Maria-Schutz

 

 

Die Votiv-Ketten zu Ellwangen

 

Im Böhmerland, nicht weit von Prag, lebte auf seinem Gut im achtzehnten Jahrhundert ein Edelmann. Zwei blühende Söhne sollten einst sich in sein Erbe teilen, und beide wuchsen unter seiner väterlichen Leitung auf. Obgleich Brüder – waren sie doch in ihrem geistigen Wesen, Temperament und Charakter sehr voneinander verschieden. Joseph, der ältere, war von sanfter Gemütsart, so lebendig er sonst auch in all seinem Tun und Treiben sich zeigte, und hatte etwas Sinniges und Jungfräuliches an sich. Indes Anton, der jüngere, jähzornig und aufbrausend, den Faustschlag alsbald dem Blitz, der Augen folgen ließ. So konnte es denn nicht ausbleiben, dass mancher Zwist sich zwischen den Brüdern erhob.

 

Einst waren beide zu ihrem Oheim in Prag eingeladen und lernten dort bei einem Festmahl in ihrer Base ein Fräulein kennen, das durch Anmut und Bescheidenheit allen Anwesenden gar wohlgefiel. In den Brüdern zündete der Strahl der Liebe. Joseph widmete dem züchtigen Fräulein eine stille Verehrung, während Antons Neigung in den Flammen der heißesten Leidenschaft aufloderte. Kein Wunder, wenn bei dieser Nebenbuhlerschaft der Zündstoff der Uneinigkeit und des Haders aufgehäuft wurde, und in einem Anfall der höchsten Wut, als sich ein Streit entspann, Anton nach einem Messer griff und damit seinen Bruder so schwer körperlich verletzte, dass Joseph nach wenigen Stunden und unter den bittersten Qualen sein Leben aushauchte. Sterbend den Blick auf ein Bild der heiligen Muttergottes mit dem Jesuskind, das segnend die Hand ausstreckt, gerichtet, hat er noch von ganzem Herzen dem Bruder seine Missetat verziehe. – Zu spät erwachte in Antons Brust die verzweiflungsvolle Reue! Der Unglückliche stürzte fort, verfolgt von der Blutgestalt seines Bruders und gestachelt von der Qual des bösen Gewissens und rannte trostlos in die weite Welt hinaus, denn weder seine Eltern, noch der heißgeliebten Base konnte der Brudermörder mehr unter die Augen treten.

 

Mit einer kleinen Barschaft versehen, floh er bei Nacht und Nebel aus Prag – es war ihm gleich, wohin der bange Schritt ihn geleite – und schlug der Weg nach Eger ein. Aber in jeder Kapelle, vor jedem Kreuz, das an der Heerstraße stand, warf er sich andächtig nieder und flehte mit zerknirschtem Herzen Gott und Erbarmen an – ohne dass jedoch Ruhe und Friede in sein Inneres eingekehrt wäre.

 

Weiter und weiter zog er nach Bamberg in Bayern, und auf seiner Irrfahrt gelangte er endlich nach Ellwangen, von dessen Wallfahrtskirche auf dem „Schönen-Berg“ und dem Gnadenbild Marias daselbst ihm fromme Wallfahrer erzählten, die von dort ihm begegneten. Auf den Knien wand er sich die Stationen hinauf, und bußfertig und inbrünstig betete er vor dem Gnadenbild der göttlichen Mutter, der „Zuflucht der Sünder“; - da allplötzlich schien es ihm mild zu lächeln, und ein süßer Himmelstau fiel auf sein brennend Herz. Es war ihm, als hauchte das Bild ihm die Worte zu: „Um der Ehre Gottes willen und ob deines Glaubens an mich und meiner Fürbitte bei meinem Sohn, und wegen deiner vollkommenen Reue wird der Herr dir gnädig sein, wenn du vorerst eine vollständige Beicht zu deiner Absolvierung ablegen wirst! Und was da immer fortan über dich kommen möge auf deiner Pilgerschaft, so werde ich dich schützen und die Todesgefahr von dir fern halten, wo und wie sie dich auch bedrohen und bedrängen mag!“

 

Mit seligen Gefühlen erhob sich Anton, legte bei den Missions-Priestern auf dem „Schönen-Berg“ eine Generalbeicht ab, ging heiteren Sinnes von dannen und gelobte: All sein Vertrauen nur auf die heilige Muttergottes von Loretto zu Ellwangen zu setzen, von den ruhelosen Irrfahrten abzulassen, und sich eine Berufsart zu suchen, die ehrenhaft ihn beschäftigte.

 

Bald kam dazu eine Gelegenheit. Er nahm Dienste unter einem Reiterregiment des Kaisers. – Der deutsche Kaiser lag damals im Krieg mit dem König von Frankreich und dem Kurfürsten von Bayern, dessen Bundesgenossen. Auf seiner Seite focht ein Heer Englands unter dem Helden Malborough, und die Kaiserlichen befehligte der berühmte Feldherr Prinz Eugen von Savoyen.

 

Bei Höchstädt an der Donau kam es zu einer blutigen Schlacht, und die Franzosen mit den Bayern erlitten eine furchtbare Niederlage. Anton kämpfte heldenmütig – von überlegener Reiterei des Feindes angegriffen, die das halbe Regiment aufrieben und die Fahne eroberten. R stürzte wie ein Löwe in die Feinde und holte die Fahne wieder mitten aus ihnen heraus. Aber bei einem zweiten Angriff, der den Feind zurückwarf, stürzte der tapfere Reiter, von vielen Säbelhieben getroffen, vom Ross, und wurde von einem Haufen Verwundeter und Sterbender, die über ihnen sanken, begraben. Bei dem betäubenden Fall hatte er nur noch so viel Besinnung, seine Seele und sein Leben Gott und der heiligen Muttergottes von Ellwangen zu empfehlen – dann überkam ihn eine Ohnmacht und er blieb bewusstlos liegen, während das Schlachtgetümmel über ihn hin raste.

 

Weit umher waren die Ufer der Donau ein blutiges Leichenfeld, und Haufen von Toten lagen hoch übereinander zwischen zerbrochenen Waffen und umgestürzten Wagen und Kanonen. Aufgebotene Landleute mussten die Leichen beerdigen und einscharren. Aber es waren so viele, dass es über einen Tag und eine Nacht dauerte, bis das Schlachtfeld geräumt war. – Als das traurige Geschäft nun auch an den Leichenhügel kam, unter dem Anton begraben lag, und Leichnam um Leichnam weggetragen wurde, um sie in großen Gruben zu verscharren und die Landleute unter der Aufsicht von Soldaten nun auch den jungen Reiter, den über und über geronnenes Blut bedeckte, anfassten, um ihn auf die Tragbahre zu werfen und in die Grube zu versenken, da erwachte er plötzlich mit einem tiefen Seufzer, und sprach mit leiser Stimme: „Heilige Muttergottes! – wie ist mir? – und wo bin ich? – Wache ich oder träume ich? – Was wollt ihr einen Menschen begraben, der erst vor einer Stunde in Ohnmacht gesunken ist? – Wo ist mein Regiment? – Wo steht der Feind?“ – Die Totengräber stellten erstaunt die Tragbahre hin und sprachen: „Ihr redet irre, denn die Schlacht hat seit vierundzwanzig Stunden ausgetobt! Es steht nur noch die Nachhut des kaiserlichen Heeres dort drüben an den Ufern der Donau, und wir haben mehr denn dreißig Leichname, die über Euch lagen, schon eingescharrt! – Es muss bei Euch mit besonderen Dingen zugehen, dass Ihr noch ein Fünklein Leben zeigt, denn Ihr seid ja wahrhaft zerhackt von Stichen und Hieben und es ist kein guter Fetzen mehr an Euch!“ – „Ihr liebe Leute“, antwortete Anton, „jetzt erst erkenne ich noch deutlicher das Wunder, das sich mit mir zugetragen hat, und den hochherrlichen Schutz der heiligen Muttergottes, meiner Herrin, in den Gefahren des Todes, denn mir war es, als ich nach einem Stoßseufzer zu ihr in Ohnmacht gesunken war, als wandelte ich in einem sonnigen Tal und am Ende desselben erhebe sich der Schöne-Berg mit der marianischen Wallfahrtskirche bei Ellwangen!“ – Erstaunt hörten die Leute diese Auskunft an und trugen ihn an ein Bächlein, um ihn mit einem Trunk zu erfrischen und seine Wunden auszuwaschen. Dann aber brachten sie ihn zu der Nachhut seines Heeres und übergaben ihn den Feldscherern. Auch sie konnten sich bei den lebensgefährlichen Wunden Antons nicht genug verwundern, dass er, ohne jegliche Pflege, nach vierundzwanzig Stunden noch atme, und widmeten ihm alle Sorgfalt. – Nach wenigen Monaten verließ der junge Krieger das Spital und stellte sich wieder zu seinem Regiment, wo ihn der Feldmarschall Breuner wegen seiner Tapferkeit zum Offizier ernannte über eine Schwadron böhmischer Kürassiere. – Dies war das erste Wunder, mit dem die heilige Muttergottes ihn begnadete, und bei allen Gefahren, die ihm begegneten, blieb er ruhig und furchtlos, denn er trug die Bürgschaft in sich: dass unter ihrem gütigen Schutz, den er tagtäglich aufs Neue und inbrünstig anflehte, der Tod der Schlachten keine Macht über ihn habe.

 

Und er betrog sich nicht! –

 

Ein neuer Krieg brach aus zwischen dem Kaiser und den Türken, die an der Donau eingefallen waren, mit unzähligen Scharen Ungarn bedrohten und bereits Belgrad erobert hatten. – Im Frühling 1717 zog das kaiserliche Heer von Belgrad unter dem Oberbefehl des Prinzen Eugen und des Herzogs von Württemberg; aber schon unterwegs, bei Peterwardstein, stellte sich ein türkisches Heer ihnen entgegen und man rüstete sich vor Tagesanbruch zur Schlacht. Auf einem kleinen Hügel nahe der Stadt, auf deren Wällen 200 Kanonen aufgestellt waren, hielten die obersten Befehlshaber und Anton neben ihnen, um ihre Befehle seinem Obristen zu bringen, der drunten im Blachfeld stand. Prinz Eugen tummelte sein milchweißes Ross, ein kaum mittelgroßer hagerer Mann – mit einem Auge, vor dessen scharfem Blick niemand bestehen konnte, und einem kurzen pechschwarzen Schnurrbart. Er trug gelbe Reithosen, einen weißen Frack, rote Weste mit breit ausgelegter Halsbinde und unter der Weste einen Harnisch. In der Rechten hielt er einen braunen Kommandostab, geziert mit einem gekrönten goldenen Adler. Herzog Alexander war ihm zur linken Seite, ein großer, stattlicher Held – mit frischem freundlichem Gesicht, in reichem Panzer und vollem Lockenhaar, das über die Schultern herabwallte.

 

Der erste Morgenstrahl fand das ganze Heer gerüstet und die Offiziere verkündigten den Tagesbefehl des Prinzen. Er lautete: „Kameraden, christliche Brüder! An dem heutigen Tag wird der Halbmond der Ungläubigen uns heißer machen, denn die ganze Sonne! Gegen achtzigtausend wütender Feinde stehen in doppelter Übermacht wider uns und werden nach ihrer Kampfesart wie ein Keil in unsere Glieder einbrechen! – Halten wir diesen Stoß aus – so ist der Sieg unser, denn nur das erste Ungestüm kann uns verderblich werden, wenn wir ihm nicht widerstehen! Wer fällt, fällt für das heilige deutsche Reich, für den Christenglauben und unseren gnädigen Kaiser Carl den Sechsten!“ – Hörbar schlugen alle Herzen und eine leichte Röte kündete jetzt im Osten den Tag an, und mit ihm erschallte der Morgenruf der Türken: „Gott erwacht!“ aus zahllosen Kehlen. Dann trat Totenstille ein, denn die Türken warfen sich alle auf das Gesicht, gegen Morgen gekehrt, und verrichteten ihr Gebet.

 

Hierauf wogten Wolken von Dampf empor, und mit den ersten Strahlen der Sonne stiegen die Feinde zu Pferd und zogen die Donau herauf gegen die Vorhut des kaiserlichen Heeres. Halbmonde, Rossschweife und Fahnen glänzten und flatterten in großer Menge, und soweit das Auge in einem Halbzirkel von drei Stunden schauen konnte, sah man das Land mit Reitern, Fußvolk, Kamelen und Zeltwagen bedeckt. Nach und nach gestalteten die Feinde ihre Haufen von Bogenschützen, Spießträgern und Musketieren, und ihre bunte Farbenpracht schimmerte in blutrotem Schein. Es waren ihre roten Mützen und Wämse, und dazwischen wallten die schneeweißen kleinen Mäntel der Reiter. – Plötzlich erdröhnte durch alle Reihen ein Trompetenschmettern, dann folgte ein schreckliches Kampfgeschrei und mit rauschender Musik von Zimbeln, Becken und Pauken wogten die Feinde heran.

 

Aber jetzt donnerten die Kanonen, und lange Reihen stürzten in den Sand; aber über sie hinweg stürzten die Nachfolgenden. Auch sie bildeten in kurzer Zeit nur Leichenhügel und elf Mal hintereinander zerriss das Geschütz die ersten Reihen. Doch umsonst! Neue Wogen schwollen heran, und das kaiserliche Heer musste weichen, ehe wenige Stunden vergingen. Aber während die Türken zu plündern begannen im Siegesrausch, hatte Prinz Eugen die Seinigen wieder fest gesammelt und machte einen So grauenvollen Angriff auf die Feinde, dass in einer Stunde zwanzigtausend tote oder sterbende Türken das Schlachtfeld bedeckten.

 

Nicht so glücklich war auf dem linken Flügel der Feldmarschall Breuner mit seinen Kroatenscharen und dem Regiment der böhmischen Kürassiere und den ungarischen Reitern; wiewohl sie sich gegen eine weit überlegene Zahl heldenmütig schlugen. Sie wurden umzingelt, was nicht erschlagen wurde oder entkam, das wurde nach und nach in einzelnen Abteilungen gefangen genommen.

 

Zuerst brachte man Anton mit einigen hundert Kürassieren vor den Oberbefehlshaber Ali-Bassa. Sein blutdürstiges Auge rollte, als er die Gefangenen sah, und befahl – Mann für Mann vor sein Zelt zu führen und ihnen die Köpfe abzuschlagen. Der Befehl des Wütenden wurde sogleich befolgt. – Mann um Mann wurde vor des Bassas Zelt geführt und ihnen der Kopf vor die Füße gelegt.

 

Langsam rückte Anton in der Unglücksreihe vor und sah wie seine Kameraden abgeschlachtet wurden, aber in seinem Inneren waltete Ruhe – kein Grausen überfiel ihn, denn er stand ja unter dem Schutz der glorreichen Himmelskönigin. Und darüber war er so zuversichtlich, obwohl auch jeglicher Rettungsweg unmöglich schien, dass er dennoch gewiss wusste – seine gebenedeite Schutzherrin trete für ihn ein.

 

Plötzlich, als er langsamen Schrittes mit seinen Todesgefährten an dem Zelt eines vornehmen Türken vorüberkam, trat dieser an ihn heran, warf einige Teppiche über ihn und entzog ihn so schnell der Henkerschar des Wüterichs, dann riss er ihn in sein Zelt und versteckte ihn ungesäumt in die hinterste Abteilung, denn – der Jüngling hatte ihm wohl gefallen und er gedachte ihn als Sklave um teuren Preis zu verkaufen. Rasch wurde er in türkische Kleider gesteckt, sein Haupthaar geschoren und sein neuer Herr ritt mit ihm in einen rückwärts liegenden Teil des Lagers, als eben der Feldmarschall Breuner mit drei Offizieren gefesselt eingebracht wurde. Anton blickte sich mitleidig um nach seinen Glaubensgenossen und zitterte, dass sie das Los seiner bereits hingeschlachteten Kameraden alsobald teilen würden. Er hörte die brüllende Stimme Ali Bassas, wie er dem Feldmarschall entgegen donnerte: „Ha! Hab ich einen von den Löwen der Christenhunde? Schwöre ab der Lehre des Nazareners, sonst sind deine Stunden gezählt!“ Aber er hörte auch, wie der Feldmarschall ruhig entgegnete: „Ich bleibe Christ und Österreicher; würde ich auch die Schätze deines Großherrn und Kaisers Soliman erhalten!“ Da fuhr der Bassa auf und tobte: „Man schmiede diesen Ungläubigen an jene Eiche, bis mein Säbel blutige Kopfsteuer fordern wird, wenn erst die drunten im Tal vernichtet sind!“

 

Dann aber setzte er sich auf sein arabisches Pferd, um in den Kampf zu sprengen, und befahl sieben Bogenschützen, den Feldmarschall zu bewachen und wenn die Schlacht sich ungünstig wenden sollte, - ihn mit Pfeilen zu durchbohren.

 

Bald vernahm Anton in der Ferne von fliehenden Türken, dass die Schlacht verloren, und einer der Bogenschützen brachte Kunde von allem, was sich hinter ihm zugetragen und wie alles für die Türken verloren sei. „Nicht lange“, so erzählte der Flüchtling, „war Ali Bassa im Schlachtengewühl, da entstand ein entsetzlicher Kampf in seiner nächsten Nähe. Seine Getreuen scharten sich um ihn, und als er, zum Tod getroffen, vom Pferd sank, ließen sie sich wehrlos morden. Keiner wollte seinen Tod überleben, Hunderte erstachen sich selbst, viele stürzten in die Donau und Tausende erstickten in Sümpfen, in die sie gesprengt wurden. Die Fliehenden riefen den Wächtern des Feldmarschalls zu: „Ali ist tot! Tötet diesen Christenhund und flieht!“ Lange zauderten wir, während der Marschall ganz nackt, mit einer Kette um den Hals, fort und fort betete: „Erhöre, Gott, mein Flehen! Lass die deinigen den Ungläubigen nicht zum Spott werden! Gib ihnen Kraft zum Sieg, Du, der Du sie schon so oft siegreich geführt hast, dass der Heide nicht triumphiert, und Dein Name geheiligt bleibe!“ – Als aber die feindliche Reiterei heranraste, schnellten wir unsere Pfeile ab und jagten in dem Augenblick davon, als Prinz Eugen auf Schussweite sich der Eiche genähert hatte, während der Gefangene sterbend ein Reis vom Baum erfasste und rief: „Treu meinem Gott und Kaiser blieb ich bis in den Tod!“

 

Fort ging es nun in wilder Flucht hinab nach Belgrad, in dessen festen Mauern das türkische Heer sich wieder sammelte, während das kaiserliche Heer eine ungeheure Beute gemacht hatte, an Gold und Schätzen und kostbaren Waffen. Dabei waren ihnen aber auch drei Fässer mit eingesalzenen Christenohren, sechs Wagen mit Fesseln und ungefähr 400 Hunde in die Hände gefallen, die spitzige Schnauzen, wolfsartige Gestalt und ein grimmiges Gebiss hatten, und dazu bestimmt waren, gefangene Christen in die Sklaverei zu führen.

 

In Belgrad verweilte Anton mit seinem Herrn, bis es erstürmt war, und musste alle Gräuel mit ansehen, die hier verübt wurden. Um sich für die Belagerung durch Prinz Eugen an den christlichen Bewohnern Belgrads zu rächen, mussten sie das Unmenschlichste über sich ergehen lassen. Unschuldige Kinder wurden gespießt, Mädchen und Frauen die Ohren, Nasen und Brüste abgeschnitten und ihnen der Leib aufgeschlitzt oder mit Brandfackeln versengt. Als nun gar die Kaiserlichen die Wälle und Mauern mit Sturm angriffen und durch das Geschütz ganze Strecken der Mauern einstürzten, da stellten die Türken ganze Haufen mit Stricken zusammengebundener Christen in die Öffnung und bildeten menschliche Wälle gegen das Geschütz. Erst, als die Stadt halb erobert war, zog der vornehme Türke mit seinen Dienern und Anton fort, und schlug den Weg nach Konstantinopel ein.

 

Dort wurde Anton auf den Sklavenmarkt gebracht und an einen Türken über den Dardanellen drüben in Asien verkauft. – Aber jetzt erst begann er das Joch der Sklaverei recht zu fühlen, denn sein neuer Herr war ein hartherziger Mann, erfüllt von grimmigem Hass gegen die Christen, und er musste wie ein Last- und Zugtier arbeiten in den Mühlen und Gärten, zusammengeschmiedet mit einigen anderen Christen. Ein Aufseher, ein Schwarzer, schwang von morgens bis abends die schwere Peitsche über den Unglücklichen, und trieb sie zu den unmöglichsten Anstrengungen. Die schlechte Kost reichte man ihnen nebst faulem Wasser in stinkenden Kübeln, und des Nachts hatten ihre wunden Glieder keine Ruhe vor dem Ungeziefer. – Aber auch in diesen Tagen voll der allerbittersten Trübsal erlosch im Herzen Antons nicht das kindliche Vertrauen auf den Schutz der heiligen Muttergottes, und er hoffte zuversichtlich, dass sie ihn auch aus diesem Elend noch errette und als mildester Gnadenstern ihn heraus und in bessere Verhältnisse hinüberleiten würde.

 

Schon ein ganzes Jahr hindurch hatte er all dieses Wehe still und gottergeben erduldet, es als die zeitliche Strafe erachtend, die er für seine Missetat hienieden abbüßen müsse; - da starb sein Herr, und der Sohn, der dem Vater ganz unähnlich war, trat eines Morgens zu ihm, als er eben sein Gebet verrichtet hatte und an die Arbeit ging.

 

„Christ!“, sprach er, „ich habe ein großes Vermögen ererbt und bin von Gott reich gesegnet. Darum will ich heute – nach dem Befehl des Propheten – ein gutes Werk verrichten. Weil ich gesehen habe, dass du nie gemurrt und mannhaft dein Sklavenjoch ertragen hast, so schenke ich dir die Freiheit und diesen Beutel mit Gold, dass du ungehindert heimkehren kannst in dein Vaterland.“

 

Voll innigster Dankbarkeit sank Anton vor seinem jungen Herrn nieder und sprach: „Möge Gott und die heilige Jungfrau dir lohnen, was du an mir getan hast, und seine Barmherzigkeit dich tausendfältig erfreuen auf Kinder und Kindeskinder! Ja, ich habe gewusst, dass auch einmal meine Stunde der Erlösung schlägt, obwohl menschliche Augen keinen Ausgang sehen, denn Maria, des Nazareners Mutter, wie ihr den Eingeborenen Sohn des lebendigen Gottes nennt, hält mich in ihrem Schutz, wie ich es schon längst in meinem Leben erfahren konnte! Abgebüßt habe ich die zeitliche Strafe in des Lebens Angst und Pein und unter dem herben Sklavenjoch mein so schweres Vergehen, meine Todsünde: dass ich in der flammendsten Wut der Leidenschaft meinen eigenen Bruder getötet habe. Mit ruhigem Gewissen kann ich nun in meine Heimat ziehen, nachdem der Himmel dein Herz gelenkt und mir meine Freiheit gegeben hat!“

 

Dies war das zweite Wunder des von Maria empfangenen Schutzes!

 

Bevor jedoch Anton von der Sklaverei Abschied nahm, schenkte er die Hälfte seines Goldes seinen armen Unglücksgenossen, und die Fesseln, die er getragen hatte, nahm er mit zum ewigen Andenken seiner Leiden.

 

Als er nach Peterwardein kam auf dem Rückweg, da besuchte er das Schlachtfeld und die Stätte, wo er zum Tod war verurteilt worden. Noch stand am Weg die Eiche, in deren Nähe das Zelt Ali Bassas einst aufgeschlagen und wo der Feldmarschall Breuner erschossen worden war. Man hatte ihn feierlichst unter dieselbe Eiche begraben und den Baum mit einem hölzernen Geländer umrahmt. Das Reis aber, das der Sterbende von den Ästen gerissen hatte, brachte man in die nahe Kapelle zu „Maria-Schnee“, um dort in einem Glas-Gehäuse zum ewigen Andenken aufbewahrt zu werden.

 

Bald erreichte Anton Wien. Aber ehe er beim Kaiser wieder Dienste nehmen wollte, hatte er gelobt: seine Ketten dem heiligen Gnadenbild zu Ellwangen zu opfern. Und er zog darum an der Donau aufwärts. – Wie schlug sein Herz, als er von Ferne die Türme Ellwangens erblickte, und die Muttergotteskirche vom „Schönen-Berg“ herabwinkte! Mit dem ersten Frühlicht verließ er die Herberge und begann andachtsvoll die Stationen hinaufzusteigen, an jeder Leidenskapelle sein Gebet verrichtend. Dann aber, als er in der Kirche angelangt war, warf er sich vor das Gnadenbild und zerfloss in Tränen. Wieder schien ihm die Muttergottes zu lächeln, als er mit heißen Danksagungen seine Ketten ihr zum Preis und Dank zu Füßen legte.

 

Und den Himmelsfrieden in der seligkeitsvollen Brust, stieg er wieder den Berg hinab. Reichliches „Marien-Almosen“ hat er unten an die Armen verabreicht, unter der Bitte: für die Seelenruhe seines Bruders ein frommes Paternoster und Ave-Maria zu beten.

 

(Aus: Die Burgen, Klöster, Kirchen Württembergs von Ottmar Schönhuth)

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Die himmlische Streiterin

 

Im Jahr 1480 unternahmen die Türken, diese damals so furchtbaren Feinde des Christennamens, mit vierzigtausend Mann die Belagerung von Rhodos, dieses Walles der Christenheit in Asien, den damals nur die Ritter des heiligen Johannes von Jerusalem – die Johanniter – verteidigten.

 

Drei Monate lang belagerten sie schon die Stadt, und hörten während dieser Zeit nicht auf, zahllose Kugeln hinein zu schleudern, die große Verheerungen anrichteten. Bereits drohte auch peinvoll die Hungersnot. Die Truppen der Belagerten waren durch Mangel und Anstrengungen erschöpft, so dass man alsbald anfing, von der Übergabe der Stadt zu reden. Da flehte Pater von Aubusson, Großmeister des Ordens, mit den anderen Rittern und der Besatzung, Gott, die heilige Jungfrau Maria und die Heiligen mit großer Inbrunst um Beistand an, und beschloss sodann, es mit einer letzten und äußersten Anstrengung zu versuchen. Er machte aus der Zitadelle, in die er eingeschlossen war, einen kräftigen Ausfall, gelangte bis zu den Außenwerken, deren der Feind schon Meister war, warf dessen Vorposten siegreich zurück, und pflanzte entschlossen die Fahne Jesu Christi, das Banner der heiligen Muttergottes, und das des heiligen Johannes des Täufers auf der von den türkischen Kugeln geöffneten Bresche auf. Das genügte. Diese ehrwürdigsten Zeichen bildeten eine unübersteigbare Mauer, die dem Feind zu sagen schien: „Weiter gehst du nicht und hier werden deine wutschnaubenden Scharen still stehen müssen!“ Denn kaum waren die hehren Zeichen des katholischen Glaubens auf der Bresche aufgepflanzt, als im Angesicht der Ungläubigen ein goldenes Kreuz in den Lüften strahlte. Auch gewahrte Mann eine Frau von himmlischer Schönheit, in der einen Hand eine Lanze und in der anderen einen Schild haltend, deren Leib ein übernatürliches Licht verbreitete. Unweit von ihr erschien der heilige Johannes der Täufer, begleitet von einer furchtbaren Streitschar himmlischer Geister. Sie waren gleich jenen bewaffnet, die einst für die Makkabäer gekämpft hatten. Bei diesem Anblick wurden die Türken von Entsetzen ergriffen. Sie hoben die Belagerung auf, und die Belagerten, die einen nochmaligen und zwar weiteren Ausfall unternahmen, töteten eine große Anzahl von ihnen, die ihr Ende vor den Toren einer Stadt fanden, die durch ein Wunder gerettet worden war.

 

(Aus: Geschichte des Johanniter-Ordens von Bosius)

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Der plötzliche Befehl zum Rückzug

 

Der heilige Stephanus, König von Ungarn, ehrte die allerseligste Jungfrau Maria, die er von ganzem Herzen liebte, besonders als die „unumschränkte Herrin“. Er erfreute sich immer an ihren Herrlichkeiten und war ihr so andachtsvoll ergeben, dass er befahl, man solle sie in seinem ganzen Reich nur die „große Frau“ nennen. Und in der Tat, man wagte nur mit beiden Knien auf der Erde den kostbaren Namen „Maria“ auszusprechen. Nie hörte man ihn in den Unterhaltungen gesellschaftlichen Verkehrs, damit er ja nicht entweiht würde. Man pflegte dafür nur zu sagen: „Unsre Liebe Frau“ oder „Unsre gute Herrin.“

 

Da nun aber Gott, nach seinen unerforschlichen Ratschlüssen, seine Freunde oft gar schwer zu prüfen pflegt, deshalb begegneten auch dem heiligen König Stephanus tausenderlei Trübsale. Er verlor alle seine Kinder durch den Tod. Er selbst wurde von verschiedenen Krankheiten niedergebeugt. Auch zettelte man Verschwörungen gegen seine Person und seinen Stand an. Freilich gehörte auch seine Person mehr der heiligen Muttergottes als ihm selbst, nachdem er ihr ein so feierliches Opfer gebracht hatte, indem er seine Krone, sein Zepter und seine ganze Macht in ihre Hände gelegt hatte und nur für einen ihrer demütigsten Untertanen gehalten werden wollte.

 

Es geschah indes, dass Kaiser Konrad, den der Ehrgeiz immer und immer stachelte, Ungarn zu erobern und mit Gewalt sich zum Herrn davon zu machen beschloss, indem er mit einigen Staatsgründen diese gar unchristliche Handlung beschönigte. – König Stephanus erfuhr nun, dass alle Streitkräfte des Kaisers bereits an den Grenzen seines Reiches sich befänden und mit schnellen Schritten vorandrängen, um ihn zu überraschen. Doch weit entfernt, sich durch eine so schlimme Botschaft erschrecken zu lassen, traf er solche Anordnungen, die er für geeignet erachtete, um sich mannhaft diesem Strom des Verderbens entgegenzusetzen. Und da er wusste, dass das Königreich Eigentum der heiligen Muttergottes sei, so warf er sich vor ihrem Bild nieder, und verrichtete dieses kurze Gebet: „Wenn du willst, o unbeschränkte Herrin des Himmels und der Erde, dass ein Teil Deines Reiches von den Feinden verwüstet werde, dann gib nicht zu, ich bitte dich, dass dies meinem geringen Vertrauen auf deinen Schutz, sondern vielmehr der Fügung Deines Willens zugerechnet werde! Wenn der Hirt eine Züchtigung für seine Sünden verdient hat, dann trage er allein die Strafe, und lasse, wenn es Dein Wohlgefallen ist, nicht die unschuldigen Schäflein seinetwegen schlagen!“ – Er stand auf vom Gebet und rückte ins Feld mit den Truppen, die er zusammenbringen konnte, und schritt mit einem unüberwindlichen Mut an der Spitze der verlorenen Landeskinder voran. Kaum jedoch war er eine halbe Tagereise gekommen, da brachte ihm ein Kurier die Nachricht von dem Rückzug des kaiserlichen Heeres. Dieser Befehl war ohne Zweifel von Oben erteilt worden, denn der Kaiser hatte keine Kenntnis davon. Indes unterwarf er sich ihm, entsagte auch, weil ihn eine aufrichtige Reue ergriffen hatte, allen seinen Ansprüchen, und der heilige König Stephanus regierte noch zweiundvierzig Jahre mit großer Weisheit und Frömmigkeit sein Volk.

 

Endlich gefiel es Gott, seine guten Werke mit einem hehren Tod zu krönen, und zwar am Tag der glorreichen Himmelfahrt der Gebenedeiten des Herrn, dem großen Verlangen gemäß, das er immer in seinem Herzen danach genährt hatte, um ihren Triumph mit den seligen Geistern zu feiern. Er gab die Seele in die Hände seiner göttlichen Herrin unter den innigsten Gefühlen der Frömmigkeit zurück, die sein ganzes Reich damals neu belebten.

 

(Aus: Das Leben des heiligen Stephanus, Königs von Ungarn)

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Die Wallfahrt eines greisen Feldmarschalls

 

Es war im Frühling des Jahres 1671, in jenem Monat, in dem die Blumen zu blühen anfangen, als ein Greis, betend, vor dem Bild der „geistlichen Rose“ kniete, vor der gebenedeiten Mutter des Herrn im heiligen Haus zu Loretto. Als feuriger Jüngling hatte er ehedessen zum Waffenwerk gegriffen, eben als der dreißigjährige Krieg seinen furchtbaren Reigen begonnen hatte und von der ersten Schlacht bis zur letzten hatte er mutig gekämpft und mit den Besten seiner Zeit um den Ehrenkranz gerungen. Als des Kaisers treuer Diener stritt er danach an der Ost- und Nordsee, wenige Jahre später verrichtete er seine glänzende Waffentat bei Sankt Gotthard gegen die Türken, und schließlich blieb es ihm beschieden, die aufrührerischen Ungarn zum Gehorsam gegen seinen Herrn und Kaiser zurückzubringen. Fünfzig volle Jahre im taten- und ruhmreichen Kriegsdienst waren dahin gegangen und sie hatten ihm den kindlichen Glauben und die demütige Frömmigkeit seiner Jugend nicht verkümmert. Ja, gerade diese, sein ganzes Wesen durchgeistigende, aufrichtige Gottesfurcht war es auch, die sich an der Neige seiner Lebensbahn am schönsten betätigte.

 

Der greise k.k.Feldmarschall, der berühmte Reiter-General Graf Johann Spork nämlich, beschloss diese so selten einem Menschen beschiedene Feier durch eine Wallfahrt zu begehen. Er stieg über die Alpen und gelangte über Venedig nach Loretto. An dieser vielbegnadeten Stätte brachte er der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria seine Verehrung dar und dankte ihr für den Schutz, der ihn so mancher Gefahr im Feld und im Zelt entrissen hatte.

 

(Aus: Leben des Reiter-Generals Grafen Johann Spork)

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Am Kaminfeuer

 

Der heilige Odo, Abt von Cluny, erzählt:

 

„Von Jugend auf hatte Gerald, Graf von Orleans, Herz und Gedanken rein bewahrt, bis plötzlich auch in seinem Gemüt eine gar böse Leidenschaft entbrannte seit er mit vorwitzigen Blicken die Tochter eines seiner leibeigenen Bauern angesehen hatte. Nach langem innerem Widerstand endlich sich gefangen gebend, ritt er an einem Winterabend zu der Hütte dieses Landmannes hin, doch nicht ohne Angst und Kummer seines bisherigen Wandels gedenkend, und seiner Vorsätze und seines gewohnten Umgangs mit Gott, weshalb er auch, wiewohl nur unbestimmt, die heilige Jungfrau Maria bat: „sie möchte ihn in dieses Unglück nicht ganz versinken lassen“. – Als er nun in die niedrige Stube trat, stand das Mägdlein eben, um sich zu wärmen, am Kaminfeuer. Und, war es nun die rote Flamme, die ihr Angesicht so grell beleuchtete, oder war es – durch Marias Fürsprache – die Fügung der göttlichen Gnade: sie erschien ihm in diesem Augenblick so hässlich, dass er seinen Augen nicht traute. In eben dem besagten Augenblick kam er auch wieder zur rechten Besinnung. Ohne zu zögern, trat er über die Türschwelle zurück, schwang sich aufs Pferd und ritt absichtlich Schritt für Schritt in grimmiger Nachtkälte seinem Schloss zu, um durch äußeren Frost die unlauteren Gluten zu büßen, die er so schnöde in sich genährt hatte. Auch dankte er herzlich der göttlichen Mutter für den ihm gewährten Schutz, der ihn vor dem Fall der Unzucht bewahrte.

 

O, dass es jedem Christen zur rechten Zeit einfiele, jegliches unlautere, aber in reizenden Farben sich darstellende, Gedankenbild, ja auch jeden lebenden Gegenstand eines unlauteren Verlangens beim grausen Licht der höllischen Flamme, des brennenden Kamins der Strafgerechtigkeit Gottes (Mt 13) zu betrachten, dann würde die Hässlichkeit der Sünde nicht mehr von zauberisch blendenden Farben versteckt werden, dann würden die unreinen Scherze ebenso grässlich und empörend sich zeigen, als das Lästergeheul der Verdammten, dann würde er den knechtischen Nesselkranz vom Haupt werfen, um nicht mehr ein Sklave tierischer Leidenschaft zu sein! – Oder wollen wir nichts hören von diesem Feuer des Abgrundes? So steige denn du zu uns herab, Feuer der heiligen, göttlichen Liebe, Feuer, das Jesus Christus auf die Erde gebracht hat, verzehre die Disteln und Kletten der elenden Neugierde und die brennenden Nesseln der bösen Begierden und alle die übrigen Dornen auch, die in den Hecken dieser Welt uns vielfältig festhalten und verwunden. – Und du, heilige Maria, keuscheste Jungfrau, gnadenreiche Mutter der Gläubigen, stehe mit deinem Schutz jedem Versuchten bei, dass er noch zur rechten Zeit für Gott und die Tugend gerettet werde.“

 

(Aus: Das Friedensopfer von Dr. J. E. Veith)

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Gelübde zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis

 

Dem tapferen General Vergé, der sich in der französischen Armee an dem Feldzug in der Krim beteiligte, hatte seine fromme Frau empfohlen: sich um die Fürbitte der Mutter Christi und um ihren besonderen Schutz durch ein besonderes Gelübde zu bewerben. – Er machte es unmittelbar vor der Erstürmung des „grünen Hügels“, dem stärksten Befestigungswerk vor Sewastopol, als er gerade den Brief seiner Frau erhalten hatte.

 

Ohne irgendeine Verwundung ging er aus diesem mörderischen Sturm glücklich hervor, und er löste alsbald sein Gelübde für den Muttergottes-Schutz, das darin bestand: die Anerkennung des Glaubenssatzes von der unbefleckten Empfängnis Marias laut auszusprechen, und zwar durch folgendes Sonett:

 

„Maria, wie so oft zu dir im Stillen

Fleht ich, und stets gab sich dein Schutz mir kund,

Drum fühlt mein Herz für dich im schönen Bund –

Vertrauen, Liebe, Dank in sich erquillen!

 

So lass mich jetzt, was ich gelobt, erfüllen,

Als mitten in dem Schlachtgewühl ich stand:

„Dass sündlos du, nach Gottes heilgem Willen,

Empfangen bist!“ gläubig mein Herz erkannt.

 

Ja, du hast mich geschützt im heißen Kampf,

Dass stark mein Mut blieb und dabei besonnen

Im Kugelregen und im Pulverdampf;

Dir dank ich diesen Sieg, den wir gewonnen:

Drum sei der Sieges Ruhm auch dir geweiht;

Marias Name sei gebenedeit!“

 

(Aus: Bilder aus der Gegenwart 1856 von Carl Zell)

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Zuflucht zu dem Marienaltar

 

Die Strelitzen, im russischen Strelzi, das heißt Schützen, die Leibwache des russischen Zaren, hatten sich empört und die Standarten der Auflehnung hoch erhoben.

 

Was ist aber teurer für das Herz einer Mutter als ihr Kind? – Die Kaiserin Natalia Cirinowla, zweite Gemahlin des Kaisers Alexei Micheilowitsch, fliegt zu ihrem noch ganz kleinen Sohn, um ihn zu retten. Sie ergreift ihn und flüchtet sich mit ihm in das einige Meilen von Moskau entfernt liegende Troizkoi-Kloster (Dreifaltigkeits-Kloster), wo sie glaubt, dass ihr Sohn sicher sein werde. Aber dieser Zufluchtsort wurde entdeckt und den Rebellen bekannt. Eine blutdürstige Rotte stürzt herbei, erbricht die Pforten des Klosters und ermorden alles, was ihnen begegnet. Zwei der rasendsten Empörer gewahrten die Zarin selbst, die ihr Kind in ihre Arme drückte. Wütend stürzten sie sich auf die Wehrlose, die Mordwaffe in der Hand. Die Mutter aber, die schon das Schwert der Meuchelmörder berührte, rennt in die Kapelle des Klosters. Sie wirft hier ihr Kind, mehr als sie es legt, zu den Füßen einer Statue der heiligen Muttergottes nieder. Dann mit einem Blick und mit Worten, wie sie den Müttern bei Gefahren ihrer Kinder zu Gebote stehen, bedroht sie die Meuchelmörder mit der Rache des Himmels, wenn sie wagen an heiliger Stätte und vor dem Bild der heiligen Muttergottes einen Mord zu begehen. Sie hatten jedoch den Mut nicht hierzu, denn der Dolch entrann ihren Händen. Eine unsichtbare Macht entwaffnete ihre frevelhaften Arme. Von den Schauern der Ehrfurcht ergriffen, fiel einer von ihnen mit dem Gesicht zur Erde. Maria, die Königin des Himmels, hatte ihm einen Strahl ihrer Herrlichkeit gezeigt und ihr Auge hatte wie ein feuriges Schwert geglänzt. Der andere zögert, und das Marienbild anstarrend, sagt er zu seinem Gefährten: „Nein Bruder, nicht vor diesem Altar!“ – Auch nicht anderswo!“ ruft die Mutter aus. – Und wirklich kam jetzt eine Abteilung treu gebliebener Soldaten an. Die Empörer ergriffen die Flucht. Mutter und Kind waren gerettet.

 

Das Kind war Peter I., später genannt „der Große“, und seine Retterin war Maria, die Mutter Gottes.

 

(Aus: Geschichte des russischen Kaisers Peter des Großen)

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Das Gelöbnis einer ewigen Lampe

 

Im Jahr 1675 hat das Fernandeische Konvikt und das Collegium der Gesellschaft Jesu zu Ölmütz in Mähren eine große Gefahr ausgestanden und großes Glück gehabt, dass es nicht gar zu Grunde gegangen ist.

 

Es hatte ein heftiger Donnerstrahl den Stadtturm, der dicht am Collegium steht, bei entstandenem Ungewitter mit einem erschrecklichen Streich getroffen und zugleich angezündet, dass er bald in ein offenes Feuer ausbrach. Da nun die Flamme mitten unter dem Gehölz sich erhob, dabei die Stiegen verzehrt hat, war keine Hoffnung des Löschens, besonders weil das Stadttor zugleich mit herabgefallenen Brandstücken und Gestein angefüllt wurde. Der scharfe Wind wehte vom Turm auf das Konvikt und Collegium hin, so dass die brennenden Kohlen und Flammen gleich einem feurigen Platzregen auf beide Dächer und Rinnen geschleudert wurden. Man tat wohl bei der Sache, was möglich war, da aber die Gefahr sich immer weiter steigerte, verlobte sich der P. Rektor des Kollegiums zur heiligen Muttergottes nach Turas, mit dem Versprechen: „eine immerwährende Ampel ihr zu Ehren brennen zu lassen, falls sie dem Haus dieses Mal beistehen und das Übel schützend abwenden würde.“ – Inzwischen begann der in der Mitte abgebrannte Turm zu wanken und mit seinem Sturz schwer das Collegium zu bedrohen. Er stürzte auch alsbald aber nur auf den Vorplatz des Kollegiums herab, und versetzte alle in Furcht und Schrecken. Allein abgesehen, dass das Feuer groß und der Fall als sehr gefährlich sich erwies, ist doch durch den inbrünstig angerufenen Schutz der heiligen Muttergottes kein besonderer Schaden erfolgt.

 

Zu diesem Gedenken ist das ganze Ereignis samt dem Bild der heiligen Maria von Turas abgemalt, und eine immer brennende Ampel dabei bestellt worden, die noch heutigen Tages im Collegium auf offenem Gang zu sehen ist.

 

(Aus: Geistlich curieuse Nachrichten von P. Johann Kraus)

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Die Rettung vom Schneesturz

 

Auf den Abhängen der „Frau Hütt`“, dem Berg, der nordwestlich von Innsbruck in zackiger Form sich erhebt, liegt das Dorf Hötting, das im Winter 1850 dicht eingeschneit war.

 

In diesem Dorf lebte ein christliches Ehepaar, Joseph und Crescenz in friedlicher Ehe, das wohl keinen Überfluss an zeitlichen Gütern hatte, sich aber redlich vom Verdienst seiner Arbeit nährte. Der Winter erwies sich als ziemlich streng und schon in der Mitte des Dezembers ging ihnen das Brennholz aus. Joseph rüstete sich, in den eingeschneiten Wald zu ziehen und den nötigen Bedarf zu holen. Er nahm den Zugschlitten mit der Axt und trat früh am Morgen wohlgemut in den glitzernden Winter hinaus, in der Hoffnung, mit einer ergiebigen Ladung bis zur Essenszeit zurückzukommen.

 

Es schlug die Mittagsstunde, und Joseph war noch nicht zu Hause. Ängstlich lauschte seine Frau auf jedes Knistern im Schnee. Aber der Ersehnte kam nicht. Voll banger Ahnung kniete sie sich hin vor das Bild des Gekreuzigten und der schmerzhaften Mutter, das an der Wand hing, um im Gebet Beruhigung zu finden. Es verging Stunde um Stunde, es wurde Abend und Joseph war noch nicht da. Jetzt wurde es der armen Frau klar, ihr Mann müsse verunglückt sein. Mit weinenden Augen und lauten Klagen stürzt sie in die nächstgelegenen Häuser, und bittet die Männer ihren Joseph zu suchen. – Vier Männer, rüstig und gewandt, machten sich augenblicklich auf, und eilten dem Wald zu, wohin Joseph gezogen war. Allein der Wind hatte jede Spur im Schnee verweht, und so konnten sie ihn – ungeachtet alles Suchens und Rufens – nicht entdecken. Traurig kehrten sie heim.

 

Die fromme Frau verzagte aber nicht. Sie bestürmte das ganze Dorf um Hilfe. Bereitwillig sammelte sich eine Schar Männer, um in der Nacht noch den Vermissten auszukundschaften. – Man suchte, prüfte jeden Abgrund, erklomm mit eigener Lebensgefahr verschiedene Felsen, rief, schrie – alles vergeblich! – Stunde um Stunde verfloss, und von Joseph noch immer kein Zeichen!

 

Bereits war der ganze Wald durchsucht. Hier und da hatte man wohl Spuren vom Holzschlagen gefunden, aber von Joseph nichts!

 

Gegen elf Uhr sammelten sich die Männer auf einem etwas freien Platz und konnten sich gegenseitig nur die vergebliche Mühe erzählen. Und doch wollten sie nicht ohne Joseph zu seiner weinenden Frau zurückkehren. – Da trat einer von ihnen in die Mitte und sprach: „Lasset uns beten, damit unser Herrgott uns zeigt, wo Joseph liegt. Rufen wir auch die schmerzhafte Muttergottes an, die den Christen in keiner Not verlässt!“ – Und sie knieten sich in den Schnee zum Gebet. – Wie sie eine Weile gebetet hatten, glaubten sie den fernen dumpfen Ruf zu vernehmen: „Da bin ich! Da bin ich!“ – Erstaunt springen sie auf: „Wo? Wo?“ Noch einmal ruft es: „Da bin ich!“ Und schon haben die Männer einen Schneesturz in eine tiefe Schlucht hinab entdeckt. Es bleibt ihnen kein Zweifel mehr: Joseph ist da hinuntergestürzt. Zwei lassen sich an Stricken in die Tiefe, räumen mit fast übermenschlicher Kraftanstrengung den Schnee hinweg, finden bald den schwerbeladenen Schlitten und unter ihm Joseph auf dem Angesicht liegend, die beiden Ellenbogen vor sich hingedrückt. So war der arme Mann vom Morgen bis gegen Mitternacht gelegen, niedergedrückt von der Last, dass er sich weder regen noch bewegen konnte. Gottlob! Er befand sich noch am Leben! Das war ein Jubel, eine Freude, als die Männer unten diese Entdeckung machten und sie denen oben kundtaten. Sorgsam wurden der Gefundene und seine Retter emporgezogen. Alle wollten Joseph ans Herz drücken, und sich durch handgreifliche Beweise von seiner Rettung überzeugen. Joseph atmete tief auf, und dankte vor allem Gott. – „Hast du gerufen?“ fragte ein alter Bauer, nachdem der erste Sturm der Freude vorüber war. – „Wie sollte ich rufen?“ antwortete Joseph, „ich konnte ja kaum Atem schöpfen da unten!“ – „Hast wohl recht Angst gehabt?“ – „Hab keine Angst gehabt, habe gebetet zur heiligen Muttergottes und zu den armen Seelen und da hab ich gewusst, dass ich nicht umkommen werde im Schnee!“ – Die Männer wischten sich die Augen, denn die Hilfe Gottes durch die Fürbitte Marias war augenscheinlich.

 

Wie im Triumph ging es nun dem Dorf zu. – Crescenz flog ihnen durch den Schnee entgegen, und am Hals des Mannes rief sie noch: „Nein! Nein! Du konntest nicht zu Grunde gehen, hab ich doch die schmerzhafte Muttergottes und die armen Seelen so innig angefleht, dir und mir zu helfen!“

 

Ja, Maria hat geholfen!

 

 (Aus: Leben der schmerzhaften Mutter von P. M. M. Perzager)

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Das dem Muttergottes-Schutz empfohlene Kind

 

Am 4. Januar des Jahres 1798 wurde zu Badem, einem Dorf der Eifel, im jetzigen Kreis Bitburg, Regierungsbezirk Trier, den Eheleuten Mathias Arnoldi und Anna Maria Scheu, ein Sohn geboren, der in der Pfarrkirche des benachbarten Städtchens Kyllburg, wovon ein Teil jenes Ortes damals noch eine Filiale bildete, am selbigen Tag die heilige Taufe erhielt und dem man den Namen Wilhelm erteilte. Die Eltern des Jungen waren einfache und schlichte Landleute. Der Vater betrieb außer der Bebauung eines kleinen Ackergutes das Schmiedehandwerk und zeichnete sich, wie die Mutter, durch Rechtschaffenheit und Biederkeit, durch einen echt christlichen Sinn und eine gediegene Frömmigkeit aus. Gott hatte ihre Ehe mit zehn Kindern gesegnet, von denen drei frühzeitig gestorben, die anderen aber – zwei Söhne und fünf Töchter – zu Jahren gekommen sind. Da sie ihren Kindern bei allem Fleiß kein großes Erbteil an zeitlichen Gütern hinterlassen konnten, so waren sie um so eifriger bedacht, sie in der Furcht Gottes zu erziehen, sie zu allem Guten anzuhalten, und an ein tätiges und arbeitsames Leben zu gewöhnen.

 

Nur machte es der Mutter vielen Kummer, dass der kleine Wilhelm, das drittälteste von den Kindern, ungeachtet er schon einige Jahre zählte, immer noch nicht gehen lernte. Da nahm sie, fromm wie eine Heilige und als eine solche im Dorf verehrt, in der Betrübnis ihres Herzens den Kleinen auf den Arm und trug ihn nach dem zwei Stunden von da entfernten Himmerod, um ihn Gott dort aufzuopfern und dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria zu übergeben. Es war dies eine berühmte Zisterzienser-Abtei, die der Erzbischof Albero von Trier im Jahr 1134 gegründet und für die er sich vom heiligen Bernhard aus dessen Kloster Clairvaux die ersten Ordensbrüder erbeten hatte. Diese Stiftung trug für die ganze weite Umgebung die segensreichsten Früchte. Der Name des heiligen Bernhard, dessen Geist auf seine Schüler übergegangen und in ihnen fortlebte, erwarb dem neuen Kloster viele Freunde und großes Ansehen. Das Andenken des Heiligen ist hier jederzeit hoch in Ehren gehalten worden, auch war er selbst einmal dort gewesen und hatte sich über das Aufblühen des Klosters sehr erfreut. Die Religiosen genossen wegen der Einfachheit ihrer Sitten und Lebensweise, wegen ihrer Frömmigkeit und Wohltätigkeit gegenüber Armen und Notleidenden allgemeine Achtung.

 

Das Kloster Himmerod wurde so für die Eifel-Bewohner eine geheiligte Stätte, ein Herd des religiösen und kirchlichen Lebens, wo sie zusammenströmten, um dem feierlichsten Gottesdienst anzuwohnen und ihrer Andacht nachzugehen, ein Zufluchtsort, wo sie Hilfe und Trost in ihren Bedrängnissen suchten und fanden. Dorthin auch brachte die bekümmerte Mutter ihren Wilhelm und empfahl ihn dem Gebet der Klostergeistlichen. Es wurde ihm ein klösterliches Kleid angelegt, die Mutter vereinigte ihre Bitten mit dem Gebet des Priesters, und opferte den Knaben, unter dem erflehten Schutz der gnadenreichen Jungfrau für ihn, Gott auf. – Nicht vergebens hat sie diesen Pilgergang nach Himmerod unternommen, nicht fruchtlos sich an Maria, die „Helferin der Christen“, gewendet und Hilfe gesucht an einer Stätte, die St. Bernhard schon, als er sie gesehen hatte, so recht ein „Claustrum der allerseligsten Jungfrau Maria“ genannt hat. Er wollte damit sagen: „dies sei so recht eine rings umfriedete, von der übrigen Welt abgeschiedene Stätte, wie sie Maria liebe.“ –

 

Im gläubigen Vertrauen auf den mächtigen Beistand der Himmelskönigin war die Mutter mit dem Kleinen wieder nach Hause zurückgekehrt, und siehe da!, es währte nicht lange, so konnte Wilhelm nicht nur gehen, sondern er wurde auch eines der beweglichsten und gewandtesten Kinder des ganzen Dorfes, der eine eigentümliche Lust daran fand, sich mit seinen Spielgenossen herumzutummeln, mit ihnen durch den Wald und Flur zu ziehen und hohe Bäume zu erklettern. Er hüpfte und sprang so lebensfroh über alle Zäune hinweg, dass die Mutter seinetwegen große Angst empfand, aber die Engel Gottes wachten über ihrem Liebling.

 

Das Gebet der Mutter hatte nicht nur seinen Füßen Behändigkeit verschafft, sondern auch den Flügelschlag seines Geistes geweckt. Es zog ihn nicht allein in Gottes schöne Natur, es zog ihn auch in die Kirche, das Haus Gottes, wo der Herr unter der demütigen Brotsgestalt thront in seinem Heiligtum. Die Kirche hatte für ihn etwas ungemein Anziehendes und Ehrfurchterweckendes. Wenn er an der Hand des Vaters oder der Mutter in sie eintrat, so zeigte er eine solche Andacht, dass jeder sich an ihm erbaute.

 

Nicht minder eifrig war er auch im Besuch der Schule. Und hier begann sein Geist bald seine Schwingen zu entfalten. Er besaß einen hellen Verstand und ein kindlich unschuldiges Gemüt. Mit einer schnellen Auffassungskraft verband er ein sehr glückliches Gedächtnis, so dass er, was er in der Kirche und Schule hörte, leicht behielt. Den Katechismus wusste er bald ganz auswendig, ja er konnte sogar ganze Stellen aus der Predigt, die er beim Gottesdienst gehört hatte, hersagen. Und da geschah es denn, dass er nicht allein draußen und daheim Kirchen baute, sondern auch, wenn er sich bei den übrigen Jungen befand, zu predigen anfing. Es drängten ihn seine Spielgenossen sogar und ließen nicht nach, bis er ihnen predigte. Und damit er dies ungestörter tun könnte, besorgten sie für ihn, was seine Eltern ihm aufgetragen hatten. Manchmal mussten ihm selbst die Bäume als Kanzel dienen.

 

So war er einst wieder auf einen Apfelbaum gestiegen und lebhaft in einer Predigt an seine Gefährten, die rings um den Baum herumstanden, begriffen, als der Pastor des Dorfes vorbeikam, der über dieses seltsame Schauspiel in nicht geringes Staunen geriet, denn – es waren seine eigenen Worte, die er hörte, und es war auch der Ton seiner Stimme, und es waren auch genau seine Gebärden, womit er seine Rede zu begleiten pflegte. Er drohte zwar mit dem Finger dem kleinen Prediger konnte ihm aber doch nicht böse werden, indem er ihm sonst auch so viel Freude machte.

 

Überhaupt war Wilhelm wegen seines kindlich heiteren Sinnes, seines offenen und harmlosen Wesens und seines aufgeweckten Geistes im ganzen Dorf wohlgelitten. Die Leute aus Badem pflegten auch oft zueinander zu sagen: „Wenn der kleine Wilhelm kein „Herr“ wird, so bekommen wir in unserem Leben keinen mehr aus unserer Gemeinde!“ Das Landvolk wusste damals noch von keinem anderen Herrn im Dorf, als von dem Herrn Pastor. Er hieß überall geradezu der „Herr“.

 

Der Gedanke, ein „Herr“ zu werden, war nun aber in Wilhelm selbst bereits aufgestiegen. Er war auch von zu zarter Natur und zu schwächlichem Körperbau, als dass ihm die ländlichen Arbeiten hätten zusagen können. Wenn daher sein Vater den Wunsch aussprach, dass er ihm in seinem Geschäft einmal beistehen möchte, so kannte er selbst kein größeres Verlangen, als dem geistlichen Stand „sich widmen zu dürfen“, und er bat seine Eltern inständig, ihn doch studieren zu lassen. Wenn die Mutter daran dachte, wie sie ihren Wilhelm früher dem Herrn geweiht und ihn dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria empfohlen hatte, so musste sie gewiss sehnlichst wünschen, dass er einst dem Herrn und Maria an seinen Altären dienen möchte. Die Eltern sahen wohl ein, dass er für schwere und mühevolle Arbeiten nicht geeignet sei. Überdies konnten ihnen auch seine geistigen Anlagen und seine Vorliebe fürs Predigen schon als Vorzeichen dienen, dass er zu etwas anderem bestimmt sei und den Beruf habe, einmal einen ganz anderen Acker zu bestellen, statt gewöhnlichen Samen in die Furchen der Erde, das Samenkorn des göttlichen Wortes in die Herzen der Menschen zu streuen, und in einer ganz anderen Schmiede zu arbeiten, in der Feueresse Gottes die Seelen glühend zu machen und mit dem Hammer des Evangeliums sie für das Himmelreich zuzubereiten.

 

Im Jahr 1809 kam er nach Trier und begann dort zuerst in der Domschule und dann im Gymnasium seine Studien. Er machte solch glänzende Fortschritte, dass er sich stets unter denjenigen befand, die am Ende des Schuljahres wegen ihrer Kenntnisse, ihres Fleißes und musterhaften Betragens mit Preisen gekrönt wurden.

 

Tief begründet war seine Religiosität. Insbesondere trug er in seinem Herzen eine kindliche Verehrung zu Maria, die gebenedeite Gottesgebärerin, wie er denn gewiss aus dem Mund seiner gottesfürchtigen Mutter früh schon wird vernommen haben, welch eine Gnade er ihrer Fürbitte zu verdanken hatte. Fast täglich konnte man ihn in der Mutter-Gottes-Kapelle der Domkirche knien sehen und an seiner Andacht, die in seiner ganzen Haltung hervorleuchtete, sich erbauen.

 

Aus Wilhelm wurde ein frommer Priester, der, allgeliebt und allbeweint, am 7, Januar 1864 als Bischof von Trier starb. –

 

Er erwies sich aber nicht nur als ein dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria empfohlenes Kind, sondern auch immer und immer als ein allergetreuester Marien-Sohn.

 

Gedenken wir hier nur kurz des letzten Weihrauchkorns, das Wilhelm Arnoldi bei einer seiner bischöflichen Amtshandlungen Maria, der göttlichen Mutter des Erlösers, liebend gestreut hat.

 

Am 1. September 1863 nahm er die Konsekration der Kirche zu Merzkirchen, im Kreis Saarburg, vor und hielt dabei in gewohnter Weise eine treffliche Rede. – Nach seiner Heimkehr ersuchte ihn zu Trier der Vorstand der Marianischen Männer-Sodalität, am Fest Mariä Geburt die dreihundertjährige Jubelfeier der Stiftung der Sodalität durch seine Teilnahme zu verherrlichen. Obgleich unwohl, entsprach er doch der an ihn gestellten Bitte. Ihn drängte ja die innigste Liebe zu Maria, seiner Schutzherrin. Er bestieg die Kanzel und sprach über die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria im Allgemeinen und dann über den Ursprung, die Ausbreitung und Wichtigkeit der Marianischen Kongregation im Besonderen. Er sagte unter anderem: die Verehrung Marias sei so alt als die Kirche selbst, davon legten Zeugnis ab die Katakomben in Rom. Er selbst habe ein Bild aus dem dritten Jahrhundert gesehen, auf dem die allerseligste Jungfrau sitzend dargestellt sei, die Arme unterstützt durch die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, betend zum Himmel erhoben, das segnende Jesuskind auf ihrem Schoß. Durch alle Jahrhunderte hätten Kunst und Wissenschaft geeifert, ihre schönsten Blüten der Himmelskönigin zu weihen. – Dann ging er zur Entstehung der Marianischen Sodalität über und zeigte, wie sie, gleich so vielen Werken der katholischen Kirche, aus kleinen Anfängen zu Rom im Jahr 1563 entstanden, bald unter dem Schutz und der Pflege der Jünger des heiligen Ignatius von Loyola zu einem Riesenbaum herangewachsen sei, der seine Äste ausbreitete über die ganze katholische Welt und überall die herrlichsten Blüten und Früchte getragen habe. Früh schon sei die Marianische Sodalität in Trier eingeführt worden, zuerst unter der studierenden Jugend und dann unter den Bürgern der Stadt. Der Adel und die Magistratspersonen der Stadt hätten es sich zur Ehre gerechnet, unter ihre Mitglieder gezählt zu werden. Sie haben alle Stürme der Zeit überstanden und sei der Haltepunkt der katholischen Lehre und des sittlichen Lebens gewesen. – Ferner sagte er: es freue ihn sehr, dass es ihm in seinen alten Tagen gegönnt sei, dieses Jubelfest zu feiern und zu sehen, wie Männer aus allen Ständen die Aufnahme in sie begehrten. Dies gebe ihm die Freudige Zuversicht, dass, wenn dereinst die vierte Säkularfeier gehalten werde, die Sodalität in der Stadt noch herrlich fortblühe und Heil und Segen über Kinder und Kindeskinder verbreite.

 

Zum Schluss habe er drei Bitten an die Sodalen: Erstens möchten sie die alte, echtkatholische Sitte nicht aussterben lassen, im Haus ein Muttergottesbild aufzustellen und vor ihm die häusliche Andacht zu verrichten. (Dass in jedem christlichen Haus auch ein Bild des gekreuzigten Heilandes sich befinden solle, hat der Bischof hier nicht besonders erwähnt, weil dies sich von selbst versteht und er hier nur, dem Fest entsprechend, von der Verehrung seiner jungfräulichen Mutter redete.) Wir ehren aber Maria nur so hoch, weil sie die Mutter Jesu Christi, des Eingeborenen Sohnes Gottes ist. Indem wir Maria verehren, verehren wir zugleich ihren göttlichen Sohn, denn wir wenden uns ja an sie, dass sie bei ihrem Sohn für uns bitten möge. – Zweitens möchte sie des dreimaligen täglichen Gebets beim Läuten der Betglocke nicht vergessen. – Drittens möchten sie in dieser Zeit der Vereine wohl auf der Hut sein und sich von allen denjenigen fern halten, die ihre Mitglieder zur Entheiligung der Sonn- und Festtage verleiteten. –

 

Diese Marien-Predigt war die letzte Predigt, die der Bischof gehalten hat. – In seiner Kindheit von seiner Mutter dem Schutz Mariä übergeben, hat er auf diese Weise die lange Reihe seiner ebenso belehrenden als erbauenden und wahrhaft begeisternden Reden mit dem Lob der glorreichen Himmelskönigin beschlossen. Fast möchte man sagen: er habe im Vorgefühl seines herannahenden Lebensendes diese drei Bitten gleichsam als ein teures Vermächtnis allen seiner Hirtensorge Befohlenen hinterlassen wollen!

 

(Aus: Wilhelm Arnoldi, Bischof von Trier - Ein Lebensbild von Dr. J. Kraft)

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Die Schläferin

 

Ehe wir diese kleine Erzählung beginnen, die uns dartun soll, wie sehr die heilige Jungfrau Maria uns liebt, wenn wir uns unter ihren Schutz begeben, und uns es auch dann nie an demselben fehlen lässt, ziemt es sich wohl, dass wir mit den Worten des Abbé Leguillon ihre Güte also preisen:

 

„Wenn ich auch mein Herz zum Schweigen bringen und all der Wohltaten nicht mehr gedenken wollte, die mir diese gute Mutter zukommen ließ, die Stimme aller Jahrhunderte würde mich erdrücken, in dem Echo, das durch die Unendlichkeit tönt:

 

Wie bist du voll Güte, o Maria!

 

Die Güte Gottes selbst wohnt in ihrem Herzen, der ihr aufgetragen hat, die Schätze seiner Barmherzigkeit über die Erde zu ergießen. Sünder, Kranke, Leidende und Trauernde aller Art sagt selbst:  nicht wahr,

 

Wie gut sie ist, Maria?

 

Ihre sanfte Hand trocknet die Tränen des Schmerzes, die Strahlen ihrer Mildherzigkeit erleuchten die Verirrten. Ihr mächtiger Schutz hebt den Mut niedergeschlagener Seelen. Ihr zärtlich liebendes Herz ladet alle Ruhelosen ein, den Frieden bei ihr zu suchen. O ihr, die ihr sie noch nicht kennt, wüsstet ihr:

 

Wie gut sie ist, Maria!

 

Ein Wort! Ein Blick! Ein Seufzer! und sie versteht euch, sie unterstützt euch, sie zerstreut eure Furcht, eure Ängste, sie stützt eure Kräfte, sie erleichtert die Bürde der Prüfung. Habt Vertrauen, kommt, betet, und bald werdet ihr mit der ganzen Kirche wiederholen müssen: Wer hat jemals zu ihr gefleht, ohne ausgerufen zu haben:

 

Wie gut sie ist, Maria!

 

O gute!, o liebreiche!, o allerreinste Jungfrau Maria! Ja, lass es mich dir tausendmal und immer von neuem wiederholen, dass ich dich liebe, ja dass ich dich liebe, und dich immer lieben und dir immer dienen will!“

 

Solche Güte erfuhr nun auch ein Mädchen, die in der Nähe des „heiligen Berges“ wohnte und die Gesundheit ihrer sehr kranken Mutter erflehen wollte. Von ihr berichtet die Sage, das Kind sei noch jung und schwächlich gewesen, habe sich aber doch allein auf den Weg begeben. Glühend heiß brannte die Maiensonne, und obgleich sehr ermattet von der mühevollen Strecke des Weges, strebte sie dennoch, bis an den Gipfel des Berges zu steigen, wo oben ihr der Rettungsstern, das Gnadenbild Marias, Erhörung zuwinkte. Mag es auch viel Mühe kosten, sie muss erstiegen werden, die Lebenshöhe! Je höher wir klimmen, umso näher kommen wir dem Ziel, nach dem wir alle ringen sollten. Maria will uns immer ihre mütterliche Hand reichen: ergreifen wir sie doch und lassen wir uns emporziehen, mit diesem Kind! Kommen wir auch erschöpft an, oben ist dann Ruhe, ewige, selige Ruhe, wo auch wir bewährt finden werden die beseligenden Worte des heiligen Evangeliums: „Wahrlich kein Auge hat es gesehen, noch ein Ohr gehört, noch ein Menschenherz es empfunden, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben!“ Gänzlich entkräftet, von Hitze und Durst geschwächt, kam das Kind oben an. Es trat ein in den kühlen, herrlichen Tempel und gleich fielen seine Augen auf das in goldenen Grund köstlich gemalte Bild der heiligen Jungfrau, die, eingehüllt in einen blauen Schleier, schwebend in den Wolken des Himmels stand, ihre gnadenvollen Hände und milden jungfräulichen Augen liebend der Erde zugewendet! Ein mystisches Licht umgab den Altar, und in tausend Farben spielten die Strahlen der Sonne durch die bunten Scheiben in das Heiligtum des Herrn. Ergriffen von dem so hehren Anblick, warf sich das Mädchen an den Stufen des Marienaltares auf die Knie. In kindlicher Weise betend, trug sie ihr Anliegen der Himmelskönigin vor, bis endlich auch ihr Geist, erschöpft, in süße Träume überging und schlafend das blonde Köpfchen zur Erde niedersank. Es führten aber die Englein gar liebliche Bilder von Paradieseslust und Paradiesesauen vor die schlummernde Seele und hielten sie fest im Schlaf, damit die Hilfe Marias aufs Neue kund würde dem Menschengeschlecht. Bereits war die Sonne untergegangen, und das nächtliche Dunkel erfüllte das nun still und leer gewordene Gotteshaus. Die Stunde kam, in der es verschlossen werden sollte, und es trat der Küster mit dem lauten Ruf an alle ein, die sich vielleicht verspätet hatten, den Tempel zu verlassen, da nach altem Brauch zur Bewachung des kostbaren Bildes sieben mächtige Rüden, von ihren Ketten ganz los, nun eingelassen werden müssten. Wild, ja unbändig in ihrer Freiheit, rannten sie in den Gängen der Kirche auf und nieder, indessen die gewaltige Tür in ihren Angeln knarrend in das riesige Schloss fiel.

 

Allein, der tollen Wut der Hunde preisgegeben, lag das Kind da, ihr sichtliches Opfer. Eine aber hatte die schützenden Arme ausgebreitet, eine das wachende Auge offen behalten, - und wunderbar fein gearbeitet, mit silbernen Sternchen besät, senkte die Jungfrau Maria von ihrem Bild herab ein künstlich gewebtes Netz, das schlafende Kind zu bedecken, das zugleich eine wehrende Mauer dem stürmischen Andrängen der Hunde bot, die, von der Jungfrau Hand gezähmt, wie Lämmer sich lagerten zu den Füßen des Kindes. Das Kind aber, von mütterlicher Liebe gewiegt und von spielenden Engeln umgeben, schlief des sanftesten Schlafes, bis golden die Morgensonne ihr strahlendes Licht auf das Bild und den Altar warf und auch das Kind in seinen Strahlenschleier einhüllte. Jetzt war der Augenblick gekommen, der das Wunderbare den verwunderten Pilgern offenbaren sollte. Denn siehe! – als sie mit dem Küster eintraten, lag das Kind, von dem Gerassel geweckt, unschuldig da und rieb sich die Augen, glaubte selbst noch zu träumen und wusste nicht, wie ihm geschehen war.

 

Die Eingetretenen erkannten aber den offenbaren Schutz, so Maria diesem Mägdelein hatte angedeihen lassen, und haben diese Sage in alle Welt getragen, und mit neuem, innigerem Vertrauen wurde die Gebenedeite von dieser Zeit im Gnadenbild auf dem heiligen Berg angerufen.

 

(Aus: Beiblatt zur Augsburger Postzeitung)

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Die kleinen Wanderer aus Savoyen

 

In Frankreich, besonders in der Hauptstadt des Landes, Paris, begegnet man häufig munteren, von Ruß geschwärzten Knaben, die mit viel Geschicklichkeit die Kamine kehren und dort den Dienst der Schornsteinfeger versehen. Sie kommen aus Savoyen, jenem Land, das ganz mit Schneebergen bedeckt und mit tiefen Abgründen erfüllt ist. Ihre Wohnungen in der Heimat sind sehr ärmlich, und ihre Eltern sehen sich in Folge ihrer Dürftigkeit gezwungen, die Kinder in fremde Länder zu schicken und da ihren Lebensunterhalt zu erhalten. Allein das Elend dieser guten Leute wird sehr gemildert durch die Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, die ihnen sozusagen angeboren wurde. Auch findet sich in ihrer Heimat auf allen Wegen und Stegen das Bildnis derjenigen, die die Mutter der Unglücklichen ist und dieses liebe Bild lindert ihren Kummer und verleiht ihnen neuen Mut. Sie setzen es an die Ufer der Gießbäche, an die Krümmungen der Wege, in das Dickicht des Waldes, in den Schnee, vor jegliches Dorf. O wie tröstlich ist es beim Besuch dieser Berge! Sei es in dem düsteren Wald, sei es in der Nähe der steilsten Anhöhen: überall begegnet man der kleinen weißen Bildsäule der gütigen Jungfrau Maria, die die Sennerinnen beschützt und dem Wanderer den Weg zu zeigen scheint.

 

Das Rührendste aber sind die Abschiedsbesuche, die bei den verschiedenen Kreuzen und Marienbildern gemacht werden, wenn die Kinder nach Frankreich ziehen wollen. Bei der Wiederkehr des Spätherbstes versammeln sich alle: Eltern, Kinder und Verwandte – vor dem Dorf, und da fallen sie bei dem großen Kreuz und dem Bild der gnädigen Jungfrau auf die Knie nieder. Der älteste Greis bittet Jesus und Maria, die kleinen Wanderer unverletzt in der Unschuld zu bewahren und sie ihren armen Müttern wieder zurückzuführen. Wenn er die Kinder gesegnet hat, erheben sie sich, obwohl betrübten Herzens, dennoch mit Zufriedenheit und Hoffnung ausgerüstet, und nachdem auch ihre Eltern sie umarmt und gesegnet haben, nehmen sie ihren Weg nach Frankreich. Die Meister ziehen voran und die Knaben folgen ihnen nach, von Zeit zu Zeit den Blick rückwärts wendend. Einige singen ein Lied zur heiligen Mutter Gottes und jene, denen es das Weinen nicht unmöglich macht, wiederholen es, bis man niemanden mehr sieht, und der Kirchturm mit dem Kreuz verschwunden ist. Die Eltern und Nachbarn bleiben auf dem Platz, blicken auch den Kindern nach, und wenn sie in weitester Ferne von ihnen nichts mehr sehen, knien sie nieder und beten den Rosenkranz: „auf dass die Himmelskönigin ihre Kinder beschütze“ und nach Ablauf des Winters sie wohlbehalten zum heimatlichen Herd zurückführe.

 

Diesen Savoyarden-Knaben gleich musste die ganze Menschheit die Heimat des Paradieses verlassen und in das fremde Paris dieser Welt ins Exil wandern, um nach dem Verlauf des rauen Winters dieses Wanderlebens auf der Erde mit dem Aufgehen der erwärmenden Frühlingssonne der göttlichen Erlösungsgnade wieder ins heimatliche Vaterhaus zurückzukehren. Damit aber die Trennung von der himmlischen Heimat dem gefallenen Menschen nicht zu schwer werde, gab ihm Gott als Trösterin die heilige Jungfrau Maria, die neue Eva in das Exil mit. Schon im Paradies, sogleich nach dem Sündenfall, verhieß Gott den Stammeltern die Jungfrau, die durch die Geburt des Schlangenzertreters die Rückkehr in die himmlische Heimat ermöglichen sollte. (Gen 3,15)

 

Gott selbst suchte gewissermaßen den Schmerz, den die Verbannung der Menschen aus dem Paradies seinem liebenden Vaterherzen bereitete, dadurch zu mildern, dass er die heilige Jungfrau Maria mit ihrer Obhut betraute. Da wir nun als Evas Kinder teilnehmen wie an der Schuld, so auch an der Strafe der Stammeltern, nicht minder aber auch an ihrer Hoffnung, so rufen auch wir als verbannte Kinder Evas in diesem Tal der Tränen zu dir, o Mutter der Barmherzigkeit und bitten inbrünstig um deinen Schutz dich an auf unserem Weg zu der vergeltenden Ewigkeit!

 

(Aus: Das Salve Regina von Simon Knoll)

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