Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

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>> Heiligen-Legende <<

 

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13. August

 

Maria, Zuflucht der Sünder

 

Der heilige Cassian, Schullehrer und Martyrer von Imola,

+ 13.8.362 - Fest: 13. August

 

Cassian war um das Jahr 300 Lehrer in Imola in Mittelitalien und hatte die Oberstufe. An sich ist der Unterricht bei den Vierzehnjährigen schön, denn die Jugendlichen, die man zwar noch nicht als Männer ansprechen kann, haben immerhin schon viel Verstand, so dass man mit ihnen vernünftig reden kann. Deshalb ist der Unterricht bei ihnen nicht übel. Es kann allerdings auch ganz anders kommen. Das hängt jeweils von denjenigen Schülern ab, die bei den anderen den Ton angeben. Weil nämlich die jungen Leute noch sehr unselbstständig sind, gibt es in jeder Klasse einen Anführer, dem die übrigen wie blinde Schafe folgen. Ist der Anführer ein guter Kerl, so ist alles in Ordnung, ist er es aber nicht, so sind es die anderen auch nicht. Gnade Gott dann dem Lehrer, wenn er nicht streng eine klare Linie vorgibt und durchsetzt.

 

So ähnlich war es auch bei dem heiligen Lehrer Cassian. Er war schon deswegen ein guter Mensch, weil er Jesus Christus liebte und nach der sanften und demütigen Art des Herrn lebte. Die Tatsache, dass er ein Christ war, kannten nur wenige. Es war auch besser, dass man es nicht wusste, denn sonst wäre er von der Schule geflogen. Es wäre ihm dann unmöglich gewesen, im Stillen dadurch Gutes zu tun, dass er die Schüler zwar nicht im Christentum, wohl aber zu den christlichen Tugenden, zu Gerechtigkeit, Gehorsam, Friedfertigkeit, Reinheit und Nächstenliebe, erzog. Hin und wieder sprach er auch von dem einen wahren Gott und von Jesus Christus. Dann hörten die Vierzehnjährigen gespannt hin, und mancher von ihnen hat auf diese Weise den Weg zum wahren Glauben gefunden.

 

Da aber ereignete es sich im Jahr 304, dass Lehrer Cassian eine Klasse erhielt, deren Anführer ein brutaler Schläger und herzlos war. Stets führte er das große Wort, und so konnte es nicht ausbleiben, dass die ganze Klasse eine einzige Katastrophe war. Unter solchen Umständen blieb dem Lehrer nichts anderes übrig, als die Zügel straff zu halten und auch streng zu strafen, denn ein wenig Ordnung muss sein, vor allem in der Schule.

 

Cassian saß also den rauhen Jugendlichen scharf im Nacken. Da wurden sie gegen ihn wütend, und es kam zu schlimmen Auftritten. Der Anführer hetzte die anderen Schüler stets von neuem auf und überlegte sich eine Rache. Schon bald sollte der verhasste Lehrer büßen. Gerade um diese Zeit näherte sich nämlich der Sturm der Christenverfolgung auch in der Stadt Imola, die bisher verschont geblieben war. Bald sickerte es durch, dass Lehrer Cassian ein Christ war. Da hatten die Schüler nichts Eiligeres zu tun, als zur Polizei zu laufen und den Lehrer anzuzeigen.

 

Lehrer Cassian wurde verhaftet und kam vor Gericht. Weil er sich weigerte, dem christlichen Glauben abzuschwören, verurteilte man ihn zum Tod. Mit schlimmer Grausamkeit übergab der Richter den Verurteilten, an Händen und Füßen gefesselt, seinen Schülern zur Peinigung. Was nun folgte, stellt ein grauenhaftes Bild dar. Man band den Lehrer an eine Säule und tat ihm Übles an. Unter der Leitung des Anführers fielen die Jungen über Cassian her, spuckten ihn an, schlugen ihn auf den Kopf, auf die Wangen, auf die Finger und traten ihm auf die Füße.

 

Zuletzt nahmen die Jungen die eisernen Griffel, mit denen man damals auf Wachstafeln schrieb, und stachen dem Martyrer damit überall ins Fleisch, bis ihn der Anführer schließlich mit einem solchen Stichel ins Herz stach. Das war das zwar fürchterliche, aber glorreiche Ende des Lehrers Cassian, der bis zuletzt für seine Schüler betete.

 

Der heilige Ludolf, 12. Abt von Korvey, Westfalen,

+ 13.8.983 – Fest: 13. August

 

Der heilige Ludolf stammte wahrscheinlich aus einer angesehenen Familie Westfalens, denn er erhielt, wie die meisten Söhne des westfälischen Adels, seine Jugenderziehung in der berühmten Klosterschule zu Corvey, wo sich von Tag zu Tag die Zahl der Mönche aus den Edlen des Landes mehrte.

 

Wegen seiner außerordentlichen Tugenden und seiner Wundergabe wurde Ludolf zum Abt des Klosters Corvey gewählt. Schon bevor er die Mitra erhielt, zeichnete er sich so sehr durch Verdienste, Tugenden und Vollkommenheit aus, dass er der Abtwürde mehr zur Zierde gereichte, als diese ihm. Sein unablässiges Bemühen ging dahin, das Fleisch durch Fasten zu zähmen, dass es sich nicht gegen des Geist empörte, den Schlaf durch Nachtwachen zu unterbrechen, damit er im Dienst Gottes nicht träge werde, den sinnlichen Gelüsten nie nachzugeben, damit der Geist umso geschickter würde, sich mit himmlischen Dingen zu beschäftigen. Durch Gebet, Opfer und sehr fleißigen Gebrauch der Gnadenmittel war er in ein so vertrautes Verhältnis zu Gott getreten, dass ihm viele Geheimnisse offenbart wurden, die durch menschliche Forschung nicht zu seiner Kenntnis gelangen konnten. Die armen Seelen im Fegfeuer fanden in seinen Gebeten fortwährend Hilfe und Trost. Wilhelm, Erzbischof von Mainz, Sohn des Kaisers Otto und der Editha, erbat sich in seiner Sterbestunde die fromme Fürbitte Ludolfs. An demselben Tag, als der Graf Gero bei Magdeburg enthauptet wurde, schaute er dessen Haupt morgens während der Heiligen Messe auf dem Altar, und er empfahl ihn dem Gebet seiner Brüder. Sehr viele andere im Fegfeuer leidende Seelen erschienen ihm, um durch seine Fürbitte Erlösung zu empfangen.

 

Vor allem verdient erwähnt zu werden, was Gelen nach Dithmar von Merseburg in seinem „Schatzkästlein“ von ihm erzählt. Am 24. Juni 976 fiel der heilige Gero, Erzbischof von Köln, in irgendeine Krankheit und wurde derart des Gebrauchs seiner Sinne beraubt, dass er von dem Kanonikus Everger, der bei ihm Dienst hatte, für tot gehalten wurde. Der scheintote Leib wird in den Sarg gelegt, das Gerücht von dem vermeintlichen Tod verbreitete sich unter dem Volk, am folgenden Tag wird das Begräbnis veranstaltet, das Totenamt im Dom gefeiert und der Leib in der Gruft beigesetzt. In der dritten Nacht erwacht Gero wie aus tiefem Schlaf und ruft wieder und wieder, dass man ihm doch die vermauerten Eingänge der Gruft öffnen solle. Einer hört das und glaubt es dem Everger anzeigen zu müssen. Der aber hielt den Boten für einen abergläubischen Träumer und jagte ihn zum Haus hinaus. Der Bote schwieg. Der heilige Gero hatte wirklich noch gelebt, denn als man bald nachher sein Grab öffnete, zeigten sich noch frische Blutspuren. Noch lebend wurde er den Toten zugesellt. Am 28. Oder 29. Juni erlag er einem schrecklichen, aber nicht unseligen Tod. Wie könnte man den Tod für einen unseligen halten, dem ein heiliges Leben voranging? Gleich nach seinem Tod erschien der heilige Erzbischof dem heiligen Abt Ludolf, redete einige Worte zu ihm und forderte ihn auf, ihm das Requiem zu singen.

 

Nach diesem Ereignis lebte der heilige Abt noch sieben Jahre. Am 13. August 983 beschloss er zu Corvey sein heiliges Leben mit dem glückseligsten Tod, nachdem er 26 Jahre seine Abtswürde bekleidet hatte. Da sein Grab durch viele Wunder verherrlicht wurde, erhob der Abt Markward und Bischof von Osnabrück im Jahr 1100 die Gebeine des Heiligen und setzte sie in einem vergoldeten, hölzernen Schrein vor dem Kreuzaltar bei. Als Christoph Bernhard von Galen, Bischof von Münster und Administrator von Corvey, den Neubau der Kirche vollendet hatte, ließ er im Jahr 1662 die Reliquien des heiligen Ludolf zugleich mit denen des seligen Abtes Druthmar in die Krypta der neuen Kirche übertragen, wo sie noch am Ende des 17. Jahrhunderts aufbewahrt wurden, obgleich sie durch die Sorglosigkeit irgendjemandes in Unordnung gerieten. Das Bildnis des heiligen Ludolf zierte einst unter andern Heiligenbildern das Chor der Abteikirche, mit der Inschrift: Der heilige Ludolf, Abt von Corvey.

 

Der heilige Wigbert, Priester und Abt von Fritzlar,

+ 13.8.747 – Fest: 13. August

 

Unter den heiligen Glaubensboten, die den Segen des Christentums unter die heidnischen Deutschen trugen, nimmt eine hervorragende Stellung der heilige Wigbert ein, ein Freund und Mitarbeiter des heiligen Bonifatius. Als dieser Apostel Deutschlands mit unermüdlichem Eifer die deutschen Länder durchwanderte und zahllose Heiden dem Licht des Christentums zuführte, lag ihm alles daran, feste Säulen zu gründen, auf denen die errungenen Erfolge sicher und dauernd ruhen sollten. Als solche Säulen erkannte er die Klöster, von denen erfahrungsgemäß ein lebendiger Glaube, religiöse Gesittung und Bildung sich in die weitesten Kreise verbreitete. Deshalb stiftete er die Klöster Hamelburg, Ohrdruf, Amöneburg und Fritzlar. Da sich nun seine Wirksamkeit immer weiter über Deutschland ausdehnte, suchte er neue Mitarbeiter zu gewinnen. In Fritzlar insbesondere beabsichtigte er eine Bildungsanstalt zu gründen, die die Vorschule der berühmten Klosterschule sein sollte, die er später in Fulda ins Leben rief. Um nun einen erfahrenen, in klösterlicher Zucht aufgewachsenen, und durch Wissenschaft und Frömmigkeit gleich ausgezeichneten Mann zu gewinnen, wandte er sich an den Vorsteher des Klosters Glastonbury in England, woher er schon mehrere Mitarbeiter erhalten hatte, mit der dringenden Bitte, ihm den Wigbert, der früher in dem Kloster Winbrunn gewesen war, senden zu wollen, denn seine häufige Abwesenheit und vielfältigen Arbeiten und Sorgen gestatteten ihm nicht, den Unterricht und die klösterliche Zucht zu überwachen, wie er es eine Zeitlang selbst getan hatte. Wigbert folgte dem Ruf und kam mit mehreren anderen Geistlichen um das Jahr 734 nach Deutschland.

 

Hocherfreut über diesen Gewinn, reiste ihm Bonifatius eine Strecke entgegen, sagte ihm herzlich Willkommen, führte ihn nach Fritzlar und übergab ihm die Leitung des Klosters und der Schule. Bonifatius hatte alle Ursache, sich über den Gewinn dieses Benediktinermönches zu freuen, denn schon in kurzer Zeit zeigte seine Wirksamkeit einen wunderbaren Erfolg. Seine Gelehrsamkeit, seine Sittenreinheit, seine klösterliche Strenge, verbunden mit gewinnender Milde, sein unverdrossener Eifer entwickelte das Kloster bald zu einer solchen Blüte, dass es nicht bloß belebend und erweckend für die nächste Umgebung wirkte, sondern auch eine Pflanzschule für neue Missionare wurde.

 

Ein Zeitgenosse unseres Heiligen, der berühmte Servatus Lugus, hat uns ein anmutendes Bild von ihm entworfen. Er sagt unter anderem: „Wigbert war ein äußerst eifriger, in seinen Sitten strenger und in den Wissenschaften wohlbewanderter Mann, und wohin er kam, erweckte er den gleichen Tugendeifer und gleiche Liebe für die Wissenschaften. Seine Rede, seine Haltung und seine ganze äußere Erscheinung waren bedeutend. Die Pflichten seines Berufes waren ihm so heilig, dass er sich in Erfüllung derselben durch keine äußeren Begegnungen stören ließ. Im Umgang mit Menschen war er freundlich und leutselig. So lange das Gespräch sich in gleichgültigen Dingen bewegte, war er schweigsam. Ganz unvermerkt wusste er dasselbe von alltäglichen Dingen zu bedeutenden, belehrenden und erbauenden Gegenständen hinüber zu lenken, so dass er durch jede Unterhaltung geistig anregend, erweckend und belehrend wirkte.“

 

Bonifatius weilte gern in Fritzlar und brachte die wenigen Tage der Ruhe und Sammlung, die ihm sein vielbewegtes Leben vergönnte, im Umgang mit seinem geliebten Mitarbeiter zu, dem er mit seinem Rat und seiner Hilfe stets zur Seite stand. Die talentvollsten jungen Männer führte er zur weiteren Ausbildung dem Wigbert zu. Wie Fritzlar die Vorschule für Fulda war, so wurde auch Sturm, der Mitbegründer und erste Abt von Fulda, hier gebildet, und die bedeutendsten Männer, wie Megingoz, der spätere Bischof von Würzburg, und Lullus, der Nachfolger des heiligen Bonifatius auf dem erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, waren mit Wigbert in Fritzlar verbunden. In einem Brief an seine Ordensbrüder in Glastonbury schildert Wigbert den reichen Segen, der trotz Mühen und Gefahren auf seinem Kloster ruhe, bittet sie um ihre Gebete, indem er ihnen beteuert, dass er sich mit ihnen in der Liebe Christi verbunden fühle, soweit sie auch durch die Räume der Erde voneinander getrennt wären.

 

Als das Kloster Fritzlar sich zu herrlicher Blüte entfaltete und eine bedeutende Schar strebsamer Schüler zählte, sollte Wigbert auch das Kloster zu Ohrdruf zu gleicher Blüte erheben. Auf die inständigen Bitten des heiligen Bonifatius verließ er seine liebe Schule und ging nach Thüringen, um auch dort im Weinberg des Herrn zu arbeiten und Diener des Altares heranzubilden. Indem er seine Lehre überall zuerst durch seine Tat bewährte und seinen Schülern jederzeit mit dem besten Beispiel voranging, zog er die Schar der Brüder glücklich mit sich fort, räumte alle Hindernisse aus dem Weg und förderte alles, was gut war. In Ohrdruf blieb er mehrere Jahre, bis auch diese Pflanzschule sich unter seiner Leitung glücklich entwickelt hatte. In seinem vorgerückten Alter und von schweren Krankheitsanfällen gebrochen, wünschte er nach Fritzlar zurückzukehren. Bonifatius willigte gern in sein Verlangen ein, und mit Jubel wurde der zurückkehrende Greis von seinen Schülern in Fritzlar empfangen. In ihrem Kreis verjüngte er sich wieder. Wenn auch sein Körper litt, sein Geist arbeitete jugendfrisch und trug wesentlich zur herrlichen Blüte des Klosters bei. Wo bei seiner Ankunft neben einem einzelnen Gehöft nur das Kloster sich eben erst erhoben hatte, da war jetzt schon eine Stadt entstanden und weiter und weiter wurde die Gegend urbar gemacht und bebaut. Sogar einen Weinberg legte er dort an. Als ihm einst beim heiligen Messopfer der Wein fehlte, drückte er aus reifen Trauben den Saft in den Kelch und erlangte von Gott den reichsten Segen seines Weinberges.

 

War das Leben Wigberts durch seine Tugenden und seine Wirksamkeit verherrlicht, so entfaltete sich der Segen noch nach seinem Tod, und durch viele Wunder wurde die Verehrung, die er in seinem Leben genossen, zur Verehrung eines Heiligen gesteigert. Reich an Verdiensten, starb er im Jahr 747, wahrscheinlich am 13. August. Sein Leichnam wurde zu Fritzlar bestattet. Als aber die Sachsen im Jahr 774 in Hessen einfielen und alles mit Feuer und Schwert verwüsteten, flüchteten die Bewohner Fritzlars mit dem Leichnam des heiligen Wigbert nach der befestigten Buraburg auf der anderen Seite der Edder. Die Peterskirche zu Fritzlar, die die Sachsen in Brand stecken wollten, wurde wunderbar errettet, wie der heilige Bonifatius bei der Einweihung prophetisch vorausgesagt hatte, sie solle nicht durch Feuer zerstört werden. Als die Kirche schon rings mit brennbaren Stoffen umgeben war, sahen die Sachsen zwei Jünglinge in blendendweißen Gewändern schützend über ihr schweben. Die Krieger, die das Feuer schüren wollten, wurden tot vor der Kirche gefunden, die übrigen entflohen schleunigst, ohne dass sie ein Mensch verfolgte. Dieser Schutz wurde dem heiligen Wigbert zugeschrieben. Nach einiger Zeit wurde der Bischof Alboin von Buraburg durch eine Traumerscheinung gemahnt, die Reliquien Wigberts von Fritzlar, wohin sie zurückgebracht waren, nach dem Kloster Hersfeld zu übertragen. Er zeigte es dem Erzbischof Lullus von Mainz an und mit Genehmigung Karls des Großen wurden dieselben im Jahr 780 dorthin versetzt und ehrenvoll bestattet. Viele Wunder an der Grabstätte des heiligen Wigbert zogen eine Menge Pilger herbei, so dass Hersfeld sich zu einer blühenden Stadt entwickelte, die im Jahr 850 eine Kirche zu Ehren des heiligen Wigbert erbaute.

 

Der heilige Johannes Berchmans von Belgien, Kleriker, Jesuit,

+ 13.8.1621 – Fest: 13. August

 

Nicht ohne glückliche Vorbedeutung war es, dass der heilige Johannes Berchmans an einem Samstag (13. März 1599), dem der heiligen Gottesmutter Maria geweihten Wochentag, zur Welt geboren wurde. In seinem ganzen Leben finden wir an ihm die kindlichste Liebe und Verehrung zur Gebenedeiten, wie auch von ihrer Seite besonderen Schutz und auffallende Gnadenerweise ihrem Pflegekind gegenüber.

 

Die Anleitung zur Gottseligkeit, die die frommen Eltern, wohnhaft zu Diestheim in Brabant, ihrem kleinen Johannes durch Wort und Beispiel gaben, brachte an dem schon von Natur gutgearteten Jungen die erfreulichsten Wirkungen hervor. Als er das siebente Lebensjahr erreicht hatte, wurde er in die Schule geschickt, um dort Lesen und Schreiben, wie auch die ersten Anfangsgründe der lateinischen Sprache zu erlernen. Drei Jahre brachte er im Haus des Pfarrherrn seiner Vaterstadt zu, und es ist bewunderungswürdig, wie der junge Schüler Studien und Andachtsübungen zu vereinigen wusste, so dass er in beiden für alle als Muster dienen konnte. Oft begab er sich in einer Unserer Lieben Frau gewidmeten Kapelle, die eine Stunde von Diestheim entlegen war. Unterwegs schon betete er jedes Mal den Rosenkranz und enthielt sich, so viel nur immer möglich, mit jemand zu reden.

 

Weil Johannes zu Diestheim keine Gelegenheit hatte, sein Studium fortzusetzen, und die Eltern auch nicht so bemittelt waren, ihn auf ein entlegenes Gymnasium zu schicken, so wollte ihn sein Vater zur Erlernung eines Handwerks oder einer Kunst bestimmen. Johannes aber, dessen sehnlichstes Verlangen war, einst Priester zu werden, fiel seinen Eltern zu Füßen und bat mit aufgehobenen Händen, sie möchten ihm die Fortsetzung seiner Studien gestatten. Er wolle sich gern aufs Äußerste einschränken und lieber mit Wasser und Brot begnügen, wenn sie ihn nur nicht an seinem Vorhaben hindern würden. Er brachte seine Bitte mit solchem Nachdruck vor, dass sein Vater ihn nicht mehr mit seinem Antrag belästigte, sondern ihm erlaubte, nach Mecheln zu gehen, und dort sein Glück zu versuchen. Durch Gottes Vorsehung wurde er in das Haus und in den Dienst des Domherrn Freiberg aufgenommen, wo er seine Studien fortsetzen konnte und viele Wohltaten genoss.

 

Nachdem Johannes in Mecheln einige Zeit das dortige alte Gymnasium besucht hatte, führte ihn die göttliche Vorsehung in das neue, das die Väter der Gesellschaft Jesu leiteten. Gleich bei der Aufnahme an dieser Lehranstalt war es sein eifriges Bestreben, der Bruderschaft vom heiligen Schutz Mariens einverleibt zu werden. Nachdem ihm seine Bitte gewährt worden war, legte er so erbauliche Beweise der Tugend an den Tag, dass durch sein Beispiel viele andere angezogen wurden, die in dieser Versammlung eifrige Diener Mariens zu werden verlangten.

 

Bei der Wahl seines zukünftigen Standes wendete sich der fromme junge Mann vor allem an Maria, die Mutter des guten Rates. Nachdem es ihm klar geworden war, dass er zum Ordensstand und zwar in der Gesellschaft Jesu berufen sei und er seinen Beruf nach Gott der heiligen Jungfrau zuschrieb, so bat er sie auch inständig, dass sie ihn in selbem erhalten möge.

 

Nach Ablegung der Ordensgelübde wurde er seiner Studien wegen nach Rom geschickt, wo er allen seinen Mitschülern in jeder Hinsicht zum Vorbild diente. Besonders suchte er im dortigen Kollegium aus Demut und Liebe den erkrankten Laienbrüdern zu dienen, soweit es ihm die heilige Regel gestattete.

 

Eines Tages, da er sich zu Rom befand, wohin er gesendet worden war, um bei Unserer Lieben Frau von den Bergen zu predigen, traf es sich, dass er an dem Ort, an dem die Predigt stattfinden sollte, Landsknechte, die in einem heftigen Wortwechsel begriffen waren und andere Leute vorfand, die sich mit Ballspielen unterhielten. Als nun diese den Ordensmann einen kleinen Tisch zurecht richten sahen, auf den er hinaufzusteigen sich anschickte, um das Wort Gottes zu verkündigen, so sagten sie zu ihm in groben ausdrücken, sie wollten jetzt keine Predigt hören, sondern spielen. Berchmans trat, ohne ihnen zu antworten, in die Kirche, und kam nach einem kurzen Gebet wieder heraus, um seine Predigt zu beginnen. Sein Gefährte warnte ihn, er möge sich nur auf Beschimpfungen gefasst halten. „Ich habe mein Vertrauen zur allerseligsten Jungfrau,“ antwortete er, „und zweifele nicht, dass all das Volk sogleich alles verlassen wird, was es jetzt in Anspruch nimmt, um meine Predigt zu hören.“ Dies geschah auch wirklich. Nachdem Berchmans auf den Tisch gestiegen war und das Ave Maria angestimmt hatte so stellten die Landsknechte ihren Wortwechsel, die Spieler ihre Spiele ein, und alle traten heran, um ihm zuzuhören.

 

Eine sehr große Andacht trug Berchmans zur Unbefleckten Empfängnis Mariä, und sie immer zu verteidigen, verpflichtete er sich vor dem heiligsten Sakrament mit einem Gelöbnis.

 

Auch in der Krankheit, die seinem frühen Tod vorausging, und in seinem gottseligen Verscheiden gab dieser heilige junge Mann die rührendsten Beweise seiner Liebe und seines Vertrauens zu Maria. Er sprach mit dem wunderbaren Namen ihres göttlichen Sohnes auch den der jungfräulichen Mutter aus, und rief beide um ihren Beistand an. Der Gedanke, mit seinem göttlichen Erlöser bald auch seine geliebte Mutter von Angesicht zu Angesicht zu sehen, erfüllte ihn mit Freude und mit inniger Sehnsucht nach dem Tod. Als er ihn für gewiss und nicht mehr fern erkannte, sprach er mit Beihilfe der Anwesenden den Ambrosianischen Lobgesang. Hierauf begehrte er das Kruzifix, nahm den Rosenkranz vom Hals (bei der Nacht pflegte er ihn immer um den Hals zu tragen) und ließ sich das Buch, die heiligen Ordensregeln enthaltend, reichen. Diese drei Dinge in den Händen haltend, sprach er mit ungewöhnlicher Freude: „Diese drei sind mir das teuerste, mit denen will ich gerne sterben.“ Er verehrte sie mit einem Kuss und legte sie auf mein Herz. Seinen Mitschülern empfahl er noch bittend die Verehrung der seligsten Gottesgebärerin. Selig und mit heller Stimme sang er noch den Hymnus „Ave maris stella“ (Sei gegrüßt du Meeresstern). Einer der anwesenden Patres sagte, um ihn in der Vereinigung mit Gott zu bestärken: „Jetzt ist es Zeit, Jesus und Maria zu lieben, - denn die du in deiner Lebenszeit geliebt hast, wirst du auch im Tod lieben.“ Johannes erwiderte: „Die ich im Leben zu lieben mich bemühte, werde ich auch im Tod zu lieben nicht aufhören“ und bald darauf: „Mit tausend Herzen, wenn ich sie hätte, würde ich Maria lieben.“

 

Schließlich nahte der Augenblick, wo sein Geist ziehen durfte, wohin schon lange die Wünsche des Herzens gerichtet waren. Die Augen auf das Kruzifix, den Rosenkranz und das Regelbuch immerwährend wie angeheftet, sprach er die Worte: „Jesus, Maria!“ So gab er die unschuldige Seele seinem Schöpfer zurück, am 13. August 1621, in einem Alter von 22 Jahren und 5 Monaten. 

 

Der selige Markus von Aviano, Kapuziner-Ordenspriester, Volksmissionar,

+ 13.8.1699 – Gedenktag: 13. August

 

Der Tod macht alles gleich. Kein Vernünftiger zweifelt an dieser unumstrittenen Tatsache. Freilich, möchte man sagen, hat es der Tod um so leichter, alles gleich zu machen, je mehr das Leben bereits die allzu großen Gegensätze ausgleicht.

 

Es gibt wahrscheinlich wenig Männer, die durch ihre Stellung mehr voneinander verschieden waren und doch im Leben sich zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenfanden, im Tod aber erst recht vereint waren, als Kaiser Leopold I. aus dem Habsburger Geschlecht und der arme und bescheidene Kapuziner Markus von Aviano. Der Geschichtskundige weiß, was Europa im 17. Jahrhundert dem gemeinsamen Zusammenarbeiten dieser zwei Männer zu verdanken hat, die ihrer Abstammung nach so weit getrennt zu sein schienen. Voll Ergriffenheit wird der Besucher der Kapuzinergruft in Wien sich bewusst, dass der Tod die beiden zusammengeführt hat – auch in ihren Särgen, da alle beide in ein und derselben Kirche, nur wenige Schritte voneinander entfernt, zur letzten Ruhe bestattet worden sind. Das Leben hatte sie geeint. Der Kaiser, geistvoll, gerecht und sittenrein, von hoher Auffassung seines Berufes, hatte es sich angelegen sein lassen zu lernen von der Frömmigkeit des ehrwürdigen Mannes in St.-Franzisci-Kleid und der arme Jünger des Heiligen von Assisi war wenigstens seiner Gesinnung nach und in seinen Erfolgen von der Vornehmheit eines Fürsten.

 

Marko d`Aviano war von Geburt ein Friauler, also aus dem Teil der Alpen stammend, in dem Italien und Kärnten zusammenstoßen. Gerade dieser von den Verkehrsadern der Welt abgelegene Winkel hatte anderthalb Jahrhunderte, ehe Marko oder wie er vorher hieß Karl Christophori seinen Eltern geschenkt wurde, 1631, bereits einen der würdigsten Vertreter der franziskanischen Familie erstehen lassen. Das war der berühmte Volksmissionar Bernhardin von Feltre (+ 28. September 1494), der große Freund der Armen, dessen erfinderische Liebe zu den Notleidenden ihn über dreißig Leihhäuser gründen ließ, wovon eines in Feltre noch heute existiert. Diese caritativen Leihanstalten und öffentlichen Kreditinstitute, „montes pietatis – Berge der Liebe“ genannt, pflegten den gleichen Gedanken, dem die heute so viel verbreiteten Darlehenskassen ihre Entstehung verdanken.

 

In dem jungen Karl Christophori reifte der Entschluss, sich auch zur Regel des heiligen Franziskus zu bekennen. Sein Eintritt in den Kapuzinerorden erfolgte nach Vollendung des 18. Lebensjahres. Der Novize nahm den Geist seines Ordensstifters begierig in sich auf. Von diesem hörte er, dass er das Unternehmen wagen wollte, dem Sultan zu predigen, um die fanatischen Söhne des Islams für die milde Botschaft des Kreuzes zu gewinnen. Darum war es auch der mit heißer Sehnsucht genährte Wunsch des Jüngers, ebenfalls zu den Mohammedanern ziehen zu dürfen. Doch musste der missionsbegeisterte Bruder Marko die Erfüllung seines Wunsches zu den Füßen des Altares als Opfer niederlegen. Die Oberen hatten andere Pläne mit ihm. Diese erstreckten sich zunächst auf ein weites Heimatmissionsfeld, dessen letzte Frucht und Krönung aber schließlich doch der Kampf gegen den erbittertsten Feind der Christenheit, den Halbmond, wurde.

 

Der junge Pater Markus verriet schon beim ersten Auftreten, 1665, als Fastenprediger ein ganz ungewöhnliches Predigertalent. Er sprach mit so hinreißender Begeisterung, dass die Zuhörer mit verhaltenem Atem und wie gebannt seinen Worten lauschten. Erschüttert brach das Volk in laute Bußrufe aus. Auffallende Bekehrungen ereigneten sich. In Jahren stillen, beschaulichen Lebens, wo Pater Marko zugleich beispielhaft als Oberer waltete, nährte er noch mehr das Feuer der Gottesliebe, das nachher seinem öffentlichen Wirken den außerordentlichen Erfolg verlieh. Der im heiligsten Sakrament gegenwärtige Gott zog ihn bei Tag und Nacht mächtig an. Hier schöpfte er auch jene Glut der Andacht, die sich bei der Darbringung des heiligen Messopfers so sichtbar zeigte, dass die Gläubigen seine Messe kurzweg die „englische“ nannten.

 

Mit der natürlichen Beredsamkeit und tiefen Frömmigkeit Pater Markos verband sich zu innigem Bund die göttliche Allmacht, die den bescheidenen Prediger als begnadigten Träger höherer Gaben erscheinen ließ. Diese Wunderkraft des Dieners Gottes war gewöhnlich an eine besondere Benediktion geknüpft. Er ermahnte das Volk zur Reue, betete ihm ein Reuegebet vor, das er laut nachsprechen ließ, und gab dann den Segen. Dieser enthielt in einfachen Worten die Bitte an Gott, den Empfänger gemäß seines Glaubens von allen Übeln befreien zu wollen. Die Wirkung des Segens war meist die, dass einige der weit hergebrachten Kranken gesund in die Heimat zurückkehren konnten. Merkwürdigerweise wirkte der Segen Markos auch in der Ferne. Von der ersten Wunderheilung (1676) an war sein ganzes Leben von übernatürlichen Ereignissen umspült. Wo er ging und weilte, entströmte seiner Segenshand eine heilende Kraft. Das ist vielfach eidlich bezeugt, urkundlich festgestellt durch die geistliche und weltliche Behörde. Gottes Güte und Barmherzigkeit hat sich in Marko d`Aviano ein mystisches Werkzeug geschaffen. Diese unleugbare Lebenseignung des Volksmissionars, die nicht übersehen werden darf, ist der Schlüssel zum Verständnis des einzigartigen, natürlicherweise unerklärlichen Einflusses des ehrfurchtgebietenden Mannes, der in der Sprache und Wunderkraft der alten Propheten über die Lande wandelte.

 

Das Aufsehen, das Marko durch seine Predigttätigkeit und seine Bekehrungen in fast allen Provinzen Italiens erregte, war Anlass zu seiner Berufung nach Deutschland. Herzog Karl Leopold von Lothringen, Statthalter von Tirol, und Prinz Maximilian Philipp von Bayern, der dem jungen Herzog Emanuel in der Führung der Regentschaft zur Seite stand, erbaten vom Papst selbst die Sendung Markos als Missionsprediger. Im Jahr 1680 zog nun der „weit beruffene“ Kapuzinerpater über die Alpen nach Innsbruck und am 13. Mai nach München. Die Kirchen waren dort völlig umlagert, die Zahl der Heilungen war erstaunlich. Von Kaiser Leopold gerufen, ging Marko über Salzburg und Passau nach Linz, wo das erste Zusammentreffen mit Leopold stattfand. Markos Tätigkeit brachte auch unter dem Hofpersonal eine auffallende Änderung hervor. Zahlreich drängte sich das Volk zu den Sakramenten. Der fromme Herrscher stellte sich von da ab ganz unter die Leitung des wie einen Vater geschätzten, heiligmäßigen Ordensmannes. Ein umfangreicher Briefwechsel, erst 1888 veröffentlicht, gibt Zeugnis von dem Bewusstsein der Verantwortlichkeit und dem Freimut des Kapuziners, wie von dem Vertrauen und der Freundesgesinnung des Kaisers.

 

Dem Wunsch von Bischöfen und Fürsten entsprechend reiste Marko donauaufwärts über Regensburg (3.-4. Oktober 1680) nach Neuburg an der Donau, wo die Schwiegereltern Leopolds I. weilten, dann über Eichstätt, Bamberg und Mainz nach Köln, von da über Koblenz und Würzburg wieder zurück nach Neuburg und Augsburg, wo er vom 16. bis 18. November sich befand. Überall dieselben Wirkungen und Begleiterscheinungen seiner Predigten, überall gegen seinen Willen begeisterte Ehrenerweisungen von Hoch und Nieder, denen er sich umsonst zu entziehen versuchte, überall Bekehrungen und auffallende „wundersame Begebenheiten“. In Augsburg wurden auf Befehl des Fürstbischofs die aufsehenerregenden Heilungen besonders genau und urkundlich fest- und sichergestellt. Der frühere Krankheitszustand der Geheilten wurde durch Zeugen und meist auch durch ärztliche Atteste erhärtet. Die Protokolle erschienen im Druck. Die Originale der gesammelten Zeugnisse sind noch in den Archiven von Augsburg und Neuburg an der Donau vorhanden.

 

Ganz merkwürdig ist, dass der Selige damals gezwungen war, italienisch zu predigen und sich eines Dolmetschers zu bedienen. Aber es schien, als ob durch die fremde Sprache der Erfolg seines Wortes nicht im Geringsten beeinträchtigt würde. „Da wiederholte sich das Pfingstwunder, dass die fremde Sprache alle verstehen, weil das Herz redet,“ sagt ein Gelehrter unserer Tage.

 

Das folgende Jahr, 1681, füllte eine Missionsreise durch Oberitalien, Frankreich und Belgien aus. Die Gemahlin des französischen Dauphin (Kronprinzen) selbst hatte den berühmten Kapuzinerprediger erbeten. Die Bewegung in den französischen Städten wie Lyon und Dijon war womöglich noch größer als in den deutschen. Aber König Ludwig XIV., dieser Erzfeind Deutschlands, der im geheimen Einvernehmen mit den Türken stand, fürchtete den einfachen Bettelmönch. Er ließ Markos Reise nahe der Hauptstadt jäh unterbrechen und ihn über die Grenze schaffen. In den belgischen Städten aber nahm seine apostolische Wanderung den Charakter eines eucharistischen Siegeszuges an. Die Zahl der Kommunionen stieg auf eine noch nie erreichte Höhe. Von Köln aus kehrte Pater Marko wieder heim nach Italien. Erst im Juni des folgenden Jahres 1682 sah er zum ersten Mal die Kaiserstadt Wien. Er kam im päpstlichen Auftrag, um zu der sicheren Durchführung des Türkenkrieges eine Einigung zwischen dem Kaiser und Ludwig XIV. zu erzielen. Die Unterhandlungen scheiterten an der französischen Raubgier. Gewaltig war aber wieder der religiöse Erfolg. Kaum dass die vielen Beichtväter dem Zudrang des bußfertigen Volkes genügen konnten. Im prophetischen Geist rief der große Bußprediger einmal auf öffentlichem Platz in Gegenwart des Kaisers der Menge zu: „O Wien, Wien! Deine Liebe zum freien Leben hat dir eine schwere und baldige Züchtigung bereitet. Ändere deine Sitten und siehe wohl zu, was du tust! Du unglückseliges Wien!“

 

Und die harte Züchtigung kam, das denkwürdige Jahr 1682, in menschlicher Sprechweise aber auch das glorreichste im Leben des seligen Markos d`Aviano. Wie eine alles verheerende Hochflut war der Türke in Europa eingedrungen, mit keinem geringeren Plan beschäftigt, als das Abendland unter seine Zwingherrschaft zu beugen und dadurch das Christentum zu vernichten. Wäre damals den Türken ihr Vorhaben gelungen, so würde sich ein namenloses seelisches Elend über die deutschen Lande gelagert haben, die Versklavung hätte uns in Ketten geschlagen, der eine dumpfe Verzweiflung, eine Nimmerwiedererhebung hätte folgen können. Doch wendete in Gnaden der Allgütige das Unheil und bediente sich hierzu des demütigen Ordensmannes, dessen Namen und Einfluss er für diese weltgeschichtliche Tat bereitet und großgemacht hatte.

 

Als die Türkengefahr immer mehr wuchs und immer dringlichere Schreiben des Kaisers an Pater Marko, der in Italien weilte, ergingen, ernannte Innozenz XI. den Kapuziner am 14. August zum apostolischen Legaten beim christlichen Heer. Am 7. September traf im Lager von Tulln die Hilfsmannschaft des Papstes ein, „zwar einer nur, aber dennoch eine Mannschaft, der Kapuzinerbruder Marko dÀviano“, wie ein neuerer Geschichtsschreiber sich ausdrückt.

 

Die erste verdienstvolle Tat Pater Markos zur Herbeiführung der Entscheidung war die, dass er die christlichen Fürsten, den Polenkönig Sobieski, die Herzöge von Lothringen, von Bayern und die übrigen maßgebenden Männer von der Größe der Gefahr überzeugte, die noch nicht von allen in ihrer ganzen Furchtbarkeit erkannt worden war, und dass er dadurch im Kriegsrat den sofortigen Vormarsch gegen das von den Türken bereits eingeschlossene Wien durchsetzte. So wurde der Entsatz um mindestens zehn Tage beschleunigt, wo vielleicht ein Zaudern von nur fünf Tagen den Fall der Stadt schon hätte ermöglichen können. Ein zweites und vielleicht das weittragendste Verdienst des umsichtigen Mannes war es, dass er trotz mehrfacher Anfragen, entgegen dem Wunsch des Kaisers, diesem nicht riet, ja ihn abhielt, zum Heer zu kommen. So blieb Sobieski, dessen Eifersucht schon wachgerufen war, der Oberkommandierende. Marko hatte sofort die große Gefahr der Uneinigkeit der Führer des viel kleineren christlichen Heeres erkannt. Sein Verdienst ist es, diese Gefahr gebannt zu haben.

 

Die Entscheidung nahte. Der große Tag des 12. September 1683, einer der ruhmreichsten der Welt- und Kirchengeschichte, zog herauf und rötete die Höhen des Kahlenberges, an dem seit gestern das christliche Entsatzheer Stand gefasst hatte. Raketen über Raketen waren in der Nacht vom Stephansturm in Wien aufgestiegen, die Größe der Not zu künden. Es gab kein Entrinnen mehr aus der Umklammerung der Türkenhand, wenn nicht Hilfe von außen kam. Nun stand sie oben. Vom Kahlenberg aus wurde die Not gewendet. Der selige Marko d`Aviano, der Mann der Vorsehung, der Vermittler des göttlichen Schutzes, der mystische Träger himmlischen Segens und übernatürlicher Kraft, zugleich auch Gesandter und Vertreter des geistlichen und weltlichen Oberhauptes der Christenheit, des Papstes und Kaisers, der Priester des Herrn las am frühen Morgen vor den Feldherren die heilige Messe. Der Polenkönig diente dabei. Dann richtete Marko noch eine letzte flammende Aufforderung an die Führer zum Vertrauen auf Gott unter dem Schlachtruf: Jesus! Maria! Dann gab er der Armee den Segen, jenen so wirksamen Segen, an den Gott schon so oft Heil und Hilfe aus Leid sichtbarlich gebunden, den Tausende von Bedrängten mit heiliger Begierde schon gesucht und gefangen hatten. Der Kampf begann. Von Schar zu Schar eilte der starke Held, betend vor dem Angesicht aller und sie segnend, mit dem Zeichen des gekreuzigten Erlösers in der Hand. Am Abend war Wien gerettet, ein glänzender Sieg ohne allzu viele Verluste errungen. Über Hals und Kopf flohen die Türken. Die ganze Christenheit konnte wieder frei aufatmen, von sechshundertjährigem Druck der Feindesmacht befreit. Die abendländische Kultur war gerettet.

 

Wem ist Rettung und Sieg zu verdanken? König Sobieski, der oberste Heerführer, hat die einmütige Anschauung von Fürst und Volk ausgesprochen in dem Dankwort an Marko d`Aviano, dem „wahrhaft heiligen Mann“: „Ihr Segen und Ihr Beistand hat uns einen großen Sieg verschafft.“ Er aber suchte jeder Anerkennung auszuweichen, zog sich in das Kapuzinerkloster und sobald als möglich in die Heimat zurück. Auch in den kommenden Jahren bis 1688 musste Pater Marko als päpstlicher Legat das Heer des Kaisers begleiten, das die Aufgabe hatte, die türkische Macht aus Europa hinauszudrängen. Auch später kam er noch bisweilen in wichtigen Angelegenheiten an den kaiserlichen Hof, ließ sich aber nie für länger binden. Inmitten aller Geschäfte blieb Marco der „immer höchst demütige“ und stets den Oberen gehorsame Ordensmann, an dem nie die leiseste Makel von Ehrgeiz oder Eigennutz haften blieb. Und darin besteht seine ganze Größe, „das ist das größte Wunder“, das die Zeitgenossen an ihm rühmten.

 

Gott fügt es, dass sein ergebener Diener in Wien, das ihm so sehr am Herzen lag, das ihm alles verdankte, sein bewegtes Leben schließen sollte. Kaiser Leopold und seine Gemahlin knieten am Lager ihres Freundes und Wohltäters, als er am 13. August 1699 zur ewigen Ruhe entschlummerte.

 

Am 27. April 2003 erfolgte die Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. Das Fest Mariä Namen, am 12. September, hält die dankbare Erinnerung an den Tag der glorreichen Befreiung vom drohenden Joch des Islams für alle Zeiten fest.

 

Der Heilige Geist selber rühmt die Wohltäter und Retter des Volkes Gottes: „Er (Samuel) rief den allmächtigen Herrn an, als die Feinde allenthalben drängten zum Streit. Und der Herr rief auf die Fürsten und Heerführer (der Feinde) alle. Und da sein Leben zu Ende war und er aus der Welt schied, legte er das Zeugnis ab, kein Geld, ja nicht einmal einen Schuh angenommen zu haben.“

 

Die selige Gertrud von Altenberg, Prämonstratenser-Äbtissin,

+ 13. August 1297 – Gedenktag: 13. August

 

Die liebe heilige Elisabeth, die Wartburgherrin und Schutzfrau der deutschen Lande, steht fort und fort zahllosen Frauen als erhabenes Vorbild christlichen Tugendlebens, stillen Duldens und heroischer Liebe vor Augen. Scharen von Klosterfrauen und Krankenpflegerinnen haben aus dem unvergleichlichen Beispiel und dem leuchtenden Opfermut dieser mildherzigen, hingebungsvollen Mutter der Armen und Kranken Ermunterung und Kraft zum eigenen stillen Opferleben geschöpft. Sollte St. Elisabeth, die fromme Frau mit dem weiten Mutterherzen, nicht vor allem auch ihren leiblichen Kindern Führerin auf dem Weg der Heiligkeit geworden sein? In allen Denkmälern und Urkunden, die von ihnen auf uns gekommen sind, beweisen sie sich voll Dank gegen Gott, Abkömmlinge einer Heiligen geworden zu sein, und führen vor allen Fürstentiteln und Adelswürden als größte Auszeichnung: „Sohn“ oder „Tochter der heiligen Elisabeth“. Ihr Sohn Hermann und die ältere Tochter Sophie suchten in der Welt ihre Herrschaftsrechte zu behaupten, wurden aber, gleich ihrer Mutter, das Opfer der Ungerechtigkeit der Welt und auf diesem harten Weg zur Seligkeit geführt. Für die beiden jüngeren Töchter hatte die Mutter selbst friedlichere Zufluchtsstätten auserwählt, für die eine Kloster Kitzingen, für die andere, unsere selige Gertrud, Kloster Altenberg. Als Äbtissinnen, als Vorsteherinnen ihrer Gemeinden wandelten beide die Höhenpfade der Vollkommenheit ihrer heiligen Mutter nach.

 

Gertrud war Elisabeths jüngstes Kind, ein wahres Schmerzenskind. Schon vor der Geburt hatten es die frommen Eltern zum Dienst des Herrn bestimmt. Es war in jenen sorgenvollen Tagen, da Elisabeth das Kreuzfahrerzeichen im Gewand des Landgrafen Ludwig gefunden und nach Überwindung des ersten heftigen Schreckens das große Wort der Ergebung gesprochen hatte: „Gegen Gottes Gebot will ich dich nicht zurückhalten. Er gebe dir, seinen Willen zu tun. Ich habe dich und mich ihm geopfert.“ Landgraf Ludwig zog dann in den Kreuzzug fort. Als dann die Trauerbotschaft von seinem raschen Tod nach Thüringen gelangte, hatte das liebe Kindlein schon das Licht der Welt erblickt, 1227, so dass seine ersten unbewussten Tränen sich mit dem strömenden Weh der zu tiefst verwundeten Kreuzfahrerwitwe vermischten. Klein Traudchen ruhte, in harmlosem Schlummer, wohlgeborgen am Busen der unglücklichen Fürstin, als sie den schroffen Pfad der Wartburg hinabstieg und für ihre vier vater- und heimatlosen Waislein vergeblich an Eisenachs Türen um Unterkunft klopfte. Welche Opfer forderte doch der Allgütige von dieser heldenmütigen Mutter! Ihre Kinder musste sie weggeben, selbst den Säugling entwöhnen, um fremden Leuten sie zu übergeben! Nochmals nahm sie Gertrud zu sich, als sie in Marburg etwas Ruhe gefunden hatte. Allzu schwer war ihr die Trennung gerade vom Jüngsten. Brauchte das Kind nicht die Mutter am notwendigsten? Doch Gott der Herr rief diese große Seele zu seiner ausschließlichen Nachfolge auf steilster Bahn. In heißem Gebet ringt sie dem Himmel die Gnade selbstlosester Kinderliebe und höchster, entsagungsvollster Gottesliebe ab: „Ich habe sie Gott empfohlen; möge er mit ihnen tun, was ihm gefällt. Ich wähle Gott allein.“ So vermag die starke Frau auch das größte Opfer um Gottes willen zu bringen. Sie trägt ihren zweijährigen Liebling von Marburg nach dem fünf Stunden entfernten Altenberg, mit bloßen Füßen, um ihn dort den frommen Chorfrauen des heiligen Norbert zur Pflege und Erziehung zu bringen. Dem eigenen Herzen versagt Elisabeth den letzten Trost, Fremden aber, den ärmsten und abstoßendsten Kranken weiht sie um Christi willen ihre Dienste! Musste diese unerhörte Selbstverleugnung, diese nur vom Geist Christi eingegebene und von seiner Gnade getragene Großmut nicht auf das edle Kind der Heiligen, wenn es einmal fähig würde, solchen Seelenadel zu verstehen, den mächtigsten Eindruck machen, der das ganze Leben hindurch nimmermehr wird ausgelöscht werden können? Leistete nicht die Mutter mit diesem ihren Verzicht doch noch den wirksamsten Einfluss und die andauerndste Mitarbeit zur Erziehung und zur Heiligung ihrer jüngsten und begnadetsten Tochter? Durch eine Tat, die nur im Glauben erfassbar ist?

 

O ewige Weisheit Gottes, „die in ihren Auserwählten Wurzel schlägt“! „Seht, dass sie nicht allein für sich arbeitet, sondern für alle, die die Wahrheit suchen!“ Schon 1231 schied Elisabeth in wunderseligem Sterben aus dieser Welt. Das liebe Kind, die selige Gertrud, zählte vier Jahre, da sie nun doppelt zur Waise wurde. Noch hatte sie bisher das Fehlen der Mutter nicht empfunden, ihr schweres Opfer nicht mitkosten können. Nun aber strahlte der Mutter Segen und Fürbitte vom Himmel her über den Kindheitswegen ihrer Tochter und brachte das reiche Erbe ihres Beispiels und heiligen Lebens zur schönsten Entfaltung. Immer höher stieg ja der Stern der demütigen Thüringer Fürstin. Schon im Jahr 1235 wurde sie von der Kirche in die Zahl der Heiligen aufgenommen. Als dann ein Jahr darauf, am 1. Mai 1236, der heilige Leichnam Elisabeths, noch unversehrt und ohne Zeichen der Verwesung, unter dem Zustrom einer ganz ungeheuren Menge von Pilgern aus allen Ständen und Nationen, feierlich erhoben wurde und auf den Schultern der Bischöfe, Fürsten und des Kaisers Friedrich II. selbst aus der Gruft herausgetragen und dem gläubigen Volk zur Verehrung ausgestellt wurde, da durchhallte grenzenloser Jubel und wogende Begeisterung das kleine Marburg und die weiten Lande, da zerschmolz aber auch das Herz der neunjährigen, allem Hohen erschlossenen Tochter der Heiligen in seliger Wonne und froher Dankbarkeit gegen Gottes wunderbare Anordnung und liebreiche Ermahnungen. Denn dass Getrud, St. Elisabeths Schmerzenskindlein, am großen Ehrentag der Mutter nicht fehlen durfte, ist nicht in Zweifel zu ziehen. Sagen uns ja auch überdies die Geschichtsschreiber, es sei das ganze thüringische Haus und auch Elisabeths Kinder anwesend gewesen. Graf Montalembert erzählt im großen „Leben Elisabeths“, Kaiser Friedrich habe während des Hochamtes, bei der Opferung, das Haupt der lieben Heiligen mit einer goldenen Krone geschmückt. Dann geleitete der Kaiser den jungen Landgrafen Hermann, den Sohn Elisabeths, zum Opfer, die Kaiserin aber führte die Prinzessinnen Sophie und Gertrud. Einzigartige Festfeier – die Erde wird noch keine zweite gleiche geschaut haben! Die leiblichen Kinder dürfen ihrer Mutter als kirchlich anerkannten Heiligen huldigen! Was Wunder, wenn die Erinnerungen an das hohe Ereignis unaustilgbar sich dem Herzen des glücklichen Kindes einprägte, und wenn, wie die Legende wissen will, St. Elisabeth gar oft, hold lächelnd und huldreich segnend, in Altenbergs stillen Räumen erschienen sei!

 

Das Prämonstratenserinnenkloster Altenberg (auch Altenburg) bei Wetzlar im Lahntal war damals noch klein und arm; aber ein frommer Geist und ein frischer Zug edlen Tugendstrebens beherrschte seine Insassen. Eine treffliche Oberin, Christine von Biel, waltete im Haus, ein gottgefälliges Vorbild, das schlichte suchende Seelen unwillkürlich mit sich fort zog. Für das Kind der Heiligen und für die Jüngerin der Heiligkeit war das eine weitere und kaum geringere Aufmerksamkeit Gottes in seiner wunderreichen Gnadenführung. Die anziehenden Lehren und noch mehr das gottinnige Leben der heiligmäßigen Meisterin ließen in der weichen Seele Gertrudens die Sehnsucht und Liebe zum Ordensstand immer mehr erstarken. Sie wird nicht mehr als fünfzehn Jahre gezählt haben, als man, ihren Wünschen und Bitten willfahrend, ihr das weiße Kleid der Töchter des heiligen Norbert reichte.

 

Mit jugendlichem Eifer und größter Wertschätzung ihres Berufes überließ sich die selige Gertrud den frommen Übungen der Ordensregel und der erprobten Leitung ihrer Oberen, um sicheren Schrittes in der Wissenschaft der Heiligen voranzuschreiten. In Stille und Verborgenheit, das demutsvolle Beispiel ihrer heiligen Mutter vor Augen, wollte sie in Werken heiliger Gottes- und Nächstenliebe sich erschöpfen, um den hohen Preis zu gewinnen, den der Herr seinen getreuen Nachfolgern verheißen hat. Aber, während sich die junge Ordensfrau bescheiden als Anfängerin im geistlichen Leben und als letzte Schwester fühlte, wurde sie schon, obgleich erst einundzwanzig Jahre alt, durch das Vertrauen ihrer Mitschwestern und den Wunsch ihrer geistlichen Oberen zur Leitung des Stiftes Altenberg berufen. Mochte hierfür ihre hohe Abkunft als Tochter eines Fürsten und Enkelin eines Königs bestimmenden Einfluss geübt haben, so durfte sie doch auch unzweifelhaft durch ihre gediegene Frömmigkeit, ihr ernstes, wirksames Ringen nach Heiligung, wie nicht minder durch ihre Verständigkeit und ihr Achtung gebietendes Wesen für das Amt der Äbtissin würdig erscheinen. Das hat eine fast fünfzigjährige vorzügliche Leitung der Klostergemeinde von Getruds Hand bestens erwiesen.

 

Das bescheidene Stift Altenberg wurde nach außen und innen ausgebaut und gehoben. Eine neue ansehnliche Kirche im gotischen Stil erstand und zeugt heute noch von dem hohen Sinn der seligen Äbtissin Gertrud für Förderung der Ehre Gottes und der Religion. Zum Wohl des Nächsten erbaute sie beim Kloster eine Herberge und ein Siechenhaus, wo die würdige Tochter der Armenmutter Elisabeth selbst die Fremden bediente und sich die Pflege der Armen und Kranken angelegen sein ließ. Diese „Siechenhäuser“ waren damals die einzige Zufluchtsstätte, wo die verlassensten, nicht selten mit ansteckenden Krankheiten wie Aussatz und Blattern befallenen Kranken liebe volle Aufnahme um Gottes willen und gute Auswartung nach dem Stand und der Übung der damals noch wenig entwickelten Heil- und Pflegekunde fanden. Auch die Herbergen oder Hospitale, Xenodochien, die später gerne den schönen Namen „Gottes-Gasthaus“ (Hôtel-Dieu) oder „Gasthaus der heiligen Elisabeth“ oder eines anderen Heiligen führten, nahmen nicht allein arme, obdachlose Fremde und Pilger auf, sondern alle kranken, hilflosen und gebrechlichen Leute, die in den Familien keine Pflege und passende Unterkunft hatten. Es waren das eben die Krankenhäuser, die „Spitäler“ jener Zeit, die „Fürsorgeanstalten“, die für eine weite Umgebung Stätten des Segens und der Caritas wurden. – Die Selige übte auch wohltätigen Einfluss nach außen aus durch die ihr eigene Gabe, Frieden unter Entzweiten zu stiften.

 

Am Förderlichsten für das Blühen des Klosters war das Wirken Gertrudens als Meisterin und Führerin der jungen Schwestern auf dem mühevollen Weg der Vollkommenheit. Viele Jungfrauen, besonders vornehmen Geschlechts, traten bei den Prämonstratenser-Chorfrauen ein und unterstellten sich willig und vertrauensvoll ihrer klugen Leitung. Als Grundsatz sprach sie oft aus: „Je höher wir in unserem Stand sind, desto mehr müssen wir uns verdemütigen.“

 

Was die Selige lehrte, das übte sie selbst; sie bestrebte sich, als Vorsteherin auch allen beispielgebend voranzuschreiten. Das Kirchengebet, das man später an Getrudens Festtag betete, rühmt ihre Reinheit und Liebe. Die Reinheit und Jungfräulichkeit war ihr ein kostbarer Schatz, den sie durch Wachsamkeit und große Strenge gegen ihren Leib hütete. Während der Fastenzeit schlief sie auf Stroh, in der Karwoche auf bloßem Boden. Die niedrigsten Dienstleistungen und Verrichtungen im Haus waren ihr nicht lästig.

 

In einem reinen, demütigen Herzen ruht und gedeiht die lebendige Gottesliebe. Gertrud, die keusche Magd des Herrn, trug eine ganz innige Liebe zum göttlichen Heiland im heiligsten Sakrament. Lebt sie ja in einer Zeit, wo die Verherrlichung und Dankbarkeit gegen das hochheilige Sakrament und die kirchliche Entwicklung seines Kultes großen Aufschwung und Fortschritt erfuhr. Bei dem lebhaften Verkehr, den die Kreuzzüge unter den Ländern und Nationen hervorriefen, blieben den gebildeten und frommgesinnten Chorfrauen von Altenberg die Visionen und Anregungen der Augustinerin Juliana von Lüttich (+ 1258) nicht unbekannt. Auf deren Veranlassung hin hatte Bischof Robert von Lüttich im Jahr 1246 zum ersten Mal das Fronleichnamsfest begehen lassen. Der Dominikaner Kardinal Hugo von S. Caro führte es als päpstlicher Gesandter, 1253, in ganz Westdeutschland ein. Damals, 1260, hatte Gott auch einen der gelehrtesten und heiligsten Männer, den heiligen Thomas von Aquin, berufen, das wunderbare Geheimnis auf einer gediegenen wissenschaftlichen Grundlage im christlichen Glauben zu begründen und durch begeisterte Hymnen und Gebetstexte für Messe und Brevier zu verherrlichen. Im Jahr 1264 schrieb sodann Papst Urban IV. die Feier des Fronleichnamsfestes am Donnerstag nach der Pfingstoktav für die ganze Kirche vor. Das haben die selige Äbtissin und der Frauenkonvent von Stuft Altenberg mit freudiger Heilsbegeisterung vernommen. Aller Herzen und Lippen, aller Gedanken und Hände erhoben sich, in heiligem Wetteifer zur Verherrlichung des eucharistischen Heilandes mitzuhelfen. Der feierliche Triumphzug des Allerheiligsten durch die Straßen von Dorf und Stadt, wie wir ihn so festlich und frohgestimmt zu halten pflegen als unerlässlichen Bestandteil unserer Festesfreude, war damals noch nicht üblich. Erst später wurde die feierliche Prozession mit dem Allerheiligsten gestattet und schließlich, 1450, verordnet. Derselbe Papst Urban IV. hatte auch von neuem einen Aufruf zum Kreuzzug ergehen lassen. Auch diese Einladung verhallte nicht ungehört bei St. Norberts Töchtern, am allerwenigstens bei der hochherzigen Tochter des Kreuzfahrers, Gertrud von Thüringen. Die Liebe zum gekreuzigten Heiland vermochte sie, sich in die Liste der Kreuzfahrer eintragen zu lassen und durch Gebet, Bußwerke und Geldopfer mitzuwirken an der Wiedergewinnung des Heiligen Landes.

 

Nach einem an Verdiensten reichen, heiligen Leben ging die Äbtissin Gertrud, schon hoch betagt, am 13. August 1297 zur ewigen Ruhe ein. Das dankbare Volk begann bald sie zu verehren und einen duftigen Schleier lieblicher Legenden um ihre ehrwürdige Gestalt zu weben.

 

Kinder Gottes sind wir und Kinder der Heiligen! Darum überhäuft uns der liebe Gott das ganze Leben hindurch mit zahllosen Aufmerksamkeiten. Wir müssen sie nur sehen und dankbar anerkennen. „Suchst du Gott den Herrn mit einfältigem und getreuem Herzen und verlangst du nach seinem Dienst, so erhebe dein Herz durch fromme Betrachtung der Liebe des gütigen Herzens Christi. Lege dorthinein all deine Hoffnung, all dein Verlangen und all deine Zuversicht. Dort wirst du Ruhe finden und Sicherheit deiner guten Werke. Nirgendwo sind sie besser aufbewahrt als im Herzen Christi. Welch reiche Schatzkammer, welch heiliger Gnadenschrein ist doch gegenwärtig im heiligen Sakrament!“ (Aus einer mittelalterlichen Handschrift)

 

Der ehrwürdige Johannes Nider von Isny, Dominikaner,

+ 13.8.1438 – Gedenktag: 13. August

 

Der ehrwürdige Johannes Nider wurde in der württembergischen Stadt Isny an der bayerischen Grenze um das Jahr 1380 geboren. Die erste wissenschaftliche Bildung erhielt er bei den Benediktinern zu Isny. Im Jahr 1400 nahm er das Ordenskleid des heiligen Dominikus zu Nürnberg. Vom Tag seiner Einkleidung an glühte Johannes von Liebe zum Orden und von Eifer für seine Reform. Pater Bonaventura Elers schreibt über den ehrwürdigen Johannes in der „Ehrenkrone des Predigerordens“: „In seinem Noviziat war er ein exemplarischer Spiegel der geistlichen Zucht. Er hat sich in der Gelehrtheit dergestalt ausgezeichnet, dass er auf der Universität zu Wien die Bücher der Sentenzen und die Heilige Schrift öffentlich als Professor ausgelegt hat. Desgleichen ist auch auf der hohen Schule zu Köln geschehen. So sinnreich er im Lehren gewesen ist, so gewaltig war er auch im Predigen. Er hat vor Kaisern, Königen, Kur- und anderen Fürsten gepredigt. Ein großes Lob verdient er, dass er mit anderen in der deutschen Provinz die strenge klösterliche Observanz eingeführt und selbige sowohl durch die ihr erteilte Autorität als mit seinem eifrigen Exempel befördert hat. Er ist darum von seiner Obrigkeit den damaligen vornehmsten Klöstern zu Nürnberg und Basel zum ersten reformierten Prior vorgesetzt worden.“

 

Nider war ein in ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinaus gefeierter Kanzelredner und ein sehr gesuchter Beichtvater und Seelenführer, an den man sich aus der Nähe und Ferne mit Vertrauen wandte. Von seinen Obern wurde der hochangesehene Mann nach Konstanz zum großen Konzil gesandt, 1415, damit er sich genaue Kenntnisse der Verhältnisse verschaffte und die hervorragendsten Mitglieder des Ordens kennen lernte. Von hier trat er eine Reise nach Italien an. In den reformierten Klöstern dieses Landes sah und übte er die dort eingeführte strenge Observanz, die genaue Beobachtung der ursprünglichen Ordensregel, um darnach auch die Klöster in Deutschland zur alten Zucht und Ordnung zurückzuführen. Was Nider dort sah und erfuhr, war ganz geeignet, ihn in seinem Vorhaben zu bestärken. Nach seiner Rückkehr wurde er von den Ordensobern bestimmt, ehe er an die Verbesserung des Ordens Hand anlegte, sich dem Lehramt zu widmen. Nider gehorchte und trat zu Wien an der Hochschule als Lehrer auf. Er galt als der bedeutendste Professor der Wiener Hochschule und sein Ruf zog viele Schüler an. Vor andern damaligen Gottesgelehrten zeichnete ihn aus, dass er ganz auf die Anschauungen des großen heiligen Thomas, des Engels der Schule, zurückging.

 

Endlich konnte Johann Nider den ihm von der Vorsehung zugefallenen Beruf erfüllen. Im Jahr 1427 wurde er vom Konvent zu Nürnberg, der einer der bedeutendsten der deutschen Ordensprovinz war, zum Prior gewählt. Hier führte er nicht nur die strenge Ordenszucht ein, sondern er reformierte von da aus auch andere Konvente. Im Jahr 1428 begleitete er den für die Verbesserung der Zucht begeisterten General des Ordens durch Deutschland. Derselbe schätzte Niders Eifer und Umsicht in diesem Werk so hoch, dass er ihn über alle Klöster Deutschlands setzte. Von nun an beschäftigte sich der ehrwürdige Mann in Wort und Schrift bis an sein Lebensende mit der Reform des Ordens. Seinem Eifer gelang es, selbst andere Klöster zu einer strengen Lebensweise zurückzuführen. „Denn bei aller Anhänglichkeit an den eigenen Orden verachtete er die anderen Orden und ihre Mitglieder nicht, sondern ließ ihnen vollkommene Gerechtigkeit widerfahren.“

 

Noch größere Dienste als seinem eigenen Orden leistete der hervorragende Gottesmann der heiligen Kirche, für deren Wohl und Weh er ein empfindendes und großmütiges Herz hatte. Papst Martin V. hatte ein allgemeines Konzil 1431 nach Basel zur Bekämpfung der Hussiten zusammenberufen. Da Niders Kenntnisse und Geschäftsgewandtheit allgemein geschätzt wurden, wurde er dabei zu den hervorragendsten Aufgaben verwendet. Er hielt, wie so viele in damaliger Zeit, eine Kirchenversammlung für unumgänglich notwendig und hoffte von ihr, da sie in Deutschland gehalten wurde, einen großen Segen, besonders für dieses Land. Deshalb war er bemüht, lebendige Teilnahme für das Konzil zu wecken. Zu allen vorbereitenden Beratungen wurde er zugezogen, hielt auch die Predigt bei der feierlichen Eröffnung am 27. Juli im Dom zu Basel und räumte sein Kloster dem Konzil zu einer Beratung ein. Im Auftrag des päpstlichen Legaten predigte Nider das Kreuz gegen die Hussiten, reiste mit dem Zisterzienser Johannes von Gelnhausen zu einigen den Irrlehrern und Anführern benachbarten Fürsten, um sie zur Liebe und Ergebenheit gegenüber der katholischen Kirche zu bestimmen. Am 28. November des erwähnten Jahres trat er diese Gesandtschaft an. Sie war überall vom besten Erfolg begleitet. Auch gelang es seiner Umsicht und Tatkraft, die Böhmen zur Teilnahme am Konzil zu bewegen, ein Erfolg, der allgemein wie ein Sieg gefeiert wurde. Nider nahm an den Beratungen und Unterhandlungen des Konzils mit den Böhmen regen Anteil. Als Gesandter des Konzils war er im Jahr 1434 auch auf dem Reichstag zu Regensburg in Sachen der Wiedervereinigung tätig. So hatte er alle seine Kräfte und Kenntnisse für das Wohl der Kirche aufgewendet. Sein guter und frommer Sinn zeigte sich erst im rechten Licht, als später das Konzil, das seine eigenen Bahnen zu gehen angefangen hatte, vom Papst Eugen IV. aufgelöst wurde. Nider hielt treu zum Papst, nahm nicht mehr Teil an den Beratungen, ließ sogar zuletzt den Mitgliedern des Konzils die Tore des Klosters schließen. Dadurch zog er sich harte Verfolgungen zu, die er standhaft ertrug. Der Nimmermüde begab sich nach Wien, um sein Lehramt wieder zu übernehmen. Die Hochschule wählte zweimal den verdienstvollen Mann zu ihrem Dekan, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, „die Zierde“ der Universität wieder in ihrer Mitte zu haben. Nicht lange sollte der verdienstreiche Mann der Universität angehören. Die fortwährenden Arbeiten, die aufreibenden Anstrengungen der letzten Jahre, die traurigen Erfahrungen und die bitteren Verfolgungen beschleunigten seinen Tod. Nieder verließ Wien, um in Kolmar die reguläre Observanz einzuführen. Hier ereilte ihn der Tod am 13. August 1438. In der Klosterkirche vor dem Hochaltar fanden seine Gebeine einen Ehrenplatz und eine Ruhestätte. Niders hellleuchtende Tugenden, seine Verdienste und seine Wissenschaft wurden von der Mitwelt und Nachwelt anerkannt. Trotz seiner großen Gelehrsamkeit war Nider ein demütiger Ordensmann, der seine heilige Regel treu beobachtete. Ehren und Würden strebte er von sich abzuwenden, dagegen sich schwere und undankbare Arbeiten auszubitten. „Niemals suchte er seine Ehre, sondern beständig mit allen Kräften der heiligen Kirche zu nützen und das Seelenheil des Nächsten zu befördern.“

 

Obgleich Nider während seines nicht sehr langen Lebens mit den verschiedensten und schwierigsten Geschäften, zum Teil sehr wichtiger Natur, betraut war, so hat er dennoch eine stattliche Reihe Schriften hinterlassen – man zählt dreiundzwanzig – unter diesen einige von bedeutendem Umfang. Denn der Diener Gottes benützte treu sein Pfund, alle Talente, die Gottes Güte ihm anvertraut hatte, und geizte mit der Zeit. Sein Ansehen und sein Andenken ist im Orden des heiligen Dominikus, dessen glänzende Zierde er gewesen ist, noch immer groß.

 

Glaubenseinheit in der Kirche, Sittenreinheit und strenge Berufstreue ihrer Glieder sind Güter, die des Lebenskampfes der Edelsten wert sind. Arbeit, Blut und Leben für die Kirche! Wir wissen, was wir an ihrem Credo haben. Nicht Ansichten, nicht Meinungen – nein, Fundamente, Tatsachen, Wahrheiten. Die katholische Kirche allein hat die ganze volle souveräne Wahrheit, aus der alle anderen Wahrheiten sich ergeben, die wir brauchen. Dieser einen Wahrheit der katholischen Kirche gilt auch der große Kampf unserer Tage.

 

Gebet am 13. August

 

Verliere, o Maria, an mir nicht den Namen einer Mutter der Barmherzigkeit, den du bisher getragen hast und mit dem dich die ganze Welt gepriesen hat und noch preist. Ach, verachte mich nicht, du, nach Gott meine größte Hoffnung, sondern um deiner großen Güte willen komm mir zu Hilfe in meiner Not. Amen. 

 

Zu Gott auf die Fürbitte der Heiligen Hippolyt und Kassian

 

O Gott, stärke uns durch die Fürbitte Deiner heiligen Märtyrer Hippolytus und Kassian im Glauben, und lass uns ihn standhaft bis an unser Ende bekennen, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Zu Gott auf die Fürbitte des heiligen Alexander

 

O Gott, der Du den Demütigen Gnade gibst, verleihe uns, auf die Fürbitte Deines heiligen Bischofs Alexander, wahre Herzensdemut, und erhöhe uns einst nach unserer Erniedrigung, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen. 

 

Andacht am 13. August:

 

Das Thema im August:

Von der Heiligung unserer Handlungen

"Alle Dinge hat Er gut gemacht." (Markus 7,37)

 

"Die Gewissenserforschung, die alle tugendhaften Seelen an jedem Abend abzuhalten pflegen, bevor sie zur Ruhe gehen, gewährt große Hilfe, nicht nur seine bösen Neigungen zu überwinden, sondern auch Tugenden zu erlangen und die gewöhnlichen Werke wohl zu vollbringen. Man soll aber dieser Übung nicht deshalb verrichten, damit man die Fehler entdeckt, deren man schuldig wurde, als vielmehr, dass man eine lebendige Reue darüber erweckt, den festen Vorsatz fasst, nicht mehr in sie zurück zu fallen und sich dafür bestraft." (Der gottselige Ludwig von Granada)

Die heidnischen Weltweisen sogar erkannten die Wirksamkeit der Gewissenserforschung. Der heilige Hieronymus erzählt von Phytagoras, dass er unter verschiedenen Lehren, die er seinen Jüngern gab, ihnen besonders ans Herz legte, zweimal des Tages, am Vormittag und am Abend, die drei Fragen an sich zu stellen: "Was habe ich getan? Wie habe ich es getan? Habe ich alles getan, was ich habe tun sollen?"

Alle Lehrer des geistlichen Lebens sprechen ausführlich über die großen Vorteile dieser Erforschung; der heilige Ignatius zog sie sogar dem Gebet vor, und zwar aus dem Grund, weil man durch diese Erforschung die Früchte des Gebetes sich versichert. Er sagte, dass er, wenn er anders einige Fortschritte in der Tugend getan hat, sie der Treue verdankt, mit der er diese Übung durchgeführt hat. 

"Ich erinnere mich nicht," sprach ein heiliger Ordensmann, "dass der böse Geist mich zweimal dahin gebracht hätte, den besagten Fehler wirklich zu begehen." Dies aber kam daher, weil er in seiner Gewissenserforschung einen so großen Abscheu vor seinen Sünden erweckte, dass keine Versuchung, wie heftig sie immer sein mochte, im Stande war, ihn zu einem Rückfall zu bringen. 

 

Mein Gott, täglich will ich mich selbst mit Aufmerksamkeit prüfen, und forschen: ob ich getan habe, was ich habe tun sollen, und ob ich bemüht war, dies wohl zu tun? - Vergib mir barmherzig, wenn ich fehlte, und stehe mit Deiner Gnade mir bei, dass ich mein sündhaftes Leben bessere! Amen.

 

Ein Gedanke heiliger Dominikaner am 13. August

 

"Wir sollen nicht nach unserer Weise fortschreiten,

sondern nach dem Willen Gottes,

indem wir leiden und die Sünde bis zum Tod vermeiden."

 

hl. Katharina von Siena OP

1347 bis 29.4.1380

 

Betrachtung am 13. August - Über die Freiheit des Gerechten

 

Wer selbst sich dient, dient einem bösen Herrn,

Und irrt als Knecht, von jeder Freiheit fern.

Nur wer der Weisheit Fesseln trägt, ist frei,

Ob er ein Herrscher oder Sklave sei.

 

1. "Die Fessel der Weisheit wird dir zum sicheren Schutz, ihre Stricke werden zu goldenen Gewändern," spricht die Schrift. "Ein Goldschmuck ist ihr Joch, ihre Garne sind ein Purpurgewand. Als Prachtgewand kannst du sie anlegen, sie aufsetzen als herrliche Krone." (Jesus Sirach 6,29-31) Nur wer diese Fesseln trägt, ist frei. Wer sie nicht trägt, der trägt Fesseln entweder der Schuld oder der Strafe. Die Fesseln der Weisheit aber sind die heiligen Gebote, die den Menschen von der harten Knechtschaft seiner selbst, von der Sklaverei der Begierlichkeit befreien. Wer dagegen die Fesseln der Begierlichkeit trägt, der ist, wie der Apostel spricht, unter die Sünde verkauft, und tut nicht das Gute, das er will, sondern das Böse, das er hasst. (Römer 7) Es herrscht also der Gerechte, der Sünder aber ist ein Knecht und Leibeigener der Sünde.

 

2. Die Fesseln der Weisheit binden den Gerechten nicht, sondern sie schmücken ihn wie eine goldene Gnadenkette, sie beschweren ihn nicht, sondern sie gereichen ihm zu hoher Ehre. Denn wer aus innerlichem Antrieb der Liebe wirkt, der empfindet die Bürde des heiligen Gesetzes so wenig, dass der Apostel spricht: "bedenkt, dass das Gesetz nicht für den Gerechten bestimmt ist." (1. Timotheus 1,9a), da er frei tun würde, was das Gesetz befiehlt. Dem Sünder dagegen kommt das Gesetz vor wie eine unerträgliche Last, die er auf alle Weise abzuwerfen versucht. Darum spricht der Herr vom Gerechten: "Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe." (Hosea 11,4a) Wohin aber? Allerdings in den Himmel, in die ewige Freude. 

 

3. "Es ergibt sich zuweilen," spricht der Weise, "dass einer aus den Fesseln zum Reich gelangt." Bei Verbrechern, die in Fesseln schmachten, ist dies ein überaus seltener Fall, aber bei jenen, die die Fesseln der Weisheit tragen, geschieht es jeden Tag. Wie weise also ist, wer in diesen seligen Fesseln bleibt, oder sie sich anlegt, wenn er sie noch nicht trägt. Er ist wahrhaft frei, Herr seiner selbst und der Welt, und hat die sichere Anwartschaft auf das ewige Reich. Was sind alle Schätze der Welt gegen diesen seligen Trost. "Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit." (2. Korinther 3,17)

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>> Heiligen-Legende <<

 

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Die heilige Kümmernis

 

Im Mittelalter war St. Kümmernis (auch St. Wilgefort genannt) eine hochverehrte Heilige in Südtirol, zu der die Gläubigen mit allen geistigen und leiblichen Nöten (Kümmernissen) kamen, besonders Liebende nahmen gerne ihre Hilfe in Anspruch.

Legende: St. Kümmernis war die Tochter eines heidnischen Königs von Sizilien. Sie bekehrte sich zum christlichen Glauben. Der Vater wollte sie mit einem heidnischen König verheiraten, doch die Heilige weigerte sich. Darauf ließ der Vater in den Kerker werfen und mit glühenden Zangen peinigen um sie umzustimmen. Doch St. Kümmernis bat Jesus, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie zur Ehe begehre. Jesus erhörte sie und gab ihr das Aussehen eines Mannes. Der Vater, der darob erzürnt war, ließ sie mit einem elenden Rock bekleidet ans Kreuz schlagen. St. Kümmernis lobte Gott und predigte drei Tage lang vom Kreuz das Christentum, so dass sich sogar ihr Vater bekehrte. Zur Sühne baute er eine Kirche und ließ darin das Bild seiner Tochter aufstellen. 

 

Gebet

 

zur heiligen Jungfrau und Martyrin Wilgefort oder Kümmernis

in einem besonderen Anliegen zu sprechen (18. Jahrh.)

 

O du glorwürdige Martyrin und auserwählte Gespons Jesu Christi, heilige Kümmernis! mit großem Vertrauen fliehe ich zu dir, und mit herzlicher Andacht rufe ich dich um deine Hilfe und Fürbitte an. Du weißt und siehst in Gott, in was für einem großen Anliegen ich stecke, und wie mein betrübtes Herz mit so viel Qual und Kümmernis erfüllt ist. Dieses mein großes Herzeleid lege ich vor deinem Kreuze nieder, und bitte, du wollest es mit gnädigen Augen ansehen, und die Betrübnis lindern. Du kannst mich gar leicht von dieser meiner Qual erretten, weil dir dein liebster Bräutigam Jesus Christus keine billige Bitte zu versagen versprochen hat; denn, als du am Kreuz hangend ihn batest, dass er alle Notleidende, die deine Marter ehren, und dich um deine Fürbitte anrufen werden, von ihren innerlichen und äußerlichen Anliegen und Betrübnissen erretten wolle, hat er deine Bitte erhört, und dein Begehren durch eine himmlische Stimme bekräftigt. Eja dann, o liebe heilige Kümmernis! ich bitte dich, durch deine heilige Jungfrauschaft, durch dein heiliges tugendhaftes Leben, und durch deine schmerzliche Annagelung an das Kreuz, erhöre meine demütige Bitte, und tröste mich in meiner großen Betrübnis; ich werde nicht nachlassen zu dir zu seufzen, und dich mit meinem ungestümen Bitten und Begehren zu plagen, bis du dich endlich meiner erbarmst, und mich von meiner Herzens-Betrübnis erledigst. Ich verspreche dir entgegen, dass ich gegen dich allzeit ein dankbares Gemüt tragen, dich lieben und ehren werde. Verlasse mich nur nicht, o meine auserwählte Patronin! sondern sende mir einen Trost, den ich von dir hoffend mich deinem Schutz und Gnade ganz und gar ergebe. Amen.

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Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerdings das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“