Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

 

23. Januar

 

Mariä Vermählung

 

Die heilige Lüfthildis, Jungfrau und Einsiedlerin bei Köln,

+ 9. Jhd. - Fest: 23. Januar

 

Alljährlich pilgern viele andächtige Christen zum Grab der heiligen Lüfthildis, das sich inmitten der Pfarrkirche zu Lüftelberg in der Erzdiözese Köln erhebt. Besonders an ihrem Sterbetag, den 23. Januar, sowie am Tag ihrer feierlichen Erhebung, den 1. Juni, rufen die Gläubigen in andächtigen Gebeten und frommen Liedern den Schutz der mildreichen und mächtigen Jungfrau an.

 

Wie von dem Jugendleben Jesu, seiner Apostel und vieler Heiligen der früheren Jahrhunderte wenig bekannt geworden ist, so wird uns auch von der Abstammung und der Zeit der Geburt der heiligen Lüfthildis, auch Leuchteldis genannt, nichts Zuverlässiges berichtet. Was wir aber sicher von ihr wissen, muss uns mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen.

 

An der heiligen Lüfthildis wird besonders ihre barmherzige Fürsorge für die Armen gepriesen. Um den Hilfsbedürftigen Almosen geben zu können, vermied sie alle Kleiderpracht und Üppigkeit, sparte sich selbst am Munde vieles ab und fastete streng. Ihre boshafte Stiefmutter verdächtigte ihre Mildherzigkeit als Verschwendung und Geltungssucht, wusste ihr die Liebe ihres Vaters zu entziehen und beschäftigte sie gewöhnlich draußen, um sie von christlichen Liebeswerken und Andachtsübungen abzuhalten. Aber dem edlen Mädchen erschien die ganze Natur als ein großer Gottestempel und sie verherrlichte den allgegenwärtigen Schöpfer mit Gebet, Betrachtung und lautem Jubelgesang. Der gute Gott belohnte seine treue Magd mit einem süßen Vorgeschmack des Himmels. Einst sollte sie die zahlreichen Kraniche vom Acker ihrer Eltern jagen. In Andacht versunken, merkte sie weder die Vögel im Feld, noch das Kommen ihrer schlimmen Stiefmutter, die das unschuldige Kind nicht nur zornig beschimpfte, sondern auch mit Schlägen misshandelte. Auf ihr kindliches Gebet verbannte Gott die schädlichen Vögel aus jener Gegend.

 

Die gottlose Stiefmutter fuhr fort, Lüfthildis des Ungehorsams, der Nachlässigkeit und der Lügenhaftigkeit zu beschuldigen und sie bei ihrem Vater des Diebstahls zu bezichtigen, weil sie alles den Armen zuwende. Deshalb schnitt man ihr jede Gelegenheit ab, ihre Liebe zu den Armen durch die Tat zu beweisen. Indes die Liebe ist erfinderisch. Als sie einst in ihrer Schürze Brot zu den Armen trug, begegnete sie unvermutet ihrem Vater, der sie mit strengen Worten aufforderte, zu zeigen, was sie in ihrer Schürze verborgen habe. Sie wandte ihren Blick flehend zu Gott, öffnete ihre Schürze und siehe da, alles Brot hatte sich augenblicklich in Kohlen verwandelt. So segnete Gott ihr Wohltun, und so entging sie dem Zorn ihres Vaters.

 

Weil Gott die barmherzige Liebe der gütigen Lüfthildis so wunderbar belohnt hatte, wagte sie, an ihre Stiefmutter die demütige Bitte zu stellen, ihr ein frisch gebackenes Brot für die Armen zu schenken. Die arglistige Stiefmutter gab sich den Anschein, als wolle sie die Bitte gewähren, erteilte aber ihren Knechten den Befehl, statt eines Brotes glühende Kohlen in ihre Schürze zu werfen. Jene taten, wie ihnen befohlen war, aber siehe da, sofort verwandelten sich die glühenden Kohlen in ihrem Schoß in duftende Rosen.

 

Frühzeitig hatte Lüfthildis schon dem Herrn, ihrem himmlischen Bräutigam, die Jungfräulichkeit und Treue versprochen und die Lockungen der Welt vermochten ihre Liebe zu Gott nicht zu erschüttern. Damit auch ihr Leib eine würdige Wohnung des Heiligen Geistes würde, bereitete sie sich durch strenge Bußübungen und Fasten auf die ewige Hochzeit sorgfältig vor. Weil „der Müßiggang aller Laster Anfang“ zu sein pflegt, so beschäftigte sie sich fleißig mit Handarbeiten, um der Mutter Gottes, dem heiligen Paulus und den Eremiten in der Wüste auch in dieser Tugend nachzufolgen.

 

Einst geriet ihr Vater mit einem anderen Gutsbesitzer in Zwist über die Grenze eines Waldes und verwarf erbittert jeden gütlichen Ausgleich. Lüfthildis flehte zu dem Gott des Friedens und erbot sich zu einem für beide streitenden Parteien annehmbaren Vermittlungsvorschlag. Sie begab sich mit ihrem Vater in den Wald und zog mit ihrer Spindel auf Anordnung Gottes die Grenzlinie, und eine unsichtbare Kraft warf nach ihrer Richtschnur einen Graben auf, den man noch heute den Lüfthildis-Graben nennt. Beide Grundbesitzer waren durch diese Scheidung vollkommen befriedigt. Noch öfters entschied die Spindel der heiligen Lüfthildis die Streitigkeiten um die Grenzen der Äcker.

 

Um den Ehrenbezeugungen der Welt zu entgehen und ganz für Gott leben zu können, entschloss sich die gottbegnadete Jungfrau, sich in eine enge Klause einzuschließen, die an die Kirche stieß. In dieser freiwilligen Gefangenschaft sammelte sie in fortwährenden Andachtsübungen und Abtötungen das Öl der Verdienste, um gleich den fünf weisen Jungfrauen mit dem himmlischen Bräutigam zum Hochzeitssaal eingehen zu können. Immer mehr starb sie der Welt ab und sehnte sich nach der glücklichen Stunde, wo ihr geliebter Heiland ihre reine Seele von den Banden des Fleisches erlösen sollte. Aber erst im hohen Alter und nach der sorgfältigsten Vorbereitung flog ihre geheiligte Seele dem himmlischen Bräutigam entgegen am 23. Januar.

 

Auf die Nachricht vom Tod der heiligen Lüfthildis strömte eine große Menge Volkes herbei, um sie als Heilige zu verehren. Gott selbst lieferte den Beweis ihrer Heiligkeit, denn schon vor ihrem Begräbnis wurde ein Besessener zu ihrer Leiche geführt und sogleich fuhr der böse Geist aus, Kranke wurden plötzlich hergestellt, Lahme und Blinde gingen geheilt von ihr nach Hause, von tollen Hunden Gebissene wurden durch sie vor einem schrecklichen Ende bewahrt.

 

Auch in der Folgezeit bewies die heilige Lüfthildis ihre besondere Begnadigung bei Gott. Der gelehrte Cäsarius von Heisterbach erzählt, die Äbtissin Gertrud des Zisterzienserklosters zu Hoven habe ein halbes Jahr lang die heftigsten Augenschmerzen gelitten und sei fast erblindet. Da rief sie inbrünstig die heilige Lüfthildis an. Diese erschien ihr im weißen Gewand, berührte ihre Augen, und in demselben Augenblick, wo die Erscheinung verschwand, waren die Schmerzen verschwunden und die Augen völlig geheilt. – Ein neunzehnjähriges Mädchen aus Mainz hatte ihr Gehör gänzlich und ihr Augenlicht größtenteils verloren. Nachdem sie vergeblich alle ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hatte, wallfahrtete sie zum Grab der heiligen Lüfthildis, flehte dort voll Glauben und Vertrauen und erhielt ihr vollkommenes Gehör und Gesundheit ihrer Augen. Es könnte noch eine Reihe von Wundern hier aufgeführt werden, die auf die Fürbitte der heiligen Lüfthildis geschahen. Besonders wird sie von Gehörleidenden gern und mit häufigem Erfolg angerufen.

 

Am 1. Juni 1623 wurden die Gebeine der heiligen Lüfthildis vom Erzbischof Ferdinand von Köln in Gegenwart des Bischofs Johann Wilhelm von Osnabrück und einer großen Anzahl von Geistlichen und Laien feierlich erhoben. Ein höchst angenehmer Wohlgeruch verbreitete sich bei der Eröffnung des Schreines durch die ganze Kirche und erfüllte die Anwesenden mit Freude und Dank gegenüber Gott, der wunderbar ist in seinen Heiligen. Auch die Spindel der heiligen Lüfthildis fand sich in ihrem Grab, das Zeichen ihres Fleißes und ihrer Friedensliebe. Der Tag ihres Todes, wie ihrer feierlichen Erhebung wird zu Lüftelberg alljährlich vom Volk festlich begangen.

 

Der heilige Klemens, Bischof und Martyrer von Ancyra,

+ 4. Jhd. – Fest: 23. Januar

 

Der heilige Klemens wurde in der Mitte des 3. Jahrhunderts zu Ancyra, einer Stadt in Galatien, geboren. Sein Vater war ein eifriger Götzendiener und starb auch als ein solcher sehr früh und Sophia, seine Gemahlin, betete von Jugend auf den wahren Gott an und ließ sich es sehr angelegen sein, ihren einzigen Sohn im Christentum zu erziehen und sein zartes Herz an Frömmigkeit und Tugend zu gewöhnen. Ihre Lehren und Ermahnungen bekräftigte sie mit ihrem eigenen Beispiel eines heiligen Lebens, und Klemens wurde ein Muster eines christlichen jungen Mannes und lebte wie ein Engel Gottes unter den Menschen. Nach dem Tod seiner Mutter begab er sich in ein Kloster, um von den bösen Beispielen der Welt entfernt, sein Herz näher an Gott anschließen zu können und durch Selbstverleugnung, Wachen und Abtötung den Grund zu seiner künftigen Heiligkeit zu legen.

 

Damals herrschte in der Provinz Galatien eine drückende Hungersnot und auf allen Wegen lagen heidnische Kinder, die ihrer Eltern beraubt, dem Hungertod preisgegeben waren, und mit ihrem Jammergeschrei nach Hilfe riefen. Niemand erbarmte sich diese Unglücklichen, denn in jedem Haus war die Not auf das Höchste gestiegen. Da verließ Klemens mit Erlaubnis seines Obern das Kloster, sammelte diese verlassenen Waisen und führte sie in das Haus einer reichen, christlichen Frau, wo er sie nicht bloß ernährte, sondern sie auch mit einer solchen Geduld und väterlichen Liebe erzog, dass die meisten von ihnen zum wahren Glauben bekehrt wurden und in der darauf kommenden Christenverfolgung als Blutzeugen ihr Leben ließen. So sorgfältig übrigens Klemens seine Verdienste für die christliche Religion zu verbergen suchte, so sehr verbreitete sich der Ruf seines heiligen Lebens und er erhielt schon als 18jähriger junger Mann die Priesterweihe und nach zwei Jahren wurde er zum Bischof von Ancyra gewählt. Nie war ein Hirt wachsamer über seine Herde, nie ein Vorsteher demütiger und liebevoller gegenüber seinen Untergebenen, als der heilige Klemens. Um die Armen reichlich unterstützen und ihr Elend lindern zu können, lebte er sehr arm und genoss nichts als Hülsenfrüchte und Wasser.

 

Aber nach den Ratschlüssen der heiligen Vorsehung sollte auch seine Tugend in Kreuz und Leiden erprobt und seine heldenmütige Standhaftigkeit im Bekenntnis des Namens Jesus zum Beispiel der Gläubigen öffentlich dargestellt werden. Dieses geschah, als der grausame Diokletian den römischen Kaiserthron bestieg und die Christen zu Feinden des Reiches erklärte. Die Verfolgung wütete auch in Galatien und der dortige römische Statthalter ließ den heiligen Bischof Klemens in das Gefängnis werfen; und da alle Drohungen fruchtlos waren, ihn zum Abfall zu bringen, ließ er ihn so unmenschlich foltern, dass sein ganzer Körper zerfleischt war. So schickte er ihn nach Rom zum Diokletian, der es anfangs mit Schmeicheleien und Versprechungen versuchte, den Oberhirten zu Verleugnung seines Glaubens zu verführen. Als er aber seine Absicht nicht erreichte, verurteilte er ihn zu den schrecklichsten Martern, währenddessen der Heilige frohlockte und Jesus den Gekreuzigten predigte, wodurch viele Heiden bekehrt wurden. Beschämt und besiegt von dem unerschütterlichen Mut des christlichen Martyrers, ließ Diokletian ihn unter größten Misshandlungen nach Nicomedia führen, wo er vom Maximian den wilden Tieren preisgegeben und, da ihn die nicht verletzten, in einen unterirdischen Kerker geworfen wurde, in dem er mehrere gefangene Götzendiener taufte. Als Maximinian davon hörte, befahl er, den Klemens wieder nach Ancyra zu bringen und ihn dort durch den Hungertod im Gefängnis verschmachten zu lassen. Am frühen Morgen eines hohen Festtages aber bestachen ansehnliche Christen den Aufseher des Kerkers, dass er den heiligen Oberhirten seiner Fesseln entledigte, um das heiligste Opfer in der Kirche entrichten zu können. Nachdem er das Opfer vollendet und die Gläubigen zur Standhaftigkeit rührend ermahnt hatte, wurde er von einem heidnischen Soldaten mit dem Schwert ermordet am 23. Januar im Jahr 303.

 

Der heilige Ildefons, Erzbischof, Abt und Bekenner von Toledo,

+ 23.1.667 – Fest: 23. Januar

 

Im Jahr 607 erblickte Ildefons zu Toledo in Spanien das Licht der Welt, wurde in der Schule des heiligen Isidor von Sevilla erzogen und gebildet, trat als Mönch in das Kloster zu Agli und wurde bald Abt in demselben Stift.

 

Im Dezember des Jahres 657 erwählte man ihn zum Nachfolger des heiligen Bischofs Eugen in Toledo.

 

Unter so vielen Tugenden, für die der heilige Ildefons, Erzbischof von Toledo, ein vollkommenes Vorbild war, verbreitete den größten Glanz seiner außerordentlichen Liebe zu der heiligsten Jungfrau, eine Liebe, die er in dem Blut seiner tugendreichen Mutter geschöpft und mit der Milch eingesogen hatte. Er gab dafür rührende Beweise durch die nachdrucksvolle Verteidigung, die er für die Unbefleckte Empfängnis dieser hohen Königin führte. Wie eine eherne Wand stand er gegen die Ketzer, die die unverletzte Jungfräulichkeit Mariä leugneten, und verfocht die Ehre der heiligsten Jungfrau in einer gelehrten Schrift voll Beredsamkeit. Nach diesem schönen Sieg wünschte er ihn mit der Errichtung eines unsterblichen Siegesdenkmals zu Ehren des süßen Namens Mariä zu weihen.

 

Die Himmelskönigin ließ sich an Edelmut nicht besiegen, sie wollte ihm selbst für das danken, was er für sie getan hatte. Als er nun am Tag ihrer Himmelfahrt mitten in der Nacht aufgestanden war, um in der Kirche die Matutin zu singen, und die Diakonen und Kleriker, die ihm vorangingen, die Tore des Tempels geöffnet hatten, blieben sie plötzlich stehen, geblendet von dem Glanz eines lebendigen Lichtes, womit die heilige Stätte erfüllt war, und ergriffen, über dieses Wunder in Schrecken gesetzt, die Flucht. Der heilige Bischof aber schaute starken Herzens diesen Glanz mit dem höheren Blick des Adlers, und näherte sich dem Altar. Und während er betete, erschien ihm die heilige Jungfrau auf der Kanzel, von der er zum Volk zu sprechen pflegte.

 

Wer vermag die Empfindungen zu beschreiben, die dieser Anblick in ihm erregte? Er wusste nicht, sollte er sich nähern oder entfernen. Indessen redete ihn Maria, die ihren zwischen Hoffnung und Furcht schwebenden Diener betrachtete, zuerst an: „Zum Lohn“, sagte sie, „für deine Reinheit des Leibes und des Geistes, für deinen Glaubenseifer, und für die Begeisterung, mit der du meine Jungfräulichkeit verteidigt hast, bringe ich dir dieses Geschenk aus dem Schatz des Himmels.“

 

Während dieser Worte übergab sie ihm ein schönes Priester-Gewand, wobei sie ihn aufforderte, es an ihrem Festtag zu tragen. Dann erhob sie sich wieder gen Himmel, und ließ die Kirche durchduftet von den süßesten Wohlgerüchen.

 

Man hat das Gewand, das Maria dem heiligen Ildefons zum Geschenk machte, aufbewahrt, und feiert zu Toledo an dem auf das Fest des Heiligen folgenden Tag das Gedächtnis dieser himmlischen Erscheinung. Der Tempel, den die Gottesmutter auf diese Weise mit ihrer Gegenwart beehren wollte, ist ganz Spanien teuer geworden. Viele Könige haben ihn zur Begräbnis-Stätte gewählt, sie ließen darin ihre Fahnen weihen, und die Beute ihrer überwundenen Feinde niederlegen. Eine Menge Pilger zogen dahin, um auf dem Marmor die Fußtapfen der heiligsten Jungfrau zu küssen.

 

Der heilige Ildefons hinterließ uns mehrere Schriften, deren berühmteste die von der immerwährenden Jungfrauschaft der Gottesmutter Maria war.

 

Der heilige Ildefons starb am 23. Januar 667, nachdem er neun Jahre und zehn Monate Bischof gewesen war. 

 

Gebet am 23. Januar

 

Gleichwie das Kind dem Schoß der Mutter zueilt, so fliehe ich zu dir in allen meinen Nöten, o Mutter der Liebe. Und wie jede Mutter eher alles vergessen konnte als ihr Kind, so verstößt auch du niemanden, der vertrauensvoll und kindlich ergeben an dich sich wendet. Du Trösterin der Bedrängten. Auch ich fliehe in deinen Schoß. Schütze mich vor den Nachstellungen des bösen Feindes. Erleichtere mir den Sieg bei den Versuchungen und hilf mir in allen Stücken zu gutem Ausgang. Amen.

 

Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerding das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“