50 geistliche Sprüchlein,

 

dem Cherubinischen Wandersmann, Angelus Silesius,

 

dem lieben, in Einfalt gesammelt

 

und in Ehrfurcht zugeschrieben

 

 

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Von

 

Getel Kühne

 

  

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Aufsprang die Erdengruft dem Strahl der Anemonen -

gewälzet ist der Stein, dass wir im Himmel wohnen.

 

Windröschen klagen süß an offner Grabespforte:

Was sucht ihr Ihn im Fleisch, Der aufstand im Worte?

 

Du irrst nach Seiner spur, Des Gnade heuer lenzet -

anweht dich nicht Sein Saum, windröschenweiß bekränzet?

 

Windröschen blühn. Du fragst, was holder blüh` hienieden?

Dein Herze, so es spricht: Gott`s Will`, der ist mein Frieden.

 

Windröschen, mach mich fromm! Wie zag im Lenzeswehen

du blühst, so will einst ich im Wind der Gnade stehen.

 

Als wäre Blühn ein Flehn, das auch Verschmähung lohne,

da sich`s denn selbst erhört - so blühet Anemone. 

 

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O dunkle Krume, brich! Lieb Veilchen, spring herfür;

was ruft aus Amselmund nicht Gottes Stimm` nach dir?

 

Vom sonn`gen Duft geführt, wir dunkle Veilchen fanden -

so hat denn Finsternis das helle Licht verstanden.

 

Wie klagst, lieb Veilchen, du, ob Armut Gott erfreue?

O dein Geschrei ist Duft, und deine Not ist Bläue.

 

Du liebst des Veilchens Duft? Und blüht`s doch gar verborgen!

So heimlich weset Gott, und findst Ihn ohne Sorgen.

 

Wie du nach Veilchen gehst, mein Kind, geht Gott nach dir -

o blüh` Ihm in die Hand! Er wirbt um deine Zier.

 

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Maßlieb, wes mahnest du uns staunende Erfreute?

Dass Gott der Erd` zu Lieb des Himmels Maß bereute?

 

Wes schämst du dich, Maßlieb, dass dir`s die Blättlein rötet?

Weil Gottes Fuß dich streift und nicht Sein Schritt dich tötet?

 

O Sönnelein Maßlieb, in Einfalt überschwenglich!

Denn weil uns Ewig`s blend`t, da strahlst uns du`s vergänglich.

 

Wer zählt, wieviel Maßlieb des Morgens Tau genießen?

Und will sein ew`ger Quell doch täglich überfließen!

 

Wes Mutwill möcht Maßlieb, das dürftige, zertreten?

Kind, also rührst du Gott. Was zögerst du zu beten?

 

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Welt weiß der Wörtlein viel, so töricht, als auch weise -

Gott raunt: Vergiss mein nicht! - Da schrickt und lauscht sie leise.

 

Was dürst` ich nimmermehr und lechzte jüngst nach Helle?

Ich fand, Vergissmeinnicht, dich Tröpflein Himmelsquelle.

 

O täglich Himmelsbrot! Dass ohne Dank wir`s nehmen,

des will Vergissmeinnicht liebreich für uns sich schämen.

 

Was klingst, Vergissmeinnicht, du heller Himmelsscherben?

Wie fromm das Leben war, so leicht wird sein das Sterben.

 

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Viola tricolor, was Wunders machst du säglich?

Die Blum` Dreifaltigkeit - unscheinbar, hold und täglich.

 

O süßeste Dreifalt Gott, aus Vater, Sohn und Täublein!

Nicht weiß ich Lobs genug. O helft mir, Blum` und Läublein.

 

O Dreifaltsblümchen du! Wie süß du auch erscheinest -

viel süßer ist der Sinn, den du verschweigst und meinest.

 

Im Anfang wurzelt Gott. O dass Er endsam blühe

als Vater, Sohn und Geist! Wie lohnt`s der Wartung Mühe.

 

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Ohn` blauen Ehrenpreis gescheh` in Gott kein Sommer!

All andrer Blütlein keins preiset und ehrt Ihn frommer.

 

Gott stund ohn` Preis und Ehr - da aber Er sich bücket,

lobsingt Ihm Ehrenpreis, bescheidentlich verzücket.

 

Leicht welkst du, Ehrenpreis, so Menschenhand dich pflücket -

also gebührst du Gott, all grober Gier entrücket.

 

So du aus inn`ger Not Gott ehrst und preisest, amen -

wie leicht, o Ehrenpreis, trägst du dein`n schweren Namen.

 

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Stiegst, Sommer, du dich müd? So ruhe denn gelinde!

Den Staub vom Fuß dir küsst dein Mägdlein Ackerwinde.

 

Da Gott Sein` Stirne neigt dem Kranz der Ackerwinden -

o Sommer, gib es auf, noch Süßres zu erfinden.

 

Dein Kelchlein, Ackerwind`, was träuft es ros`ge Neige?

Gott überquillt aus dir, da dürstend ich mich beuge.

 

O Sünd, zum Staub verdammt! Gott segnet noch im Fluche:

Dich tränkt der Winde Kelch am Weg der Gnadensuche.

 

Tod wetzt sein Sichlein schon; wie balde hör` ich`s rauschen?

Lehr` du mich, Ackerwind`, mein` Angst in Blühn zu tauschen.

 

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Wohl dir, mein Wandersmann, so dir`s den Schritt lässt stocken:

Weltinnig ruft dich Gott aus blühend blauen Glocken.

 

Das frömmste Glockenspiel, nicht ehern ist`s, nicht erzen -

mit Sommerblau umblüht`s den Schlag vom Gottesherzen.

 

Dein` Zartheit, Glockenblum`, mein Nahen zitternd scheute;

und doch, lieb Schwesterlein, danktest du`s mit Geläute.

 

Schwingt, Glockenblümchen, ihr zum strengen Schritt der Horen -

und in Gottseligkeit reiget er weltverloren.

 

Saht ihr am schwanken Halm die schönen Glöckchen schweben?

All Stund tönt Ewigkeit! Des solln wir furchtlos beben.

 

Was flüstert, Glockenblum`, dein Stimmlein hold erbötig?

Schönsein ist Klag` vor Gott, dass Frommersein sei nötig.

 

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Sommer, dein Saitenspiel nun inniglich zerschlage -

Heidglöckleinstille summt verklärte Herbstessage.

 

Still staunt der Kiefernstamm in Herbstes Huldgeschehen:

Heidröte sanft ihm wärmt die starren Wurzelzehen.

 

Herbst ruft zu holder Pflicht: Harren nicht unbewundert

Heidblümchen purpurrot, hundert und aberhundert?

 

Purpurnes Gottgewirk aus Heideblümleinprachten -

wie magst des Herbstes Schritt so sehr und süß du sachten.

 

Besonntes Heidemeer! Wiegst du auf Blütleinschäumen

zur Insel Ewigkeit mein lichtverlangend Träumen?

 

Da Heide schenkt ihr Rot, Falter sein`s Flügleins Bläue -

Kind, sag, was gibst wohl du, dass Gott an dir sich freue?

 

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Dein Grab, gestorbnes Kind, wes Leuchtens bleibt`s so helle?

Im welken Totenkranz, ach, blühet Immortelle.

 

Goldimmortelle, blüh! Tod ward des Throns entsetzet;

fern rauscht sein Schwingenschlag - Gott will dich unverletzet.

 

Kind, lern`s in süßer Gier, was Immortelle meinet:

Sein blühendes Genug Gott selig selbst verneinet.

 

Weil Immortelle blüht - Gott, wollest du vergeben

all Stund`, da ich`s vergaß: Ich stürbe, um zu leben?

 

Zum Kranz ich sinnend wand die goldne Immortelle -

trag`, Vöglein Ewigkeit, ihn du zur Kreuzesschwelle.

 

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