Maria vom guten Rat

 

 

Die allerbeste Ratgeberin

 

Maria wird von der Kirche in der Lauretanischen Litanei als die „weiseste Jungfrau“ angerufen, denn sie befand sich am hochheiligen Pfingstfest an der Spitze der Apostel, als sie den Heiligen Geist empfingen. „Und wie sie ihrer Würde und Stellung nach alle übrigen unendlich übertraf“, bemerkt St. Thomas von Villanova, „so empfing sie auch die sieben Gaben des Heiligen Geistes in einem höheren Grad, unter denen eine der vorzüglichsten die Gabe des Rates ist“.

 

Maria wird von der Kirche in der vorgenannten Litanei auch als der „Sitz der Weisheit“ angerufen. Jesus Christus, von dem der Apostel Paulus bezeugt, dass in ihm alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft verborgen sind, stieg in ihren Schoß und machte ihn zu seiner Wohnstatt. „Es ist demnach klar“, wie St. Thomas von Villanova nochmals erläutert, „dass Christus nicht nur seine aus der Menschheit angenommene Natur mit diesen Schätzen bereicherte, sondern auch seine Mutter zu der ihr vom Heiligen Geist eingegossenen Weisheit noch mehr mit ihnen begabte und erfüllte“.

 

Im Buch der Weisheit heißt es: „Bei mir ist Rat!“ und die heilige Kirche, die sich als unerschöpflich zeigt in dem Lob der allerseligsten Jungfrau, wendet dasjenige auf Maria an, was von der unerschaffenen Weisheit geschrieben steht. – „Bei mir ist Rat, weil der Herr des Rates bei mir ist“, spricht gleichsam Maria, „der mich mit dem Licht seiner göttlichen Weisheit so erhellte, dass ich wirklich, wie die heiligen Väter sagen, die Geheimnisse der Menschwerdung des Eingeborenen Sohnes Gottes, seiner Geburt, seiner Lehre, seines Wandels, seines Leidens und Sterbens, seiner Auferstehung und Himmelfahrt besser erkannt und tiefer durchdrungen habe, als alle Menschen auf der Erde, ja selbst als alle Engel im Himmel“. – Wie genau wird sie erst unsere Wege kennen, wie klar in unserer Zukunft lesen und all unsere Lagen, Bedürfnisse und Verhältnisse wie in einem offenen Buch schauen!

 

St. Methodius sagt: „Maria hatte zwei Lehrmeister, nämlich die zweite und dritte Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Jesus Christus, ihren göttlichen Sohn, und den Heiligen Geist. Wenn nun aber die Heilige Schrift den Ausspruch getan hat: „Es genügt, dass der Lernende wie sein Lehrmeister sei!“ welche Vollkommenheit der Wissenschaft darf man aber dann annehmen – bei einer Schülerin, wie Maria, und bei Lehrern, wie Gott Sohn und Gott Heiliger Geist?“

 

St. Thomas von Aquin spricht: „Der rechte Rat muss sich in drei Stücken beweisen, nämlich: dass alles zu einem guten Zweck, mit den geeigneten Mitteln und zur passenden Zeit geschehe.“ – Wer von uns kann zweifeln, dass dem Rat, den die heilige Muttergottes gibt, eine von diesen Eigenschaften fehle? – Sie, die in der Anschauung Gottes die Zukunft so klar schaut, wie die Gegenwart; sie, die durch Gottes Kraft nicht irren kann, weder in dem Zweck noch in den Mitteln; sie, die sowohl die Tiefen des menschlichen Herzens kennt, als auch die Pläne und Absichten Gottes mit den Menschen weiß, kann – als die weiseste Jungfrau nur den weisesten Rat erteilen, jedoch auch nur den besten Rat, weil sie die Heiligste ist. Die Heiligkeit schließt aber jede Lüge, jeden Betrug aus, daher ist ihr Rat der beste, weil sie nicht täuscht, daher ist Maria „die Mutter vom guten Rat“. – Sie bezeugte diese Wahrheit noch zu den Lebzeiten Christi, als sie zu Kana den Hochzeitleuten den Rat gab: „Tut alles, was er euch sagt!“ Es war dies ein wahrhaft guter Rat, denn er half jenen aus der peinlichsten Verlegenheit und verwandelte ihre Not in Freude und Überfluss. – Sie bezeugte diese Wahrheit auch nach dem Tod Christi, indem sie als die geistige Feuersäule den ersten Schritten der jungen Kirche gar herrlich voranleuchtete.

 

St. Isidor von Sevilla fügt dem Gesagten hinzu: „Maria ist auch deshalb die Mutter vom guten Rat, weil sie eine Mutter ist, die nur wissen kann, was uns zum Heil dient. Sie ruft darum einem jeden von uns zu: „Komm mein Kind, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele!“ 1 Kön 3

 

„Es ist ganz sonderbar, christliche Seele,“ sagt der heilige Bonaventura, „dass du so lange im Zweifel bleibst und in deinen Gedanken hin und her schwankst wie das Schilfrohr im Wind, da du doch weißt, dass unsere himmlische Mutter Maria von Gott nicht nur den Beruf erhalten hat, uns Gnaden zu spenden, sondern auch uns Rat zu erteilen!“

 

Im Erwägen der Ermahnung des weisen Sirach: „Verschaffe dir ein Herz, das dir gut rät, denn es gibt für dich nichts Schätzbareres!“ ruft uns der heilige Bernardus zu: „Das Herz, das du dir verschaffen sollst, ist das Mutterherz Marias, an das uns ihr göttlicher Sohn vom Kreuz herab mit den Worten wies: „Siehe, deine Mutter!“ Und zu ihr gehe, wenn du einen Zweifel hast, an sie wende dich, wenn du eines Rates bedarfst, sie höre und ihren Rat befolge!“ –

 

Der heilige Franziskus von Sales schrieb seiner Schülerin, der heiligen Franziska von Chantal: „Es ist das Amt einer Mutter, sowohl zu raten als auch zu helfen, und sie tut dies umso lieber, je frömmer und besser sie ist. Wenden sie dies auf unsere allerbeste Mutter Maria im Himmel an und Sie werden in Zukunft nicht mehr mich zu fragen für nötig finden: wohin Sie um einen guten Rat in Ihren Zweifeln und Seelen-Anliegen gehen müssen.“ –

 

Der heilige Aloysius von Gonzaga, der Herzogssohn mit dem Recht der Erstgeburt, musste als Edelknabe der Kaiserin Maria an den Hof des Königs Philipp II. nach Madrid folgen. Dort wählte er die heilige Muttergottes als seine Ratgeberin. Schon längst drängte es sein Herz zur Entscheidung: welchem Beruf er sich weihen und in welchem Stand er Gott dienen solle? Um es zu erfahren, verehrte er täglich mit glühender Andacht die „heilige Muttergottes vom guten Rat“ in ihrem Bild, das auf dem Hochaltar der Jesuitenkirche zu Madrid aufgestellt war. Und siehe! Eines Tages hörte er mit ganz deutlichen und klaren Worten den Willen Gottes aus diesem Bild ihm verkünden: „dass er nämlich in die Gesellschaft Jesu eintreten und darin sein Leben zubringen solle.“ – Er setzte auch nach einem dreijährigen Kampf mit seinem Vater, dem Herzog von Gonzaga, der es nicht zugeben wollte, seinen Entschluss durch, und fand das Glück seines Lebens und die Krone der Heiligen.

 

Und so haben Tausende und Tausende, gleich ihm, dem engelhaften Herzogssohn, Maria als Mutter vom guten Rat angerufen und auch einen guten Rat empfangen. Die eigene Erfahrung bestätigte ihnen auf das Glänzendste und Segensreichste: dass dieser Titel der heiligen Muttergottes ebenso trostreich, als wahr sei. –

 

(Aus: Der Marien-Prediger von Ludwig Gemminger)

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Maria vom guten Rat zu Genazzano

 

Vor etwa sechshundert Jahren lebte zu Genazzano, einem Ort, der nicht weit von Rom entfernt ist, eine fromme, gottselige Jungfrau. Petruzzia war ihr Name. Sie trat, um zu einer höheren Vollkommenheit des Lebens zu gelangen, in den dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi ein und weihte sich gänzlich dem lieben Gott. Besonders war sie der allerseligsten Jungfrau Maria mit Liebe zugetan. Sie scheute keine Kosten, um das ihrige zur Verherrlichung Gottes und der Mutter der göttlichen Gnade beizutragen.

 

Da erhielt sie einst in einer himmlischen Erscheinung den Auftrag, sie möchte – anstatt der Augustiner-Kirche – die zu klein und baufällig gewesen war, eine viel größere und schönere erbauen, wozu ihr auch der besondere Beistand von oben verheißen wurde. Voll des kindlichen Vertrauens auf Gott legte die fromme Jungfrau wirklich die Hand an das Werk. Sie verkaufte alle ihre zeitlichen Güter und ließ auf ihre eigenen Kosten die ganze herrliche Kirche erbauen. Es machte ihr die größte Freude, als sie sah, wie schnell es mit dem Bau der Kirche vorwärts ging. „O“, rief sie öfter, in seliger Ahnung versenkt, die frohlockenden Worte aus, „welch eine vornehme Frau wird in diese Kirche einziehen, und ich hoffe mit aller Zuversicht, sie vor dem Schluss des Jahres vollständig ausgebaut zu sehen!“

 

Noch stand die Kirche nicht ausgebaut, als sich schon in einem viel höheren Grad, wie vorher, die wundersame Macht offenbarte, mit der Gott diese neue Kirche Marias begnadete. Denn fast um dieselbe Zeit geschah es, dass Scutari, eine Stadt in Albanien, von den Türken erobert wurde. In besagter Stadt befand sich ein Marienbild, das mit frischen Farben an die Mauer gemalt war, und unter dem Namen „Maria vom Paradies“ großer Ehre unter den christlichen Bewohnern genoss. Die Türken entweihten alle christlichen Kirchen zu mohammedanischen Moscheen, zerstörten die Bilder Christi und seiner Heiligen, und bald wäre auch das genannte anmutige Marienbild ein Opfer ihrer vandalischen Wut geworden. Allein Maria, die glorreiche Himmelskönigin, duldete nicht die Schmach, die ihr hier in der Vernichtung ihres Bildes sollte zugefügt werden. In der Stadt Scutari lebten zwei Familien, de Sclavis und Giorgi mit Namen, die sich durch ihre Glaubenstreue auszeichneten, und ihr mit besonderer Hingebung dienten. Sie erschien daher beiden Familien und gab ihnen den Auftrag, dass sie ihr Gnadenbild in Scutari, das für einen anderen Ort bestimmt sei, auf der Wanderung begleiten möchten. Beide Familien erklärten ungesäumt ihre Bereitwilligkeit. Und siehe! schon wollten sie den Weg antreten, als sich das Marienbild selbst von der Kirchenmauer zu Scutari losschälte, und gleich einem freundlichen Regenbogen, wie man dies jetzt noch in dem Bild schauen kann, in den Wolken erschien. Damit jedoch die frommen Begleiter dem Bild desto leichter nachfolgen konnten, dazu zeigte ihnen, wie dies schon im Alten Bund mit den Israeliten geschah, zur Nachtzeit eine Feuersäule und am Tag eine lichte Wolkensäule den Weg. Mit trockenen Füßen überschritten sie das adriatische Meer, und gelangten unter dem stets sichtbaren Schutz Gottes nach Rom. Dort verschwand ihr fliegendes Bild samt den geheimnisvollen Säulen vor ihren Augen, und erschien allplötzlich – am 25. April des Jahres 1467 nachmittags zur Vesperstunde an der noch rauen Mauer der Augustinerkirche zu Genazzano. Zu gleicher Zeit fingen die Glocken, als wollten sie den feierlichen Einzug der Himmelskönigin ankündigen und das andächtige Volk ermuntern, diese in ihrem wunderbaren Bildnis zu verehren, von selbst zu läuten an. Alsbald strömte das Volk scharenweise zusammen. Alle freuten sich beim Anblick des so schönen Gnadenbildes Marias und ihres göttlichen Kindes. Viele fragten voll frommer Neugierde: „Ei, woher kommt denn dieses wunderbare Bild?“ Niemand konnte sich dieses geheimnisvolle Ereignis erklären. Endlich erschienen die Begleiter des Bildes, innerlich von Gott erleuchtet, nach Genazzano. Sie erzählten dem staunenden Volk, wie sie durch eine himmlische Erscheinung gemahnt wurden, dem hehren Bild zu folgen und wie sie hierher kamen. Die Leute glaubten ihnen umso lieber, da sie mit ihren eigenen Augen das Wunder sahen, und auch die Nachwelt kann und muss ihren Aussagen Glauben schenken, weil die wunderbare Erscheinung bis auf den heutigen Tag fortdauert. Denn noch immer schwebt Mariens heiliges Bild zu Genazzano auf eine wunderbare Weise ganz unverletzt und frei in der Luft, wobei die Entfernung des Bildes von der Mauer einen Zoll beträgt. Auch ist das Bild noch, wie früher, der alte, dünne, leicht zerbrechliche Überzug der Mauer, aber so mild und lieblich, dass es eigentlich mehr ein Werk der Engel, als der Menschen zu sein scheint.

 

Dieses Wunderbild führte früher den schönen Namen „Maria vom Paradies“; im Jahr 1587 wurde es aber „Maria vom guten Rat“ genannt, weil die Kirche zu Genazzano, wo das Bild erschienen war, eben denselben Namen hatte.

 

Kaum war aber das wunderbare Bild erschienen, so wurde Genazzano ein außerordentlich besuchter Wallfahrtsort. Fast ganze Völkerschaften strömten herbei, um das Gnadenbild zu sehen und der allerseligsten Jungfrau Maria ihre Verehrung zu bezeigen. Unzählige Wunder geschahen dort durch die Anrufung ihrer Fürbitte bei Gott. Ja, es ereigneten sich, wie dort unzählige Votivtafeln beweisen, so viele Wunder, dass nicht leicht an einem anderen Gnadenort die Gottesmutter sich hilfreicher erwiesen hat, als wie zu Genazzano. Papst Paul I. sandte, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen, zwei Bischöfe, die im Ruf großer Gelehrsamkeit standen, nach Genazzano. Und als ihre Berichte hierüber die Wahrheit des lauten und allgemeinen Gerüchtes bestätigten, und während ihrer Gegenwart von wenigen Tagen 159 wunderbare Gebetserhörungen und auffallende Wunder an Blinden, Lahmen und Bresthaften stattgefunden hatten, zögerte der Papst nicht länger, die öffentliche Verehrung dieses marianischen Gnadenbildes zu erlauben und gutzuheißen. – Seinem Beispiel folgten die späteren Päpste. – Urban VIII. zog bei Gelegenheit einer Pest, die in einigen Ländern Italiens große Verheerungen anrichtete, mit zahlreichem Gefolge nach Genazzano, um das wunderbare Bild zu besuchen. – Papst Innocenz XI. brachte eine goldene Krone zum Geschenk. – Der gelehrte Papst Benedikt XIV. approbierte die „Bruderschaft zu Ehren der Muttergottes vom guten Rat in Genazzano“, und schrieb sich selbst als erstes Mitglied ein. – Die Kongregation der Riten bewies ihre gläubige Verehrung dadurch, dass sie sowohl dem Secular- als Regularclerus von Genazzano das Officium und die Messe dieses Festes erlaubte. – Im Jahr 1733 erhob die genannte Congregation dieses Fest zum rutus secundae classis, und dehnte es auf die ganze Diözese aus. – Verschiedene geistliche Orden hielten auch um die Erlaubnis an, das Fest „Maria vom guten Rat“ feiern zu dürfen, und erhielten sie ohne langes Warten.

 

Daraus erklärt es sich, dass von dem Gnadenbild zu Genazzano sehr viele Abbildungen gemacht wurden. Und diese Abbildungen vermehrten sich umso schneller, da man die Erfahrung machte, dass auch diejenigen, die die allerseligste Jungfrau in Abbildungen des Gnadenbildes zu Genazzano verehrten, von ihr mit unerschöpflichen Gütern der Seele und des Leibes bereichert wurden. – Eine solche Abbildung befindet sich zu Prag, und wird in der Kirche St. Catharina, auf einem kostbaren Altar, unter einem großen Zustrom von Gläubigen, noch heut zu Tage verehrt. – Solche Abbildungen der göttlichen Mutter von Genazzano erblickt man auch in Rom, Messina, Palermo, Catana und in anderen Städten. – Andreas Bacci, Kanonikus bei St. Markus in Rom, bekennt in einem eigenhändigen Schreiben: „dass er allein schon 97.000 solcher Abbildungen vom wundertätigen Marienbild von Genazzano verschenkt, und solche zu verschenken nie in seinem Leben unterlassen werde.“ Auch hat er viele solche Abbildungen durch verschiedene Missionare in weit entlegene Länder und Reiche versendet, und sogar nach Afrika und Brasilien, von wo er zu seiner Freude vernahm, dass auf die Fürbitten „Marias vom guten Rat“ wunderbare Gebets-Erhörungen erfolgt seien. Es ist nicht auszudrücken“, schreibt er, „wie viele gute Früchte sowohl zum Nutzen des Leibes, als auch vorzüglich der Seele durch die Andacht bei den Abbildungen dieses Gnadenbildes von Genazzano an allen Orten hervorgebracht worden sind. So wurde der Friede in weltlichen und auch in geistlichen Häusern wieder hergestellt, und die gefährdete Jugend zur Buße und heiligen Besserung des Lebens bewegt. Einige wurden von hartnäckigen Krankheiten, andere vom Krebs, von der Schwindsucht, von Augenflüssen und hitzigen Fiebern befreit. Reisende wurden aus großer Lebensgefahr errettet. Rechtshändel, die man schon für verloren hielt, wurden auf eine gesegnete Weise geschlichtet und beendet. Verlorene Schuldscheine, Geld und andere Kostbarkeiten wieder gefunden. Viele Eltern hatten das Glück, ihre Kinder gut zu versorgen, und viele erhielten in ihren geistlichen Nöten die innerliche Ruhe mit einer frohen Aussicht in die Ewigkeit.“

 

Eine ähnliche Abbildung der Gottesmutter von Genazzano ist auch in der Wallfahrtskirche zu Gstaig bei Feldkirchen im Innkreis zu sehen. – Eine fromme Frau hatte das Bild von ihrem Bruder, der ein Augustiner-Mönch von Mülln bei Salzburg war, zum Geschenk erhalten, und stellte es daselbst zur Verehrung auf. Auch hier sind viele wunderbare Erhörungen des Gebets geschehen, was die Votiv-Tafeln, die an allen Seiten der Kirche bis hoch hinauf angebracht worden sind, bestätigen. – Leider geschah es durch die so viel Heiliges und Altehrwürdiges zerstörende Aufklärungssucht, unter der Regierung des Kaisers Joseph II., dass man viele solcher Gedenktafeln entfernte, oder gar verbrannte. Manche von ihnen fanden jedoch ihre Rettung durch fromme Familien, die diese Unterpfänder kindlicher Dankbarkeit sorgsamst in ihren Häusern aufbewahrten. Und trotz ihres Beraubtseins hörte die allerseligste Jungfrau „Maria vom guten Rat“ zu Gstaig nicht auf, die Wohltaten ihrer liebreichen Fürsprache bei Gott zu versichtbaren, und wieder fingen die frommen Leute an, wohl wissend warum, die Votiv-Tafeln in der Kirche zu Gstaig aufzuhängen. Dies geschah aber etwa nicht, wie so gerne der Welt Unglaube voll Spott annimmt, aus blindem Nachahmungstrieb, aus alberner Gewohnheit in solchen Fällen, oder aus Aberglauben, dies hat nur die kindlich liebende Verehrung Marias, sowie die aufrichtigste Dankbarkeit für die erflehte und empfangene Hilfe getan! –

 

Auch der Abt des Zisterzienserstiftes Stams im Oberinntal in Tirol ließ, auf Verlangen des Priors und nachmaligen Abtes Vigilius Kranicher, eine ganze getreue Abbildung dieses Gnadenbildes in Genazzano selbst verfertigen, die am 17. Mai 1757 in Stams anlangte. Hier wurde sie zuerst auf dem Hochaltar ausgesetzt, dann aber in feierlicher Prozession in die heilige Bluts-Kapelle übertragen. Da gerade bei dem Ausgang des Zuges um acht Uhr des Morgens sich auf eine ungewöhnliche Weise über der Kapelle ein doppelter Regenbogen zeigte, hielt man dies für eine sehr günstige Vorbedeutung. Und wirklich rechtfertigten viele außerordentliche Gnadenerweisungen das in die Fürbitte Marias gesetzte Vertrauen, wovon in kurzer Zeit ein ganzes Buch verzeichnet wurde. Der Dank derjenigen, deren Gebet hier Erhörung gefunden hatte, zeigte sich in vielfältigen Opfergaben. Selbst die durchlauchtigste Kaiserin Maria Theresia verehrte dahin einen ganzen, von ihr eigenhändig gestickten Ornat für die Gottesdienste und ein den Preußen im Krieg ehedessen abgenommenes Feldzeichen. – Da ein jeglicher Mensch gar oft des „guten Rates“ bedarf, so verbreitete sich die Verehrung Marias als der „Mutter des guten Rates“ immer mehr aus, besonders in jenen Seelsorgsstationen, die unter dem Patronat des Stiftes stehen, im nahen Ötztal, wie im fernen Passeier. – Schon im Jahr 1757 wurde in Stams die „Bruderschaft zu Ehren der Mutter vom guten Rat“ errichtet, mit der in Genazzano vereinigt, und, wie jene, von Benedikt XIV. mit vielen Ablässen und Privilegien begnadigt. Das Titularfest wird jährlich am Sonntag nach dem Fest der heiligen Anna, sodann vom 5. Bis 13. August eine Novene gefeiert. –

 

Im Jahr 1858 kamen wiederholt viele Pilgrime aus Epirus nach Rom, um das wundertätige Gnadenbild zu Genazzano zu besuchen. – Der türkische Sultan hatte nach der Beendigung des Krimkrieges 1856 die Herstellung der Kirche Marias vom guten Rat zu Scutari erlaubt, und es wollten die guten Katholiken auch das Gnadenbild für sie heimholen. Da dies aber nicht erreicht werden konnte, ließen die Augustiner durch einen bayerischen Hofmaler in Rom eine schöne Kopie von ihm anfertigen, die im Oktober 1859 der heilige Vater Pius IX. segnete und den Gesandten aus Epirus übergab, der sie freudigst und dankbar übers Meer in ihre Heimat überbrachte. –

 

Heilige Maria, Muttergottes, schenke uns, deinen Kindern, stets deinen guten Rat, und erbitte uns zugleich auch von Gott die Gnade, dass wir ihn immer getreulich befolgen! –

 

(Aus: Beschreibung von Gstaig von D. Kastner)

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Die himmlische Lehrmeisterin

 

Die selige Oringa (Christiana vom hl. Kreuz, + 4. Januar 1310) wollte im Bistum Lucca, und zwar auf göttliche Eingebung, ein Kloster erbauen, um darin mit einigen gleichgesinnten Schwestern Gott und Maria zu dienen. Die Eigentümer des Platzes, der ihr in einer Vision als der dazu geeignete war angedeutet worden, opferten ihn bereitwilligst zu dem so ehrwürdigen Zweck. Noch ein angrenzendes kleines Häuschen musste aber dazu erworben werden, um dem Bau die nötige Ausdehnung zu gestatten. Der Besitzer des Häuschens, namens Tridianus, verweigerte indes mit Beharrlichkeit den Verkauf. Auch die angebotene, überaus angemessene Entschädigung wies er ab. Nichts vermochte ihn zum Verkauf zu bewegen. Da sprach Oringa: „Weil denn niemand hienieden das Herz dieses Mannes rühren kann, so lasst uns einen Vermittler im Himmel suchen!“ Sie flüchtete sich in die abgeschiedenste Einsamkeit und empfahl im Gebet dieses ihr Anliegen Christus Jesus, dem Herrn, durch Maria. Und siehe da. Am anderen Tag und schon in aller Frühe vernahm man an der Tür der Wohnung ein lebhaftes Klopfen. Tridianus stand draußen und bot der Jungfrau und ihren Schwestern das noch gestern so entschieden verweigerte Häuschen an, indem er ausrief: „Nehmt es hin, um welchen Preis ihr es immerhin wünscht, oder auch ohne Preis! Es soll euer sein!“ Zugleich offenbarte er, dass er durch die Erscheinung der allerseligsten Jungfrau selbst, deren er in der jüngsten Nacht gewürdigt wurde, zu diesem Entschluss den guten Rat empfangen habe.

 

Das Kloster und die Kirche erhoben sich nach und nach an der besagten Stätte und erhielten den Namen „Maria Novella“.

 

Nun erwiesen sich aber die Bewohnerinnen dieses Klosters wohl als recht fromme Seelen und treue Dienerinnen Jesu und Marias, aber als gar wenig unterrichtet, denn alle, wie auch Oringa, konnten nicht einmal lesen. Oringa, erkennend, wie notwendig ihr, der Vorsteherin des Klosters, das Kundigsein im Lesen sei, um ihre Untergebenen gleichfalls darin zu unterrichten, wandte sich auch in dieser Not an Maria und flehte inbrünstig um ihren mütterlichen Rat. – Die heilige Muttergottes erschien ihr nun mit einem Buch in der Hand, dessen Buchstaben im Glanz des Goldes strahlten. Sie reichte es der Oringa dar, mit der Aufforderung, darin zu lesen. Beschämt schlug die Oberin die Augen nieder, und sprach demütig: „Meine Herrin, ich kann nicht lesen!“ Maria erneuerte ihren Auftrag zum zweiten und zum dritten Mal, und zum zweiten und dritten Mal stammelte Oringa, und zwar immer noch tiefer beschämt, ihre Entschuldigung. Die göttliche Mutter gab ihr jetzt feierlich die Versicherung: dass ihr Wunsch erfüllt sei und sie ganz gewiss lesen könne. Durch die Vermittlung Marias, der himmlischen Lehrmeisterin, konnte nun Oringa allplötzlich lesen. Ja sie war im Stande, das Psalterium, das zu jener Zeit, wegen der vielen Abkürzungen, nicht so leicht zu verstehen war, ganz genau zu lesen und auch ihre übrigen Mitschwestern im Lesen desselben bestens zu unterrichten. Und so war – auf dem Weg des erflehten Marien-Rates – endlich erreicht, dass die Schwestern Gott und seine heilige Mutter im Chorgebet recht würdiglich zu loben und zu preisen vermochten. –

 

(Aus: Züge aus dem Leben frommer Seelen)

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Die Hintner-Kapelle bei Hallein

 

Vor ungefähr zweihundertachtzig Jahren lebte Jakob Hintner in den Blühendsten Verhältnissen auf seinem Maierhof Hallein im Salzburgischen. Er war allgemein als ein gottesfürchtiger Mann bekannt.

 

Als er einst an einem heißen Nachmittag im Sommer auf dem freien Feld schlief, erschien ihm im Traum ein gar schönes Bild der göttlichen Mutter in ihrer jugendlichen Schönheit und jungfräulichen Anmut. Sie riet ihm, da eben eine große Teuerung der Lebensmittel im Land herrschte: er sollte um seinen ganzen Maierhof eine Mauer ausführen, damit die armen Leute eine Beschäftigung und Brotverdienst fänden. Diesem guten Rat der heiligen Muttergottes folgte Hintner mit kindlichem Gehorsam. Die Steine wurden aus dem Marmorbruch im Wießtal herbeigebracht. Viele Menschen wurden in jener geschäfts- und trostlosen Zeit beschäftigt, gut bezahlt und von großer Not erlöst. – Seit dieser Zeit wurden die Unternehmungen des edlen Mannes, der in Gott und Maria so aufrichtig und opferwillig seine Mitmenschen liebte, noch mehr von oben, und in wahrhaft wundersamer Weise, gesegnet. Er hatte Schiffe auf dem Meer und trieb ausgedehnten Handel mit Kaufleuten in England. Seine Geschäfte riefen ihn auch nach Leipzig, wo er eine bedeutende Niederlassung von Seidenwaren und englischem Tuch besaß. – Auf der Reise dahin besuchte er auch eine Kirche in der Königsstadt Dresden und wer beschreibt sein Erstaunen, als er das Altarbild derselben betrachtete! Es war ja eben dasselbe Marienbild, wie es ihm in der Vision, mit der er ehedessen begnadet worden, erschienen war, mit lieblichstem Angesicht, blondem langen Haar, angetan mit einem blauen Mantel. In der Hand trug die Gebenedeite des Herrn einen Strauß von goldenen Kornähren. Sogleich ließ er eine Abbildung von dem so köstlichen Gemälde verfertigen, baute daheim, in der Nähe seines Maierhofes, eine eigene Kapelle, und stellte dort das Bild zur öffentlichen Verehrung auf. Auch im alten Stammhaus des Jakob Hintner ist das Bild in Holz geschnitzt angebracht und im Wohnzimmer befand es sich in Lebensgröße ausgeführt.

 

Noch immer hat die trauliche Kapelle unter dem frommen Volk den Namen „Hintner-Kapelle“, sowie denn auch das Marienbild in ihr danach benannt wird. –

 

(Aus: Katechetisches Repertorium von P. H. Schwarz)

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