Ermahnung zur oftmaligen Betrachtung der vier letzten Dinge - von Pater Silbert

 

Vorrede

 

Wir lesen im Buch Jesus Sirach (7,36) die denkwürdigen Worte, in deren tiefen Sinn wir alle eindringen sollen: "In allen deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge, und du wird niemals sündigen!"

 

Geht etwa diese Ermahnung des Heiligen Geistes nur einige Christen an? - Allen Menschen gilt dieselbe Ermahnung, an alle ist sie gerichtet. - Oder ist vielleicht diese Ermahnung nur ein guter Rat? Und auf was will der sich stützen, der behaupten will, dass dies kein Gebot ist, das uns gegeben wurde?

 

Durchdenken wir besser alle Worte dieser heilsamen Ermahnung.

 

"Gedenke!" Das heißt: Vergiss nicht, denke daran, überlege ernsthaft! - "Gedenke der letzten Dinge!" Gedenke, was auf alle Menschen am Schluss ihres Lebens wartet! Gedenke des Todes, des Gerichts, der Hölle des Himmels! - Des Todes, der unvermeidlich ist, des Gerichts, das schrecklich oder gnädig sein wird, der Hölle oder des Himmels, wo du ewig wohnen wirst. Denn es gibt keinen Mittelweg. Alle Menschen werden eine ewige Wohnung, entweder im Aufenthalt der Freude, des Glücks und der Liebe oder der Strafen bekommen. 

 

"Gedenke deiner letzten Dinge!" Es genügt nicht überhaupt und im Allgemeinen über den Tod, das Gericht, die Hölle oder den Himmel nachzudenken. Anwenden auf sich selbst muss jeder diese Gedanken. Dir selbst musst du sagen: Ich werde sterben, dies ist außer jedem Zweifel, und ich weiß zwar nicht, wann das geschehen wird, soviel aber weiß ich ganz sicher, dass es bald geschehen wird! Werde ich in der Liebe meines Gottes sterben? - Ich weiß es nicht! Vielleicht sterbe ich in dem furchtbaren Zustand der Sünde! - Ich werde gerichtet werden! - Im Augenblick meines Todes selbst werde ich vor dem Richterstuhl Jesu Christi erscheinen, Rechenschaft werde ich Ihm geben von allem, und sogleich wird das Urteil vollzogen werden. - Wehe mir, wenn ich in der Sünde sterbe. Die Hölle, wo die Unglückseligen schmachten und jammern wegen ihrer Qualen, wird dann mein Anteil sein! - Aber Heil mir, wenn ich im Augenblick meines Todes meinen Gott liebe! Dann wird das Haus meiner Ewigkeit im Himmel sein, wo ich Gott, und mit Ihm alle Güter zugleich besitzen werden! Aufgenommen werde ich dort, sobald ich vollkommen rein bin. Wie selig sind diejenigen, die im Augenblick ihres Todes nichts mehr abzubüßen haben! Ohne Verzögerung gehen sie in die Gesellschaft der Engel und Heiligen ein und genießen die glückselige Anschauung Gottes!

 

"Gedenke deiner letzten Dinge in allen deinen Werken!" Es genügt nicht, an deine Werke zu denken, wenn du gerade gute Werke tust, damit du sie auf heilige Weise tust. Der Heilige Geist verlangt, dass du an deine Werke denkst, auch wenn du die alltäglichsten Werke verrichtest, damit du sie aus heiligen Gründen tust, weil sie Gott gefallen sollen und für dich selbst einen Wert bekommen. 

 

Wenn du auf diese Weise an deine letzten Dinge bei all deinen Werken denkst, was für Gutes wird für dich daraus entstehen? "Du wirst niemals sündigen!" Niemals! Wenn du auch tausende Jahre lebtest, nie würdest du eine Todsünde begehen. Ja auch nicht lässlich wirst du mit Vorsatz sündigen. Begehst du aber aus menschlicher Unvollkommenheit einige leichte Fehler, so werden in solchem Fall diese in gewisser Hinsicht dir zum Nutzen gereichen, weil sie dich in der Demut erhalten, und dir Anlass geben werden, deinem Gott mit noch mehr Eifer und Liebe zu dienen. 

 

Könnte man nicht folgerichtig behaupten, dass Gott, der die Güte selbst ist, vielleicht die besondere Gnade, keine lässliche Sünde zu begehen, dem Menschen schenken wird, dessen ständige Erinnerung seiner letzten Dinge von großer Liebe und demütigem Gebet begleitet ist, da geschrieben steht: "Gedenke deiner letzten Dinge bei allen deinen Werken, und du wirst niemals sündigen?"

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Erste Betrachtung

 

"Liebt die Welt nicht, und hängt euer Herz an nichts, das von dieser Welt ist, denn die Welt geht vorüber." (Der heilige Johannes)

 

Der heilige Nikolaus von Tolentino, der diese Worte tief erwogen hatte, hegte eine so große Verachtung gegen alle Eitelkeiten der Welt, dass er sprach: "Nur der Ewigkeit will ich gedenken, nach der seligen Ewigkeit allein will ich trachten, die niemals vergeht!"

 

Gäbe ich auch tausend Leben, die selige Ewigkeit zu gewinnen, so wäre dies noch wenig, denn wo ist zwischen Endlichem und Unendlichem Vergleich und Verhältnis! So sprach eine, von der Gnade gerührte Seele, die sich sehnte, die Welt zu verlassen, um sich allein der Ewigkeit zu weihen. 

 

Pater Carl von Lothringen seufzte von frühester Kindheit auf nach der glorreichen Unsterblichkeit. Sein Wahlspruch war: "Nichts Sterbliches für ein unsterbliches Herz! Nur nach dem Himmel soll unser Ehrgeiz zielen, wo wir unsterblich sein werden."

 

So oft die heilige Theresia beim Hochamt die Worte singen hörte: cujus gegni non erit finis (dessen Reich kein Ende haben wird), wurde sie bis zur Entzückung erfreut, dass das Reich des allerhöchsten Herrn, dem sie diente, keine anderen Grenzen als die Ewigkeit kennt.

 

Auch wurde diese Heilige wunderbar bei dem Gesang eines Liedes ergriffen, das so anfing: "Wie traurig ist`s, von Gott verbannt zu sein!" - "Ach," rief sie aus, "ewig verbannt zu sein von Gott, von seiner Anschauung, von seiner Liebe, von seiner Glorie, von seiner Glückseligkeit! Ach, wie niederschmetternd ist dieser Gedanke für einen Verworfenen! - Erschaffen war ich, Gott zu schauen, zu lieben, zu besitzen, und nun bin ich durch meine Schuld ewig von Ihm getrennt! Nie werde ich Gott lieben, nie Ihn lieben können! Statt Ihn zu lieben, werde ich Ihn hassen, und ohne Unterlass durch entsetzliche Flüche lästern."

 

Unbegreiflich war es dem heiligen Leo, wie Menschen, die sich für vernünftig hielten und zwischen dem Himmel und der Hölle standen, die Hölle, in der die Verdammten im ewigen Feuer begraben sind, dem Himmel vorziehen konnten, wo die Glückseligen, mit der Krone der Unsterblichkeit gekrönt, auf ewigem Thron herrschen.

 

Ach, mein Gott, gelebt habe ich das Leben eines Sünders. Wirke, ich bitte Dich, ein Wunder Deiner Gnade und verleihe mir, dass ich des Todes Deiner Heiligen sterbe! Freilich habe ich einen so kostbaren Tod nicht verdient. Oft machte ich mich unwürdig für ihn durch meine Sünden, jedoch nehme ich den Tod im Geist der Buße an, und opfere Dir, diese Gnade zu erlangen, alle guten werke der Gerechten, alle Leiden, die die heiligen Märtyrer und alle anderen Heiligen um Deiner Liebe willen erlitten haben, sowie auch die unendlichen Verdienste der Leiden und des Todes Jesu Christi, meines Erlösers, der für mich gestorben ist. Nimm, o Gott, huldreich das Opfer an, das ich Dir in Liebe darbringe! Ich opfere Dir alles was ich bin und habe, meinen Leib und meine Seele, meine Augen und ihre Blicke, meine Zunge und alle ihre Worte, meine Hände und alle ihre Werke, meine Füße und alle ihre Schritte, meine Einbildungskraft und alle ihre Bilder, mein Gedächtnis und alle seine Erinnerungen, meinen Geist und alle seine Gedanken, meinen Willen und alle seine Begierden, mein Herz und alle seine Neigungen. Ich bitte Dich um den Himmel. Aber ich bringe Jesus Dir dar, der sich für mich geopfert hat! 

 

O heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich nun und in der Stunde meines Todes. Amen. 

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Zweite Betrachtung

 

"Wenn du je einen Menschen hast sterben sehen, so bedenke, dass auch du auf demselben Weg vorübergehen wirst!" (Der selige Thomas von Kempis)

 

Was gibt es wohl, dem man nicht widerstehen könnte? - Nur dem Tod vermag niemand zu widerstehen! Wer widerstand je dem Tod, der gewöhnlich früher kommt als man denkt, und beinahe immer, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet?

 

Ein wahrhafter Christ sprach: "Ich trete jeden Augenblick zur Pforte der Ewigkeit!" Ich wache über alle Gedanken meines Geistes, über alle Regungen meines Herzens, über alle meine Werke, damit ich nichts tue, das der glückseligen Ewigkeit mich unwürdig mache, noch auch mich davon abwende. Immer stehe ich am Rand der Ewigkeit, denn in jedem Augenblick kann ich dahin abgerufen werden. Die Ewigkeit hängt von dem Augenblick des Todes ab, und der Tod kann im nächsten Augenblick mich mit sich fortnehmen.

 

Eine fromme Seele, die sich beständig zum Tod bereithalten wollte, hatte folgenden Spruch in allen Zimmern ihrer Wohnung aufgehängt: "Die Kunst heilig zu sterben, ist von so hoher Wichtigkeit, dass man sie, um sie gut zu vollbringen, sein ganzes Leben hindurch lernen muss. Alles ist verloren, und auf ewig verloren, wenn man diese Kunst nicht glücklich ausübt." Sie betrachtete sich gleich einem Verbrecher, der in der Tiefe eines schwarzen Gefängnisses jeden Augenblick seines Todesurteils gewärtig ist.

 

O Jesus, mein König und mein Gott, ich bitte Dich durch die Wunde Deines heiligen Herzens, das der grausame Speer nach Deinem Tod öffnete, sei in der Stunde meines Todes mir barmherzig! O Maria, Mutter der Barmherzigkeit und der Gnade, deren Seele das Schwert des Schmerzes durchdrang, als du bei den Füßen des Kreuzes zu deinem sterbenden Sohn und Herrn aufblicktest, diesem deinem mütterlichen Herzen empfehle ich nun und immer alles was ich habe und bin, meinen Leib und meine Seele, meine Gedanken, Wünsche und Absichten, meine Worte und Werke, mein Leben und meinen Tod. O sei in dem entscheidenden Augenblick meiner Ewigkeit meine Zuflucht, mein Trost und meine Stütze! Erbitte mir, dass ich in der Liebe und Gnade deines göttlichen Sohnes sterbe, und leite mich unter deinem Schutz in den Hafen des Heils!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Dritte Betrachtung

 

"Selig die Toten, die im Herrn sterben!" (Psalm)

 

Ein eifriger Missionar sprach: "Wenn du im Herrn sterben und ewig selig werden willst, so musst du noch vor deinem Tod sterben. Absterben musst du jeder Sünde, jeder Eitelkeit, ehe du von dieser Welt in die andere, von der Zeit in die Ewigkeit hinüber gehst."

 

Ein sehr andächtiger Ordensmann starb einst plötzlich am frühen Morgen, als er sich der geistlichen Lesung widmete. Da nun der Sakristan in seine Zelle trat, ihn zu erinnern, es sei die Stunde da, wo er die heilige Messe lesen sollte, fand er ihn tot, und berichtete diesen Vorfall sogleich den Religiosen des Klosters, die, über diese Nachricht erschrocken, herbeieilten. Sie sahen aber zu ihrer Verwunderung, dass das Buch, in dem der Verblichene gelesen hatte, offen war, und dass sein Zeigefinger auf die Worte hinwies: "Selig sind die Toten, die im Herrn sterben!"

 

Der heilige Nikolaus von Tolentino, ein Religiose des Augustiner-Ordens, glühte von so lebendiger Sehnsucht nach dem Tod, dass er die Worte des Apostels oftmals wiederholte: "Ich verlange aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein!" In der Stunde seines Todes wurde ihm der Trost zuteil, die Worte aus dem Mund Christi zu hören: "Du guter und getreuer Knecht, geh ein in die Freude des Herrn, deines Gottes!"

 

Ein großer Diener Gottes pflegte den Tag hindurch öfters also zum Herrn zu flehen: "Mein Gott, ich bitte Dich um Deiner Barmherzigkeit willen, nimm mich aus dieser Welt hinweg, wenn ich eben im glückseligen Stand Deiner Gnade bin, wenn Deine Allwissenheit voraussieht, dass ich bei längerem Leben noch eine tödliche Sünde verschulden und in die Hölle fallen würde!"

 

Ein weiser Mann sprach zu seinem Jünger: Steige oftmals im Geist in dein Grab, damit du deine Augen von der Eitelkeit abwendest, und dich hütest, Gott zu beleidigen. Durch dies sehr einfache und leichte Mittel wirst du dir jeden Tag eine unsterbliche Krone im Himmel erwirken.

 

O Jesus, mein geliebter und liebevoller Erlöser, Deine heilige Seele heilige mich, Dein glorreicher Fronleichnam rette mich, Dein kostbares Blut berausche mich, Dein schmähliches und schmerzhaftes Leiden stärke mich, Deine Ohren seien aufmerksam auf mein Gebet, Deine heiligen Wunden seien meine Zuflucht; der Feind meines Heils fliehe bei Aussprechung Deines heiligen Namens! O rufe in meiner Todesstunde mich zu Dir und verleihe mir, dass ich mit Deinen Heiligen Dich liebe und lobe in alle Ewigkeit. Amen.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Vierte Betrachtung

 

"Es ist grobe Täuschung und ein unglückseliger Irrtum, zu hoffen, dass du auch, ohne ein christliches Leben zu führen, heilig sterben wirst." (Tertullian)

 

Die ehrwürdige Mutter Victoria sprach sterbend zu den Nonnen ihres Ordens: "Meine lieben Töchter, bereitet euch, so lange ihr es leicht könnt, zu dem furchtbaren Übergang von der Zeit in die Ewigkeit! Alle einzelnen Augenblicke sind kostbar. Alle einzelnen Tage sind Tage des Heils. Die ganze Zeit eures Lebens ist eine Zeit der Gnade, in der ihr euch eure Krone sichern könnt. Hütet euch ja, den geringsten Teil dieser unschätzbaren Gabe zu verlieren. Nie könnt ihr zu große Sorgfalt auf eine so wichtige Angelegenheit verwenden, noch euch allzusehr darauf vorbereiten."

 

Wehe mir Unglückseligen! sprach ein Sünder auf seinem Totenbett, ich trete ab von dieser Welt, ohne dass ich wusste, weshalb ich gekommen war. Nun sehe ich es ein, aber zu spät! Noch hätte er Zeit gehabt, sich zu bekehren. Leider benützte er sie nicht!

 

Ein Staatsminister klagte in diesem furchtbaren Augenblick und sprach: "Ach, auf die Bogen ganzer Ballen Papier habe ich meinen Namen geschrieben, hätte ich ihn doch auch in das Buch des Lebens geschrieben! So leicht hätte ich dies tun können, und ich Tor, ach, ich habe es nicht gewollt!"

 

Der heilige Franziskus Borgia sagte, man sollte sich jeden Tag vierundzwanzigmal zum Tod bereit halten.

 

Es ist schwer, beständig des Todes zu gedenken, wenn man beständig von Gegenständen umgeben ist, die von der Erinnerung an ihn abwenden. So sprach ein Weltmann. Ein Diener Gottes aber antwortete ihm: Vielmehr erinnert Sie alles an den Tod, überall sehen Sie ihn. Danken Sie bei Ihrem Erwachen Gott, dass Er Ihnen noch einen Tag gibt, dessen Ende Sie vielleicht nicht erleben werden. Im Bett aber denken Sie, dass der Schlaf ein Bild des Todes, dass ihr Bett das Vorbild des Sarges ist, in den man Sie bald legen wird, und dass dann Fäulnis und Würmer Ihre Decke sein werden. Denken Sie bei Ihrer Mahlzeit, dass sie vielleicht Ihre letzte ist, beim Schlag der Uhr, dass Sie nun dem Tod um eine Stunde näher sind, und dass sie Rechenschaft geben werden, wie Sie diese und alle Stunden Ihres Lebens verlebt haben. Zu solcher Zeit pflegte die heilige Theresia zu sagen: Gott sei gepriesen, dass ich nun wieder eine Stunde weniger auf Erden zu leben habe! Sprechen Sie bei allen Ihren Handlungen mit dem heiligen Bernhard: Wenn ich wüsste, dass ich nach dieser Handlung sterben muss, würde ich sie tun? und wie würde ich sie tun? 

 

Die des Todes beständig eingedenk sind, reinigen ihr Gewissen, ist aber das Gewissen rein, dann fürchtet man den Tod nicht, wie der Verfasser der Nachfolge Christi sehr schön erinnert. Ich fürchte den Tod nicht, weil ich immer bereit bin zu sterben! sprach der heilige Martinus.

 

O Jesus, der Du um meiner Erlösung willen in einem armen Stall zur Welt kommen, in Arbeit und Drangsalen leben, mit Schmerz erfüllt werden, die bittersten Peinen erleiden und an einem Kreuz sterben wolltest, ich bete zu Deiner Barmherzigkeit, erlass mir meine Sünden und die Strafen, die ihnen gebühren! Verleihe mir, heilig zu leben und zu sterben, behüte mich vor der Hölle und führe meine Seele dahin, wohin Du die Seele des reuigen Schächers geführt hast!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich, jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Fünfte Betrachtung

 

"Herr, Dein Wille geschehe! Selig jene, die in der Stunde ihres Todes vollkommen mit dem heiligen Willen Gottes übereinstimmen! Nimmermehr kann der ewige Tod ihnen schaden." (Der heilige Franziskus von Assisi)

 

Bereite dich zum Tod durch gänzliche Übergabe in den heiligen Willen Gottes für nun und immer. Als ein Ordensmann von glänzenden Tugenden Ximenes mit Namen, auf seinem Totenbett befragt wurde, ob er nicht eine große Sehnsucht nach dem Himmel empfände, zeigte er durch seine Antwort auf sehr erbauliche Weise, wie ehrfürchtig er dem göttlichen Wohlgefallen untergeben war. "Nichts anderes will ich," sprach er, "als dass der höchst heilige Wille Gottes vollkommen an mir erfüllt wird. Dies habe ich dem Herrn längst versprochen!"

 

Ein großer Diener Gottes nahm kurze Zeit vor seinem Tod sein Kruzifix, wendete einen Blick voll Liebe zu den Wunden des göttlichen Heilandes und sprach: "Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit! Was gibt es im Himmel, und was außer Dir suche ich auf Erden, o Gott meines Herzens und mein Anteil in Ewigkeit!" Dann drückte er das Kruzifix an seine Brust und sprach: "Mein Geliebter ist mir ein Myrrhenbüschlein! - Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein!" - Auch erfreute er sich, dass diese Worte seinem Herzen tief eingeprägt seien, und mit großer Freude wiederholte er sie: "Ich will, dass der Wille Gottes so sehr vollkommen an mir erfüllt wird!" Mehrmals sprach er dann: "Ich bin bereit, bis an das Ende der Zeiten zu leiden, den Willen Gottes zu tun!"

 

Der Herr erschien eins der heiligen Gertrudis, die an einem hitzigen Fieber schwer erkrankt darnieder lag, und er stellte ihr anheim, nach ihrem Gefallen Gesundheit oder Krankheit zu erwählen. Die Heilige aber überließ ihren Willen gänzlich den Händen ihres himmlischen Bräutigams und sprach: "Herr, mein Gott, ich verlange von ganzem Herzen, dass Du durchaus nicht Rücksicht auf meine Neigung nimmst, sondern in allen Dingen, die mich angehen, immer Deinen unendlich lobwürdigen und mir höchst angenehmen Willen erfüllst!"

 

Als der gottselige Pater Balthasar Alvarez vernahm, dass der Arzt sich nicht deutlich aussprechen, sondern ihm verheimlichen wollte, dass seine Krankheit ihn unvermeidlich zum Tod führt, sprach er zu ihm: "Redet freimütig und wisset, dass ich das Leben nicht achte und den Tod nicht fürchte, denn nichts will ich, außer den Willen Gottes!"

 

Wer Gottes ist, wie er es sein soll, der erträgt die Mühsale des Lebens mit Geduld, und nimmt den Tod mit Freuden an. Als der heilige Cyprianus erfuhr, dass das Todesurteil über ihn gefällt war, weil er von Christus Zeugnis gegeben hatte, erhob er die Hände und sprach: "Lob und Preis sei Gott, der in seiner unendlichen Güte von den Banden dieses sterblichen Leibes mich befreit!"

 

Ein frommer Christ hatte den Vorsatz gefasst, jede Stunde zu sprechen: "Mein Gott und Herr, bereit bin ich, zu verlieren, zu tun, zu leiden und anzunehmen, was immer dir wohlgefällig sein wird, denn ich liebe Deinen höchst lieblichen Willen. Und wäre ich nicht in dieser Stimmung, so bitte ich Dich, mich so zu stimmen!"

 

O Jesus, mein allerhöchster Herr, Du Liebe und Wonne meiner Seele, ich bitte Dich durch die fünf hochheiligen Wunden, die Deine Liebe für uns empfangen wollte, stehe Deinen Dienern bei, die Du mit Deinem Blut erkauft hast, und erbarme Dich unser, sowohl im Leben als im entscheidenden Punkt unseres Todes und in der Ewigkeit! Bekehre, reinige, heilige und rette uns!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Sechste Betrachtung

 

"Seit mein Erlöser den Kelch der Leiden und des Todes trinken wollte, ist er mit Süßigkeit und Trost für die Freunde Gottes erfüllt, und enthält keine Bitterkeit mehr." (Der heilige Franziskus von Sales)

 

"Der Tod ist der Sold der Sünde," spricht der Apostel. So nimm denn also die Leiden und den Tod als Strafe deiner Sünden an, denn sehr billig ist dies. So oft du eine Todsünde begangen hast, verdienst du den ewigen Tod, und so oft du eine lässliche Sünde begangen hast, das Reinigungsfeuer, das ohne Vergleich peinlicher ist als der Tod.

 

Die heilige Mechthild wollte im Geist der Buße auf ausgestreuter Asche und mit einem härenen Bußkleid bedeckt sterben. "Es geziemt sich nicht wohl," sprach sie, "dass ein Christ anders als im Bußkleid und in der Asche stirbt!"

 

Ein frommer Christ, der drei ganze Jahre hindurch die unausstehlichsten Schmerzen des Podagra (Gichtanfall) mit unüberwindlicher Geduld erlitt, sprach oft mit zerknirschtem und gedemütigtem Herzen: "Herr, züchtige mich, so lange es Dir gefällig ist, indes ich im Geist der Buße zu Dir sprechen werde: Mein Gott, erbarme Dich meiner, nach Deiner großen Barmherzigkeit!"

 

Das Verlangen, Gott nicht mehr zu beleidigen, regte einen frommen Ordenspriester an, oftmals zu beten: "Herr, setze meinem Leben ein Ziel, da ich meinen Sünden kein Ziel setze! Gib mir Verzeihung meiner Sünden und Geduld, solange ich in dieser Welt bin, auf dass Du in der anderen mir barmherzig sein kannst!"

 

Ehre und Verherrlichung sei nun und immerdar bis zur Vollendung der Zeiten Dir, o höchst erhabene, höchst heilige, höchst Mächtige und höchst barmherzige Dreieinigkeit für die gebenedeite Menschwerdung Christi und für seine anbetungswürdigen Wundmale. O kostbare und heilsame Wunden meines liebevollen Jesus, ich begrüße euch mit aller Ehrfurcht und Dankbarkeit, die der Allmacht Gottes, des Vaters gebührt, der es zuließ, dass sein eingeborener Sohn euch zu unserer Zuflucht empfing; - der Weisheit des Sohnes, der euch für uns ertrug; - der Güte des Heiligen Geistes, der durch euch das große Werk unserer Erlösung vollendete! O schmerzhaftes Leiden! O Tiefe der Wunden! O Blut der Versöhnung, das in Strömen floss! O höchst bitterer Tod! Bei eurem Anblick gebe Gott uns einen heiligen Tod und das ewige Leben!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter; bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Siebente Betrachtung

 

"Wie schön ist es zu sterben, wenn man gut gelebt hat!" (Der heilige Augustinus)

 

Der Priester, der dem Tod des heiligen Franz von Sales beiwohnte, lud ihn ein, mit unserem Heiland zu sprechen: "Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, ohne dass ich ihn trinke! Der Heilige aber antwortete: "Herr, Dein Wille geschehe, und nicht der meinige!" Und diesen Worten fügte er bei: "Der Kelch der Leiden ist nicht bitter für die, die Gott dienen, seit Christus ihn getrunken hat!"

 

Die Stifterin des ersten Klosters zur Heimsuchung Mariä in der Stadt Paris verfasste bei Annäherung des Todes ihr geistliches Testament in folgenden Worten: "Mein letzter Wille ist, mein Leben in der Erfüllung des heiligen Willens meines Gottes zu beschließen, den ich um die Gnade bitte, dass ich in seiner Liebe sterbe. Sterbend will ich sein göttliches Wohlgefallen anbeten. Ich verurteile meinen elenden Leib zur Fäulnis und Zerstörung durch Würmer, der göttlichen Gerechtigkeit dafür genug zu tun, dass ich ihn zu einem Werkzeug der Sünde machte. Aber ich übergebe meine Seele den Händen Gottes in Vereinigung mit Jesus Christus, meinem Heiland, und bitte Ihn, sie in sein kostbares Blut zu tauchen, um sie zu reinigen, und Gott seinem ewigen Vater wohlgefällig zu machen."

 

Fürchtet ihr Euch vor dem Tod? So fragte man einen heiligen Ordensmann auf seinem Totenbett. Er antwortete: "Gott sei Dank, ich fürchte den Tod nicht, denn ich bin mit sehr guter Meinung bewaffnet. Ich sterbe für die Verherrlichung Gottes."

 

Man sagte einst einem vollkommenen Christen, der dem Tod nahe war: Es ist heute, nach der Meinung der Ärzte, der letzte Tag Ihres Lebens! Hierauf gab er eine Antwort, die alle Umstehenden bis zu Tränen rührte. "O welche frohe Botschaft bringt ihr mir da," rief er aus. "Preiset den Herrn mit mir dafür! Wo werde ich heute sein? Wo werde ich sein! Bei Jesus und Maria!" Seit vielen Jahren hatte er täglich das kurze Gebet gesprochen: "O höchst geduldiger Jesus, verleihe mir die Gnade, Dir zu Liebe und für Deine Ehre, Deiner heiligen Mutter zu Liebe und zu ihrer Verherrlichung zu sterben!" 

 

Herr, mein Gott, nimm diesen armen Sünder barmherzig auf, der sich Dir opfert! Nur einen Leib und eine Seele habe ich, und ich weihe sie Dir beide. Aus väterlicher Güte hast Du mich erschaffen, und als ich verloren war, durch den schmählichen Tod Deines eingeborenen Sohnes mich losgekauft. Dir allein, mein Gott, gehört alle Ehre, Macht und Herrlichkeit. Du allein hast eine unumschränkte Oberherrschaft über alle Deine Geschöpfe. Mein Heil liegt in Deinen Händen. Du bist vermögend, mich vollauf zu beseligen, und wie wolltest Du es nicht wollen, Du der gütigste aus allen Vätern! O errette mich, ich flehe darum zu Dir durch Deine unendliche Barmherzigkeit, auf die ich hoffe und vertraue.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Achte Betrachtung

 

"Kannst du nicht ein wirklicher Märtyrer werden, so sei es dem Verlangen nach." (Der heilige Augustinus)

 

Dies war das sehnsüchtigste Verlangen des heiligen Franz von Xaver. "Wer wird mir geben," rief er aus, "dass ich für Dich sterbe, o mein Erlöser, und alle Völker der Erde dahin führe, dass sie Dich kennen!" Nur zwei Dinge wünschte sich dieser große Heilige: alle Völker zur Erkenntnis Jesu Christi zu führen, und dann als Märtyrer zu sterben, weil er Ihn verkündigt hätte.

 

Der heilige Franz von Borgia schrieb dem Pater Lainez, er empfinde in seinem Herzen ein wundersames Verlangen, sein Blut für den Glauben und die katholische Religion zu vergießen, und bat ihn, er möchte durch sein Gebet ihm von Gott die Gnade erbitten, dass sein Verlangen in Erfüllung käme. Könne ihm aber dies große Glück, dessen er sich allerdings unwürdig achte, nicht zuteil werden, so bitte er ihn, ihm die Gnade einer so großen Sehnsucht nach der Marter zu erbitten, dass diese Sehnsucht die Stelle der Marter vertrete. 

 

Ein anderer Jünger des heiligen Ignatius, der in der Pestzeit starb, während er den Pestkranken Hilfe reichte, sprach, er fürchte sich sehr, zu sterben, wenn er der Strenge der göttlichen Gerichte gedenke, dennoch aber weihe er sich täglich als ein Brandopfer dem Tod, weil er hoffe, durch das Opfer seines Lebens, das er Gott darbringe, Barmherzigkeit zu erlangen. Glücklich würde ich mich achten, sprach er, für Ihn, oder an der Pest, oder für den Glauben zu sterben. Wenig ist mir an der Todesart gelegen, wenn ich nur als ein Gott wohlgefälliges Opfer falle. 

 

Der heilige Franz von Assisi sprach: "Göttlicher Heiland, lass mich aus Liebe zu Deiner Liebe sterben, der Du aus Liebe zu meiner Liebe gestorben bist!"

 

Der heilige Edmund zeichnete oftmals den Namen Jesus auf seine Stirn, damit er durch diesen heiligen Namen die Gnade aller Gnaden erlangte, nämlich in der Liebe Gottes zu sterben. Der heilige Dionysius von Rom sprach diesen heiligen Namen ohne Unterlass in den Qualen aus, die der Tyrann ihm antun ließ, und er sprach: Ein siegreicher Name ist dieser Name dem, der ihn ausspricht!

 

Ahmen wir jenem eifrigen Religiosen nach, der vierundzwanzig Mal am Tag die süßen Namen Jesus, Maria und Josef aussprach, seine Todesstunden diesen drei mächtigen Patronen zu empfehlen.

 

Auch ist es ein trefflicher Gebrauch, jeden Morgen und jeden Abend Stirn, Mund und Herz mit dem erlauchten Zeichen des Kreuzes zu bezeichnen, und dies kurze Gebet eines großen Dieners Gottes zu sprechen: "Jesus der Gekreuzigte sei in allen meinen Worten! Jesus der Gekreuzigte sei in allen meinen Regungen! Er sei in allen meinen Werken und in allen Kräften meiner Seele und meines Leibes jetzt und in der Stunde meines Todes!"

 

O Jesus, mein Herr und mein Gott, durch die Bitterkeit, in die Deine heiligste Seele versenkt war, und durch den namenlosen Schmerz, den Du am Kreuz erlittest, als diese Deine gebenedeite Seele von ihrem heiligen Leib schied, erbarme Dich meiner Seele zu jeder Zeit, besonders aber, wenn ich vor Deinem Richterstuhl erscheinen werde, der den Sündern furchtbar ist!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Neunte Betrachtung

 

"Ich muss mit einer Taufe (nämlich mit meiner Bluttaufe) getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist!" (Jesus Christus) 

 

Der heilige Augustinus ermahnte, den Kelch des Todes mit Mut zu trinken, den wir alle trinken müssen. Wenn wir sterben, sprach er, haben wir nur mit einem besiegten Feind zu kämpfen, da der Sohn Gottes mit einem sterblichen Leib sich bekleidete, den Tod zu töten. Durch Seinen Tod tötete Er, der das Leben ist, den Tod. Deshalb auch rief der heilige Paulus aus: "O Tod, wo ist dein Stachel?"

 

Ein sehr frommer Christ, der die Annäherung seines Todes fühlte, sprach mit großem Trost die Worte Jesu Christi aus: "Ich gehe zu meinem Vater! - Ich gehe zu Demjenigen, der mich gesandt hat! Ich gehe zu Gott, dem liebevollsten aller Väter. Ich gehe zu Dem, der mich auf die Erde gesandt hat, dass ich von da in den Himmel gehe!"

 

Der Pater Theodoricus Canisius wurde vom Schlag gerührt, als er die Nachricht vom Tod seines Bruders, des großen Canisius erhielt, der den berühmten Katechismus verfasste, der seinen Namen trägt. Bei diesem Schlagfluss verlor er im Augenblick das Gedächtnis und vergaß alle Dinge, außer die Namen Jesus und Maria. Sieben Jahre hindurch war er in diesem Zustand, und konnte seine Hand zu nichts gebrauchen, außer das Kreuz zu machen, noch auch seine Zunge, außer die süßen Namen Jesus und Maria anzurufen. Als er aber die Letzte Ölung empfangen hatte, da löste sich seine Zunge und er konnte noch die Worte aussprechen: "In den Himmel, in den Himmel!" wodurch er seine große Sehnsucht ausdrückte, in sein wahres Vaterland zu gehen. Und, des Himmels allein eingedenk und nur für Jesus und Maria atmend, starb er, nachdem er noch die erste Silbe des Namens Maria ausgesprochen hatte.

 

Seufzen wir nach der Ewigkeit, gleich dem, der da sprach: "Mit jedem Augenblick gehen wir der Ewigkeit entgegen! O glückselige Ewigkeit, wann werde ich dich schauen! Mit Freude wurde ich erfüllt, als zu mir gesprochen wurde: Wir werden in das Haus des Herrn gehen.!"

 

Mein Gott, bekehre mich zu Dir und erschaffe ein neues Herz in meinem Inneren, dass ich Dich über alles, und alles übrige nur um Deinetwillen liebe! Verleihe mir auch, o barmherziger Vater, die Gnade der Beharrlichkeit, die allein diejenigen krönt, die da streiten, den Siegern den Kampfpreis erteilt und die Heiligen in den Hafen der ewigen Seligkeit einführt! Ob gib mir diese köstlichste aller Gaben, die ein pures Geschenk Deiner Hand ist, das der Tod in Sicherheit bringt, auf dass ich in Deiner Liebe lebe und sterbe!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Zehnte Betrachtung

 

Ordne dein Haus, denn du wirst sterben!" (Unser Heiland)

 

Wer den Ort der Verbannung verlässt, um sich in sein Vaterland zu begeben, der seufzt nach dem glückseligen Tag, wo er daselbst ankommen wird; entsagt allem, was ihn davon ausschließen könnte, und bricht die Bande, die in seinem Lauf ihn aufhalten würden. Er macht sich daselbst Freunde, eine gute Aufnahme zu finden, und sammelt sich Schätze, die seine Glorie und Glückseligkeit fördern.

 

Betrachten wir die Erde als einen Ort der Verbannung und seufzen wir nach dem Himmel. Ich bin hienieden nur einstweilen, sprach ein Diener Gottes, nur auf sehr kurze Zeit, nur indessen, nur im Vorübergehen. Ohne die Sünde wohnten wir nicht in einem Land, wo Elend alle Einwohner darnieder beugt. Ein Tal der Tränen ist dies Land und nur allzu oft haben wir Gründe, sie zu vergießen. "Ach, wie lange noch wird meine Verbannung verlängert?" Also werde ich oft und oft mit dem Propheten ausrufen. Auf Erden bin ich, doch nicht für die Erde bin ich, für den Himmel bin ich da, denn der Himmel ist mein wahres Vaterland. Im Himmel ist Gott, mein Vater; dort ist Jesus, mein Erlöser; dort Maria, meine geliebte Mutter, dort sind die Heiligen, die der Glorie genießen, für die ich, gleich ihnen, erschaffen wurde; und dort werde ich immerdar dem Geist und Herzen nach wohnen.

 

Nichts Unreines geht in den Himmel ein, jede Sünde aber verunreinigt die Seele. Verlangen wir, gleich den Heiligen, vor Leid zu sterben, dass wir gesündigt haben. Sprechen wir mit dem heiligen Anselm: Vorziehen würde ich die Hölle jeder Sünde, wenn man in die Hölle kommen könnte, ohne einer Sünde schuldig zu sein. Seien wir gesinnt gleich dem heiligen Johannes Chrysostomus, der sprach: "Chrysostomus fürchtet nur eins: die Sünde!" Nur die Sünde fürchtete er, weil sie allein den Eintritt in den Himmel verwehrt, wo Gott die ewige Seligkeit aller ist.

 

Wenn wir wollen, dass die jungfräuliche Mutter des Herrn, die Engel und die Heiligen für uns bei Gott bitten, so ehren wir sie durch Nachahmung ihrer Tugenden und durch Heiligung aller unserer Handlungen. Tun wir durchaus kein Werk, das Gott nicht angenehm und für den Himmel verdienstlich ist. Sprechen wir oft mit einem der Heiligen: "Alles für den Himmel und für Gottes größere Ehre!"

 

Ich danke Dir, Herr, mein Gott, dass Du meine Sünden mir so oft barmherzig verziehen und vor so vielen anderen mich bewahrt hast! O Gott, meine Kraft und Stütze und meine heilige Freude, ich danke Dir für alle Deine Gaben, und bitte Dich in Demut, sie zu erhalten, zu vermehren, und Dich meiner zu erbarmen nach Deiner großen Barmherzigkeit zu Ehre Deines heiligen Namens, bis ich in die selige Ewigkeit, mein wahres Vaterland, gelange und bei Dir vollkommen glückselig sein werde!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes! Amen.

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Elfte Betrachtung

 

"Sei jeden Tag auf den Tod gefasst, und verlange nach ihm zu jeder Stunde des Tages!" (Der heilige Johannes Climacus)

 

Ein wahrhaft christlicher Fürst, der verlangte, im Himmel eine unendlich kostbarere Krone zu empfangen, als die Krone war, die er auf Erden besaß, hatte immer einen Mahner bei sich, der ihm zu jeder Stunde andeutete, er müsse sich bereit halten, weil er bald sterben werde. Dieser pflegte, wenn er einen Ort betrat, zu ihm zu sprechen: "Du wirst vielleicht nicht mehr lebendig aus diesem Ort kommen!" und verließ er ihn: "du wirst vielleicht nie mehr dahin zurückkehren!" Vor jeder Mahlzeit sprach er zu ihm: "Diese Mahlzeit ist vielleicht die letzte deines Lebens!" So oft er sich zu Bett begab, sagte er ihm, der Schlaf sei das Bild des Todes, und sprach: "Morgen vielleicht bist du um die Stunde, wo sie dich aufzuwecken pflegen, nicht mehr am Leben!"

 

Als die Jünger des heiligen Hieronymus sahen, wie gewaltsam sein Fieber überhand nahm, und dass sein Tod notwendig darauf erfolgen musste, bezeugten sie ihm ihren Schmerz über ihren nahen Verlust. Der Heilige, der lange Zeit von der Furcht vor den göttlichen Gerichten durchdrungen war, wurde bei diesen Klagen auf einmal heiteren Angesichts und sprach: "Ihr kündigt mir an, dass ich bald abreisen muss. Gott lohne euch diese fromme Nachricht! Nehmt Anteil an meiner Freude und seid Zeugen meines Glückes. Frei also werde ich nun werden, und es immer und ewig bleiben. Der Tod macht mich traurig, weil er so lange zögert. Nicht schauerlich, wie man ihn abzubilden pflegt, sondern holdselig erscheint er mir. Seit Jesus, mein Erlöser, ihn liebte, gefällt er mir sogar mitten und Qualen, weil er von der Hoffnung einer glückseligen Ewigkeit begleitet ist. Wachet, Freunde, und betet! Empfinden werdet ihr einst, wie himmlisch es ist, zu sterben, wenn man so klug war, gut zu leben!"

 

Ich erkenne, o Herr, mein Gott, durch das Licht des Glaubens, dass du mein allerhöchster Herrscher und mein letztes, übernatürliches Ziel bist. Dir weihe ich mein Herz und liebe Dich über alle Dinge, weil Du in Dir selbst unendlicher Liebe würdig bist. Aus dem Grund dieser Liebe verabscheue ich alle meine Sünden. O verzeihe, Herr, diesem elenden Sünder, dessen Herz zerknirscht und gedemütigt ist! Unwürdig ist er Deiner Gnade, aber er nimmt seine Zuflucht zu Deiner Barmherzigkeit, und hofft von Deiner unendlichen Güte, dass Du, durch die Verdienste seines barmherzigen Erlösers ihm die Verzeihung seiner Sünden verleihen, sein Herz noch in diesem Leben reinigen wirst, und dass er Dich schauen und ewiglich im Himmel genießen wird.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Zwölfte Betrachtung

 

"Der Tod ist ein Gewinn, weil er das unvollkommene Leben, das wir nun haben, in ein höchst vollkommenes Leben umwandelt, das wir dann haben werden." (Der heilige Thomas von Aquin)

 

Wohl zu bemerken sind diese Worte, und wirksam sollen sie uns anregen, gut zu leben. "Wer gut und christlich lebt, stirbt gewöhnlich eines heiligen Todes, wer aber heilig stirbt, der verliert nichts, vielmehr gewinnt er alles."

 

Ein heiliger Abt sprach zu seinen Mönchen: "Befleißigen wir uns, meine Brüder, das Leben der Heiligen zu leben, und haben wir ein großes Verlangen, ihres Todes zu sterben."

 

Ein sehr frommer Priester, der einen anderen kranken Priester besuchte, dessen Leben seinem Ende nahte, sprach beim Eintritt in dessen Zimmer: "Wie glückselig erachte ich Sie in Ihrem gegenwärtigen Stand, und wie glückselig würde ich mich selbst achten, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Höchstens verweilen Sie nun noch wenige Tage in diesem Land der Toten, und gehen dann ein in das Land der Lebendigen, wo niemand mehr sündigt, wo alle Gott schauen, alle ihn vollkommen lieben, alle Seiner ewig genießen! O welche Seligkeit! Erfreuen Sie sich, und danken Sie Gott, unserem lieben Vater, von Herzen! Selig, die in der Liebe Gottes und in der Übung dieser Liebe sterben!"

 

"Wie gerne würde ich diese Welt verlassen, wenn es Gott so wohlgefällig wäre!" sprach der heilige Laurentius Justinianus. "Ich glühe vor Sehnsucht, Dich zu schauen, Dich zu besitzen, Deiner zu genießen, mein Gott! O tue Barmherzigkeit an mir, Herr!" - Dieser Heilige hielt ein Kruzifix in den Händen, das er oftmals mit Ehrfurcht und Liebe küsste und dabei sprach: "O Jesus, nimm mich auf in Deine Arme, die die Liebe am Kreuz für mich ausspannte! Durch Deine unendliche Barmherzigkeit nimm meine Seele in Deine Hände auf!"

 

Barmherziger Jesus, sei eingedenk Deines Geschöpfes, das Du durch Dein Blut erkauft hast! Vergiss meiner Sünden und errette mich von den Pforten der Hölle! Im äußersten Elend schmachte ich. O komm mit Deinem Erbarmen mir zuvor! Rufe mich, o Jesus, und zieh mich zu Dir! Nimm mich auf in die Anzahl Deiner Auserwählten, und beschenke mich mit der ewigen Ruhe! O Jesus, sei mir immerdar ein Jesus!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Dreizehnte Betrachtung

 

"In den Kämpfen, die ich bestehen muss, tröste ich mich durch die Erwartung meiner Umwandlung." (Der heilige Ijob)

 

"Wie groß ist der Unterschied zwischen meinem jetzigen Stand auf Erden und meinem künftigen im Himmel, wenn ich so glückselig bin, dahin zu kommen!" So rief ein großer Diener Gottes aus. "Hier bin ich an einem Ort der Verbannung, dort werde ich im Vaterland sein! Hier bin ich in Unreinigkeit, dort werde ich in der Glorie sein! Hier bin ich voll des Elends und oft in Schmerzen, dort werde ich frei von jeder Krankheit und von jedem Übel sein! Hier bin ich dem Tod unterworfen, dort werde ich unsterblich sein! Hier ist mein Geist in Finsternissen, dort wird er erleuchtet sein, denn schauen werde ich meinen Gott von Angesicht zu Angesicht, wie er ist! Hier ist mein Herz unrein, schwach, bestandslos, böse, dort werde ich nicht mehr sündigen, ja nicht mehr sündigen können, rein wird mein Herz, fest in der Liebe Gottes gegründet und vollkommen meine Liebe sein. Vereint werde ich werden mit meinem Gott, Ihn ganz besitzen und Seiner genießen. Ewig werde ich bei Jesus und Ihm ähnlich sein."

 

Ein Diener Gottes sprach: "Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen, aber überaus süß, in die Hände eines Gottes zu fallen, den die Liebe tötete, wenn anders man so großer Liebe entsprochen hat! O mein Erlöser, gedenke, dass Du mit Deinem Blut Deiner Wunden mich in Deine Hände geschrieben hast! Verbirg mich in diesen hochheiligen Wunden, und gestatte nicht, dass ich jemals von Dir getrennt werde!"

 

O Jesus, kostbar ist mir Dein Kreuz, da Du, der König der Könige und der höchste Herrscher aller Himmel, gekreuzigt wurdest. O gekreuzigter Jesus, mein innig geliebter Heiland, in Deinen Armen will ich leben und sterben! Ach, nicht immer war ich bei Dir, doch bin ich es nun, und ich hoffe, es immer zu sein! "Erfreut war ich, als zu mir gesprochen wurde: Ich werde in das Haus des Herrn eingehen! Nur um eines bitte ich Dich, und nicht aufhören werde ich, bis an meinen letzten Augenblick darum zu bitten: dass ich daselbst wohne ewiglich!"

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Vierzehnte Betrachtung

 

"Selig sind die, die Gott geliebt haben! Zu einer Leiter wird ihnen der Tod werden, auf der sie emporsteigen zum heiligen Berg, zum wunderbaren Wohnsitz Gottes!" (Der heilige Bernhard von Clairvaux)

 

Wenn wir unseren Gott wahrhaft lieben, werden wir dann nicht mit dem heiligen Cyprian sprechen: "Das Paradies ist unser Vaterland; laufen wir aus allen Kräften durch die Sehnsucht unseres Verlangens und durch die Heiligkeit unserer Werke, um daselbst einzugehen mit den Heiligen, die unsere Schwestern und Brüder sind, und Gott zu besitzen, der unser Vater ist!" - werden wir nicht oftmals mit dem heiligen Philipp Neri ausrufen: "O Paradies, Paradies, wann werde ich dich schauen!" Wird nicht das Gefühl heiliger Freude uns durchdringen, die das Herz der heiligen Theresia erfüllte, wenn sie während des heiligen Opfers die Worte singen hörte: "Dessen Reich kein Ende haben wird!" "Nein," sprach sie, "nimmermehr kennt ein Ende das Reich Jesu Christi, mit dem ich so glücklich sein werde, zu herrschen, und ich hoffe, in dies göttliche Reich aufgenommen zu werden!"

 

Eine andere Dienerin Jesu Christi, die ihr Leben in Armut, Demut, Abtötung und christlicher Einfalt verlebt hatte, sprach auf ihrem Totenbett zu Gott: "Herr, ich bin Dein armes Geschöpf, schalte mit mir, wie es Dir wohlgefällig ist! Alles gilt mir gleich, wofern ich nur Dich liebe und ewig liebe. Kein anderes Verlangen lebt in mir!"

 

Eine sehr andächtige Nonne flehte oftmals mit wunderbarem Vertrauen zur Mutter der Barmherzigkeit und erlangte auf ihre Fürbitte die Befreiung von der übermäßigen Todesfurcht, von der sie lange war gepeinigt worden. Als nun auf ihrem Totenbett eine der Schwestern sie ermahnte, die allerseligste Jungfrau um ihre frühere Gesundheit anzuflehen, antwortete sie: "Ich möchte die Verlängerung meines Lebens nicht einmal um ein Ave Maria erkaufen, wenn ich auch dessen gewiss wäre."

 

Liebster Jesus, ich danke Dir, dass Du Deine heiligste Mutter über alle Geschöpfe mit Gnaden und himmlischen Gaben schmücktest, und bei Deinem Tod mich ihr in der Person Deines vielgeliebten Jüngers empfohlen hast! O Mutter der Gnade und Barmherzigkeit, erzeige dich als eine gütige Mutter, die um mein Heil besorgt ist, und erwirke mir durch deine mächtige Fürbitte, dass ich, kraft der Verdienste deines göttlichen Sohnes, in die ewigen Freuden aufgenommen werde!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Fünfzehnter Betrachtung

 

"Wir wissen, dass, wenn dies Haus aus Erde zerfällt, das wir bewohnen, Gott uns ein anderes Haus geben wird im Himmel, das nicht von Händen der Menschen erbaut ist." (Der heilige Paulus)

 

Maria Anna, von der Opferung genannt, hatte in ihrer Zelle den Sarg, in dem sie nach ihrem Tod gelegt werden sollte, und legte sich jeden Abend längere Zeit in ihn hinein, bevor sie sich zur Ruhe begab. Beinahe den ganzen Tag hatte sie unter ihren Augen einen Totenkopf, auf dem die Worte geschrieben standen: "Gedenke, dass ich einst war, was du nun bist, doch nicht sagen kann ich dir, was ich nun bin!" Ihr Tod war kostbar in den Augen des Herrn, und ihr selbst überaus glückselig, weil sie sich so gut darauf vorbereitet hatte. - Bedenken wir oftmals den Tag hindurch ernsthaft, was uns im Tod und nach dem Tod, sowohl dem Leib, als der Seele nach, widerfahren wird. Sehr heilsam ist dieser Gebrauch, um christlich zu leben und zu sterben.

 

Die gottselige Schwester Maria Chalons von der heiligen Agnes, die unter dem Namen: das Kind der Vorsehung bekannt war, weil sie ein unbegrenztes Vertrauen auf Gott hatte, dem sie sich oftmals am Tag anheimstellte, sagte im Tod: "Ich fürchte den Tod so wenig, als ein wildes Tier, das fest angekettet ist."

 

Der heilige Makarius von Alexandrien lebte mehr im Himmel, als auf der Erde. Dort waren all seine Gedanken und Liebesregungen. Wurde er versucht, sich mit anderem zu beschäftigen, so wandte er sich zu seiner Seele und sprach: "Hüte dich, meine Seele, vom Himmel auf die Erde herabzusteigen. Im Himmel findest du deinen Gott und seinen ganzen Hof. Nur im Himmel wird der Mensch erleuchtet, nur dort ist er in Sicherheit, wahrhaft glücklich und liebt seinen Gott vollkommen.

 

Herr, gedenke nicht meiner begangenen Missetaten, die ich verabscheue. Vergiss barmherzig so vieler schändlichen Sünden, zu denen die Heftigkeit meiner Leidenschaften mich hingerissen haben. Erkenne das Werk Deiner Hände in mir, ich war so unglückselig, gegen Dich zu sündigen, doch verlor ich deshalb den Glauben nicht, und darum hoffe ich auf Deine Barmherzigkeit. Immer habe ich Deinen heiligen Namen bekannt und angebetet, da ich weiß, dass kein anderer Gott ist außer Dir! O verleihe mir im Augenblick meines Todes, den ich willig aus Deiner Vaterhand annehme, die Glückseligkeit, Dich zu schauen und Deiner Anschauung in alle Ewigkeit mich zu erfreuen.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Sechzehnte Betrachtung

 

"Der Tod hat keinen Stachel für den, der seinen Gott inbrünstig liebt. Nicht Schmerz, Freude erweckt er in ihm. Sterbend singt er Lieder heiliger Liebe. Tausendmal überwiegt der Tag seines Todes den Tag seiner Geburt." (Der heilige Bernhard von Clairvaux)

 

Eine heilige Märtyrin, die die furchtbarsten Qualen erlitt, sprach zu dem Tyrannen, auf dessen Befehl die Schergen sie peinigten: "Keine deiner Qualen vermag es, meinem Herzen weder Christus noch die Freude zu entreißen, womit Er die Seelen derjenigen erfüllt, die Ihn lieben."

 

Die heilige Rosa von Lima weinte bei ihrem Tod. Als man sie um den Grund ihrer Tränen befragte, antwortete sie: "Ich weine nicht, dass ich von der Erde scheide, noch auch, dass ich leide, sondern weil ich nicht genug gelitten habe, den Himmel zu verdienen. Sie wurde von einem starken Bluthusten überfallen und hatte ein heftiges Blutbrechen. Sobald sie sich in so weit erholt hatte, dass sie sprechen konnte, sprach sie: "Mein göttlicher Bräutigam, nimm dies Blut huldreich als ein Zeugnis der glühenden Sehnsucht auf, die ich immer hatte, mein Blut für Deine Verherrlichung zu vergießen!"

 

"Nie hätte ich geglaubt, dass es so süß ist, zu sterben," sprach der gottselige Pater Suarez, als er starb.

 

Die ehrwürdige Mutter Badin vom heiligen Kreuz, nährte beständig die glühende Sehnsucht in sich, die Gott ihr geschenkt hatte, Ihn rein und einzig um Seiner selbst willen zu lieben, damit sie die kostbare Gnade erlangte, in der Übung dieser vollkommenen Liebe zu leben und zu sterben. Eine große Andacht hatte sie zum heiligen Alexius, zum heiligen Laurentius, zur heiligen Magdalena und zur heiligen Maria von Ägypten, weil sie besonders in der Liebe, dieser Königin aller Tugenden, geglänzt hatten. Als der Augenblick ihres Todes herannahte, hörte man sie zum Herrn sprechen, sie liebe Ihn aus ganzem Herzen, sie wolle nur Ihn lieben, sie liebe Ihn seiner unendlichen Vollkommenheiten wegen, und weil Er, als Gott, unendlicher Liebe würdig sei. Wenn der Liebe die Kraft innewohnt, das Bitterste zu versüßen: wie süß ist dann der Tod derjenigen, die sterbend ihren Gott so lieben!

 

Herr, befreie mich von meinen Sünden, von den Schlingen des bösen Geistes und von den Qualen der Hölle! Befreie mich, wie Du Deine Heiligen befreitest, die nun mit der Krone der Glorie gekrönt sind. Dir gehöre ich an, Deine Barmherzigkeit ist der Grund, dass ich durch die Verdienste Jesu Christi auf Dich hoffe. Nimm mich auf in den Ort des Heils und der Glückseligkeit. Lass mich ewig bei Dir wohnen und in Deiner Glorie Dich schauen, lieben und anbeten in Ewigkeit!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Siebzehnte Betrachtung

 

"Ein heiliges Leben ist der Weg zu einem heiligen Tod, und ein heiliger Tod ist der Weg zu dem wahrhaftigen Leben, zu dem ewigen und ewig glückseligen Leben." (Der heilige Ambrosius)

 

Deo gratias - Gott sei Dank! rief der heilige Felix von Cantalicien aus, als der Herr die Stunde seines Todes ihm geoffenbart hatte, und so unaussprechlich war seine Freude, dass er sich nicht konnte in seinem Innern verschlossen halten. Eifrig lief er zu allen Religiosen seines Klosters, teilte ihnen diese frohe Botschaft mit, und bat sie, dem Herrn mit ihm zu danken. "Verlassen werde ich endlich diese Erde," sprach er freudig, "sterben werde ich, und Gott, meinen liebevollen Vater im Himmel, schauen!"

 

Ein Mönch des heiligen Bernhard wiederholte an seinem Sterbetag oftmals diese Worte: "Wie groß ist Gottes Güte, dass er mein Vater sein will. Und welch ein gütiger Vater! Zum Erben setzte Er mich ein, und hingehen soll ich nun, sein Reich in Besitz zu nehmen!"

 

Eine Laienschwester, die sieben ganze Jahre hindurch mit einer Krankheit behaftet war, in der sie oft die bittersten Schmerzen zu leiden hatte, litt nicht nur mit viel Ergebung und Geduld, sondern auch mit Freude. Oft sprach sie in der Fülle ihres Glaubens: "Ich achte alle einzelnen Augenblicke, während der ich leide, den Willen Gottes zu tun und Ihm zu gefallen, so sehr als die unendlichen Augenblicke, die die glückselige Ewigkeit in sich fasst!"

 

Allmächtiger Gott, mein Schöpfer, willig nehme ich den Tod an, zu dem Du meiner Sünden wegen mich verurteiltest, und wünsche mir Glück, dass ich zu Dir, meinem Ursprung, zurückkehre, der Du allein mich vollkommen beseligen kannst! O ihr heiligen Engel des Herrn, kommt meiner Seele entgegen, wenn sie diesen Leib verlässt! Ihr heiligen Apostel, bereitet ihr eine glückselige Aufnahme! Ihr erlauchten Märtyrer, begleitet sie bei ihrem Eintritt in den Himmel. Ihr glorreichen Bekenner des Glaubens, begleitet sie in ihrem Siegeszug! O Jesus, mein Erlöser, verurteile sie nicht zu den Schaudern der Finsternisse, zu den ewigen Feuern, zu den strengen Qualen der Ewigkeit. Zerstreue die Feinde meines Heils, die mich umgeben! O Jesus, Sohn des lebendigen Gottes, der Du unsere Menschheit annahmst und für mich armen Sünder gekreuzigt wurdest und starbst, zähle mich, um Deines heiligen Namens willen, den Heiligen bei, die ewig mit Dir sein werden! Ach, wann werde ich Dich von Angesicht zu Angesicht schauen? wann Dich ewig besitzen?

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Achtzehnte Betrachtung

 

"Beim Tod werden die Heiligen sprechen können: Die Nacht ist vorüber, der Tag ist angebrochen!" (Der heilige Bernhard von Clairvaux)

 

Als der heilige Pol, der Bischof von Leon, nahe daran war, seine Seele Gott zu übergeben, offenbarte er denen, die in seinem Tod ihm beistanden, seine unaussprechliche Freude bei dem Gedanken an die allerhöchste Glückseligkeit, die ihn erwarte. Und er sprach auf eine Weise, die sehr geeignet war, ihr Herz von der Erde zu entfesseln und zum Himmel zu erheben: "Endlich schaue ich Ihn, den ich liebte, den Herrn, meinen Gott, nach dem meine Seele so sehnlich verlangte!"

 

Als eine Heilige fühlte, dass ihr Tod nahe war, sprach sie: "Ich trete mit Freuden aus dieser Welt, und in sicherem Geleit gehe ich mit Freuden in die andere ein. Dies besteht nicht etwa aus meinen Verdiensten, sondern in der großen Barmherzigkeit Gottes. Um diese, Herr, bitte ich Dich durch die Verdienste Jesu Christi! Deinen Händen empfehle ich meinen Leib, meinen Geist und mein Herz."

 

Die Mutter Magdalena Blin blieb stehen, so oft sie ein Bild des gekreuzigten Heilandes sah. Tief verneigte sie sich dann, betete den sterbenden Erlöser an und bat Ihn durch Seine schmerzliche Scheidung um einen heiligen Tod. Jeden Tag kniete sie gegen drei Uhr zur Erde nieder, den Augenblick des Todes ihres geliebten himmlischen Bräutigams zu preisen, und wiederholte ihre Bitte, aus Liebe für Ihn zu sterben. Sie starb um drei Uhr nachmittags, was allgemein als eine besondere Gnade betrachtet wurde, die sie vom Herrn empfing.

 

O Gott der Erbarmungen, Gott der Huld und Sanftmut, der Du die Sünden reuiger Herzen tilgst, wende mir einen Blick Deiner Barmherzigkeit zu, und erhöre mein Gebet, das ich um die Verzeihung meiner Sünden vor Dir spreche! Erneuere in mir, was durch die Gebrechlichkeit meiner Natur entweiht oder zerstört oder durch die Arglist des bösen Geistes verdorben wurde, Gedenke, Herr, dass ich durch das Blut Jesu Christi, Deines Sohnes, erkauft wurde. Ich bitte Dich durch die Verdienste meines Erlösers, erbarme Dich meiner Seufzer und meiner Tränen, und verleihe mir die Gnade einer vollkommenen Versöhnung, denn auf Deiner Barmherzigkeit allein ruht mein Vertrauen.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Neunzehnte Betrachtung

 

"Herr, schalte mit mir nach Deinem gütigen Wohlgefallen, und nimm meinen Geist im Frieden auf; denn besser ist es mir, zu sterben als zu leben." (Der heilige Tobias)

 

Man fragte einst eine eifrige Nonne, Antonie von Pomelia genannt, ob sie den Tod dem Leben vorzöge. Hierauf gab sie zur Antwort: "Der Wille Gottes ist meiner Seele, was die Nahrung meinem Leib ist. Ich fühle keinen anderen Willen in mir, als gar keinen Willen zu haben."

 

"Ich weigere mich nicht zu sterben, und weigere mich nicht zu leben," sprach eine Heilige. "Gott ist der Herr; ganz gehöre ich Ihm. Alles ist mir recht, was immer Er will. Alles geschehe nach Seinem Wohlgefallen!"

 

Ein bußfertiger Sünder sprach: Ich habe den Tod verdient, so oft ich gesündigt habe; da jede Todsünde die ewige Strafe, jede lässliche Sünde aber das Reinigungsfeuer verdient, das eine ungleich schwerere Strafe ist als der Tod.

 

Eine eifrige Christin, die fühlte, dass sie Gott wahrhaft liebte und große Hoffnung hegte, in den Himmel zu kommen, sprach: sie verdiene nicht, zu sterben; und sie willigte im Geist der Buße ein, auf Erden zu bleiben, so lange es Gott gefällig wäre; weil sie keine andere Freude als das göttliche Wohlgefallen habe.

 

Der gottselige Pater Del Ponte richtete oftmals folgendes Gebet zu Gott, das in der Tat ein vollkommenes Gebet ist, und das jeder Christ alle Tage aus tiefsten Herzensgrund beten sollte: "Mein Gott, Dein heiliger, immerdar aller Anbetung und Liebe würdiger Wille geschehe an mir, in mir, durch mich, hinsichtlich meiner und hinsichtlich alles, was mich angeht, nun und in jedem Augenblick, während meines Lebens, in meinem Tod und die ganze Ewigkeit hindurch!"

 

Du willst, mein Gott, dass meine Seele aus dieser Welt scheide, so verlange ich denn, dass sie scheide weil Du es willst. O Gott, allmächtiger Vater, der Du mich erschaffen, o Gott, Sohn, der Du mich erlöst hast, o Gott, heiliger Geist, der Du über mich ergossen wurdest: durch Deine Barmherzigkeit sei meine ewige Wohnung im Frieden! Ich bitte Dich um diese Gnade durch die Verdienste Jesu Christi, und erwarte, Herr, das Zeichen zum Aufbruch!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Zwanzigste Betrachtung

 

"Wie, du fürchtest den zeitlichen Tod, da Gott ewiges Leben, vollkommene und immerwährende Ruhe, unermessliche und unversiegbare Seligkeit dir verheißt?" (Der heilige Augustinus)

 

Nimmermehr fürchtete die heilige Brigitta den Tod. Wenige Augenblicke, bevor sie ihren Geist aufgab, rief sie aus: "Ich brenne vor Sehnsucht, meinen Erlöser zu sehen!" Und hierauf wendete sie sich an Ihn und sprach liebevoll zu Ihm: "Ich bin Deine Braut, ich liebe Dich, o zögere nicht, zu mir zu kommen und Dich mir zu zeigen!"

 

Nimmermehr fürchtete der heilige Franz Xaver den Tod, der selbst an dem Tag, wo er aus diesem Leben scheiden sollte, mit glühendem Eifer ausrief: "O mein Jesus, der Du für mich gelitten hast und gestorben bist, nichts bedarf ich, außer Dir! Nichts verlange ich, außer Dich! Ich liebe Dich, weil Du Gott bist!"

 

Nie mehr fürchtete die heilige Agatha den Tod. Diese große Heilige antwortete denjenigen, die sie aufforderten, Jesus zu verleugnen, wenn sie nicht in den furchtbarsten Qualen sterben wollte: "Herr, Dir gehöre ich an, Dein will ich sein bis zum Tod und in alle Ewigkeit!"

 

"Wenn man die Verdienste Jesu Christi und den Schutz Mariä zur Wache hat, wie wäre es da möglich, nicht auf Gottes Barmherzigkeit zu hoffen, wofern man seine Sünden verabscheut und seinen Gott liebt?" sprach der Herzog von Montalto bei seinem Tod.

 

"Mut, meine Seele, Mut, die Ewigkeit naht!" sprach ein Edelmann von hohem Rang und von großer Tugend bei seinem Tod; "sieh, die glückselige Ewigkeit naht, die Ewigkeit, die aller Sehnsucht würdig ist!"

 

Der selige Petrus von Luxemburg seufzte in seiner letzten Krankheit unablässig nach dem Tod. "Ach," rief er aus, "wie sehne ich mich, zu sterben. Wie lange sind die Augenblicke dieses elenden Lebens! Wann, wann werden einmal die Bande meiner Gefangenschaft gebrochen!"

 

Gebet der seligen Margaretha Turva: Süßer Jesus, ich erkenne, dass ich eine Sünderin bin, allein ich empfinde lebhafte Reue über meine Sünden, und flehe demütig um die Verzeihung aller Sünden zu Dir! Dass Du mir Barmherzigkeit erzeigtest, hast Du die Menschheit angenommen, gelitten und dem Tod Dich preisgegeben. O erbarme Dich meiner!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Einundzwanzigste Betrachtung

 

"Beten wir, dass der Herr nicht mit uns ins Gericht geht, denn sehr verschieden sind seine Gerichte von den Urteilen der Menschen. Sprechen wir also: O Gott, mein Vater, ich bereue meine Sünden, und ich liebe Dich, erbarme Dich meiner!" (Pater Colibrand)

 

Der böse Geist strebte, dem sterbenden heiligen Hilarion Misstrauen gegen die Barmherzigkeit Gottes einzuflüstern. Da ermutigte sich der Heilige zum Vertrauen und sprach: "Tritt aus, meine Seele, was fürchtest du? Siebzig Jahre dienst du Christus, und fürchtest den Tod?"

 

Die ehrwürdige Langrené vom heiligen Franziskus hatte eine große Furcht vor dem Tod, wegen der Gerichte Gottes. Barmherzigkeit von ihrem Richter zu erlangen, betete sie jeden Abend vor dem heiligsten Altarsakrament das "dies irae" und dreimal den Vers: "Herr, gib mir die ewige Ruhe." Jeden Freitag tat sie dem Herrn feierliche Abbitte vor ihrem Kruzifix mit bloßen Füßen und einem Strang um den Hals. Und hierauf betete sie die Tagzeiten vom heiligen Kreuz. Ihr Tod war sehr sanft und kostbar vor dem Herrn, weil ihr ganzes Leben eine Vorbereitung zum Tod gewesen war.

 

Eine Klosterjungfrau aus dem Orden der Ursulinerinnen zitterte vor Entsetzen bei dem Gedanken an Salomos Ausspruch, dass Gott ein sehr strenges Gericht über diejenigen halten wird, die, als Vorgesetzte über andere aufgestellt, ihr Amt nicht auf vollkommene Weise erfüllen. Sie empfahl sich dem Gebet frommer Seelen und bat sie dringend, Gott um Barmherzigkeit für sie zu bitten, da sie Ihm eine furchtbare Rechenschaft abzulegen hätte. Und damit sie selbst anfinge, der Gerechtigkeit Gottes in dieser Welt genug zu tun, bat sie den Herrn oftmals, ihr viele Leiden in ihrem Tod zu senden, ihr aber dann beim Gericht gnädig zu sein. Und es schien, dass der Herr sie erhörte, denn sie hatte fünfzig Stunden hindurch den entsetzlichsten Todeskampf.

 

Gebet eines heiligen Papstes: Preisen will ich Dich, Herr, zu jeder Zeit, verkündigen will ich immerdar Dein Lob. Alles in mir lobe Deinen heiligen Namen. Nie und nimmer will ich, o Gott, die Gnaden vergessen, die ich aus Deiner Hand empfangen habe. Du erlässt mir meine Schuld, Du heilst alle meine Krankheiten, Du errettest mein Leben zum Tod, Du krönst mich mit Barmherzigkeit und Erbarmen!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

 

                                       Dies irae:

 

 

Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.

Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!

Tuba mirum spargens sonum
Per sepulcra regionum
Coget omnes ante thronum.

Mors stupebit et natura,
Cum resurget creatura,
Iudicanti responsura.

Liber scriptus proferetur,
In quo totum continetur,
Unde mundus iudicetur.

Iudex ergo cum sedebit,
Quidquid latet apparebit:
Nil inultum remanebit.

Quid sum miser tunc dicturus?
Quem patronum rogaturus,
Cum vix iustus sit securus?

Rex tremendae maiestatis,
Qui salvandos salvas gratis:
Salva me, fons pietatis.

Recordare Iesu pie,
Quod sum causa tuae viae:
Ne me perdas illa die.

Quaerens me, sedisti lassus:
Redemisti crucem passus:
Tantus labor non sit cassus.

Iuste iudex ultionis,
Donum fac remissionis,
Ante diem rationis.

Ingemisco, tamquam reus:
Culpa rubet vultus meus:
Supplicanti parce Deus.

Qui Mariam absolvisti,
Et latronem exaudisti,
Mihi quoque spem dedisti.

Preces meae non sunt dignae:
Sed tu bonus fac benigne,
Ne perenni cremer igne.

Inter oves locum praesta,
Et ab haedis me sequestra,
Statuens in parte dextra.

Confutatis maledictis,
Flammis acribus addictis,
Voca me cum benedictis.

Oro supplex et acclinis,
Cor contritum quasi cinis:
Gere curam mei finis.

Lacrimosa dies illa,
Qua resurget ex favilla

Iudicandus homo reus:
Huic ergo parce Deus.

Pie Iesu Domine,
dona eis requiem. Amen.

Tag der Rache, Tag der Sünden,
Wird das Weltall sich entzünden,
wie Sibyll und David künden.

Welch ein Graus wird sein und Zagen,
Wenn der Richter kommt, mit Fragen
Streng zu prüfen alle Klagen!

Laut wird die Posaune klingen,
Durch der Erde Gräber dringen,
Alle hin zum Throne zwingen.

Schaudernd sehen Tod und Leben
Sich die Kreatur erheben,
Rechenschaft dem Herrn zu geben.

Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Treu darin ist eingetragen
Jede Schuld aus Erdentagen.

Sitzt der Richter dann zu richten,
Wird sich das Verborgne lichten;
Nichts kann vor der Strafe flüchten.

Weh! Was werd ich Armer sagen?
Welchen Anwalt mir erfragen,
Wenn Gerechte selbst verzagen?

König schrecklicher Gewalten,
Frei ist Deiner Gnade Schalten:
Gnadenquell, lass Gnade walten!

Milder Jesus, wollst erwägen,
Dass Du kamest meinetwegen,
Schleudre mir nicht Fluch entgegen.

Bist mich suchend müd gegangen,
Mir zum Heil am Kreuz gehangen,
Mög dies Mühn zum Ziel gelangen.

Richter Du gerechter Rache,
Nachsicht üb in meiner Sache
Eh ich zum Gericht erwache.

Seufzend steh ich schuldbefangen,
Schamrot glühen meine Wangen,
Lass mein Bitten Gnad erlangen.

Hast vergeben einst Marien,
Hast dem Schächer dann verziehen,
Hast auch Hoffnung mir verliehen.

Wenig gilt vor Dir mein Flehen;
Doch aus Gnade lass geschehen,
Dass ich mög der Höll entgehen.

Bei den Schafen gib mir Weide,
Von der Böcke Schar mich scheide,
Stell mich auf die rechte Seite.

Wird die Hölle ohne Schonung
Den Verdammten zur Belohnung,
Ruf mich zu der Sel’gen Wohnung.

Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue,
Sel’ges Ende mir verleihe.

Tag der Zähren, Tag der Wehen,
Da vom Grabe wird erstehen

Zum Gericht der Mensch voll Sünden;
Lass ihn, Gott, Erbarmen finden.

Milder Jesus, Herrscher Du,
Schenk den Toten ew’ge Ruh. Amen. 

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Zweiundzwanzigste Betrachtung

 

"Wir fürchten den Tod, weil wir nicht leben, wie wir leben sollten. Der Tod hätte an sich nichts Furchtbares wenn wir wären, was wir sein sollen." (Der heilige Chrysostomus)

 

Die heilige Petronilla brach bei ihrem Tod in die große Freude aus, von der ihre Seele durchdrungen war. "Schon fange ich an," rief sie aus, "Jesus, meinen Bräutigam, zu schauen, auf den ich alle meine Hoffnung und Liebe gesetzt habe! Selig, o mein Heiland, und abermals selig diejenigen, die, nachdem sie Dich in ihrer Verbannung liebten, ihre Liebe in ihren Leiden und auf ihrem Totenbett verdoppeln! Wie groß wird in der Ewigkeit ihre Liebe zu Dir sein!"

 

Maria von Vipart, genannt von Jesus, hatte das größte Entsetzen vor der Sünde. Oftmals hörte man sie sprechen: "Lieber tot, als eine lässliche Sünde begehen!" Die größte Vorsicht wandte sie an, sich vor den geringsten Fehlern zu hüten. Aus diesem Grund hütete sie sich, Umgang mit Personen zu knüpfen, für die sie irgendeine menschliche Anhänglichkeit hätte hegen können, und eben darum auch brach sie das Stillschweigen nur, wenn die Notwendigkeit es erforderte. Sie bemühte sich, immer in ihrem Inneren gesammelt zu sein, und aus der Tiefe ihres Herzens nach Gott zu rufen. Bei ihrem Tod stimmte sie den Psalm an: "Lobet den Herrn aller Völker!" Und als man sie um den Grund dafür fragte, antwortete sie: "Ich freue mich, dass ich nun sterbe, weil ich nach meinem Tod die ganze Ewigkeit hindurch in der glückseligen Unmöglichkeit sein werde, Gott zu beleidigen!"

 

Die Schwester Maria Soret, von der Menschwerdung genannt, sprach in der Fülle ihres heiligen Eifers: "Mein Überfluss besteht in Mangel, meine Wonne in Schmerzen, meine Ehre in Schmach, meine Ruhe in der Arbeit und mein Leben in beständiger Aufopferung!" Gewöhnlich betete sie zur Erde gebeugt oder mit ausgespannten Armen. In solchem Gebet ergoss sie ihre feurige Liebe in folgenden Worten, die sie zu ihrem göttlichen Bräutigam sprach: "Ich wollte, mein Gott, wenn es anders möglich wäre, dass alle Geschöpfe Dich so sehr liebten, als Du es verdienst! Ich wollte, dass alles in mir in Liebe verwandelt wäre, um die geringe Liebe zum Teil zu ersetzen, die die Menschen zu Dir hegen!" - In solchen Empfindungen verließ sie das Leben. Wie erwünscht ist ein solcher Tod!

 

Gebet des gottseligen Gerard, Bruder des heiligen Bernard: Wie groß, o mein Gott, ist Deine Güte, dass Du der Vater der Menschen sein willst! Wie groß ist die Ehre der Menschenkinder, dass sie Deine Kinder und Erben Deines Reiches sind! Ich habe erfahren, wie gut es ist, Dir zu dienen, und fühle es jetzt, wie froh der stirbt, der Dir diente. Ich liebe Dich, mein Gott, ich liebe Dich! 

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Dreiundzwanzigste Betrachtung

 

"Denken wir oft an unsere Bestimmung. Der Himmel und Erde schuf, hat uns nicht für die Erde und für irdische Dinge, sondern für den Himmel und für sich selbst erschaffen. Der Himmel also - und Gott sind, wenn wir es wollen, unser Anteil." (Der heilige Bernard von Clairvaux)

 

"Wozu bist du bestimmt?" Also befragte sich ohne Unterlass ein großer Diener Gottes. Und er antwortete sich selbst: "Im Himmel zu herrschen, mit Gott zu herrschen, ewig zu herrschen, gekrönt mit der Krone der Glorie und von ewiger Freude trunken! Und ich hoffe durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ich kraft der Verdienste Jesu Christi bald zu dieser Glückseligkeit gelangen werde. Nur mit einem Faden hänge ich an der Erde. O Tod, eile diesen Faden zu brechen und mich zu befreien. Ich glühe vor Sehnsucht hinzugehen und im Schoß meines Gottes zu ruhen!"

 

Verlieren wir diese hohe Bestimmung nie aus den Augen, zu der der Herr uns auf diese Erde gesetzt hat. Sprechen wir ohne Unterlass mit dem heiligen Thomas: "Ich bin hienieden, damit ich Gott diene, Gott gefalle und das Reich Gottes verdiene!" Sprechen, arbeiten, wirken und seufzen wir nach seinem Beispiel einzig in dieser Hinsicht. Verlangen wir auch, gleich ihm, für alle unsere Werke, Arbeiten und Leiden keine andere Belohnung als Gott.

 

Eine der Schwestern dieses Heiligen tat folgende Fragen an ihn, die, samt seinen Antworten darauf, hier stehen mögen. - Was ist auf Erden unserer Sehnsucht am würdigsten? Ein heiliger Tod. Sehr christlich leben. - Welches Mittel führt zu einem sehr christlichen Leben? Ein aufrichtiger und fester Wille. - Was tut man, wenn man sich wahrhaft heiligen und selig sterben will? Man geht der Sünde aus dem Weg, man heiligt seine Handlungen, man lebt in innerlicher Gemütssammlung, in Demut, Abtötung und nimmt seine Zuflucht zu Gott in beständigem Gebet. - Auf solche Weise verdient man den Himmel und öffnet sich seine Pforten. - Was ist der Himmel? Seine Beschreibung steht über allen menschlichen Worten, wer dies wissen will, der muss in ihm sein. Für den Himmel wurden wir erschaffen, und damit wir seiner würdig werden könnten, erkaufte uns Christus und litt und starb für uns.

 

Gebet des heiligen Eloi, des Bischofs von Noyon: Herr, lass Deinen Diener nach Deinem Wort in Frieden fahren! Gedenke, dass Du mich aus Erde gebildet hast, und dass ich nur ein Gefäß aus Erde bin. Erlöser der Welt, der Du allein ohne Sünden bist, entreiße mich dem Gefängnis dieses sterblichen Leibes und führe mich in Dein ewiges Reich! Nicht würdig bin ich der Glückseligkeit, Dich zu schauen, dennoch ruht mein ganzes Vertrauen auf Dir, und standhaft bewahre ich den Glauben an Dich und das Bekenntnis Deines heiligen Namens, worin ich bis zum letzten Atemzug ausharren will. Tue mir auf die Pforte des Lebens und gestatte nicht, dass die Fürsten der Finsternis meinem Eintritt sich widersetzen. Deine Macht verteidige mich gegen ihre Anfälle, und Deine Rechte führe mich in die Stätte Deiner Ruhe.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Vierundzwanzigste Betrachtung

 

"Wie groß ist das Elend des sterblichen Menschen, dass er nicht bei Demjenigen ist, ohne Den er nicht selig sein kann." (Der heilige Augustinus)

 

Der heilige Hieronymus berichtet vom heiligen Paulus, er hat oftmals ausgerufen: "Sehr lange dauert meine Verbannung, wann wird sie ein Ende nehmen! Wann werde ich meinen Gott schauen und besitzen!"

 

Der heilige Adelar sprach oftmals im Gebet zum Herrn: "Herr, stelle mich neben Dich! Erschaffen hast Du mich für Dich, Dir gehöre ich an, so lange ich jedoch auf Erden bin, werde ich nur sehr unvollkommen mit Dir sein. Inbrünstig bitte ich Dich demnach: Säume nicht, mich zu Dir zu berufen! Stelle mich sehr nahe zu Dir. Nicht würdig bin ich zwar einer so großen Gnade, gleichwohl bitte ich Dich darum, auf dass es mir möglich wird, Dich inniger zu lieben!"

 

Eine sehr fromme Klosterjungfrau, Maria vom heiligen Paulus genannt, war von ihrer zarten Jugend auf von der Pflicht durchdrungen, die sie auf sich genommen hatte, nach der Vollkommenheit zu streben, und wirkte auch allen Eifers daran, sie zu erlangen. Als ihr Ende herannahte, sprach sie, nie habe sie eine andere Absicht gehabt, als Gott von ihrem ganzen Herzen zu lieben. Die Liebe Gottes ist der Grund gewesen, aus dem sie meist alle ihre Werke getan hat, sie fühlt durch die Gnade Gottes, dass sie nur Ihn liebt, und dass, wenn sie zu sterben verlangt, dies einzig darum geschieht, damit sie in der Ewigkeit Ihn notwendig mit reiner Liebe liebt. 

 

Maria Dreli von der Menschwerdung liebte Gott so zart und so inbrünstig, dass sie beinahe ihr ganzes Leben hindurch sich nach dem Tod sehnte, um dann in der Notwendigkeit zu sein, Ihn zu lieben, und reiner zu lieben. Sprach man mit ihr von den strengen Gerichten Gottes, so antwortete sie: Ich weiß, dass die Gerichte des Herrn zu fürchten sind. Wenn ich jedoch über meine Sünden nachdenke, so denke ich mir den Herrn, wie er einst sprach: "Was soll ich die tun, o Ephraim? Was soll ich dir tun, o Juda?" Und ich antwortete Ihm getrost: Ich hoffe, dass Du durch die Verdienste Deines Leidens und Deines Todes Barmherzigkeit an mir tun wirst. 

 

Gebet der heiligen Cäcilia: Herr, ich bitte Dich in diesem letzten Augenblick meines Lebens, verleihe mir durch Deine Barmherzigkeit, dass mein Herz Dir rein und fleckenlos dargebracht wird, auf dass ich nicht vor Dir in Schanden stehe.

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Fünfundzwanzigste Betrachtung

 

"Meine Brüder, nehmt diesen trostreichen Rat an. Da ihr euch zum Herrn bekehrt habt, soll die Erinnerung an eure Sünden euch zwar demütigen und zu ihrer Verabscheuung anregen, doch soll sie euch keineswegs peinigen." (Der heilige Bernhard von Clairvaux)

 

Ein großer Sünder, der auf dem Totenbett lag, bezeugte ein so lebendiges Vertrauen auf Gott, dass die Umstehenden darüber erstaunten. Er aber sprach zu ihnen, die seines Heiles wegen sehr besorgt waren: "Hat nicht Jesus, den ich von Herzen liebe, hat nicht Gott, den ich Unglückseliger beleidigte, hat nicht der Herr gesagt, die Liebe tilge die Sünden, und jene, die Gott lieben, würden von Gott geliebt? Wie viele Sünden ließ Jesus Christus der heiligen Magdalena nach, da sie, nachdem sie viel gesündigt hatte, Ihn viel liebte?"

 

Ein Sterbender wurde gewaltsam zur Verzweiflung an Gottes Barmherzigkeit versucht. Die furchtbarsten Gedanken flüsterte der böse Geist ihm zu. Zu seinem Heil aber stand ein Mann Gottes ihm bei, dessen Herz von Sanftmut und Eifer erfüllt war. Dieser entkräftete alle seine Gründe, und brachte es schließlich auch dahin, dass er ihm großes Vertrauen einflößte. Das Gespräch, das sich zwischen beiden entspann, lautete wie folgt: Ich habe so viele und so große Sünden begangen! - Christus hat für die gebetet, die ihn sogar kreuzigten; wie würde Er Euch die Verzeihung versagen, da Ihr Ihn anbetet, liebt und anruft? - Ich habe keine Zeit mehr Buße zu tun. - Der wesentlichste Punkt der Buße ist die übernatürliche Reue, dass man gesündigt hat. Der bußfertige Schächer hatte ebenso wenig Zeit, als Ihr. Bringt das Opfer eures Lebens gutwillig und im Geist der Buße. Opfert Gott die Fasten, Arbeiten, Nachtwachen, Leiden und den Tod Jesu Christi, um dadurch zu ersetzen, was Ihr nicht tun könnt. Gott ist gerecht, und wie schrecklich sind seine Gerichte! - Freilich ist Gott gerecht, aber nicht unerbittlich. Seine Gerichte sind nur schrecklich für die, die in ihren Sünden sterben. Er erzeigte sich nur darum so geduldig gegen Euch, weil Er Barmherzigkeit an Euch tun will. Ihr habt einen höchst gütigen Vater an Gott. Erinnert Euch, wie liebevoll der Vater des verlorenen Sohnes ihn aufnahm, als er zu ihm gesprochen hatte: Vater, ich habe gesündigt! Ihr habt an Jesus Christus einen Erlöser, einen Retter, einen Mittler, einen Hirten. Ihr habt an den Heiligen mächtige Fürbitter. Sprecht zu Gott: Ich liebe Dich und hoffe auf Dich! Sprecht zu Jesus: Erbarme Dich meiner um Deines schmerzlichen Leidens willen, tue Barmherzigkeit an mir! Wendet Euch an die Mutter der Barmherzigkeit und bittet sie, zu zeigen, dass sie Eure Mutter ist und für Euch spricht in der Stunde Eures Todes. Wendet Euch an die heiligen Büßer und an die, die, unter dem Kreuz stehend, die letzten Seufzer Christi empfingen. Bittet sie aus Herzensgrund, dass sie Fürbitte für Euch tun! - Dieser Priester hatte den süßen Trost, den Geist der Versuchung zum Schweigen zu bringen und diesen reuigen Sünder im Frieden sterben zu sehen.

 

Herr, gehe nicht ins Gericht mit Deinem Knecht, denn keiner, der da lebt, kann vor Dir sich rechtfertigen! Gedenke, dass ich Dir angehöre, ob ich auch der elendeste Deiner Knechte bin, und wende mir einen Blick Deiner Barmherzigkeit zu. Auf Dich hoffe ich, mein Gott, der Du mich erschaffen, erlöst und durch Deine Sakramente geheiligt hast. Lass meine Hoffnung nicht zu Schanden werden!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Sechsundzwanzigste Betrachtung

 

"Das zweite Brett nach dem Schiffbruch ist: über seine Sünden zu erröten, sie zu verabscheuen und sich dafür zu bestrafen." (Der heilige Hieronymus)

 

Bereiten wir uns dadurch auf den Tod vor, dass wir uns von unseren Sünden reinigen. "Keine Sünde wird ungestraft bleiben," spricht der heilige Augustinus. Gott wird uns dafür bestrafen, wenn wir selbst uns nicht dafür bestrafen.

 

Zögern wir nicht mit der Beicht, wenn wir so unglücklich waren, in irgend eine Todsünde zu fallen, damit wir nicht etwa vom jähen Tod getroffen werden und in den ewigen Tod versinken. Sollte aber auch unser Gewissen uns keines schweren Fehlers anklagen, so sollen wir dennoch nicht bis zu einer Todeskrankheit warten, unseren Beichtvater herbeirufen zu lassen. Ein junger Mensch, der alle halbe Jahre eine besondere Beicht abzulegen pflegte, zögerte einmal, dies zu tun, weil er eine leichte Halskrankheit hatte, die eben nicht gefährlich schien. Der Herr aber mahnte ihn im Traum, und zeigte ihm, dass er Gefahr laufe, ohne Beicht zu sterben und in die Verdammnis zu versinken, wenn er nicht alsbald zur Beichte gehe. Er ließ daher sogleich am folgenden Tag seinen Beichtvater zu sich bitten, legte ihm eine allgemeine Beicht ab und hatte sie kaum vollendet, als er den Gebrauch der Sprache verlor, und so starb er, nachdem er alle Sakramente der Sterbenden empfangen hatte, im Frieden des Herrn. - Selig, wer immer fürchtet, vom Tod überrascht zu werden, und immer bereit ist, zu sterben! Selig die, die, nachdem sie gebeichtet haben, in der Beicht von ihren Sünden gereinigt werden! "Denn dieses Sakrament hat die Kraft, das Urteil der Verdammnis zu tilgen, das von der rächenden Gerechtigkeit Gottes über jeden Sünder ausgesprochen wurde," spricht der heilige Hieronymus.

 

Vergessen wir nie die Sünden, deren wir uns schuldig machten, wenn auch der Diener Christi uns losgesprochen, ja, Gott selbst uns geoffenbart hätte, dass Er diese Lossprechung im Himmel genehmigt hat. Der Prophet kündigte dem König David an, Gott habe ihm die Sünde nachgelassen, und dessen ungeachtet schwebte sie ihm beständig vor Augen und unablässig seufzte er darüber.

 

Liebt die Beicht, sprach der heilige Bernhard, denn sie macht den Menschen wohlgefällig vor Gott, wenn sie mit lebendiger Reue über seine Sünden vollbracht wird. Liebt die Beicht, wenn die Schönheit eurer Seele euch lieb ist.

 

Ebenso sprach auch der heilige Augustinus: "Willst du in Schönheit glänzen, so beichte. Bist du hässlich, so beichte, damit du schön wirst. Bist du ein Sünder, so beichte, damit du gerecht wirst."

 

Eine Beicht jedoch, die nicht aufrichtig, noch reuevoll ist, befleckt die Seele noch mehr und macht sie noch strafwürdiger. Wer auf solche Weise beichtet, der entheiligt das Blut Jesu Christi, das einst Rache gegen ihn schreien wird. Beschränke dich nicht darauf, selten zu beichten, denn selten geschieht gut, was nicht oft geübt wird. Es hat Heilige gegeben, die alle Tage beichteten. Beichte du mehr oder weniger oft, je nachdem die Gnade dich anzieht, und der Diener Gottes, der deine Seele leitet, es dir anrät. Bereite dich aber jederzeit so zur Beicht, dass du nicht danach genötigt bist, dich über schlechte Beichten anzuklagen. Beichte jedes Mal so, als wüsstest du ganz gewiss, dass dies die letzte Beichte deines Lebens ist. O wie viele werden werden wegen schlechter Beichten verdammt! Der heilige Antonius erzählt von einer Nonne, die nach ihrem Tod den Schwestern des Klosters ganz feurig erschien, während sie eben für die Ruhe ihrer Seele beteten. Sie aber sprach zu ihnen: "Hört auf, für mich zu beten. Ich bin zur ewigen Verdammnis verurteilt, weil ich es nie über mich bringen konnte, in der Beicht einer Sünde mich anzuklagen, die ich in meiner Jugend gegen die Reinheit begangen hatte. O unglückselige Scham, welche Qualen bringst du mir, und wie viele Tränen muss ich um deinetwillen weinen!" 

 

Gebet der heiligen Katharina von Siena: O gütiger Jesus, jetzt ein überaus sanftmütiges Lamm, doch bald mein Richter, bewahre Deine Sanftmut für mich, wenn ich vor Deinem Richterstuhl erscheine! Herr, mein Gott, bestrafe mich für meine Sünden so lange ich noch auf der Erde bin. Nur einen Leib habe ich, den ich von Dir empfing, und ich bitte Dich, ihn zum Opfer anzunehmen! Züchtige und strafe ihn mit den Geißeln Deiner Gerechtigkeit, zerfleische ihn, und schone meines Blutes nicht! Zermalme mein Gebein, wenn es Dir so wohlgefällig ist!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Siebenundzwanzigste Betrachtung

 

"Das beständige Gebet ist der Schild, der wir der göttlichen Gerechtigkeit entgegensetzen, der Weihrauch, den wir Seiner Barmherzigkeit darbringen, der Tribut, den wir Seiner allerhöchsten Oberherrschaft bezahlen sollen." (Der heilige Bonaventura)

 

Zumal, wenn der Mensch auf dem Bett der Schmerzen liegt, ist das beständige Gebet nützlich und notwendig. Beten soll dann der Kranke und sein Leiden mit den Schmerzen des gekreuzigten Jesus vereinigen, auf dass, was er leidet, ihm zur Vergebung seiner Sünden, zur Vermehrung der Glorie und zur Belohnung des ewigen Lebens gereiche.

 

Als der heilige Franziskus von Borgia die letzte Ölung empfangen hatte, bat er alle Anwesenden, sich zu entfernen und ihn allein zu lassen. Als dann späterhin jemand hinein ging und ihn fragte, ob er nichts verlange, antwortete er: "Ich verlange nur Jesus, ich will nur Jesus, ich brauche nur Jesus!"

 

Der sterbende heilige Josaphat sprach: "O Jesus, meine Seele ist verwundet von Deiner Liebe und von dem Verlangen, Dich zu besitzen! Ich glühe von heißem Durst, Deiner zu genießen, Du Quell des ewigen Heils!"

 

Ein anderer Heiliger betete auf folgende Weise zu Christus: "Ich flehe zu Dir, o mein Erlöser, durch Deinen heiligen Tod und durch die Verdienste der allerseligsten Jungfrau, Deiner gebenedeiten Mutter und der meinigen, mache mich würdig, durch die Gewalt Deiner Liebe zu sterben! Das Feuer Deiner Liebe und die Sehnsucht, Dich zu schauen, trenne meine Seele von meinem Leib, um Sie Dir in Ewigkeit zu vereinigen!"

 

Gebet eines Heiligen: Herr, ich glaube an das ewige Leben, und ich hoffe durch die Verdienste und mit der Gnade Jesu Christi dahin zu gelangen. Ich glaube an den ewigen Tod, und ich fürchte, sein Raub zu werden. Wäre aber auch kein Himmel zu hoffen und keine Hölle zu fürchten, so wollte ich dennoch Gott nie beleidigen, noch je beleidigt haben. Immer möchte ich Dich, o Gott, so sehr geliebt haben als mein Herz dessen fähig ist, da Du die allerhöchste Güte, die unendliche Schönheit bist. Verleihe mir, dass ich Dich liebe, o Gott, der Du unendlicher Liebe würdig bist, und dass mein Herz immerdar von diesem heiligen Feuer brenne. Als ein vollkommenes Geschenk opfere ich Dir meinen Leib und meine Seele, die bald vor Dir erscheinen wird. O gib mir, dass ich Dich ewig liebe!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Achtundzwanzigste Betrachtung

 

"So lange der Mensch auf Erden ist, kann er durch vorteilhaften Tausch alles ersetzen, wenn er Almosen gibt und seine Sünden beweint." (Der heilige Augustinus)

 

Ein sehr frommer und erleuchteter Ordensmann gab seinen Beichtkindern folgende Lehren, die wir mit großem Nutzen befolgen können. Sobald ihr erkrankt, sprach er, so bedenkt erstens, dass diese Krankheit, ob sie auch nicht gefährlich erscheinen mag, vielleicht dennoch die letzte eures Lebens ist. Zweitens nehmt den Tod an, die allerhöchste Oberherrschaft Gottes anzuerkennen; im Geist der Buße für so viele Sünden genug zu tun, die ihr begangen habt, und den Willen Gottes zu erfüllen, der immer heilig und anbetungswürdig ist. Hegt sogar Verlangen nach dem Tod, um Jesus Christus gleichförmig zu werden, der sich uns zu Liebe ihm unterworfen hat; ferner, weil ihr dadurch zur Unmöglichkeit gelangt, Gott je zu beleidigen, und weil er euch die Pforten öffnet, Gott ewig zu schauen, zu lieben und zu besitzen. Drittens äußert das Verlangen, nicht zu sterben, bevor ihr nicht mit allen Sakramenten versehen seid, und gebt euern Wunsch zu erkennen, dass man von der Gefahr euch benachrichtige, die euch etwa bevorsteht, um den Beichtvater alsbald rufen zu lassen. Viertens lasst einige Messen lesen in der Absicht, ein seliges Ende zu erlangen, und gebt, je nach eurem Vermögen, mehr oder weniger Almosen. Fünftens bringt eure Geschäfte in Ordnung, falls sie es noch nicht sein sollten, und vergesst bei eurem letzten Willen der Armen nicht. Sechstens sollen die Namen Jesus, Maria und Josef oft in eurem Mund, immer aber in eurem Herzen sein; ebenso empfehlt euch auch euern anderen heiligen Patronen. Siebentens, nehmt öfters des Tages hindurch Weihwasser und betrachtet oftmals mit Liebe euer Kruzifix, habt es bei euch und legt es zuweilen auf euer Herz.

 

Die letzten Worte der heiligen Katharina von Siena lauteten: "Ich höre, o Gott, Deine Stimme, die mich ruft. Ich komme, Herr, ich komme zu Dir! Nicht mit meinen Verdiensten, mit Deiner Barmherzigkeit komme ich. Diese rufe ich an durch die Verdienste Deines kostbaren Blutes, Deines kostbaren Blutes, Deines kostbaren Blutes!"

 

Gedenke, o barmherziger Jesus, dass Du mir zu Liebe vom Himmel auf die Erde gekommen bist! Dass Du mir zu Liebe Leiden und Arbeiten auf Dich genommen hast, und an einem Kreuz gestorben bist! O verdamme mich nicht an dem großen Tag, wann Du kommen wirst, uns zu richten!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Neunundzwanzigste Betrachtung

 

"Das Sakrament der letzten Ölung vollendet das christliche Leben. Es ist eine mächtige Kräftigung, mit der Gott das Ende unseres Lebens versehen hat." (Das Tridentinische Konzil)

 

Ein würdiger Seelenhirt ermahnte seine Pfarrkinder oftmals, über die wunderbaren Wirkungen nachzudenken, die das Sakrament der letzten Ölung bei den Kranken hervorbringt, die es mit Andacht empfangen, sowie auch über die Art und Weise, die man anwenden soll, es gehörig zu empfangen. Dies Sakrament, sprach er, dient als Vorbereitung zum ewigen Leben und vollendet die Vollkommenheit des Christen. Es stärkt gegen die Versuchungen des Feindes, und tilgt die Flecken, mit denen die Sünde verunreinigte; es lässt die zeitlichen Strafen nach, die den Sünden gebühren, die getilgt wurden. Wenn der Priester kommt, dies Sakrament euch zu erteilen, so verlangt den Frieden zu erhalten, den er euch gibt. Küsst mit Andacht das Kruzifix, das er euch darreicht, und vereinigt eure Leiden mit den Leiden Christi. Bittet Gott um die Gnaden, die der Diener des Herrn für euch verlangt; bittet die Engel und die Heiligen, dass sie euch beistehen. Erweckt in eurem Herzen einen Akt der Reue, die auf die Liebe Gottes gegründet sei. Und wenn das heilige Öl auf die verschiedenen Sinne angewendet wird, so seufzt innerlich über die Sünden, die durch diese Sinne in euer Herz eindrangen.

 

Heil uns, wenn wir nach dem Empfang der letzten Sakramente unser Herz so gestimmt fühlen, wie der heilige Franziskus von Assisi, die heilige Katharina von Siena und die heilige Gertrudis!

 

Der heilige Franziskus von Assisi sprach: "Wer bist Du, Herr, voll der Sanftmut und Güte, und wer bin ich verächtlicher Erdwurm? Unwürdig bin ich, Dein Leibeigener zu sein!"

 

Die heilige Katharina von Siena bedachte abwechselnd, wer Gott und wer sie selbst ist, und rief dann aus: "O ewiger Gott, Du bist eine unendlich reine Schönheit, ich ein Gefäß voll der Unreinheiten, das in Fäulnis zerfallen soll. Ich bin bestimmt, ein Raub des Todes zu werden, und Du bist das ewige Leben! Du bist das unerschaffene Licht, ich bin nichts als Finsternis; Du bist die Weisheit selbst, ich bin nichts als Torheit; Du bist der Unendliche, ich bin vor Dir gleich dem Nichts! Eine arme Sünderin bin ich, doch Du bist der Arzt der Seelen!"

 

Nachdem die heilige Gertrudis alle glückseligen Himmelsbürger und alle Menschen, die auf Erden sind, eingeladen hatte, den Herrn mit ihr zu verherrlichen, sprach sie zu Jesus: "Alle Kraft und Macht Deiner Gottheit lobe Dich für mich und in mir. Alle Liebe Deiner heiligen Menschheit tue Dir Genüge an meiner Statt. Alle Majestät und Hoheit der göttlichen Dreieinigkeit verherrliche und lobe Dich dafür, dass Du Dir selbst genügst und aus Deiner Fülle ersetzt, was dem Geschöpf mangelt, Dir vollkommenen Dank zu erzeigen!"

 

Gebet des seligen Alphons Rodriguez: O Jesus, o Maria! Süße Gegenstände der Liebe meines Herzens, verleiht mir, dass ich Euch zu Liebe leide und sterbe, dass ich ganz Euer eigen sei und nicht mehr mir selbst angehöre!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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Dreißigste Betrachtung

 

"Sieh, das Licht deines Lebens erlischt, fasse deine Andacht zusammen, die Stunde deines Austritts naht, erhebe deine ganze Seele, bevor sie schlägt. O Blödsinn des menschlichen Herzens, das nur des Gegenwärtigen gedenkt, und der Zukunft sich nicht versieht!" (Der gottselige Thomas von Kempis)

 

Nehmen wir den Tod an, der allerhöchsten Oberherrschaft Gottes zu huldigen. Als man den heiligen Märtyrer Felix zum Tod führte, sprach er mit lauter Stimme: "Ich habe die Keuschheit bewahrt, ich habe dem Evangelium nachgelebt und habe die Wahrheit gepredigt; nun wird mir das Glück zuteil, Gott als ein Schlachtopfer dargebracht zu werden! Von ganzem Herzen bringe ich Ihm das Opfer meines Lebens, da Er mein Schöpfer und allerhöchster Herrscher ist!" - "Was ist je glorreicher als ein Opfer Jesu Christi zu werden?" rief der heilige Ambrosius aus.

 

Nehmen wir den Tod an, die allerhöchste Wahrheit Gottes zu erkennen. Der heilige Robertus, aus dem Orden der Cölestiner, erfreute sich überaus, dass er den Glauben bewahrt hatte, suchte ihn aufs Neue zu beleben und sprach: "Ich glaube und habe immer geglaubt, ich halte und werde immer für gewiss halten, und bekenne feierlich als die höchste Wahrheit, was die Apostel gepredigt haben und was die heilige römische Kirche hält und lehrt. Ich habe gelebt und sterbe im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat, und für mich in den Tod gegangen ist!"

 

Nehmen wir den Tod an, der Allmacht und Barmherzigkeit Gottes zu huldigen. Mit Liebe und Vertrauen betrachtete die heilige Katharina von Siena die Wundmale Jesu und sprach sterbend: "O Gott, allerhöchste Heiligkeit, Du rufst mich, und ich komme mit Vertrauen zu Dir! Ich stütze mich auf Deine Barmherzigkeit. Durch Dein kostbares Blut rufe ich Dein großes Erbarmen an und empfehle meinen Geist Deinen Händen!"

 

Als der heilige Franz Xaver, der während seines Lebens sehr gefürchtet hatte, er würde bei seinem Tod kein großes Vertrauen auf Gott haben, ans Ende seines Lebens gekommen war, küsste er sein Kruzifix mit Liebe und sprach: "O Gott, Du Gott meines Herzens, sieh nicht auf meine Sünden und erbarme Dich meiner! Auf Dich hoffte ich, auf Dich hoffe ich, lass meine Hoffnung nicht zu Schanden werden!"

 

Der heilige Ephrem, der oft über die Worte nachgedacht hatte: "Barmherzigkeit wird den umgeben, der auf den Herrn vertraut," sprach sterbend: "Mein Herz hat auf Gott vertraut, und Er hat mir geholfen!"

 

Nehmen wir den Tod an, der allerhöchsten Güte Gottes zu huldigen. Mitten unter ihren Schmerzen rief die heilige Gertrudis aus: "Aus dem Grund Deiner süßesten Liebe opfere ich Deiner Ehre alles, was ich je gelitten habe, nun leide und künftig leiden werde. Deine Liebe vervollkommne meine Leiden. Gern will ich leiden, weil Du es so willst, den ich von Herzen liebe. Ich entsage allen Freuden, Dir zu gefallen. Ich erbiete mich, Deiner Liebe wegen, alles zu leiden!"

 

Der Beichtvater des heiligen Berchmanns mahnte diesen eifrigen Novizen diese süßen Worte zu kosten: "Mein Jesus, meine Liebe und mein Alles!" Berchmanns antwortete ihm: "Ja, mein Vater, Jesus ist der Mittelpunkt meiner Seele, der Gott meines Herzens und mein Anteil in Ewigkeit!" Und hierauf wendete er sich an seinen göttlichen Erlöser und sprach zu Ihm: "O Du, mein Herr und mein Gott, Du weißt es, dass Du ganz mein Schatz bist, dass ich nichts besessen habe in diesem Leben, und nichts besitze außer Dir. Mein süßester Jesus, o verlass mich nicht!"

 

Gebet eines heiligen Ordensmannes: Herr, ich liebe Dich, und wünsche Dich immer mehr zu lieben. Ich verlange Dich zu lieben mit einer feurigen Liebe wie alle Deine Heiligen Dich lieben, wie alle Märtyrer Dich lieben, wie alle Engel Dich lieben, wie Deine allerseligste Mutter Dich liebt! Ja, dürfte ich es aussprechen, sagen möchte ich dann, wie die allerseligste Seele Jesu, Deines eingeborenen Sohnes, Dich liebt!

 

Heilige Maria, Mutter Gottes und meine geliebte Mutter, bitte für mich jetzt und in der Stunde meines Todes. Amen.

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