Heilige des Tages

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

22. September

 

Der heilige Phokas, Gärtner und Martyrer von Synope,

+ 284-305 - Fest: 22. September

 

Eine glaubwürdige Nachricht von dem Martertod des heiligen Phokas findet sich in der Lobrede, die Osterius, der als Bischof von Amasea in Pontus am Ende des fünften und des sechsten Jahrhunderts lebte, auf diesen Martyrer gehalten hat.

 

Phokas, ein gottesfürchtiger Christ, lebte zu Sinope in Pontus. Er hatte einen Garten vor dem Tor der Stadt, den er mit großer Sorgfalt bebaute und von dem er durch seine Arbeit so viel erwarb, dass er seinen sparsamen Unterhalt davon haben und überdies noch den Armen wohltätige Unterstützung geben konnte. Sein kleines Haus stand allen offen, die in ihm Herberge nehmen wollten. Gott belohnte die Mildtätigkeit seines Dieners mit der Gnade des Martyriums. Er wurde, nachdem er sich viele Jahre hindurch, mitten unter einem abgöttischen und lasterhaften Volk, als ein zweiter Lot, gerecht erwiesen hatte, und nie eine Gelegenheit, die Werke der Liebe zu tun, versäumt hatte, sein Blut und sein Leben für Jesus Christus hinzugeben gewürdigt.

 

Während einer heftigen Verfolgung der Christen wurde er dem Statthalter als Bekenner Jesu angezeigt. Dieses vermeintliche Verbrechen wurde darum für hinlänglich erwiesen angesehen, weil es stadtbekannt war, und man glaubte deswegen, eine förmliche Untersuchung oder gerichtliche Verhandlung übergehen zu dürfen. Der Mann war in den Augen des stolzen Statthalters vielleicht zu gering, als dass es ihm der Mühe wert war, viele Untersuchungen angesichts seiner Verurteilung zu machen. Phokas war Christ und dieses war genug, ihn zum Tode zu verurteilen. Er war ein einfacher, ungeachteter Mann, und das reichte hin, das Urteil auf dem kürzesten Weg an ihm vollstrecken zu lassen. Es wurden daher Schergen losgeschickt, die ihn aufsuchen und sogleich töten sollten. Die Schergen suchten außerhalb der Stadt nach ihm, konnten ihn aber nicht auffinden. Weil sie nicht unverrichteter Dinge zurückkehren wollten, so traten sie in das nächste aus, ohne zu wissen, dass es das Haus des christlichen Mannes war. Phokas war eben mit seinen Blumen beschäftigt und sang sein Gartenlied:

 

Das Gartenlied des heiligen Phokas

 

Die Schergen näherten sich dem Gärtner in der Absicht, ihn nach dem Wohnort und der Person des Phokas zu befragen. Phokas nahm sie, wie er es bei allen Fremden zu tun gewohnt war, sehr liebevoll auf, und bewirtete sie so gut er es vermochte. Während der Mahlzeit befragte er sie nach ihren Absichten und sie erklärten ihm, nachdem sie sich das Versprechen strenger Verschwiegenheit von ihm hatten geben lassen, dass sie einen Christen, Phokas mit Namen, suchten, um ihn nach dem Befehl der Obrigkeit zu töten. Phokas war darüber so wenig betroffen, dass er sich vielmehr der nahen Marterkrone in seinem Herzen innigst freute. Er sagte zu den Schergen, dass er den, den sie suchten, sehr gut kenne und ihnen am folgenden Morgen sichere Auskunft über dessen Aufenthaltsort geben wolle. Die Schergen ließen sich, als sie dieses vernommen hatten, gerne bereden, bei ihm zu übernachten. Der Diener Gottes machte, nachdem sich seine Gäste zur Ruhe begeben hatten, sein Grab und bereitete sich auf den Tod vor. Als es Tag geworden war, sprach er zu den Schergen: „Phokas hat sich gefunden und ihr könnt ihn verhaften, wann immer ihr wollt.“ Hierüber sehr erfreut, fragten sie wo er sei? „Er ist nicht weit von hier,“ antwortete er. „Er steht vor euch. Ich selbst bin der, den ihr sucht. Tut, was euch befohlen ist!“ Erstaunt standen die Schergen da und konnten sich lange nicht entschließen, einem Mann das Leben zu nehmen, der sie so liebevoll aufgenommen und so gut bewirtet hatte. Die freudige Bereitwilligkeit, die Phokas zeigte, den Todesstreich zu empfangen, machte ihnen schließlich Mut, den Befehl zu vollziehen. Sie enthaupteten ihn, wahrscheinlich bei dem Grab, das er sich vorher gemacht hatte und in welches sie seine Leiche einsenkten. Über seinem Grab wurde in der Folge eine herrliche Kirche gebaut.

 

Auch der Handwerksmann, ja selbst der Arme kann Barmherzigkeit ausüben, wenn er Liebe im Herzen hat. Kann man die Notleidenden auch nicht mit Gaben unterstützen, so kann man ihnen doch dienen, ihnen helfen und sie trösten.

 

Schon zur Zeit des Bischofs Asterius wurde der heilige Phokas von den Schiffleuten, die den Pontus Euxinus, das ägoische und adriatische Meer befuhren, als vorzüglicher Patron verehrt. Es lässt sich mit Gewissheit nicht sagen, in welcher Christenverfolgung der heilige Phokas den Martertod gelitten hat, wahrscheinlich war es die dioklezianische.

 

Der heilige Emmeram, Bischof von Regensburg und Märtyrer,

+ 652 – Fest: 22. September

 

Schon frühzeitig waren einige Lichtstrahlen des Evangeliums nach Bayern gedrungen, denn unter den römischen Soldaten und Beamten, die das Land besetzt hielten, gab es viele Christen, von denen manche Einwohner Bayerns den christlichen Glauben annahmen. Severin, der Apostel Österreichs, verbreitete auch in Bayern das Christentum, Eustasius und Agilus durchwanderten predigend das Bayernland. Garibald, der erste bekannte Herzog von Bayern, war bereits ein Christ. Seine Tochter Theodolinde führte ihren Gemahl Agilulph, König der Langobarden, von der arianischen Irrlehre zum wahren Glauben zurück. Der heilige Rupert besonders begründete das Christentum unter dem bayerischen Volk, indes hingen noch viele dem heidnischen Aberglauben an. Zudem drangen öfters die heidnischen Avaren in das Land ein und verwüsteten, was die Christen aufgebaut hatten.

 

Zur der Zeit, als Herzog Theodo I. Bayern beherrschte, kam der heilige Emmeram nach Regensburg, der damaligen Residenz. Er war einer vornehmen Familie zu Poitiers in Frankreich entsprossen und wegen seiner Wissenschaft, Frömmigkeit und seines Glaubenseifers zum Bischof ohne Sitz erwählt. Man nannte ihn wegen seiner Wohltätigkeit den Vater der Armen, Witwen und Waisen, und verglich seine glühende Beredsamkeit mit einem erquickenden Regen auf die dürstende Au. Als er hörte, dass die wilden Ungarn noch in Abgöttereien lebten, verließ er sein Vaterland und seine teuren Angehörigen, um den fremden Völkern das Evangelium zu verkündigen. Sein Weg führte ihn durch Bayern. Zwei Priester, Vitalis und Wolflet, begleiteten ihn.

 

Sobald Herzog Theodo die Ankunft des Heiligen erfuhr, ließ er ihn zu sich einladen, empfing ihn aufs freundlichste in seiner Hofburg und beredete ihn, nicht zu den kriegerischen Hunnen zu gehen, sondern in seinem Land zu bleiben, wo sich ihm ein weites Feld der Wirksamkeit eröffnete, indem die Bewohner des Landes zwar Christen dem Namen nach waren, aber in der Tat noch vielfach der heidnischen Abgötterei ergeben waren. Emmeram ließ sich bewegen zu bleiben. Mit unermüdlichem Eifer arbeitete er im Weinberg des Herrn, belehrte die Unwissenden, stärkte die Schwachen, unterstützte die Armen, tröstete die Betrübten, besuchte die Kranken, zog segenspendend von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und verbreitete überall das Licht der Wahrheit und die Schönheit der Tugenden. Unzählige Heiden ließen sich taufen, die Götzenaltäre fielen und auf ihren Trümmern erhoben sich Kirchen zum Dienst des dreieinigen Gottes.

 

Nach drei Jahren unausgesetzter apostolischer Arbeit sehnte sich Emmeram nach Rom, um an den Gräbern der Apostelfürsten neue Kraft zu erbitten und den Vater der Christenheit über wichtige Angelegenheiten um Rat zu fragen. Mit Erlaubnis des Herzogs reiste er ab, ohne zu ahnen, dass ihm der Martertod nahe bevorstand. Eine Tochter des Herzogs, die Prinzessin Uta, war von einem jungen Edelmann um ihre Ehre und Unschuld betrogen worden. In ihrer Angst vor dem strengen Vater und um sich und ihrem Verführer das Leben zu retten, kam sie auf den unseligen Gedanken, den Bischof Emmeram als Täter anzugeben. Sie dachte, die unerwartete Abreise Emmerams werde ihrer Lüge einen Schein von Wahrheit geben. Auch glaubte sie, er sei schon über die Grenzen des Landes und habe deshalb von der Rache ihres Vaters nichts zu fürchten. Sie hoffte auf diese Weise ihren geliebten Verführer von aller Entdeckung und Strafe frei zu halten und selbst um des hochverehrten Lehrers willen Gnade zu finden.

 

Wie sehr sich der Vater Theodo über die große Schmach seiner Tochter entsetzte, lässt sich begreifen, indes glaubte er ihrer Aussage nicht. Prinz Landpert dagegen, Utas Bruder, machte sich mit mehreren Kriegern wutschnaubend auf den Weg, um den vermeinten Verbrecher einzuholen und zu züchtigen. Emmeram war nicht so schnell gereist, als Uta gedacht hatte. Lehrend, tröstend, helfend ging er von Dorf zu Dorf. Eben befand er sich zu Helfendorf unweit von München, kehrte mit seinen beiden Begleitern Vitalis und Wolflet in einem Bauernhaus ein und betete mit ihnen vor einem Kruzifix die priesterlichen Tagzeiten, als Landpert wütend hereinstürzte, mit einem Stock dem frommen Bischof einen heftigen Schlag auf die Brust versetzte und ihn mit den abscheulichsten Schimpfworten überschüttete. Emmeram beteuerte seine Unschuld und bat, die Sache zu untersuchen. Allein der wutschäumende Prinz ließ ihn nicht weiter reden, sondern befahl seinen Kriegsknechten, ihm ein Glied nach dem anderen abzuhauen und so langsam zu Tode zu martern. Sogleich rissen ihm die Krieger die Kleider vom Leib, banden ihn auf eine Leiter und schnitten ihm mit der größten Grausamkeit und Schamlosigkeit nach und nach alle Glieder ab. Der Heilige erduldete die furchtbaren Qualen mit stiller Ergebung, blickte zum Himmel und betete: „O Herr, Jesus Christus, der du deine Arme am Kreuz ausgestreckt und mit deinem Blut uns Menschen erlöst hast, ich danke dir, dass ich nicht wegen des Verbrechens, dessen sie mich fälschlich beschuldigen, sondern aus Liebe zu dir mein Blut vergießen kann.“ Zwei Kriegsmänner erblassten und traten scheu zurück, die drei anderen aber, rohe Heiden, rissen dem Märtyrer, als nur noch der Rumpf übrig war, zuletzt noch die Augen aus.

 

Die Reisegefährten Emmerams waren entsetzt beim Anblick der grauenvollen Marter entflohen. Auf ihr Jammergeschrei eilten einige mitleidige Landleute herbei, sammelten die umhergestreuten Glieder und verbargen sie in einem hohlen Baum. Da erschienen zwei hellglänzende Ritter, nahmen die im Baum verborgenen Glieder an sich und verschwanden damit. Die herbeigeeilten Landleute luden den verstümmelten Leib auf einen Wagen, um ihn in der Kirche zu Aschheim zu begraben, weil sich in Helfendorf damals noch keine Kirche befand. Eine große Menge Volkes begleitete den Wagen unter Gebet und Tränen. Unterwegs fing Emmeram noch einmal zu seufzen an. Seine Begleiter nahmen ihn deshalb von dem unbequemen Wagen und legten ihn auf den grünen Rasen. Hier verschied er, während heller Glanz ihn umleuchtete, am 22. September 652.

 

Genau an dieser Stelle wurde der Heilige auch begraben. Später baute man über seinem Grab eine Kirche und unzählige Kranke erhielten dort auf die Fürbitte des Heiligen ihre Gesundheit, Blinde ihr Augenlicht, Lahme gerade Glieder.

 

Die Nachricht von dem grausigen Martertod Emmerams erfüllte das ganze Land mit Schauern und Entsetzen. Alle Christen trauerten über den Verlust eines solchen Mannes, selbst die Heiden waren entrüstet, dass man ihn ohne Untersuchung und Urteilsspruch so grausam gemordet habe. Die Prinzessin Uta erkannte jetzt die schrecklichen Folgen ihrer Verleumdung und offenbarte händeringendund wehklagend dem erschütterten Vater, dass der Bischof Emmeram ganz unschuldig sei. Da sie wusste, dass ihr Verführer Siegebald entflohen sei, so nannte sie seinen Namen. Der Herzog Theodo war über die Schmach seiner Tochter und die Gräueltat seines Sohnes sehr bestürzt. Utas verhängnisvolle Lüge betrübte ihn noch mehr, als ihr Fall. Er schickte sie nach Italien in ein Kloster, um dort für ihre Sünden zu büßen, und der nagende Wurm des Gewissens quälte sie peinlicher, als alle Henkersknechte es vermocht hätten. Den Prinzen Landpert erklärte er aller Güter und der Erbfolge verlustig und schickte ihn nach Ungarn, wo er im Krieg gegen die Hunnen und Avaren den Tod fand.

 

Herzog Theodo hielt es für seine heilige Pflicht, die Unschuld des schwer verleumdeten Bischofs vor dem ganzen Volk zu bezeugen. Er ließ schon nach vierzig Tagen den heiligen Leichnam heben und von Aschheim nach Regensburg bringen. Mit seinem ganzen Hofstaat ging er der Leiche entgegen und ließ sie in der St. Georgskapelle begraben, die in einem Wäldchen bei Regensburg stand, wo Emmeram viele Stunden im Gebet zugebracht hatte. Darauf ließ er zur Sühne des begangenen Frevels ein prächtiges Kloster erbauen und mit reichen Einkünften versehen. In der Folge vergrößerte sich die Stadt und schloss das Kloster in seine Mauern ein. Noch heute ruhen die Reliquien des heiligen Emmeram in einem silbernen Sarg unter dem Hochaltar dieses weltberühmten Stiftes, hochverehrt vom gläubigen Volk.

 

Der heilige Mauritius und seine Gefährten,

Soldaten und Märtyrer von Sitten, Schweiz,

+ 22.9.287 – Fest: 22. September

 

Im Jahr 287 zog der abendländische Kaiser Maximian mit einem großen Heer über die Alpen, um einen Aufstand der Gallier zu unterdrücken und die Christen zu verfolgen. In seinem Heer befand sich eine Legion (6666 Mann), die aus der Thebais in Oberägypten rekrutiert worden war. Diese Legion bestand ganz aus christlichen Soldaten, Mauritius war ihr Oberbefehlshaber, Exsuperantius der Oberaufseher des Lagers, Candidus Major. Bei Martinach an der Rhone ließ Maximian seine Kriegsheere von den Strapazen des Marsches in den unwegsamen Gebirgen ausruhen. Bevor er weiter zog, befahl er, dass das ganze Heer den Göttern opfere, um von ihnen einen glücklichen Ausgang des Feldzugs zu erflehen. Zugleich wurde bekannt gemacht, jeder Soldat habe sich eidlich zu verpflichten, dass er alle seine Kräfte aufbieten wolle, die Christen in Gallien zu vernichten. Da sich die Christen nicht am heidnischen Opfer beteiligen konnten, zog Mauritius mit seiner Legion drei Stunden weiter im Tal hinauf bis Agaunum, dem heutigen St. Mauritz. Auch im Krieg waren sie des göttlichen Wortes eingedenk: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.“ Sobald der Kaiser von der Weigerung hörte, geriet er in den heftigsten Zorn und gab den Befehl, je den zehnten Mann jener Legion mit dem Schwert zu töten und den übrigen mitzuteilen, dass ihnen dasselbe Schicksal bevorstände, wenn sie nicht den Göttern opferten. Mauritius forderte seine Soldaten zur Treue gegenüber der heiligen Religion Jesu Christi auf und wies auf die Himmelskrone des Martertodes. Die Soldaten, die sich hätten mit Waffengewalt widersetzen oder entfliehen können, legten ihre Waffen ab und jeder zehnte Mann trat vor und beugte seinen Nacken dem Todesstreich. Der Kaiser wähnte, die übrigen durch diese Strafe eingeschüchtert zu haben, aber er hatte sich getäuscht. Einmütig erklärten sie: „Nie werden wir unsere Hände zu solchen Henkersdiensten bieten, nie unsere Brüder morden. Stets werden wir den eitlen Götzendienst verabscheuen. So lange wir leben, werden wir unserer heiligen Religion getreu bleiben und nur den einen wahren Gott anbeten. An ihn, den einen unsterblichen Gott glauben wir. Er verheißt uns das ewige Leben. Viel besser ist es zu sterben, als dem christlichen Glauben entgegen zu handeln.“ Maximian wütete wie ein blutdürstiger Tiger und ließ von neuem jeden zehnten Mann der thebaischen Legion niedermetzeln. Das furchtbare Blutbad erschütterte die Christen nicht. Mauritius, Exsuperantius und Candidus feuerten ihre Kampfgenossen an, den schönsten Sieg zu erringen, die Glaubenstreue zu bewahren und den bereits Verklärten im christlichen Heldenmut nicht nachzustehen. Dem Kaiser, der ihnen eine kurze Bedenkzeit gestattet hatte, schickten sie folgenden schriftlichen Bescheid:

 

„Kaiser, wir sind deine Soldaten, aber wir sind auch Diener Gottes. Dir sind wir verpflichtet, Kriegsdienste zu leisten, ihm aber sind wir schuldig, uns vor jedem Verbrechen rein zu bewahren. Du gibst uns Sold, er gab uns das Leben. Wir können dir also darin nicht gehorchen, dass wir unseren, ja auch deinen Schöpfer verleugnen. Solange du nicht befiehlst, uns ihm zu widersetzen, gehorchen wir dir gern, wie wir es bis auf diese Stunde getan haben, sobald du aber etwas so Trauriges und Unheilbringendes von uns forderst, so müssen wir ihm mehr gehorchen, als dir. Gegen jeden Feind unseres Vaterlandes bieten wir dir willig die Hand, allein unsere Hände mit dem Blut schuldloser Bürger zu beflecken, halten wir für ein Verbrechen. Unser Arm weiß wohl gegen Verbrecher und Feinde zu kämpfen, aber gute und friedliche Bürger zu zerfleischen, haben wir nicht gelernt. Auch erinnern wir uns wohl unseres Eides, die Waffen nicht gegen die Bürger, vielmehr für die Bürger zu führen. Für Recht und Pflicht, für das Vaterland, für das Heil rechtschaffener Bürger haben wir bisher immer gekämpft und fanden darin zugleich die Belohnung aller unserer Gefahren und Mühseligkeiten. Wir haben bisher aus Treue für dich gestritten. Wie würden wir sie aber dir, o Kaiser, halten können, wenn wir schlecht genug wären, sie gegen Gott zu brechen? Du befiehlst, wir sollen die Christen aufsuchen und zum Tod führen. Du hast nicht nötig, sie anderswo aufsuchen zu lassen. Siehe, wir sind Christen, wir bekennen einmütig Gott den Vater, den Schöpfer aller Dinge, und seinen Sohn Jesus Christus. Wir haben es mit Augen gesehen, wie unsere Mitstreiter, die treuen Genossen unserer Gefahren und Beschwerden, mit dem Schwert hingerichtet wurden, unsere Kleider wurden mit ihrem Blut bespritzt, allein wir wurden über den Tod unserer heiligen Streitgenossen nicht betrübt, wir weinten nicht bei dem Anblick ihrer Leichen, wir gelobten vielmehr Standhaftigkeit und freuten uns, dass sie würdig erfunden wurden, für Gott, ihren Herrn, zu leiden und zu sterben. Und nun, da auch wir nichts als den Tod vor Augen sehen, so erregt dieses unter uns keinen Aufruhr, die Verzweiflung selbst, die sich in solchen Umständen der Menschen bemächtigt und auch die schwächsten stark macht, vermag nichts über uns, sie vermag nicht, uns gegen dich zu empören. Sieh, wir haben die Waffen in Händen, allein wir widersetzen uns dir nicht. Wir wollen uns lieber töten lassen, als unsere Brüder, die Christen, töten. Wir halten es für besser und wünschenswerter, unschuldig zu sterben, als mit Schuld beladen zu leben. Wir bekennen freimütig, wir sind Christen und nie werden wir Christen- oder Bruderblut vergießen.“

 

Der blutdürstige Kaiser gab sofort den grausamen Befehl, die ganze Legion zu ermorden. Das ganze Kriegsheer umzingelte die frommen Christen, die Wehr und Waffe ablegten und an nichts weniger, als an Verteidigung dachten. Wie eine Schar grimmiger Wölfe über eine Herde Schafe, fielen die heidnischen Soldaten über ihre christlichen Kriegsgenossen her und richteten ein so schauerliches Blutbad an, dass das Tal ganz mit Leichen und Blut bedeckt war. Dann plünderten sie das Lager der Erschlagenen und verprassten die Beute in einem bacchantischen Festschmaus. Aber ein herrliches Freudenfest feierte die verklärte Legion im himmlischen Hochzeitssaal.

 

Ein christlicher Soldat, namens Viktor, kam auf seiner Heimreise gerade des Weges und sah mit Entsetzen das grausige Blutbad und üppige Gastmahl der Krieger. Sie luden den Vorübergehenden ein, an ihrem Saufgelage teilzunehmen. Viktor wies mit Abscheu ein solches Anerbieten zurück. Sie fragten ihn, ob er vielleicht auch ein Christ sei? Ruhig antwortete er: „Ja, ich bin ein Christ und will es immer bleiben.“ Kaum hatte er dieses Wort ausgesprochen, so hieben sie auch ihn nieder.

 

An dem Ort, wo die thebaische Legion den Martertod erlitt, wurde in der Folge ein prächtiger Tempel nebst Kloster gebaut und unter dem Namen Sankt Moritz weitberühmt. Viele der ältesten Kirchen in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Italien sind seinem Andenken geweiht. Das Herrscherhaus Savoyen stiftete ihm zu Ehren einen Ritterorden und trägt sein Schwert und seinen Ring als erbliche Zeichen ihrer fürstlichen Würde.

 

Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerding das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“