Marien-Kirchen

 

Inhalt:

 

1. Das Gnadenkirchlein der schmerzhaften Muttergottes zum guten Wasser in Oberplan

2. Die Pfarrkirche zu Unserer Lieben schönen Frau in Ingolstadt

3. Die Marien-Linden-Kirche bei Windeck

4. Die Kirche Unserer Lieben Frau zu Uscharye

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Jeder Mensch empfindet ein natürliches Interesse, Stätten zu besuchen und zu besichtigen, an denen irgend etwas Wichtiges stattfand. Aus dieser Empfindung heraus haben schon in den ältesten Zeiten, besonders aber seit Kaiser Konstantin die Christen mit großer Vorliebe jene Stätten im Heiligen Land aufgesucht, die Jesus Christus durch seine leibliche Gegenwart heiligte und wo sich die grundlegenden Tatsachen der Erlösung vollzogen haben. Durch die Macht der sinnlichen Anschauung werden an solchen Orten die religiösen Erinnerungen und Vorstellungen und die Gefühle der Dankbarkeit zu höchster Lebhaftigkeit gesteigert und die Herzen zur Andacht und Liebe und zum Vertrauen entflammt.

 

In ähnlicher Weise führte die Verehrung für die großen Heiligen, besonders natürlich für die heilige Gottesmutter Maria, die Gläubigen bald auch zu den Stätten ihrer Wirksamkeit, zu ihren Gräbern, zu den Orten, wo die Überreste der Heiligen aufbewahrt wurden, und angefangen von den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus bis zu denen der zahllosen lokalen Heiligen, sind auf diese Weise in der ganzen Welt unzählige größere und kleinere Wallfahrtsorte entstanden.

 

Und noch ein dritter Grund für die Entstehung wäre hier anzuführen. Schon unsere heidnischen Vorfahren bevorzugten für ihre Opferstätten einsame Bergeshöhen, stimmungsvolle Waldgegenden und erquickende Quellen, denn ein tiefes und gemütvolles Naturgefühl erfüllt unser Herz mit einer eigentümlichen Weihestimmung, zieht es vom gewöhnlichen Alltag ab, macht es für ernste, für Ewigkeitsgedanken empfänglicher und bringt uns Gott, dem Urquell alles Seins, näher als sonst. Die Kirche hat nun diesem tief eingewurzelten Bedürfnis der Menschen nach der Verbindung mit der Natur Rechnung getragen und neben der offiziellen und feierlichen Liturgie in den Dom-, Pfarr- und Klosterkirchen auch diese mehr private Frömmigkeit an den Wallfahrtsorten gefördert. Mit größter Vorliebe verknüpften nun die gläubigen Menschen solche ansprechenden Andachtsorte mit der ihnen besonders naheliegenden Marienverehrung, und wir brauchen nur an die Namen unserer beliebtesten Marien-Wallfahrten zu denken, um zu erkennen, dass die Vorliebe unserer Ahnen für Wälder, Quellen und Bergeshöhen auch hier überall noch nachwirkt und durchschimmert.

 

Es ist begreiflich, dass die Rationalisten aller Zeiten die Wallfahrten, besonders die marianischen, leidenschaftlich bekämpft haben. Wer aber nicht vergisst, dass wir Menschen aus Leib und Seele bestehen und dass deswegen auch die sinnlichen Eindrücke für unser Inneres, auch für unser religiöses Leben eine große Rolle spielen, wer weiterhin Sinn und Interesse für merkwürdige Volksbräuche, für poesievolle Legenden, für Bodenständigkeit, Duft und Farbe auch im religiösen Leben besitzt, der wird auch den Wert des Wallfahrens gebührend zu würdigen wissen. 

 

1. Das Gnadenkirchlein der schmerzhaften Muttergottes

zum guten Wasser in Oberplan

 

(Nach: Studien von Adalbert Stifter, 1864)

 

Wenn man die Karte des Herzogtums Krumau ansieht, das im südlichen Böhmen liegt, so findet man viele dunkle Stellen darin angezeigt, die die großen Wälder zwischen Böhmen und Bayern bedeuten.

 

In diesen Waldungen ist auch da, wo sie sich gegen das österreichische Land hinziehen, ein helles lichtes Tal geöffnet. Das Tal ist sanft und breit, es ist von Osten gegen Westen in das Waldland hineingeschnitten, und ist fast ganz von Bäumen entblößt, weil man, da man die Wälder ausrottete, viel von dem Überfluss der Bäume zu leiden hatte. In der Mitte des Tales erblickt man den Marktflecken Oberplan, der seine Wiesen und Felder um sich hat, in nicht großer Ferne auf die Wasser der Moldau sieht, und in größerer Ferne auf mehrere herumgestreute Dörfer. Das Tal ist selbst wieder nicht eben, sondern besteht aus kleineren und größeren Erhöhungen. Die bedeutendste ist der „Kreuzberg“, der sich gleich hinter Oberplan erhebt, frei von Waldumsäumung. Er trägt diesen Namen von dem blutroten Kreuz, das von seinem Gipfel winkt. Von ihm aus überschaut man das ganze Tal.

 

Aber nicht nur wegen seiner Aussicht kommt der Kreuzberg in Betracht, sondern es sind auch noch verschiedene Dinge auf ihm, die ihn den Oberplanern bedeutsam und merkwürdig waren.

 

An einer Stelle ragen Felsen hervor, auf die man einerseits eben von dem Rasen hinzu gehen kann, und die andererseits tief und steil abfallen, fast viereckige Säulen bilden und am Fuß viele kleine Steine haben. Man nennt sie „Säulen der Milchbäuerin“ weil eine solche (wie die Volkssage wissen will) hier ehedessen von einem bösen Geist in Stein verwunschen worden sein soll. Die Säulen der Milchbäuerin sind durch kleine aber deutlich unterscheidbare Spalten geschieden. Einige sind höher, andere niedriger. Sie sind alle von oben so glatt und eben abgeschnitten, dass man auf den niederen sitzen und sich an die höheren anlehnen kann. In der sonnigen Tiefe unter der Milchbäuerin sind die Pflanzbeete der Oberplaner, das ist, aufgelockerte Erdstellen, in denen sie im ersten Frühling die Pflänzchen des Weißkohls ziehen, um sie später auf die gehörigen Äcker zu verpflanzen.

 

Nahe an der Milchbäuerin stehen zwei Häuschen auf dem Rasen. Sie sind rund, schneeweiß und haben zwei runde spitzige Schindeldächer. Sie haben keine Fenster und Simse, sondern nur eine kleine Tür. Wenn man bei dieser Tür hineinschaut, so sieht man keinen Fußboden, sondern unten, durch den Kreis der Ummauerung eingefangen, ein ruhiges klares Wasser, das den Sand und den Kies seines Grundes herauf schimmern lässt, wie durch ein feines geschliffenes Glas. Auf jedem dieser zwei Wasserspiegel schimmert ein kleiner hölzerner Kübel, der einen langen Stiel hat, der bei der Tür herausragt, dass man ihn fassen und sich Wasser herauf schöpfen kann. Zwischen des zwei Häuschen steht eine sehr alte und sehr große Linde. Ihr Stamm ist so mächtig, dass eine kleine Wohnung darin Platz hätte, und ihre mannsdicken Äste gehen weit über die zwei spitzigen Schindeldächer hinaus.

 

Wieder nicht weit von dem Häuschen, so dass man etwa mit zwei Steinwürfen hinreichen könnte, steht ein Kirchlein. Es ist das „Gnadenkirchlein der schmerzhaften Muttergottes vom guten Wasser“, weil ein Bildnis der heiligen Jungfrau mit den Schwertern des Schmerzes im Herzen auf dem Hochaltar steht. Zwischen dem Marktflecken Oberplan und dem Kirchlein ist ein Weg, mit jungen Bäumen an den Seiten, so wie von dem Kirchlein zu dem Brunnenhäuschen ein breiter Sandweg führt, den uralte Linden beschatten.

 

Von Oberplan bis zu dem Kirchlein ist der Berg mit feinem dichten Rasen bedeckt, der wie geschoren aussieht, und an manchen Stellen den Granit und den steinigen Gries des Grundes hervorschauen lässt. Von dem Kirchlein bis zu dem Gipfel – und von da nach Ost, Nord und West hinunter stehen dichte, knorrige aber einzelne Wacholderstauden, zwischen denen wieder der genannte Rasen grünt, aber auch manches größere und gewaltigere Stück des verwitternden Granitsteines hervorragt.

 

Von der Entstehung des Kirchleins und der Brunnenhäuschen gibt eine alte Erzählung folgende Aufklärung:

 

In dem Haus zu Oberplan, auf dem es „zum Sommer“ heißt, und das schon zu denjenigen gehört, die sehr nahe an dem Berge sind, so dass Schoppen und Scheune schon manchmal in ihn hinein gehen, träumte einem Blinden drei Nächte hintereinander, dass er auf den Berg gehen und dort graben solle. Es träumte ihm, dass er dreieckige Steine finden würde: dort solle er graben, es würde Wasser kommen, mit dem solle er sich waschen, und er würde sehen. – Am Morgen nach der dritten Nacht nahm er eine Haue, ohne dass er jemandem etwas sagte, und ging auf den Berg. Er fand, indem er mit den Händen nach dem Boden sorgsam prüfend tappte, die dreieckigen Steine und grub. Als er eine Weile gegraben hatte, hörte er es rauschen, wie wenn Wasser käme, und da er genauer hinhorchte, vernahm er das feine Geriesel. Er legte also die Haue weg, tauchte die Hand in das Wasser, und fuhr sich damit im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit drei Mal über die Stirn und die Augen. Als er die Hand weggetan hatte, sah er. Er sah nicht nur seinen Arm und die daliegende Haue, sondern er sah auch die ganze Gegend, auf die die Sonne recht schön hernieder schien, und den grünen Rasen und die grauen Wachholderbüsche. Aber auch etwas anderes sah er, worüber er in fürchterlichen Schrecken geriet. Dicht vor ihm – mitten in dem Wasser – saß ein Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes. Das Bildnis hatte einen lichten Schein um das Haupt, es hatte den toten gekreuzigten Sohn auf dem Schoß und sieben Schwerter im Herzen. Er trat auf dem Rasen zurück, fiel auf seine Knie und betete zu Gott und pries die schmerzensreiche Jungfrau, die Königin der Martyrer. Als er eine Weile in Andacht versunken gewesen war, stand er auf, und rührte das Bild an. Er nahm es aus dem Wasser und setzte es neben dem größten der dreieckigen Steine auf den Rasen in die Sonne. Dann betete er noch einmal, blieb lange auf dem Berg, ging endlich nach Hause, breitete die Sache unter den Leuten aus, und blieb sehend bis zum Ende seines Lebens. Noch an demselben Tag gingen mehrere Menschen auf den Berg, um vor dem Bild der schmerzhaften Mutter ihre Andacht zu verrichten, später kamen noch andere. Und da noch mehrere Wunder geschahen, besonders an armen und gebrechlichen Leuten, so baute man ein Dächelchen über das Bild, dass es nicht vom Wetter und der Sonne zu leiden hätte.

 

Man weiß nicht, wann sich das begeben hat, aber es muss in sehr alten Zeiten geschehen sein. Ebenso weiß man nicht, was später mit dem Bild geschehen sei, und aus welcher Ursache es einmal im Lauf der Zeiten nach dem Marktflecken Untermoldau geliehen worden: aber das ist gewiss, dass der Hagelschlag sieben Jahre hintereinander die Felder von Oberplan verwüstete. Da kam das Volk auf den Gedanken, dass man das Bild wieder holen müsse, und ein Mann aus dem Christelhause, das auf der „kurzen Zeile“ steht, trug es auf seinem Rücken aus Untermoldau nach Oberplan. Der Hagelschlag hörte auf und man baute für das Bild eine sehr schöne Kapelle aus Holz und strich sie mit roter Farbe an. Man baute die Kapelle hinter das Wasser des Blinden, und pflanzte hinter ihr eine Linde. Auch fing man einen breiten Pflasterweg mit Linden, vor der Kapelle bis nach Oberplan hinab, zu bauen an. Allein der Weg ist in späteren Zeiten nicht fertig geworden.

 

Nach vielen Jahren war einmal ein sehr frommer Pfarrer in Oberplan. Und da sich die Kreuzfahrten zu dem Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes stets mehrten, ja sogar andächtige Scharen über den finstern Wald aus Bayern herüber kamen, so machte er den Vorschlag, dass man ein Kirchlein bauen solle. Das Kirchlein wurde auf einem etwas höheren und tauglicheren Ort erbaut und man brachte das Gnadenbild in einer frommen Pilgerfahrt in dasselbe hinüber, nachdem man es vorher zierlichst ausgeschmückt hatte. Die rote Kapelle wurde weggeräumt, und über dem Wasser des Blinden, das sich seither in zwei Quellen gespalten hat, wurden die zwei Brunnenhäuschen errichtet. Dadurch geschah es, dass die Linde, die hinter der Kapelle gestanden war, nun zwischen den Brunnenhäuschen ihr ehrwürdiges Geäst ausbreitet.

 

Das Kirchlein ist das nämliche, das noch heutzutage steht. Das Türmchen mit den hellklingenden Glocken hat die Richtung gegen Sonnenaufgang, die Mauern sind weiß, nur dass sie an den Simsen und Fenstern hochgelbe Streifen haben; die langen Fenster schauen alle gegen Mittag, dass eine freundliche Helle ist, und an schönen Tagen sich der Sonnenschein über die Kirchenstühle legt. Das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes befindet sich auf dem Hochaltar, so dass, wenn am Morgen die Sonne aufgeht, ein lichter Schein um sein Haupt glänzt, wie einstens in dem Wasser, da es sich dem Blinden entdeckte. Manche Menschen haben Kostbarkeiten und andere Dinge in das Kirchlein gespendet. Jetzt wird immer, wenn nicht gar ungünstiges Wetter ist, die zweite heilige Messe oben gelesen, und stets finden sich Andächtige ein, die ihr anwohnen. Selbst in der heißen Erntezeit, wo alles auf den Feldern Beschäftigung hat, knien oder sitzen wenigstens einige Mütterlein da und verrichten vor dem wundertätigen Bild den schmerzhaften Rosenkranz. Die Bewohner der Gegend verehren das Kirchlein sehr, und mancher, wenn er in den fernen Wäldern geht und durch einen ungefähren Durchschlag derselben das weiße Gebäude auf dem Berg sieht, macht ein Kreuz und tut ein kurzes Ave-Gebet.

 

Die Oberplaner wallen sehr gerne auf den Berg, besonders an Sonntag-Nachmittagen, wenn es Sommer und schön ist. Sie besuchen das Kirchlein, halten daselbst ihre Gebets-Rast, und gehen dann außen unter den Wacholderstauden herum, gehen zu dem roten Kreuz und zu den zwei Brunnenhäuschen. Da kosten sie von dem Wasser, und waschen sich ein wenig die Stirn und die Augenlider.

 

Viele, viele Presshafte, die, vom schwersten Weh gebeugt, zu diesem Kirchlein auf die Höhe hingewankt, steigen getröstet ins Tal hernieder, weil sie sich süß erquickt haben an dem Anblick des Gnadenbildes, der schmerzhaften Muttergottes!

 

2. Die Pfarrkirche zu Unserer Lieben schönen Frau in Ingolstadt

 

(Aus: Das alte Ingolstadt von Ludwig Gemminger)

 

Ein herrlicher Tempel, von ferne schon sichtbar und alle übrigen Gebäude weit überragend, ist die Pfarrkirche zu Unserer Lieben schönen Frau in Ingolstadt.

 

Am 5. Januar 1407 ließen die beiden Herzoge Stephan II. und Ludwig – ob der allzeit größeren Anwachsung des Volkes zu Ingolstadt – eine Urkunde ausgehen folgenden Inhalts: „Umb solch groß Gebrechen als unser lieb getrew die Burger gemeinlich reich und arm in unser Stat Ingolstat und an dem Freithof zu eng gewesen ist, haben unsre lieb und getreu, der Rat und Burger Unser Stat Ingolstat, mit Unser Hilf und Förderung Got dem Allmächtigen zu Lob und in den Ehren der hochgelobten Jungkfrauen Marien seiner Mutter der ewigen Maid eine Kirche und einen Cor mit Holzwerk gepawen und einen Freithof dabei mit einer Mawer umfangen, das ein Anfang sein soll und ain newe Pfarr, die wir daselbig meinen und wöllen pawen und stiften.“ – Solchergestalt sind am 3. Dezember 1407 nachmittags zur Vesperzeit in der St. Moritzkirche ein geschworner Notar, nicht minder Johann Hurner, Bürgermeister, Heinrich Abssperger, Stadtpfleger, und etliche Gezeugen – zum Teil aus dem Ritterstand – erschienen und sprachen in Beisein und mit Willen des Pfarrers bei St. Moritz Ulrich Warnhofer die Teilung in zwei Pfarreien aus, so die Straße vom Donautor bis zum Hardertor scheiden sollte. Über all das gingen wieder etliche Monate hinüber, bis die Teilung letztlich am 19. April 1408 durch Herrn Eglof von Hernbeck, Probsten zu Freising, wirklich vollzogen ist worden. Zu einer Pfarrkirche nahm man das ehemalige Michaelikirchlein mit einem angebauten Chor von Holz.

 

Mittlerweilen kam Herr Herzog Ludwig im Bart, so der Königin von Frankreich Bruder und der Gemahl der französischen Prinzessin Anna von Bourbon gewesen, aus Frankreich nach Ingolstadt, das ihm, als dem Sohn Stephans II., zu Eigen gehörte. Brachte auch mit sich einen Schatz, so auf fünf Millionen angeschlagen wurde, teils in Gold, teils in kostbaren Kleinodien. Selbiger Fürst war aber so kriegslustig und händelsüchtig, dass er zuletztlich das Land verlassen und gen Preßburg mit dem Kaiser Sigmund ziehen musste. Dort scheint er sich entschlossen zu haben, zu Ingolstadt eine neue Pfarrkirche zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria zu erbauen, was er auch bei seiner Rückkunft ausführte, denn so heißt es am südlichen Eingang der Frauenkirche: „Anno dmi MCCCCXXV an dem XVIII. Tag des Maien ist gelegt worden der erste Stain an die Pfarrkirchen unser Frawen.“ – Herzog Ludwig verwendete zu diesem Wrk außer den auf 42,375 Gulden geschätzten Kleinodien – fünfmal hunderttausend Gulden. Die Frauenkirche ist nach dem Muster der Pfarrkirche zu Ulm gebaut worden und die Baumeister sind Conrad Gläzl und Heinrich Schnellmüller gewesen. Sie ist 282 Schuh lang, 108 breit und 95 hoch. Zum Dachstuhl sind 3780 Baumstämme, jedweder zu 70 Fuß, verwendet worden. Die beiden Türme blieben unvollendet. Achtzehn Säulen teilen die Kirche in drei Schiffe, deren Hauptbau nur zum Teil im Jahr 1439 vollendet wurde. Auch die Ausführung des Hauptportals ist wegen Mangel der nötigen Mittel unterblieben und es wäre der ganze Bau ins Stocken geraten, wenn nicht die sogenannten „Butterbriefe“ in etwas wieder nachgeholfen hätten. Solche bewilligte Papst Innocenz VIII. am 16. August 1487 für die Kirche zu Ingolstadt und selbige erteilten die Erlaubnis zu gewissen Fastenzeiten, wo es verboten war, von Käse, Milch, Butter und Schmalz zu essen, solche Speise gegen Erlag von einem Geldbetrag, der ungefähr einen Taglohn ausmachte, zu genießen. Wie es aber im Lauf der Zeit immer schwerer geworden ist, die Mittel zum Bau aufzutreiben, davon gibt ein Brief des Ulrich Alberstorfer und Caspar Vorhart an den Herzog Georg deutlich Kunde: „Gnädiger Herr, Unsre Frauenkirche vermag des Pauens ohne Ew. Fürstl. Gnaden nit. Sy haben auch kein Geld, und wo Ew. Gnaden Hilf nit geschieht, so müssen Sie verzweifelt den Steinbruch lygen, auch den Bau ruhen lassen.“ – Also ist es gekommen, dass erst 1510 das Kirchenpflaster gelegt wurde, was mit roten Steinen auf dem Boden eingezeichnet und ein rechtes Wahrzeichen der Kirche ist. Auch wurde in selbigem Jahr die erste Kapelle St. Nikolai, - die heutige „Urlaubs-Kapelle“ erbaut, und nach und nach die andern, indem zuvor die Wände der Kirche in einer Flucht fortliefen. Von diesen Kapellen enthalten fünf eine Decke von solch kunstreicher Steinarbeit, dass darob männiglich erstaunen muss, ein Werk, wie man kein zweites in deutschen Landen findet, an Poesie des Gedankens als an Kunst der Ausführung ein wahres Unicum und herrliches Kleinod.

 

Den weltberühmten Schatz anlangend, so Herzog Ludwig im Bart seiner Kirche 1438 vermachte, ist das allervortrefflichste Stück darunter das Marienbild gewesen, denn es war von orientalischem und arabischem geschmelzten Gold und mit den köstlichsten Edelsteinen und Perlen geziert. Es ist selbiges insgemein auf 50.000 Kronen geschätzt worden. Der einzige Rubin auf der Brust der Muttergottes ist zu 40.000 Gulden geschätzt. Aventinus meldet, dass alle Stücke an diesem kostbaren Marienbild, da man jegliches an Gold, Silber und Edelstein gewogen, alles um 50 Tonnen Gold angeschlagen worden. Dann hat das Bild noch an sich 21 Smaragden, 1 Parill, 12 dunkelblaue Saphire, klein und großer Perlen 172. – Um dieses Bild willen, wollte auch Herzog Ludwig in seiner Schenkungs-Urkunde, dass die Kirche zu der „schönen Unser Lieben Frau“ geheißen werde. – Item: ein ähnliches Marienbild, so aber, in Folge der Verhandlungen über den Landshuter Erbfolgekrieg im Jahr 1509, in die Altöttinger Schatzkammer als Ersatz für die dort abhanden gekommenen wertvollen Gegenstände gelangt sein soll und noch wirklich dort sich befindet unter dem Namen: „das goldene Rößl“. – Die berühmten ehemaligen Schmelzkünstler zu Limoges in Frankreich lieferten diese plastischen kunstreichen Arbeiten von Gold, mit Email und mit Perlen und Edelsteinen übersät. – Zu dem Schatz gehörte auch wohl ein heiliger Kreuz-Partikel von konsiderabler Größe, so der Stifter Herzog Ludwig anher verschafft: „So geben wir zu solcher Gezierdt und Ornat erstlich den Spann des heiligen Kreuzes, das uns von dem Hochgebornen Fürsten und Lieben Herrn und Vatter Stephan seliger anerstorben. Und das Gold, darain es gefasset, wiegt mit samt dem Gestain und Perlein 22 Loth ein halb Quint und seynd in dem Gold am ehgenannten Kreuz versetzt 22 Perlein. Und steht das Kreuz auf ainem silbernen gefelsten Berg in Gedächtniß calvariae loci. Unter dem Kreuze stehen der Mutter Mariä Bild und St. Johannes Evangelisten Bild vergoldet; das Silber wiegt bei 11 Mark. Und wollen dass ewiglich bei der Stift bleibe, und nicht davon genommen werde.“ – Item war auch bei dem Schatz die goldene Bildniß St. Michaeli, so 7 Mark und 1 Unzen in Gold wog. Viele dieser Kostbarkeiten und noch mehr als: in Gold gefasste und mit Perlen und Edelsteinen besetzte Reliquien, dann Heiligenbilder und Meßgewänder mit mehren tausend Perlen geschmückt, sind aber, trotz der Androhung des göttlichen Gerichts von Seite des Gebers, durch die indessen erfolgten Kriegsereignisse verschwunden; der heilige Michael war schon seit 1780 für die zum Kirchenbau geleisteten Vorschüsse verpfändet; das wertvolle Marienbild aber musste – ungeachtet der Vorstellungen der Bürgerschaft – am 10. April 1801 den Kurfürstlichen Commissarien daselbst zu anderweitigen Dispositionen überantwortet werden!

 

Den Hochaltar, so aus der Übergangsperiode des gotischen in den Rokoko-Stil stammt und ein wahres Meisterwerk ist, hat der überaus lobwürdige Herzog Albrecht der Großmütige errichten lassen, wie eine Schrift auf ihm bezeugt. „Dem allmächtigen Gott zum ewigen Lob, der hochgelobten Himmelskönigin Maria zu Ehr und Zier der herrlichen Kirchen ist diese Chortafl auf Bevelch und Verlangen des Durchlauchtigsten, Hochgebornen Fürsten und Herrn Albrechts, Pfalzgraffen bei Rbain, Herzog in oder un nieder Baiern dahier verordnet und gemacht worden. Gott welle seine Fürstlichen Gnaden und der ganzen fürstlichen frömmen Catholischen Herrschaft den ewigen lohn geben. Amen. 1752.“ – Selbiger Hochaltar stellt in Bildern das Leben und Leiden Jesu Christi, nicht minder der Gottesmutter Mariä dar; auch sind darauf zu sehen die Propheten und Kirchenväter; die Rückwand nimmt die Besiegung des Heidentums durch das Christentum ein, vorgebildet durch St. Catharina, wie sie die Weltweisen durch ihre göttliche Wissenschaft überwindet. Ist ein Flügelaltar und man kann ihn dreimal verschieden auseinander tun. Das Hauptbild ist Maria, sitzend auf Wolken, mit blauem weit ausgebreiteten Mantel und das auf ihrem Schoß ruhende Jesuskind haltend. In den Wolken ist ein gar feines goldlockiges Mägdlein zu sehen, so die Prinzessin Maximiliana darstellt, Herzogs Albrecht früh gestorbene Tochter. Zur Linken knieen ebenfalls in ihrer Kindheit verstorbenen Prinzen Carl und Friedrich, nicht anders, denn wie holde Engelein anzuschauen. Zuvorderst in betender Stellung und ganz heharnischt Herzog Albrecht im kräftigsten Mannesalter, vierundvierzigjährig, so ein gar froh-frummes Antlitz maches; neben ihm Prinz Wilhelm, damals vierundzwanzig Jahre alt, mit einem Gebetbuch in Handen, zweifelsohne seinen Beinamen: der „Fromme“ anzuzeigen. Vor dem Herzog zwei kleine Prinzen, Ferdinand, damals zwölf, und Ernst, der nachmalige Kurfürst von Köln, achtzehn Jahre alt; diesen gegenüber kniet betend die Frau Herzogin Alma, des Kaisers Ferdinand I. zweite Tochter, eine schöne Frau; sie war damals 26 Jahre vermählt. Ihr zur Seite kniet die 21jährige Prinzessin Maria, spätere Erzherzogin von Österreich, ein gar anmutiges Fräulein. Über all das halfen noch mehr zu diesem Hochaltar, wie es auf einer Tafel heißt: „Dieses ansechlich werkh ist auf Fürstlichen bewelch durch der nachbenannten Herrn Symon Egkhen, der Rechte Doktor, Cantzlers; Konraten Zellers zu Lauberstorf Kammermeisters, und anderer Fürstlicher Räthe; auch der Hochlöblichen Universitet und dann Burgermeister und Rathe der Stadt Ingolstat hilff und befürderung Erstlich vom Maister HannsenWiesreuter, Kistlern, und hienach durch Maister Hannsen Mielich, Maaler, beede Bürger zu München, ververtigt und vollendet worden. Gott sei Lob und dankh gesagt!“ Aus dem geht hervor, wie dass Herzog Albrecht dem berühmten Maler Hanns Mielich auch zu ünchen, so zwanzig Jahre früher das Feldlager der schmalkaldischen Bundesarmee vor Ingolstadt dargestellt hatte, den Hochaltar zu malen übertrug. Ihn unterstützte Christoph Schwarz, Hofmaler zu München, 1560 zu Ingolstadt gebürtig und der letzte glänzende Meister der oberdeutschen Meisterschule, so die Bilder des Leidens Christi und der Propheten verfertigt haben soll.

 

Woher das Glasgemälde hinter dem Hochaltar stamme, erweist die Inschrift: „Von Gottes Gnaden Wilhelm und Ludwig Gebrüder Pfalzgraven bei Rain Herzogen von obern und nieder Bayern der Zeit regierend 1511. Anno dmi 1527.“

 

Die Chorstühle sowie die Kanzel sind von der ehemaligen Artisten oder nachmaligen philosophischen Fakultät gemacht worden.

 

Die großen Wandgemälde der zwölf Apostel, nicht minder das Altarblatt des heiligen Franziskus Xaveri sind von Ritter Carl Moratt, lauter Meisterstücke. Das große Gemälde: Christus mit dem Kreuz auf dem Calvariberg ziehend, ist von Eymart, einem Regensburger.

 

Der Oelturm hat seinen Namen vom Oelberg, der ehemals nahe bei selbem sich befunden und heißt eigentlich der „Oelbergturm“. Die Statuen dieses Oelberges, ein Alterthum aus dem 13. Jahrhundert und mehr als mittelmäßig gut bearbeitet, sind abhanden gekommen.

 

Es befindet sich ingleichen ein Marienbild allda, so man die „Muttergottes im Glas“ genennt, wovon Ingolstadt schon manche Gutthaten erfahren; sonderbar Anno 1704 in dem bayrischen Krieg, da die Stadt sollte belagert worden sein, hat man der Muttergottes zu Ehren unter besagtem Titel, als einer „Beschützerin und Erlöserin der Stadt“, einen Altar aufgerichtet, der alle Montag und Freitag privilegiert ist. Selbiges, gar anmuthiges Marienbildniß ist von Stein und nun schön gefasset auf einem neuen gothischen Altar aufgestellt.

 

Aus uralten Zeiten war noch ein Sakramentshäuschen vorhanden, so aber durch die Unbill der Zeit ganz und gar ruinenhaft geworden. Durch der Bewohner milde Gaben aber erstand es zu neuer Pracht und schmückt nunmehr auf eine ganz fürtreffliche Art das herrliche Gotteshaus.

 

Inmitten der Presbyterii, durch einen rothen Stein angezeigt, befindet sich die Gruft. Herzog Ludwig im Bart bestimmte diesen Tempel zu seiner und der Seinigen Grabstätte, und verordnete in dieser Absicht, laut einer Urkunde von Erchtag nach St. Ulrichstag 1429: dass nicht nur er selbst nach seinem Tod dorthin begraben werde, sondern „wir meynen auch, dass wir unseren lieben Herrn und Vater Herzog Stefan seel. Gedächtniß, der zu Niederschönefeld liegt, auch dahin zu uns führen und begraben wöllen lassen, das ist gänzlich unsre Meynung. Auch unsre liebe Gemahlin, Fraw Anna Bourbon, des benannten unsers lieben Suns Herzog Ludwigs Mutter und unser zween Sun soll man auch heraus von Frankreich führen, und daselbs zu unser liebe Fraven zu Ingolstadt begraben werde.“ Er selbst ward aber nicht hier begraben, sondern zu Raitenhalsbach. Sein Grabstein aber kam an das Feldkirchen-Thor, wo er noch zu sehen ist, ein gewappneter Mann mit einem Panner in der Hand vor der allerheiligsten Dreifaltigkeit knieend, wie ihn Ludwig für sein Grabmal bestimmt hatte.

 

Die Gruft enthält aber laut einer Tafel, so in der Frauenkapelle hängt und auf lateinisch geschrieben ist: Erstens – die Gebeine des bayrischen Herzogs Stephan III., + 1413. Zweitens – die Gebeine des Herzogs Ludwig des Höckers, Sohnes Herzog Ludwig des Bärtigen, + 1445. Drittens – die Eingeweide des Herzogs Georg des Reichen, + 1503. Viertens – das Herz der Anna von Bourbon, Gemahlin des Herzogs Ludwig, des Gebarteten, + zu Paris 1409. Auf Befehl des Königs von Bayern Max II. dem Andenken aufbewahrt. Im Jahre 1851.

 

In der St. Annen-Kapelle ist auf einem marmornen Piedestal ein metallener Engel zu sehen und hat eine Inschrift die zu Deutsch heißt: „Diese Metallplatte deckt die Eingeweide des am 27. September 1651 fromm verblichenen Max I., Herzogs zu Ober- und Niederbayern, des heiligen Römischen Reichs Erz-Truchseß und Kurfürsten, Pfalzgrafen bei Rhein, Landgrafen zu Leuchtenberg, welche im Hause der Himmelskönigin aufbewahrt werden sollten, wo der Sitz der Erbarmung ist. Derselbe hat im Rechte seiner Ahnen durch seine Verdienste und nach dem gerechten Lauf der Dinge das Kurfürstenthum an sein Haus zurückgebracht.“

 

Bereits im Jahre 1847 kamen große Bauschäden der Frauenkirche zum Vorschein. Nicht geringe Risse an den Spitzbogen-Wölbungen, nicht minder herabgefallene Rippen und Mauertrümmer geben davon laute Kunde, aus Ursach der öfteren Beschießungen der Stadt und der Sprengung der Minen bei der Festungs-Niederwerfung. Es musste von Grund aus geholfen werden, was auch geschah durch die Bemühungen des überaus würdigen und für seine Kirche hochbegeisterten Pfarrherrn Georg Angermaier, so es innerhalb drei Jahren dahin brachte, durch Beihilfe von Staats- und Stiftungsmitteln, diesen Marien-Dom in einer Weise zu erneuern, dass er in Wahrheit ein Muster und Exemplar erhabener und Styl-gemäßer Restauration genannt werden kann. Möge es ihm Gott und Unsre Liebe schöne Frau vergelten!

 

3. Die Marien-Linden-Kirche bei Windeck

 

Zwischen Bühl und Ottersweier, nicht weit vom Hubbade und der Burg Alt-Windeck, liegt eine freundliche Wallfahrtskirche, „zur Linden“ oder „Marien-Linden-Kirche“ genannt. Diesen Namen hat sie von einer uralten Linde, die wenige Schritte von ihr entfernt steht. Gegenwärtig sind es sieben Linden. In uralten Zeiten soll das Marienbild, das nunmehr auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt ist, in einer Blende des alten Lindenbaumes gestanden haben. Als nun in einer Zeit des Krieges ruchloses Gesindel die Gegend überschwemmte, das die Kirchen neben ihren Gerätschaften und Bildern zerstörte, da wuchs die Rinde über die Blende des Madonnenbildes, so dass es dicht in den Baumstamm eingeschlossen und jedem Auge verborgen blieb, bis Friede und Ordnung im Land wieder hergestellt war.

 

Ein Hirtenmädchen, das in der Nähe der Linde seine Herde hütete, vernahm eines Abends einen lieblichen Gesang, der aus dem Baum zu klingen schien. Dies wiederholte sich am zweiten und dritten Tag darauf. Und nun erzählte es von diesem wundersamen Ereignis seinem Vater. Der meinte, so etwas könne nur ein Blendwerk sein, das von einem bösen Geist herrühre und machte sich mit seiner Holzaxt auf, um die Linde zu fällen. Als er aber kaum die Linde berührte, fiel der Teil des Baumes, der die Blende überwachsen hatte, herunter und das Muttergottesbild lächelte ihm aus dem Baum entgegen. Die Wundermähr verbreitete sich bald in der ganzen Umgegend und alles Volk strömte herbei, das Wunder zu sehen und seine Andacht dem Bild darzubringen. Die Ritter von Windeck erbauten auf diesen Anlass hin neben der Linde eine Kapelle, in der das Marienbild ausgestellt wurde.

 

Schon im Jahr 1270 war Maria zur Linden eine vielbesuchte Wallfahrt, wie es aus einer Urkunde vom besagten Jahr zu ersehen ist, die als Unterschrift die Namen des Grafen Otto von Eberstein, sowie des Ritters Reinbold von Windeck trägt.

 

Im Jahr 1484 wurde die jetzige Kirche zu den Linden mit der Erlaubnis Alberts, Pfalzgrafen bei Rhein, Herzogs von Bayern und Bischofs zu Straßburg, dessen Wappen man im Chor erblickt, von verschiedenen Guttätern in schönem gotischen Stil erbaut. Im Chor befinden sich vierzehn alte in Holz geschnittene Heiligenbilder, teils vergoldet, teils versilbert. Sie sind aus der besten Zeit der altdeutschen Bildschnitzerei, und standen vielleicht noch in der alten Kapelle. An den drei Knäufen an der Wölbung des Chors befinden sich mehrere Wappen und namentlich über dem Hochaltar das badische Wappen in reicher Vergoldung. Mitten auf dem Hochaltar steht das uralte „Marianische Gnadenbild“, das ehedessen in der Linde gefunden worden war. Die Zwischenräume in den Bogen des Chores sind mit Darstellungen aus der biblischen Geschichte ausgefüllt. Das Deckengemälde enthält in der Mitte den englischen Gruß, auf der einen Seite die Geburt Christi und die Anbetung der Heiligen Drei Könige, und auf der anderen Seite die Himmelfahrt Marias. Über der Kirche erhebt sich ein schönes altes Türmchen mit Glocken. Die Kirche selbst ist mit einer starken alten Mauer umgeben.

 

Schirmherren dieser Kirche und dieses Wallfahrtsortes waren zu verschiedenen Zeiten die Herren von Windeck, dann auch Glieder aus dem markgräflich badischen Haus. Später wurde die Kirche von Priestern der Hochstifte Trier, Speyer und Konstanz besorgt, bis sie Markgraf Wilhelm von Baden den Jesuiten überließ.

 

Der Ruf der Wallfahrt „Maria-Linden“ drang bis in das kaiserliche Hoflager zu Wien, und Kaiser Ferdinand III. übergab im Jahr 1650 – durch seine markgräfliche Braut – der Kirche große Geschenke.

 

In verschiedenen Zeiten begaben sich große Prozessionen in diese Wallfahrtskirche, so z.B. im Jahr 1640 von Baden aus, die Markgraf Wilhelm selbst begleitete. Von den frommen Gesängen dieser Prozessionen sind noch verschiedene aufbewahrt. Als Nachweis ihres schönen Inhalts stehe nur ein Lied an Maria hier. Es lautet:

 

Jedem Alter, allen Ständen

Woll`st du deinen Schutz zuwenden,

Volk zugleich und Priestern gib,

Proben deiner Mutterlieb!

 

Lass die Hirten, lass die Herde,

Staat sowohl, als Kirch` auf Erde,

Jung und Alt, Groß und Klein,

Deiner Sorg` empfohlen sein!

 

Lass uns deine Hilf` erfahren,

So in Leibs- als Seelgefahren,

Wider aller Feinde Stürmen

Mögest du uns schützen, schirmen!

 

Halt` das Volk in Tugendschranken,

Lass es nie im Glauben wanken,

Und die ganze Christenheit

Stärk` in Fried` und Einigkeit!

 

Segne unser Vaterland,

Segne Eltern mit den Kindern,

Segn` uns all` mit deiner Hand,

Felder, Reben, Matten segne,

Vieh, Haus, Hof, wie Leib und Seele,

Dass kein Unglück uns begegne,

Deinem Sohn uns anempfehle!

 

Nahe bei dieser Wallfahrtskirche, zwischen zwei alten Lindenbäumen, in einem kleineren Heiligenhaus von Stein ist noch ein großes Muttergottesbild aufgestellt. Es ist dies ebenfalls eine alte anmutige Skulptur. Vom Haupt Marias, das eine Krone trägt, wallt reichliches Haar herab. Oben steht die Überschrift, wohl aus der neueren Zeit stammend: „Trösterin der Betrübten! Heil der Kranken!“ Das genannte Bild wurde im Jahr 1642 in einer Kirche zu Eckenstein von einem Jesuiten unter einem Dachstuhl aufgefunden, und in Anwesenheit vieler Wallfahrer auf den Stock eines alten Lindenbaumes unweit der Kapelle, wo das ältere Marienbild gestanden hatte, aufgestellt. Ein Mann von Unter-Kappel ließ das Bild neu vergolden und in dem dazu erbauten Heiligenhaus aufstellen.

 

Auch einige Sagen knüpfen sich an dieses Bild.

 

Einmal wollte ein loser Geselle dem Bild die Schnur Granaten nehmen, die es um den Hals trägt. Er bekam aber von unsichtbarer Hand einen so derben Schlag ins Gesicht, dass ihm alle Lust zum Stehlen verging.

 

Ein anderes Mal wanderten auf der Landstraße, an der das Bild steht, zwei Neufranken. Als sie das Bild erblickten, schlug der eine sein Gewehr darauf an, und rief seinem Kameraden zu: „Wart`, ich will der Jungfrau Maria eine Kugel geben!“ Aber siehe da. Das Gewehr ging nicht los, und er erstarrte in so schrecklicher Weise, dass er regungslos in der Stellung verblieb, in der er das Bild verhöhnt hatte. Da flehte sein Kamerad die heilige Mutter Gottes um Hilfe für ihn an, und erlangte dadurch auch, dass sein Gefährte sich wieder bewegen konnte. Seitdem hat er niemals mehr gewagt, die glorreiche Himmelskönigin zu verunglimpfen.

 

http://maria-linden.de/

 

(Aus: Alemannische Lieder und Sagen von Aloys Schreiber, 1817)

 

4. Die Kirche Unserer Lieben Frau zu Uscharye

 

Unweit des Marktes Tarvis in Kärnten, auf einem hohen Schneeberg, liegt eine Kirche Unserer Lieben Frau zu Uscharye genannt, dahin nicht allein aus dem Land selbst, sondern auch aus der Nachbarschaft, besonders aus dem Herzogtum Krain, große Wallfahrten geschehen und jährlich reiche Opfer gebracht werden.

 

Diese Kirche bleibt von St. Michael bis Pfingsten gänzlich unbesucht, weil wegen des hohen Schnees kein Mensch hinaufzukommen vermag.

 

Der Altar Unserer Lieben Frau daselbst ist mit Gold und Silber, Perlen und Edelgestein, besonders wenn die üblichen Prozessionen jährlich hinaufwallen, auf`s Allerschönste geschmückt und geziert. Trotzdem wird die Kirche niemals zugesperrt, sie bleibt unausgesetzt Tag und Nacht offen, denn wenn man sie bisweilen mit starken Türen und eisernen Schlössern verwahrte und sperrte, hat man sie nichtsdestoweniger am darauffolgenden Tag allzeit wieder offen gefunden. Auch bezeugt es die Erfahrung, dass man aus dieser Kirche nichts stehlen oder heimlich hinwegtragen kann. Außerdem geschehen dort jährlich viele Mirakel.

 

(Aus: Die Mariensagen in Österreich, von J.P. Kaltenbaeck, 1845)