Heilige des Tages

 

Die heilige Kümmernis

 

Im Mittelalter war St. Kümmernis (auch St. Wilgefort genannt) eine hochverehrte Heilige in Südtirol, zu der die Gläubigen mit allen geistigen und leiblichen Nöten (Kümmernissen) kamen, besonders Liebende nahmen gerne ihre Hilfe in Anspruch.

Legende: St. Kümmernis war die Tochter eines heidnischen Königs von Sizilien. Sie bekehrte sich zum christlichen Glauben. Der Vater wollte sie mit einem heidnischen König verheiraten, doch die Heilige weigerte sich. Darauf ließ der Vater in den Kerker werfen und mit glühenden Zangen peinigen um sie umzustimmen. Doch St. Kümmernis bat Jesus, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie zur Ehe begehre. Jesus erhörte sie und gab ihr das Aussehen eines Mannes. Der Vater, der darob erzürnt war, ließ sie mit einem elenden Rock bekleidet ans Kreuz schlagen. St. Kümmernis lobte Gott und predigte drei Tage lang vom Kreuz das Christentum, so dass sich sogar ihr Vater bekehrte. Zur Sühne baute er eine Kirche und ließ darin das Bild seiner Tochter aufstellen. 

 

Gebet

 

zur heiligen Jungfrau und Martyrin Wilgefort oder Kümmernis

in einem besonderen Anliegen zu sprechen (18. Jahrh.)

 

O du glorwürdige Martyrin und auserwählte Gespons Jesu Christi, heilige Kümmernis! mit großem Vertrauen fliehe ich zu dir, und mit herzlicher Andacht rufe ich dich um deine Hilfe und Fürbitte an. Du weißt und siehst in Gott, in was für einem großen Anliegen ich stecke, und wie mein betrübtes Herz mit so viel Qual und Kümmernis erfüllt ist. Dieses mein großes Herzeleid lege ich vor deinem Kreuze nieder, und bitte, du wollest es mit gnädigen Augen ansehen, und die Betrübnis lindern. Du kannst mich gar leicht von dieser meiner Qual erretten, weil dir dein liebster Bräutigam Jesus Christus keine billige Bitte zu versagen versprochen hat; denn, als du am Kreuz hangend ihn batest, dass er alle Notleidende, die deine Marter ehren, und dich um deine Fürbitte anrufen werden, von ihren innerlichen und äußerlichen Anliegen und Betrübnissen erretten wolle, hat er deine Bitte erhört, und dein Begehren durch eine himmlische Stimme bekräftigt. Eja dann, o liebe heilige Kümmernis! ich bitte dich, durch deine heilige Jungfrauschaft, durch dein heiliges tugendhaftes Leben, und durch deine schmerzliche Annagelung an das Kreuz, erhöre meine demütige Bitte, und tröste mich in meiner großen Betrübnis; ich werde nicht nachlassen zu dir zu seufzen, und dich mit meinem ungestümen Bitten und Begehren zu plagen, bis du dich endlich meiner erbarmst, und mich von meiner Herzens-Betrübnis erledigst. Ich verspreche dir entgegen, dass ich gegen dich allzeit ein dankbares Gemüt tragen, dich lieben und ehren werde. Verlasse mich nur nicht, o meine auserwählte Patronin! sondern sende mir einen Trost, den ich von dir hoffend mich deinem Schutz und Gnade ganz und gar ergebe. Amen.

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Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

 

25. März

 

Das Fest Mariä Verkündigung

 

Der heilige Dismas, rechter Schächer beim Kreuz Christi,

+ 33 - Fest: 25. März

 

Das Gedächtnis des heiligen Dismas passt gut in die Zeit, in der wir besonders an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus denken. Dismas ist nämlich der gute Schächer, der mit dem Herrn auf Golgatha gekreuzigt wurde und der von ihm die Zusicherung erhielt, dass er gleich nach dem Tod in das Paradies eingehen werde.

 

Über den glücklichen Tod des heiligen Dismas, von dem gleich noch erzählt wird, sind wir durch die biblische Geschichte genügend informiert. Weiteres erzählt die Heilige Schrift zwar nicht von ihm, aber die Legende weiß mehr zu berichten.

 

Weil bekanntlich der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, ist es nicht verwunderlich, dass nach der Legende der Vater des Dismas ein Wegelagerer war, der mit einer Räuberbande die Gegend an der ägyptischen Grenze jahrelang unsicher machte.

 

Eines Abends spät gelangte bei den Zelten der Banditen eine kleine Reisegesellschaft an, eine junge Frau, die auf einem Esel ritt und ein Kindlein auf ihrem Arm trug, während ein Mann in den besten Jahren das Reittier am Zaum führte. Es war die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten.

 

Kaum waren die drei heiligen Personen im Blickfeld der Räuber aufgetaucht, wurden sie auch schon von den verwegenen Gesellen umzingelt und mit dem Ruf: „Geld her oder das Leben!“ begrüßt. Im gleichen Augenblick erschien aus dem nächstliegenden Zelt eine Frau, überblickte kurz die Lage und schrie die Männer an:

 

„Schämt euch, ihr Lumpen! Ihr wollt ehrliche Räuber sein! Nein, ein anständiger Räuber überfällt nie eine Mutter, die ein Kind auf dem Arm trägt. Weg mit euch, Halunken, in die Zelte, oder ihr könnt euch morgen das Brot selbst backen.“

 

So redete die Frau mit den wüsten Burschen. Und während sich auf diese Worte hin die Räuber verzogen, führte sie die Heilige Familie in ihr Zelt, bewirtete sie aufs Beste und richtete ihnen für die Nacht ein Lager zurecht. Am anderen Morgen stellte sie der Mutter Gottes warmes Waschwasser zur Verfügung, damit sie das Jesuskind baden könne. Das geschah dann auch, und als sich die Heilige Familie mit Dank verabschiedete, empfahl Maria der Räubersfrau, die ebenfalls einen kleinen Sohn hatte, diesen mit dem Wasser zu waschen, in dem sie das kleine Jesuskind gebadet hatte. Die Mutter Gottes hatte nämlich bemerkt, dass der Räuberjunge aussätzig war. Nach dem Weggang der Heiligen Familie befolgte die Frau sofort Mariens Rat, und wirklich, ihr Sohn wurde auf der Stelle vom Aussatz geheilt und war gesund. Der Geheilte aber hieß Dismas, und es ist der gleiche Dismas, der später mit Jesus gekreuzigt wurde.

 

Wie gut ist doch Jesus Christus! Da hat eine Frau ihm, seiner Mutter und dem Pflegevater einen Dienst erwiesen und sofort belohnt er den Dienst dadurch, dass er den aussätzigen Sohn der Frau heilt. Das wäre an sich des Dankes genug gewesen, aber Jesus geht noch weiter. Die Reinigung vom Aussatz des Körpers war für ihn nur wie eine Anzahlung. Den vollen Lohn für die Liebestat erstattete er auf Golgatha, als er die Seele des Räubers Dismas unter der Kreuzigung mit seinem dahinfließenden Blut vom Aussatz der Sünde reinigte.

 

Als nämlich später auf Golgatha der Herr mit den beiden Verbrechern gekreuzigt wurde, geschah es, dass auch einer von den beiden Jesus verspottete und sprach: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!“ Der andere aber hatte andere Gedanken und sagte: „Wir empfangen, was wir verdient haben, dieser aber hat nichts Böses getan.“ Daraufhin sprach er zu Jesus: „Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du bei mir im Paradies sein.“

 

So sprach Jesus, und im gleichen Augenblick wurde aus dem Räuber ein Heiliger. Vor dem, der gerade noch am Rand des Verderbens stand, taten sich weit die Pforten des Himmels auf. So lieb ist Jesus Christus. Wer ihm Gutes antut, empfängt von ihm hundertfachen Lohn dafür.

 

Der heilige Pelagius, Bischof und Bekenner zu Laodicea, Libanon,

+ 25.3. n. 378 – Fest: 25. März

 

Pelagius lebte zu Laodicea als ein allgemein geachteter Mann in einem keuschen und heiligen Ehestand und wurde nach dem Tod seiner frommen Gemahlin um das Jahr 360 von den Gläubigen dieser Stadt wegen seiner hohen Tugenden zum Bischof gewählt. Sein Eifer und seine Wachsamkeit für das Seelenheil der ihm anvertrauten Herde übertrafen alle Erwartungen, die man sich von ihm gemacht hatte. Rastlos predigte er Jesus den Gekreuzigten und erschütterte mit seiner eindringenden Beredsamkeit die Herzen der Sünder. Er tröstete die Unglücklichen, unterstützte die Armen und versöhnte langjährige Feindschaften. Durch sein heiliges Beispiel verbreitete er in allen Familien fromme Sitten und Unschuld des christlichen Lebens und dabei wachte er sorgfältig für die Reinheit des heiligen Glaubens. Er war einer der eifrigsten Bischöfe in Verteidigung der Lehre Jesu gegen ihre Feinde auf der Kirchenversammlung zu Antiochia im Jahr 363 und auf der zu Tyana in Cappadocien im Jahre 365. Wegen des heiligen Eifers in Unterdrückung der Irrtümer und Verbreitung des Reiches Gottes wurde er bei dem ketzerischen Kaiser Valens angeklagt und bald darauf im Jahr 374 seines Amtes entsetzt und nach Arabien in das Elend verwiesen. Vier Jahre lang schmachtete der Heilige mit größter Geduld in Kummer und Not und flehte stets unter Tränen und Entbehrungen für das Heil seiner verwaisten Gemeinde, bis er um das Jahr 378 zurückberufen und in seinem Bistum wiedereingesetzt wurde. Aber die Verfolgungen und das Elend, das er während seiner Verbannung ausgestanden, hatten seinen Mut nicht geschwächt und seinen Eifer nicht erkaltet. Stets lebte er im Verein mit der römisch-katholischen Kirche und bekämpfte die Angriffe der Ketzer auf die Kirche. Er hielt es mit dem heiligen Meletius und erklärte sich laut und öffentlich für die Wahl des heiligen Gregors von Nazianz als Patriarchen der Kirche von Konstantinopel. Auf einer Synode dort verteidigte er mutig die katholische Lehre und drang auf die Verbannung der Irrlehrer aus dem Verband und der Gemeinschaft der Kirche. Kaiser Theodorich gab dem heiligen Pelagius bei seinem Tod das Zeugnis, dass er einer der frömmsten und eifrigsten Bischöfe der morgenländischen Kirche gewesen sei.

 

Der heilige Prokop, Einsiedler, 1. Abt von Sazava, Böhmen,

+ 25.3.1053 – Fest: 25. März

 

Der heilige Prokop wurde um das Jahr 970 zu Chotum bei Prag geboren. Im Haus seiner gottesfürchtigen Eltern übte sich der fromme Junge frühzeitig in Werken der Abtötung und Selbstverleugnung. Gleich dem Apostel Paulus erachtete er die Welt für Nichts, um Christus zu gewinnen. Das Leben Jesu und seiner Heiligen war die Richtschnur, nach der er sich von Tag zu Tag mehr in Tugenden und Vollkommenheit ausbildete. Sein höchstes Sehnen war, ein Priester zu werden, um dem himmlischen Vater täglich das reinste Opfer seines lieben Sohnes darzubringen. Mit diesem Ziel besuchte er die höheren Schulen zu Prag und empfing nach gründlicher Vorbereitung in den Wissenschaften und Tugendübungen die heilige Priesterweihe.

 

Um sich ganz von der trügerischen Welt zurückzuziehen und Gott allein zu dienen, begab sich Prokop nach dem Beispiel des heiligen Benedikt in einen großen dichten Wald bei Curm an der Saatz, erbaute sich dort eine Zelle und führte ein sehr abgetötetes, heiliges Leben. Wilde Wurzeln und Waldfrüchte bildeten seine Nahrung, in harten Kasteiungen hielt er das Fleisch in der Dienstbarkeit des Geistes, in Nachtwachen und frommen Betrachtungen erhob sich seine fromme Seele zum Himmel empor.

 

Einst verirrte sich ein Fürst, Namens Ulrich, auf der Jagd und war nicht wenig erstaunt, in dem tiefen, dunklen Wald einen Mann in frommer Betrachtung auf den Knien zu finden. Der überraschende Anblick rührte sein Herz gewaltig und erweckte in ihm Reue über sein bisheriges, leichtfertiges Leben. Er teilte dem Heiligen seinen Entschluss mit und der bestärkte ihn in seinem gottgefälligen Vorhaben.

 

Fürst Ulrich und dessen Sohn erbauten dem heiligen Einsiedler ein Kloster, worin Prokop viele gleichgesinnte Männer unter der Regel des heiligen Benedikt vereinigte und zur Vollkommenheit anleitete. Sein Beispiel erbaute seine Klosterbrüder und das Volk, seine Liebe zu der leidenden Menschheit fand keine Grenzen, kein Armer ging ohne Hilfe, kein Bedrängter ohne Trost von ihm. Gott begnadete ihn mit der Wundergabe und Prokop wandte sie oft an, um Hilflosen, besonders den Fallsüchtigen, die Gesundheit wieder herzustellen. Hochverehrt von allen, die ihn kannten, ging seine demütige und geläuterte Seele zum ewigen seligen Leben am 25. März 1053.

 

Die heilige Lucia Filippini, Stifterin der „Frommen Lehrfrauen Filippini“,

+ 25.3.1732 – Fest: 25. März

 

Ein Stand, der eigentlich nie die ihm gebührende und von ihm reich verdiente Anerkennung erntet, ist jener unserer katholischen Lehrerinnen. Die Menschen schauen eben mehr auf das Äußerliche. Was eine gute katholische Lehrerin aber leistet, das ist meist verborgen in den Tiefen einer Mädchenseele. Es ist stilles, unauffälliges Wachstum, das sie fördert; ihre Erfolge lassen sich gerade in ihrem besten Teil nicht zählen und wägen. Darum wird der Beruf einer Lehrerin und ihre Arbeit von vielen nicht genügend geschätzt. Die Lehrerin kann nur dann die Last ihres Berufes mit Freude tragen, wenn sie recht um Gottes willen ihre Lehrtätigkeit ausübt und nicht über all dem freigebigen Spenden an andere Seelen das innerste Leben der eigenen Seele zu pflegen und zu entwickeln vergisst. Der heutige Tag stellt uns das Bild einer solchen Lehrerin vor Augen, die beides wohl miteinander zu vereinigen verstanden und dadurch zum Berg der Heiligkeit emporgestiegen ist. Es ist die am 22. Juni 1930 zur Ehre der Altäre erhobene heilige Lucia Filippini, die Stifterin der „Frommen Lehrfrauen Filippini“.

 

Die heilige Lucia erblickte das Licht der Welt am 13. Januar 1672 zu Corneto Tarquinia als die Tochter des Genuesen Filippo und der Magdalena Picchi Falsacappa, einer edlen Conetanerin. Das zarte Kind schien mehr ein Gewächs aus dem Himmel statt von der Erde zu sein; denn Demut, Bußgeist, außergewöhnliche Liebe zu Gott und den Mitmenschen schienen zu seiner Natur zu gehören. Gott nahm ihr früh die guten Eltern. Wollte er sie schon damals ganz als sein eigen erklären? Bei Verwandten wurde das Mädchen aufgezogen mit aller Liebe. Aber ihr Sinn stand einzig auf Gott. Die Spiele ihrer Altersgenossinnen verschmähend, besuchte sie fleißig die Kirche und betete viel. Durch eifriges Anhören des Wortes Gottes und durch besinnliches Erwägen desselben machte sie bald solche Fortschritte in der Frömmigkeit und der Kenntnis der christlichen Lehre, dass sie, obwohl erst 10 Jahre alt, vom Pfarrer auserwählt wurde die Kinder im Katechismus zu unterrichten. Es war sonntags immer ein schönes Bild, wenn eine große Zahl von Mädchen um Lucia herumsaß und von ihren Lippen begierig die Wahrheiten und Geheimnisse unseres heiligen Glaubens aufnahm, die sie mit so viel Salbung und Klarheit, mit solchem Nachdruck und Feuer auszulegen verstand, dass auch zuhörende Erwachsene zu tiefst ergriffen und bis zu den Tränen erschüttert wurden.

 

Der Einfluss, den Lucia auf ihre Kameradinnen ausübte, war nur ein Vorspiel zu ihrem Beruf als Lehrerin, der erste Beginn ihrer apostolischen Arbeit, worauf sie die göttliche Vorsehung allmählich vorbereitete. Eines Tages hielt der Bischof von Montefiascone, Kardinal Barbarigo, Pfarrvisitation in Corneto. Voll Staunen sah er, mit welcher Bescheidenheit und Geschicklichkeit die kleine Lucia den Kindern den Katechismus beibrachte. Das war kein gewöhnliches Mädchen! Mit dem hatte die Vorsehung ihre Pläne! Nach Rücksprache mit ihren Pflegeeltern nahm er sie mit nach Montefiascone, wo er sie den Klarissen zur Ausbildung übergab. In kurzer Zeit war die Heilige für alle Nonnen eine Lehrmeisterin der Weisheit und Güte. Auch nach außen verbreitete sich der Wohlgeruch ihrer Tugend und gerne kamen die Damen der Stadt ins Sprechzimmer, um sich an den liebenswürdigen Umgangsformen des Mädchens zu entzücken und vom Zauber seiner Rede sich fesseln zu lassen.

 

Der seeleneifrige Oberhirte aber schritt nunmehr zur Ausführung seiner Reformpläne. Wohl erwägend, welch schwere Schäden die religiöse Unwissenheit des Volkes im Gefolge habe, gedachte er in seiner Diözese Schulen einzurichten, und zwar mit Hilfe der Jungfrau Lucia Filippini. Diese suchte sich zuerst dem schwierigen Auftrag zu entziehen – sie dachte ja von sich selbst sehr gering. Aber nachdem sie den Willen Gottes erkannt hatte, nahm sie bereitwillig die Aufgabe an. Vom Kardinal selbst empfing sie das Kleid einer frommen Lehrerin und machte sich mit bewundernswertem Eifer ans Werk. Die reichsten Früchte lohnten bald die Mühe der demütigen Gründerin, zum süßen Trost für den heiligmäßigen Bischof, der in seinen Familien wieder Glauben, Gottesfurcht und gute Sitte aufblühen sah. Unter der Leitung der heiligen Lucia wuchsen die Mädchen heran bescheiden, gelehrig, voll Liebe zu Gebet und Arbeit. Ihre Schulen waren Tempel, wo jederzeit der Allmächtige angebetet und verherrlicht wurde. Der Eifer der Heiligen war aber nicht auf die Schule beschränkt, sie hielt auch wahrhaftige Missionen ab für die gesamte Frauenwelt. Zu Pitigliano, Scansano, Montemarano und anderswo erzielte sie so wunderbare Ergebnisse, wie sie größer auch ein heiliger Leonhard von Porte Mauritio nicht erreichte. Von Seeleneifer glühend und von einem wahrhaft apostolischen Geist durchweht, begehrt von Bischöfen, Pfarrern und Gebietsherren, zog sie nach dem Beispiel des göttlichen Lehrers unter vielfachen Mühen und Beschwerden von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, um die Sünder zu Gott zu bekehren, um im Volk das christliche Leben zu erneuern, um ihr Institut auszubreiten. Und niemand vermochte der Macht ihres Wortes und ihres Beispiels zu widerstehen. Ihre Rede nahm unwillkürlich gefangen, ihr ganzes Auftreten bezauberte. Um sie hören zu können, deckten die Leute schließlich das Dach des Hauses ab, wo sie gerade Exerzitien gab.

 

Papst Klemens XI., der durch Kardinal Barbarigo über die wunderbaren Erfolge der Schulen Lucias unterrichtet war, berief die Heilige nach Rom. Im Mai 1707 kam sie in der Ewigen Stadt an und gründete in der Pfarrei S. Lorenzolo ai Monti ihre erste Schule. Bald bot sich auch hier das gewohnte Bild. In Scharen strömten die Mädchen herbei und ernteten reichen Nutzen in Tugend und Wissen. Die Schule Lucias, so schreibt ihr Beichtvater, schien ein kleines Paradies zu sein. Hier sprach man nur von Gott, arbeitete nur für Gott. Jungfräuliche Züchtigkeit begleitete alle Handlungen dieser Mädchen, die miteinander im Streben nach vollkommener Tugend wetteiferten. Ein Wink aus den Augen ihrer Lehrerin – und sie gehorchten ohne alle Widerrede. Jeden Samstag führte Lucia die eifrigsten ihrer Schülerinnen in die Spitäler, damit sie den armen kranken Frauen dienten und sich in christlicher Liebe und Demut übten. In ganz Rom erhob sich deshalb großes Rühmen über die Tugend der „heiligen Lehrerin“, wie man sie allgemein nannte.

 

Während so das Werk der Heiligen in Rom unter dem Segen des Himmels sichtlich gedieh, wurden ihre ersten Gründungen in Montefiascone auf eine harte Probe gestellt. Viele Lehrerinnen wurden krank. Auch sonst gab es Schwierigkeiten. Die Töchter riefen nach der Mutter. Und sie kam, und siehe, mit einem Schlag ging es wieder aufwärts. Überall wollte man Schulen haben. Lucia wollte gern der ganzen Welt helfen und oft rief sie in heißem Verlangen aus: „O, wenn ich mich nur vervielfältigen könnte! In jeden Erdenwinkel wollte ich es hineinschreien und allen Leuten wollte ich es zurufen: Liebt Gott! . . . O, mein Gott, warum machst du nicht, dass aus mir so viele Lucien werden, dass ich überall deine Ehre verbreiten kann?“

 

Aber Gottes Werke werden nur gefestigt und fruchtbar im Schatten des Kreuzes, wenn sie benetzt werden vom Tau blutiger Tränen. Schon bei Gründung und Ausbreitung ihres Instituts hatte Lucia genug zu leiden, Verdruss, Verachtung, Verleumdung. Sogar ihre Glaubensehre griff man an, indem sie mehrmals bei der Inquisition als Anhängerin des Michael Molinos angeklagt wurde. Die Heilige verlor inmitten aller Widerwärtigkeiten nie ihre Seelenruhe und gewohnte Heiterkeit. Sie dankte Gott und suchte ihren Widersachern Gutes zu tun.

 

Zu diesen mehr inneren Leiden gesellte sich die letzten fünf Jahre ihres Lebens ein schmerzvolles Krebsleiden, das die Heilige zur Martyrin der Geduld, zu einer Heldin der Ergebung in Gottes Willen machte. Die Glut ihrer Liebe vermochten die Wasser der Trübsal nicht auszulöschen. Wie eine zweite heilige Teresa von Jesus hörte sie, von beständigem Fieber geschüttelt und die Brust von dem schaudervollen Krebsleiden zerfoltert, nicht auf die Kleinen zu unterrichten, den Frauen die Betrachtungspunkte zu geben und die Häuser ihrer Genossenschaft zu besuchen. Erst die letzten vier Monate bannte sie eine Nervenlähmung gänzlich ans Schmerzensbett. Schließlich blieb nur ein Glied noch frei und beweglich, ihre Zunge, damit konnte sie Gott noch loben. Während der heftigsten Krämpfe hörte man aus ihrem Mund die Worte: „Herr, ich danke dir! Herr, erbarme dich meiner!“ Dann begann sie wieder zu singen und lud die Schwestern ein, mit ihr Gott in einem feierlichen Tedeum dafür zu danken, dass sie etwas aus Liebe zu ihm leiden dürfe. Am Fest Mariä Verkündigung (25. März 1732), als eben die Mittagsglocken die Menschwerdung Christi in die Welt hinausläuteten, hauchte die heilige Lucia mit einem fröhlichen Lächeln über ihren Zügen ihre jungfräulich reine Seele aus.

 

Papst Pius XI. nahm Lucia Filippini am 22. Juni 1930 unter die Heiligen auf.

 

Das Werk der heiligen Lucia Filippini überdauerte die Jahrhunderte. Die nach ihr benannten Lehrfrauen, die in Rom ihr Mutterhaus haben, leiten Schulen in mehreren Provinzen Italiens und in Amerika. Möge Gott auf die Fürbitte der heiligen Lucia hin recht tüchtige und seeleneifrige Lehrerinnen uns schenken, Ordensschwestern sowohl wie weltlichen Standes, die uns dann christliche und heilige Mütter erziehen und so zur Erneuerung der Familie beitragen!

 

Der selige Eberhard von Nellenburg, Stifter und Mönch von Schaffhausen,

+ 25.3.1078 – Gedenktag: 25. März

 

Es ist ein eigentümlicher Zug des Mittelalters, dass wir so oft Fürsten und Grafen nach vollbrachtem Lebenswerk die stille Ruhe des Klosters aufsuchen sehen, um sich dort auf einen guten Tod vorzubereiten. Ihre Lebensarbeit, die Gott ihnen auftrug, hatten sie glücklich geschafft, sie hatten der Welt ihr Können geliehen, nun aber glaubten sie Gott ihre Lebenskraft nicht weiter mehr vorenthalten zu dürfen, sie weihten sich seinem ausschließlichen Dienst. Uns darf es nicht Wunder nehmen, wenn diese Männer und Frauen, die in der Welt Großes leisteten, die dort reiche Erfahrung gesammelt hatten, im Kloster siegreiche Kämpfe gegen die Welt und sich selbst ausfochten, wenn sie Helden werden in der Tugendübung, wenn sie Heilige werden. Einer dieser Heiligen war auch Graf Eberhard von Nellenburg.

 

Eberhards Eltern hießen Eppo und Hadwig. Die Mutter war eine Tochter des heiligen Stephan, des Königs von Ungarn, und eine Nichte des Kaisers Heinrich II., auch verwandt mit Papst Leo IX. Eppo war auf diese hohe Verwandtschaft nicht wenig stolz, nicht weniger auf seine ausgedehnten Besitzungen und sein stattliches Volk von Lehensleuten. Ganz anders seine hohe Gemahlin Hadwig: sie trachtete Gott und göttlichen Dingen nach, betete viel und gab reiches Almosen. Ihr frommes Leben konnte auf die Dauer seine Wirkung auf den lebensfrohen, stolzen Herrn nicht verfehlen. Er sah das Verfehlte seines Treibens ein, wandte sich von dem leeren Gepränge der Welt ab, befliss sich mehr und mehr des Gebetes und der Tugend – Hadwigs Gebet war erhört. Eberhard war das einzige Kind, das die fromme Gemahlin Eppo schenkte. Nach dessen Geburt im Jah 1018 starb der Vater bald. Hadwigs Sorge war es nun, das teure Vermächtnis ihres Gemahls zu erfüllen, den Erben so großer Reichtümer und Güter zu einem tüchtigen Mann zu erziehen. Zur Ausbildung in den Künsten und Wissenschaften gab sie ihm den Priester Lupard. Als Eberhard zum Mann herangewachsen war, führte sie ihm Ida als Gemahlin zu, die ihm sechs Kinder schenkte.

 

Eberhard hatte nicht, wie sein Vater zu Beginn seiner Herrschaft, sein ganzes Sinnen und Trachten auf Gut und Ehre eingestellt. Er war ein frommer Mann geworden, so wie es sich seine kluge Erzieherin erhofft hatte. Zuerst machte er die großen, beschwerlichen Wallfahrten zu den Gräbern der Apostelfürsten in Rom und zur Stätte des heiligen Jakobus zu Compostella in Spanien. Doch das war noch nicht genug, Gott wollte er ewiges Lob bereiten: einen Teil seiner Güter wollte er als Grundstock für die Errichtung eines Klosters verwenden. Lange war er sich im Unklaren, wo das Kloster erstehen sollte. Endlich errichtete er 1050 am Rheinufer eine Kapelle mit drei Altären und ein kleines Kloster für zwölf Mönche, als deren Abt er sich 1064 Siegfried vom großen Kloster Hirsau erbat, und holte persönlich bei Papst Alexander II. Bestätigung und Schutz.

 

Diese zwei großzügigen Taten flossen aus einem Herzen, das voll von Gott war. Gottes- und Nächstenliebe zieht uns aber noch mehr an, wenn sie im Kleinen wirkt, wenn sie arbeitet an den Nöten der einzelnen. Dieser Gedanke leitete auch Eberhard in seinem alltäglichen Tun. Als er auf der Reise nach Rom begriffen war, traf er auf dem Weg einen halbblinden Bettler. Dessen Elend rührte Eberhards mitleidiges Herz, er betete inbrünstig zum göttlichen Schöpfer des Lichtes und wirklich bekam der Bettler auf seine Fürbitte hin das volle Augenlicht wieder. Durch sein inniges Gebet rettete er auch seinen Sohn Burkhard von einer hoffnungslosen Krankheit. Noch mehr aber wirkte er an Mangold. Er war Abt im Kloster Stein am Rhein gewesen, hatte aber das Mönchskleid weggeworfen und war in die Welt zurückgekehrt. Bei Graf Eberhard suchte er nun sein Brot. Den aber schmerzte es sehr, dass der Abt seinem Kloster und Orden untreu geworden und sich nicht schämte, so frei in weltlichen Kleidern zu verkehren. Er stellte ihn zur Rede und hielt ihm das künftige Gericht mit eindringlichen Worten vor. Der untreue Abt fiel dem Grafen zu Füßen, bat ihn dringend ihm die Rückkehr in den Orden zu erwirken. Mangold konnte auch wirklich mit Erlaubnis des Abtes von Stein in das von Eberhard neuerrichtete Kloster Allerheiligen in Schaffhausen eintreten und übte dort strenge Buße für seinen schweren Fehltritt. Als er gestorben war, wurde Graf Eberhard unruhig über dessen Los im Jenseits und glaubte zu seiner Befreiung aus den Qualen des Fegfeuers eine Wallfahrt nach Compostella in Spanien machen zu müssen. Seine Furcht und sein Bangen um Mangold schwand, ja ihm wurde es jetzt gewiss, dass seine Werke und seine Gebete bei Gott Wohlgefallen fanden. Aus dieser Gewissheit schöpfte er neuen Mut zu weiteren Werken der Tugend und beharrlichem Gebet. Und die persönliche Überzeugung, dass seine Tugendwerke Gott zur Ehre gereichten, dass sein Gebet von Gott nicht verschmäht werde, erfüllte ihn mit jener Ruhe und Sicherheit, die wir so sehr an den Heiligen bewundern. Wir Sünder haben bei all unserem Beten und Arbeiten zu Gottes Ehre mit dem ewigen Zweifel zu kämpfen: Ja, gereicht das wirklich zu Gottes Ehre, nützt mir das etwas für das Heil meiner Seele? Das sind Versuchungen und sie sind wie Bleigewichte, mit denen der Teufel die Seele beschwert, damit sie sich nicht frei aufschwingen könne zu Gott. Wie viele Menschen leiden unter dieser Last. Sie verliert sich nur, wenn wir trotz derselben und beharrlich mühen in Gebet und Tugendübung so wie unser seliger Eberhard. Schließlich heben wir uns doch frei empor und sollte es nicht auf dieser Erde sein, dann sicher im Jenseits, wenn wir des Leibes und seiner zur Erde niederziehenden Begierden ledig sind.

 

Schon vor der Wallfahrt nach Compostella trug sich Eberhard mit dem Gedanken sich im Kloster ganz Gott zu weihen. Er hatte bereits 54 Jahre hinter sich, konnte der Sorge um weltliche Dinge keinen Geschmack mehr abgewinnen, seine Seele suchte nach dem tiefsten Grund des Friedens, nach Gott und seinem Dienst. Er ordnete sein Vermögen und übertrug die Grafschaft seinem Sohn Burkhard. Dann eröffnete er sein Herz seiner Gemahlin, die ihm freudig zustimmte, war sie doch vom gleichen Wunsch beseelt. Gesagt, getan: Ida zog sich in das Kloster St. Agnes in Schaffhausen, das sie selbst gegründet hatte, zurück. Eberhard trat in sein Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Sechs Jahre noch lebte er dort. Demütig trug der das Joch des Gehorsams unter Abt Siegfried, führte beständig ein vollkommenes Leben des Gebetes, Fastens und der guten Werke. Am 25. März 1078 wurde er zum ewigen Lohn gerufen und mit Gott vereint, zu dem er sein ganzes Leben in Liebe gebrannt hatte.

 

Von all den guten Werken des seligen Eberhard berührt uns am wohltuendsten seine Sorge um das Seelenheil des Abtes Mangold. Übung der leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit ist das äußere Kennzeichen eines praktischen Christentums. Die Pflicht der leiblichen Barmherzigkeit kann kein Christ übersehen, so eindringlich predigt sie die tägliche Not vor unseren Augen. Aber so viele Menschen unserer Zeit haben den Sinn für die geistlichen Bedürfnisse der Menschen verloren. Seelennot heißt mehr als Leibesnot. Freilich liegt sie nicht so offen zu Tage wie Leibesnot. Sie verlangt wirkliche, ernste Beschäftigung mit dem andern, damit man herausfühlt, was in der Seele des andern vorgeht. Hat einer einmal diesen Sinn für fremdes Seelenleben, dann sieht er vor sich ein weites Land von innerem Elend, innerer Verlassenheit, innerem Schmerz und Siechtum, ja seelischem Tod. Und kann man keine Brücke finden, die zum Nächsten führt, kann man sich nicht hineindenken und hineinleben in dessen Herz, ihm keinen mitfühlenden Blick schenken, keinen fröhlichen Gruß bieten, kein aufrichtendes Wort mit ihm sprechen, eines bleibt jedem Menschen, das wegen seiner Unscheinbarkeit und Allgemeinheit nicht die schwächste Hilfe, sondern höchste Kraft spendet, es ist das Gebet. Beten kann jedes Kind, beten kann der Mann der harten Arbeit, selbst das alte, kranke Mütterlein im Lehnstuhl. Durch das Gebet können alle beitragen zur Vollendung jenes großen Werkes, das der Gottessohn mit seinem Erdenleben begonnen, am Kreuz vollendet hat und in der heiligen Kirche fortsetzen lässt: Ertötung der Sünde und alles Elends, das mit ihr kam, Versöhnung der Welt mit Gott.

 

Der heilige Humbert von Maroilles in Frankreich, Ordensgeistlicher,

+ 25.3.682 – Fest: 25. März

 

Dieser Heilige, ein Sohn von Eurard und Popita, wurde geboren zu Mazières-sur-Oise, zwei Stunden von St.-Quentin. Sein Vater hat den Beinamen der Gottselige, woraus man ersieht, dass er noch ausgezeichneter durch seine Tugend, als durch seine Geburt und Reichtümer gewesen ist. Die glücklichen Anlagen des jungen Humbert bewogen seine Eltern, ihm dem Dienst der Altäre zu weihen. Sie führten ihn daher nach Laon, wo er die Tonsur empfing. Hierauf brachten sie ihn in ein Kloster, um ihn in der Frömmigkeit und den Wissenschaften unterrichten zu lassen. Wegen seines Verdienstes und seiner Fähigkeit wurde er bald der Priesterweihe würdig befunden, nach deren Empfang er noch einige Zeit im Kloster blieb, das er nach dem Tod seiner Eltern verließ, um über sein väterliches Erbe zu verfügen. Er nahm den heiligen Amandus und den heiligen Micasius bei sich auf, und folgte ihnen dann nach Italien, um sein Verlangen, das ihn schon längst zum Besuch der heiligen Gräber hinzog, zu befriedigen. Man sagt, er habe in derselben Absicht eine zweite Reise nach Rom unternommen.

 

Bei seiner Rückkehr besuchte er den heiligen Amandus zu Elno, zog sich dann zurück in das Kloster von Maroilles im Hennegau, das der Graf Rodobert kurz vorher gestiftet hatte. (Maroilles liegt in dem Gebiet von Famars, an dem Flüsschen Hespres in der Diözese Cammerich.) Entschlossen daselbst seine Tage zu beschließen, gab er ihm als Eigentum den größten Teil der Besitzungen von Mazières. Wegen dieser beträchtlichen Schenkung wurde er als Stifter des Klosters von Maroilles angesehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er ihm vorstand, weil die Religiosen seine Jünger genannt werden. Er starb am 25. März im Jahr 682. Sein Name findet sich in den Martyrologien der Niederlande, Frankreichs und Deutschlands. Am 6. September feiert man das Fest der Versetzung seiner Reliquien, die seit dem 12. Jahrhundert sich im Kloster von Maroilles befinden.

 

Der heilige Barontius und heiliger Desiderius, Einsiedler von Pistoja,

+ 25.3.685 – Fest: 25. März

 

Der heilige Barontius, der allem Anschein nach aus einer adeligen Familie in Berry entsprossen ist, trat in den Ehestand und zeugte wenigstens einen Sohn mit Namen Agloald. Als ihm Gott durch seine Gnade die Nichtigkeit der Erdengüter gezeigt hatte, fasste er den Entschluss, sich fortan nur noch mit seinem Heil zu beschäftigen. Und um den Entschluss desto sicherer in Ausführung zu bringen, begab er sich mit seinem Sohn in die Abtei Lonrey oder St. Cyran. Ein Gesicht, das er hatte, flößte ihm neuen Eifer ein, nach Vollkommenheit zu streben. Nach oft wiederholten Bitten erhielt er von seinem Abt die Erlaubnis, in einer Einöde zu leben. Er ging daher nach Italien und reiste nach Rom, um da die Gräber der Apostel zu besuchen. Von da verfügte er sich nach Pistoja im Toskanischen und erbaute sich da eine Zelle zwischen zwei Bergen.

 

Ungeachtet seiner Sorgfalt, sich verborgen zu halten, verriet ihn doch endlich der Glanz seiner Tugenden. Ein Einsiedler der Nachbarschaft namens Desiderius, wollte mit ihm sein Leben zubringen, um sich dessen Beispiel zunutze zu machen. Ihm folgten ebenfalls noch vier andere Personen. Sie erbauten eine Kirche und dienten Gott einhellig in den Übungen der Buße und Betrachtung. Der heilige Barontius starb zuerst und wurde in die Kirche begraben. Ihm folgte der heilige Desiderius. Auch die vier übrigen starben bald in einiger Entfernung von einander. Sie wurden alle an demselben Ort zur Erde bestattet und an ihren Gräbern geschahen mehrere Wunder. Gegen das Jahr 1018 erbaute man an eben dem Ort ein Kloster unter Anrufung des heiligen Barontius, und seine Überbleibsel, wie auch jene seiner Jünger, wurden feierlich in die neue Kirche beigesetzt. Diese Heiligen blühten im 7. Jahrhundert. Die Kirche von Pistoja feiert ihr Gedächtnis nicht am 25., sondern am 27. März. Das römische Heiligenverzeichnis berichtet nur vom heiligen Barontius und dem heiligen Desiderius.

 

Der heilige Hermeland, Abt auf der Loireinsel Aindre in der Bretagne,

+ 25.3.720 – Fest: 25. März

 

(Der Name dieses Heiligen bedeutet Erbland. Er wird auch noch Erblon, Arbland, Erblain oder Herblein genannt in den Diözesen Nantes und Rennes, Herband in der von Tréguir, Saint-Pol-de-Leon, und Quimper, Herbland in Paris und Rouen.)

 

Der heilige Hermeland wurde geboren zu Noyon und stammt aus einer ausgezeichneten Familie. Frühzeitig schon erkannte er, dass der wahre Adel in der Tugend bestehe. Daher suchte er sich während seiner Studienjahre stets vor den Lastern, die bei der Jugend oft so gemein sind, rein zu erhalten. Als ihn seine Eltern an den Hof Clotans III. schickten, erhielt er die Stelle eines Obermundschenks. Das Vorhaben, ihn zu verheiraten, vereitelte er dadurch, dass er auf immer der Welt entsagte, den Hof mit Zustimmung des Königs wirklich verließ, und sich um das Jahr 668 in das Kloster Fontenelle oder des heiligen Wandregisilus im Cauxlande, zurückzog, dem damals der heilige Lambertus vorstand. Als er sein Noviziat beendet hatte, legte er die Klostergelübde ab. Durch seine außerordentliche Tugend fanden sich seine Vorsteher bewogen, ihn von dem heiligen Audónus, dem Erzbischof von Rouen, zum Priester weihen zu lassen. Er las jeden Tag die Heilige Messe, und um dieses hocherhabene Opfer desto würdiger darzubringen, wurde er selbst zum lebendigen Opfer durch beständige Übung der Abtötung.

 

Als kurz darauf der heilige Pascarius, der Bischof zu Nantes, ein Kloster stiften wollte, um den guten Geruch Jesu Christi in seiner Diözese zu verbreiten, ersuchte er den heiligen Lambertus, ihm einige seiner Jünger zu diesem Zweck zu geben. Der heilige Abt ließ sogleich zwölf seiner Klostergeistlichen unter der Anführung des heiligen Hermelandus nach Nantes abreisen. Der fromme Oberhirte empfing sie mit innigster Freudenbezeigung, und führte sie auf die Insel Aindre, die er für sie bestimmt hatte. Da errichteten sie zwei Kirchen, die eine unter der Anrufung des heiligen Petrus, die andere unter der Anrufung des heiligen Paulus. Pascarius weihte sie feierlich ein und gestattete den Religiosen viele Vergünstigungen. König Childebert III. bestätigte diese neue Anstalt, und nahm die Abtei unter seinen Schutz.

 

Die Abtei Aindre wurde bald sehr berühmt durch die große Anzahl und den Tugendglanz ihrer Bewohner. Man nahm daraus mehrere Pflanzungen, um die Häuser zu bevölkern, die die Frömmigkeit der Gläubigen an vielen Orten stifteten. Durch seine Wachsamkeit konnte der Heilige alle die zahllosen Arbeiten seines Amtes vollbringen. Er verließ jedes Jahr sein Kloster, um auf der Insel Aindrinette, die nicht weit davon entlegen war, die Fastenzeit zuzubringen. Dieses tat er, um sich desto besser zur Osterfeier vorzubereiten. Auch in seinem hohen Alter ging er von seiner Bußstrenge nicht ab. Was er seinen Schwächlichkeiten gestattete, war bloß, dass er sich seiner Amtsführung enthob. Deswegen befahl er seinen Geistlichen, zur Wahl eines Abtes zu schreiten. Unglücklicher Weise aber fiel sie auf Adalfrid, der für diese Stelle durchaus nicht geeignet war, aber bald darauf gestorben ist. Der Heilige setzte dann einen seiner Jünger, namens Donat, als Abt ein, nachdem er ihn vorerst in allen Pflichten eines guten Vorstehers unterwiesen hatte. Er selbst aber brachte seine noch übrigen Lebenstage als einfacher Mönch zu, starb dann um das Jahr 710 oder 720 und wurde in die Kirche des heiligen Paulus begraben. 15 oder 16 Jahre später brachte man seinen Leib in die Kirche zum heiligen Petrus. Er wird an diesem Tag im römischen Märtyrerbuch genannt. In der Bretagne hingegen verehrt man sein Andenken am 25. November, der vielleicht der Tag der Versetzung seiner Reliquien sein mag.

 

Gebet am 25. März

 

O seligste, und in Ewigkeit gebenedeite Jungfrau Maria. Am Verkündigungstag sende ich dir durch den Erzengel Gabriel einen freundlichen Gruß und wünsche dir im Namen aller Menschen unendliches Glück zu den unaussprechlich großen Gnaden, die dir heute von der heiligen Dreifaltigkeit erwiesen worden sind.

Durch deine freudenreiche Verkündigung bitte ich, sei meine Fürsprecherin bei Gott und erwirb mir seine göttliche Gnade und Barmherzigkeit. Um dir, wunderbare Jungfrau, durch die Erinnerung die Freuden jenes glücklichen Tages zu erneuern, spreche ich mit Andacht den Gruß des Engels: Gegrüßet seist du Maria . . . Amen.

 

Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerding das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“