste Lektion:

Wie wir die Verwandten des Verstorbenen trösten sollen 

 

Vierunddreißigste Lektion:

Wie die Kranken sich während ihrer Krankheit verhalten sollen

 

Fünfunddreißigste Lektion:

Von Trübsalen, Verfolgungen,

Widerwärtigkeiten und von den Leidenschaften der Seele

 

Sechsunddreißigste Lektion:

Von der Fröhlichkeit und dem Trübsinn

 

Siebenunddreißigste Lektion:

Von den Erholungen

 

Achtunddreißigste Lektion:

Vom Gespräch

 

Neununddreißigste Lektion:

Von der Zurechtweisung

 

Vierzigste Lektion:

Vom Stillschweigen und von der Zurückgezogenheit

 

Einundvierzigste Lektion:

Vom Studium

 

Zweiundvierzigste Lektion:

Vom Essen 

 

Dreiundvierzigste Lektion:

Vom Schlafen

 

Vierundvierzigste Lektion:

Von der Standesänderung

 

Fünfundvierzigste Lektion:

Von der Beharrlichkeit – ihre Notwendigkeit

 

Sechsundvierzigste Lektion:

Von der Vorbereitung auf den Tod

 

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Was bedeutet diese Schule? Gleichwie wir von einer Schule des Sokrates, des Plato, des Aristoteles etc. sprechen und darunter ihre Schüler und Anhänger verstehen, die die Lehrsätze ihrer Meister weiter entwickelten und fortpflanzten, so werden uns in dieser Schule die hervorragendsten Schüler des Heiligen vorgeführt neben ihren Lehren und Beispielen. Es ist aber noch eine Schule in einem anderen Sinn, eine Schule mit zwei Hörsälen, in denen Lektionen gegeben werden über die wichtigsten Gegenstände des christlichen Lebens, sowohl für Laien als für Geistliche.

 

Wenn wir diese Lektionen unter dem Beistand des heiligen Philipp und mit dem Segen der göttlichen Gnade zu Herzen nehmen und in diesem Leben befolgen, dann werden wir uns dereinst in der Gesellschaft des Heiligen des ewigen Lebens erfreuen.

 

Die folgenden Lehren und Vorschriften sind hauptsächlich an jene Christen gerichtet, die, nachdem sie das Leben und die Tugenden des glorreichen heiligen Philipp Neri genau betrachtet haben, eine große Andacht zu ihm fühlen, und ihn in allen ihren geistlichen und zeitlichen Nöten zu ihrem Patron und Fürsprecher bei Gott wählen wollen.

 

Es ist wohl bekannt, dass die Andacht zu den Heiligen hauptsächlich in der Nachahmung ihrer Tugenden besteht, und Seelen, die dem heiligen Philipp in Andacht ergeben sind, werden hier zu der Nachahmung seiner Tugenden aufgefordert, die sie seines Schutzes würdig machen wird. Wir dürfen daher die höchst wichtige Bemerkung nicht vergessen, dass unsere heilige Mutter, die Kirche, zum Wohl ihrer Kinder diese Nachahmung des heiligen Philipp für sie in nachstehendem Gebet erfleht:

 

„O Gott, der du den seligen Philipp, deinen Bekenner, zur Glorie deiner Heiligen erhoben hast, gib gnädig, dass wir uns das Tugendbeispiel desjenigen zu Nutzen machen, dessen Fest wir mit Freuden begehen!“

 

Möge deshalb jeder, der diesen vortrefflichen Führer auf dem Weg zum Himmel und zur Erlangung der Tugend wählen und ihm die Huldigung einer wahren Andacht darbringen will, sich bereit halten, seine Tugenden nachzuahmen und seine Lehren zu befolgen, wie sie in den nachstehenden Abschnitten dargelegt sind, die wir nun unter Anrufung des Beistandes unseres Heiligen und des Segens der göttlichen Gnade beginnen. 

 

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Erste Lektion:

Von dem Beichtvater und dem Verhältnis des Beichtkindes zu ihm

 

(Sprüche 6,20a: „Beachte, mein Sohn, auf die Gebote deines Vaters.“)

 

Der heilige Philipp ermahnt das Beichtkind, sich einen besonderen Seelenführer zu wählen, und vor seiner Wahl sich wohl zu bedenken und zu beten, damit es, wie der Heilige selbst bemerkt, „einen guten, gelehrten, klugen und erfahrenen Mann finde.“ Das Beichtkind muss daher darüber versichert sein, ob der Beichtvater diese vom heiligen Philipp geforderten Eigenschaften habe. Es ist auch nie vorteilhaft, den Beichtvater zu wechseln, und der heilige drückte darüber seine Meinung so aus: „Wer im geistlichen Leben beharren will, muss stets derselben Person beichten.“

 

Auch gefiel es ihm nicht, wenn man zu einem anderen Beichtvater ging. Ein solcher Wechsel setzt das Beichtkind in der Achtung des Beichtvaters herab und macht das Gewissen unruhig, wie namentlich von einem Pönitenten des Heiligen erzählt wird. Dieser fiel, sobald er einem anderen beichtete, in tiefe Schwermut und Gewissensangst, und um sich davon zu befreien und seine Seelenheiterkeit wieder zu erlangen, war sein einziges Mittel, zu seinem ersten Beichtvater zurückzukehren und ihm seine Untreue zu bekennen.

 

Der Heilige wollte daher nie gestatten, den Beichtvater aus unbedeutenden Gründen zu ändern, sondern er sagte: „Ist er einmal gewählt, so soll er niemals geändert werden, außer aus den dringendsten Ursachen.“

 

Das Beichtkind muss entschlossen sein, sich wie einen Leichnam in die Hände seines Beichtvaters zu legen nach dem Ausspruch jenes Dieners Gottes, Johann Baptist von Foligno, der sich so in die Hände des heiligen Philipp gab, dass er mit ihm tun konnte, was er wollte, und der die Gebote des Heiligen auf das genaueste beobachtete, mit so unaussprechlichen Nutzen für seine Seele, dass er sogar noch bei Lebzeiten „der gottselige Johann Baptist“ hieß.

 

Der Pönitent muss sich vorstellen, als ob der Heilige an ihn dieselbe Ermahnung richtete, wie an Cäsar Tommasi, der sagt: „Er ermahnte mich stets, die Sünde zu meiden, und danach zu streben, von ihr frei zu sein, wenn ich in der Gnade Gottes bleiben will.“

 

Wenn sich Gelegenheit zur Sünde bietet, sollte er an den Abscheu vor der Sünde denken, den unser Heiliger äußerte, indem er sagte:

 

„Ehe ich eine einzige Todsünde beginge, wollte ich mich lieber vierteilen lassen und des grausamsten Todes sterben!“ Wenn jemand in eine Sünde fällt, so soll er bedenken, dass seine Seele befleckt worden ist, und daher sogleich zu den Füßen seines Beichtvaters eilen, um diesen Flecken zu entfernen. Diese Hässlichkeit der Seele war den Augen des heiligen Philipp sogar äußerlich sichtbar, der eines Tages zu einer Person, die gebeichtet hatte, sagte:

 

„Mein Sohn, du hast dein Gesicht verändert, und hast nun ein besseres Aussehen,“ Worte, die der Heilige oft gebrauchte, wenn Sünder aus dem Stand der Sünde in den der Gnade Gottes zurückkehrten.

 

Sollte das Beichtkind auch öfter in denselben Fehler zurückfallen, so soll es sich doch immer mit derselben Bereitwilligkeit wieder an seinen Beichtvater wenden, denn dies war das Heilmittel, das der heilige Philipp vorschrieb, um einen Sünder von einer Sünde zu befreien, in die er so tief versunken war, dass er fast jeden Tag in sie hineinfiel. Da er aber bei jedem Rückfall stets wieder zur Beicht seine Zuflucht nahm, so wurde er, wie der Heilige selbst erklärt, in kurzer Zeit ein wahrer Engel.

 

Um jemand, der in einen schweren Fehler gefallen ist, nachdem er lange auf den Wegen Gottes gewandelt ist, zu heilen, gebe es, wie der Heilige sagte, kein besseres Mittel, als ihn zu ermahnen, dass er seinen Fehler irgend einer rechtschaffenen Person offenbare, auf die er ein besonderes Vertrauen setze, denn durch diesen Akt der Demut werde ihn Gott wieder in seinen früheren Gnadenstand einsetzen.

 

Der Heilige liebte die Gewissensreinheit und die vorbehaltlose Darlegung des Seelenzustandes dem Beichtvater gegenüber so sehr, dass er wegen dem großen Nutzen, den die Seelen aus der häufigen Beicht ziehen, sie mit Wort und Beispiel einschärfte, denn er beichtete jeden Tag unter reichlichen Tränen.

 

Niemand darf seine Geschäfte als eine Entschuldigung ansehen, denn zur Zeit des heiligen Philipp gingen viele, die beschäftigt waren, vor Tagesanbruch zur Beicht, und durch die Gnade Gottes wird es nie an Beichtvätern fehlen, die in dieser Schule ihren Unterricht holen und nach dem Beispiel des Heiligen sich in den Charakter ihrer Beichtkinder fügen, und stets zu ihrem Dienst bereit sein werden.

 

Der Heilige gibt den Rat, dass sich das Beichtkind zuerst der schweren Sünden anklagen soll, vor denen es sich am meisten schämt, da auf diese Weise der böse Feind am meisten zu Schanden gemacht und aus der Beicht der größte Nutzen gezogen wird.

 

Man darf niemals aus Menschenfurcht irgendeine Sünde, so unbedeutend sie scheinen mag, verhehlen.

 

Man darf nie zu sehr auf sich selbst vertrauen, sondern muss sich immer mit seinem geistlichen Vater besprechen und sich den Gebeten aller empfehlen.

 

Man muss einen großen Glauben an seinen Beichtvater haben und ihm die geringste Sache offenbaren, da der Herr ihn in allem, was zum Heil seines Beichtkindes von Wichtigkeit ist, niemals irre gehen lassen wird. Wenn es dem bösen Feind nicht gelingen kann, eine Person zu einer schweren Sünde zu versuchen, so bemüht er sich aus allen Kräften, Misstrauen zwischen dem Beichtvater und dem Beichtkind zu säen, denn dadurch erlangt er allmählich keinen geringen Gewinn, da der Böse, wie unser Heiliger selbst an dem Beispiel von Karl Mazzei zeigt, den Beichtvater fürchtet. In Fällen, wo das Beichtkind keinen Zutritt zu seinem Beichtvater haben kann, ist es gut, wenn es so handelt, wie es glaubt, dass es ihm wohlgefällig wäre. Aber bei der ersten Gelegenheit muss es sich mit ihm besprechen, um sich vor Irrtum zu sichern.

 

Gelübde dürfen nie ohne Zustimmung des Beichtvaters gemacht werden, und für die Gewissensruhe des Beichtkindes sowohl, als um die Last vieler Verpflichtungen zu vermeiden, hielt es der Heilige für gut, dass die Person, die ein Gelübde machen wolle, es nur bedingt tue z.B. mit den Worten: „Wenn ich mich daran erinnere“ oder dergleichen.

 

Geißelungen und andere Abtötungen ähnlicher Art dürfen nie ohne die Erlaubnis des Beichtvaters angewendet werden, denn, fügt der Heilige hinzu: „Wer sie nach seinem eigenen Ermessen anwendet, schadet entweder seiner Gesundheit, oder wird stolz, indem er sich einbildet, er habe etwas Großes getan. Wir dürfen uns nie so sehr an die Mittel halten, dass wir darüber den Zweck vergessen, der die Liebe zu Gott und dem Nächsten ist.“

 

Das Beichtkind muss seinem Beichtvater wie Gott gehorchen, und ihm alle seine Neigungen freimütig, aufrichtig und in Einfalt des Herzens aufdecken und darf ohne seinen Rat keinen Entschluss fassen. Der Heilige sagt: „Wer so handelt, darf versichert sein, dass er dereinst Gott von seinen Handlungen keine Rechenschaft ablegen muss.“ Dieser Gehorsam wurde von unserem Heiligen zuerst geübt und dann gelehrt. Obwohl er seine Unfähigkeit anführte, so wurde er dennoch aus Gehorsam Priester und nahm die Bürde des Beichthörens auf sich, anstatt nach Indien zu gehen, wohin er besonders gern in die Mission gegangen wäre, vermöge jener Liebe zu Gott, die ihn mit der Begierde erfüllte, sein Blut für den heiligen Glauben zu vergießen, nichts zu sagen von vielen anderen Akten bereitwilligen Gehorsams, die in seinem Leben aufgezeichnet sind. Wir sollten an all dem ein Beispiel nehmen und stets unserem Beichtvater gehorchen, selbst wenn er Dinge befiehlt, die den Begriffen des Beichtkindes von seiner Fähigkeit dazu widersprechen.

 

Das Beichtkind darf den Beichtvater nie zwingen, mit Widerstreben eine Erlaubnis zu geben, und in dieser Hinsicht beklagte P. Peter Consolini gar sehr den Schaden, den jetzt der Gehorsam gewöhnlich bei den Beichten erleidet, da es anstatt der tiefen Demut und des Gehorsams, den dieses Sakrament von dem Beichtkind erfordert, jetzt (um seine eigenen Worte anzuführen) häufig so eingerichtet ist, dass, während der Beichtvater einst das Beichtkind leitete, die Beichtkinder jetzt die Beichtväter leiten und sie nach ihrem Belieben stimmen wollen. Das Beichtkind muss sich hüten, das Sakrament der Buße aus eigennützigen Beweggründen zu missbrauchen, indem man zur Beichte geht, um etwas Almosen vom Beichtvater zu erhalten. Der heilige Philipp entdeckte schnell diesen Missbrauch, und da er einmal in seinem Geist erkannte, dass eine gewisse Frau nur um Brot kam, sagte er zu ihr: „Meine gute Frau, geht, und Gott sei mit euch, denn hier gibt es kein Brot für euch.“ Auch wollte er sie nicht mehr Beicht hören. 

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Zweite Lektion:

Von der heiligen Kommunion

 

Wir können von den wunderbaren Wirkungen, die die heilige Kommunion in denen hervorbringt, die häufig und würdig kommunizieren, nicht so sprechen, wie es uns im Herzen ist. Diese Wirkungen können wohl gekostet werden, lassen sich aber nie mit Worten ausdrücken. Lasset uns kosten und sehen, wie süß dieses Engelsbrot ist. Durch die häufige Teilnahme an diesem göttlichsten Sakrament haben viele Beichtkinder unseres Heiligen die höchste geistliche Vollkommenheit erreicht. Unser Heiliger selbst bezieht sich darauf in einem Brief an eine gewisse Dame, namens Fiore: „Ich wünsche, dass du blühen mögest, d.h. dass die Blume (eine Anspielung auf ihren Namen) gute Frucht hervorbringen möge, die Frucht der Demut, die Frucht der Geduld, die Frucht aller Tugenden, und dass du der Aufenthalt aller Tugenden wärest, wie es bei denen der Fall ist, die häufig kommunizieren.“ Der Heilige wollte deshalb, dass nicht nur die Priester, sondern auch die Laienbrüder das allerheiligste Altarsakrament häufig empfangen, und seiner eigenen Übung folgen sollten, die darin bestand, dass er als Laie jeden Morgen kommunizierte. Als er Priester wurde, brachte er täglich das heilige Messopfer dar, und selbst in der Krankheit kommunizierte er jeden Morgen.

 

Die nämliche Regel hinsichtlich der Zeit kann nicht allen gegeben werden, da dies von dem Belieben des Beichtvaters abhängt. Einige Pönitenten des Heiligen kommunizierten alle acht Tage, manche an jedem Fest, andere drei Mal in der Woche und einige, obwohl wenige, jeden Tag.

 

Wenn jemand kommunizieren will, so soll er seinen Beichtvater um die Erlaubnis bitten und es ihm einige Tage vorher sagen. Der heilige Philipp wünschte, dass die Beichtkinder dies drei oder vier Tage vor der Kommunion tun möchten, und er sagte auch, dass niemand ohne die Erlaubnis seines Beichtvaters kommunizieren sollte, denn wenn man häufig nach seinem eigenen Kopf kommuniziert, so kann das Anlass zu großen Versuchungen geben, denen man nicht immer Widerstand leisten kann.

 

Wir müssen uns diesem heiligen Mahl mit großer Begierde nahen, und immer mit einem besonderen frommen Beweggrund, nicht aus bloßer Gewohnheit. Dies beabsichtigte auch der heilige Philipp, der, wenn seine geistlichen Kinder ihn um die Erlaubnis baten, zu kommunizieren, zu ihnen sagte: „Sitientes, sitientes venite ad aquas!“ sie sollten zuerst einen heiligen Durst empfinden, und dann erst der Quelle des ewigen Lebens sich nahen.

 

Obwohl keine Vorbereitung auf die Kommunion jemals hinreichend genannt werden kann, so müssen wir uns dennoch hüten, uns dieser heiligen Speise leichtsinnig oder aus Gewohnheit zu nahen, sondern wir müssen alle mögliche Vorbereitung anwenden. Einige Beichtkinder des Heiligen gingen mit ihm am Samstag nachts und an den Vigilien der Feste entweder nach der Kirche der Dominikaner oder der Kapuziner, wo sie im Chor mit den Mönchen der Matutin anwohnten, und die ganze Nacht mit der Vorbereitung auf die am Morgen stattfindende heilige Kommunion zubrachten.

 

Wer zur heiligen Kommunion geht, soll dem Geist folgen, den er im Gebet hatte, und sich nicht um neue Meditationen umsehen. Er muss sich auch auf mehr Versuchungen als gewöhnlich gefasst machen. Wenn er das heiligste Sakrament empfängt, soll er dem Heiligen nachahmen, der, wenn er im Begriff stand, zu kommunizieren, mit aller Inbrunst die Worte sprach: „O Herr, ich beteuere vor dir, dass ich zu nichts gut bin, als Böses zu tun,“ und wenn er die heilige Wegzehrung empfing, so wiederholte er das Domine non sum dignus mit der tiefsten Andacht und sprach: „O mein Herr, ich bin nicht würdig, noch war ich jemals würdig. Ich habe nie etwas Gutes getan!“ Der Heilige ermahnt uns ferner, dass wir in der Kommunion um ein Heilmittel für das Laster bitten sollen, zu dem wir am meisten geneigt sind. Nach der heiligen Kommunion sollen wir eine fromme Erinnerung an die große Gnade bewahren, die wir empfingen, indem wir der himmlischen Speise teilhaftig wurden, um uns gegen die göttliche Güte recht dankbar beweisen. Darauf drang der Heilige so sehr, dass er, wenn seine geistlichen Kinder kommunizierten, sie für einige Tage nachher einen weiteren Akt der Andacht verrichten ließ, um aus dem Sakrament die gehörige Frucht zu ziehen. So mussten sie zum Beispiel das Vaterunser und Ave Maria mit ausgespannten Armen laut beten, oder er schrieb ihnen ähnliche Dinge vor. An einem Kommuniontag müssen wir versuchen, irgendein besonderes Werk der Barmherzigkeit zu verrichten. So schickte der heilige Philipp seine geistlichen Kinder nach der Kommunion in verschiedene Spitäler, um die Kranken zu besuchen und ihnen zu dienen.  

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Dritte Lektion:

Vom innerlichen Gebet

 

1. Von der Notwendigkeit und Nützlichkeit

 

Um die Notwendigkeit des Gebetes für jede Seele zu zeigen, tat der heilige Philipp häufig den Ausspruch: "Ein Mensch ohne Gebet ist wie ein stummes Tier", und Pater Augustin Manni, der die Gabe des Gebetes in hohem Grad besaß, pflegte, in Betracht der guten Wirkungen, die ein gehörig verrichtetes Gebet auf die Seele hervorbringt, zu sagen: "Denkt an Gott und betet zu Ihm, und alles ist getan!" Zur Erklärung dieser Worte fügte er hinzu: "Während wir beten, bessern wir unser Leben, bringen unser Betragen in Ordnung, und waschen alle Unreinheit ab; denn das Gebet wird nicht leiden, dass irgend ein Flecken auf unserer Seele haften bleibt." So spricht der wohlunterrichtete Schüler, und der heilige Lehrmeister sagt wiederholt: "Es gibt nichts so Furchtbares für den Teufel, als das Gebet, und nichts, dem er so viele Hindernisse in den Weg legt." Wir können alle Wohltaten nie vollständig schildern, die die Seele und sogar der Leib aus dem heiligen Gebet schöpfen. Das Gebet ist das Mittel, wodurch wir die Gnade Gottes erlangen, so dass der Heilige zu sagen pflegte: "Wenn ich Zeit habe, zu Gott zu beten, so hoffe ich jede Gunst zu erhalten, um die ich bitte." Ehe er an ein Geschäft ging, so unbedeutend es sein mochte, betete der heilige Philipp selbst und ließ von anderen beten, mehr oder weniger, je nach der Beschaffenheit des Geschäftes, das ihm bevorstand. Er unternahm nie etwas ohne Gebet, und als ihm die Besorgung der Kirche von St. Johann angetragen wurde, sagte er, er müsse zuerst beten. Durch dieses Beispiel lädt er uns ein, allem ein Gebet vorangehen zu lassen. Unter den anderen Schülern des Heiligen beobachtete Pater Juvenale diese Vorschrift genau; denn er pflegte nie ein Geschäft zu unternehmen, ohne zuerst Gott im Gebet um Rat zu fragen, und sagte: "Lasst uns nun ein wenig beten, und dann unseren Entschluss fassen!" Um uns zu dieser heiligen Übung zu ermuntern, mag es auch gut für uns sein, von einer wunderbaren äußeren Wirkung zu erfahren, die der heilige Philipp in dem Gesicht einiger Mönche in der Karthause zu Rom wahrnahm, die, wenn sie vom Gebet kamen, wirklich vom heiligen Feuer erglänzten. Wer aber kann die inneren Wirkungen schildern, womit das Gebet die Seele beglückt? Pompejo Pateri veröffentlichte, was er aus dem Mund des heiligen Philipp selbst gehört hatte, von dem er sagt: "Wenn er uns zum Gebet und zur Demut ermahnte, sagte er, die Seele kann eine solche Stufe der Andacht erreichen, dass sie ausrufen muss: "Nicht mehr, o Herr, nicht mehr!" wegen der Gnadenfülle, die Gott ihr mitteilt. Niemand kann also zu dem heiligen Philipp in die Schule gehen, wer nicht diesen wichtigen Aspekt zu seinem besonderen Studium macht, denn wie es im Leben des Heiligen heißt, er drang nie auf einen anderen Aspekt so sehr, als auf das Gebet, so wohl für uns selbst als für andere.

 

2. Wie wir das innerliche Gebet verrichten sollen

 

Die Vorschriften unseres Heiligen über das Gebet sind folgende:

 

Die Lektüre des Lebens der Heiligen ist ein großes Hilfsmittel zum Gebet und zum geistlichen Leben überhaupt.

 

Wir sollten uns einer so großen Wohltat, als die Fähigkeit zu beten ist, für unwürdig erachten.

 

Wir müssen demütig und gehorsam sein, denn als einst ein Beichtkind den Heiligen bat, ihm beten zu lehren, gab er zur Antwort: "Sei demütig und gehorsam, und der Heilige Geist wird dich unterrichten." Endlich sollen wir uns in der Abtötung üben, denn der Heilige sagte: "Wenn wir uns dem Gebet hingeben wollen ohne Abtötung, so ist es so viel, wie wenn ein Vogel, der noch nicht flügge ist, fliegen wollte." Pater Peter Consolini, der geliebte Jünger des heiligen Philipp, hat uns über das Gebet eine goldene Vorschrift hinterlassen, die es wohl verdient, mit unauslöschlichen Buchstaben den Herzen aller Gläubigen eingegraben zu werden. "Wer immer," sagt dieser vom Geist Gottes erleuchtete Mann, "recht beten will, muss sich bemühen, die Abtötung, die Demut, die Entsagung und den Gehorsam zu erlangen, denn er darf versichert sein, dass der wahre Lehrmeister eines guten Gebets der Heilige Geist ist, der da, wo diese Tugenden vorhanden sind, sein göttliches Licht einströmen lässt, während wir im Gegenteil, wo diese Tugenden nicht sind und das Herz nicht vorbereitet ist, leicht ermüden und nie im Stande sein werden, recht zu beten." Derselbe Pater sagt vom Gebet: "Die Demütigung ist eine gute Einleitung dazu."

 

Da nun die Mittel, recht zu beten, wie der heilige Philipp sie angibt, die Lektüre des Lebens der Heiligen, die Demut, der Gehorsam, die Abtötung und die Entsagung sind, so werden wir über eine jede dieser besonderen Tugenden eine Lektion geben, damit wir sie üben lernen können.

 

3. Vom angemessenem Ort für das innerliche Gebet

 

Für das innerliche Gebet kann kein besonderer Ort angewiesen werden nach dem Ausspruch des Apostels, der will, dass man an allen Orten beten soll. So betete der heilige Philipp in der Kirche, im Oratorium, auf seinem Zimmer, auf dem Berg, im Garten etc. Was aber das Gebet in einer klösterlichen Genossenschaft betrifft, so sollte dieses im Oratorium verrichtet werden. Was das Privatgebet betrifft, so sollten wir, wenn es in der Kirche verrichtet wird, dem Beispiel des heiligen Philipp folgen, der die Kirchen gerne besuchte, wo kein großer Zusammenlauf von Leuten stattfand. Das Gebet im Haus sollte an einem stillen, abgelegenen Ort, fern vom Kreis der Familie, verrichtet werden, damit wir dabei nicht leicht gestört werden. Der Heilige lehrt uns dies durch sein eigenes Beispiel, denn zum Gebet im Haus wählte er eines der höchsten und abgelegensten Zimmer, von wo er den freien Aufblick zum Himmel hatte und die Landschaft überschauen konnte. Da betete er, wiewohl er in den späteren Jahren seines Lebens oft manche Stunden im innerlichen Gebet auf dem flachen Dach der Kirche zubrachte. Der Heilige soll in diesem Stück namentlich von P. Angelo Velli nachgeahmt worden sein, der den größeren Teil des Tages und der Nacht in heiliger Betrachtung an stillen und abgelegenen Orten zuzubringen pflegte, wo er in der Einsamkeit seinen Geist durch den Aufblick zum Himmel erfrischte, und wo seine frommen Anmutungen sich frei zu Gott erhoben.

 

4. Von der Zeit des innerlichen Gebetes

 

Das Gebet muss beständig dauern. Wir müssen immer beten und dürfen niemals ablassen. Diese Vorschrift erfüllte unser glorreicher Heiliger genau, dessen Leben ein beständiges Gebet genannt werden kann. Er war so daran gewohnt, dass er die Zeit dazu nie unterschied, und zu sagen pflegte: "Wenn man nicht in der zwanzigsten Stunde (nach italienischer Zeitrechnung) d.h. gerade nach dem Mittagessen beten kann, so ist dies ein Zeichen, dass man den Geist des Gebetes nicht hat." Dennoch hatte er einige bestimmte Stunden zum Gebet. "Wenn schon der Apostel", sagt der heilige Hieronymus, "uns befiehlt, immer zu beten, und bei den Heiligen sogar der Schlaf Gebet ist, so müssen wir uns doch bestimmte Stunden zum Gebet wählen." Dies tat der heilige Philipp, der im Sommer jeden Tag morgens und abends betete, indem er sich, wenn er nicht durch ein wichtiges Geschäft oder ein Werk der Barmherzigkeit abgehalten wurde, nach dem höchsten Ort im Haus zurückzog, von wo er den freien Aufblick zum Himmel hatte und die Landschaft überschauen konnte. Im Sommer betete er am Morgen beim Erwachen; er pflegte aber nie länger zu schlafen, als vier oder höchstens fünf Stunden, und am Abend nach dem Ave Maria betete er ein und eine halbe Stunde und zuweilen zwei oder drei Stunden. Er pflegte dann ein Licht vor sein Kruzifix zu stellen, aber so, dass der Schein des Lichtes nicht auf seine Augen fiel, sondern nur auf das Kruzifix. Zuweilen blieb er im Dunkeln. Dominikus Migliacci erzählt von dem Heiligen: Ich besuchte ihn einmal spät am Abend zu St. Hieronymus, da ich mich mit ihm über einige meiner Versuchungen zu besprechen wünschte. Er tröstete mich, und gab mir ein Heilmittel an. Da er aber im Finsteren war, so wollte ich ihm ein Licht holen. Er aber schlug es aus und sagte zu mir: "Gehe, und Gott sei mit dir, ich habe nichts nötig", und damit schloss er die Tür.

 

Was das Morgengebet betrifft, so führt Pater Consolini einen Gärtner an, einen ungebildeten aber sehr frommen Mann, der vom Kardinal Baronius befragt, zur Antwort gab: "Ich bete bei der Morgendämmerung, denn wenn ich zu dieser Zeit in meinen Garten gehe, so kommt mir ein starker Wohlgeruch entgegen, den die Blumen ausduften, die dann anfangen sich zu öffnen. An ihnen nehme ich ein Beispiel und bete zu gleicher Zeit, damit ich wie meine Blumen einen lieblichen Wohlgeruch zu Gott hinaufsenden möge." Pater Consolini selbst stand bei Tagesanbruch vom Bett auf und ging nach seinem gewöhnlichen Gebet auf seinem Zimmer in die Kirche hinab, sobald der Messner die Tür geöffnet hatte. Da betete er vor dem Allerheiligsten und dann vor der Kapelle des heiligen Philipp. Er zog nämlich die ersten Stunden vor, weil er zu dieser Tageszeit den Augen anderer weniger ausgesetzt war. Man erzählt sich vom Pater Nikolaus Gigli, dass er zu allen Zeiten und an allen Orten betete, so dass er sich in den Stunden nach dem Mittagessen, die man gewöhnlich nicht für die besten Stunden zum Gebet hält, zu einer ruhigen Betrachtung oder Meditation zurückzuziehen pflegte. Denn in Nikolaus war die Natur so sehr dem Geist unterworfen, dass er seine notwendige Erholung nach der Mahlzeit eher in geistlichen als in sinnlichen Dingen suchte. Dies ist aber ein Grad des Gebets, der nicht leicht erreicht wird. Nach diesen Beispielen sollte man eine bestimmte Zeit zum Gebet haben, sowohl morgens als abends, und wir sehen, dass die göttliche Majestät den Dienst besonders wohlgefällig aufnimmt und belohnt, der ihr am Morgen dargebracht wird vor jedem anderen Geschäft. Wenn wir jedoch verhindert sind, zu einer bestimmten Stunde zu beten, so dürfen wir deshalb, weil diese Stunde vorbei ist, die Übung für diesen Tag nicht unterlassen, sondern müssen sie zu einer anderen Zeit verrichten, wie es die Gewohnheit unseres Heiligen war. Denn wenn er bei Tag am Beten verhindert wurde, so brachte er es in der Nacht wieder herein, und wenn man ihn ermahnte, sich doch auch einige Ruhe zu gönnen, so pflegte er zu erwidern: "Das Paradies wurde nicht für faule Leute bestimmt."

 

5. Von der passenden Leibesstellung beim innerlichen Gebet

 

Die Leibesstellung ist nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Pater Consolini sagte, er habe den Heiligen stehend oder sitzend beten gesehen, und Pater Bozzio sagt: "im Winter, wenn wir in der dritten Stunde der Nacht (nach italienischer Zeitrechnung) zu Abend speisten, sah ich den gottseligen Philipp häufig sitzend beten." Er betete auch im Bett, zu dessen Häupten er ein Kruzifix und einen Rosenkranz hatte, um gleich beim Erwachen beten zu können. Der Heilige betete ferner während des Gehens, denn Fabrizio de Massimi erzählt: "Zuweilen führte er seine geistlichen Söhne in einen Weinberg oder an einen anderen Ort, und fing zu beten an, indem er entweder umherging oder sich niedersetzte. Dies ist nicht verwunderlich, denn der heilige Johannes Chrysostomus sagt: "Wenn du auch nicht kniest, oder an deine Brust schlägst, oder deine Hände zum Himmel erhebst, so wirst du doch ein gutes Gebet verrichtet haben, wenn dein Herz von Liebe zu Gott erglüht."

 

Allein obschon es wahr ist, dass der Heilige entweder sitzend oder umhergehend oder im Bett betete, so sollten doch diejenigen, die nur zu bestimmten Stunden des Tages beten, es sich deshalb nicht zur Regel machen, in so bequemer Leibesstellung zu beten. Deshalb darf man in den zum Gebet bestimmten Stunden es sich nicht so leicht gestatten, niederzusitzen. Wenn man aber krank ist, oder eine andere rechtmäßige Ursache dazu hat, dann darf man ohne Zweifel beten, wie man kann.

 

6. Von der Materie und den Punkten des innerlichen Gebets

 

Der heilige Philipp schrieb die Punkte der Betrachtung seinen geistlichen Kindern in der Regel nicht vor, sondern riet ihnen, dem Geist zu gehorchen, den Gott ihnen im Gebet eingibt. Wenn sie zum Beispiel sich angetrieben fühlten, über das heilige Leiden Unseres Herrn eine Betrachtung anzustellen, so sollten sie sich keinem anderen Geheimnis zuwenden. Ausdrücklich aber ermahnte Philipp die Anfänger im geistlichen Leben, die vier letzten Dinge zu betrachten, und er pflegte zu sagen: "Wer nicht bei Lebzeiten in die Hölle hinabsteigt, läuft große Gefahr nach dem Tod dahin zu kommen." Insbesondere empfahl er die Betrachtung über das Leiden Unseres Herrn, die er oft las, indem er stets ein Büchlein bei sich trug, das nur die Geschichte des heiligen Leidens enthielt, wie es von den vier Evangelisten aufgezeichnet ist. Auch hatte er immer ein Kruzifix aus Erz bei sich, das vom Kreuz losgemacht war, damit er seinen Anmutungen bei der Betrachtung desto leichter Luft machen könnte. 

 

Pater Tarugi lobte diejenigen, die die beständige Erinnerung an den Tod zum Gegenstand ihres Gebetes machten, um sich auf ihre letzte Reise gut vorzubereiten. Dieser passende Gegenstand bot ebenfalls dem Pater Juvenale häufig den Stoff zur Betrachtung. Er pflegte zu sagen es gebe keine Schule, aus der die Seele mehr Nutzen ziehen kann als aus der Betrachtung über den Tod. Oft wiederholte er die Worte: "Wenn du am besten leben willst, so lerne sterben!" und an Kardinal Antoniano schrieb er: "Mit ist nichts schöner, nichts erwünschter oder angenehmer, als häufig über den Tod nachzudenken." Pater Johannes Ancina war sein ganzes Leben hindurch mit dieser Betrachtung vertraut, und bereitete sich in seinen späteren Jahren mehr als je auf einen guten Tod vor. Es schien, als ob der Tod der einzige Gegenstand wäre, worüber er sich unterhalten könnte, und er teilte auch viele Almosen aus, um die notwendige Gemütsverfassung für einen glücklichen Übergang aus diesem Leben in die Ewigkeit zu erlangen.

 

Es ist von Nutzen, den Gegenstand der Betrachtung vorher zu überlesen, ehe man an die Betrachtung selbst geht. Der heilige Philipp lehrt uns dies ausdrücklich mit den Worten: "Ehe wir beten, sollen wir die Werke derjenigen Schriftsteller lesen, deren Namen mit einem S anfangen, z.B. St. Augustin, St. Gregor, St. Bernhard und andere Heilige. Seine Absicht dabei war, dass man sagen kann: "Ich habe nun einen Gedanken in meinem Herzen, der einst im Herzen eines Heiligen war." Besonders sollten wir gerne über das Vaterunser Betrachtungen anstellen. Im Leben des heiligen Philipp wird erzählt, dass er zu einer Frau gesagt hat, wenn sie das Vaterunser betet, so soll sie erwägen, dass sie Gott zu ihrem Vater im Himmel hat, und so fuhr er fort, ihr das ganze Vaterunser auszulegen, dass sie es Wort für Wort betrachten konnte. 

 

Die Gegenstände der Betrachtung, wie unser Heiliger sie übte und lehrte, sind also die vier letzten Dinge, das Leiden Christi, das Vaterunser und alles, was in den Schriften der Heiligen enthalten ist.

 

7. Rat in Betreff des Gebetes

 

Der Heilige gibt denen, die imstande sind, zu beten, also nicht durch Krankheit gehindert, in Betreff des Gebetes folgenden Rat:

 

Wenn ihr betet, so richtet eure Augen nicht zu sehr auf Bilder, noch betrachtet sie lange mit Aufmerksamkeit, denn dies gibt Anlass zu vielen Täuschungen, auf Anstiften des bösen Feindes.

 

Bittet Gott nicht unbedingt um eine Gnade, außer es ist eine solche, die das Heil eurer Seele betrifft. Um Gesundheit und ähnliche Gnaden sollte man stets bedingungsweise bitten, wenn es Gott gefällt und wenn es zum Besten der Seele ist. 

 

Wenn ihr für das Heil einer Seele betet, so nehmt ein Beispiel an unserem Heiligen, der in diesem Fall stets nicht bedingt, sondern unbedingt betete: "O Herr, ich wünsche diese Seele, ich wünsche sie sehnlichst, o Herr!" 

 

Wenn ihr anfangt, Gott um eine Gnade zu bitten, so dürft ihr mit dem Gebet nicht aufhören, bloß weil Gott zögert, es zu erhören, sondern ihr müsst gerade durch das Mittel des Gebetes euren Zweck zu erreichen suchen. Wenn z. B. der Kranke, für den ihr Betet, sich zu bessern anfängt, so dürft ihr nicht vom Gebet ablassen, denn gleichwie seine Besserung durch das Gebet begann, so muss sie vermittelst des Gebetes vollendet werden.

 

Wenn eine dem geistlichen Leben ergebene Person, während sie Gott um eine Gnade bittet, eine große innere Ruhe empfindet, so ist das ein gutes Zeichen, dass der Herr sie entweder gewährt hat, oder in Kurzem gewähren wird.

 

Die nächste Vorschrift ist nicht für alle, sondern nur für diejenigen bestimmt, die sich lange im Dienst Gottes geübt haben, und lautet folgendermaßen: Wenn ihr betet, so stellt euch vor, als ob ihr große Misshandlungen und Beleidigungen empfangen habt, z.B. Schläge, Wunden und dergleichen, und versucht, als treue Jünger Christi, euren Beleidigern wahrhaft und von Herzen zu verzeihen, denn auf diese Weise werdet ihr große Fortschritte im geistlichen Leben machen. Ihr dürft nicht vom Gebet ablassen, wenn Versuchungen in euch aufsteigen, sondern müsst alles mit Geduld ertragen, denn der Herr gewährt zuweilen in einem Augenblick, was er in vielen Jahren nicht gewährt hat. 

 

Wenn ihr an Zerstreuungen leidet und ohne allen Nutzen zu beten scheint, so fahrt dennoch fort, die ganze Zeit über zu beten, die ihr sonst dieser heiligen Übung zu widmen pflegt. Bemüht euch nur, eure Gedanken allmählich zu sammeln. Denn wenn ihr dies tut, so erwerbt ihr euch ein Verdienst, und dies heißt nicht die Zeit verlieren, sondern wirklich beten, besonders wenn ihr dabei Anlass nehmt, Akte der Demut zu verrichten, indem ihr vor Gott beteuert, dass ihr aus euch selbst nichts vermögt. 

 

Die Ansicht des Pater Augustin Manni ist in dieser Hinsicht bemerkenswert. Er sagt: Im Gebet dürfen wir nicht einem geistlichen Genuss nachjagen, sondern müssen einfach unsere Leidenschaften zu überwinden und zu unterjochen suchen, so dass wir stets geduldiger, demütiger, sanftmütiger vom Gebet zurückkehren. Wir müssen in diesem Stück dem Soldaten nachahmen, der in der Schlacht den Sieg sucht, und nicht Genuss. Da aber der heilige Philipp wünschte, dass man sich eher mit Freude und einer Sehnsucht, es zu wiederholen, vom Gebet erheben soll, als mit Erschöpfung und Überdruss, so gibt er uns den Rat, besonders wenn wir unsere Gebete nicht lange fortsetzen können, den Geist in Schussgebetlein zu Gott zu erheben, und wir können uns dazu einiger von den nachstehenden bedienen, die der heilige Philipp selbst gelehrt hat.

 

Schussgebetlein

 

O mein Jesus, ich kenne Dich nicht, weil ich Dich nicht suche!

 

O mein Jesus, was würde ich sein ohne Deinen Beistand?

 

Mein Jesus, was kann ich tun, Dir zu gefallen?

 

Mein Jesus, wie kann ich Deinen Willen erfüllen?

 

O mein Jesus, gib mir die Gnade, dir zu dienen, nicht aus Furcht, sondern aus Liebe!

 

O mein Jesus, wie innig möchte ich Dich lieben!

 

Mein Jesus, wenn Du mir nicht hilfst, so vermag ich nichts!

 

Mein Jesus, ich wünsche nichts zu tun, als Deinen heiligen Willen!

 

Ich habe Dich nie geliebt, aber ich verlange nach Deiner Liebe, o Jesus!

 

Ich suche Dich, o mein Jesus, aber ich finde Dich nicht!

 

Wenn ich Dich erkennen dürfte, o mein Jesus, dann würde ich mich auch selbst erkennen!

 

O mein Jesus, wenn Du mir nicht beistehst, so werde ich fallen!

 

O mein Jesus, wenn Du mich für Dich haben willst, so entferne alle Hindernisse! 

 

O mein Herr, ich möchte den Weg zum Himmel kennen lernen!

 

O mein Jesus, ich bin verloren, wenn Du mir nicht hilfst!

 

Mein Jesus, gib, dass ich Dich niemals beleidige!

 

Seligste Jungfrau, schenke mir die Gnade, immer deiner eingedenk zu sein!

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Vierte Lektion:

Von der Einführung des Familiengebetes in Privathäuser

 

Der heilige Philipp, nicht zufrieden damit, sich und die Seinigen im Gebet zu üben, führte auch das gemeinschaftliche Gebet in viele der ersten Familien Roms ein, so dass Väter und Mütter sich jeden Abend in ihr Oratorium zurückzogen, um mit ihren Familien zu beten. Deshalb sollen diejenigen, die dem Heiligen in Andacht ergeben sind, auch seinen frommen Eifer nachahmen, und nicht nur diese heilige und überaus fruchtbare Übung lieben, sondern sie auch in ihre Familie und in die Häuser anderer einzuführen suchen, so oft sie eine passende Gelegenheit dazu finden.

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Fünfte Lektion:

Von der Gegenwart Gottes

 

Könnte die Seele stets die Gegenwart Gottes in allen ihren Handlungen betrachten, so würde sie sich nicht nur von jeder Makel der Sünde unbefleckt bewahren, sondern auch große Fortschritte in der Tugend machen und schon hier auf Erden ein himmlisches Leben führen. David schrieb die Freude seines Herzens dieser Betrachtung der göttlichen Gegenwart zu, wenn er sagt: "Ich sehe den Herrn allezeit vor meinen Augen, denn Er ist mir zur Rechten, damit ich nicht wanke, darum freut sich mein Herz!"

 

Der heilige Laurentius Justiniani war der Ansicht, dass es kein wirksameres Mittel gebe, um die Reinheit des Gewissens zu erlangen, Fortschritte in der Tugend zu machen und die Lüste des Fleisches zu besiegen, die sich in die Seele als ihre Feinde einschleichen, als wenn wir in der Gegenwart Gottes leben. Der heilige Philipp hatte, wie wir wissen, seinen Geist beständig zu göttlichen Dingen erhoben, indem er stets in der Gegenwart Gottes lebte. Auf diese Übung drang er so sehr, dass er seine geistlichen Kinder unablässig ermahnte mit den Worten: "Vergesst niemals, Gott vor Augen zu haben!" In allen unseren Angelegenheiten müssen wir uns daran gewöhnen, in der Gegenwart Gottes zu leben und hierin dem Heiligen nachahmen, der, mochte er gehen oder stehen, seine Gedanken unablässig auf Gott richtete. Wenn wir sagen, dass er allzeit betete, so werden wir nicht weit von der Wahrheit entfernt sein, denn in der Bulle seiner Heiligsprechung heißt es: "Sein Leben war ein ununterbrochenes Gebet und eine beständige Vereinigung des Geistes mit Gott." Häufig hörte man ihn sagen: "Erhebt oft eure Seele zu Gott, denn es gibt keine größere Freude als diese." Diese Wahrheit haben seine Schüler wohl erkannt und geübt. Von Baronius hört man oft die Worte wiederholen: "O Ewigkeit! Ewigkeit!" da sie beständig vor den Augen seines Geistes schwebte. Man erzählt von Pater Flamiio Ricci, dass er sich einer innigen und beständigen Vereinigung mit Gott erfreute, so dass man dies sogar an seinem Gesicht sehen und aus seiner Unterhaltung leicht wahrnehmen konnte. Pater Anton Gallonio fand in der Übung des Gebetes eine solche Süßigkeit und Leichtigkeit, dass er sogar bei äußeren Beschäftigungen nie die Gegenwart Gottes aus den Augen verlor. Pater Johann Ancina lebte beständig in der Gegenwart Gottes, und erfreute sich fortwährend der Gabe einer innigen Vereinigung mit dem Geist Gottes. Er ermahnte auch alle anderen zu dieser heilsamen Übung der Gegenwart Gottes. Wenigstens sollte jeder seine Gedanken zu Gott erheben, so oft die Glocke schlägt, und dabei die Erinnerung an seine göttliche Gegenwart erneuern. Besonders wollte er, dass man bei jedem Schlag der Glocke, während man das Herz zu Gott erhebt, die Worte spricht: "Herr gib mir einen guten Geist!" Pater Augustin Manni benützte alle Geschöpfe, um seine Gedanken zu Gott zu erheben. Jeder Gegenstand der Außenwelt diente dem Mann Gottes zu einer Leiter, um daran zum Schöpfer emporzusteigen und er sagte: "Was nützt es, die ganze Schöpfung aufmerksam zu betrachten, wenn wir in ihr nicht den Baumeister finden, der sie gebildet hat?" Er hielt zwei Dinge für erforderlich, um Gott in den Geschöpfen zu finden, nämlich Glaube und Liebe. Mit diesen zwei Flügeln erschwang er sich vom Sichtbaren zum Unsichtbaren und rief aus: "O Herr, lass alle Dinge meinen Augen wie ein Spiegel deines Angesichts erscheinen, und mich an deine Gegenwart erinnern!"

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Sechste Lektion:

Vom mündlichen Gebet 

 

Da das mündliche Gebet, wenn es mit Unaufmerksamkeit verrichtet wird, nicht nur bei Gott nicht angenehm ist, sondern sogar von ihm für einen Spott angesehen wird, wie der heilige Thomas sagt, so gibt uns der heilige Philipp, um dieses große Übel zu vermeiden, und um die für das mündliche Gebet erforderliche Aufmerksamkeit zu erwecken, den Rat, uns nicht mit zu vielen geistlichen Übungen zu überladen, denn es gibt Leute, die nach und nach so viele Rosenkränze und Gebete auf sich nehmen, dass sie allmählig ermüden und sie nicht fortsetzen, oder wenn sie es tun, so verrichten sie diese Gebete ohne Andacht. Der Heilige ermahnt uns daher, nur wenig auf uns zu nehmen, aber dieses Wenige nie zu unterlassen. Im mündlichen Gebet vereinigte der Heilige sein eigenes Beispiel mit diesem Rat, denn er betete das Brevier und andere Gebete mit großer Aufmerksamkeit, z.B. das Credo, und am Beten des Vaterunser hatte er eine so große Freude, dass er nie aufzuhören wusste. Wie sündhaft ist also die Unehrerbietigkeit, die wir begehen, wenn wir mündliche Gebete ohne die nötige Aufmerksamkeit bloß mit der Zunge hersagen, ohne dass das Herz etwas davon weiß!

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Siebente Lektion:

Um was wir zu Gott beten sollen

 

Der Heilige sandte jeden Tag inbrünstige Gebete zum Heiligen Geist und bat um seine Gaben und Gnaden. Hierin sollen wir ihm nachahmen. Wir sollen ferner den Herrn bitten, uns Geduld zu schenken bei allen Leiden, die uns den Tag über begegnen mögen. Unser Heiliger ermuntert uns hierzu, sagt aber zugleich, dass, wenn Gott der Seele eine außerordentliche Gnade sendet, sie sich auf eine schwere Not oder Versuchung gefasst machen muss. Bei einer solchen geistlichen Gnade müssen wir sehr auf der Hut sein, denn es steckt Gefahr dahinter, und wenn unsere Seele eine solche Gnade empfindet, so müssen wir uns sogleich demütigen und den Herrn bitten, dass die drohende Gefahr keine Sünde, sondern irgend eine andere Trübsal sein möge, die uns nicht von seiner Gnade trennen kann, und in der wir ihn nicht einmal mit einer lässlichen Sünde beleidigen können. Insbesondere ermahnt der Heilige seine Schüler, sie sollten allzeit zu Gott bitten, dass sie sich niemals vom Geist des Geizes leiten lassen möchten.

 

Wir sollen auch zu Gott bitten, dass er uns nie hohe Würden wünschen lässt, damit wir dem Heiligen hierin gleichen. Als einige seiner Beichtkinder wegen seiner vertrauten Stellung zum Papst ihn ermunterten, sich um ein hohes kirchliches Amt zu bewerben, sagte er: "Meine Kinder, betet lieber zu Gott, dass er mir den Tod senden wolle, als den Gedanken an solche Würden."

 

Wir sollen für die Bekehrung der Sünder bitten, und dass diejenigen, die die Sakramente vernachlässigen, auf den rechten Weg zurückkehren möchten. Der Heilige ermahnt auch seine Schüler, zum Herrn zu beten, dass jede Tugend oder Gabe, die er ihnen mitteilt, ihnen selbst verborgen bleibt, damit sie so in der Demut bewahrt werden und nie einen Anlass zum Hochmut nehmen. Wir sollen schließlich eine andere Vorschrift des Heiligen genau erfüllen, nämlich beständig zum Herrn beten, dass Er uns in seiner Güte die Gabe der Beharrlichkeit auf den Wegen der Tugend verleiht. In dieser Absicht führte der Heilige bei jedem Abendgottesdienst im Oratorium fünf Vaterunser und fünf Ave Maria ein, auf dass der Herr uns die Kraft verleihe, in seinem heiligen Dienst zu bleiben. 

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Achte Lektion:

Wir sollen uns den Gebeten anderer empfehlen

 

Diese Vorschrift übte der heilige Philipp selbst, wie er sie seinen geistlichen Kindern lehrte, indem er sie ermahnte, sich den Gebeten aller zu empfehlen. Gleich dem heiligen Philipp sollen wir ein besonderes Vertrauen auf die Gebete der Ordensleute haben, und uns ihnen empfehlen, wie er es tat. Der Heilige empfahl sich nicht nur den Gebeten der Kapuziner, sondern wenn andere in Trübsal waren, so riet er ihnen, zu den Kapuzinern zu gehen, um für sich beten zu lassen. Wir können daraus ersehen, wie hoch der Heilige diesen seraphischen Orden schätzte, der noch jetzt den Wohlgeruch seiner Heiligkeit durch die christliche Welt verbreitet. Ausdrücklich sollen wir uns den Gebeten der Novizen in Ordenshäusern empfehlen.

 

Wenn sich andere unserem Gebet empfehlen, so wollen wir dem heiligen Philipp nachahmen, der in diesem Fall nicht nur selbst betete, sondern für die fraglichen Personen auch andere beten ließ. Daher empfehle auch ich, der ich diese Dinge schreibe, meine Seele jetzt und in der Stunde des Todes, und nachdem sie von meinem Leib geschieden sein wird, dem Gebet aller, die diesen Rat lesen; denn gleichwie der heilige Philipp für diejenigen, die sich seinem Gebet empfahlen, betete und andere beten ließ, so möchte auch ich mich gerne der Hoffnung hingeben, dass du, o lieber Leser, in diesem Stück dem Beispiel des Heiligen folgen und meiner in deinen Gebeten gedenken wollest. 

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Neunte Lektion:

Von der Lesung geistlicher Bücher

 

Wir werden zum Lesen geistlicher Bücher ermuntert durch das Beispiel des heiligen Philipp und durch seine ausdrücklichen Vorschriften. Er übte es selbst während seines ganzen Lebens und hatte immer einen Rosenkranz und ein Erbauungsbuch in seinen gesegneten Händen. Den Nutzen, den wir aus dieser Lektüre ziehen können, drückt der Heilige mit folgenden Worten aus: "Nichts ist mehr darauf berechnet, das geistliche Leben zu erwecken und zu fördern, als das Lesen erbaulicher Bücher, besonders des Lebens der Heiligen." Deshalb schärfte er diese Übung seinen geistlichen Kindern besonders ein, und sagte noch am Tag seines Todes zu einem seiner Beichtkinder: "Vergiss nicht, geistliche Bücher zu lesen, besonders das Leben der Heiligen."

 

Heiligen-Legende

 

Es liegt eine solche Kraft in dem Leben der Heiligen, dass der heilige Philipp einem vom Glauben Abgefallenen keine andere Lektüre gab, als das Leben des gottseligen Colombino, indem er sagte: "Menschen von dieser Art werden bald durch einfache Dinge und durch die Beispiele der Heiligen bekehrt, als durch viele gelehrte Disputationen." Was die Bücher betrifft, die wir lesen sollen, so haben wir eine allgemeine Vorschrift von dem Heiligen, der sagte, dass wir sowohl zum Gebet als zum Studium die Werke derjenigen Schriftsteller lesen sollen, deren Namen mit einem S beginnen, z.B. St. Augustin, St. Gregor, St. Bernhard etc. etc. Wollen wir erfahren, was für Bücher dem heiligen Philipp am liebsten waren? Von seiner frühen Jugend an war sein Hauptstudium die heilige Schrift, in der er durch häufiges Lesen und Meditieren sehr bewandert war. Eine besondere Vorliebe hatte er für die Briefe des heiligen Paulus. Die heilige Schrift war das Lieblingsbuch des Pater Julius Gavioli, woraus er den Stoff zu seinen Betrachtungen und das Thema seiner geistlichen Reden schöpfte, und wer in sein Zimmer trat, fand da kaum ein anderes Buch, als die heilige Schrift, sein Brevier und die Heiligen-Legende.

 

Heiligen-Legende

 

Der Heilige trug gewöhnlich ein Büchlein bei sich, das bloß die letzten Kapitel der vier Evangelien enthielt, die von dem Leiden Unseres Herrn handeln, um es bei Gelegenheit lesen und betrachten zu können. Er war besonders vertraut mit dem Leben der heiligen Väter, und mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen, besonders der heiligen Katharina von Siena und des gottseligen Colombino, in dessen Geist er tief eingedrungen war. Ebenso liebte er Gerson, den Köcher der göttlichen Liebe, und Ludwig von Granada.

 

Heiligen-Legende

 

Wir sollten ein besonderes Vergnügen daran haben, das Leben des heiligen Philipp zu lesen, das so kräftig ist, dass schon Wunder durch seine Lektüre bewirkt worden sind. Der hochwürdige Bischof von Tulle, der die Gewohnheit hatte, jeden Tag morgens und abends einen Teil davon zu lesen, erklärt, dass er aus dieser frommen Übung reichlichen Trost schöpfte.

 

Der Heilige, empfiehlt uns in Betreff der Lektüre geistlicher Bücher, sie nicht hastig zu durchgehen, sondern nur wenig auf einmal zu lesen, und zwar mit Überlegung. Wenn wir uns durch eine Stelle besonders ergriffen fühlen, so sollen wir nicht weiter gehen, sondern inne halten und dem Zug folgen. Wenn wir die Anmutung nicht mehr fühlen, dann können wir ein wenig weiter lesen, je nachdem der Geist uns leitet, denn so werden wir im geistlichen Leben voranschreiten. Der Heilige übte diese Methode selbst, denn wie wir oben bemerkten, studierte er die Briefe des heiligen Paulus genau und gründlich.

 

Der heilige Philipp sagt uns, dass diese Lektüre mit Klugheit geübt werden müsse, denn manche Personen können, wenn sie das Leben der Heiligen zu lesen, oder zu beten anfangen, nicht mehr aufhören, schaden dadurch ihrer Gesundheit, und sind weder für sich selbst, noch für andere etwas nütze. Auf der Reise, und besonders wenn wir heilige Orte besuchen, ist es gut, dem heiligen Philipp nachzuahmen, der, wenn er zu den sieben Kirchen ging, immer irgend ein geistliches Buch mit sich nahm. Wir sollen uns bemühen, diese erbaulichen Bücher mit Andacht zu lesen; wenn der heilige Philipp sie las, so waren seine Tränen oft reichlicher, als die Worte, die er aussprach. Wir dürfen andere Geschäfte nicht leicht zum Vorwand nehmen, diese Übung zu unterlassen, denn wenn der Heilige seinen Studien oblag, vergaß er nie, geistliche Bücher zu lesen und Werke der Barmherzigkeit zu verrichten. Darin ahmten ihn seine Schüler getreulich nach. So wird von dem Pater Juvenale erzählt, dass er ungeachtet seiner Beschäftigung mit den Studien die geistliche Lesung niemals unterließ, das Wort Gottes fleißig anhörte, die Spitäler besuchte und in die Kirche ging, um zu beten. Wenn wir wegen hohem Alter oder wegen anderen Gebrechlichkeiten nicht selbst lesen können, so sollen wir dem heiligen Philipp nachahmen, der in seinen späteren Jahren sich jeden Tag einige Stunden das Leben der Heiligen vorlesen ließ. Selbst ein paar Stunden vor seinem Ende hatte er sich das Leben des heiligen Bernhardin von Siena vorlesen lassen, und als der Leser an den Bericht von dem Tod des heiligen Bernhardin kam, ließ er sich die Stelle noch einmal vorlesen. Der Rat, den Pater Consolini einem seiner Novizen über diesen Gegenstand gibt, ist beachtenswert. Er sagte ihm, wenn er sich durch die Lektüre eines geistlichen Buches besonders befriedigt fühle, so sei es gut, das Buch einige Zeit zur Seite zu legen, bis dieses Gefühl sich gelegt habe. Alsdann könne er das Buch wieder vornehmen. Der fromme Pater hielt dieses Verfahren für sehr verdienstlich. Er riet auch demselben Novizen, wenn er eine geistliche Lesung unternehme, so solle er das Buch nicht ganz durchlesen, damit er jene innere Abtötung des Verstandes Gott zum Opfer darbringen könnte, was für ihn ersprießlicher sein würde, als jede Lehre, die er aus der Lektüre des übrigen Buches ziehen könnte.

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Zehnte Lektion:

Von der Demut

 

Es gab keine Tugend, die der heilige Philipp seinen Schülern so sehr empfahl, als die Demut, die er die Hüterin und Wächterin aller Tugenden nannte. Wie der heilige Johannes beständig das Gebot einschärfte: "Liebt einander," so pflegte der heilige Philipp immer zu sagen: "Seid demütig!" und er wünschte, dass seine Schüler diese Tugend sorgfältiger üben sollten, als jede andere. Seine Schüler befolgten auch treu die Vorschrift ihres Meisters. Daher der Ausspruch des Pater Consolini, der sagte: "Wir müssen demütig sein, wenn wir die Kinder jenes Heiligen sein wollen, der die Demut so sehr liebte." Deshalb fand man auch den frommen Laienbruder Thaddäus Landi weinend vor der Kapelle des Heiligen, und als ein anderer Bruder ihn fragte, warum er weine, sagte er unter Schluchzen: "Ich denke eben darüber nach, was für eine Freude Gott an der Demut des Heiligen haben konnte, und wie weit ich entfernt bin, diese Tugend zu besitzen.

 

Wir wollen nun die Vorschriften anführen, die der Heilige über diesen Punkt gab.

 

Um die kostbare Gabe der Demut zu erlangen, ist erforderlich, aufrichtige und häufige Beicht und Erleuchtung, um Gott und uns selbst kennen zu lernen. Wir können uns dabei dieses Schussgebetleins bedienen, das der Heilige häufig anwandte: "O Licht des Lichtes, erleuchte mein Herz!" Wir müssen die Welt verachten, wir dürfen keinen anderen verachten, sondern vielmehr den Heiligen nachahmen, der sich selbst demütigte und erniedrigte und andere erhob, in seinem Betragen gegen alle äußerst herablassend war, und jedermann Ehre erwies. Wir müssen uns selbst verachten, und es verachten, verachtet zu werden. Der Heilige sagte, er wünschte diese Höhe zu erreichen, und Pater Angelo Velli erklärt, er habe sie noch übertroffen. Wir müssen unsere Empfindlichkeit niederhalten und abtöten. Dies ist das Heilmittel, das der heilige Philipp gegen den Stolz vorschreibt. Wir müssen die geringste Meinung von uns selbst haben, und darin dem Heiligen nachahmen, der sich für den ärgsten Sünder in der Welt hielt und erklärte, dass er keine Gnade von Gott verdiene. Deshalb wich er auch der Weihe zum Priester aus, und auch, nachdem er geweiht war, sagte er, er verdiene es nicht, ein Priester zu sein. Er beklagte sich oft, dass die Leute ihn für besser hielten, als er sei, was ihm den bittersten Schmerz verursachte. Wir müssen uns indessen hüten, nicht dergleichen Dinge zu sagen, wenn unsere Herzen sie nicht wirklich empfinden. Zur größeren Sicherheit ist es gut, den Pater Consolini nachzuahmen, dessen Demut nicht darin bestand, dass er sagte, er sei der größte Sünder von der Welt, und verdiene tausendmal die Hölle; solchen Redensarten war er vielmehr im höchsten Grad abgeneigt, weshalb er zu einer Person, die ähnliche übertriebene Ausdrücke gebrauchte, mit ernster Miene sagte: "Sprich nicht so, denn Gott weiß wohl, ob du ein Sünder bist oder nicht."

 

Wir sollen nie glauben, etwas Gutes getan zu haben, denn der heilige Philipp, obwohl mit so vielen Verdiensten beladen, empfand dies so tief, dass er unter vielen Tränen zu sagen pflegte: "Ich habe nie das mindeste Gute getan." In Gesundheit oder Krankheit war es bis auf die letzten Tage seines Lebens sein beständiges Gefühl, dass er in Vergleich mit den Heiligen und besonders mit den Märtyrern nie etwas Gutes getan habe. Er sagte: "Ich hätte nie daran gedacht, die Kongregation zu stiften, wenn nicht Gott in seiner Güte mich als ein schwaches Werkzeug gebraucht hätte, damit seine Herrlichkeit um so mehr hervorleuchte." Und ein anderes Mal erklärte er, die seligste Jungfrau sei die Stifterin, weshalb er auch niemals der Stifter genannt werden wollte.

 

Wir sollen jedes Lob, das man etwa unserem frommen Leben spenden mag, zurückweisen. Als ein Beichtkind des Heiligen einst einen Traum hatte, der seine Meinung über die Heiligkeit seines Beichtvaters bestärkte, wollte der Heilige, der ein Todfeind seines eigenen Lobes war, ihn diesen nicht auserzählen lassen, sondern sagte mit ernstem Blick: "Gehe mir aus den Augen. Du musst ein rechtschaffener Mensch und guter Christ sein, dessen einzige Sehnsucht ist, in den Himmel zu kommen, und darfst nicht an Träume glauben." Diesen Grundsatz, das Lob zurückzuweisen, haben auch seine Schüler treu befolgt. Baronius hasste sein eigenes Lob so sehr, dass Philipp, um ihn empfindlich abzutöten, ihn ins Angesicht lobte. Pater Flaminio Ricci hatte es gerne, wenn man ihn demütigte, und führte beständig die Worte im Mund: "Liebe es, unbekannt zu bleiben und für nichts gehalten zu werden!" Wenn man Pater Julius Savioli irgendeine Ehrenbezeigung erwies, so beleidigte es ihn tief, und in solchen Fällen malte sich die Unruhe sogar in seinem Gesicht, auch änderte er stets die Unterhaltung, wenn sie sich um sein Lob drehte. So erfreuten diese würdigen Schüler ihren heiligen Lehrmeister, der es ebenfalls nicht leiden konnte, wenn er die Seinigen loben hörte. Als z.B. Franz Tarugi einst eine Predigt gehalten hatte, die ihm großen Beifall einbrachte, so stand der heilige Philipp, der anwesend war, auf, und rief mit lauter Stimme: "Niemand in der Kongregation hat jemals etwas Preiswürdiges für Gott getan." Wenn man uns lobt, können wir die Antwort geben, die der Heilige manchmal gab, wenn man ihm von der hohen Meinung erzählte, die man von seiner Heiligkeit habe. "Ich Armer! Ich Armer!" rief er dann aus, "möge Gott mir die Gnade verleihen, das zu werden, wofür diese Leute mich halten!"

 

Niemand soll jemals ein Wort zu seinem eigenen Lob sprechen, weder im Scherz, noch im Ernst. Wenn die geistlichen Kinder des heiligen Philipp etwas sagten, was zu ihrem eigenen Lob abzielte, tadelte er sie augenblicklich mit den Worten: "Secretum meum mihi! secretum meum mihi!" (Mein Geheimnis gehört mir! Mein Geheimnis gehört mir!) Auf diese Art gab er ihnen zu verstehen, dass wir nicht alle Einsprechungen, die Gott uns etwa senden mag, oder die Gnaden, die er uns verleiht, bekannt machen oder offenbaren dürfen. "Wenn ihr," fährt der Heilige fort, "irgendetwas Gutes getan habt und es wird einem anderen zugeschrieben, so solltet ihr euch darüber freuen und es als eine große Wohltat von Gott annehmen, oder wenigstens solltet ihr euch nicht betrüben, dass ein anderer euern Ruhm vor den Menschen wegnimmt, da ihr ihn von Gott in weit größerem Maße wieder empfangen werdet." Baronius, der getreue Schüler des Heiligen, verstand und übte dies so wohl, dass es sein beständiger Gebrauch gewesen sein soll, jedes gute Werk, das er selbst getan haben mochte, andern zuzuschreiben.

 

Der Heilige ermahnt seine Schüler oft, in beständiger Furcht zu leben und niemals auf sich selbst zu vertrauen, weil der Teufel uns unvermerkt angreift, und wer nicht fürchtet, wird überwunden, da er die Hilfe des Herrn nicht hat. Der Heilige selbst lehrt uns dies mit den Worten: "Auf mich selbst setze ich keine Hoffnung, sondern ich vertraue auf Gott." Um zu dieser heiligen Furcht zu ermuntern, erzählte Pater Consolini zuweilen einen Umstand, der ihm in seinem Verkehr mit dem Heiligen begegnet war. Eines Tages, als er wie gewöhnlich in das Zimmer Philipps ging, fand er ihn bitterlich weinend auf seinem niederen Lager, und als er ihn um die Ursache seines Weinens fragte, versetzte der Heilige: "Ich weiß, dass in dieser Stunde eine hohe Zeder auf dem Libanon gefallen ist;" dabei fuhr er fort zu weinen, und sagte ihm, in einem fernen Land sei eben eine erhabene Seele elend gefallen. Pater Flaminio Ricci demütigte sich, wenn er von anderen hörte, die gefallen waren, und sagte: "Wenn die Türme, die so fest schienen, weichen und fallen, was wird aus uns werden, die wir alte und baufällige Häuser sind?" Wenn wir hören, dass jemand einen Fehler begangen hat, so sollen wir mit dem Heiligen sprechen: "Gott gebe, dass ich nicht noch schlimmeres tue!" Es wird auch von Vorteil sein, wenn wir den Heiligen in der Beteuerung nachahmen, die er jeden Tag vor Gott mit dem Allerheiligsten in seinen Händen machte, indem er sagte: "O Herr, siehe heute gnädig auf mich herab, sonst werde ich dich verraten und alles mögliche Böse tun." Wir müssen uns gewöhnen, zu sagen, was der heilige Lehrmeister oft selbst wiederholte: "O Herr, die Wunde in deiner heiligen Seite ist groß, aber wenn du mir nicht beistehst, so werde ich sie noch größer machen." Wir müssen ferner unsere eigenen Talente und Fähigkeiten eifrig verbergen, damit die Leute sie für geringer halten, als sie wirklich sind. Wir haben über diesen Punkt den ausdrücklichen Rat des Heiligen, denn er ermahnte seine geistlichen Kinder, dass sie, wenn Gott ihnen irgend eine Gabe oder Tugend verleihe, ihn bitten sollten, dieselbe verborgen zu halten, damit sie in der Demut bewahrt werden und keinen Anlass zum Stolz nehmen möchten. Seine frommen Jünger ahmten ihren heiligen Meister in diesem Stück getreulich nach. Eine wahre und heilige Demut krönte alle Tugenden des Pater Angelo Velli, so dass Pater Consolini dieser Tugend an ihm den ersten Platz einräumt, indem er sagte, er habe von Gott jene kostbare Gabe erlangt, die die Welt nicht kennt, nämlich die Kunst, sowohl seine Tugenden, als auch die übrigen Gaben, die er von Gott empfing, vor den Augen der Menschen zu verbergen. Auch Pater Julius Savioli, ein gelehrter und auf der Universität Padua hochangesehener Mann, verbarg seine Kenntnisse und es freute ihn, wenn man ihn für unwissend hielt. Pater Johann Ancina ferner, der von Herzen demütig und ein echter Schüler des heiligen Philipp war, hatte es gerne, wenn man ihn für einen gewöhnlichen, unwissenden und einfältigen Menschen hielt. Der heilige Philipp selbst suchte seine große geistliche Vollkommenheit stets durch Gebärden, Worte oder irgend eine scherzhafte Bemerkung zu verbergen. Als er einmal in der Kirche war, geriet er, ohne es zu bemerken, in die süßeste Verzückung. Einige Beichtkinder näherten sich ihm. Als er aber wieder zu sich kam, fing er an, nach dem Pater Antonio zu rufen, um diese Leute wegzuschicken, weil er es durchaus nicht liebte, unter solchen Umständen bemerkt zu werden, damit sie keine zu hohe Meinung von ihm bekommen möchten. Um die Glut jenes göttlichen Feuers geheim zu halten, das er beständig fühlte und das den Augen der anderen sichtbar war, pflegte er zu sagen, es seien leibliche Schwächen. Auch noch andere Beispiele von seiner Sorgfalt, die Sonderbarkeit zu vermeiden und die gute Meinung zu zerstören, die andere von ihm haben mochten, gab er Heilige. Wenn man ihn z.B. aufforderte, sich an einen Erholungsort zu begeben, so erwiderte er, damit man seine Weigerung nicht der Liebe zur Abtötung zuschreibe: "Ein anderes Mal, ein anderes Mal; dann wird es Zeit genug dazu sein." Der Heilige trug Sorge, dass auch die Seinigen das Gute verbergen sollten, das sie verrichteten. Als man einst dem Pater Nikolaus Gigli die heilige Wegzehrung reichte, empfing er diese Engelspeise unter so vielen Tränen und mit so inniger Andacht, dass der heilige Philipp, der anwesend war, dem guten Schüler ein Zeichen machte, sich vor den Umstehenden solcher Dinge zu enthalten. Die übrigen Schüler nahmen sich ebenfalls sehr in Acht, ihre tugendhaften Handlungen verborgen zu halten. So wird von Pater Juvenale erzählt, dass sein Bett auf das bequemste hergerichtet schien; wenn aber die Nacht kam, so habe er das Bett und die Matratzen entfernt, und auf einem kleinen Strohpolster eine kurze Ruhe genossen. 

 

Im Umgang mit unseren Untergebenen dürfen wir die Worte des heiligen Philipp nicht vergessen, dass es, um vollkommener zu sein, nicht hinreiche, den Obern Gehorsam und Ehre zu erweisen, sondern wir müssen auch Unseresgleichen und unsere Untergebenen ehren und achten. Diese Vorschrift wurde von den Schülern des Heiligen genau beobachtet. Tarugi, obwohl zur hohen Würde eines Kardinals erhoben, demütigte sich mehr als vorher, und schrieb an seinen Kollegen den Kardinal Baronius folgendes: "Wir wollen niemals vergessen, dass, wenn wir auch als Kardinäle der heiligen Kirche die höchsten Ehren bekleiden, wir doch nur wie hölzerne Spindeln sind und keine größere Wichtigkeit haben als eine Spindel. Wenn diese gleich mit einem weißen, schwarzen oder roten Faden umwunden ist, so bleibt sie doch nur eine Spindel. Ebenso werden wir, obschon wir jetzt mit Purpur bedeckt und in Rot gekleidet sind, dennoch dieselben sein, wie zuvor." Baronius stimmte mit diesen Ansichten Tarugis überein. Nachdem er Kardinal geworden war, erweiterte er mehr als jemals sein mildtätiges Herz, hauptsächlich gegen arme Fremdlinge, die er gastfreundlich aufnahm, denen er die Füße wusch, und die er zu seiner Tafel zog. Wenn wir mit den Großen dieser Welt auf vertrautem Fuß stehen, müssen wir uns hüten, darüber stolz zu werden. Wir müssen uns vielmehr nach dem Beispiel des heiligen Philipp verdemütigen, von dem Franz Neri, der Jesuit, sagt: "Obschon er häufig von Kardinälen Besuch erhielt, bildete er sich doch nie etwas darauf ein, auch verließ ihn seine gewöhnliche Demut und Leutseligkeit nicht, die er allen zu zeigen gewohnt war." Wenn jemand einen Tadel erfährt, so soll er sich darüber nicht so sehr betrüben; "denn", sagt der Heilige, "der Fehler, den wir begehen, wenn wir über den Tadel unwillig werden, ist oft größer als die Sünde, wegen der wir den Tadel erhielten." In der Regel hat auch eine übergroße Niedergeschlagenheit ihre Quelle in nichts anderem als im Hochmut. Deshalb wollte der Heilige, dass man nach einem Fall in die Sünde die Wahrheit anerkennen sollte mit den Worten: "Wäre ich demütig gewesen, so würde ich nicht gefallen sein." Selbst wenn der Tadel unverdient ist, sollte man sich nicht entschuldigen. Der Heilige pflegte diejenigen, die sich entschuldigten, "Mutter Eva" zu nennen. Wenn wir das Haus verlassen, so kann es auch von Nutzen sein, sich an die Worte des Pater Flaminio Ricci zu erinnern: "Gehe demütig hinaus und kehre demütiger zurück."

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Elfte Lektion:

Vom Gehorsam

 

Wer in kurzer Zeit vollkommen werden will, muss auf dem Weg gehen, den der Heilige gelehrt hat, indem er sagt: "Gehorsam ist ein kurzer Weg zur Vollkommenheit." Gehorsam ist das wahre Brandopfer, denn wir opfern uns Gott auf dem Altar unserer Herzen. Wer wahrhaft auf dem Weg Gottes voranschreiten will, muss sich in die Hände seiner Obern ergeben. Die wahre Vollkommenheit besteht darin, dass wir unseren eigenen Willen gefangen nehmen, um den Willen eines Obern zu tun. Wir müssen uns bemühen, gehorsam zu sein, selbst in kleinen Dingen, die von keiner Bedeutung scheinen, denn wenn wir dies tun, wird der Gehorsam in größeren Dingen leicht werden. Der Heilige sagt ferner, dass es nicht genug ist, einen Menschen gehorsam zu machen, - dass er tut, was der Gehorsam gebietet, sondern wir müssen ohne Widerrede gehorchen, wie er dem Pater Pompejo Pateri ausdrücklich bemerkte, der sich entschuldigte, er könne nicht nach Mailand gehen. Darauf sagte der Heilige zu ihm: "Hüte dich, die Befehle deiner Obern zu bekritteln, gehe, vertraue auf Gott und denke nicht lange darüber nach!" Pater Consolini hob vor allem die Verdienste des wahren Gehorsams hervor und sagte oft, dass das Verdienst des Gehorsams darin bestehe, stillschweigend zu gehorchen. Pater Angelo Velli war ebenfalls in dieser Tugend so weit vorangeschritten, dass er, als ihm der Heilige befahl, seine Kleider auszuziehen und so durch die Straßen Roms zu gehen, sogleich ohne Widerrede gehorchen wollte. Philipp aber begnügte sich mit seiner Bereitwilligkeit, da das Verdienst dieses heiligen Gehorsams hinreichend war. Dieser gute Schüler hatte Grund, so blindlings zu gehorchen, denn er hatte aus dem Mund des heiligen Lehrmeisters vernommen, dass, wenn man gegen einen Befehl Einwendungen macht, die guten Eigenschaften, die man etwa besitzt, nicht hoch anzuschlagen sind, denn die Dinge, die wir aus unserm eigenen Willen tun, sind nicht so verdienstlich, als was aus Gehorsam getan wird. Eine Person, die unter dem Gehorsam ein gewöhnliches Leben führt, ist weit mehr zu schätzen, als wer aus eigenem Willen große Bußwerke verrichtet. Der Heilige setzt hinzu: "Diejenigen, die nicht unter dem Gelübde des Gehorsams leben, sollen sich willig einem erfahrenen und klugen Beichtvater unterwerfen, dem sie an Gottes Statt gehorchen müssen, indem sie ihm frei und offen ihren ganzen inneren Zustand enthüllen. Ohne den Rat dieses Beichtvaters sollen sie keinen Entschluss fassen. Wer so handelt, darf überzeugt sein, dass er Gott von seinen Handlungen keine Rechenschaft zu geben haben wird." Damit man sich vor dem Ungehorsam hütet, vergesse man nicht die Worte des Heiligen, der sagt: "Nichts kann gefährlicher sein, als wenn wir uns von unserer eigenen Meinung leiten lassen."

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Zwölfte Lektion:

Von der äußeren Abtötung

 

Körperliche Abtötung hat jedermann sehr vonnöten, wer in der Vollkommenheit Fortschritte machen will. Deshalb sagt der heilige Philipp: Die äußere Abtötung ist sehr behilflich, um die innere Abtötung und andere Tugenden zu erlangen, und ohne die Abtötung vermögen wir nichts. Wer daher ein treuer Nachfolger unseres Heiligen sein will, darf seinen Leib nicht zärtlich pflegen. Der heilige Philipp kasteite seinen Leib, indem er sich fast jeden Tag geißelte. Diesen Gebrauch befolgten auch seine treuen Schüler. Pater Flaminio Ricci trug ein härenes Hemd. Pater Julius Savioli geißelte seinen Leib nicht nur im Oratorium, wie es üblich ist, sondern sehr oft auf seinem eigenen Zimmer.

 

Wir dürfen es uns nie leicht gestatten, leckere Speisen zu genießen, entweder aus Rücksicht auf unser Alter oder aus einer anderen Ursache, sondern wir müssen uns durch das Beispiel des Heiligen leiten lassen, der ungeachtet seines gebrechlichen Alters seine Kasteiungen vermehrte und seinen geschwächten Leib noch mehr peinigte, so dass er in den letzten Jahren seines Lebens nur noch Haut und Knochen zu sein schien. Wenn aber jemand zu ihm sagte, er soll doch auf seine Gebrechlichkeit Rücksicht nehmen, so erwiderte der heilige Greis: "Das Paradies ist nicht für Feiglinge geschaffen." Wir müssen unsere Bußübungen nach dem Beispiel des Heiligen zu verbergen suchen, der das Gespräch sogleich änderte, sobald man von seinen strengen Abtötungen zu reden anfing. Wir müssen uns ferner hüten, Geißelungen oder ähnliche Dinge vorzunehmen, ohne die Erlaubnis unseres Beichtvaters, denn wer dies nach seinem eigenen Urteil tut, wird erfahren, dass er entweder seiner Gesundheit schadet oder stolz wird, in der Meinung, er habe etwas Großes getan. Der Heilige pflegte den Seinigen zu sagen, dass er Abstinenzen, Fasten oder sonst etwas, was aus Eigenwillen verrichtet wird, nicht hoch anschlägt. Sie sollten vielmehr darauf sehen, ihre Vernunft selbst in kleinen Dingen abzutöten, wenn sie auf dem Pfad der Tugend Fortschritte zu machen hofften. Deshalb zog Pater Johann Ancina, der diese Lehre wohl zu Herzen nahm, die innere Abtötung vor, und sagte, dass die Übung der äußeren Abtötung oft unfruchtbar wird, weil sie nicht von der inneren begleitet ist. Diese leiblichen Bußübungen müssen mit Klugheit angewendet werden, denn der böse Feind treibt zuweilen Personen, die dem geistlichen Leben ergeben sind, hinterlistig zur Buße und zu leiblichen Strengheiten an, in der Absicht, dass sie sich, wenn sie diese unvorsichtig anwenden, dadurch schwächen, oder dass sie, Werke von größeren Nutzen nicht mehr verrichten können, oder dass sie, durch die Krankheiten erschreckt, in die sie fallen, ihre gewöhnten Übungen ganz aufgeben und dem Dienst Gottes den Rücken kehren. Allein obschon diese leiblichen Abtötungen empfohlen und eingeschärft werden, so sagte doch der Heilige, um den weit größeren Nutzen der inneren Abtötung zu zeigen, dass wir uns nicht so sehr an die Mittel halten sollten, dass wir darüber den Zweck vergessen, nämlich die Liebe zu Gott und dem Nächsten und die Abtötung des Verstandes, und dass die Abtötung einer auch noch so kleinen Leidenschaft weit größeren Wert hat, als viele Fasten und Geißelungen. Er schätzte diejenigen höher, die die Abtötung des Leibes mit Maß übten und dabei allen Fleiß anwandten, ihren Willen und ihren Verstand, selbst in kleinen Dingen, abzutöten, als die, die sich ganz körperlichen Strengheiten hingaben. 

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Dreizehnte Lektion:

Von der inneren Abtötung

 

Es gibt manche, die, getäuscht durch ihre vielfältigen körperlichen Bußwerke oder Andachtsübungen, in dem Wahn leben, als ob sie große Fortschritte im geistlichen Leben gemacht hätten, während es in der Tat nicht so ist. Deshalb prüfte der heilige Philipp, dieser große Geisteslehrer, um zu erfahren, ob der Geist gut ist oder nicht, ihn durch innere Abtötungen. Wenn er jemand begegnete, der im Ruf der Heiligkeit stand, so pflegte er ihn durch Abtötungen zu prüfen, und wenn er ihn abgetötet fand, schätzte er ihn hoch, im anderen Fall zweifelte er an seiner Heiligkeit. Unter anderen Grundsätzen hatte er die: "Wo keine große Abtötung ist, da kann es auch keine große Heiligkeit geben." "Wer den Verlust der Ehre nicht ertragen kann, kann in geistlichen Dingen keinen Fortschritt machen." "Die Vollkommenheit eines Christen besteht darin, dass er sich aus Liebe zu Christus abzutöten weiß." Er bestand daher ernstlich darauf, dass wir alle unsere Kräfte anstrengen sollten, um den Verstand abzutöten. Der Heilige pflegte zu sagen: "Die Heiligkeit eines Menschen liegt innerhalb der Breite von drei Fingern." Während er dies sagte, berührte er seine Stirn, und setzte dann erklärend hinzu: "das Allerwichtigste ist, den Verstand (razionale) abzutöten," ein Wort, das bei ihm häufig vorkam. Dieses razionale ist in kleinen Dingen abzutöten, wenn wir es in größeren überwinden und auf dem Weg der Tugend voranschreiten wollen. Der Heilige wiederholte oft die Worte: "Meine Söhne tötet euch in kleinen Dingen ab, damit ihr euch danach um so leichter in größeren abtöten könnt." Unter der Abtötung des razionale versteht der heilige Philipp, dass man gegen sich selbst kämpfen, seine Neigungen überwinden, seine Leidenschaften unterjochen muss, und nie seinen eigenen Willen tun darf, außer wenn es der Gehorsam fordert. Baronius pflegte in Beziehung auf diesen Gegenstand zu sagen: "Nichts gefällt Gott so sehr, als wenn wir unserem eigenen Willen entsagen." Bei anderen Gelegenheiten erklärte der Heilige den fraglichen Punkt mit den Worten: "Man soll nicht zu sehr räsonieren; man darf nicht den Klugen spielen wollen, nach dem Rat des Heiligen Geistes: "Mein Sohn verlass dich nicht auf deine Klugheit!"

 

Der heilige Philipp schätzte diese Tugend der Abtötung so sehr, dass er den Ausspruch des heiligen Bernhard immer im Mund führte: "Die Welt verachten, niemand verachten, sich selbst verachten, verachten, verachtet zu werden," und er pflegte zu sagen, dies seien die Stufen der Vollkommenheit; aber in Betracht der Schwierigkeit diesen Punkt zu erreichen, besonders die letzte Stufe, verachten verachtet zu werden, setzte er hinzu: "Allein dies sind Gaben von Oben", oder er sagte: "Ich habe dies noch nicht erreicht, ich wünschte, ich könnte es erreichen," oder er gebrauchte ähnliche Ausdrücke.

 

Wenn jemand mit guten Talenten begabt ist, und nicht nur nicht gepriesen, sondern sogar wegen der Eitelkeit erinnert wird, die er vielleicht darüber empfindet, so soll er keine Antwort geben, sondern sich innerlich abtöten nach dem Beispiel der heiligen Alphons, der ein sehr frommer Mann und berühmter Prediger war. Zu ihm sagte einst Philipp mit ernstem Gesicht: "Bist du vielleicht jener berühmte Prediger, der einigen Beifall in der Welt erlangt hat und sich nun für größer hält, als er wirklich ist, und sich auf den ersten Kanzeln der Christenheit brüstet? Meinst du, es gebe in Italien nicht gelehrtere und frömmere Prediger als du?" Darauf erwiderte Pater Alphons voll Demut: "O Philippus, du sagst mir gerade die Wahrheit." Alsdann umarmte ihn der Heilige mit heiterem Angesicht, voll Freude, küsste ihn und sagte: "Fahre fort, mein Vater, das Evangelium Christi zu predigen und bete für mich." Wenn dieselben Talente von anderen zur Abtötung dessen benützt werden, der sie besitzt, so soll er die Abtötung ohne Widerrede ertragen nach dem Beispiel des Pater Tarugi, dessen große Talente von dem Heiligen als Werkzeuge der Abtötung für ihn benützt wurden, denn zuweilen schien er nicht zu billigen, was er sagte, und damit unzufrieden zu sein. Zuweilen warf er ihm vor, dass er die Keckheit habe, anderen zu predigen, was er selbst nicht übt. - Wenn jemand einer Sache beschuldigt wird, die er nicht getan hat, so muss er sich dadurch abtöten, dass er keine Antwort gibt und sich nicht entschuldigt. Dem Heiligen missfiel es außerordentlich, wenn sich jemand entschuldigte, denn er sagte, dass sich niemand, der ein Heiliger werden will, entschuldigen darf (außer in gewissen Fällen), wenn er gleich mit Unrecht getadelt wird. Wenn man uns zuweilen zu einem Geschäft verwendet, das gegen unsere Neigung ist, so sollen wir uns abzutöten suchen, indem wir es ohne Widerrede übernehmen. Im Gespräch mit anderen kann man sich passend abtöten, entweder indem man nicht sagt, was zum eigenen Lob gereichen würde, oder indem man sich darin unwissend stellt, was man weiß.

 

Je mehr Abtötungen uns auferlegt werden, um so größer sollte unsere Herzensfreudigkeit sein, denn Baronius sagt: "Wer sich am meisten abtötet, gewinnt am meisten!" Wir sollten uns um so eifriger bestreben, die innere Abtötung zu erlangen, da der heilige Philipp sagt: "Wenn jemand seinen eigenen Willen brechen und den Wünschen seiner Seele entsagen kann, so ist er auf einem guten Weg zur Tugend, wer aber dies nicht tut, ist vielen Versuchungen ausgesetzt. In diesem Fall werden wir leicht beleidigt, sind selten fröhlich, sondern in der Regel schwermütig und werden über alles unruhig, was uns begegnet." Dieses lehrte der Heilige durch Wort und Tat, denn durch die Übung der Abtötung hatte er die volle Herrschaft über seine natürlichen Leidenschaften erworben. Auch besaß er wahrhaft abgetötete Schüler. Der Kardinal Tarugi sagte: "Betet zu Gott, dass wir immer seinen heiligen Willen tun, und nie unseren eigenen, der uns sehr schadet und hintergeht. Wir haben das Gebet sehr nötig, damit wir den Eigenwillen erkennen, der sich in alles einschleicht und uns oft unter dem Vorwand des Guten antreibt, zu tun, was uns gefällt und nicht den Willen Gottes." Tarugi hatte einen solchen Grad der Abtötung erlangt, dass er in 52 Jahren nie den inneren Frieden verlor, - das Privilegium derjenigen, wie es in seinem Leben heißt, die Gott lieben und der göttlichen Liebe dadurch Platz machen, dass sie ihr eigenes Urteil und ihren eigenen Willen abtöten. In der Schule des heiligen Philipp fehlte es nicht an Leuten, die die innere Abtötung fleißig übten, sogar Laienbrüder. Pater Consolini erzählt von Bernhardin Corona: "Indem er die ersten schweren Abtötungen, womit der heilige Lehrmeister ihn übte, gut ertrug, blieb er immer im friedlichen Besitz seiner selbst, d.h. er führte ein englisches Leben."

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Vierzehnte Lektion:

Von der Vermeidung des Müßiggangs

 

Es gibt ein einziges Laster, das alle Tugenden zerstört, und es darf sich nur in einer Seele einnisten, so wird es die fruchtbare Mutter, woraus alle übrigen Laster hervorsprossen. Dieses Laster ist der Müßiggang, der im Sprichwort aller Laster Anfang genannt wird. Unser Heiliger ermahnt uns daher vor allem durch sein heiliges Beispiel, den Müßiggang zu fliehen. Er zeigte sich als sein geschworener Feind, indem er stets beschäftigt war, und so sehr darauf sah, dass seine geistlichen Kinder nicht müßig gingen, dass er ihnen selbst zuweilen verschiedene Beschäftigungen anwies, z.B. das Zimmer kehren, die Betten machen, Rosenkränze knüpfen usw., kurz er befahl dem einen dieses dem anderen jenes, nur dass sie nie müßig sein möchten. Pater Johannes Ancina wiederholte oft, dass wir, um den Müßiggang zu vermeiden, ein wenig lesen, ein wenig beten und ein wenig arbeiten sollten, damit so die Stunden zum Segen vorübergehen. Die Worte Gottes, die der heilige Antonius hörte, sind in dieser Hinsicht treffend: "Antonius, suchst du Gott zu gefallen, so bete, und wenn du nicht beten kannst, so arbeite, und tue immer etwas." Wir sollen auch so tun nach dem Beispiel des Heiligen, damit wir Gott gefallen. Wir müssen lesen, beten, oder irgend ein gutes Werk verrichten, damit der Müßiggang, jener Todfeind der Seele und Verderber aller Tugend, immer fern von uns gehalten werde.

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Fünfzehnte Lektion:

Von der Keuschheit

 

Niemand sollte sich die Schwierigkeiten, die Keuschheit zu bewahren, als unüberwindlich vorstellen, denn der Heilige lehrt, dass man mit der Gnade Gottes sich nicht nur keusch, sondern sogar jungfräulich erhalten kann. Allerdings werden Angriffe vom bösen Feind kommen, der uns zu beflecken suchen wird; Versuchungen werden sich erheben, aber der Versuchte darf nur Mut fassen und auf die tröstliche Stimme des heiligen Philipp hören, der sagt, dass wir auf Gott vertrauen müssen, der mächtig ist, wie Er es immer war. Wir dürfen daher über Versuchungen nicht beunruhigt werden, denn Gott, sagt der Heilige, lässt es gewöhnlich zu, dass der Mensch zuerst durch das entgegengesetzte Laster beunruhigt wird, wenn Er eine Tugend verleihen will. Um seine Schüler im Kampf zu ermutigen, sagte er ihnen, dass es ihm besser gefällt, wenn man versucht wird und Widerstand leistet, indem man die Gelegenheit zur Sünde meidet, als wenn man nicht versucht wird, aber diese Gelegenheit nicht flieht. Es gibt drei Arten von Versuchungen gegen die Reinheit. Die eine kommt vom Teufel her und wird durch das Gebet überwunden. Die andere entspringt aus Übermaß im Essen und Trinken, und diese wird durch Enthaltsamkeit besiegt. Die dritte kommt davon her, dass man auf Frauen schaut und mit ihnen umgeht, und diese wird dadurch überwunden, dass man die Gelegenheit zur Sünde meidet, hauptsächlich aber die Augen im Zaum hält. Alle Sünden missfallen Gott, sagt der heilige Philipp, aber am allermeisten die Sünden gegen die Reinheit und diese sind sehr schwer zu heilen. Der Heilige ermahnte deshalb seine Schüler insbesondere zur Keuschheit, und wenn ihnen diese Tugend abging, war er mit allen übrigen Tugenden, die sie vielleicht besitzen mochten, nicht zufrieden. Um also Gott und seinem Diener Philipp teuer zu werden, müssen wir uns eifrigst bemühen, in den Kranz unserer anderen Tugenden jene Blume der Keuschheit einzuflechten, die die wohlriechendste und köstlichste ist, und dadurch erworben und erhalten werden kann, dass wir den Vorschriften des Heiligen gehorchen und seinem Beispiel nachahmen.

 

1. Von der Gelegenheit zur Sünde, die wir vermeiden müssen, wenn wir unsere Keuschheit bewahren wollen

 

Wir müssen äußerst wachsam sein, um die Gelegenheit zur Sünde zu meiden. Deshalb erinnert uns der heilige Philipp an die von den Heiligen so sehr eingeschärfte Lehre, dass, während einige Versuchungen durch Kampf überwunden werden und andere durch Verachtung, die Versuchungen gegen die Reinheit nur durch Flucht besiegt werden können. Der Heilige pflegte daher zu sagen, dass in diesem Kampf die Feigen am sichersten sind, weil in den Kriegen dieser Welt die Feigen die Flucht ergreifen. Pater Consolini, der als eine jungfräuliche Seele angesehen wurde, hatte den Grundsatz, dass es, um die Keuschheit zu bewahren, nicht genug sei, das entgegengesetzte Laster zu meiden, sondern dass wir jeder Gelegenheit zur Versuchung fern bleiben müssen. Dies bestätigt der Ausspruch des Heiligen: "Es gibt keine größere Gefahr in dieser Hinsicht, als wenn man die Gefahr nicht fürchtet. Wenn daher jemand aufhört zu zweifeln oder zu fürchten, so ist seine Lage hoffnungslos, und wenn man sich freiwillig Gelegenheiten zur Sünde aussetzt und sagt: "Ich werde nicht fallen," dann ist es ein beinahe offenbares Zeichen, dass man fallen wird zum großen Schaden der Seele. Wir müssen die Hut der Augen genau beobachten, was der Heilige dergestalt tat, dass er nicht einmal im Beichtstuhl eine Frau ansah. Dies bezeugte eine Dame von großer Schönheit, die erklärte, dass sie in den dreißig Jahren, in denen er ihr Beichtvater war, niemals bemerkt habe, dass er sie ein einziges Mal ansah. Nun aber wurde der Heilige im Alter von sechsunddreißig Jahren zum Priester geweiht, muss also damals beinahe siebzig Jahre alt gewesen sein. Daraus können wir eine andere Lehre ziehen, die er ebenfalls einschärfte, indem er sagte: "Man darf sich nicht auf das Alter verlassen, solange man noch das Auge erheben kann." Pater Consolini, der seine Sinne, ausdrücklich die Augen, in so strenger Zucht hielt, ist der Meinung, dass die Reinheit des Herzens größtenteils hiervon abhänge. Der Heilige wünscht ferner ausdrücklich, dass wir gleich ihm selbst den Umgang mit Frauen wie eine Pest fliehen sollen. Wenn eine Frau genötigt ist, mit uns zu sprechen, so müssen wir alle Vertraulichkeit sorgfältig vermeiden, wir dürfen ihr nicht ins Gesicht sehen, und müssen sie schnell wieder wegschicken. Denn der Heilige, obwohl gegenüber jedem Menschen voll Leutseligkeit, gestattete sich niemals die geringste Vertraulichkeit gegenüber Frauen, sondern behandelte sie immer mit Ernst und Strenge. Sogar in seinem hohen Alter wich er Gesprächen mit Frauen aus, blickte ihnen nie ins Gesicht, sondern hielt seine Augen immer niedergeschlagen, und entließ sie mit ein paar Worten.

 

2. Schutzmittel gegen Versuchungen

 

Die Lehren des Heiligen zur Erhaltung der Keuschheit sind folgende:

 

  • Sei demütig, denn die Demut ist die wahre Schutzwache der Keuschheit
  • Du hast einen guten und erfahrenen Beichtvater nötig.
  • Bete häufig und gebrauche dabei das Schussgebetlein: "Ich vertraue auf Gott, ich vertraue auf die Güte Gottes."
  • Sprich oft von Herzen: "O Herr, traue mir nicht, denn wenn Du mir nicht beistehst, so werde ich gewiss fallen."
  • Besuche häufig die heiligen Sakramente.
  • Bediene dich des Schussgebetes, das uns der heilige Philipp empfiehlt, wenn wir unter sinnlichen Versuchungen leiden: "O Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitte Jesus, deinen Sohn, für mich Sünder! Jungfrau und Mutter!" Alle, die es gebrauchten, haben es sehr wirksam gefunden. 
  • Wir sollen ferner eine besondere Andacht zu jenen Heiligen haben, die sich durch ihre Reinheit auszeichneten. 
  • Der Heilige gibt uns ferner den Rat: "Wenn wir hören, dass jemand gefallen ist, so sollen wir Mitleid mit ihm tragen, denn es ist eines der besten Mittel, uns keusch zu erhalten, wenn wir diejenigen bemitleiden, die aus Schwäche gefallen sind, und wenn wir uns nie selbst rühmen, dass wir glücklich davon kamen, sondern voll Demut alles der Barmherzigkeit Gottes zuschreiben." Der Heilige versichert uns, dass Mangel an Mitleid in solchen Fällen der sichere Vorbote des Falles ist. 
  • In Beziehung auf nächtliche Versuchungen ermahnt uns der Heilige, wenn wir schlafen gehen, die Hymne: "Te lucis ante terminum" laut zu beten, was er selbst immer beobachtete. 
  • Der heilige Philipp warnt uns insbesondere davor, den Leib zärtlich zu halten. Dies lehrte er auch durch die Tat, denn er tötete sein Fleisch durch Enthaltsamkeit ab, - eines der Hauptmittel, um die Reinheit zu erhalten und zu bewahren.

 

 Te lucis ante terminum

Gregorius Magnus (540 – 604)

 

Te lucis ante terminum,
Rerum creator, poscimus,
Ut pro tua clementia
Sis præsul et custodia.

 

Procul recedant sommnia,
Et noctium phantasmata,
Hostemque nostrum comprime,
Ne polluantur corpora.

 

Præsta, Pater piisime,
Patrique compar Unice,
Cum Spiritu Paraclito
Regnans per omne sæculum. Amen.

 

* * *

Vor dem Verschwinden des Lichtes
bitten wir dich, o Schöpfer der Dinge,
dass du nach deiner Güte
unser Schützer und Wächter seist.

 

Fern mögen weichen die Traumgebilde
und trügerischen Vorstellungen der Nacht,
und halte in Schranken unsern Feind,
damit der Körper nicht befleckt werde.

 

Verleihe es, o gütigster Vater
und du, Eingeborener gleich dem Vater
mit dem Tröster, dem heiligen Geist
herrschend in alle Ewigkeit. Amen

 

Deutsch von Adalbert Schulte

 

3. Mittel gegen Versuchungen, wenn sie uns wirklich befallen

 

Auf gewisse Versuchungen, die sich dem Geist auf diese Art darstellen: "Wenn du diese oder jene Gelegenheit hättest, gegen die Sittsamkeit zu sündigen, was würdest du tun?" rät uns der Heilige, die Antwort zu geben: "Ich weiß nicht, was ich tun würde, aber ich weiß wohl, was ich tun sollte," und er empfiehlt diese Art der Antwort mehr, als ohne weiteres zu sagen: "Ich würde es nicht tun," weil dies von uns eine Anmaßung wäre. Wenn wir uns versucht fühlen, sollen wir zu dem mächtigen Mittel andächtigen Gebetes unsere Zuflucht nehmen. "Wenn ein Mensch," sagt der Heilige, "eine Versuchung fühlt, so nehme er seine Zuflucht zu dem Herrn und wiederhole andächtig jenes Schussgebetlein, das von den heiligen Vätern der Wüste so hoch geschätzt wurde: "Herr! höre auf meine Hilfe, Herr, eile mir zu helfen!" oder jenen Vers: "Ein reines Herz erschaff in mir, o Gott, und den rechten Geist erneuere in meinem Innern." 

 

Fliehet den Müßiggang so viel als möglich. - Der Heilige gab deshalb einem seiner Pönitenten den Rat, dass er, wenn ein sinnlicher Gedanke in ihm aufsteigt, seine Aufmerksamkeit sogleich auf etwas anderes richten soll. Der Heilige schreibt ferner vor, dass man, wenn eine Versuchung sich erhebt, sich an die früheren Tröstungen im Gebet erinnern soll. Wer dies tut, wird die Versuchung leicht überwinden.

 

Man soll seine Gedanken seinem Beichtvater mit aller Offenheit enthüllen. Dies erklärt der Heilige für ein Hauptmittel, um die Keuschheit zu bewahren, denn wenn man dem Arzt die Wunden enthüllt, so kann er sie heilen. Baronius beobachtete dieses Verfahren, denn er teilte diese Versuchungen frommen Männern mit, sowohl zu seiner eigenen Erniedrigung, als um Erleuchtung und Beistand zu erhalten. Der Heilige ermahnt uns auch, in der Beicht alle unsere nächtlichen Versuchungen anzugeben, wenn sie sich gleich ohne unsere Schuld einstellen. Wir müssen uns ferner an die gute Lehre des Pater Consolini erinnern, der sagte, dass es in solchen Versuchungen für einen Christen von Nutzen ist, sich ernsthaft seine Würde ins Gedächtnis zu rufen, besonders wenn er ein Priester ist.

 

Verrichtet beständig Akte der Demut, denn die Demut ist, wie der heilige Philipp sagt, die wahre Wächterin der Keuschheit. Pater Consolini bezeugt die Macht der Demut, indem er sie für ein vorzügliches Mittel erklärt, von Versuchungen frei zu werden. So legte er den Ausspruch des Psalmisten aus: "Ich demütigte mich, und Er hat mich befreit!"

 

Sollte irgend ein Teufel in Menschengestalt es wagen, euch zur Sünde zu versuchen, so übt, was der heilige Philipp in dergleichen Fällen tat. Zwei schlechte Weibspersonen wurden einst in das Zimmer des Heiligen geführt. Sogleich fing der heilige an, zu beten, und betete mit solcher Inbrunst, dass diese elenden Dirnen sich nicht getrauten, ihn anzureden oder sich ihm zu nähern, sondern sich voll Verwirrung und Scham entfernten. Ein vortreffliches und mächtiges Heilmittel bei solchen Angriffen ist es, den Beistand des heiligen Philipp anzurufen, denn manche haben durch den Umgang mit ihm ihre Keuschheit bewahrt und dieselbe Gnade erlangt, wenn der Heilige sie nur an seine Brust zog. Auch durch die Bedrohung des Versuchers, ihn bei dem heiligen Philipp zu verklagen, wurden seine geistlichen Kinder vollständig von dergleichen Versuchungen befreit. Einige sagten, dass sie bloß den Namen Philipps anriefen und augenblicklich befreit wurden. Wenn nun unser Heiliger schon auf Erden so mächtig war, wie viel mehr muss er es im Himmel sein! Wir können daher in unseren Nöten seine Hilfe in folgender Weise anrufen: "Dir, o heiliger und jungfräulicher Vater, dem das Laster der Unreinheit so sehr missfiel, empfehle ich mich und flehe deinen mächtigen Beistand an. Siehe, der Feind greift mich an; schon beginnt er, seine glühenden Pfeile abzuschießen. Ich klage ihn bei dir an, ich rufe deinen wunderbaren Namen an, o heiliger Philipp! Verleihe nun die Hilfe deines mächtigen Schutzes meiner Seele, die in Gefahr schwebt, in die Hände des Feindes zu fallen. Schütze sie, o heiliger Vater, schütze sie; denn du bist imstande, es zu tun!"

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Sechzehnte Lektion:

Vom Geiz

 

Es gibt keine körperliche Krankheit, vor der man sich sorgfältiger in Acht nehmen muss, als die Pest, die gewöhnlich zum Tod des Leibes führt. Aber wie sorgfältiger sollten wir jene Pest vermeiden, die die Seele tötet! Was diese Pest der Seele ist, erfahren wir vom heiligen Philipp, der uns, um uns davon fern zu halten, lehrt, dass die Pest der Seele der Geiz ist, und er fügt hinzu, dass alle Sünden Gott missfallen, aber ausdrücklich der Geiz und die Sünden gegen die Reinheit. Darum ermahnt er seine Schüler mit den Worten: "Die Jungen sollen sich vor den Ausschweifungen hüten und die Alten vor dem Geiz; dann werden wir alle Heilige sein." Er erklärte ferner, dass dieses Laster äußerst schwierig zu heilen ist, und er weiß aus Erfahrung, dass Menschen, die der Sinnlichkeit ergeben sind, leichter bekehrt werden könnten, als die Geizigen. Der Heilige fordert uns deshalb auf, Gott zu bitten, dass er uns nicht der Herrschaft des Geizes überantwortet, sondern uns von allen irdischen Begierden frei macht. Wir wollen daher die Fürbitte des heiligen Philipp anrufen, damit wir diese Gnade von Gott erlangen.

 

Wir dürfen uns niemals schmeicheln, dass wir diese Krankheit heilen können, wenn wir andere tugendhafte Werke verrichten. Als daher ein habsüchtiger Mensch ihn um die Erlaubnis bat, zu fasten, erwiderte er: "Nein, gib lieber Almosen!" Wir sehen daraus, dass reichliches Almosen das einzige Mittel ist, um uns vor dieser Pest zu bewahren.

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Siebzehnte Lektion:

Von der Entsagung der Besitztümer

 

Die Losreißung von irdischen Dingen ist eines der Hauptmittel, wodurch die Seele sich zu Gott aufschwingt. Der heilige Philipp, der die wunderbaren Wirkungen dieser erhabenen Tugend gekostet hatte, freute sich darüber; wir aber sollten weinen, da wir, wenn wir sie nicht besitzen, eines höchst wichtigen Mittels beraubt werden, um den Zweck zu erreichen, zu dem wir geschaffen wurden. Um seine Schüler von irdischen Dingen loszureißen, gab deshalb der heilige Philipp ihnen die Lehre: "Wir müssen uns ganz Gott hingeben, und alle Liebe, die wir unseren Verwandten, dem Besitztum, uns selbst, oder irgend einem anderen Gegenstand schenken, entziehen wir Gott. Kein irdisches Gut," sagte er weiter, "macht mir Vergnügen, aber die größte Freude finde ich daran, dass nichts mir gefällt. Wer irgend etwas anderes verlangt, als Christus, weiß nicht, was er verlangt." Niemand darf daran denken, ein wahrer Schüler des heiligen Philipp zu sein, wer nach den Dingen dieser Welt strebt. Denn der Heilige erklärt ausdrücklich: "Wer nur irdisches Hab und Gut im Sinn hat, wird nie Fortschritte machen im geistlichen Leben."

 

Wir können sagen, dass wir die wahre Nachfolge des heiligen Philipp erreicht haben, wenn wir die Begierden und Gefühle hegen, die er hatte, denn er äußerte oft: "Ich würde es als eine besondere Gnade von Gott ansehen, wenn ich in einem Spital sterben müsste. Ich wünschte, ich wäre an den Bettelstab gebracht, ich wünschte, ich hätte keinen Pfennig und fände niemand, der mir einen gibt." Pater Juvenale nahm diese Lehre so sehr zu Herzen, dass er sie am Ende im Leben üben konnte. Wir wissen, dass er sich in Folge des reichlichen Almosens, das er reichte, oft in größter Not befand, so dass er an seinen Bruder schreiben konnte: "Mit der Gnade Gottes habe ich den Punkt erreicht, den unser heiliger Vater so sehr wünschte; d.h. ich habe nicht einen einzigen Pfennig im Vermögen." In dieser Hinsicht folgten, wie wir sehen, dem Heiligen seine Schüler getreulich nach. Eines Tages hatte er einige von ihnen eingeladen, um in seinem Zimmer einige Dienste zu verrichten, und wollte danach jedem ein kleines Präsent machen. Alle nahmen die freundliche Gabe an, mit Ausnahme eines einzigen, der sie ablehnte und wiederholt erklärte, dass er nichts bedürfe. Darauf sagte der Heilige: "Wünschst du also nichts?" "Nichts," war die Antwort des Schülers. Alsdann versetzte der Heilige: "Bedenke, was du sagst; denn wenn du mir versprichst, nie irgend etwas zu wünschen, so verspreche ich dir, dich ins Paradies zu führen." 

 

Wir dürfen ferner keine zu große Anhänglichkeit haben an die mancherlei Überflüssigkeiten, mit denen wir unsere Häuser zu zieren versuchen, wenn wir uns erinnern, dass der heilige Philipp als Laie in einem sehr kleinen Zimmer wohnte, das so armselig war, dass sich nichts darin befand, als eine kleine Bettstatt und einige Bücher. Seine Kleider hingen an einem Seil, das quer über das Zimmer gespannt war. Seine Schüler folgten dem Beispiel ihres heiligen Lehrers getreu nach. Tarugi sagte: "Was haben wir mit irdischen Gütern, Ehren und Vergnügen zu schaffen? Der Tod kommt und wir müssen gegen unseren Willen alles verlassen. Darum wollen wir in Freiheit und aus Liebe zu Jesus allem entsagen, denn wir müssen jedenfalls diese Güter im Tod aufgeben und uns dann, ohne Verdienst zu haben, von ihnen trennen. Diejenigen aber, die sich aus Liebe zu Gott von ihnen trennen, werden sie im Himmel doppelt und dreifach und von unschätzbarem Wert wieder finden." Tarugi war nicht der einzige Schüler, der diese Ansichten hatte. Pater Johann Ancina schreibt in einem Brief an Tarugi: "Alles, was die Welt Erfreuliches hat, verlache ich, um Reichtümer kümmere ich mich nicht, und die Armut fürchte ich nicht." Obwohl Baronius nach seinem Rang als Kardinal vom Papst genötigt wurde, ein Zimmer einzurichten, wie es seinem Stand zukam, so blieb er doch mehr als je ein Freund der heiligen Einfachheit und Armut, und ließ sich in demselben Zimmer zu seinem eigenen Gebrauch eine kleine hölzerne Zelle aufrichten. Sie enthielt nichts, als ein ganz schmales Bett, einen hölzernen Stuhl, einen Knieschemel, ein Waschbecken aus Erz, ein kupfernes Feuerzeug nebst Stahl und Stein, um Licht zu machen, und ein irdenes Tintenzeug.

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Achtzehnte Lektion:

Die Enthaltsamkeit von Geschenken

 

Unter diejenigen Mittel, die zur Losreißung vom Irdischen sehr beitragen, gehört es, die Hände von Geschenken rein zu erhalten, denn wie es zuweilen gefährlich ist, sie anzunehmen, zu tadeln, wenn wir sie suchen, und unanständig, wenn wir sie verlangen, so ist es eine empfehlenswerte Sache, sie auszuschlagen, von welcher Art sie immer sein mögen. Wenn wir Geschenke annehmen, laufen wir Gefahr, uns mit der abscheulichen Pest des Geizes zu beflecken, abgesehen von anderen verderblichen Wirkungen, die daraus entspringen. Und deshalb warnt uns der Heilige Geist mit den Worten: "Nimm keine Geschenke an, die auch die Klugen verblenden!"

 

Wenn wir Geschenke ausschlagen, besonders wenn sie uns als Entschädigung für aufgewandte Mühe und Arbeit angeboten werden, müssen wir von derselben Gesinnung sein, wie der Heilige, der, als ihm einst ein Geschenk von vielen tausend Talern angetragen wurde, nichts annehmen wollte, indem er sagte, er will nicht in dieser Welt für seine Arbeiten belohnt werden. Wenn wir es nicht vermeiden können, Geschenke anzunehmen, so sollen wir dem Heiligen nachahmen, der, so oft er etwas annahm, es zum Dienst der Kirche oder der Armen verwendete. Auch seine Schüler ahmten ihm in diesem Stück nach. Baronius z. B. verschmähte alle Geschenke, und wenn er je etwas annahm, so schenkte er es entweder den Armen oder verwendete es zum Dienst der Kirche.

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Neunzehnte Lektion:

Wir sollen uns von Ehren und Würden fernhalten

 

Der Eifer, womit der heilige Philipp uns zuspricht, alle irdischen Dinge zu verachten, ist wahrhaft außerordentlich. Wir müssen uns vorstellen, dass der Heilige uns anredet, wie er den Franz Zazarra anredete, indem er zu ihm sagte: "O du Glücklicher, du studierst jetzt, nach und nach wirst du, wenn du Doktor geworden bist, dir viel Geld verdienen, du wirst ein Advokat werden und eines Tages vielleicht Prälat," und so fuhr er fort, ihm Stufe für Stufe alle die Ehren vorzustellen, die die Welt ihm übertragen könnte, oder die je dem jungen Mann in den Sinn gekommen sein konnten, wobei er immer wiederholte: "O du Glücklicher, wenn du alles das, was du wünschst, erreicht hast." Franz meinte, es sei dem Heiligen ernst, aber schließlich zog Philipp ihn an seine Brust und flüsterte ihm ins Ohr: "Und dann?" Diese Worte machten einen so tiefen Eindruck auf das Herz des jungen Mannes, dass er auf dem Heimweg zu sich selbst zu sagen anfing: "Ich studiere, um in der Welt voranzukommen, und dann? Als er so bei sich nachdachte, konnte er diese Worte sich nicht aus dem Sinn schlagen, und beschloss alle seine Gedanken und Absichten auf Gott zu richten, was er auch ausführte, denn er trat in die Kongregation ein, in der er lebte und schließlich eines heiligen Todes starb. Häufig hörte man den Heiligen in die Worte ausbrechen: "Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel!" Um sich immer an das Ende der weltlichen Eitelkeiten zu erinnern, hatte der Heilige stets neben seinem Bett zwei Kardinalswappen und in der Mitte der Schilde ließ er zwei Totenköpfe malen. Was für eine große Abneigung Philipp gegen die Übernahme von hohen geistlichen Würden hatte, können wir aus dem Umstand abnehmen, dass er die ersten Domherrnstellen in Rom, und selbst die Würde eines Kardinals ausschlug. In Betreff hoher geistlicher Ämter sagte Philipp zu einigen seiner Pönitenten: "Kinder versteht mich wohl! Ich wollte lieber zu Gott bitten, mir den Tod zu senden, als den Gedanken an solche Würden. Ich wünsche zwar die Tugenden der Kardinäle, aber nicht ihr hohes Amt."

 

Wir dürfen uns nicht leicht damit schmeicheln, dass wir hohe Würden zum gemeinen Besten übernehmen. Als der heilige Philipp zu Bernhardin Corona, einem Bruder der Kongregation sagte: "Bernhardin, der Papst will mich zum Kardinal machen; was hältst du davon?" so erwiderte Corona, dass er diese Würde annehmen solle, wenn auch aus keinem anderen Grund, so doch wenigstens zum Besten der Kongregation. Da blickte der Heilige zum Himmel auf und rief: "Das Paradies! Das Paradies!" Wir dürfen uns nicht einbilden, dass wir den schädlichen Wirkungen entgehen werden, die der Ehrgeiz hervorbringt, nachdem die Würde erlangt ist, sondern wir müssen im Gegenteil dem Kardinal Baronius nachahmen, der die Kardinalswürde nicht nur nicht wünschte, sondern alle möglichen Mittel gebrauchte, um dieser Beförderung zu entgehen. Noch auf dem Totenbett sprach er mit tiefer Rührung die Worte: "Nichts in diesem Leben hat mir so viele Unruhe gekostet, als die Kardinalswürde. Fasset es wohl: Die wahre Ehre besteht darin, Gott zu dienen in aller Demut. Suchet Gott, suchet Gott!"

 

Damit wir uns um so mehr angetrieben fühlen, den Fußtapfen des Heiligen nachzufolgen, wollen wir die Fortschritte erwähnen, die einige seiner Schüler in diesem Stück machten. Tarugi brachte alle möglichen Einwürfe vor, um den erzbischöflichen Stuhl von Avignon nicht annehmen zu dürfen; allein diese Gründe nützten ihm nichts; denn ein Befehl des Papstes zwang ihn, diese Würde anzunehmen. Welche Abneigung er vor der Kardinalswürde hatte, zeigten die Gefühle, von denen er bewegt wurde, als man ihm seine Beförderung zu diesem hohen Amt ankündigte. Ein Bischof damaliger Zeit äußerte sich darüber folgendermaßen: "Als der Bote ihm die Nachricht von seiner Beförderung überbrachte, gab er kein Zeichen von Freude von sich. Im Gegenteil weinte er bitterlich über seine Erhöhung und sagte, er passe mehr zu einer niedrigen Stelle als zu einem hohen Posten, der von so vielen Gefahren umgeben sei; und lange Zeit sah man ihn traurig und niedergeschlagen umhergehen. Da er sich auf den Tod vorbereiten wollte, bat er den damals regierenden Papst Paul V. um die Erlaubnis, zu den Vätern nach Ballicella zurückkehren zu dürfen, um, frei von jedem anderen Geschäft, sich besser auf jene letzte Reise richten zu können. Auch bat er den Papst häufig, ihm zu gestatten, seine Würde als Kardinal niederlegen zu dürfen. Seine Heiligkeit gewährte ihm die erste Bitte, aber auf die zweite wollte er unter keiner Bedingung eingehen. Eines Tages schickte der Kardinal Aldobrandini plötzlich nach dem P. Angelo, um ihm die fröhliche Botschaft zu verkünden, dass seine Heiligkeit ihn zum Bischof machen wolle. Der gute Pater geriet bei dieser Nachricht in Unruhe und sagte dem Kardinal, er wünsche kein Bistum, und würde nie eine solche Würde annehmen; wenn er ihn liebe, so möchte er von etwas anderem mit ihm reden, sonst werde er ihn nie wieder besuchen. Der Kardinal wurde durch seine standhafte Weigerung sehr erbaut, und er durfte in dem Stand eines armen niedrigen Priesters bleiben. Als jemand dem P. Johann Ancina voraussagte, dass er ein Bistum erhalten werde, antwortete er: "Gott verhüte es; ich begehre nichts, als die Liebe Gottes, und ein Brevier unter dem Arm;" allein er wurde kraft des Gehorsams vom Papst genötigt, den bischöflichen Stuhl von Saluzzo einzunehmen. Alle diese Beispiele sind ebenso bewunderungswürdig als selten. Möge der Ehrgeizige sie wohl erwägen!

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Zwanzigste Lektion:

Von der Liebe Gottes

 

Die Liebe Gottes, die die Grundlage und Wurzel aller Tugenden ist, fand sich in so ausgezeichnetem Grad im heiligen Philipp, dass die Flamme, die seine Seele verzehrte, selbst an seinem Leib sichtbar war, so dass zuweilen, wenn er das Brevier betete oder nach irgend einem anderen großen Akt, Feuerfunken von seinem Gesicht und seinen Augen auszugehen schienen. Sein sehnlichster Wunsch war, dass auch die Herzen anderer von dieser göttlichen Liebe entzündet werden möchten, und zuweilen drückte er einen solchen Wunsch mit den Worten aus: "Möge das Feuer des heiligen Antonius dich brennen!" Damit wollte er sagen, er wünsche, dass die Person, wie der heilige Antonius, von göttlicher Liebe erglühen möchte. Zu anderen pflegte der Heilige zu sagen: "Mögest du getötet werden," das heißt für den Glauben mittelst des heiligen Martyriums. So groß war der Fortschritt, der in der Liebe Gottes in der Schule des heiligen Philipp gemacht wurde, dass sogar einige auswärtige Mitglieder des Oratoriums wunderbar von ihr entflammt wurden. Martin Altieri, ein römischer Edelmann konnte, wie ein zweiter Moses, nicht von Gott sprechen, weil er von dieser Liebe überfloss. Um uns zu dieser heiligen Liebe zu erwecken, wird es von Nutzen sein, zu erwägen, dass unser Heiliger, obwohl reich an Verdiensten, wenn er junge Leute sah, zu sagen pflegte: "Wie glücklich seid ihr, die ihr noch Zeit habt, Gutes zu tun, was ich nicht getan habe." Möge vor allem jener Grundsatz des Heiligen in unserer Seele haften: "Alle Liebe, die den Geschöpfen geschenkt wird, wird Gott dem Schöpfer entzogen." Lasst uns in der Tat die Vorschriften üben, die der Heilige uns darüber gibt, und die so lauten:

 

"Habt die Begierde, große Dinge im Dienst Gottes zu tun, und begnügt euch nicht mit einer mittelmäßigen Frömmigkeit, sondern wünscht sogar den heiligen Petrus und Paulus an Heiligkeit und Liebe zu übertreffen." Wenn gleich dieser Grad von Heiligkeit unerreichbar sein mag, so sollten wir ihn doch wünschen, damit wir wenigstens in der Begierde erfüllen, was wir in der Tat nicht tun können. "Seid nie mit irgend einem Grad von Vollkommenheit zufrieden, den ihr etwa erreicht habt, denn das Vorbild, das Christus uns vor Augen stellt, ist der ewige Vater selbst. Seid vollkommen, sagt er, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." "Niemand soll sich einbilden, etwas Gutes getan zu haben." Der heilige Philipp selbst, obwohl mit Verdiensten beladen, pflegte, wenn er beichtete unter vielen Tränen zu sagen: "Ich habe nie etwas Gutes getan."

 

Wir dürfen nie vergessen, was der Heilige sagte, dass nämlich die Vollkommenheit nicht ohne große Anstrengung erworben werden kann. Deshalb müssen wir uns allezeit bemühen, vom Guten zum Besseren fortzuschreiten. Um von Gott seine heilige Liebe zu erlangen, sollten wir das folgende Schussgebet des heiligen Philipp häufig anwenden: "Wann werde ich dich lieben mit kindlicher Liebe? O Jesus sei mir ein Jesus! Ich liebe dich nicht. O mein Herr, schenke mir die Gnade, dich zu lieben, nicht aus Furcht, sondern aus Liebe! O mein Jesus, ich verlange sehnlich dich zu lieben! Ich habe dich nie geliebt, aber ich begehre dich zu lieben, o mein Jesus! Ich werde dich nie lieben, außer du stehst mir bei, o mein Jesus! O mein Jesus, ich begehre dich zu lieben, aber ich weiß nicht wie." Pater Consolini pflegte ebenfalls durch Schussgebete um die göttliche Liebe zu bitten, z.B.: "Verwunde meine Seele mit einer größeren Liebe gegen dich! Durchdringe meine harte Seele mit deiner Liebe! Erschaff ein reines Herz in mir, o Herr! O Herr Jesus, durch das heiligste Geheimnis deines Leibes und durch deine fünf Wunden, aus denen das Blut, das du für mich vergossen hast, geflossen ist, erbarme dich meiner, da du die Nöte meiner Seele und meines Leibes kennst. Nimm mich auf nach deinem Wort, auf dass ich leben möge, und täusche nicht meine Hoffnung, sondern habe Mitleid mit mir!" Wer ein Zeichen wünscht, ob er in der Liebe Gottes vorangeschritten ist, kann eins in folgenden Worten finden, die der heilige Philipp anführt: "Wenn eine Seele wahrhaft von der Liebe Gottes entflammt ist, so kann sie bei Nacht nicht schlafen, sondern bringt die Zeit unter Tränen und Weinen und zärtlichen Anmutungen zu, und ist genötigt auszurufen: "O Herr lass mich schlafen!" Er selbst erfuhr dies oft, denn in Betrachtung himmlischer Dinge war es ihm oft unmöglich, zu schlafen. Die Größe unserer Liebe Gottes, sagt der Heilige ferner, wird durch die Begierde erkannt, die wir haben, für ihn zu leiden. Nach dieser Begierde kann ein jeder das Maß seiner Liebe zu Gott ermessen. Wenn das Verlangen, viel zu leiden, recht groß ist, dann ist auch die Liebe groß. Wenn es klein ist, so ist sie klein, und wenn gar keine solche Begierde da ist, dann wird, nach dem Ausspruch des heiligen Philipp, auch keine Liebe vorhanden sein. 

 

Eine andere Bemerkung, die Pater Flaminio Ricci machte, verdient hier angeführt zu werden: "Eine wahrhaft von der Liebe Gottes erfüllte Seele, die nur ihrem Bräutigam zu gefallen sucht, empfindet zuweilen so süße Liebkosungen von seiner Seite, dass sie vor Jubel aufjauchzt, in der lebendigen Hoffnung und in dem festen Glauben, dass sie ihrem Gott wohl gefällt." Diese Gnade kann nur erreicht werden, wenn wir einfach Gott zu gefallen suchen, und diese Begierde gewinnen wir nur dadurch, dass wir uns von allem Irdischen losreißen.

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Einundzwanzigste Lektion:

Von den Andachten, die wir üben sollen

 

1. Zur heiligsten Dreifaltigkeit

 

Wenn wir unserem Heiligen nachfolgen wollen, so müssen wir unsere Andacht vor allem der heiligsten Dreifaltigkeit widmen. Wenn wir dem ewigen Vater unsere Huldigung darbringen, so wollen wir die Lehre benützen, die der Heilige einst einer vornehmen Dame gab, dass wir nämlich Gott im Himmel zu unserem Vater haben. Wenn wir Ihn anrufen, wollen wir ebenfalls den heiligen Philipp nachahmen, der eine so große Freude daran hatte, das Vaterunser zu beten, dass er, wenn er anfing, nicht aufhören zu können schien. Lasset uns Jesus, seinen heiligsten Sohn anbeten, indem wir häufig seinen mächtigen Namen anrufen, den der heilige Philipp so oft angerufen hat, der eine unaussprechliche Freude empfand, wenn er ihn aussprach. Dem vierzigstündigen Gebet sollen wir besonders ergeben sein, denn während desselben wurde unser Heiliger gewürdigt, Jesus Christus in der konsekrierten Hostie sichtbar zu erblicken, wie Er allen Anwesenden seinen Segen gab. Vor allem aber lasst uns die heilige Kommunion recht häufig empfangen und das Leiden unseres Herrn in Andacht betrachten, so wie der Heilige es fast unaufhörlich tat.

 

Wir dürfen die Andacht zum Heiligen Geist ja nicht unterlassen, der unseren Verstand und unser Herz erleuchtet. Dazu können wir sehr ermuntert werden, wenn wir erwägen, dass unserem Heiligen, als er einst ein paar Tage vor Pfingsten inbrünstig um die Gaben und Gnaden des Heiligen Geistes betete, eine feurige Kugel erschien, die durch seinen Mund in seine Brust eindrang, sie mit Wonne überflutete und während seines ganzen Lebens das wunderbare Klopfen seines Herzens hervorbrachte. Wir können auch nach dem Beispiel des Heiligen täglich vom Karsamstag bis Pfingsten das Vaterunser und Ave Maria dreiundvierzig Mal beten, denn diese Andacht ist nach dem Urteil Philipps ein überaus wirksames Mittel, um Gnaden von Gott zu erlangen.

 

2. Zur seligsten Jungfrau

 

Zu der Andacht zur seligsten Jungfrau bedarf es keiner Aufmunterung, denn diese Andacht empfiehlt sich von selbst, da ja die Jungfrau Maria die Pforte des Himmels ist, und die heiligen Väter einstimmig erklären, dass niemand selig werde als durch Maria. Allein wir dürfen demungeachtet es nicht unterlassen zu sagen, wie innig ergeben der Heilige ihr war. Der Name Unserer Lieben Frau war stets in seinem Mund. Er nannte sie seine Liebe, seinen Trost, und er erklärte sie für die Ausspenderin aller Gnaden, die Gott verleiht. Er pflegte von ihr in der kindlichsten Weise zu sprechen als von "seiner Mutter", und brachte ganze Nächte in innigen Zwiegesprächen mit ihr zu. Der Heilige pflanzte diese Andacht den Herzen seiner Kinder sorgfältig ein und wurde nie müde, ihnen zu widerholen: "Meine Söhne, seid Unserer Lieben Frau innig ergeben, liebt Maria!" Und noch in seiner letzten Krankheit empfahl er allen, die in sein Zimmer kamen, die Andacht zur seligsten Jungfrau mit den Worten: "Glaubt mir, meine Kinder, denn ich weiß aus Erfahrung, dass es kein kräftigeres Mittel gibt, die Gnade Gottes zu erlangen, als die Jungfrau Maria!" Nicht im mindesten verdient ein Sohn des heiligen Philipp genannt zu werden, wer nicht seinem letzten Wunsch gemäß diese Andacht erwählt, die den Seelen derjenigen so heilsam ist, die Gott lieben und die der Heilige seinen Kindern gleichsam als ein reiches Erbteil vermachte. 

 

Lasset uns den Heiligen nachahmen, den man immer mit dem Rosenkranz in der Hand sah, und der und so eine Anleitung gibt, die Andacht zum heiligen Rosenkranz zu üben, die der seligsten Jungfrau so angenehm, und denen, die ihn beten, von unvergleichlichem Nutzen ist. Neben unseren übrigen Andachten zur seligsten Jungfrau dürfen wir nicht vergessen, die beiden Gebete zu verrichten, an die er noch auf seinem Totenbett erinnerte. Das erste Lautet: "O Jungfrau Maria, Mutter Gottes! Bitte Jesus für mich!" Zuweilen fügte er hinzu: "Bitte Jesus Christus, deinen Sohn für mich Sünder." Das zweite Gebet lautete. "Jungfrau und Mutter!" Er sagte, in diesen zwei Gebeten sei kurz alles mögliche Lob der Mutter Gottes enthalten, denn in ihnen nennen wir sie bei ihrem Namen Maria, und geben ihr jene großen Titel einer Jungfrau und Mutter, und jenen unaussprechlichen einer Mutter Gottes. In ihnen nennen wir Jesus, die gebenedeite Frucht ihres Leibes, und dies, sagte er, habe Macht, ihr Herz zu rühren. Wir können, wenn wir wollen, aus diesen beiden Gebetlein einen Rosenkranz machen, wie der Heilige es seinen Beichtkindern empfahl. Er ließ sie nämlich, das eine oder andere derselben dreiundsechzig Mal neben dem Vaterunser wiederholen. Er selbst hatte immer einen Rosenkranz in der Hand, um diese Andacht zu verrichten, die Gott so wohl gefiel, dass viele von denen, die sie in ihren Versuchungen anwandten, sich wunderbar getröstet fanden. Die übrigen Schussgebetlein, womit der heilige Philipp die seligste Jungfrau anzurufen Pflegte, sollten wir ebenfalls häufig üben. Sie lauten so: "Maria, du Mutter der Gnade, du Mutter der Barmherzigkeit, beschütze uns vor dem Feind und nimm uns auf in der Stunde des Todes." "Maria ist in den Himmel aufgenommen, darüber freuen sich die Engel." "Gebenedeite Jungfrau gib mir die Gnade, mich stets an deine heilige Jungfrauschaft zu erinnern." Wir wissen, dass viele von den Schülern des Heiligen, sowohl Priester als Laien, die innigste Andacht zur seligsten Jungfrau hatten, vornehmlich P. Ancina, der die Zunge und die Feder stets zum Preise Mariens anwandte. Er hatte immer den Spruch im Mund: "Betrachte Tag und Nacht, o meine Seele, die Herrlichkeit Marias!" Von P. Consolini wird erzählt, dass er eine große Andacht zur seligsten Jungfrau hatte und ein starkes Vertrauen auf sie setzte. Diese Andacht suchte er seinen Novizen mitzuteilen, indem er sagte, alle müssen ihr ergeben sein, aber besonders die Priester, denen es gestattet ist, täglich am Altar die kostbare Frucht ihres jungfräulichen Leibes zu genießen. Er setzte hinzu, durch sie könnten die Priester die Reinheit des Herzens erhalten und bewahren, und es sei hinreichend, das Herz eines jeden Christen zu erfreuen, da er wisse, dass er die Jungfrau Maria in der Nähe Gottes habe, die für ihn bitte. Außer anderen Gebeten bediente er sich oft des Schussgebetleins: "Maria, du Mutter der Gnade!"

 

3. Die Andacht zu den Heiligen und zu einigen insbesondere

 

Nach dem Beispiel des heiligen Philipp sollen wir eine Andacht zu allen Heiligen haben, eie er selbst sie im Allgemeinen und im Besonderen von Herzen verehrte. Außer der innigen Andacht zu unserem glorreichen heiligen Philipp sollen wir besonders den Heiligen verehren, an dessen Tag wir geboren wurden, und auch den Heiligen dessen Namen wir tragen, wie der Heilige die heilige Maria Magdalena zu seiner besonderen Fürsprecherin erwählte, da er an ihrer Vigilie geboren wurde. Auch die heiligen Philippus und Jakobus waren seine Patronen. Überdies trug er eine besondere Andacht zu dem heiligen Thomas, und da die Andacht zu den Heiligen in ihrer Nachahmung besteht, so las Philipp häufig das Leben von ihnen, und in seinen späteren Jahren ließ er es sich vorlesen, um sich ihr Beispiel immer zu vergegenwärtigen. Häufig las er das Leben der heiligen Maria von Ägypten mit tiefer Rührung, da er sie in ihrer Buße nachzuahmen wünschte, obschon er sie nicht in ihren Sünden nachgeahmt hatte.

 

Ferner sollen wir den glorreichen heiligen Joseph, den Bräutigam der seligsten Jungfrau mit tiefer Andacht verehren, denn unaussprechlich Gutes entspringt für die Seele aus der Andacht zu diesem großen Heiligen. Die heilige Theresia empfahl diese Andacht dringend, indem sie erklärte, dass sie die größten Wohltaten von dem Heiligen erhalten, und ihn nie um eine Gunst gebeten habe, ohne sie zu erlangen.

 

4. Die Andacht zu den heiligen Reliquien

 

Wir sollen den heiligen Reliquien große Verehrung erweisen nach dem Beispiel des heiligen Philipp. Er gestattete seinen geistlichen Kindern nicht leicht, sie bei sich zu tragen. Aber darin dürfen wir den Heiligen nachahmen, dass wir sie im Haus aufbewahren, jedoch an einem anständigen Ort. Wir müssen sehr darauf achten, wo und wie wir sie aufbewahren, wenn wir mit einem so kostbaren Schatz zu tun haben. Wir können sehen, wie hoch sie vom heiligen Philipp geschätzt und verehrt wurden, der von so großer Freude erfüllt wurde, dass er sich nicht fassen konnte, als er zu Vallicella die Leiber der heiligen Martyrer Papias und Maurus empfing, die nun in jenem geweihten Tempel ruhen.

 

5. Von der Andacht an den Hauptfesten

 

Wenn wir zu allen Zeiten den Geist der Andacht bewahren sollen, so müssen wir es insbesondere an den höheren Festen tun. An großen Festen wurde der heilige Philipp besonders von Gott begnadet und hatte Gefühle außerordentlicher Andacht. Es wird auch von Pater Consolini erzählt, dass er an den Hauptfesten des Jahres mehr als gewöhnlich von der göttlichen Liebe begnadet wurde. Als er z.B. am Weihnachtsfest in der Kirche über die Liebe des Jesuskindes predigte, wurde er von einer solchen Fülle geistlicher Freude überrascht, die sich durch Seufzer und Tränen Luft machte, dass er in seiner Rede nicht fortfahren konnte, sondern abbrechen musste. - Wenn wir an großen Festen keine besondere Inbrunst fühlen, so ist es nach dem Ausspruch des heiligen Philipp immer ein böses Zeichen.

 

6. Von der Andacht zu den Armen Seelen im Fegfeuer

 

Die Andacht zu den Seelen im Fegfeuer empfiehlt sich der Frömmigkeit der Gläubigen, die schon aus Rücksicht für ihr eigenes Interesse ihre Gebete diesen Seelen widmen sollten, die sich dafür so dankbar zeigen. In diesem Stück haben wir das Beispiel des heiligen Philipp, der nicht nur selbst für sie betete, sondern auch um die Gebete anderer für sie anhielt. So ließ er z.B. für die Seele des Johannes Animucia viele Messen lesen, und erklärte danach, dass er vom Fegfeuer in den Himmel übergegangen sei. Es ist sehr zu empfehlen, für jede vom Leib getrennte Seele zu beten, in der Überzeugung, dass sie im Fegfeuer ist, denn der heilige Philipp, obwohl er noch bei Lebzeiten für einen Heiligen angesehen wurde, bat dennoch, ehe er starb, um eine Seelenmesse, und erlangte von vielen seiner geistlichen Kinder das Versprechen, für ihn nach seinem Tod einen Rosenkranz zu beten, obwohl er dies alles nicht bedurfte. Die Gebete, die für einzelne Seelen verrichtet werden, kommen, wenn diese bereits im Himmel sind, den Seelen zugute, die noch nicht dort angelangt sind, sondern sich noch im Fegfeuer befinden.

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Zweiundzwanzigste Lektion:

Von der äußerlichen Andacht und der Vermeidung der Sonderbarkeit

 

Pater Consolini war äußerst sparsam mit äußerlichen Andachten, und schätzte Pater Angelo Belli sehr glücklich, der von Gott die Gnade empfangen hatte, seine geistlichen Gnaden vor der Welt zu verbergen. Gewisse äußere Akte der Andacht waren auch dem Heiligen sehr unliebsam. Als Pater Nikolaus Gigli in einer Krankheit die heilige Wegzehrung empfing, warf er sich auf den Boden nieder und betete seinen Herrn an, indem er voll lebendigen Glaubens ausrief: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der sich herabließ, geboren zu werden und für mich zu sterben!" Dabei brach er in solche Tränen und fromme Seufzer aus, dass der heilige Philipp, der gegenwärtig war, den guten Schüler ermahnte, sich in diesen äußeren Zeichen der Andacht zu mäßigen. Daraus sollen wir lernen, alles Auffallende zu vermeiden, was, wie der heilige Philipp sagt, gewöhnlich Stolz erzeugt, und vor allem geistlichen Stolz.

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Dreiundzwanzigste Lektion:

Von den geistlichen Übungen des Oratoriums

 

Um einen wahren Begriff von diesen Übungen zu erhalten, wird es nicht am unrechten Ort sein, eines von den Kapiteln anzuführen, dass sich auf sie bezieht, und dem Konstitutionen der Kongregation entnommen ist. Dieses Kapitel, das zwölfte, umfasst solche Übungen, die aller Orten vorgenommen werden können, selbst wo die Kongregation nicht besteht.

 

Zwölftes Kapitel

 

In dem Oratorium werden jeden Abend, wenn das gewöhnliche Zeichen gegeben ist, die Lampe und die Kerzen angezündet, und man stellt das Stundenglas auf den Altar vor das Bildnis der seligsten Jungfrau Maria. Die Gebetsweise ist folgende: Die erste halbe Stunde wird in der Stille oder, wie man sagt, im innerlichen Gebet zugebracht. Dann werden die übrigen Kerzen auf dem Altar von dem Sakristan angezündet, und auf das gewöhnliche Zeichen beginnt der Priester, der für die Woche den Dienst hat, die Litaneien und Gebete, während die Versammelten abwechselnd respondieren. Wenn der Priester an die Kollekte für den Frieden kommt, die so beginnt: "Deus a quo sancta desideria etc.", nehmen zwei Brüder des Oratoriums Bildnisse des lieben Jesus vom Altar, knien nieder und bieten sie zuerst dem Priester zum Kuss dar. Er küsst sie und spricht: "Pax tecum". Darauf verneigen sie ihre Häupter und antworten: "Et cum spiritu tuo". Darauf bieten sie das Kruzifix jedem von den im Oratorium Versammelten zum Kuss dar, und bedienen sich dabei desselben Grußes wie der Priester. Wenn die übrigen Gebete vorüber sind, fordert er die Versammelten laut auf, Gott um die Gnade der endlichen Beharrlichkeit zu bitten. Zu diesem Ende betet er laut fünf Vaterunser und Ave Maria, indem er spricht: "Lasset uns Gott um die Gnade der Beharrlichkeit bitten" etc. Ist dies geschehen, so fordert er sie noch einmal auf, dieselben Gebete zweimal für den Papst, die Kardinäle und Bischöfe zu wiederholen, für die Eintracht unter den christlichen Fürsten, für die Ausbreitung des Glaubens, die Ausrottung der Ketzereien und die Bekehrung der Sünder. Dann werden ein Vaterunser und Ave Maria für die verstorbenen Brüder des Oratoriums gesprochen, damit Gott ihnen die ewige Ruhe verleihen möge. Nach dem Versikel: "Gott schenke uns seinen Frieden", wird entweder das Salve Regina oder die für die Zeit passende Antiphon der seligsten Jungfrau gesungen. Zuletzt bezeichnen diejenigen, die zuerst den übrigen und dann einander den Friedenskuss mit den heiligen Bildern gaben, dem Priester die verschiedenen Anliegen, für die diesmal gebetet werden soll, und er bittet alle Anwesenden, noch ein Vaterunser und Ave Maria in dieser Meinung zu beten. Ist dies vorüber und hat der Priester den Versikel gesprochen: "Die göttliche Hilfe bleibe immerdar bei uns", dann verneigen sich alle und küssen den Boden, und das Oratorium ist zu Ende.

 

Dies ist die gewöhnliche Gebetsweise, außer am Montag, Mittwoch und Freitag und in der ganzen Karwoche, da an diesen Tagen zur Erinnerung an die Geißeln, mit denen unser unschuldiger Herr Jesus Christus um unsertwillen verwundet wurde, alle sich im Oratorium zu geißeln pflegen. Die gewöhnliche Übung an diesen Tagen, wenn sie nicht Festtage sind oder in die Osterwoche fallen, ist folgende: Nach dem halbstündigen stillen oder innerlichen Gebet verteilen einige, die den Auftrag dazu haben, allen Anwesenden Geißeln, die aus Stricken mit Knoten gemacht sind, dann werden die Knaben, die etwa anwesend sind, hinausgeschickt, die Tüten und Fenster sorgfältig verhüllt und die Lichter ausgelöscht, mit Ausnahme einer kleinen Lampe, die in einer Laterne über dem Altar aufgehängt ist, so jedoch, dass nur das Bild des an das Kreuz genagelten Christus deutlich sichtbar ist. Nachdem nun das ganze übrige Zimmer in Finsternis gehüllt ist, beginnt der Priester in klagenden Tönen die Worte: "Jube Domine, benedicere. Möge das Leiden unseres Herrn Jesu Christi immer in unseren Herzen sein."

 

"Gedenket, meine teuersten Brüder, dass unser Herr Jesus Christus um unsertwillen verkauft und mit einem Kuss verraten, zuerst zu Annas, dann zu dem Hohenpriester Kaiphas und schließlich zu Pilatus in seine Gerichtshalle geführt wurde. Hier band man Ihn an eine Säule und geißelte Ihn, krönte Ihn mit einer Dornenkrone, kleidete Ihn in ein Purpurgewand, schlug Ihn mit Fäusten und spie Ihm ins Angesicht. Hierauf wurde Er den Juden zur Kreuzigung übergeben, auf den Kalvarienberg hinausgeführt und gekreuzigt. Zwei Räuber wurden mit Ihm gekreuzigt, der eine zu Seiner Rechten, der andere zu Seiner Linken, und als Er sagte: "Mich dürstet", bot man Ihm Essig zum Trinken dar. Als Er ihn genommen hatte, rief Er aus: "Es ist vollbracht", neigte Sein Haupt und gab den Geist auf. (Hier schlagen alle an die Brust.) Alsdann öffnete einer der Soldaten mit einer Lanze seine Seite und sogleich sprang Blut und Wasser hervor. Er wurde hierauf vom Kreuz abgenommen und in ein neues Grab gelegt und am dritten Tag stand Er wieder auf von den Toten. Tu autem Domine miserere nobis."

 

R. Deo gratias. Sodann folgt:

 

Servite Domino in timore et exultate ei cum tremore; apprehendite disciplinam etc. (Ergreifet die Geißel.)

 

Bei diesen Worten nehmen sie die Geißeln zur Hand und schlagen sich auf das bloße Fleisch, bis der 50. Psalm Miserere etc, und der 129. Psalm, der mit den Worten "De profundis" beginnt, laut und andächtig gesprochen sind und ebenso die Gebete: Fidelium Deus omnium conditor et redemptor etc., und Deus, qui culpa offenderis etc. Am Ende derselben wird ein Zeichen gegeben und das Geißeln hört auf. Alsdann fordert der Priester sie auf, fünf Vaterunser und Ave Maria zu beten, ferner zwei weitere für den Papst etc., und eins für die verstorbenen Gläubigen, gerade wie sie es an den andern Tagen zu tun pflegen, wenn sie die Geißelung nicht vornehmen. Unterdessen ziehen sie im Finstern und in der Stille ihre Kleider wieder an. Danach beten sie laut den Lobgesang Simeons: "Jetzt Herr lässt du deinen Diener im Frieden scheiden usw. Derjenige, der dazu aufgestellt ist, hält sich inzwischen bereit, sobald er die Worte hört: "Licht zur Erleuchtung der Heiden usw.", die Laterne zu öffnen und die Lichter wieder anzuzünden. Der Priester fährt mit den Gebeten "Da pacem Domine etc." fort und wenn das Gebet: "Deus a quo sancte desideria etc." vorüber ist, werden die heiligen Bilder genau in derselben Weise wie an anderen Tagen zum Friedenskuss dargeboten. Sind inzwischen die Gebete, die folgen, verrichtet, so schließt der Priester mit der Bitte: "Der Herr schenke uns seinen Frieden." R. "Und das ewige Leben, Amen." Zuletzt begrüßt man die heilige Jungfrau, die Mutter Gottes mit der gewöhnlichen Antiphon, die der Jahreszeit entspricht. Alles Übrige ist wie an anderen Tagen, wenn die Geißelung nicht vorgenommen wird.

 

1. Die Übungen, die an den Sonntagen vorgenommen werden

 

Der Pförtner oder irgend ein anderer Diener öffnet die Tür des Oratoriums früh am Sonntag Morgen, und ein Mitglied liest laut aus irgend einem Buch von praktischem Nutzen vor, bis die Zuhörer in hinlänglicher Menge versammelt sind. Nun lässt der Präfekt oder der Assistent des Präfekten sie alle niederknien, legt ihnen irgendeinen frommen Gegenstand zur Meditation vor und fährt danach mit den Litaneien und anderen Gebeten fort, wie sie in der Regel jeden Nachmittag gehalten werden. Sind sie vorüber, so hält einer von den Priestern, die nicht zum Beichthören bestimmt sind, eine Rede nach dem Evangelium des Tages, in ganz einfachem Stil, die aber nicht mehr als eine halbe Stunde dauert. Er ermahnt darin seine Zuhörer, die Sünde zu vermeiden, in der Übung der Vollkommenheit zu beharren und in jeder Art von Tugend standhaft zu bleiben. Ist die Rede beendet und ein Vaterunser und Ave Maria gesprochen, so fragt der Präfekt, ob irgend einer von den Anwesenden einen der Brüder krank wisse, damit er die zu diesem Dienst bestimmten oder einen anderen, den er wünsche, zum Besuch des Kranken abschicken könne, um ihn zu trösten, seinen Kummer oder seine Armut zu erleichtern, und ihn zum Bekenntnis seiner Sünden und zum geduldigen Ertragen seines Leidens zu ermahnen. Der Name der kranken Bruders und sein Aufenthaltsort wird auf eine Tafel geschrieben, damit die Pflicht, ihn zu besuchen und für ihn zu beten, nicht vergessen werde. Am letzten Sonntag eines jeden Monats werden die Mitglieder aufgefordert, sich für den Empfang der heiligen Kommunion vorzubereiten, da sie am ersten Sonntag eines jeden Monats das heilige Sakrament zu empfangen pflegen. Nach dem Essen werden sodann im Oratorium entweder kurze Sprüche, die auf Papierstreifen geschrieben sind, oder Bilder der Heiligen ausgeteilt, so dass jeder eins bekommt, unter dem er geschrieben findet, um was er den Herrn durch den Heiligen bitten soll, dessen Bild ihm zuteil geworden ist.

 

2. Andere Übungen nach dem Essen an Sonn- und Festtagen

 

An jedem Festtag, sobald die Vesper in der Kirche gesungen und die Predigt gehalten ist, gehen einige von den Priestern und Laienbrüdern neben den auswärtigen Mitgliedern des Oratoriums an einen Ort außerhalb der Stadt, den sie sich auserwählt haben. Hier setzen sie sich alle auf das Gras nieder, und die, die musikalisch sind, stimmen irgendein heiliges Lied an. Hierauf hält einer aus dem Gedächtnis eine Rede, die ihm vom Präfekten des Oratoriums schriftlich übergeben worden ist. Wenn sie vorüber ist, so wird wieder gesungen. Alsdann steht der Präfekt des Oratoriums oder irgendein anderes von den Vätern bestimmtes Mitglied auf und schlägt mit so kurzen Worten als möglich irgendein Thema vor, das sich auf das christliche fromme Leben bezieht, und lädt einen der Anwesenden ein, darüber zu sprechen, hierauf einen anderen und, wenn Zeit da ist, sogar einen dritten. Wenn sie gesprochen haben, so wird eine Hymne gesungen, und alle kehren dann nach Hause oder zum Oratorium zurück. Wenn die Hitze zu groß ist, um an solche Orte hinauszugehen, so begeben sie sich in irgendeine Kirche. Allein im Winter, vom ersten November bis Ostern, gehen sie an Festtagen, wenn die Abendglocke das Ave Maria läutet, in das Oratorium. Eine halbe Stunde wird hier mit innerlichem Gebet zugebracht, die Litaneien werden laut gelesen oder gesungen, die gewöhnliche Zahl von Vaterunser und Ave Maria wird gebetet, und die der Jahreszeit angemessene Antiphon der seligsten Jungfrau mit Begleitung der Musik gesungen. Der Priester der Kongregation, an dem die Reihe zu predigen ist, teilt den Anwesenden das Wort Gottes eine halbe Stunde lang mit, die drei gewöhnlichen Vaterunser werden gesprochen neben den Begrüßungen der jungfräulichen Mutter Gottes, und alsdann wird die Versammlung entlassen. 

 

Allerdings setzt die ganze Beobachtung alles dessen, was in dem angeführten Kapitel enthalten ist, das Bestehen einer Kongregation des Oratoriums an einem Ort voraus, und wollte Gott, dass dieses Institut aller Orten zu finden wäre! Aber auch, wo es nicht besteht, kann man die frommen Übungen, wenn nicht ganz, so doch wenigstens zum Teil vornehmen, denn wie Pater Bacci in dem Leben des Heiligen sagt, führte er das gemeinsame Gebet in viele der ersten Häuser Roms ein, so dass die Familienväter und Mütter sich jeden Abend mit ihrer Haushaltung in ihr Betzimmer zurückzogen, um miteinander in der besagten Art und Weise zu beten, wie die Übungen im Oratorium abgehalten werden. Wenn diese Ordnung und Methode in Privathäusern nicht beobachtet werden kann, wie viel besser würde es in Kirchen gelingen, wenn es Personen gäbe, deren heiliger Eifer solche frommen Übungen einführen würde! Unter andern können die folgenden angewendet werden:

 

Täglich eine halbe Stunde innerliches Gebet, entweder gemeinsam in der Kirche oder im eigenen Haus.

 

Abbeten der Litaneien neben mündlichem Gebet jeden Tag.

 

Beten des Vaterunsers und des Ave Maria, fünfmal jeden Tag, um Gott um die Gabe der Beharrlichkeit in seinem heiligen Dienst zu bitten.

 

Diese genannten Gebete zweimal für den Papst, für die Eintracht unter den christlichen Fürsten, für die Ausbreitung des Glaubens, die Ausrottung der Ketzereien und die Bekehrung der Sünder. 

 

Einmal für die verstorbenen Brüder des Oratoriums, und noch einmal für die, die unseren Gebeten empfohlen sind.

 

Das Absingen der Antiphon unserer seligsten Jungfrau jeden Tag.

 

Besuch der Kranken in den Spitälern oder in ihren eigenen Häusern.

 

Diejenigen, die nach dem Beispiel des heiligen Philipp zu diesen noch andere fromme Übungen hinzufügen wollen, müssen vor allem folgende wichtige Vorschrift von ihm zu erfüllen suchen: Gott immer vor Augen zu haben, früh am Morgen zum innerlichen Gebet aufzustehen, jeden Tag die heilige Messe zu hören, ein Kapitel im Leben der Heiligen oder in irgend einem Erbauungsbuch zu lesen, im Laufe des Tages bald das eine bald das andere von den Schussgebetlein zu wiederholen, die der Heilige lehrte, und die in der Lektion über das innerliche Gebet angeführt wurden. Endlich sollen sie vor dem Zubettgehen die Hymne: "Te lucis ante terminum" mit Andacht beten. 

 

Um uns zu diesen heiligen Übungen zu ermuntern, wird es von Nutzen sein, wenn wir das Beispiel der ersten Priester des Oratoriums und die Früchte betrachten, die ihre Seelen daraus zogen. Denn auch wir können einen ähnlichen Segen hoffen, wenn wir uns diesen frommen Übungen mit Eifer hingeben.

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Vierundzwanzigste Lektion:

Vom Kirchenbesuch

 

Wenn wir in eine Kirche gehen, um der göttlichen Majestät unsere Huldigung darzubringen, so ist es gut, wenn wir auf dem Weg unseren Geist auf Gott gerichtet zu halten suchen. Wir dürfen uns nie aus Neugierde verleiten lassen, an Festtagen Kirchen zu besuchen, um da eine ausgezeichnete Musik zu hören. Auch dürfen wir uns nicht durch die Ausschmückung der Kirche anziehen lassen, sondern wir sollen unsere innere Aufmerksamkeit darauf richten, was zur Ehre Gottes und seiner Heiligen getan wird, ohne die Augen nach den Dekorationen der Kirche zu wenden, weder vor noch nach dem Gottesdienst. Der Hauptzweck, warum wir in eine Kirche gehen, muss ein geistlicher sein und nicht leibliche Erholung. Auf dem Weg dahin müssen wir uns vor eitlem Geschwätz bewahren und dem Beispiel des Heiligen folgen, der entweder mit seinen geistlichen Kindern auf dem Weg meditierte oder sich mit ihnen über heilige Dinge unterhielt. Ferner sollen wir jene Kirchen vorziehen, in denen kein zu großer Zusammenlauf des Volkes stattfindet. Pater Consolini glaubte, dass man da, wo eine große Menge Menschen beisammen ist, eher Gefahr läuft, die Andacht, die man besitzt, zu verlieren, als dass man sie zu erlangen hoffen darf. Mit besonderer Andacht müssen wir zu den Kirchen gehen, wo das Allerheiligste für das Vierzigstündige Gebet ausgesetzt ist, nach dem Beispiel des Heiligen, der oft ganze Nächte vor dem hochwürdigten Gut zu beten pflegte. Pater Juvenale blieb, wenn es ihm möglich war, täglich mehrere Stunden in der Kirche, wo das Allerheiligste ausgesetzt war, und sein Bruder, nicht nur dem Blut, sondern auch dem Geist nach, ermahnt uns, Jesus in Stunden zu besuchen, wo kein großer Zusammenlauf von Leuten in der Kirche stattfindet. Er sagt mit heiliger Einfalt: "Jedermann sucht eine Audienz vor dem Fürsten zu erhalten, wenn das Gedränge nicht groß ist. Ebenso ist dies die beste Zeit, um eine Audienz von Gott nachzusuchen." Zuweilen ging er, wenn der Regen vom Himmel strömte, und wenn ihn jemand abzuhalten suchte, versetzte er: "Dies ist die Zeit zu gehen. Niemand ist in der Audienz, der Herr wartet, ich muss gehen." Wenn wir in der Kirche beten, so sollen wir so viel als möglich einsame Orte auswählen, wie es der Heilige machte, der am liebsten in dem unbesuchtesten Teil der Kirche seine Gebete verrichtete, und dabei sollen wir alles vermeiden, was auffallend ist und dazu dienen könnte, dass andere eine hohe Meinung von unserer Frömmigkeit bekommen.

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Fünfundzwanzigste Lektion:

Von der fühlbaren Andacht, von geistlichen Tröstungen und Süßigkeiten

 

Nach der Lehre unseres Heiligen gibt es drei Grade im geistlichen Leben. Der erste heißt das tierische Leben, das diejenigen führen, die fühlbarer Andacht nachjagen, die Gott gewöhnlich den Anfängern verleiht, damit sie durch diesen Genuss angezogen, sich ganz dem geistlichen Leben ergeben. Der zweite Grad ist das menschliche Leben. Es ist das Leben derjenigen, die, ohne eine geistliche Süßigkeit zu empfinden, aus Liebe zur Tugend gegen ihre Leidenschaften ankämpfen, wie es einem Menschen geziemt. Der dritte Grad heißt das englische Leben. Auf diese Stufe gelangen jene, die, nachdem sie sich lange in der Beherrschung ihrer Leidenschaften geübt haben, von Gott ein stilles, ruhiges, fast englisches Leben schon in dieser Welt empfangen, ohne Unruhe oder Angst zu empfinden. Der Heilige ermahnt uns, auf der zweiten Stufe zu verharren, da wir alsdann zur rechten Zeit von Gott zur dritten erhoben werden. Der Rat, den uns der Heilige in dieser Hinsicht gibt, ist folgender: Die Vollkommenheit besteht nicht in gewissen äußeren Dingen, z.B. im Vergießen von Tränen und dergleichen, und Tränen sind kein Beweis, dass eine Person in der Gnade Gottes steht. Wir dürfen uns nicht einbilden, dass ein Mensch ein geistliches Leben führt, bloß deshalb, weil er weint, wenn von heiligen Dingen die Rede ist. Dies erhellt aus dem Umstand, dass selbst schlechte Personen wegen jeder Kleinigkeit weinen, aber deshalb um nichts besser sind. Geistliche Tröstungen sollen wir so viel als möglich verborgen halten, und es ist überhaupt gut, sie nie zu suchen, aus dem Grunde, weil man dabei leicht vom Teufel hintergangen werden kann.

 

In Beziehung auf geistliche Süßigkeit müssen wir sehr auf unserer Hut sein, da immer eine Gefahr der Sünde dahintersteckt. Wir müssen uns daher, wenn sie in der Seele empfunden wird, sogleich demütigen und zu Gott bitten, dass die Gefahr nicht eine Todsünde oder irgend eine Prüfung sein möge, die uns von seiner Gnade trennen kann. Wir müssen ferner bitten, dass wir Ihn dann nicht einmal mit einer lässlichen Sünde beleidigen, da die geistige Süßigkeit in der Regel der Vorläufer einer solchen Gefahr ist. Spüren wir einen außerordentlichen Grad solcher süßen Tröstungen, so müssen wir uns auf irgend eine schwere Trübsal oder Prüfung gefasst machen, und wenn wir uns ein wenig mehr zum geistlichen Leben aufgelegt finden als gewöhnlich, so müssen wir Gott um die Stärke bitten, alles zu ertragen, was sein heiliger Wille uns etwa senden mag.

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Sechsundzwanzigste Lektion:

Von der geistlichen Trockenheit

 

In Bezug auf die Trockenheit, in der die Seele sich zuweilen befindet, gibt uns der heilige Philipp folgende Lehren: Im Anfang scheint der geistliche Fortschritt groß zu sein, aber nachher stellt sich der Herr, als gehe er weiter. In diesem Fall müssen wir festen Stand halten und dürfen nicht beunruhigt werden, denn Gott entzieht uns zuweilen die Süßigkeit, die seine Hand gewährt, um unsere Stärke zu prüfen, und wenn wir dann diesen Trübsalen und Versuchungen widerstehen und sie überwinden, so kehren die himmlischen Tröstungen zurück. Wir müssen deshalb nach dem Besitz der Tugend trachten, und am Ende wird der Herr uns seine Tröstungen im doppelten Maß verleihen. Wir müssen gleichmäßig darauf gefasst sein, zu leiden und im Dienst Gottes und in unseren Andachten Trockenheit zu verspüren, so lange es Gott gefällt, und wir dürfen uns nicht darüber beklagen. In diesem Punkt müssen wir uns das Beispiel des heiligen Philipp vor Augen stellen. Obwohl er im Gebet die köstlichsten geistlichen Tröstungen empfand, so hätte er Gott doch gerne ohne einen solchen Genuss gedient, einfach aus Liebe.

 

In solchen Zeiten geistlicher Trockenheit schreibt uns der Heilige ein vortreffliches Heilmittel vor. Wir sollen uns nämlich vorstellen, in den Augen Gottes und seiner Heiligen Bettler zu sein, und sollen bald zu diesem Heiligen und bald zu einem anderen gehen, um ein geistliches Almosen bitten, mit der jener Zudringlichkeit, womit die Armen zu betteln pflegen. Dies kann auch zuweilen äußerlich getan werden, indem man zuerst zu der Kirche des einen Heiligen geht, und dann zu der eines anderen, und um dieses heilige Almosen bittet.

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Siebenundzwanzigste Lektion:

Von den Verzückungen

 

Es ist nichts Wunderbares, dass die Seele, die der edlere Teil von uns ist, den Leib mit sich fortreißt, wenn sie von der Beschauung himmlischer Dinge entflammt wird. Der heilige Philipp empfahl aber den Seinigen, solche Verzückungen geheim zu halten, und prägte ihnen dies durch sein eigenes Beispiel ein. Es gefiel Gott, ihn in den Stand zu setzen, die unaussprechlichen Geheimnisse der göttlichen Größe in den wunderbaren Verzückungen zu durchdringen, die während seines ganzen Lebens bei ihm sehr häufig vorkamen. Allein aus Demut wandte er alle möglichen Mittel an, sie geheim zu halten.

 

Als einst Pater Franz Bordini über die Verzückungen eine Predigt hielt, bestieg der heilige Philipp, sobald er fertig war, die Kanzel und sagte, da der Pater über die Verzückungen gesprochen habe, so wünsche er noch ein Wort beizufügen, und dann fuhr er fort: "Ich kannte eine Frau von heiligem Lebenswandel, die beständig Verzückungen hatte. Später aber entzog Gott ihr sie. Wann, glaubt ihr wohl, schätzte ich diese Frau am höchsten, als sie diese Verzückungen hatte oder als sie sie entbehrte? Ich schätzte sie unvergleichlich mehr, als sie ohne sie war." Nachdem er dies gesagt hatte, stieg er von der Kanzel herab und entfernte sich. Ein anderes Mal sprach der Heilige auf der Kanzel gegen diejenigen, die Visionen, Verzückungen und dergleichen so leicht Glauben schenkten, und sagte: "Ich kenne eine Person, die hier anwesend ist, und die, wenn sie will, in Verzückung geraten kann, da ihr Gott unter anderen Gnaden auch diese verliehen hat. Allein diese Dinge müssen gemieden und geheim gehalten werden." Nachdem er dies gesagt hatte, fühlte er sich selbst im Geist verzückt und wandte alle Mühe an, um nicht in eine vollkommene Ekstase zu geraten. Er konnte aber in seinem Vortrag nicht fortfahren und rief aus: "Wer Verzückungen und Visionen wünscht, weiß nicht, was er verlangt. O wenn ihr wüsstet, was eine Verzückung ist!" Dabei brach er in Tränen aus, stieg von der Kanzel herab und entfernte sich. Um den Geist ekstatischer Personen zu prüfen, müssen wir dem Beispiel des Heiligen folgen, der der Schwester Ursula Benincasa, die beständige Verzückungen hatte, viele Monate lang verschiedene Abtötungen auflegte. Der Heilige fand dadurch, dass sie wirklich einfältigen und reinen Herzens war, und dass Gott sie auf diesem Weg zur Vollkommenheit führte. 

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Achtundzwanzigste Lektion:

Von den Visionen

 

Da der heilige Philipp vermöge seines frommen Lebenswandels und langer Erfahrung große Kenntnisse besaß, und die wahren von den falschen Visionen wohl unterscheiden konnte, brachte er fast jedes Mal, sooft er den Gegenstand behandelte, die allgemeine Lehre der heiligen Väter vor, dass wir den Visionen gewöhnlich nicht Glauben schenken sollen, um nicht leicht hintergangen zu werden. Er sagte, es sei schwer, sie zu empfangen, ohne stolz zu werden, und noch schwerer, uns ihrer unwürdig zu halten und nicht den süßen Genuss der Visionen, der Geduld, dem Gehorsam und der Demut vorzuziehen. Er sagte ferner, dass Gesichte, sowohl wahre als falsche, auch von jenen gesehen werden, die sie nicht wünschen, und dass deshalb niemand mit Zuversicht sagen könne: "Ich wünsche sie nicht und werde deshalb keinen Täuschungen ausgesetzt sein." Eine weitere Bemerkung von ihm war, dass Visionen, die weder uns selbst, noch der heiligen Kirche von Nutzen sind, nicht beachtet werden dürfen, und dass wahre Visionen uns zuerst Furcht oder Schrecken einjagen, aber uns dann mit großem Frieden und mit vieler Ruhe erfüllen, während andere gerade das Gegenteil verursachen.

 

Der Heilige empfiehlt uns, die Visionen mit aller Macht zurückzuweisen. Wir dürfen nicht fürchten, Gott dadurch zu missfallen, da dies eines der Mittel ist, die wahren von den falschen Visionen zu unterscheiden. Der Heilige ließ die Seinigen dieses Mittel zuweilen anwenden. Einst in der Nacht erschien dem Franz Maria von Ferrara der Teufel in der Gestalt der seligsten Jungfrau. Franz erzählte am Morgen die ganze Sache dem heiligen Philipp, der zu ihm sagte: "Dies ist der Teufel und nicht die heilige Jungfrau; wenn er daher wieder kommt, spucke ihm ins Gesicht." In der folgenden Nacht kam dieselbe Erscheinung wieder. Franz spuckte ihr ins Gesicht und sie verschwand augenblicklich. Da er zu beten fortfuhr, kam kurze Zeit danach die heilige Jungfrau wirklich. Er wollte spucken, aber sie sprach zu ihm: "Spucke, wenn du kannst." Er versuchte es, fühlte aber, dass sein Mund und seine Zunge so ausgetrocknet waren, dass er es nicht vermochte. Hierauf verschwand die Erscheinung, indem sie ihn mit Freude und süßem Trost erfüllte, und daran erkannte er ihre Wahrheit.

 

Wir müssen uns sehr in Acht nehmen, Visionen zu wünschen, denn der Heilige hielt dies für höchst gefährlich, weil manche, die diesem Verlangen folgten, den größten Schaden an ihrer Seele litten. Der Heilige warnte auch die Beichtväter, auf die Offenbarungen ihrer Beichtkinder in dieser Hinsicht kein Gewicht zu legen, besonders bei Frauen, weil sie zuweilen im geistlichen Leben weit voran scheinen, aber meistens kommt es auf nichts heraus. Schließlich erinnerte er die Beichtväter immer daran, dass die, die ohne Flügel fliegen wollen, an den Füßen gehalten und mit Gewalt auf die Erde herabgezogen werden müssen, damit sie nicht in das Netz des Teufels fallen. Er verstand darunter diejenigen, die Visionen, Träumen und dergleichen nachjagen. Wir sollen vielmehr immer auf dem Weg der Abtötung unserer Leidenschaften und der heiligen Demut gehen.

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Neunundzwanzigste Lektion:

Vom eitlen Ruhm

 

Wenn wir manchmal ein gutes Werk verrichten, müssen wir es zu verbergen suchen nach dem Beispiel unseres Heiligen. Als ihn einst ein Prälat antraf, wie er bei der Lesung des Lebens der Heiligen Tränen vergoss, fragte er ihn, warum er weine. Darauf versetzte Philipp: "Soll ich nicht weinen, da ich ein armer Waise bin, ohne Vater und Mutter?" Seine fromme Sorgfalt, seine guten Werke zu verbergen, haben wir in der Lektion über die Demut dargestellt. Indessen wollte der Heilige uns nicht vom Gutestun zurückhalten, damit wir den eitlen Ruhm vermeiden könnten. Denn gemäß der Lehre der heiligen Väter unterschied der Heilige drei Arten von eitlem Ruhm. Die erste nannte er die Herrin, d.h. wenn die eitle Ruhmsucht dem Werk vorangeht und der Zweck ist, weshalb wir es verrichten. Die zweite bezeichnete er die Begleiterin, wenn das Werk zwar nicht aus einer ruhmsüchtigen Absicht verrichtet wird, wenn wir aber dennoch ein Wohlgefallen daran finden. Die dritte nannte er die Dienerin, wenn die eitle Ruhmsucht, die während der Verrichtung des Werkes in uns aufsteigt, sogleich unterdrückt wird. Der heilige Philipp empfiehlt uns Sorge zu tragen, dass der eitle Ruhm nie Herr wird, denn wenn er Begleiter ist, nimmt er das Verdienst des Werkes nicht hinweg, obschon die Vollkommenheit darin besteht, den eitlen Ruhm zu unterdrücken, wenn wir eine gute Handlung verrichten.

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Dreißigste Lektion:

Von den Skrupeln

 

Die Heilmittel und Lehren, 

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Einunddreißigste Lektion:

Vom Almosen

 

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Zweiunddreißigste Lektion:

Vom Krankenbesuch

 

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Dreiunddreißigste Lektion:

Wie wir die Verwandten des Verstorbenen trösten sollen

 

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Vierunddreißigste Lektion:

Wie die Kranken sich während ihrer Krankheit verhalten sollen

 

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Fünfunddreißigste Lektion:

Von Trübsalen, Verfolgungen, Widerwärtigkeiten und von den Leidenschaften der Seele

 

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Sechsunddreißigste Lektion:

Von der Fröhlichkeit und dem Trübsinn

 

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Siebenunddreißigste Lektion:

Von den Erholungen

 

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Achtunddreißigste Lektion:

Vom Gespräch

 

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Neununddreißigste Lektion:

Von der Zurechtweisung

 

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Vierzigste Lektion:

Vom Stillschweigen und von der Zurückgezogenheit

 

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Einundvierzigste Lektion:

Vom Studium

 

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Zweiundvierzigste Lektion:

Vom Essen

 

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Dreiundvierzigste Lektion:

Vom Schlafen

 

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Vierundvierzigste Lektion:

Von der Standesänderung

 

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Fünfundvierzigste Lektion:

Von der Beharrlichkeit – ihre Notwendigkeit

 

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Sechsundvierzigste Lektion:

Von der Vorbereitung auf den Tod

 

So lange wir gesund sind, sollen wir uns auf den Tod vorbereiten. Deshalb legte auch der heilige Philipp das Amt eines Superior nieder, indem er sagte, er sei alt und brauche Zeit, um sich auf einen guten Tod zu bereiten. Wie nun der Heilige sich den Tod immer vergegenwärtigte, so sollen auch wir ihn uns beständig vor Augen stellen. Dies wird eine der besten Vorbereitungen sein, um gut zu sterben. Wir erfahren aus dem Leben des heiligen Philipp, worin seine Vorbereitung auf den Tod bestand. Er suchte sich sein ganzes Leben lang immer mehr von allem Irdischen loszureißen, und Herz und Geist mit himmlischen Dingen zu erfüllen.

 

Wenn wir gleich nicht an der einen Krankheit sterben, so müssen wir doch zuletzt an einer anderen sterben. Wir sollen uns vorstellen, immer die Stimme des heiligen Philipp zu hören, der sagt: „Für diejenigen, die Gott gedient haben, ist der Tod überaus erwünscht und kostbar. Die wahren Diener Gottes ertragen das Leben mit Geduld und sehnen sich nach dem Tod. Könnte eine Seele sich ganz von lässlichen Sünden enthalten, so wäre es das größte Leiden für sie, in diesem Leben zurückgehalten zu werden, wegen ihrer heftigen Sehnsucht, sich mit Gott zu vereinigen.“ Um unseren Schrecken vor dem Tod zu vertreiben, ermuntert uns der Heilige, in einem geistlichen Leben zu verharren, indem er sagt: „Der Herr sendet einem gottesfürchtigen Menschen nie den Tod, ohne ihm eine Warnung von seiner Nähe zu geben, und ihm ein außerordentliches Maß von Gnade zu verleihen.“ In der Tat sagte der Heilige öfters, wenn er krank war: „Ich werde nicht an dieser Krankheit sterben, denn Gott, der mir bisher so viele Gnaden erzeigt hat, würde mich jetzt nicht so ohne alle Inbrunst lassen, wenn dies die Stunde meines Todes wäre.“ Als er einst seinem Ende nahe schien, wandte er sich mit heiterem Angesicht zu den Personen, die ihn umstanden und sagte: „Was fürchtet ihr euch? Ich habe nicht die geringste Furcht.“ Ebenso hatten diejenigen, die bei ihm in die Schule gingen, keine Furcht vor dem Tod, sondern schienen ihn vielmehr zu wünschen. Als Pater Juvenale seinem Tod nahe war und ein anwesender Pater Kapuziner zu ihm sagte: „Lasset uns zu Gott beten, dass dein Leben erhalten werden möge, so erwiderte der Diener Gottes: „Sinite me abire, melius mihi erit in paradiso.“ (Lasset mich fortgehen, besser wird mir im Himmel sein.) Wenn wir durch die göttliche Gnade im Gutestun verharrten, was wir durch die Nachahmung der Tugenden unseres Heiligen tun können, so werden wir, wenn uns der Tod angekündigt wird, mit ihm sagen können: „O mein Herr, wenn du mich haben willst, hier bin ich! O mein Herr, ich habe dich nicht erkannt, ich habe nichts Gutes getan.“ Diese Worte pflegte der Heilige mit vielen Tränen zu wiederholen. Wir können auch wie er, wenn uns die Ärzte aufgeben, sagen: „Paratus sum et non turbatus.“ (Ich bin bereit und nicht beunruhigt.) Als Baronius dem Tod nahe war, und ihm einer seiner Freunde Mut zusprach, denn er könne auf die Belohnung seiner Arbeiten hoffen, erwiderte er: „Sprich nicht so; ich fürchte und zittere, und es gibt niemand, der nicht Ursache hätte, zu fürchten, namentlich in dieser Stunde.“ Als man aber die Aussegnung der Seele begann, brach er mit großer Inbrunst in die Worte aus: „Ecce nunc tempus exultationis et laetitiae, moriamur!“ (Siehe, nun kommt die Zeit des Jubels und der Freude, lasset uns sterben!) Und er starb mit diesen wahren Zeichen der Freudigkeit, die er als ein würdiger Sohn von seinem heiligen Vater Philipp erbte, der bis zum letzten Atemzug in heiliger Fröhlichkeit verharrte.

 

Indem der heilige Philipp in den Krankheiten, die man für tödlich hielt, eine Generalbeicht ablegte, obgleich er selbst sie nicht für so gefährlich ansah, gibt er uns ein Beispiel, ihm nachzuahmen, wenn wir krank sind. Wenn wir die heilige Wegzehrung empfangen, müssen wir uns die Demut unseres Heiligen zum Muster nehmen, der bei den Worten: „Herr, ich bin nicht würdig“, sie mit großer Inbrunst wiederholte und hinzufügte: „O mein Herr, ich bin nicht würdig, ich war nie würdig, und habe nie etwas Gutes getan.“ Wir sollen uns, wie Baronius, als Vorbereitung auf einen seligen Tod in Schussgebetlein und in frommen Anmutungen zu Gott und seinen Heiligen üben. Pater Johann Ancina übte sich beständig in Akten der Reue und sprach dabei häufig die Worte: „Herr, lass mich fortgehen, befreie meine Seele aus ihrem Gefängnis! Komm, o Herr, und zögere nicht!“

 

Was die Visionen betrifft, die zuweilen denjenigen erscheinen, die im Begriff sind zu sterben, so gibt uns der heilige Philipp den Rat, den Visionen nicht Glauben zu schenken, besonders solchen, die uns noch ein längeres Leben versprechen. Diese sind meistens Vorspiegelungen des Teufels, der gern hätte, dass wir ohne Vorbereitung und mit der Hoffnung noch länger zu leben, sterben sollen. In dem schrecklichen Augenblick des Todes können wir, wenn wir dem heiligen Philipp durch Nachahmung seiner Tugenden treu ergeben gewesen sind, hoffen, die Früchte unserer Andacht zu ernten, da unser Heiliger den Sterbenden schon oft wunderbar beigestanden ist. Der Cardinal Crescentio sagt in dieser Hinsicht: „Er versprach mir und vielen anderen, in unserer Todesstunde gegenwärtig zu sein, und ich hoffe, es wird so sein, denn ich weiß, dass er meiner sterbenden Schwester erschienen ist.“ Deshalb können wir, wenn wir unsere erste Hoffnung auf das Blut setzen, das unser Erlöser für uns vergossen hat, sagen: „Ich habe kein Vertrauen auf mich selbst, aber ich hoffe, durch das Blut Christi unter dem Beistand des heiligen Philipp selig zu werden. O Maria, Mutter Jesu, und du, heiliger Philipp, steht mir bei!“ Wenn der höllische Feind uns mit Versuchungen plagt, oder uns hässliche Gesichte vorstellt, so wollen wir uns erinnern, dass schon der Name „Philipp“ den bösen Geistern schrecklich war, die flohen, wenn sie ihn hörten, und aufhörten, die Sterbenden zu versuchen.

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Aus dem Buch "Die Schule des heiligen Philipp Neri" von Pater Frederick William Faber, Superior des Oratoriums zu London, Regensburg 1861