Mutter vom Guten Rat

 

26. April

 

An den meisten Marienfesten begegnen uns in den Episteln Texte aus dem Alten Testament, aus denen nicht so ohne weiteres zu ersehen ist, was sie eigentlich mit Maria zu tun haben sollen. In diesen Stellen schildert uns der heilige Verfasser, wie Gott in unergründlicher Weisheit seine Schöpfung erdacht und mit liebevollster Weisheit verwirklicht hat. Als Dichter lässt er darin die Weisheit Gottes als etwas anscheinend Selbstständiges, als eine Personifikation oder Person auftreten, die in unvordenklichen Zeiten dem Inneren Gottes entstiegen ist, seitdem vor ihm spielt und mit Wonne nun der von Gott durch sie geschaffenen Welt sich zuwendet, um den Geschöpfen die Gabe der Weisheit zu vermitteln.

Als nun die zweite göttliche Person in der Fülle der Zeiten Mensch wurde, verkündete uns die Offenbarung Gottes den ins Fleisch eintretenden Gottessohn als das Wort oder den Gedanken seines ewigen Vaters. Daraus erhellte, dass Gott-Vater in seinem ewigen Schoß aus der Überfülle seiner Selbsterkenntnis seinen Sohn gezeugt hatte und noch immerfort zeugte. Damit stand dieser Sohn aber in unmittelbarer Verbindung mit der Weisheit Gottes, erschien gleichsam als die Person gewordene Weisheit Gottes selbst. Die gläubige Welt begrüßte daher Jesus Christus als die fleischgewordene Weisheit Gottes und wandte auf den Gottmenschen die alttestamentlichen Texte von der Weisheit Gottes an.

Die göttliche Weisheit hat aber aus Maria der Jungfrau Fleisch angenommen. Neun Monate lang ruhte sie im Mutterschoß der heiligen Jungfrau. Darf man ihr deshalb nicht mit Recht den herrlichen Titel geben: Sedes sapientiae, Sitz der Weisheit? Wer könnte aber so lange und so innig mit der Weisheit selbst verbunden sein, ohne nicht auch von ihr erfüllt zu werden? Maria musste daher, wie voll der Gnaden, so auch voll der göttlichen Weisheit sein. Als die „weiseste Jungfrau“ begrüßt sie die Lauretanische Litanei.

Wer aber ist ein Weiser? Weise sein ist etwas ganz anderes als klug oder gelehrt sein. Klug liegt nicht fern von Schlausein, ein Weiser aber ist meilenweit davon entfernt. Gelehrt ist, wer mehr weiß als die Menschen gewöhnlich. Aber die Wissenden unter uns sind noch lange nicht immer die Weisen, und selbst jemand ohne Schulbildung kann ein Weiser sein. Wir sprechen gerne dem Alter die Weisheit zu und wollen damit sagen: Nur wer einsichtsvolle Erfahrung gesammelt hat, nur wer nicht mehr wie die leichtfüßige Jugend an der Oberfläche haften bleibt und über die Tiefen des Lebens hinweghüpft, nur wer aus tiefer Einsicht und letzten Beweggründen urteilt und handelt, der ist der Weise unter uns, dessen Rates wir uns gerne bedienen.

Maria ist nun der Sitz der Weisheit, die weise Jungfrau, darum voll der herrlichen Gottesgabe der Weisheit. Sie kann darum nicht anders, als alles zu erwägen, alles zu beurteilen aus dem Letzten und Tiefsten, darum aus dem Sichersten und Wahrsten. Das heißt aber: Maria sieht alles im Licht Gottes und aus des Menschen Berufung zu Gott hin. Darum kann niemand uns so gut Beraterin auf unserem Weg durch dieses Erdenleben zu Gott hinauf sein als Maria. Sie weiß, ob diese oder jene Einzelheit unseres Lebens, diese oder jene Phase unseres Lebensweges wirklich zum wahren Glück führt. „Mutter des Guten Rates“ hat sie deswegen so fein der fromme Sinn der Christen genannt. Wie viele Christen mögen es schon sein, die in den Unklarheiten oder Schwierigkeiten ihres Erdenlebens zur Mutter vom Guten Rat gepilgert sind und bei ihr, dem Sitz der Weisheit, Klarheit und Sicherheit erhalten haben!

 

Kirchengebet

 

Gott, du gabst die Gebärerin deines geliebten Sohnes uns zur Mutter und ihr herrliches Bild hast du durch eine wunderbare Erscheinung berühmt zu machen dich gewürdigt. Gewähre uns, wir bitten dich, die Gnade, im steten Gedenken ihrer Ermahnungen nach deinem Herzen zu leben und glücklich zum himmlischen Vaterland zu gelangen.

 

Zur Geschichte des Festes: Die Uranfänge der Verehrung der lieben Gottesmutter unter dem Titel „Maria vom Guten Rat“ gehen auf eine Legende zurück. Danach soll das Bild Unserer Lieben Frau von Genazzano, unweit von Palestrina, auf wunderbare Weise von Albanien nach Italien versetzt worden sein. Zwei Christen, die das Bild vor dem Zugriff der Muselmanen retten wollten, nahmen es mit über das Adriatische Meer und ließen es in einer Augustinerkirche zurück. Dies soll im Jahr 1467 geschehen sein.

Geschichtlich steht folgendes fest: Dieses Bild wurde 1682 vom Kapitel der vatikanischen Basilika gekrönt, und auch der Titel: U. L. Frau vom Guten Rat ist bereits im 17. Jahrhundert bekannt. Das Fest wurde in Genazzano schon seit 1727 gefeiert. Pius VI. gestattete dieses Marienfest im Jahr 1789 dem ganzen Augustinerorden und setzte den 26. April als Festtag an. Seitdem gewann dieses Fest immer mehr an Beliebtheit und wird heute in verschiedenen Diözesen gefeiert.

Leo XIII., der aus der weiteren Umgebung von Genazzano stammt, gab diesem Marienfest eine besondere Bedeutung, indem er die Anrufung „Mutter vom Guten Rat“ in die Lauretanische Litanei aufnahm.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, So feiert dich die Kirche, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)