Maria, Heil der Kranken

 

Samstag vor dem letzten Sonntag im August

 

Es kann kein Zweifel sein: das Kranksein stammt aus der Sünde. Vorbote des Todes, Vorzeichen unseres leiblichen Zerfalls. Christlicher Glaube verneinte es daher im Leben Jesu und Mariens, weil sie allein der Sünde keinen Sold gezollt. Als Vorboten der großen Todesnot bringen Krankheiten dem Menschen Leid und Not. Als Vorahnungen des tiefen Grabesdunkels verscheuchen sie von unserem Antlitz, was an Lebensfreude dort leuchtete. Kranke Menschen sind arme Menschen, sind hilflose Menschen.

 

Darum sehnt sich der Kranke nach dem Heil, jammert nach der Gesundheit. Gierig greift er nach den Heilmitteln, die man ihm empfiehlt. Er sucht nach der heilenden Hand, Wer wüsste es nicht aus der Kulturgeschichte der kranken Menschheit, dass sie vorzüglich ihre Hilfe suchte bei der Frau mit der zarten Hand, bei der Mutter mit dem treusorgenden Herzen? Eine große Rolle spielte die weise Frau, die die Heilkräuter kennt und mischt, die die Natur den Menschen bereitet hat.

 

Übernatur baut aber auf der Natur auf. Was der natürliche Mensch schon mit Recht ersehnte und versuchte, hat unser Herr den krankwerdenden Gotteskindern in ihrer himmlischen Mutter geschenkt, in dieser starken Frau, die der Schlange, deren Drachengift unsern Leib verdarb, den Kopf zertrat. Als Heil der Kranken gab er sie uns. Heil der Kranken! Welch trostvolles Wort! Welche Hoffnungen birgt dieser Ruf!

 

Und fürwahr, kein leerer Wahn! Denn Maria ist die machtvolle Frau, die nicht erst der Natur ihre Geheimnisse ablauschen muss. Sie gebietet vielmehr der Natur, die Königin des Alls. In Gottes Vollmacht durchbricht sie ihre ehernen Schranken und heilt, wo keine Heilung mehr zu erhoffen war. Der kranke Mensch vertraut und glaubt: Mariens Macht hört erst da auf, wo auch Gott, der Allmächtige, nichts mehr vermöchte. Vertraut er aber nicht noch mehr auf der himmlischen Mutter treusorgendes Herz? Mutterliebe versagt doch am Krankenbett eines Kindes nie. Das weiß ein gläubiger Christ.

 

Man kann selten einem ergreifenderen Schauspiel beiwohnen, als wenn in Lourdes und an anderen Gnadenstätten der Sohn Mariens in der heiligen Eucharistie zu den Kranken getragen wird, die von weither die schmerzerfüllte Reise gewagt, damit er sie segne, er sie heile, von seiner Mutter Fürbitte bestürmt. Himmelstürmendes Bitten, glühendstes Vertrauen zum Heil der Kranken! Aber wird es nicht öfter enttäuscht als belohnt? Menschlich gesehen: ja, übernatürlich gemessen: nie. Die Krankheit des Leibes blieb, aber die Gesundheit der Seele stieg. Darum kann nie der Ruf verstummen: Maria, Heil der Kranken, bitte für uns!

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, Herr, unser Gott: gib, dass wir, deine Diener, uns ständiger Gesundheit des Leibes und der Seele erfreuen und dass wir durch die glorreiche Fürsprache der seligen allzeit reinen Jungfrau Maria von der Trübsal dieser Zeit befreit werden und die ewige Freude genießen dürfen.

 

Zur Geschichte des Festes: Gegen Ende des Jahres 1837 brach in der Stadt Rieti in Italien und in der weiteren Umgebung eine ansteckende Krankheit aus, die sich als unheilbar erwies. In vielen Gebeten, Andachten und Wallfahrten bestürmte man die liebe Gottesmutter um ihre machtvolle Hilfe. Maria half! Die Krankheit erlosch. Der Dank und die Begeisterung des Volkes kannten keine Grenzen. Dringend bat man in Rom um die Erlaubnis zu einer Festfeier unter dem Titel „Maria, Heil der Kranken“. Es sollte die Dankesgabe des Volkes sein für die sichtbare Hilfe der Gottesmutter. Papst Gregor XVI. gab dem Drängen nach und erlaubte für die ganze Diözese das erbetene Fest.

 

In der weiten Kirche werden allerdings vielerorts unter dem gleichen Titel Marienfeste gefeiert, und zwar aus den verschiedensten Anlässen, sind also vollkommen unabhängig von obigem Geschehen. So befindet sich z.B. ein solches Gnadenbild in der Kirche Maria Magdalena in Rom (Sitz der Kamillianer), desgleichen auch in Vaals in Holland und an mehreren anderen Orten. Den Regular-Klerikern im Krankendienst wurde die Festfeier „Maria, Heil der Kranken“ gestattet, die natürlich viele religiöse Gemeinschaften übernommen haben, deren Mitglieder im Dienst der Kranken stehen. Neuerdings feiern die Caritas-Schwestern diesen Tag als das Fest ihrer Patronin.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)