Heilige des Tages

 

Man kann die Taten der Heiligen und der Martyrer nicht lesen, ohne im Innersten angerührt zu werden. Sie sind unsere Vorbilder. Die Menschen, die einen anderen Weg gehen, als den der Heiligkeit und der Nachfolge Christi, sind schnell verzweifelt und ohne Hoffnung. Es gibt keinen Mittelweg für die Ewigkeit! Es gibt entweder die Glückseligkeit oder die Unglückseligkeit. Die Glückseligkeit ist der Lohn der Nachfolge Jesu und Mariä und aller Heiligen, die Unglückseligkeit der Lohn der Sünde und Lauheit. Wer auf Erden sich um Heiligkeit bemüht, wird zu der Zahl der Heiligen im Himmel dazugerechnet. Ich werde demnach in der Ewigkeit sein, der ich im Leben gewesen bin. Und für die Wahrheit dieser Gedanken steht eine Wolke von unendlich vielen Zeuginnen und Zeugen.

Matthias Hergert

 

24. August

 

Der heilige Theoderich, Abt von Andain bei Lüttich,

+ 24.8.1087 - Fest: 24. August

 

In Belgien lebte vor etwa 900 Jahren eine fromme Soldatenfrau, die einen sonderbaren Traum hatte. Sie träumte, sie gehe in priesterlicher Kleidung an den Altar, lese die Heilige Messe, gebe dem Volk den Segen, und ziehe dann in der Sakristei das Messgewand wieder aus, als sei sie das schon lange gewöhnt. Eine gottselige Person, der sie es erzählte, legte dem Traum die Bedeutung bei, dass das Kind, das Gott ihr schenken werde, von Gott zum Priester bestimmt sei. Wirklich bekam sie bald darauf einen Sohn, dem in der heiligen Taufe der Name Theoderich gegeben wurde. Als er ungefähr sieben Jahre alt war, kamen die beiden Eheleute miteinander in Streit wegen des Jungen; der Vater wollte, dass Theoderich auch einmal Soldat wird wie er, und die Mutter wollte, dass er studieren und geistlich werden soll. Da geschah es einmal, dass beim Auftragen die kochende Fleischbrühe dem Jungen über die linke Schulter und den Arm geschüttet und er so verbrannt wurde, dass sich die Haut vom Fleisch loslöste. In der Meinung, das Kind werde sterben, brach die Mutter in heftige Klagen aus, das sei die Strafe dafür, dass der Vater den Jungen verhindere, sich Gott zu weihen. Als der Junge wiederhergestellt und der Vater auf einige Zeit abwesend war, ließ sich die Mutter nicht mehr abhalten, Theoderich in die lateinische Schule zu schicken. Als der Mann nach Hause kam und erfuhr, was vorgegangen war, ging er selbst in die Schule und führte seinen Sohn hinaus. Am gleichen Tag stieg der Junge, wahrscheinlich aus Langeweile, auf das Dach, fiel herab und brach sich den linken Arm. Jetzt konnte der Vater den bitteren Vorwürfen seiner Frau nicht mehr widerstehen und er willigte ein, dass Theoderich zum geistlichen Stand erzogen werde.

 

Der Junge wurde nun in ein Kloster gegeben; hier erweckte sein musterhaftes Benehmen große Hoffnungen. Er ging mit gesenkten Blicken, hatte stets eine würdige Haltung, war stets angemessen in seinen Reden, lachte selten, wohl traf man ihn aber manchmal in Tränen an. Keine Stunde ließ er unbenutzt vorübergehen, so dass er bald durch seine vielen Kenntnisse der ausgezeichnetste Schüler war. Er wählte auch das Ordensleben und wurde in kurzer Zeit das Vorbild aller Mönche; er erreichte gerade dadurch eine hohe Stufe der Vollkommenheit, dass er das Gute, was er bei einzelnen bemerkte, insgesamt nachahmte, des einen Demut, des andern Liebe, das Fasten und Wachen des dritten, des vierten Ausdauer im Gebet. Als Theoderich später zum Priester geweiht wurde, wozu man ihn gleichsam nötigen musste, weil er in seiner Demut sich für unwürdig hielt, fing er noch viel eifriger an, Gott zu dienen. Von nun an aß er bis zu seinem Tod (beinahe 50 Jahre lang) täglich nur ein einziges Mal; selbst in der Krankheit war er nicht zu bewegen, den Bußgürtel abzulegen. In der Heiligen Schrift las er so anhaltend, dass er sie auswendig hersagen konnte. Sein Scharfsinn, seine Kenntnisse und seine Begabung zu Lehren machten ihn auch so berühmt, dass er von mehreren Klöstern begehrt wurde, um in ihnen eine Zeitlang geistlichen Unterricht zu erteilen.

 

Nun war der Abt des Klosters Sankt Hubert gestorben; Ordnung und klösterliche Zucht waren in Verfall geraten, und es handelte sich darum, wieder einen besseren Geist einzuführen. Dazu schien aber kein Mann tauglicher als Theoderich, und er wurde deshalb zum Abt ernannt. Da er selbst aber diesem Amt nicht gewachsen zu sein glaubte, und weil die Vorsteher die allerschwerste Verantwortlichkeit haben, fiel er mehrmals dem Bischof zu Füßen und bat ihn dringend mit Schluchzen und Tränen, ihm doch nicht eine solche Last aufzulegen. Aber es wurde auf die Wahl bestanden und Theoderich wurde zum Abt geweiht. Als er nun sein Amt antrat, fand er in Sankt Hubert die größte Unordnung. Die Mönche waren verdorben, taten worauf sie Lust hatten, waren unwissend und zum Teil roh. Theoderich gab sich nun alle Mühe, durch sein Beispiel, durch freundliches Zureden, durch Vorhalt und Strafe, durch Predigten und durch sein Gebet die Mönche auf einen besseren Weg zu bringen. Aber es schien alles vergebens; die sittenlosen Mönche verlachten ihren Abt oder leisteten offenen Widerstand. Insbesondere waren es einige, die voll Dünkel auf ihre vornehme Geburt sich durch Ungehorsam und Verachtung der Klosterregeln auszeichneten. Ihr Rädelsführer war Lambert, ein hochmütiger, zuchtloser Mönch; der hetzte noch die anderen auf, fügte offen und insgeheim dem Abt Schwierigkeiten zu, verteidigte die schuldigen Mönche und widersprach allem, was der Abt sagte, mit bissigen Reden. Theoderich ertrug die vielen Beleidigungen mit aller Geduld und versuchte durch Gebet, durch Zureden, durch Vorstellungen von ewiger Seligkeit und ewiger Verdammung diesen boshaften Menschen zu bessern; aber er wurde im Gegenteil immer noch schlimmer.

 

Man hört oft über solche Menschen, wie Lambert, das Urteil sprechen: „An dem ist alles umsonst, der ist schlecht und bleibt schlecht; es ist eine Torheit, ihm noch zuzureden.“ Selbst Geistliche entschuldigen sich oft in ihrem Herzen damit, wenn sie sich lieber mit frommen Personen abgeben und sich nicht weiter um die anderen, die unbequem sind, kümmern. Das ist aber ganz unchristlich und bei einem Seelsorger pflichtvergessen. Die Gnade Gottes ist stark genug, um auch das verhärtetste Herz aufzuweichen. Man muss an keinem Sünder verzweifeln; manchmal hat sich ein großer Sünder schon bekehrt und ist ein viel besserer Christ geworden, als diejenigen, die früher geglaubt haben, er sei ganz und gar schon dem Teufel verfallen. Hast du einen lasterhaften Menschen um dich, so höre niemals auf, durch Gebet und Ermahnung auf ihn einzuwirken; wenn er auch lange darüber schimpft und spottet, vertraue auf das Wort Jesu Christi: „Bei Gott ist alles möglich.“

 

Schon zwei Jahre lang hatte der Unfug des Lambert und seiner Gesinnungsgenossen gedauert, als sie eine neue Feindseligkeit gegen ihren Abt ausdachten; sie beredeten sich nämlich, dem heiligen Abt nicht einmal die übliche Reverenz mehr zu machen und beim gemeinsamen Chorgebet die Benediktion nicht von ihm zu verlangen. Lambert schritt in übermütiger Haltung und hochmütigem Blick einher; da er aber in die Nähe des heiligen Abtes kam, berührte ihn plötzlich der Finger Gottes. Er fing an zu zittern, verbeugte sich demütig vor Theoderich, ging in seinen Stuhl; es wurde ihm hell vor den Augen seines Geistes, wie schlecht er bisher gehandelt habe, und er fing an bitterlich zu weinen, so dass es allen Mönchen auffiel. Nach dem Chorgebet ging der reuige Sünder zu dem Abt, fiel ihm zu Füßen, bekannte unter Tränen sein großes Unrecht und bat um Verzeihung. Zugleich begehrte er die Erlaubnis, das Kloster mit einem anderen vertauschen zu dürfen, denn er habe durch seine schweren Sünden schon zu oft diesen heiligen Ort verunreinigt, als dass er noch würdig sei, länger hier zu verweilen. Da er auf seiner Bitte beharrte, gab ihm Theoderich die Erlaubnis und den Segen und begleitete ihn unter vielen Tränen bis zu den Pforten der Kirche.

 

In aller Frühe machte sich Lambert allein auf den Weg, mit viel bitterem Schmerz und Jammer im Herzen über die Schwierigkeiten, die er dem heiligen Mann zugefügt hatte. In einem Kloster, wo er einkehrte, hielt ihn der Abt zurück. Hier führte er nun ein sehr strenges Bußleben; er trug einen eisernen Gürtel um den Leib, machte sich Fesseln an Hände und Füße, büßte mit fortwährendem Wachen, Fasten, Weinen und Beten, bis er nach zwei Jahren versöhnt mit Gott starb. Auch viele andere Mönche kamen nach der Bekehrung des Lambert durch die Gnade Gottes und das Gebet des heiligen Theoderich zur Sinnesänderung und unterwarfen sich seiner Anordnungen. Nur einige wenige verharrten im Bösen und verließen das Kloster. Wie dieses vorher in üblem Ruf stand, so kam es jetzt durch die Bemühungen des heiligen Theoderich wegen seiner guten Zucht in großes Ansehen und in jeder Beziehung zu großer Blüte.

 

Nachdem das Kloster zu einer festen Ordnung gekommen war, wollte Theoderich eine Wallfahrt nach Rom machen. Er führte sie mit großer Strenge aus, indem er den weiten Weg selbst über die schneebedeckten Alpen ganz zu Fuß und zwar barfuß machte. In Rom verrichtete er am Grab des heiligen Petrus seine Andacht und besuchte dann auch noch die übrigen heiligen Orte. Bei der Rückkehr lösten sich ihm alle Nägel von den Zehen, dennoch ließ er nicht ab von seinen gewohnten Übungen auf der Reise, seinem Fasten und Psalmen-Beten.

 

Es wird nun in dem Leben des heiligen Theoderich noch umständlich erzählt, wie er auch für die äußerliche Ausstattung und Erweiterung des Klosters sehr vieles getan hatte, und wie schon zu seinen Lebzeiten auffallende Wunder und Heilungen geschehen sind, besonders wenn er um sein Gebet ersucht wurde.

 

Theoderich erkrankte auf einer Geschäftsreise; man musste ihn auf einer Sänfte ins Kloster zurücktragen. Ungeachtet seines Elendes aber zwang er seinen sterbenden Leib, in Psalmen und göttlichem Lob dem Herrn zu dienen, wie er es in gesunden Tagen gewöhnt war. Auch blieb er in der schweren Krankheit stets bei der Übung, nur einmal am Tag zu essen. Als man ihm zuredete, er möge wenigstens seinen Bußgürtel in der Plage der Krankheit ablegen, da erwiderte er unwillig: „Seid nicht aus Barmherzigkeit unbarmherzig gegen einen Mann, der auf der Reise zu Christus ist. Für seine Diener geziemt es sich nicht anders, als im Bußkleid und in Asche zu sterben.“ Da alle Brüder bekümmert und jammernd um ihren sterbenden Vater herumstanden, ließ er sich im Bett aufrichten und die priesterliche Stole umlegen und gab allen Angehörigen des Klosters Segen und Absolution und sprach Verzeihung aus für alle, die ihn je beleidigt oder ihm Übles nachgeredet haben. Er sagte dann zu den klagenden Brüdern: „Wenn ihr mich liebt, so müsst ihr euch freuen, da ich von der Arbeit zur Ruhe, vom Elend zur Freude eingehe, wie ich durch die Barmherzigkeit Gottes hoffe. Was aber die Trennung betrifft, so wird es nicht lange dauern, dass auch ihr zu mir kommt.“ Zuletzt wandte er sein Gesicht gegen die Wand, als wolle er jetzt nichts mehr mit irdischen Dingen zu tun haben und flüsterte noch mit sterbenden Lippen anhaltend Lobgebete zu Gott. Ja, als schon alle Glieder des Körpers kalt und gleichsam tot waren und fast kein Leben mehr in ihm war, betete er immer noch Psalmen. Zum Trost und zur Hilfe des Sterbenden wurde in seinem Zimmer das heilige Messopfer gefeiert; als der Priester gerade das letzte Gebet sprach, gab er den Geist auf im 80. Jahr seines Alters.

 

Der Mönch, der das Leben des heiligen Theoderich geschrieben hatte und ihn persönlich kannte, schreibt am Schluss: „Jetzt, Gott sei Dank, genießt er die Güter, nach denen er stets getrachtet hat. Sein Fleisch hat er gekreuzigt samt den Fehlern und Lüsten dieser Welt; nun wohnt er in Freude bei dem, der für die Menschen gekreuzigt worden ist; der Leib wurde durch Fasten und Züchtigungen abgemagert, jetzt wird er gesättigt mit den Freuden der Herrlichkeit Gottes. Zeitlich betrübt, freut er sich ewig; die Tränen weniger Tage werden ihm bezahlt mit ewigem Jubel. Die schwarze Kutte hat er jetzt vertauscht mit weißen Kleidern. O glücklicher, wünschenswerter Tausch! Vergängliches hat er hingegeben, Ewiges empfangen; Irdisches hat er verkauft, Himmlisches eingetauscht. O glücklicher, über die Mühen dieses Lebens hinaus gelangter Theoderich! Weil er gesetzmäßig gekämpft hat, ist er nach Verdienst gekrönt mit der Krone der Unsterblichkeit von unserem Herrn Jesus Christus, der lebt und regiert als Gott durch alle Zeit und Ewigkeit. Amen.“

 

Die ehrwürdige Agnes Steiner, Klarissen-Äbtissin,

+ 24.8.1862 – Gedenktag: 24. August

 

Im Osten Tirols ragt das alte Schloss Welsberg. Nahe daran winkt freundlich die Pfarrgemeinde Taisten. Dort im Wiesengrund steht das Lahnerhaus, freilich nicht hoch und gewaltig wie das Schloss Welsberg, doch gar friedlich heimelt es an als Heimat der ehrwürdigen Agnes Steiner, die hier im kleinen Kämmerlein das Licht der Welt erblickte am 29. August 1813. Eben hundert Jahre später, am 29. August 1913 gelang mir (dem Josef Liensberger) der Gang nach Taisten, in ihr Heimathaus.

 

Frühzeitig erblühte im Herzen Theresias – das war ihr Taufname – kindliche Liebe zur himmlischen Mutter. Als ihr ein Liebfrauenbild geschenkt wurde, war sie fast außer sich vor Freude und wollte kaum aufhören, es unverwandten Blickes zu betrachten. Oft fanden die Verwandten sie kniend vor dem Bild der lieben Mutter Gottes. Noch lieber eilte die Kleine hinüber zur Pfarrkirche, wo vom Hochaltar lieblich das Bild „Mariahilf“ leuchtet. Nahe diesem Altar empfing Theresia im 10. Lebensjahr die erste heilige Kommunion und sie genoss fortan oft das lebendige Himmelsbrot. Als ihr am Fest der Erscheinung des Herrn 1826 wieder die Gnade der heiligen Kommunion zuteilwurde, schaute sie, vom himmlischen Licht erleuchtet, klar das Opfer der Weisen zu Bethlehem und wollte dem göttlichen Heiland auch ein Opfer darbringen: das Gelöbnis beständiger Jungfräulichkeit. Seither gewann sie noch tieferen Einblick in Gottes Macht und Heiligkeit und ins eigene Nichts. Um so großen Gnaden leichter entsprechen zu können, stellte sie sich noch inniger unter den Schutz der himmlischen Mutter:

Jungfrau, Mutter Gottes mein,

Lass mich ganz dein eigen sein!

 

Dieser Schutz war wohl nötig in den vielen inneren und äußeren Leiden, die bald über sie hereinbrachen. Eine Wallfahrt nach Absam brachte neuen Mut und Trost. Obwohl erst 18 Jahre alt, fühlte sich Theresia nun mächtig angeregt, den Kranken und Sterbenden beizustehen, ihnen leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit zu erweisen mit Hilfe Marias, dieser Mutter der Barmherzigkeit.

 

Dem klaren Ruf Gottes gemäß sollte Theresia Klosterfrau in Italien werden. Doch ihre Mutter und die Verwandten wehrten ab, hielten sie mit allen möglichen Mitteln zurück. In solcher Bedrängnis machte Theresia die Wallfahrt nach Trens, kniete da viele Stunden lang vor dem Gnadenaltar und sah, wie die himmlische Mutter ihr Blicke voll Liebe und Mitleid zuwandte. Wirklich gelang bald die Reise nach Assisi. Am 26. November 1838 erreichte Theresia glücklich die Heimat des heiligen Franziskus und fand ihr neues Heim im Kloster der bayerischen Nonnen, so nahe dem altehrwürdigen Kirchlein „Maria, von den Engeln“.

 

Als Schwester Agnes erhielt sie am 26. Juli 1839 das Ordenskleid und konnte am 6. Juni 1841 feierliche Profess ablegen. Seit der Profess vertiefte sie sich noch inniger in die Betrachtung des bitteren Leidens Christi, sah vor allem lebhaft, wie der göttliche Heiland ans Kreuz genagelt wurde, und bat inständig die schmerzhafte Mutter:

 

Heil`ge Mutter, drück die Wunden,

Die dein Sohn für mich empfunden,

Tief auch meinem Herzen ein!

 

Im Sommer 1842 schrieb Agnes: „Ich bete für die Sünder, gemäß dem Auftrag des Gehorsams, und betrachte das Leiden Christi. Die Mutter Gottes sagte mir einmal, ihr göttlicher Sohn müsse die Welt strafen wegen des großen Undankes, der Sünden und des schwachen Glaubens der Christen. Ich flehte, weinte und beschwor den ewigen Vater, sich durch Jesu Blut besänftigen zu lassen und die Hand von den angedrohten Geißeln, die ich über uns erblickte, zurückzuziehen. Nach langer Zeit, da ich so betete, erhob sich die seligste Gottesmutter, trat zu den Füßen Jesu und flehte um Barmherzigkeit, indem sie ihm ihre Schmerzen vorstellte. Da legte sich sogleich die Hand des Allmächtigen, ich weiß aber nicht, auf wie lange Zeit.“

 

Im Januar 1848 als Oberin des Klarissen-Klosters zu Nocera bestimmt, bemühte sich Agnes, durch Gebet und Arbeit, Geduld und Demut, allen voranzuleuchten auf dem Weg der Vollkommenheit, aber auch hier ihre Lebensaufgabe treu im Auge zu behalten: das sühnende Leiden. Sie vernahm nicht umsonst das Wort der himmlischen Mutter: „Opfer will der Herr von dir!“ All die zahlreichen inneren und äußeren Leiden opferte sie willig auf, Gottes Strafgericht möglichst abzuwenden. Mitten in Trübsalen erschien sie doch fröhlich, bewahrte die Freude im Herrn auch während ihrer letzten Krankheit.

 

Am hohen Fest Mariä Himmelfahrt schilderte sie noch lebhaft, wie die Chöre der Engel und Heiligen der glorreichen Himmelskönigin huldigen und sagte zum Trost der Schwestern, dass die Himmelskönigin ihr mächtigen Schutz für das Kloster versprochen habe. Am Fest des reinsten Herzens Mariä genoss sie morgens noch voll Freude des Herzens das lebendige Himmelsbrot, ja, beim Empfang der heiligen Hostie strahlten ihre Augen gleich Sternen. Am Abend dieses Festes – 24. August 1862 – erfüllte sich ihr bestimmtes Wort: „Heute holt die Mutter Gottes mich ab.“ Welch fröhlicher Heimgang der Seele ins himmlische Vaterhaus! Durch die Straßen Noceras verbreitete sich die Botschaft: „Die heilige Äbtissin ist gestorben.“ Ihr Leib sollte in neuer Gruft der Klosterkirche ruhen, sinnreich unter dem Bild der himmlischen Mutter, war ja Agnes stets durchdrungen von kindlicher Liebe zu Maria, konnte recht vertraulich im Sinne des innigen Liedes zu Mutter Gottes sagen:

 

Du bist ja die Mutter,

Dein Kind will ich sein,

Im Leben und Sterben

Dir einzig allein!

 

Gebet am 24. August

 

Taube mit dem Hoffnungszweige,

Braut der Herrn, Königin!

Gnadenreiche Jungfrau, neige

Deine Blicke auf uns hin;

Lasse du den Weg die Blinden

Zu dem Herzen Jesu finden;

Hebe sie zu ihm empor,

Öffne du das Gnadentor.

 

Zu Gott

 

O Gott, der du deine Kirche durch das Andenken an deinen heiligen Apostel Bartholomäus erfreust, wir bitten dich, lass uns allezeit das glauben und befolgen, was er gelehrt hat, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Andenken an die seligste Jungfrau

 

An diesem Tag pflegte eine große Menge Wallfahrer aus Deutschland, Kroatien, Slavonien, Ungarn und von den türkischen Grenzen nach Neustift, einem Ort in der Steiermark, nicht weit von Petau, zu kommen, um dort die heiligste Mutter Gottes in ihrem durch beständige Wunder berühmten Bildnis zu verehren. Dieses Bild stellt die seligste Jungfrau in einer steinernen großen Statue vor, wie sie das Kindlein Jesus mit der Linken hält und mit der rechten Hand den Mantel so weit ausbreitet, dass darunter 60 kleinere Statuen von Stein, die alle Stände und Gattungen der Menschen abbilden, geraumen Platz haben. Es wird insgemein der Berg der Gnaden genannt.

Am heutigen Tag wurden auch im Jahr 1551 vom Papst Julius III. die Bruderschaft des Rosenkranzes und die schon verliehenen Ablässe durch eine neue Bulle bestätigt.

 

Die heilige Kümmernis

 

Im Mittelalter war St. Kümmernis (auch St. Wilgefort genannt) eine hochverehrte Heilige in Südtirol, zu der die Gläubigen mit allen geistigen und leiblichen Nöten (Kümmernissen) kamen, besonders Liebende nahmen gerne ihre Hilfe in Anspruch.

Legende: St. Kümmernis war die Tochter eines heidnischen Königs von Sizilien. Sie bekehrte sich zum christlichen Glauben. Der Vater wollte sie mit einem heidnischen König verheiraten, doch die Heilige weigerte sich. Darauf ließ der Vater in den Kerker werfen und mit glühenden Zangen peinigen um sie umzustimmen. Doch St. Kümmernis bat Jesus, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie zur Ehe begehre. Jesus erhörte sie und gab ihr das Aussehen eines Mannes. Der Vater, der darob erzürnt war, ließ sie mit einem elenden Rock bekleidet ans Kreuz schlagen. St. Kümmernis lobte Gott und predigte drei Tage lang vom Kreuz das Christentum, so dass sich sogar ihr Vater bekehrte. Zur Sühne baute er eine Kirche und ließ darin das Bild seiner Tochter aufstellen. 

 

Gebet

 

zur heiligen Jungfrau und Martyrin Wilgefort oder Kümmernis

in einem besonderen Anliegen zu sprechen (18. Jahrh.)

 

O du glorwürdige Martyrin und auserwählte Gespons Jesu Christi, heilige Kümmernis! mit großem Vertrauen fliehe ich zu dir, und mit herzlicher Andacht rufe ich dich um deine Hilfe und Fürbitte an. Du weißt und siehst in Gott, in was für einem großen Anliegen ich stecke, und wie mein betrübtes Herz mit so viel Qual und Kümmernis erfüllt ist. Dieses mein großes Herzeleid lege ich vor deinem Kreuze nieder, und bitte, du wollest es mit gnädigen Augen ansehen, und die Betrübnis lindern. Du kannst mich gar leicht von dieser meiner Qual erretten, weil dir dein liebster Bräutigam Jesus Christus keine billige Bitte zu versagen versprochen hat; denn, als du am Kreuz hangend ihn batest, dass er alle Notleidende, die deine Marter ehren, und dich um deine Fürbitte anrufen werden, von ihren innerlichen und äußerlichen Anliegen und Betrübnissen erretten wolle, hat er deine Bitte erhört, und dein Begehren durch eine himmlische Stimme bekräftigt. Eja dann, o liebe heilige Kümmernis! ich bitte dich, durch deine heilige Jungfrauschaft, durch dein heiliges tugendhaftes Leben, und durch deine schmerzliche Annagelung an das Kreuz, erhöre meine demütige Bitte, und tröste mich in meiner großen Betrübnis; ich werde nicht nachlassen zu dir zu seufzen, und dich mit meinem ungestümen Bitten und Begehren zu plagen, bis du dich endlich meiner erbarmst, und mich von meiner Herzens-Betrübnis erledigst. Ich verspreche dir entgegen, dass ich gegen dich allzeit ein dankbares Gemüt tragen, dich lieben und ehren werde. Verlasse mich nur nicht, o meine auserwählte Patronin! sondern sende mir einen Trost, den ich von dir hoffend mich deinem Schutz und Gnade ganz und gar ergebe. Amen.

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Über die Heiligen der Kirche

 

Obgleich die verklärten Freunde Gottes, die wir als Heilige ehren, schon lange vorher diese Erde verlassen haben, ehe wir sie erblickten, obgleich sie zu Tausenden schon in den ersten Zeiten des Christentums den siegreichen Tod der Blutzeugen starben, einen Tod besser als alle Leben, weil er Wiedergeburt bedeutet zum wahren Leben, obgleich diese Seligen schon lange den Tag der Verherrlichung sehen, der ewig nicht aufhört und nicht wechselt: so sind wir dennoch mit ihnen in einer zwar unsichtbaren, aber engen und heiligen Verbindung. Sie sind Freunde Gottes, und wer ist ein Christusjünger, ohne ein Freund Gottes zu sein?

Sie sind Glieder des Leibes Christi – wir sind es auch!

Was die Heiligen besitzen, das erwarten wir.

Was sie nicht mehr verlieren können, können wir erlangen.

Sie schauen von Angesicht zu Angesicht, wir schauen wie in einen Spiegel.

Sie sehen und wir glauben.

Sie besitzen und wir hoffen.

Sie lieben und – was für ein schöner Gedanke! – auch wir lieben, lieben denselben Vater.

Sie lieben weil sie heilig sind, wir lieben, um heilig zu werden.

Und diese Liebe, die die Seele des gesamten Christentums ist, sie ist das starke Band, das die Kämpfer auf Erden mit den Siegern im Himmel verbindet. Darum schreibt der heilige Paulus an die Epheser: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.

 

Wir wollen an jedem Tag dem Herrn für die seinen Heiligen erwiesenen Gnaden danken. Wir wollen uns bemühen, ihre Tugenden nachzuahmen. Wir sehen von der Kirche uns vor Augen gestellt die zahllose Schar der Heiligen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeden Standes. Vereinigen wir uns mit ihnen im Lobpreis Gottes, danken wir mit ihnen dem Herrn, dass er so mächtig seine Barmherzigkeit an ihnen und an uns erwiesen hat.

 

An allen Festen, die wir zu Ehren der Heiligen begehen, bezieht sich aber die höchste Verehrung immer auf Gott. Die den Heiligen erwiesene Ehre bezweckt nichts anderes, als Gott allein zu preisen, da von ihm die Heiligen all ihre Vorzüge und Tugenden erhalten haben. Und wenn wir zu ihnen beten, wollen wir nichts anderes, als dass sie beim Herrn unsere Fürsprecher sein mögen. Die Heiligen ehren, heißt also nichts anderes, als Gott in ihnen und durch sie ehren, es heißt nichts anderes, als Jesus Christus, den Gottmenschen, den Weltheiland, den König aller Heiligen, die Urquelle ihrer Heiligkeit und Herrlichkeit ehren, denn in seinem Blut haben sie ihre Gewänder gewaschen, ihm haben sie ihre Reinheit und den Glanz ihrer Herrlichkeit zu verdanken. Ihre Tugenden betrachten wir als Nachgebilde dieses göttlichen Urbildes, als Abdrücke seiner Tugenden in ihnen durch die Ausgießung seines Geistes und seiner Gnade.

 

Jede der an Jesus Christus hervorleuchtenden Tugenden finden wir an irgendeinem Heiligen nachgebildet: Wir bewundern

sein verborgenes Leben in der gänzlichen Weltabgeschiedenheit der Einsiedler,

seine makellose Reinheit an den Jungfrauen,

seine Geduld und Menschenliebe diesen Heiligen,

seinen Eifer an jenen Heiligen,

an allen Heiligen schließlich irgend einen Grad jener Fülle aller Tugend und Heiligkeit, die nur ihm, dem Allerheiligsten, eigen ist.

 

Doch nicht nur Nachgebilde des Lebens und Geistes Jesu sind die Tugenden der Heiligen, sie sind auch der Preis seines Blutes, sie sind seine Gaben, seine Gnaden. Wenn wir also die Heiligen verehren, ehren wir den Urheber alles Guten selbst, so dass man mit Recht sagen kann, alle Feste der Heiligen sind zur Ehre Gottes und besonders zur Verehrung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus eingesetzt.

 

Wenn wir also die Feste der Heiligen feiern, soll unsere Andacht hauptsächlich darin bestehen, dass wir Gott loben und ihm danken für die unendliche Güte, die er so glänzend an seinen Auserwählten bewiesen hat, und dass wir uns zum Lob Gottes mit diesen seligen Himmelsbürgern vereinigen.

Wie viele heilige Frauen und Männer haben der Welt und ihren Vergnügungen entsagt, um sich ganz Gott hinzugeben. Darin schöpfen alle Dienerinnen und Diener Gottes ihre Kraft, mit der sie auf dem Glaubensweg voranschritten, darin finden sie eine übergroße Freude und auch Genuss hier und in der Ewigkeit. Zwar können auch die Heiligen nicht, Gott unausgesetzt mit Mund und Herz hier auf Erden loben, aber sie streben doch nach diesem einzigartigen Ziel mit aller Sehnsucht ihres Herzens.

 

Neben den lieben Heiligen, preisen wir Gott und danken ihm schließlich für alle Geschöpfe, die er seit der Zeit, als er die Welt aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat, und für alles Wundervolle und Schöne, das er in ihnen und für sie wirkte. Daher loben und preisen der Psalmist und die Propheten so oft die Wunderwerke des Herrn und laden alle Geschöpfe ein, seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Vor allem aber ist der Herr wunderbar in seinen Heiligen. Mögen Reiche durch Umwälzungen zu Grunde gehen, mögen Städte zerstört und Völker vertilgt werden, der Herr hat nichts anderes im Auge, als das Heil seiner Auserwählten. Durch verborgene aber wunderbare Fügung seiner Weisheit wirkt er denen, die ihn lieben, alles zum Guten (Röm 8,28). Für sie wird er am Weltende die bösen Tage abkürzen (Mk 13,20). Zu unserer Heiligung hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, für uns wurde er geboren, für uns verkündete er seine Lehre, wirkte Wunder, für uns vollbrachte er die hohen Geheimnisse, setzte er die Sakramente ein, opferte am Kreuz sein Leben hin, für uns stiftete er auf Erden seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, und gab ihr seinen immerwährenden Beistand. Was für erstaunliche Werke tut der Herr, um einen Sünder zu suchen, um eine Seele zu heiligen! Aus nichts sonst leuchtet mehr die Güte und die Barmherzigkeit und die Macht Gottes hervor, als aus dem unbegreiflichen Erlösungswerk! Die Erschaffung des Weltalls kann mit dem Heil EINER Seele, das durch den Tod Jesu bewirkt worden ist, nicht verglichen werden. Gleichwie er sorgte für das Heil aller Menschen, auf dass alle, die da wollen, gerettet werden, so sorgt er täglich für das Heil eines jeden. Wer vermag es auszusprechen, wie liebevoll der Herr über jeden einzelnen seiner Auserwählten wacht, mit welchen Gaben er sie schmückt?:

Er erhebt sie zu einer erstaunlichen Würde,

er nimmt sie unter die Gesellschaft seiner Engel auf,

er macht sie sogar zu Miterben und Geschwistern seines Sohnes,

er hat sie teuer erkauft aus der Sklaverei des Teufels,

er hat sie dem Los der Verwerfung entzogen,

er hat sie von ihren Sünden gereinigt,

er hat sie mit dem Schmuck seiner Gnade und Schönheit überhäuft,

er hat sie mit Herrlichkeit gekrönt,

er hat Leiden und Tod für sie erduldet!

O unbegreifliche Güte des unendlich Gütigen und Liebevollen! „Kostbar sind vor dir, o Herr, deine Freunde, hoch erhaben ist ihr Haupt!“

Wir haben zwar keine Angst vor dem Wort des Herrn: „Seid heilig, weil ich heilig bin!“, aber:

„Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kampf!“ Das sprach schon der fromme, in den Prüfungen geläuterte Hiob. Dies ist es auch für uns, dies war es für die Heiligen. Täglich haben wir zu kämpfen gegen den Andrang der Versuchungen, täglich überzeugen wir uns mehr von unserer Schwachheit, von unserem Wanken im Guten, und jeden Augenblick werden unserem Heil Hindernisse in den Weg gelegt. Darum sagt auch der heilige Petrus: „Seid nüchtern und wachet; denn euer Feind, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher, und sucht, wen er verschlinge.“ (1 Petr 5,8) Schweren und harten Proben sind wir Menschen ausgesetzt. Es kommen über uns die Stunden des Leidens und der Mutlosigkeit, es fallen gewaltige Versuchungen über uns her, Neigungen, die unser Herz nicht will, und denen wir uns doch kaum entwinden können. Es wütet in unserer Seele ein Sturm, dass wir den Mut sinken lassen möchten. Aber verzweifeln wir nicht! Gott ist uns in solchen Augenblicken näher, als wir ahnen, und auf ihn gestützt ist unsere Kraft mächtiger, als wir glauben. Dies sind die Stunden, in denen der Herr uns prüft, in denen die Tugend sich bewährt, dies sind die Kämpfe, durch die wir unsere Heiligung erringen. „Wie im Feuer das Gold geläutert wird und das Silber, so der Mensch im Ofen der Trübsale, und selig der Mensch, der die Prüfung besteht; weil er sich bewährt hat, empfängt er die Krone des Lebens.“ Wer uns die Trübsale schickt, gibt uns auch den Mut sie zu tragen. Der die Versuchungen über uns kommen lässt, verleiht uns auch die Kraft, sie zu besiegen. Und der uns als seine Kämpfer unter die Fahne des Kreuzes stellt, macht uns auch teilhaftig des Sieges und der Verherrlichung des Kreuzes.

 

Und mussten denn die Heiligen keine solchen Kämpfe bestehen?

Waren sie frei von all den niederschlagenden Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens?

Blieben sie verschont von all der Lust zur Sünde?

Wenn das so wäre, dann könnten sie nicht heilig sein! Denn heilig wird nur, der selbst durch Gott seine Heiligung wirkt. Würdig der Verherrlichung kann nur der sein, der mit dem Sohn Gottes duldete und erniedrigt wurde. Den Lohn der Tugend kann nur der erlangen, der sie bewährte durch den Bruch des Gesetzes der Sünde und des Fleisches. Und dieses Vollbringen geben uns der Geist Gottes und das Wort Gottes.

 

Aber ist der Mensch nicht doch zu schwach für diesen Kampf und zu gebrechlich? Jesus selbst sagte ja: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Freilich ist der Mensch schwach, und sogar schwächer als er oft meint und weiß, „aber denen," so heißt es, „die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten“. Jesus Christus sei uns alles in allem, und wir werden in allem nichts suchen und nichts finden als ihn. Anhaltendes Streben führt nach und nach zur Vollkommenheit. Nach und nach ziehen wir den alten Menschen aus und ziehen an unseren Herrn Jesus Christus. So taten es die Heiligen. Auch sie waren Menschen, wie wir, in der Sünde geboren, wie wir, mit all den Schwachheiten und Gebrechen angetan, die auch wir fühlen. „Auch ich bin nicht hart wie Stein“, sagte Hiob, „auch mein Fleisch ist nicht von Erz“. Aber diese Heiligen wendeten sich mit ganzem Herzen zu Gott. Wo ihre Natur je schwach war, da half die Hand Gottes. Wo ihre Kraft versagte, da war die Gnade. Und so taten sie Dinge, die wir nicht begreifen, weil wir den Geist nicht kennen, der in ihnen wirkte. Und so übten die Heiligen Tugenden, die wir nur bewundern, weil wir diesen Geist nicht besitzen. Sie verachteten die scheinbare Glückseligkeit der Welt und der Sünde, weil sie die wahre Glückseligkeit suchten. Sie waren glücklich, weil sie dem weltlichen Glück aus dem Wege gingen. Sie schienen sich selbst gar nicht zu mögen, weil sie sich liebten, sie schienen der Welt tot, weil sie lebten, denn sie liebten und lebten in Gott und in der Tugend.

 

Einwände:

Wir haben so viele Dinge zu tun und Beschäftigungen, die es nicht zulassen, oft an Gott zu denken.

Wir können doch nicht alle in Einöden oder Wüsten gehen, unser Leben mit Tränen und Buße zubringen, wie die Einsiedler.

Wir können uns nicht alle in Klöster einschließen, um nur der Betrachtung und dem Gebet zu leben, wie die vielen Ordensleute früherer Zeiten.

Wir können auch nicht auf Säulen stehen und dort oben unter freiem Himmel unsere Jahre dahinbüßen, wie ein Stylit.

Nein! Nicht in den Einöden und Wüsten allein wohnt die Heiligkeit, nicht in die Klöster ist sie verschlossen, nicht auf Säulen büßt sie – in den Herzen wohnt sie, in der Liebe Gottes, im christlichen Leben und Sterben.

Unser Herz ist die heiligste Einsamkeit, wenn nur Gott in ihm wohnt.

Unser Herz ist die heiligste Entsagung, wenn es entsagt der mutwilligen Sünde.

Unser Herz ist die heiligste Buße, wenn es traurig über das Böse und demütig vor Gott ist.

Nicht all die Taten der Heiligen sollen wir nachahmen, sondern ihren Sinn.

Nicht all ihre Handlungen sollen wir uns zum Beispiel nehmen, sondern mit ihrem Geist uns durchdringen.

Dies können wir in jedem Augenblick und an jedem Ort und bei jedem Tun, denn überall und immer haben wir uns selbst, überall und immer haben wir Gott.

 

Aus den zwölf Stämmen Israels (Offb 7,4 ff) und aus allen Völkern, ohne Unterschied zwischen ihnen, hat der Herr seine Heiligen erwählt. Es sind unter ihnen Menschen aus jedem Alter, weil jegliches Alter zum Himmel gelangen kann, aus jeglichem Stand, weil kein Stand, kein Beruf, keine Abstammung der Heiligkeit im Weg steht. Die einen saßen auf Thronen, die anderen lebten in dunkler Verborgenheit. Einige waren Soldaten, andere lebten im Gewirr des Handels, waren Arbeiter oder Bauern. Wieder andere waren Regierende oder hatten hohe Ämter, andere waren im Dienst der Kirche. Und wieder andere lebten als Einsiedler oder im Kloster, als Jungfrauen und Verheiratete, als Witwen und Sklaven. Mit einem Wort, es gibt keinen Stand, der nicht seine Heiligen hat. Aber wie haben sie sich geheiligt? Jeder von ihnen erfüllte seine Pflichten im Beruf und in der Familie, jeder von ihnen benützte zu seinem Heil die gewöhnlichen Gegebenheiten seines Lebens, glückliche oder unglückliche Verhältnisse, Gesundheit wie Krankheit, Ehre wie Verachtung, Reichtum und Armut. Der Herr wirkt auf unendlich vielfältige Weise. Danken wir ihm dafür von ganzem Herzen.

 

Um aber den Eifer und das Streben nach dieser Seligkeit nicht aufzugeben, dürfen wir nie das Beispiel der Heiligen aus dem Auge verlieren. Die Betrachtung ihrer Heiligkeit und Unsterblichkeit wird uns schützen vor den Angriffen des Teufels und seinen Verführungen. Sie wird in uns einen heiligen Widerwillen gegen die trügerischen Vergnügungen dieses Lebens erwecken und uns mit Mut erfüllen. Die Heiligen haben uns durch ihr Beispiel den Weg vorgezeichnet, den wir gehen müssen. Sie waren, was wir sind, Pilger auf Erden. „Elias“, sagt der Apostel Jakobus, „war ein Mensch wie wir“ (Jak 5,17), ausgesetzt denselben Schwierigkeiten. Dennoch haben sie sich alle geheiligt. Umsonst suchen wir also nach Ausreden, nach Hindernissen in unserem Leben, die wir erst überklettern müssten. Die Heiligen befanden sich in denselben Umständen, und vielleicht in noch gefährlicheren. Wie viele hatten zu kämpfen gegen die Verlockungen der Unzucht, gegen die Versuchungen der Macht und Ehre und Größe und Kariere in der Welt, gegen die Verführungen der Schmeichelei, gegen die Ungerechtigkeit der Feinde, gegen die Schrecknisse der Gefängnisse und Folter, gegen die Wut der Verfolger, gegen die Grausamkeit der Schergen? Und sie siegten nicht nur über all diese Schwierigkeiten, sondern benützten sie sogar als wirksame Mittel zum Heil, indem sie dadurch wachsamer über sich selbst, eifriger im Gebet, enthaltsamer, bußfertiger und tätiger in der Ausübung der guten Werke wurden.

 

Wie wollen wir also unsere Schwachheit oder unsere Verhinderungen entschuldigen? Die Heiligen waren aus derselben Erde gebildet, wie wir. Aber sie kannten ihre Schwächen besser als wir. Sie vermieden alles, was das Feuer ihrer Leidenschaften entflammen konnte. Sie mieden die Gelegenheiten zu Sünde. Sie begründeten sich immer mehr in der Demut. Dadurch siegten sie über sich selbst, über ihre inneren Feinde und über ihre Feinde von außen. Es liegt nur an uns, auf dieselbe Weise dieselbe Vollkommenheit zu erreichen. Das Blut Jesu Christi ist für uns, wie für sie vergossen worden. Die Gnade des Erlösers mangelt uns nicht, wie sie ihnen nicht mangelte, aber wir wollen sie oft nicht benützen. Wenn Schwierigkeiten und Hindernisse uns entgegenstehen, wenn Versuchungen uns schrecken, wenn die Feinde unseres Heils uns anzufallen drohen, verlieren wir den Mut nicht, sondern verdoppeln wir vielmehr unser Vertrauen, mit Josua zum Herrn rufend: „Der Herr ist mit uns, was sollten wir fürchten?“

 

Wenn uns die Welt verfolgt, so erinnern wir uns, dass die Heiligen sie bekämpft haben und siegreich aus allen Kämpfen hervorgegangen sind.

Wenn unsere Leidenschaften sich heftig in uns empören, so hat uns Jesus Waffen gegeben sie zu unterwerfen, und sie unter der Gewalt des Heiligen Geistes zu unterwerfen.

Was haben viele Heilige nicht alles erlitten! Aber sie widerstanden, wie der heilige Johannes der Täufer, ihren Anfällen durch Wachen, Enthaltsamkeit und stille Zurückgezogenheit. Der Herr ließ sie den Sieg über diese Feinde ihres Heils davon tragen.

Folgen wir also den Heiligen mutig nach. Lernen wir von ihnen mit Geduld unser Kreuz tragen, der Welt und uns selbst entsagen, ein Leben der Arbeit, des Gebets und der Buße führen. Wir stürzen uns ins Verderben, wenn wir einen anderen Weg gehen, wenn wir den Weg durch die weite und bequeme Pforte wählen.

 

Es gibt nur einen Gott, einen Erlöser, ein Evangelium, ein Paradies. Es gibt nur ein Gesetz, und das ist unwandelbar. Es ist ein sehr gefährlicher Irrtum zu glauben, die in der Welt lebenden Christen seien nicht gehalten, nach Vollkommenheit zu streben, oder könnten auf einem anderen Weg als die Heiligen zur himmlischen Seligkeit gelangen. Man redet sich gern nach dem Beispiel der Menschenmassen ein, es gebe einen Mittelweg zum Himmel, sozusagen einen Weg der „normalen Christen“, und auf diesem Mittelweg glaubt man mit der einen Hand auf dem Altar Gottes den Weihrauch zu opfern und mit der anderen nach der Weltlust greifen zu können. Dieser irrigen Meinung zufolge, obgleich die Welt dem Evangelium nicht folgt, bemüht man sich die Grundsätze der Welt mit den Aussprüchen des Erlösers zu vereinbaren. Als wenn im Tempel Gottes dem Laster ein Altar gebaut werden könnte. Man vergisst scheinbar, dass die von Jesus uns gegebene Lehre alle ohne Unterschied angeht, die sich als Christen bekennen. Alle müssen nach dem Geist Jesu streben und sein Leben in sich nachbilden. Davon hängt unser Heil ab, davon hängt die Teilnahme an seiner Herrlichkeit ab. In dieser Beziehung gibt es keinen Unterschied ob unter den Geistlichen, den Ordensleuten und den Weltleuten. Das Gesetz ist allgemein. Der Unterschied liegt nur in den Mitteln. Alle müssen sich heiligen und für die Welt verloren sein. Wenn man allerding das Leben der meisten Christen untersucht, findet man da den Kampf gegen die Leidenschaften? Herrscht der Geist Jesu Christi in ihren Herzen, beseelt er ihre Handlungen? Bemerkt man in ihrem Leben nicht mehr den Geist der Welt, die Ehrabschneidung, den Neid, den Zorn, die Rachsucht, die Eitelkeit, die Weltliebe, den Stolz, die Ehrsucht? Vergeblich möchten sie vorbringen, dies seien Fehler, die jedem passieren, Fehler, von denen man überrascht wird. Es sind Leidenschaften von denen ihr Herz beherrscht ist. Vergebens werden sie sich eines geordneten Lebens, des öfteren Kirchenbesuchs oder der Spendentätigkeit rühmen, all dies ist unvollkommen: so lange ihnen die Grundlage des Glaubens mangelt, so lange ihre Leidenschaften nicht überwunden sind, haben sie jenen wahren Geist des Christentums nicht, der das Kennzeichen aller Heiligen ist.

 

Wenn wir das Leben der Heiligen Gottes betrachten, welchen Eifer, welche Gottseligkeit erblicken wir da! Mit welcher ehrfürchtigen Aufmerksamkeit hörten und erforschten sie das göttliche Wort? Mit welcher glühenden Andacht betrachteten sie das Gesetz des Herrn! Wie suchten sie ihr Leben nach jedem Wort des Evangeliums einzurichten! Mehr wussten sie, als alle Wissenschaften lehren können, wenn sie den Weg zur Seligkeit wussten, den keine Wissenschaft zeigen kann, als allein die Wissenschaft des Heils. Weiser waren sie als alle Weisen der Welt, wenn sie die Weisheit der Demut besaßen, gegen die jede andere Weisheit nichts als Torheit ist. Glücklicher waren sie, als alle Glücklichen, wenn sie das Glück der göttlichen Liebe genossen, gegen das jede Erdenfreude eine Marter ist. Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, und mit dieser Weisheit erleuchtet, und von dieser Liebe beseelt, verachteten sie den Spott und die Ehren der Welt, und priesen sich selig, um des Kreuzes willen verachtet, um ihres Heilandes willen verfolgt und getötet zu werden. Aber wo ist unter uns diese Beachtung des Gesetzes des Herrn? Wo das Streben nach der Vollkommenheit des Evangeliums? Wo der unermüdliche Eifer, sich nach dem Beispiel des Gottessohnes zu bilden? Viele sind sicher erkaltet, viele schlafen, viele schämen sich auch des Evangeliums, schämen sich ihres Heilands!

 

Unrecht wäre es sich über die Strenge und Schwere des Gebots der Nachfolge Jesu Christi beklagen zu wollen. Hängt es denn von uns ab, den Weg zu erweitern, den uns der Herr als schmal angegeben hat? Man stößt ohne Zweifel auf Schwierigkeiten. Aber wer von Mut erfüllt ist, wird sie besiegen. Und sollte der Himmel, der die Heiligen so viel kostete, uns umsonst gegeben werden? Erwirbt man sich denn so ganz ohne Mühe auch nur einige zeitliche Vorteile? Nein, denn die wahre Freiheit und die Seelenzufriedenheit werden erst die Früchte der ernsthaften Nachfolge Jesu sein. Diese und andere Schätze sind dann die Stützen der Gläubigen auch in den härtesten Prüfungen.

 

Vergleichen wir einmal die mächtigen Herrscher auf Erden, die Regierenden mit einem demütigen Diener, einer demütigen Dienerin Gottes.

Die Macht, der Reichtum, die Eitelkeit und die Leidenschaften machen das eingebildete Glück der Regierenden aus. Die Menschen drängen sich, ihnen zu schmeicheln und zu gehorchen und kommen ihren leisesten Wünschen zuvor. Die Regierenden genießen das ihnen guttuende „Bad in der Menge“. Wellness der Politiker!  Die Menschen sinken vor manchen Staatslenkern in Ehrfurcht auf ihre Knie. Auf ihren Befehl rücken Kriegsheere aus, werden Länder verwüstet, oder müssen Menschen ihr Leben lassen. Ein Blick, von ihnen ausgegangen, kann schon harte Strafe sein, ein kleiner Wink, eine Belohnung. Und kaum einer wagt es, Rechenschaft von ihnen zu fordern, sondern naht sich glücklich und fühlt sich hochgeehrt, wenn Regierende sich würdigen ein sogenanntes „Selfie“ mit einem armen Schlucker vom Volk zu gestatten oder ein Autogramm zu geben. Wenn ein Regierender sich würdigt, die Huldigungen des Volkes anzunehmen, die sich dafür abmühen gleich Sklaven, dann ist in seinen Augen zu lesen, welche Art Opfer er von ihnen erwartet. Dies ist, was die Welt bewundert.

Doch nur die Dienerinnen und Diener Gottes genießen Unabhängigkeit und Freiheit. Sie sind nur mit ihrer Pflichterfüllung beschäftigt. Gefasst in widrigen Schicksalen, erheben sie sich über alle menschlichen Rücksichten, weil sie losgetrennt sind von der Welt, ohne jedoch der Liebe entfremdet zu sein, die sie hinzieht, am Glück und Unglück ihres Nächsten teilzunehmen. Angriffe und Beleidigungen bringen sie nicht aus der Fassung, sie benützen sie vielmehr als Mittel, auf dem Pfad der Nachfolge Jesu immer weiter voranzuschreiten.

Die Unruhen und Mühsale eines Regierenden steigen mit seiner Macht. Und diese Macht gibt gewöhnlich den Leidenschaften eine größere und drückendere Herrschaft. Und hängt denn übrigens seine Größe und Macht nicht selbst von den anderen Menschen ab, deren Gunst so wandelbar ist? Will er als Tyrann herrschen, so muss er versichert sein, beinahe ebenso viele geheime Feinde, als Untertanen zu haben; will er sich durch seine Milde und Freundlichkeit beliebt machen, wird er nicht ein blindes und undankbares Volk finden, dass vielleicht seine Wohltaten missbraucht. Schließen wir hieraus auf die Hinfälligkeit der weltlichen Regierenden. Haben vielleicht ihre Reichtümer besseren Bestand? Oder sind sie nicht vielmehr die Ärmsten unter den Menschen, da ihre Bedürfnisse größer und ihre Begierden unersättlicher sind? Der Reichste ist der, der am wenigsten Bedürfnisse hat, der nicht weiter begehrt, und mit der Lage, in der er sich befindet, zufrieden ist. Die Vergnügen eines Regierenden in Politik oder Wirtschaft sind eben nicht die größten, weil er sich diese leichter als andere Menschen verschaffen kann. Und in der Tat die Freuden der Welt bestehen hauptsächlich im Streben danach. Oder doch, je mühevoller das Streben war, desto höher wird ihr Wert angeschlagen. Ist ein Regierender nicht tugendhaft, so ist sein Herz der elendste Spielball der Leidenschaften, die ihn beherrschen. Tausend kummervolle Sorgen vergiften ihm jede Freude und jeden Genuss. Aman, der unter seines Königs Namen dem Perserreich gebot, verlebte seine Tage in bitterer Traurigkeit, weil der Jude Mardochäus am Thron des königlichen Palastes stets seine Knie nicht vor ihm beugte. So macht das geringste Hindernis, ihre Leidenschaften zu befriedigen, die Bösen unzufrieden und unglücklich. Ihre Vergnügen sind nur Eitelkeit. Die falsche Freude, die ihnen eine vorübergehende Befriedigung ihrer Leidenschaften gewährt, entschwindet bald, um quälenden Unruhen Raum zu geben. Und diese Unruhen sind, eben weil sie vor den anderen Menschen verheimlicht werden müssen, nur desto drückender. Wie viele, die den Gipfel menschlicher Ehren erstiegen haben, sind sich selbst eine unerträgliche Last?

 

Schließen wir hieraus mit dem heiligen Chrysostomus, dass man nicht in den menschlichen Leidenschaften das Glück suchen darf. Eine Wahrheit, die auch durch die Aussprüche der ewigen Weisheit bestätigt wird, die uns zugleich lehrt, dass nur der wahrhaft glücklich ist, der sich auf dem Weg der Nachfolge Christi befindet. Nur dieser Weg führt uns zum Glück, und gewährt uns schon auf der Erde die höchste Seelenzufriedenheit, zu der wir hier bereits fähig sind.

Wir rühmen uns, sagt der heilige Paulus, wir rühmen uns in der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes. Würde sich uns, wie einem Johannes, der Himmel sich öffnen, würden wir schauen können diese Herrlichkeit der Heiligen, die da um den Thron des Lammes stehen und heilig, heilig singen, die da rufen mit den Engeln in himmlischer Freude: Preis dem Lamm, das für uns getötet wurde, Preis und Ehre und Verherrlichung und Macht in alle Ewigkeit! Doch kein unverklärtes Auge kann die Herrlichkeit der Verklärten schauen. Kein Ohr hat es gehört, kein Auge gesehen, in keines Menschen Herz ist es gekommen, was der Herr denen aufbewahrt, die ihn lieben. Dort in dem Reich der Seligen drohen keine Gefahren mehr, lockt keine Verführung mehr zur Sünde; dort sind alle Anstrengungen, alle ängstigenden Sorgen verschwunden.

 

Selig sind dort die Armen im Geist, denn sie besitzen die Schätze des Himmels; selig dort die Sanftmütigen, wenn sie schauen denjenigen, der einst sagte: lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; selig, die da weinten und trauerten auf der Erde, denn sie genießen den ewigen unwandelbaren Trost; selig dort, die da Durst hatten nach Tugend und Gerechtigkeit, denn sie empfangen ihren Lohn, den Lohn der Tugend aus den Händen des Richters; selig, die da Barmherzigkeit übten, denn sie preisen ewig die Barmherzigkeiten Gottes in der Gemeinschaft der Heiligen; selig, die im Leben ein reines Herz hatten, denn sie leben und lieben in dem, den kein Unreiner schauen wird; selig die Friedfertigen, denn sie sind die Kinder Gottes, denen das ewige Wort selbst Frieden auf die Erde brachte; selig dort, die da Verfolgung leiden mussten ihres Glaubens wegen, denn der Herr trocknet alle Tränen von ihrem Angesicht; selig dort alle, die da kämpften und duldeten, glaubten und hofften, die da starben um Christi willen, denn Friede und Verherrlichung ist ihr Anteil, und übergroß ihr Lohn im Himmel. Vorüber sind die Stürme der Versuchungen, und sie genießen den Lohn des Sieges. Vorüber ist der Schmerz der Prüfungen, und sie genießen die Freude der Bewährung. Vorüber sind alle die Stürme des Leidens, und sie genießen einen ewigen seligen Tag. An den sie glaubten, sie schauen ihn; auf den sie hofften, sie besitzen ihn; den sie liebten mit der Liebe der Aufopferung, sie lieben ihn mit der Liebe der Vergeltung und kosten in diesem Schauen, Besitzen und Lieben die namenlose Freude der ewigen Liebe. Möge jener herrliche ewige Tag der Vergeltung uns allen aufgehen, den keine Nacht verdunkelt, den die Herrlichkeit Gottes erleuchtet! Möge er uns aufgehen dieser wunderbare freudige Tag, der sich nicht wandelt und nicht wechselt und nicht untergeht! Er leuchte uns ewig in seiner unwandelbaren Schönheit. Ja, er leuchte uns einst, dieser große Tag, den die Heiligen schauen, er leuchte uns allen, dass wir dort in der Gemeinschaft der Heiligen bei Gott das ewige Fest feiern, die wir uns als ihre Verehrer bekennen.

 

Der heilige Bernhard sagt:

„Unser und nicht der Heiligen Vorteil ist es, dass wir ihr Andenken ehren . . . Ich denke nie an sie, ohne in mir ein glühendes Verlangen nach ihrer Gesellschaft, ihrer Glückseligkeit und ihrer Fürbitte zu empfinden. An die Heiligen denken, ist sie gewissermaßen sehen. Hierdurch finden wir uns unserem besseren Teil nach in das Land der Lebenden versetzt, wofern die Liebe dahin unsere Gedanken begleitet. Dort sind die Heiligen wirklich gegenwärtig, und wir sind durch unsere Wünsche bei ihnen. Ach, wann werden wir mit unseren Vätern vereinigt sein! Wann werden wir die Mitbürger der seligen Geister, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Jungfrauen sein? Wann werden wir den Chören der Heiligen beigesellt werden, das Andenken an einen jeden aus ihnen, ist, sozusagen, ein neuer Sporn, oder vielmehr eine Fackel, die das in unseren Seelen brennende Feuer vermehrt, so dass wir mit glühendem Verlangen nach dem Glück sie zu sehen, sie liebend zu umfassen, uns sehnen, und schon in ihrer Mitte zu sein glauben. Aus dem Ort unserer Verbannung vereinigen wir uns durch Seelenwünsche mit der ganzen Versammlung der Heiligen, bald diesen, bald jenen betrachtend. Wie groß wäre unsere Feigheit, wenn sich unsere Seelen nicht zu dieser heiligen Schar hinaufschwängen, wenn unsere Herzen nicht in beständigem Sehnen schmachteten? Die Kirche der Erstgeborenen ruft aus, und wir antworten nicht? Die Heiligen wünschen uns bei sich zu haben, und wir verachten sie . . . ? Kommen wir in glühendem Eifer den uns Erwartenden zuvor, beeilen wir uns in die uns erharrende Gesellschaft aufgenommen zu werden.“

Nach diesem spricht der Heilige von dem Verlangen nach der Seligkeit der Heiligen und von ihrer mächtigen Fürbitte:

„Erbarmt euch meiner, erbarmt euch meiner, ihr meine Freunde. Ihr kennt unsere Gedanken, unsere Gebrechlichkeit, unsere Unwissenheit und die Schlingen unserer Feinde. Ihr wisst, wie schwach wir und wie grimmig unsere Feinde sind. Ihr habt dieselben Versuchungen bestanden, ihr habt über dieselben Angriffe gesiegt, ihr seid denselben Schlingen entronnen. Was ihr selbst gelitten habt, hat euch mitleidig gemacht . . . Eure Herrlichkeit kann ohne uns nicht vollendet sein.“

Von der vielvermögenden Fürsprache der Heiligen, die wir besonders durch die Feier ihrer Feste uns verdienen sollen, sagt der heilige Bernhard Folgendes:

„Der mächtig auf der Erde war, ist es noch mehr im Himmel, vor dem Angesicht des Herrn. Wenn er während seines sterblichen Lebens die Sünder bemitleidete und für sie betete, warum sollte er jetzt nicht für uns beten, und zwar umso glühender, als er unsere Bedürfnisse und Armseligkeiten vollkommener kennt? Der Himmel hat dessen Gesinnungen nicht verändert, sondern dessen Liebe nur vermehrt. Obgleich des Leidens nicht mehr fähig, ist er doch noch allzeit des Mitleids empfänglich. Vor dem Thron der Barmherzigkeit stehend, muss er auch Barmherzigkeit fühlen.“