Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

 

20. November

 

Die heilige Jungfrau Mechtildis, Äbtissin in Helfta,

+ 19.11.1299 - Fest: 20. November

 

Die heilige Mechtildis war gebürtig aus Eisleben in Obersachsen und stammte mit ihrer heiligen Schwester Gertrudis aus dem Haus der Grafen von Hackeborn, die nahe verwandt waren mit Kaiser Friedrich II. Mechtildis wurde bei den Benediktinerinnen von Rodalsdorf in der Diöcese Halberstadt erzogen. Von Jugend an bewies sie eine große Sittenreinheit und Abneigung gegen alle Welteitelkeiten. Ihr Gehorsam entzückte ihre Vorsteherinnen; sie verrichtete jederzeit mit derselben Freude und Pünktlichkeit alles, was ihr aufgetragen wurde. Ihre Liebe zur Abtötung erstaunte alle, die sie kannten. Nie schmeichelte sie ihrem Körper und obwohl sie von schwächlicher Leibesbeschaffenheit war, enthielt sie sich dennoch des Weines und des Fleisches. Ihre Demut vermied alles, was Aufsehen erregen konnte; sie verbarg mit gleicher Sorgfalt ihre Tugenden, wie andere ihre Laster den Augen der Menschen zu entziehen streben.

 

Niemals wollte sie ihre Einsamkeit verlassen und als sie das Alter erreicht hatte, wo sie sich Gott durch Gelübde weihen konnte, legte sie diese im Kloster Rodalsdorf ab. Einige Zeit danach schickte man sie nach Dießen in Bayern, wo sie Vorsteherin des dortigen Klosters wurde. Bald führte sie da die Übung der erhabensten Tugenden ein. Völlig überzeugt, dass man ohne gewissenhafte Beobachtung aller Ordensregeln umsonst die klösterliche Vollkommenheit zu erreichen streben würde, ermahnte sie ihre Schwestern, denselben sich unbedingt zu fügen und lieber der zu jeder Verrichtung bestimmten Zeit zuvorzukommen, als sich aus Nachlässigkeit die geringste Verspätung zu erlauben.

 

In dem Kloster Edelstetten in Schwaben war damals große Lauigkeit eingerissen. Der Bischof des Sprengels befahl deshalb der heiligen Mechtildis, dahin zu gehen und sich dem guten Werk der Verbesserung zu unterziehen. Sie aber gab verschiedene Gründe vor, um diesen Auftrag wieder los zu werden, und nahm sogar zu Bitten und Tränen ihre Zuflucht. Es war aber alles umsonst. Sie musste gehorchen. Kaum war sie in der neuen Klostergemeinde angekommen, so führte sie dort in kurzer Zeit wieder die vollkommenste Ordnung ein. Niemand konnte der vereinten Kraft ihrer Sanftmut und ihres Beispiels widerstehen. Sie war streng gegen sich und voll der Güte gegen andere. Sie wusste ihren Untergebenen durch Beobachtung der Regeln Liebe für dieselben einzuflößen, und schlug jenen Mittelweg ein, der darin besteht, dass man die menschliche Schwachheit schont, ohne die Bande der Pflicht zu lockern. Ihre Ermahnungen begleitete immer jener Geist der Liebe, der die Tugend angenehm macht. Sie verpflichtete ihre Schwestern zur strengsten Klausur und hielt sie von aller Gemeinschaft mit Weltleuten abgesondert; dadurch bewahrte sie die Nonnen vor dem Geist der Zerstreuung, deren gewöhnliche Folgen sind, dass die Liebe erkaltet und der Eifer erlischt.

 

Mechtildis hatte kein anderes Bett, als ein wenig Stroh. Ihre Nahrung war sehr einfach und sie aß nur, was zur Erhaltung des Körpers unumgänglich notwendig war. Sie teilte ihre ganze Zeit zwischen Gebet, Lesen und Handarbeit ein und beobachtete das strengste Stillschweigen. Der Geist der Zerknirschung, von dem sie beseelt war, erpresste ihren Augen einen nie versiegenden Tränenstrom. Zu keiner Zeit sagte sie sich von der Regel los, nicht einmal am Hof des Kaisers, wohin sie sich in Angelegenheiten ihres Klosters hatte begeben müssen. Wenn sie einer Krankheit wegen das Bett hüten musste, war ihr größter Schmerz, dass sie nicht mit den anderen Schwestern dem Gebet und Nachtgottesdienst beiwohnen konnte. Sie starb zu Dießen am 19. November 1299, andere Quellen sagen am 29. März, nicht lange nach dem Jahr 1300 und noch vor ihrer Schwester, der heiligen Gertrudis. Ihr Name wurde niemals in das römische Martyrologium aufgenommen; man findet ihn aber in den Kalendern, jedoch an sehr verschiedenen Tagen.

 

Die heilige Mechthilde von Hackeborn, Nonne in Helfta,

+ 19.11.1299 - Fest: 20. November

 

Die siebenjährige Gräfin Mechthilde von Hackeborn war vor Freude außer Rand und Band. Sie lief durch das ganze Schloss, zunächst zu den alten Großeltern, dann zu den Dienstmädchen in die Küche und dann zu den Knechten im Stall und erzählte allen mit strahlenden Augen, dass Vater und Mutter zu einem Besuch ihrer Schwester Gertrud ins Kloster Rodersdorf fahren wollten, und sie dürfe mitreisen. Selten ist ein Kind so froh gewesen wie damals Mechthilde von Hackeborn.

 

Am anderen Morgen kämmte die Frau Gräfin ihrer Tochter das blonde Haar, zog ihr das beste Kleid an und ermahnte sie, wie es viele Mütter tun, sich nur nicht schmutzig zu machen; denn auf dem weißen Stoff sähe man gleich den kleinsten Fleck. Natürlich versprach Mechthilde, wie es Kinder tun, hoch und heilig, achtzugeben und vorsichtig zu sein. Dann setzten sich Vater und Mutter mit der Tochter in den Wagen, der Kutscher knallte mit der Peitsche und schnalzte mit der Zunge. Die Pferde zogen an, und eines kleinen Mädchens Traum ging selig in Erfüllung. Lange noch winkte Mechthilde mit dem Taschentuch zurück und niemand ahnte, und sie selbst auch nicht, dass dieser Abschied ein Abschied für immer war.

 

Einige Stunden später gelangten sie nach schneller Fahrt in Rodersdorf an. Da sah Mechthilde ihre Schwester Gertrud wieder. Wie ganz anders sah sie aus als damals, als sie das elterliche Schloss verließ! Das lange weite Ordenskleid stand ihr vornehm und feierlich, und weil sie bereits Äbtissin war, führte sie einen hohen goldenen Hirtenstab. Mechthilde konnte nur staunen, und ehrfürchtig wie im Gebet strich sie scheu über das Kleid der Äbtissin hin.

 

Mittlerweile waren die Eltern mit Gertrud ins Gespräch gekommen und unterhielten sich über hundert Dinge, für die Mechthilde nicht das geringste Interesse hatte. Deshalb huschte sie in einem günstigen Augenblick heimlich aus dem Zimmer und wanderte durch die Gänge und Säle des Klosters. Und wenn Mechthilde einer der ernsten würdigen Ordensfrauen begegnete, machte sie ehrfurchtsvoll einen Knicks und sagte: „Gelobt sei Jesus Christus!“, und über die Höflichkeit der kleinen Besucherin erfreut, antwortete jede Schwester lächelnd mit den Worten: „In Ewigkeit. Amen.“

 

Schließlich kam Mechthilde in die Klosterkirche, kniete hin, betete erst ein Weilchen und ging dann umher und schaute sich die Altäre und Bilder an, und alles gefiel ihr sehr gut. Da erklang auf einmal zart und feierlich Orgelspiel durch den hohen heiligen Raum. Im langen Zug schritten die weißen Nonnen einher, allen voran mit dem goldenen Hirtenstab Mechthildes Schwester Gertrud. Die Äbtissin setzte sich auf den Thron, und nachdem die Nonnen zunächst schön und würdevoll vor dem Allerheiligsten das Knie gebeugt hatten, schritten sie an ihre Plätze. Sie sangen das Gotteslob, festlich und feierlich, einmal einzeln und dann wieder alle zusammen, und die Orgel spielte dazu schöner, als die Nachtigallen schlagen. Mechthilde, die alles sah und hörte, glaubte, im Himmel zu sein, und beschloss bei sich, nicht mehr heimzukehren, sondern für immer im Kloster zu bleiben.

 

Als Vater und Mutter gegen Abend aufbrechen wollten, war Mechthilde verschwunden. Jedes Rufen war umsonst. Alle Schwestern suchten nach ihr, ohne sie zu finden, bis endlich eine der Nonnen auf den Gedanken kam, auf der Orgelbühne nachzuschauen. Und richtig, da hatte sich die Gesuchte versteckt. Durch nichts aber, weder durch Versprechungen noch durch Drohungen, war Mechthilde zu bewegen, mit heimzufahren. Vater und Mutter schimpften mit ihr, bis Gertrud den Streit entschied und sagte, die Eltern sollten die Kleine einige Tage im Kloster lassen, sie werde schon wieder vernünftig, wenn sie am eigenen Leib erfahre, dass das Ordensleben nicht bloß in Gesang und Orgelspiel, sondern auch in Nachtwachen und Fasten und harter Arbeit besteht.

 

Gesagt, getan. Die Eltern fuhren heim. Mechthilde blieb und musste vom ersten Tag an alle Strengheiten des Ordenslebens mitmachen, aber sie hielt tapfer aus, legte später, als sie alt genug dazu war, die heiligen Gelübde ab und wurde eine solch eifrige und tugendhafte Ordensfrau, dass sie in wundervollen Visionen schon auf der Erde Jesus Christus öfters sehen durfte.

 

Dass die heilige Mechthilde, die im Jahr 1299 starb, so hoch begnadet wurde, dürfte wohl der Tatsache zuzuschreiben sein, dass sie sich ganz Gott weihte und lebenslang an dieser Weihe festhielt.

 

Der heilige Eadmundus, König und Märtyrer von England,

+ 20.11.870 – Fest: 20. November

 

Der heilige Eadmundus, König der Ostangeln in England und Märtyrer, wurde am Weihnachtsfest 855, damals noch sehr jung, auf den Thron seiner Väter erhoben und im Schloss Bures gekrönt. Seine sittlichen und religiösen Eigenschaften machten ihn zum Muster eines guten Fürsten. Er hasste die Schmeichler und Ohrenbläser und fürchtete das Getriebe der menschlichen Leidenschaften. Fern von Stolz und Hoffart ging sein ganzer Ehrgeiz dahin, den Frieden zu erhalten und das Glück seiner Untertanen zu sichern. Daher sein Eifer für die gewissenhafte Pflege der Gerechtigkeit und Beförderung der guten Sitte. Er war der Vater seiner Untertanen, besonders der Armen, der Beschirmer der Witwen und Waisen, die Stütze aller Schwachen. Den Glanz dieser Tugenden erhöhte noch seine Frömmigkeit. Fünfzehn Jahre hatte er glücklich regiert, als die Dänen ins Land einfielen, die im Übermaß ihrer Wut und Grausamkeit und noch mehr aus Hass gegen den christlichen Namen aller Orten die Kirchen und Klöster zerstörten und die Priester, Ordensmänner und Nonnen ermordeten. Edmund erlag der Übermacht der Barbaren und geriet in ihre Gefangenschaft. Mit schweren Ketten beladen führte man ihn vor das Zelt des Heerführers Hinguar, der ihm zumutete, dem Glauben zu entsagen. Er aber antwortete, dass die Religion ihm teurer als das Leben sei, weshalb er nie einwilligen werde, den Gott zu beleidigen, den er anbete. Auf dieses banden ihn die ergrimmten Heiden an einen Baum und schossen mit Pfeilen nach ihm, wodurch sein ganzer Leib mit Wunden bedeckt wurde. Endlich ließ ihm Hinguar das Haupt vom Rumpf trennen. Also endete der Diener Gottes am 20. November 870. Seine Heiligkeit wurde durch verschiedene Wunder bezeugt, und an dem Ort, wo er das Märtyrium erlitten hat, gründete man in der Folge ein Priorat, das seinen Namen trug.

 

Der heilige Bernward, Bischof von Hildesheim,

+ 20.11.1022 – Fest: 20. November

 

Der heilige Bernward bildet mit seinem Nachfolger, dem heiligen Godehard, ein Doppelgestirn, das bis in die spätesten Zeiten dem Bischofsstuhl zu Hildesheim zur höchsten Zierde gereichen wird. Die Zeit seiner Geburt fällt in die Mitte des zehnten Jahrhunderts, wo die mächtigen Ottonen aus dem edlen Volk der Sachsen die Kaiserkrone trugen und ihre ritterlichen Züge nach Italien unternahmen und eine enge Verbindung mit der Hauptstadt der Christenheit und dem Land tausendjähriger Bildung unterhielten.

 

Bernwards Großvater mütterlicherseits war der Pfalzgraf Athelbero von Sachsen, sein Oheim Volkmar, Bischof von Utrecht, sein Vater (Graf Dietrich?) wird, vielleicht seines frühen Todes wegen, nicht genannt, seine Geschwister waren Graf Tammo, Thietburg und Judith, später Äbtissin von Ringelheim. Seine ersten Kinderjahre verlebte Bernward auf dem Schloss Sommerschenburg im Herzen des Sachsenlandes, wo er um das Jahr 952 das Licht der Welt erblickte. Da seine Mutter früh Witwe geworden war, so schickte ihn sein Oheim Volkmar an den Bischof Osdag von Hildesheim, der den Jungen der Leitung des Priesters Thangmar, des Vorstehers der blühenden Domschule, übergab. Unter diesem ausgezeichneten Lehrer entfalteten sich Kunst und Wissenschaft so herrlich, dass die Söhne der ersten Familien des Landes, z.B. der spätere Kaiser Heinrich II., der große Bischof Meinwerk von Paderborn, dort erzogen wurden. Dieser Thangmar begleitete von nun an als Lehrer, Freund und Ratgeber Bernward auf allen seinen Wegen, schloss ihm die Augen und schrieb auch die Geschichte seines ehemaligen Schülers und Bischofs.

 

Wie Thangmar seinen talentvollen Schüler unterrichtete, drückt er in den Worten aus: „Ich nahm ihn auch zuweilen mit mir, wenn ich in Geschäften des Herrn Bischofs das Domkloster verließ. Häufig brachten wir den ganzen Tag, während wir ritten, mit wissenschaftlichen Übungen zu, indem wir bald eine nicht weniger umfangreiche Lektion lasen, als wenn wir in der Schule dazu Muße hätten, bald dichtend uns unterwegs am Versmaß vergnügten, dann wieder unsere Übung in die Palästra der Prosa versetzten, zuweilen einfach den Inhalt des Gelesenen erörterten und häufig mit künstlichen Vernunftschlüssen uns abmühten. – Fast keine Stunde, nicht einmal die der Erholung, konnte ihn der Untätigkeit beschuldigen, und obgleich sein Geist von lebhaftem Feuer für jede höhere Wissenschaft entzündet war, verwandte er nichtsdestoweniger doch auch viel Fleiß auf die leichteren Künste, die wir die mechanischen nennen. Im Schreiben tat er sich besonders hervor, die Malerei übte er mit Feinheit; er war ausgezeichnet in der Kunst, Metalle zu bearbeiten, edle Steine zu fassen und in jeglicher Herrichtung, wie es auch später durch viele prächtige Gebäude, die er erbaute, zu Tage trat.“

 

Die Kunst und Wissenschaft stand damals noch im Dienst und im Gottesfrieden der Kirche und hatte keine andere Bestimmung, als Verherrlichung des christlichen Gottesdienstes. Deshalb lag Bernward alles daran, Kunst und Wissenschaft mit Liebe und Beharrlichkeit zu pflegen. Außerdem entwickelte der aufstrebende junge Mann eine außerordentliche Tüchtigkeit und Gewandtheit in allen Staatsgeschäften, so dass sein Großvater, der Pfalzgraf Athelbero, ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr von sich ließ und ihn als seine rechte Hand gebrauchte.

 

Nach Beendigung seiner wissenschaftlichen Studien ging Bernward nach Mainz, wo er im Haus des Erzkanzlers des Deutschen Reiches freundschaftliche Aufnahme fand. Willigis erteilte ihm die höheren Weihen, nachdem er sich „durch die Strenge seiner Sitten und die Rechtschaffenheit seines Lebens von seinen Fortschritten im geistlichen Leben überzeugt hatte.“ In Mainz hatte der Dombau im Jahr 978 begonnen und bot Bernward erwünschte Gelegenheit seine Kenntnisse in der Baukunst zu erweitern.

 

Um 987 starb Pfalzgraf Athelbero. Bernward, der schon einen ehrenvollen Ruf seines Oheims Volkmar aus kindlicher Liebe zu seinem Großvater ausgeschlagen hatte, erhielt von der Kaiserin Theophanu einen glänzenden Ruf zur alten karolingischen Pfalz in Nymwegen, um die Erziehung ihres minderjährigen Sohnes, des Kaisers Otto III., zu übernehmen. Bernward den kaiserlichen Jungen dergestalt, dass er wunderbare Fortschritte im Lernen machte und zur Übernahme der Regierungsgeschäfte befähigt wurde. Am kaiserlichen Hof fand der Kunstsinn Bernwards die reichlichste Nahrung, denn was die Kunst Italiens und des Morgenlandes Schönes geschaffen hatte, bot sich im Kaiserpalast den Augen des Beschauers dar. Hier wirkten mit Bernward zusammen als Freunde, Ratgeber und Lehrer des jungen Kaisers der kunstgebildete und staatskluge Willigis von Mainz, und Gerbert, der spätere Papst Sylvester II., in griechischer Sprache und Kunst erfahren, in Philosophie und Naturkunde seine Zeit weit überragend.

 

Nach dem Tod des Bischofs Gerdags erwählte die Geistlichkeit Hildesheims Bernward zum Bischof. Erzbischof Willigis weihte ihn 993. Jetzt konnte der neue Kirchenfürst ungehindert seine Wirksamkeit für sein Bistum, für Kunst und Wissenschaft und Tugend entfalten. Zunächst war es seine Sorge, sein Bistum gegen die räuberischen Einfälle der heidnischen Normannen zu schützen. Deshalb legte er an den Marken seines Sprengels die festen Burgen Wirinholt und Mundsburg an, bevölkerte die wüsten Orte mit Ansiedlungen und legte den Grund zu Städten. Seinen Bischofssitz umzog er mit Mauern und Türmen, dass „seinesgleichen an Schönheit und Sicherheit im ganzen Sachsenland nicht zu finden war.“ Hildesheim verehrt in ihm seinen zweiten Gründer.

 

Wie Bernward sein Land gegen feindliche Einfälle schützte, so eifersüchtig wahrte er auch seine bischöflichen Rechte. Sieben Jahre lang widerstand er den Eingriffen des Erzbischofs Willigis in betreff des Klosters Gandersheim, und der mächtige Kurfürst sowohl, wie die stolze Äbtissin des Klosters, die Königstochter Sophia, mussten sich endlich dem unerschütterlichen Vertreter seines Rechts beugen. In dieser Angelegenheit ging Bernward selbst nach Rom zum Kaiser und zum Papst Sylvester II. und dämpfte durch sein Ansehen und heroisches Handeln einen Aufstand der rebellischen Tiburtiner und Römer. Mit seiner Entschiedenheit setzte er auch die Wahl Heinrich II. durch, den er und Willigis zum König salbten.

 

Bernward hat sich unsterbliche Verdienste für die politische Größe Deutschlands erworben, aber noch herrlicher sind die Lorbeeren, die er sich durch sein frommes, gotterfülltes Walten als geistlicher und mildtätiger Vater der Seinen, durch seine Pflege der kirchlichen Künste und Wissenschaften und durch seinen Eifer für die Zierde der Gotteshäuser erworben hat. Er gründete Schulen und förderte die geistige Entwicklung des Volkes, in der Domschule entfaltete sich eine außerordentliche wissenschaftliche Tätigkeit. Die Heilige Schrift und andere wertvolle Bücher ließ er abschreiben. Er selbst schrieb ein mathematisches Werk und ein wertvolles Buch über Alchemie. Er selbst übte das Geheimnis, Metalle zu scheiden und zu mischen, praktisch aus, er war Künstler und Förderer der Kunst im ausgedehntesten Sinne des Wortes. Was an Metallarbeiten aus Bernwards Zeit noch erhalten ist, erregt die Bewunderung aller Kunstkenner. Seine Christussäule mit Darstellungen des Lebens Jesu, die bronzenen Flügeltüren am Dom, sein goldenes Kreuz, seine beiden reichverzierten Leuchter aus einer eigentümlichen Mischung von Gold, Silber und Eisen und andere Kunstgegenstände sichern Bernward für alle Zeiten einen ehrenvollen Namen in der Kunstgeschichte. Von den Malereien und Mosaiken, womit er den Dom zierte, ist leider nichts geblieben, weil sie im Brand vernichtet wurden.

 

Der fast siebzigjährige Bischof erlebte noch die große Freude, dass er sein Lieblingswerk, die Abteikirche des heiligen Michael, so weit vollendet sah, dass er die Weihe am 29. September 1022 zugleich mit der Weihe der Christussäule vornehmen konnte. Bernwards Freund, Bischof Benno von Oldenburg, geriet bei dieser Einweihung so sehr ins Gedränge, dass er nach wenigen Tagen starb. Der Tod, der die beiden Freunde getrennt hatte, sollte sie nur zu bald wieder vereinigen.

 

Am 1. November verfügte Bernward testamentarisch über sein bedeutendes Privatvermögen zu Gunsten der Michaelsabtei, 10 Tage später erkrankte er und empfing in der Martinuskapelle aus der Hand des Abtes Goderamm das Benediktinerkleid und legte die Ordensgelübde ab und ging am 20. November zum besseren Jenseits hinüber. Sein Leib wurde in der Krypta jener Kirche in demselben Steinsarg beigesetzt, den er schon zu Lebzeiten für sich bereitet hatte. Leuchtende Wunder verherrlichten das Grab des allgeliebten Oberhirten. Deshalb versetzte ihn der Papst am Sonntag vor Weihnachten 1192 feierlich unter die Zahl der Heiligen.

 

In seiner Demut hatte Bernward sich selbst die Grabschrift verfasst:

 

„Bernward war ich voreinst, ein gebrechlicher Mensch. Es umschließet

Jetzt mich der grausige Sarg, Asche nur bin ich und Staub.

Weh! nicht war ich gewachsen der Pflicht des erhabensten Amtes,

Aber der Seele sei Ruh, singet ihr Amen dazu!“

Benno, Bischof von Meißen, verfasste ihm folgendes Lobgedicht:

„Siehe die Gruft sie umschließt das Gebein Bernwardus, des Bischofs,

Jenes erhabenen Mannes, der uns ein Wunder erschien,

Der wie ein leuchtender Stern in der Heimat Krone geglänzt hat,

Würdig erfunden von Gott, hoch von den Menschen geliebt;

Denn stets ist er der Kirche der trefflichste Bischof gewesen.

Lohn es Emmanuel ihm, lohn es ihm Michaels Huld!

Endlich am zwanzigsten Tag in dem elften der Monate tauscht er

Für dies irdische Sein glücklich den Himmel sich ein.“

 

Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerding das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“