Marien-Kirchen

Jeder Mensch empfindet ein natürliches Interesse, Stätten zu besuchen und zu besichtigen, an denen irgend etwas Wichtiges stattfand. Aus dieser Empfindung heraus haben schon in den ältesten Zeiten, besonders aber seit Kaiser Konstantin die Christen mit großer Vorliebe jene Stätten im Heiligen Land aufgesucht, die Jesus Christus durch seine leibliche Gegenwart heiligte und wo sich die grundlegenden Tatsachen der Erlösung vollzogen haben. Durch die Macht der sinnlichen Anschauung werden an solchen Orten die religiösen Erinnerungen und Vorstellungen und die Gefühle der Dankbarkeit zu höchster Lebhaftigkeit gesteigert und die Herzen zur Andacht und Liebe und zum Vertrauen entflammt.

 

In ähnlicher Weise führte die Verehrung für die großen Heiligen, besonders natürlich für die heilige Gottesmutter Maria, die Gläubigen bald auch zu den Stätten ihrer Wirksamkeit, zu ihren Gräbern, zu den Orten, wo die Überreste der Heiligen aufbewahrt wurden, und angefangen von den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus bis zu denen der zahllosen lokalen Heiligen, sind auf diese Weise in der ganzen Welt unzählige größere und kleinere Wallfahrtsorte entstanden.

 

Und noch ein dritter Grund für die Entstehung wäre hier anzuführen. Schon unsere heidnischen Vorfahren bevorzugten für ihre Opferstätten einsame Bergeshöhen, stimmungsvolle Waldgegenden und erquickende Quellen, denn ein tiefes und gemütvolles Naturgefühl erfüllt unser Herz mit einer eigentümlichen Weihestimmung, zieht es vom gewöhnlichen Alltag ab, macht es für ernste, für Ewigkeitsgedanken empfänglicher und bringt uns Gott, dem Urquell alles Seins, näher als sonst. Die Kirche hat nun diesem tief eingewurzelten Bedürfnis der Menschen nach der Verbindung mit der Natur Rechnung getragen und neben der offiziellen und feierlichen Liturgie in den Dom-, Pfarr- und Klosterkirchen auch diese mehr private Frömmigkeit an den Wallfahrtsorten gefördert. Mit größter Vorliebe verknüpften nun die gläubigen Menschen solche ansprechenden Andachtsorte mit der ihnen besonders naheliegenden Marienverehrung, und wir brauchen nur an die Namen unserer beliebtesten Marien-Wallfahrten zu denken, um zu erkennen, dass die Vorliebe unserer Ahnen für Wälder, Quellen und Bergeshöhen auch hier überall noch nachwirkt und durchschimmert.

 

Es ist begreiflich, dass die Rationalisten aller Zeiten die Wallfahrten, besonders die marianischen, leidenschaftlich bekämpft haben. Wer aber nicht vergisst, dass wir Menschen aus Leib und Seele bestehen und dass deswegen auch die sinnlichen Eindrücke für unser Inneres, auch für unser religiöses Leben eine große Rolle spielen, wer weiterhin Sinn und Interesse für merkwürdige Volksbräuche, für poesievolle Legenden, für Bodenständigkeit, Duft und Farbe auch im religiösen Leben besitzt, der wird auch den Wert des Wallfahrens gebührend zu würdigen wissen.