Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

 

21. April

 

Der heilige Anselm, Erzbischof, Kirchenlehrer von Canterbury,

+ 21.4.1109 - Fest: 21. April

 

Viele Kinder müssen tagtäglich längere Strecken mit der Bahn oder mit dem Bus in die Schule Fahren. Das ist in doppelter Hinsicht nicht gut. Erstens kostet es Geld und zweitens verlieren die jungen Leute dadurch Zeit und sind auch manchen Gefahren für Leib und Seele ausgesetzt.

 

Etwas Ähnliches und vielleicht noch Schlimmeres gab es bereits im Mittelalter. Da hat mancher Junge schon nach einigen Jahren Schule Schule sein lassen und ist in die Welt gezogen.

 

Ich reise übers grüne Land,

Der Winter ist vergangen.

Hab um den Hals ein gülden Band,

Daran die Laute hangen.

 

Fahrende Scholaren nannte man die Gesellen. Zu zweien oder dreien zogen sie durch Stadt und Dorf, sangen und spielten vor den Häusern und bettelten die Leute an. Jahraus und jahrein trieben sie es so, lernten nichts und verkamen und verdarben nicht selten auf der Landstraße in Not und Schande.

 

Auch der heilige Anselm gehörte in der Jugend dieser losen Gesellschaft an, und dass er nicht ebenso wie andere an Leib und Seele zugrunde ging, verdankt er wohl dem Segen seiner braven Mutter, dem sie ihm vom Sterbebett aus erteilte.

 

Ohne Zweifel stand über den jungen Jahren des großen Mannes ein Unstern. Die Mutter war eine fromme Frau, aber der Vater galt als Holdrio, als ein leichtsinniger Lebemann. Solange die Mutter lebte, war Anselm ein anständiger Junge, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, da trat der Sohn in die Fußstapfen des unguten Vaters, und nur zu bald trieb er es fast noch toller als dieser. Es kam zu Krach und Bruch, und Anselm verließ die Heimat an der Südseite der Alpen und schlug sich als fahrender Scholar durchs Leben.

 

Weh dem, der keine Heimat hat! Manches Leid hat in diesen Jahren den jungen Anselm getroffen, aber es war sein Glück, dass ihn das Andenken an die verstorbene Mutter aufrecht hielt und ihn davor bewahrte, ein schlechter Mensch zu werden. Eine gute Mutter ist für ihre Kinder in der Tat ein Segen noch übers Grab hinaus.

 

Eines Abends kehrte der fahrende Scholar in der Abtei Bec in der Normandie ein mit der Bitte, über Nacht bleiben zu dürfen. Natürlich wurde es ihm gestattet. Da stellte es sich heraus, dass der Prior des Klosters ein Landsmann war. Gern nahm Anselm daher die Einladung an, mehrere Tage zu verweilen, und aus den Tagen wurden Wochen und Monate und Jahre, und es zeigte sich, dass das wilde Ross, das Anselm hieß, in dem Prior einen Bändiger gefunden hatte.

 

Wieder saß Anselm auf der Schulbank und holte mit eisernem Fleiß die Versäumnisse nach. Dann wurde er Mönch, dann Prior, dann Abt und schließlich Erzbischof von Canterbury in England, hochberühmt durch seine gewissenhafte Treue in der Führung des verantwortungsvollen Amtes, hochberühmt auch durch seinen Mannesmut vor Königsthronen zur Wahrung kirchlicher Rechte und hochgerühmt endlich wegen seiner gelehrten Schriften, derentwegen ihn die Kirche später zum Kirchenlehrer erhob und durch die er, wie das Evangelium sagt, zum Salz der Erde und zum Licht der Welt wurde. Am Lebenslauf des heiligen Anselm erkennt man deutlich die Wahrheit des Sprichwortes: „Muttersegen gilt auf allen Wegen.“

 

Der heilige Anselm starb am 21. April 1109.

 

Aus: „Tiere unterm Regenbogen“, von Aloysius Roche, Berlin 1954:

 

St. Anselm, der Barmherzige

 

Ein berühmtes Buch aus der englischen Geschichte sagt von diesem Heiligen, dass er besonders wegen seiner Barmherzigkeit geliebt wurde. Man werde wohl immer von ihm erzählen, dass er einst sogar einen kleinen, gejagten Hasen gerettet habe! Natürlich erzählt dieses Buch auch noch sehr viel anderes, was Anselm außerdem war und tat; aber es gibt ein Sprichwort, das sagt: ein Strohhalm zeigt die Richtung, in der die Strömung fließt. Und wirklich wissen wir, dass der Leitfaden zum Charakter eines Menschen nicht so sehr in seinen großen Taten gesucht werden muss, als vielmehr in seiner gewöhnlichen Alltagsart und in hundert kleinen Dingen.

 

Anselm bewies, dass er ein besonders gutes Herz hatte, wie er auch einen sehr guten Kopf besaß – wenn man beides von einem Menschen weiß, hat man schon etwas Positives!

 

Einer seiner Hauptgrundsätze war folgender: „Zucker hat noch keine gute Soße verdorben, aber Essig und Salz schon oft!“ Ein anderer: „Gott wird dem Barmherzigen wiederum Barmherzigkeit erzeigen und Mitleid dem, der selbst Mitleid hat.“

 

Er war ein Mensch, der an die Notwendigkeit der Freiheit glaubte, wie jeder weiß, der sein Leben kennt. Zurzeit, als er Erzbischof von Canterbury war, kämpfte er einen ausdauernden Kampf gegen die Bedrückung, die der König ausübte. Obwohl er vor über 800 Jahren lebte, hatte er manche ganz modernen Ansichten, zum Beispiel verwarf er aufs heftigste den Sklavenhandel. Diejenigen, denen diese Sklaverei um ihres eigenen Vorteils willen überaus praktisch und bequem vorkam, nahmen Anstoß an seiner Ansicht, er aber prangerte sie tüchtig an. Damals meinten wohl die meisten Leute, die Sklaverei habe, wenngleich sie an sich wohl ein Unglück sei, doch auch manche gute Seite – aber er fand es empörend, dass irgendeinem Menschen die Freiheit mit Gewalt genommen werden könnte, einfach auf Grund eines eingewurzelten Missbrauchs.

 

Er glaubte auch an die Notwendigkeit der Freiheit für die Jugend, besonders für die Studierenden. Zu seiner Zeit begann man erneut, die Gelehrsamkeit und Bildung sehr hoch zu schätzen, und man erwartete von denen, die sie zu ihrem Lebensberuf machten, dass sie sehr hart arbeiteten. Zu hart, meinte St. Anselm. Einem seiner Freunde, der selber Lehrer war, schrieb er öfters in dieser Art: „Nie wird dir ein Baum so recht kräftig wachsen, wenn du ihn einsperrst und dicht einschnürst. Die Zweige müssen ja Raum zur Ausdehnung haben und sich ausbreiten. Wie könnt ihr meinen, dass eure Schüler es zu etwas bringen sollen, wenn ihr sie mit allen möglichen Beschränkungen förmlich zurückbindet? ,Nur Arbeit und kein Spiel macht aus dem Jungen einen Dummkopf’ ist auch ein Sprichwort.“

 

Es bekümmerte ihn auch, wenn er ein Tier ohne Grund gefangen sah. Er wurde zornig, als er eines Tages einen Jungen fand, der einen Vogel als Spielzeug benutzte. Eine Schnur war an des Vogels Füßchen befestigt, als wäre er ein kleiner Papierdrache. Im Augenblick schnitt Anselm den Faden durch, „woraufhin“, erzählt der Mönch von Canterbury, der sein Leben beschrieben hat, „der Vogel flog, der Junge heulte, der Heilige lachte!“

 

Als er eines Tages zu seinem Landhaus ritt, lief ein gejagter Hase unter seinem Pferd her und hielt sich ganz schlau immer im gleichen Tempo, in der Hoffnung, so vor den Hunden geschützt zu sein. Und er irrte sich nicht; obwohl die Hunde einen Mordsspektakel machten, bellten und schnappten, riskierten sie doch nicht, den Pferdehufen zu nah’ zu kommen. Einige von Anselms wohlehrwürdigen Begleitern fanden die Sache recht komisch, aber er konnte keinen Scherz darin sehen, er hielt Qual und Tod für schwere Dinge, auch wenn es sich „nur“ um einen Hasen handelte. Und so wies er die Herren zurecht und erlaubte nicht, dass jemand das geängstigte Tier noch weiter hetzte, verbot auch den Hunden mit lauter Stimme, ihm etwas anzutun. Er ließ die Jäger zurück und lenkte sein Pferd sorgsam den Weg entlang, bis er dichtes Gebüsch erreichte. Dort hielt er an und ermunterte den Hasen, sich in Sicherheit zu bringen. Der ließ sich das nicht zweimal sagen und – mit einem großen Satz verschwand er in den Büschen.

 

Natürlich gab es Leute, die über so etwas ihre klugen Köpfe schüttelten. Aber kein Geringerer als der heilige Franz von Sales hat diese Haltung verteidigt. Er erlebte einmal, dass in einem Obstgarten ein Rehbock gejagt wurde, wo er sich zufällig aufhielt. Sein Biograph berichtet, dass er „ernstlich bat, man möchte doch diese Hatz aufgeben – genauso nachdrücklich, als hätte er für einen Verbrecher Fürbitte tun wollen“. Und als sich Menschen fanden, die ihm vorwarfen, er sei zu weich, ja sentimental, da erzählte der Heilige, wie dereinst Anselm das Leben des armen Hasen gerettet hatte.

 

Der heilige Bruder Konrad von Parzham, Kapuziner,

+ 21.4.1894 – Fest: 21. April

 

Gibt es in unserer modernen Zeit noch Heilige? Vermag unser Land Heilige hervorbringen? Ja, nämlich neben anderen den heiligen Bruder Konrad, der 1930 von Papst Pius XI. selig- und am 20.5.1934 heiliggesprochen wurde. Gottes Fügung hat diese Leuchte der christlichen Tugendhaftigkeit an einen Platz gestellt, wo möglichst viele Seelen in und außerhalb des Klosters von der Heiligkeit gewinnen konnten – an die Pforte des Kapuzinerklosters St. Anna im großen Marien-Wallfahrtsort Altötting. Unsere Zeit mit ihren Forderungen hat dort die herrliche Basilika „Neu St. Anna“ gebaut. Zu den Wohltätern des „Bauherrn und Baubettlers“ der Basilika zählt nicht zuletzt der heilige Pförtner des Klosters, dessen irdische Überreste neben der Basilika ruhen, auf dessen Anrufung in den Geldverlegenheiten und sonstigen Schwierigkeiten des Baues oft wunderbare Hilfe wurde.

 

Wer ist nun dieser „moderne deutsche Heilige“? Der Heilige, Kapuzinerbruder Konrad von Parzham, während einundvierzig Jahren Pförtner im Kapuzinerkloster St. Anna zu Altötting, ein Musterbild aller christlichen und klösterlichen Tugenden und Apostel des guten Beispiels.

 

Auf dem sogenannten Venushof in Parzham, Pfarrei Wenig, Diözese Passau, verbrachte Johann Ev. Birndorfer seine Jugendzeit bis zum 30. Lebensjahr in einem stillen, verborgenen Leben. In diesem großen, wohlhabenden Bauernhof herrschte noch der alte streng-christliche Geist, die christliche Hausordnung und tiefer religiöser Sinn. Hier, in diesem Nazarethheim, wuchs der Junge auf in Gebet und Arbeit, Lerneifer und Gehorsam und Unschuld. Wohl hätte er gerne seine Tugendhaftigkeit unter demütiger Unauffälligkeit verborgen, allein der kritische Blick seiner Umgebung hatte bald den „Ausnahmemenschen“ entdeckt, und man nannte ihn allgemein den „Engel“. Alle frommen Vereine und Bruderschaften der Umgebung zählten den frommen, angesehenen jungen Mann zu ihren eifrigsten Mitgliedern. Als Laienapostel ging er selbst voran durch sein ausgezeichnetes Beispiel, so durch den Eintritt in den Dritten Orden des heiligen Franziskus und in die berühmte Marianische Männerkongregation in Altötting. Der heilige Franziskus und die liebe Gnadenmutter in Altötting hatten diese Seele zu Höherem auserwählt; ein Klosterleben in der Welt führte der idealgesinnte junge Mann; beständig in Gebet und Sammlung und Stillschweigen auch während der Arbeit; in den freien Stunden eingeschlossen in seine Klosterzelle mit dem Hausaltärchen im Venushof oder bei Anbetung oder Sakramentenempfang in der Kirche. Immer gleichmäßig heiter und ernst, dienstwillig und opferfreudig, nur in heiliger Entrüstung glühend bei Beleidigungen Gottes und Gesinnungsschlechtigkeit.

 

Im 30. Lebensjahr erging an ihn wie einst an den reichen Jüngling im Evangelium der Gnadenruf zu engerer Nachfolge Jesu Christi und zur Befolgung der evangelischen Räte. Es kostete den innerlich gereiften jungen Mann kein sonderlich großes Opfer, auf das reiche, väterliche Erbgut zu verzichten und das raue Bußkleid der Kapuziner anzulegen unter dem Namen „Bruder Konrad“. Nach kurzem Aufenthalt in Burghausen und Laufen kam Bruder Konrad in sein liebes Muttergottesparadies nach Altötting zurück, um da über vierzig Jahre den schweren Dienst als Pförtner mit aller Liebe, Klugheit und Geduld zu versehen und seine Selbstheiligung zu wirken.

 

Der Heilige verstand in ausnehmender Weise das Geheimnis der Tugendübung, in und durch getreue Erfüllung seiner Ordens- und Berufspflichten zu hohem Grad der Vollkommenheit emporzusteigen. Vergeblich wird man in seinem Leben allzu viel Außerordentliches und Außergewöhnliches suchen; das Gewöhnliche mit außergewöhnlichem Eifer, das war Bruder Konrads heilige Kunst, und auf die Dauer durchgeführt, erfordert sie heldenmütige Selbstüberwindung. Chor, Zelle und Pforte waren die Übungsplätze seiner übermenschlichen Liebe und Sanftmut und Geduld, seiner Klugheit, seines Opfersinnes und Gebetseifers. Tag und Nacht war Bruder Konrad mit mündlichem oder betrachtendem Gebet beschäftigt; unter seinen aufregenden und zerstreuenden Arbeiten blieb er innerlich gesammelt; ein Blick auf das Kreuz, das nach seinen eigenen Worten ihm ein Buch sei, aus dem er Geduld Demut, Geistessammlung und übernatürliche, christliche Weltauffassung lerne, gab ihm immer wieder Leidensmut und Kraft zur Selbstaufopferung im Dienst der Mitmenschen, besonders der Armen und Kranken. Je weniger der aufwärts gerichtete Sinn des frommen Bruders sich um die Neuigkeiten aus der Welt bekümmerte, umso mehr Blicke durfte er tun in die Überwelt. Wer zu ihm kam, musste seine Seele und sein Gewissen gut in Ordnung haben, denn der greise Kapuzinerbruder sah wohl die Geheimnisse der Herzen und trieb manchen mit ernstem Blick zur Bekehrung oder schaute das Zukünftige wie das Gegenwärtige.

 

Über siebzig Jahre war der greise Bruder Pförtner alt und tat immer noch in gleicher Ruhe und Heiterkeit und Liebe seinen schweren Dienst. Da nahte sich im als Freund und Erlöser „Bruder Tod“ und schloss ihm nach kurzer Krankheit im Jahr 1894 die Himmelstür auf – und seitdem hat der heilige Bruder Konrad durch mancherlei wunderbare Hilfe sein früheres Amt als Helfer der Bedrängten in allen zeitlichen und geistlichen Anliegen getreulich fortgeführt, Gott zur Ehre und den Seelen zum Heil.

 

Gott sei Dank, dass es auch in unserer modernen Zeit noch viele Heilige gibt auf der Welt, meist solche Seelen, die von ihrer Tugendgröße am wenigsten selbst eine Ahnung haben. Nicht Wunderwerke und weltümstürzende Großtaten verlangt Gott von uns, nicht in Absonderlichkeiten und Extravaganzen besteht die Vollkommenheit, sondern in ganzer Hingabe an Gott und Abkehr von der sündhaften Anhänglichkeit an die Geschöpfe, in getreuer Erfüllung der Christen- und Berufspflichten, in hochherziger Nachfolge Jesu Christi und Gleichförmigkeit mit dem heiligen Willen Gottes. Von der heiligen Katharina von Siena heißt es: Sie war wie auch die anderen und doch war sie wieder mehr wie die anderen, durch ihr reines opferfreudiges Innenleben der Heiligkeit.

 

Gebet am 21. April

 

Heiliger Anselm, erbitte mir von Gott die Gnade, dass ich in all meinem Handeln und Streben nur die Ehre Gottes suche und aushalte in der Erfüllung meiner Pflichten bis an das selige Ende. Amen. 

 

Gebet des heiligen Anselm

 

Dreieiniger, Einer, allmächtiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, sei du mit mir, und stoße nicht vom Schoß deiner Liebe zurück den Elenden, den gebrechlichen Sünder, den Unwürdigen. Du willst ja nicht den Tod des Sünders, sondern seine Rettung.

Sieh meine Sünden und Unreinheiten und all das Schändliche in meinen Gedanken nicht an; ach, welche fürchterliche Trennung von deinem Willen verursachen sie! O gieße dein Erbarmen über mich aus! Lass nicht zu, dass meine Feinde in der Hölle, wo dir kein Lobgesang ertönt, über meinen Untergang jubeln, sondern nimm die Last meiner Missetaten, die mich zu Boden drückt, erbarmend von mir, und tilge meine Befleckung von allen Arten der Sünde. 

Sei meine Kraft in jeder Trübsal, in jedem Anliegen, in jeder Versuchung, in jeder Schwäche und in jeder Gefahr. Du hast mich, ohne meine Verdienste, nur aus Erbarmen, an deinen Sakramenten teilnehmen lassen. Mache mich nun auch bis zur Stunde, in der ich zu dir hinüberwandern werde, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe standhaft, und führe mich zu den ewigen Freuden.

Gib mir Fleiß, dich zu suchen; Weisheit, dich zu finden; Geist, dich zu erkennen; gib mir ein Auge, das dich sieht, ein Leben, das dir gefällt; gib mir ein vollkommenes Ende; gib mir eine ewige Belohnung! Amen.

 

Zu Gott

 

Gott, Schöpfer und Lenker des Zeitlichen und Ewigen, verleihe deiner Kirche und ihren Dienern, solange sie in der Zeitlichkeit wirken müssen, alle erforderliche Unterstützung, damit sie, desto ungehinderter den ewigen Gütern nachstrebend, deine Ehre und das Heil der Seelen kraftvoll befördern, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen. 

 

Andenken an die seligste Jungfrau

 

Die Andacht des heiligen Anselm zu Maria ersieht man aus seinen Schriften. 

Zu Valenciennes wurde ein von Mailand im Jahr 1480 dahin überbrachtes Mutter-Gottes-Bild sogleich durch ein Wunder berühmt, da am heutigen Tag einer Frau, namens Maria le Brun, die Füße zum Gehen augenblicklich hergestellt worden sind.

 

Andacht am 21. April:

 

Das Thema im April:

Von der Geduld

"Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig." (Matthäus 10,38)

 

"Derjenige hat keine wahre Geduld, der nur leiden will, wie viel ihm beliebt, und von wem es ihm beliebt. Der wahrhaft Geduldige betrachtet weder die Länge seiner Leiden, noch ihre Art, noch auch von wem sie ihm widerfahren." Der gottselige Thomas von Kempen)

Eine tugendhafte Matrone, der es ernst war, an ihrer Heiligung zu wirken, bat einst den heiligen Chrysostomus, ihr zu raten, was sie dafür tun sollte. Der Heilige riet ihr unter mehreren anderen Dingen, eine kranke Person zu sich ins Haus zu nehmen, sie Christi wegen zu pflegen und mit Geduld zu ertragen, was sie in dieser Übung der Nächstenliebe zu leiden hätte. Da sie also diesen Vorschlag annahm, wies er ihr eine arme Witwe zu, an der die Matrone Mutterstelle vertrat. Diese Witwe jedoch, die sehr fromm war und ein dankbares Herz hatte, dankte ihrer gütigen Herrin unablässig, die nur betrübt war, dass sie nichts von ihr zu leiden hatte. Sie beklagte sich deshalb bei dem heiligen Bischof. Er aber sprach: "Ich werde Euch eine andere senden, die Eure Geduld zur Genüge üben soll." Dies aber war eine alte, verdrießliche, undankbare Frau, der nichts genügte, was immer man für sie tun mochte, die alles mit Ungestüm forderte, mit nichts zufrieden war, und nicht selten sogar die Dienste ihrer Wohltäterin mit Hohn und Schmähworten vergalt. Die Matrone ertrug alle diese Beleidigungen mit heldenmütiger Geduld; und als sie mit dem heiligen Bischof zusammentraf, dankte sie ihm und sprach: "Diese Frau verschafft mir wirklich was ich brauche!"

 

Bereit bin ich, Herr, zu leiden, wann Du willst, was Du willst und von wem Du immer willst. Wäre aber mein Wille nicht hierzu geneigt, so neige ihn barmherzig dazu, und erhalte ihn getreu in dieser Bereitwilligkeit! Amen.

 

Die heilige Kümmernis

 

Im Mittelalter war St. Kümmernis (auch St. Wilgefort genannt) eine hochverehrte Heilige in Südtirol, zu der die Gläubigen mit allen geistigen und leiblichen Nöten (Kümmernissen) kamen, besonders Liebende nahmen gerne ihre Hilfe in Anspruch.

Legende: St. Kümmernis war die Tochter eines heidnischen Königs von Sizilien. Sie bekehrte sich zum christlichen Glauben. Der Vater wollte sie mit einem heidnischen König verheiraten, doch die Heilige weigerte sich. Darauf ließ der Vater in den Kerker werfen und mit glühenden Zangen peinigen um sie umzustimmen. Doch St. Kümmernis bat Jesus, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie zur Ehe begehre. Jesus erhörte sie und gab ihr das Aussehen eines Mannes. Der Vater, der darob erzürnt war, ließ sie mit einem elenden Rock bekleidet ans Kreuz schlagen. St. Kümmernis lobte Gott und predigte drei Tage lang vom Kreuz das Christentum, so dass sich sogar ihr Vater bekehrte. Zur Sühne baute er eine Kirche und ließ darin das Bild seiner Tochter aufstellen. 

 

Gebet

 

zur heiligen Jungfrau und Martyrin Wilgefort oder Kümmernis

in einem besonderen Anliegen zu sprechen (18. Jahrh.)

 

O du glorwürdige Martyrin und auserwählte Gespons Jesu Christi, heilige Kümmernis! mit großem Vertrauen fliehe ich zu dir, und mit herzlicher Andacht rufe ich dich um deine Hilfe und Fürbitte an. Du weißt und siehst in Gott, in was für einem großen Anliegen ich stecke, und wie mein betrübtes Herz mit so viel Qual und Kümmernis erfüllt ist. Dieses mein großes Herzeleid lege ich vor deinem Kreuze nieder, und bitte, du wollest es mit gnädigen Augen ansehen, und die Betrübnis lindern. Du kannst mich gar leicht von dieser meiner Qual erretten, weil dir dein liebster Bräutigam Jesus Christus keine billige Bitte zu versagen versprochen hat; denn, als du am Kreuz hangend ihn batest, dass er alle Notleidende, die deine Marter ehren, und dich um deine Fürbitte anrufen werden, von ihren innerlichen und äußerlichen Anliegen und Betrübnissen erretten wolle, hat er deine Bitte erhört, und dein Begehren durch eine himmlische Stimme bekräftigt. Eja dann, o liebe heilige Kümmernis! ich bitte dich, durch deine heilige Jungfrauschaft, durch dein heiliges tugendhaftes Leben, und durch deine schmerzliche Annagelung an das Kreuz, erhöre meine demütige Bitte, und tröste mich in meiner großen Betrübnis; ich werde nicht nachlassen zu dir zu seufzen, und dich mit meinem ungestümen Bitten und Begehren zu plagen, bis du dich endlich meiner erbarmst, und mich von meiner Herzens-Betrübnis erledigst. Ich verspreche dir entgegen, dass ich gegen dich allzeit ein dankbares Gemüt tragen, dich lieben und ehren werde. Verlasse mich nur nicht, o meine auserwählte Patronin! sondern sende mir einen Trost, den ich von dir hoffend mich deinem Schutz und Gnade ganz und gar ergebe. Amen.

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Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerdings das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“