Mutter der Gnade

 

9. Juni

 

Betiteln wir einen Menschen mit: Gnädiger Herr oder Gnädige Frau, dann soll damit nicht nur seine hohe, uns überragende Stellung zum Ausdruck gebracht werden. Es schwingt vielmehr mit, dass wir von dem Betreffenden voraussetzen, dass er voller Gunst und gütiger Gesinnung ist und uns Ärmere gnädig aus seiner Fülle beschenken wird. Wenn nun jemand sogar „Mutter der Gnade“ benannt wird, dann wird damit eine Fülle der Erhabenheit und der huldvollen Gesinnung vorausgesetzt. Es erinnert an die schönen Worte der Weihnachtsbotschaft: „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes.“

In der Tat kommt Maria ein solch edler und feiner Titel zu, weil sie die menschliche Mitursache der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes ist, die uns im Sohn Gottes, unserem Heiland, erschienen ist. Ihrem Jawort verdanken wir ihn. Er ist die Frucht ihres gesegneten Leibes. „Ursache des Heils“ haben die ersten Väter der Kirche sie deshalb schon benannt. Damit ist sie aber auch Ursache der Gnade, die dem Menschengeschlecht zuteilgeworden ist. Mutter der Gnade!

In dieser Begrüßung dürfte aber noch etwas anderes verborgen sein. Sie zielt offensichtlich auf eine Fülle der Gnaden in ihr selbst. Wie könnte es auch anders sein, wenn man mit dem Quell aller Gnaden, dem Sohn Gottes, leiblich und seelisch so lange und innig verbunden gewesen ist wie die selige Jungfrau. Täglich begrüßen wir sie deshalb im Ave mit den Worten des Engels: „Voll der Gnade!“ so voll dieser Gottesgabe, dass ihre begnadete Seele uns wie der Mutterschoß der Gnade dünkt, der, weil selbst erfüllt, Gnaden austeilen kann.

Auch das trifft auf Maria zu. Immer schon hat Christenmund sie angefleht, Gnaden zu vermitteln. Immer von der Mutter der Gnade erhofft, dass sie ihre milde Hand auftue und uns beschenke. Voll größten Vertrauens ist das Herz eines Christen, dass Mariens huldvolle Gnade keine Grenzen kenne. Es gilt als unerhört, dass Maria nicht erhört habe.

Also wahrhaft: Mutter der Gnade!

 

Kirchengebet

 

Gott, du hast dem Menschengeschlecht durch die fruchtbare Jungfräulichkeit der seligen Maria die Gnade der Wiedergutmachung geschenkt. Lass uns deren selige Gemeinschaft im Himmel ewig genießen, die wir hier auf Erden Mutter der Gnade nennen.

 

Zur Geschichte des Festes: Die besondere Verehrung Mariens als „Mutter der Gnade“ ist biblisch begründet. Mit dem Erzengel Gabriel grüßen wir Maria Tag für Tag, „du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir“. Groß steht sie da in der Huld des dreifaltigen Gottes. Sie ist nach dem Sündenfall der erste Mensch der Gnade. – Dann aber grüßen wir sie mit Elisabeth als eigentliche Mutter der Gnade, „gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“! Sie hat als Gnadenvolle der Welt das größte Gnadengeschenk vermittelt, Jesus Christus, unseren Erlöser. Darum jubeln wir sündige Kinder Evas ihr zu und benedeien sie als die Mutter der Gnade.

Es ist darum ganz natürlich, dass schon längst vor der Kalenderreform 1913/14 dieses Marienfest gefeiert wurde, und zwar in vielen Diözesen des katholischen Erdkreises. Nach der Neuregelung des Kalenders, der mehrere Marienfeste fallen ließ, ist das Fest der „Mutter der Gnade“ vielerorts beibehalten worden, so vor allem im Festkalender von Maria Maggiore in Rom, aber auch in vielen Diözesen und auch Ordensgesellschaften. Wann es zum ersten Mal gefeiert wurde, und welcher Papst diesem Fest die kirchliche Gutheißung gegeben hat, ist uns heute unbekannt.

 

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)