Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

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>> Heiligen-Legende <<

 

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12. August

 

Der heilige Euplius, Diakon und Martyrer von Catania,

+ 12.8.304 – Fest: 12. August

 

Der heilige Diakon Euplius lebte als Bekenner Jesu Christi unter den Kaisern Diocletian und Maximian und dem Statthalter Calvisianus. Dem Vorhang sich nähernd, hinter dem nach damaliger Sitte die Richter saßen, um zu beratschlagen oder die Urteile zu schreiben, rief der Diener Gottes mit lauter Stimme aus: „Ich bin ein Christ und verlange um des Namens Jesu willen zu sterben.“ Ungesäumt wurde er den Peinigern übergeben. Man bedrängte ihn hart, die heiligen Schriften auszuliefern, und als er sich dessen weigerte, verschärfte man die Marter, ohne ihn im Mindesten erschüttern zu können. Ebenso standhaft wies er die Aufforderung zurück, den Göttern zu opfern, worauf der Statthalter gebot, zum höchsten Grad der Folter zu schreiten. Auch unter diesen furchtbaren Qualen in der Treue gegenüber dem Herrn verharrend, wurde er schließlich zum Tod verurteilt. Unter dem Vortritt eines Heroldes, der von Zeit zu Zeit die Worte ausrief: „Sehet Euplius, den Christen, den Feind der Götter und der Kaiser!“ führte man ihn auf den Richtplatz, wo er betend den tödlichen Streich empfing. Sein Martertum geschah am heutigen Tag des Jahres 304, und die Akten darüber schließen mit den denkwürdigen Worten: „Durch die Kraft Jesu Christi erhalten diejenigen, die sein Grab besuchen, verschiedene Wohltaten. Alle Arten von Krankheiten werden dort geheilt im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

 

Die heilige Johanna Franziska von Chantal, Ordensstifterin,

+ 13.12.1641 - Fest: 12. August

 

Das heutige Kirchengebet sagt, dass Gott die heilige Johanna Franziska mit wunderbarer Geistesstärke durch alle Lebenspfade auf dem Weg der Vollkommenheit begnadete. Die erwähnten Lebenspfade aber waren so vielgestaltig, wie man sie sonst selten bei einem Menschen antrifft, denn Johanna Franziska war Kind, Jungfrau, Gattin, Mutter, Witwe und Ordensstifterin.

 

Johanna Franziska hat ihre Mutter nicht gekannt, denn sie war erst ein Jahr alt, als sie starb. Der Vater, ein Oberrichter in Frankreich, war ein guter Christ, der seine drei Kinder zu braven und frommen Menschen erzog und sie auch in eigener Person im Glauben unterrichtete. Einst war ein vornehmer Protestant im Haus des Oberrichters zu Gast, der im Gespräch mit dem Vater die wahre und wirkliche Gegenwart Jesu im Allerheiligsten Altarsakrament mit hitzigen Worten ableugnete. Da fiel ihm die zehnjährige Johanna Franziska unvermittelt in die Rede und sagte: „Sie irren sich, denn der liebe Heiland hat es doch gesagt, dass er unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig ist, und wer das nicht glaubt, der macht Christus zum Lügner.“ So sagte sie. Man muss in der Tat seine Freude haben an dem zehnjährigen Mädchen, das mit solchem Freimut für den lieben Heiland eintrat.

 

Als Johanna Franziska später in die Jungmädchenzeit hineinkam, erblühte sie wie eine Rose, und es kamen die Freier zuhauf, die sie als Gattin heimführen wollten. Lange hielt die junge Frau nach dem Rechten Ausschau, und als sie ihn gefunden hatte, verlobte sie sich mit ihm und war eine glückliche Braut. Doch da stellte es sich kurz vor der Hochzeit heraus, dass der Bräutigam, was er bisher verschwiegen hatte, nicht katholisch war. Sofort hob Johanna Franziska, mochte ihr das Herz auch anfänglich dabei bluten, die Verlobung auf, denn nie und nimmer wollte sie eine Mischehe eingehen.

 

Einige Zeit später begegnete Johanna Franziska einem anderen Bewerber, und diesmal war es der Rechte, ein durch und durch katholischer Mann, ein Baron mit großem Haus, in dem sich Johanna Franziska schnell als tüchtige Hausfrau bewährte. Auch eine gute Mutter war die Heilige. Sechs Kindern schenkte sie das Leben. Zwei davon starben früh, und die übrigen erzog Johanna Franziska zu Menschen, die nicht nur religiös waren, sondern auch mit dem Leben fertig wurden. Vor allem sorgte die Mutter dafür, dass die täglichen Gebete stets gemeinsam verrichtet wurden und dass die Kinder unter eigenem Verzicht lernten, den Armen gegenüber wohltätig zu sein. Soweit war also alles in Ordnung, bis dann das Leid kam, das keinem Menschen und am wenigsten den Heiligen erspart bleibt.

 

Auf einer Jagd wurde Johanna Franziskas Gatte versehentlich angeschossen und schwer verletzt. Neun Tage kämpfte der Verunglückte mit dem Tod und starb dann von der Gattin und den vier Kindern weg. Es war ein harter Schlag, und zeitlebens trug die Witwe nun mehr schwarze Kleider. Das eheliche Glück der beiden war zu groß gewesen, deshalb empfand die überlebende Gattin das Unglück umso schwerer, aber sie rang sich durch und lebte fortan nur mehr der Erziehung der Kinder. Johanna Franziska besaß eine starke Seele, die sich in Kreuz und Leid erst recht kräftigte, wie ein Baum, der umso tiefere Wurzeln schlägt, je mehr der Sturm ihn schüttelt.

 

Mit der Zeit wuchsen der Mutter die Kinder aus der Hand, und als alle gut versorgt waren, tat Johanna Franziska den letzten Schritt, der sie schnell und hoch auf den Gipfel der Heiligkeit führen sollte. In Vereinigung mit dem heiligen Franz von Sales gründete die gereifte Frau einen neuen Orden, den sogenannten Orden von der Heimsuchung Mariä. Wie nämlich die liebe Mutter Gottes ihre Verwandte Elisabeth heimgesucht und ihr gedient hatte, so sollten die Schwestern des neuen Ordens die Armen und Kranken heimsuchen und ihnen dienen und helfen. Als Johanna Franziska am 16. Dezember 1641 starb, zählte der Orden bereits fünfunddreißig Klöster, und auch heute besteht er noch, und sooft eine Schwester aus dem Orden den Armen und Kranken Gutes tut, ist das gleichsam eine Wiederholung der Heimsuchung Mariä.

 

Der selige Papst Innozenz XI.,

+ 12. August 1689 – Gedenktag: 12. August

 

Ein Marianischer Heiliger auf dem Stuhl Petri

 

Der 7. Oktober 1956 erhielt eine besondere Bedeutung für die ganze Kirche, da der Heilige Vater, Papst Pius XII., einen seiner Vorgänger aus dem 17. Jahrhundert in die Zahl der Seligen aufnahm und damit zur Ehre der Altäre erhob. Es ist Papst Innozenz XI., über dessen Persönlichkeit und Wirken in folgenden Zeilen ein kurzes Bild gezeichnet werden soll.

 

Innozenz XI. – Benedetto Odescalchi – entstammte einem alten italienischen Geschlecht, das durch Handel reich geworden war und der Kirche bereits verdiente Männer geschenkt hatte. In Como, wo die Odescalchi beheimatet waren, wurde er am 19. Mai 1611 geboren. Aus den Kontakten mit zwei Kapuzinern, die er während seiner juristischen Studien in Neapel kennenlernte, gewann der Entschluss, sich dem geistlichen Stand zu widmen, immer mehr Gestalt in ihm. Die Priesterweihe empfing er zu Rom. Noch nicht 34 Jahre alt, erhielt der fromme und mildtätige Priester am 6. März 1645 von Innozenz X. den Kardinals-Purpur. Nachdem er bis 1650 als Legat zu Ferrara mit Erfolg tätig gewesen und vier Jahre dem Bistum Novara als Guter Hirte vorgestanden hatte, bat er aus Gesundheitsrücksichten um Entbindung von diesem verantwortungsvollen Amt. Er lebte dann in Rom still und zurückgezogen, Werken der Barmherzigkeit hingegeben. Von zeitgenössischen Zeugen, die sich alle voll des Lobes über ihn aussprechen, wurde er der zweite Carlo Borromeo, der Ruhm und die Ehre des Kardinalkollegiums genannt und als Heiliger gelobt und gefeiert. Als daher nach siebenwöchigem Konklave am 21. September 1676 seine Wahl zum Papst erfolgte, gab sich allgemeine Freude kund. Die Wahl war erst erfolgt, nachdem die Kardinäle durch Sonderbotschaft sich des Einverständnisses Ludwigs XIV. von Frankreich versichert hatten, der beim Konklave 1670 gegen Kardinal Odescalchi sein Veto eingelegt hatte.

 

Aber es war unvermeidlich, dass es bei dem ausgesprochenen Hang des französischen Königs zum fürstlichen Absolutismus, zur Staatsallmacht zwischen ihm und dem Oberhaupt der Kirche zu kirchenpolitischen Auseinandersitzungen und Kämpfen kam. Diese zogen sich dann auch durch die 13 Regierungsjahre Innozenz XI. hin.

 

Der erste Zusammenstoß erfolgte in der Frage des sogenannten Regalienrechtes, aufgrund dessen dem König Verwaltung und Einkünfte von frei gewordenen Bistümern und anderen kirchlichen Stellen für die Dauer der Nichtbesetzung zufielen.

 

Der zweite in der Frage des Gallikanismus, der das einträchtige Zusammenwirken von Kirche und Staat in Frankreich jahrhundertelang belastete. Diese Strömung forderte besondere Rechte für die französische Kirche und ließ gleichwertige Richtungen auch in anderen Ländern zeitweilig hochkommen. Die Reformbestrebungen des Josephinismus konnten nur nach dem Vorgang des Gallikanismus ausgedacht werden. In dem Febronianismus des Trierer Weihbischofs Hontheim, in den Emser Punktationen von 25. August 1786, im Wessenbergianismus tauchen Ableger des Gallikanismus auf deutschem Boden auf. Erst durch das Vatikanische Konzil konnte er endgültig überwunden werden.

 

Das größte Ziel, das sich der elfte Innozenz als die eigentliche Aufgabe seines Pontifikates gestellt hatte, war die Vertreibung der Türken aus Europa. Nach der Eroberung von Konstantinopel durch die osmanischen Truppen im Jahr 1453 und seiner Einverleibung in das türkische Reich war der Halbmond zu seiner ständigen Gefahr für das christliche Abendland und seine Kultur geworden. Der Papst sah es als seine besondere Verpflichtung an, die katholischen Fürsten zu einer heiligen Liga gegen den Erbfeind der Christenheit zusammenzuschließen. Seine Bemühungen führten endlich im Jahr 1683 zum erstrebten Bund. Der 12. September desselben Jahres brachte in dem Entscheidungskampf um den Entsatz Wiens den großen und vollständigen Sieg über das Türkenheer. Kleinliche Eifersüchteleien unter den christlichen Heerführern über ihren Anteil an dem errungenen Sieg konnten die Freude der Christenheit nicht beeinträchtigen. Der eigentliche Sieger des 12. September 1683 war und blieb der Papst, der durch seine großen Geldspenden die Kriegsführung ermöglicht hatte und dies auch in den folgenden Jahren tat, bis sechs Jahre später durch die Eroberung Belgrads ganz Ungarn für die Habsburger zurückerobert und damit dem kulturellen und politischen Einfluss des christlichen Abendlandes zurückgewonnen wurde. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. war der Liga nicht beigetreten, im Gegenteil hatte er sie zu hintertreiben und unmöglich zu machen versucht.

 

Es darf nicht wundernehmen, dass Innozenz XI. auf die Reinheit der kirchlichen Lehre sehr bedacht war. Während seiner Regierungszeit sind verfehlte Anschauungen mancher Theologen verurteilt worden. Im ersten Fall handelte es sich um 65 Sätze, die in verschiedenen Moralwerken von Jesuitentheologen enthalten waren und von denselben auch gelehrt wurden. Ein Dekret der Inquisition vom 2. März 1679 verwarf diese etwas zu leichten Lehren als ärgerniserregend und verderblich.

 

Im zweiten Fall handelte es sich um eine falsche Richtung im christlichen Tugendstreben, um den Quietismus des spanischen Priesters Michael Molinos. 1663 war er in die Stadt der Päpste gekommen, wo er sich in allen Kreisen eines recht großen Ansehens erfreute. Durch seinen Quietismus wollte er die Theorie und Praxis in der Aszese grundlegen und zur Verwirklichung bringen. Eigenes Tun und Streben (Mitarbeit mit der göttlichen Gnade) sei zur Erreichung der christlichen Vollkommenheit nicht notwendig, es genüge eine völlige Ruhe.

 

Man wird verstehen, dass solche Meinungen, die mit allen Auffassungen, die bisher vertreten und gelehrt wurden, gerade wegen ihres hochgeachteten Lehrers große Verwirrung in den Reihen der Gläubigen anrichteten. Nach eingehenden Erwägungen und Erörterungen verurteilte Innozenz durch päpstliche Bulle vom 20. November 1687 in feierlicher Form 68 Sätze, die von der Inquisition aus den Werken Molinos gesammelt und einige Monate zuvor beanstandet worden waren.

 

Gegen die Jansenisten und ihre strengen Forderungen, durch die den Gläubigen der Zutritt zum Tabernakel unnötig erschwert, vielfach sogar versperrt wurde, sprach sich ein Dekret der Konzilskongregation aus, das Bestimmungen über den öfteren und täglichen Empfang der hl. Kommunion erließ. Damit war für die damalige Zeit in der Kommunionpraxis der Kirche ein großer Schritt vorangetan und dem großen eucharistischen Pius X. der Weg bereitet, der die große eucharistische Bewegung unserer Tage einleitete.

 

Zur Gottesmutter trug der Papst eine kindliche Verehrung. Sein ganzes Leben und Wirken durchzieht ein unbegrenztes Vertrauen zur allerseligsten Jungfrau und Mutter des Erlösers. Wie Pius V. gut hundert Jahre zuvor den Seesieg bei Lepanto der mächtigen Schutzherrin zuschrieb, so erklärte Innozenz, die glänzenden Siege und Erfolge über das Türkenheer, die weltgeschichtliche Bedeutung erlangt haben, seien nur der Fürsprache Mariens, der Siegerin in allen Schlachten Gottes, zu verdanken. Der Papst, der Ende 1681 und Anfang August 1683 einen besonderen Ablass, wie er im Heiligen Jahr gewonnen werden kann, ausgeschrieben und die Gläubigen zu besonderen Gebeten aufgefordert hatte, sprach das verschiedentlich aus. Zur dauernden Erinnerung wurde durch ihn die Bruderschaft vom Namen Mariä zum Rang einer Erzbruderschaft erhoben und die Bestimmung getroffen, dass das Fest vom Namen Mariä in Zukunft am Sonntag nach Mariä Geburt zu feiern sei (jetzt am 12. September begangen).

 

Am 12. August 1679 beendete Innozenz XI. seine irdische Pilgerlaufbahn. Die Anteilnahme des Volkes, das zu Lebzeiten des Papstes wegen mancher Maßnahmen sich zurückhielt, war groß. Seine letzte Ruhestätte fand Innozenz in St. Peter.

 

Freund und Gegner stimmen in der Beurteilung seiner Person und seines Wirkens darin überein, dass er einer der edelsten Gestalten auf dem Päpstlichen Stuhl gewesen ist, dass er der bedeutendste Papst im 17. Jahrhundert war. Seine konsequente Haltung in der endgültigen Abwendung der Türkengefahr vom christlichen Abendland wird sein Andenken in der Geschichte immer mit besonderem Glanz umgeben. Der vorbildliche Papst traf schon gleich nach seinem Regierungsantritt eine Reihe Reformmaßnahmen. Von allen Seiten wurde es ihm hoch angerechnet, dass er sich von Nepotismus jeder Art vollständig freihielt.

 

Allgemein wurde es begrüßt, dass schon unter seinem dritten Nachfolger, Klemens XI., der von 1700-1721 die Kirche regierte, der Seligsprechungsprozess für Innozenz XI. in die Wege geleitet wurde. Aber wie Frankreichs König und seine Regierung schon mit dem lebenden Papst in schweren Kämpfen standen, so scheiterte schließlich die Fortführung des Prozesses in erster Linie am Widerspruch der französischen Regierung. Umso mehr ist es Papst Pius XII. zu danken, dass der Prozess wieder aufgenommen wurde und zur Seligsprechung am 7. Oktober 1956 geführt hat.

P. Wilhelm Nathem S.A.C.

„Rosenkranz“, Heft 10, Oktober 1956

 

Gebet am 12. August

 

Sei gegrüßt Gebenedeite,

Die das Licht zur Welt gebracht;

Sei gegrüßt du Hochgeweihte,

Die das Kindlein angelacht;

Sei gegrüßt du Makellose

Mit dem unbefleckten Schoße,

Wo als kleines Kindlein schlief,

Der das All ins Leben rief.

 

Zu Gott auf die Fürbitte der heiligen Johanna Franziska von Chantal

 

Allmächtiger, barmherziger Gott, der Du die heilige Johanna Franziska mit Deiner Liebe entflammt und sie mit einer wunderbaren Geistesstärke in allen Lebensstunden auf dem Weg der Vollkommenheit begabt hast, und durch sie Deine Kirche mit einem neuen Orden hast verherrlichen wollen. Gib uns durch ihre Verdienste und ihre Fürbitte, dass wir, unserer Schwäche uns bewusst, auf Deine Kraft vertrauen, und durch den Beistand der himmlischen Gnade alle Hindernisse überwinden. Wir bitten darum durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Andenken an die seligste Jungfrau

 

Das Fest Unserer Lieben Frau in der Hauptkirche zu Rouen, die Rollon, der Herzog der Normandie um das Jahr 913, wo er getauft und den Namen Robert empfing, hat erbauen lassen, wird am heutigen Tag gefeiert. Papst Klemens VII. hat im Jahr 1530 an diesem Tag die Privilegien des Ordens Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel bestätigt.

Der auf Anordnung des heiligen Franz von Sales durch die heilige Johanna Franziska von Chantal errichtete, und von Papst Urban VIII. im Jahr 1626 gutgeheißene Orden hat den Namen von der Heimsuchung Mariä angenommen, um dadurch anzudeuten, dass er die Tugenden, die Maria bei der Heimsuchung der Elisabeth übte, besonders die Liebe des Nächsten, zur Nachahmung erwählt hat. 

 

Andacht am 12. August:

 

Das Thema im August:

Von der Heiligung unserer Handlungen

"Alle Dinge hat Er gut gemacht." (Markus 7,37)

 

"Das heilige Stundengebet ist eines der hervorragendsten Werke; wenn wir es beten, feiern wir das Lob Gottes; dies aber ist das freudige Amt der Engel. Nimmer also sollen wir es aus Gewohnheit und ohne Frömmigkeit, sondern mit aller Aufmerksamkeit und Gottesfurcht vollbringen." (Die heilige Magdalena von Pazzi)

Diese Heilige konnte das Zeichen zum Chor und zum Psalmengesang nie hören, ohne von heiliger Freude durchdrungen zu werden.

Ein heiliger Ordensmann pflegte im Anfang jedes Psalms zu sprechen: "Himmlischer Vater, gib mir Deinen Geist!" - Wenn der heilige Bonaventura auf den Chor zum Gebet ging, kam es ihm vor, als stände er mitten unter den Engeln und stimme in ihre Gesänge ein.

Ein sehr würdiger Priester fing die kirchlichen Tagzeiten nie an, bevor er nicht zuvor den sieben Hauptsünden und der Zerstreuung entsagt, und einen Akt der Reue und Liebe erweckt hatte. Er opferte dieses Gebet Gott immer in besonderer Absicht, und erneuerte seine Meinung am Ende jedes Psalms. Immer hegte er Akte der Liebe bei den Worten: Herr, Gott, Jesus; dankte dann Gott nach dem Schluss des Gebetes, bat der Fehler wegen, die er dabei begangen hatte, um Verzeihung, und schloss mit den Worten: "Psallieren will ich im Geist, psallieren im Gemüt!"

Eine fromme Klosterjungfrau pflegte ein gutes Mittel gegen die Zerstreuung im Chorgebet anzuwenden. Sie dachte dabei, es steht ihr Schutzengel ihr zur Seite und zeichnet alle Verse auf, die sie mit Andacht spricht; auf der anderen Seite dagegen steht der böse Geist, der sie aufmerksam beobachtet, alle Zerstreuung und Unandacht in sein Buch zu schreiben, die sie sich zu Schulden kommen lässt.

Die heilige Katharina von Bologna sprach: "Wie ist es je möglich, mitten unter den Engeln zu stehen, mit ihnen zu psallieren, und dabei zerstreuten Gemütes zu sein und mit dem Herzen an Dingen der Erde zu kleben!

 

Lehre mich, Herr, wie ich Dich loben soll, und verleihe mir, Dich würdig zu loben! Ich vereinige mich mit den Lobgesängen aller Gerechten im Himmel und auf Erden. Durch Jesus, mit Jesus und wie Jesus will ich bei jedem Anlass und durch alle meine Werke Dich loben! Amen.

 

Ein Gedanke heiliger Dominikaner am 12. August

 

"Die Gebirgswasser fließen naturgemäß in die Täler hernieder;

die göttlichen Gnaden ergießen sich naturgemäß in die Seelen der Demütigen."

 

hl. Ludwig von Granada OP

1504 bis 31.12.1588

 

Betrachtung am 12. August - Die Tugend

 

Gib mir, Herr, dass ich gerade

Wandle auf des Heiles Pfade,

Und von dieser Tugendbahn

Zu dir strebe himmelan.

 

1. Die Tugend ist nichts anderes, als die Ordnung der Liebe. Tugendhaft sind wir, wenn wir, was höher und wichtiger ist, inniger, - was geringer ist, weniger lieben, und einer Sache nie größere Liebe schenken, als sie ihrer würdig ist. Der höchste Rang in dieser Liebe gebührt Gott, sowohl wegen seiner selbst, als wegen der zahllosen Wohltaten, mit denen er uns begnadete. Den zweiten Rang nimmt unsere eigene Seele ein, die nach Gott uns das Teuerste sein muss. Den dritten das Heil anderer Seelen. Und dann erst folgt das Wohl unseres Körpers, hierauf aber das zeitliche Wohl des Nächsten. Die höchste Tugend eines vernünftigen Geschöpfes also ist, jede Sache so hoch zu achten, als sie es verdient. 

 

2. Dankbar sprach die heilige Braut von ihrem göttlichen Bräutigam: "Er ordnet die Liebe in mir!" (Hohelied 2) Das heißt, er verlieh mir, die rechte Ordnung in der Liebe zu halten, und besonders zu lieben, was besonderer Liebe würdig ist, das übrige aber im Verhältnis, als es die Liebe einer unsterblichen Seele verdient. In der Beobachtung dieser Ordnung besteht alle Gerechtigkeit und Vollkommenheit. Bitten wir täglich um diese Gnade zum Herrn. Denn worin anders liegt unsere Sündhaftigkeit, als dass wir auf verkehrte Weise lieben, und geringen und verächtlichen Dingen eine Liebe zuwenden, die sie nicht verdienen, und dagegen ohne Vergleich weniger lieben, was wir vor allem anderen lieben sollten. 

 

3. In so wunderbarem Einklang steht die Liebe Gottes und die Liebe zu unserer eigenen Seele, dass Gott nichts wohlgefällig ist, wenn es nicht auch zugleich unserer Seele heilsam ist. Denn wer immer Gott genug tut, sorgt dadurch für seine Seele, und wer immer für seine Seele sorgt, tut dadurch auch Gott genug, da durch Gottes unendliche Güte unser eigener wahrer Nutzen Gott das wohlgefälligste Opfer wird. Diese Ordnung hielten alle Gerechten so vollkommen, dass sie lieber das Leben lassen, als von ihr weichen wollten. Ihnen aber müssen wir nachfolgen, denn nie mehr sonst werden wir gerecht und selig werden. "Die Liebe ist das Halten der Gebote! Erfüllen der Gebote sichert Unvergänglichkeit, und Unvergänglichkeit bringt in Gottes Nähe." (Weisheit 6,18+19)

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>> Heiligen-Legende <<

 

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Die heilige Kümmernis

 

Im Mittelalter war St. Kümmernis (auch St. Wilgefort genannt) eine hochverehrte Heilige in Südtirol, zu der die Gläubigen mit allen geistigen und leiblichen Nöten (Kümmernissen) kamen, besonders Liebende nahmen gerne ihre Hilfe in Anspruch.

Legende: St. Kümmernis war die Tochter eines heidnischen Königs von Sizilien. Sie bekehrte sich zum christlichen Glauben. Der Vater wollte sie mit einem heidnischen König verheiraten, doch die Heilige weigerte sich. Darauf ließ der Vater in den Kerker werfen und mit glühenden Zangen peinigen um sie umzustimmen. Doch St. Kümmernis bat Jesus, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie zur Ehe begehre. Jesus erhörte sie und gab ihr das Aussehen eines Mannes. Der Vater, der darob erzürnt war, ließ sie mit einem elenden Rock bekleidet ans Kreuz schlagen. St. Kümmernis lobte Gott und predigte drei Tage lang vom Kreuz das Christentum, so dass sich sogar ihr Vater bekehrte. Zur Sühne baute er eine Kirche und ließ darin das Bild seiner Tochter aufstellen. 

 

Gebet

 

zur heiligen Jungfrau und Martyrin Wilgefort oder Kümmernis

in einem besonderen Anliegen zu sprechen (18. Jahrh.)

 

O du glorwürdige Martyrin und auserwählte Gespons Jesu Christi, heilige Kümmernis! mit großem Vertrauen fliehe ich zu dir, und mit herzlicher Andacht rufe ich dich um deine Hilfe und Fürbitte an. Du weißt und siehst in Gott, in was für einem großen Anliegen ich stecke, und wie mein betrübtes Herz mit so viel Qual und Kümmernis erfüllt ist. Dieses mein großes Herzeleid lege ich vor deinem Kreuze nieder, und bitte, du wollest es mit gnädigen Augen ansehen, und die Betrübnis lindern. Du kannst mich gar leicht von dieser meiner Qual erretten, weil dir dein liebster Bräutigam Jesus Christus keine billige Bitte zu versagen versprochen hat; denn, als du am Kreuz hangend ihn batest, dass er alle Notleidende, die deine Marter ehren, und dich um deine Fürbitte anrufen werden, von ihren innerlichen und äußerlichen Anliegen und Betrübnissen erretten wolle, hat er deine Bitte erhört, und dein Begehren durch eine himmlische Stimme bekräftigt. Eja dann, o liebe heilige Kümmernis! ich bitte dich, durch deine heilige Jungfrauschaft, durch dein heiliges tugendhaftes Leben, und durch deine schmerzliche Annagelung an das Kreuz, erhöre meine demütige Bitte, und tröste mich in meiner großen Betrübnis; ich werde nicht nachlassen zu dir zu seufzen, und dich mit meinem ungestümen Bitten und Begehren zu plagen, bis du dich endlich meiner erbarmst, und mich von meiner Herzens-Betrübnis erledigst. Ich verspreche dir entgegen, dass ich gegen dich allzeit ein dankbares Gemüt tragen, dich lieben und ehren werde. Verlasse mich nur nicht, o meine auserwählte Patronin! sondern sende mir einen Trost, den ich von dir hoffend mich deinem Schutz und Gnade ganz und gar ergebe. Amen.

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Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerdings das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“