Marien-Sagen

 

 

Eine Bekräftigung der unbefleckten Empfängnis Mariä

 

Im Jahr des Herrn 1653 ersuchte ein Priester aus der Bruderschaft Unserer Lieben Frau den sehr gelehrten und geistreichen Prediger Antonius de Guero, Doktor der heiligen Theologie und Mitglied der heiligen Congregation des heiligen Philippus Neri: er möge doch an dem Fest der Himmelfahrt Mariä in Xantina, einer Stadt im Königreich Spanien, die übliche Predigt halten.

 

Antonius de Guero willfahrte diesem Gesuch und begab sich deshalb nach Xantina, wo er bei Johann Baptist Berell, dem Präfekten der besagten Congregation, gute Aufnahme und Herberge fand.

 

In der Nacht nun ist an die Mauer der Kirche ein Zettel angeheftet worden, auf dem zu lesen war: „Maria ist in der Erbsünde empfangen!“ Unten aber stand mit kleinen Buchstaben geschrieben: „Bernardus. Bonaventura.“

 

Als der Prediger Antonius de Guero des Morgens durch den Präfekten dieses Ereignis erfuhr und die Behauptung: „dass Maria in der Erbsünde empfangen sei“, änderte er alsbald sein Thema der Predigt und redete zum Volk nur von der unbefleckten Empfängnis der Mutter des Welterlösers, an den Spruch der Heiligen Schrift anknüpfend: „Gleichwie eine Lilie unter den Dornen, also ist meine Freundin unter den Töchtern Adams!“ (Hohelied 20,2)

 

Nach gehaltener Predigt ging er wieder in die königliche Stadt zurück. –

 

Einmal geschah es nun, dass er von befreundeten Geistlichen in der Nachbarschaft zu einem Besuch eingeladen wurde. Nachdem die Gesellschaft den Tag mit erbaulichen und geist- und herzerfrischenden Gesprächen zugebracht und mit einem einfachen Abendessen beschlossen hatte, suchte man die Ruhstatt auf. Nur Antonius blieb noch zurück und ging bei dem sogenannten roten Brünnlein im hellen Mondenschimmer auf und nieder. So brach die Nacht herein und er betete seinen Rosenkranz. Da fiel ihm plötzlich ein, dass er neulich in der Predigt die unbefleckte Empfängnis Marias verteidigt und gesagt hatte: „Eine Lilie blühe unter den Dornen!“ was doch ebenso unmöglich ist, als dass eine Rose unter Stein und Felsen sprieße. Lange hing er diesem Gedanken nach und schon verwirrte trüber Zweifel seine Seele, als sich vor seinen Augen ein Dornenstrauch zeigte, in dessen Mitte eine Lilie wuchs, was er aber beim Auf- und Niedergehen bis jetzt ebensowenig gesehen hatte, als er früher die Wahrheit des von ihm verteidigten Satzes eingesehen hatte. – Voll Reue über seinen gehegten Zweifel warf er sich zur Erde, und bat inständig die heilige Muttergottes um Verzeihung. In Zerknirschung und in Tränen fand ihn sein Freund, der ihn zu suchen ausgegangen war. Gerührt hörte er die Erzählung des Antonius an und sah die liebliche Blume unter Dornen stehen. Beide gruben nach der Wurzel und fanden – o Wunder! – an der Zwiebel derselben das Bild der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, angetan mit dem blauen Mantel, die goldenen Haare vom Haupt sanft herabwallend. Andächtig trugen die Geistlichen die Wunderblume nach Hause. Dann wurde sie dem Erzbischof von Valenza wie auch dem Markgrafen St. Roman gezeigt.

 

Als der Erzbischof das Bildnis gesehen und die Geschichte seiner wundersamen Auffindung erfahren und ernsthaft geprüft hatte, schickte er dasselbe, in ein goldenes und silbernes Kästchen gelegt, dem spanischen König Heinrich IV., der, nach seiner bekannten Frömmigkeit, zuerst das Bildnis zur öffentlichen Verehrung ausstellen und dann andächtig aufbewahren ließ. –

 

(Aus: Kunde der christlichen Vorzeit)

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Das Wunder am Lichtmesstag über die

unbefleckte Jungfrauschaft Marias

 

Bonifatius IV. war ein Papst, der in Rom viele Wohltaten erwies und den Heidentempel, genannt „Pantheon“, am 13. Mai 609 – unter Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria und aller heiligen Martyrer – zu Ehren des wahren Gottes einweihte.

 

Da man diesen Gottesdiener zu Rom auf dem heiligen Stuhl sah, trug es sich daselbst zu, dass die Juden gegen die Christen Streit erhoben. Bald führten sie hier und da schlechte Reden und behaupteten unter anderem: „dass Maria, da sie Christus gebar, keine reine jungfräuliche Magd mehr gewesen sei und Joseph wäre ihr richtiger Mann“. Sie sprachen weiter: „Nun seht, es entbehrt jeder Mensch, was ihm die Natur nicht gewährt. Nun ist es aber doch offenbar gegen die Natur, dass eine Jungfrau einen Sohn habe und dabei keusch bleibe.“ Die Christen erwiderten ihnen sogleich das: „Der große Gott hat wohl in seiner Herrlichkeit Gewalt über die Natur, mit der er macht, was er will, weil er ihr Erschaffer und Herr ist!“ und bestätigten diese ihre Aussage durch die Propheten und Weissagungen, die es in ihren Tagen bekannten, und ließen sie in ihren eigenen Büchern suchen, dort stände es wahrhaft geschrieben. – Die Juden ließen sich jedoch nicht abbringen von ihrem falschen Streit, wie oft man auch belehrend gegen sie auftrat.

 

Nun lebte ein Blindgeborener in der Stadt Rom, den empörte der Streit. Der Unglückliche hatte seit seiner ersten Jugend, wie es jetzt noch oft die Blinden tun, die heilige Schrift erlernt. Seines Herzens Weisheit begriff den tiefsten Sinn, dass er, eingedenk der erhabenen Würde Marias, als der heiligen Muttergottes, die „voll der Gnade“, den Gottmenschen Jesus Christus, den verheißenen Messias, in wunderbarer Weise empfangen hat, indem der Engel Gabriel zu ihr, die keinen Mann erkannte, gesprochen hat: „Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden!“ (Lk 1,35) – öffentlich bekannte: „Maria ist eine keusche Magd gewesen und hat in rechter und unbefleckter Keuschheit Christus, den Gottmenschen empfangen und auch in unbefleckter Keuschheit und unter Freuden zur Welt gebracht, wie es Gottes Wille von Anfang war.“ – Da entstand gegen ihn aufs Neue ein Lärmen und Geschrei von den Juden. Wie ein Wild von den Rüden wurde er angebellt. „Dein Leib ist unrein!“ schrien sie, „du Blinder! Du sollst dich entfernen, weil du in Sünden geboren bist und darin deine Augen verloren hast! Du solltest billig trauern, denn wegen der Sünde sind deine Augen geschlossen und wegen dieses Fehlers bist du nicht an Gliedern vollkommen wie ein Mensch gestaltet! Du solltest billig den Streit mit uns vermieden haben! Gehe nur heim und schweige, weil dein Beweisenwollen dir misslungen ist! Dein Christus und deine Maria – ach, wie fern sind sie dir! Du bist ihr Diener und bist doch blind! Du hochrühmtest und priesest Maria und sie kann dich nicht von der Plage deiner Blindheit befreien! Rede uns doch ja nicht mehr von ihrer himmlischen Macht!“ – Da überkam es den Blinden, dass er auf Gottes Allmacht und Marias Fürsprache bei ihm sein festes Vertrauen setzte, der ihn trotz dieser Worte um seiner Mutter willen rechtfertigen möge. Er wollte die Juden zum Schweigen bringen. Die aber erwiesen sich fortwährend als höchst übermütig. „Nun hört mich“, sprach er, „ein wenig, was ich euch öffentlich sage! Am dritten Tag werdet ihr alle es sehen, wie Gott an mir bezeugt: dass er in seiner Herrlichkeit über alle Natur ist, wie mir seine Güte verleiht, was mir von Natur mangelt, ich meine – meiner Augen Licht, das ihr mich seither und auch jetzt noch entbehren seht!“ Und die Juden schrien: „Hört, hört, wie dieser hier im Wahnsinn fabelt! Du Tor, sieh du zu, wie dir dein Christus frommen mag, den unsere Väter ehedessen gefangen genommen und an das Kreuz genagelt haben! Er konnte sich damals selbst nicht helfen, weil man ihm viel Leid antat, was er auch erdulden musste! Man sah, dass es ihm an jeglicher Hilfe gebrach! Wir wollen dir dein Anerbieten gleich zugestehen und uns verpflichten: hilft er dir Blinden, dass du mit Augen sehen magst, wir wollen uns dann alle zu ihm bekennen und uns taufen lassen!“

 

Da geschah ein Zulauf des Volkes in der Stadt und man bat die Juden ihr Gelübde zu verbürgen und zu halten. Da sprachen die Senatoren, die edlen Römer: „Wenn es so geschähe, dass der Blinde von seiner Blindheit Last durch die Fürsprache Marias und durch die Gnade Gottes erlöst würde, so sollten alle Juden ihren Glauben zu Jesus Christus hinwenden. Wollte sich aber jemand dessen entziehen, dann solle sein Vermögen frei erklärt, er aber aus der Stadt mit Schande scheiden müssen.“ – Die Juden hatten ihren Spott, die Christen aber beteten alle zum Herrn, dass er den Glauben in Ehren aufrichte, weil in den Juden nur Hohn wohne.

 

Der Blinde bat, dass man ihn zum Papst Bonifatius führe. Das Oberhaupt der Kirche wusste noch nicht, um was es ging, als er ihm aber alles erzählte, gefiel es ihm, weil er ein frommer Mann war, und er stimmte ihm bei: Gott werde zum Preis der glorreichen Himmelskönigin ihn schon erhören und den Spott vernichten, der in den Herzen der Juden niste. – Es war gerade zu dieser Zeit der Tag, der von den beiden Parteien bestimmt worden, der „Lichtmessen“ ist genannt, da Maria das Jesuskind zum Tempel trug. Der Papst befahl nun, wie es ihm sein Herz geraten hatte: dass alle Juden sich an dem Tag versammeln und zum Gottesdienst in das Münster Unserer Frau komme, da sollte man schauen, ob Christus, der Jungfrauen Sohn, nicht ein Wunder aus göttlicher Macht tun werde.

 

Seht, da kam ohne Säumen Jung und Alt von Christen und Juden, Priestern und Laien, und wollten sehen, wem der Sieg würde. – Man sang da viele schöne Metten, weil sich viele Priester eingefunden hatten. Als man die achte las, da wurde jener Blinde von einem Kind vor den Altar an eine Stelle geführt, wo er öffentlich stand, dass ihn jedermann wahrnehmen konnte. Dort sprach er sein Gebet. Das Kind lief von ihm hinweg und ließ ihn stehen an seinem Stab, auf den er sich stützte. Sein Herz tat wie diejenigen, die nicht zweifeln an Gottes Allmacht und an der Macht der Fürbitten Marias. Im frommen Glauben war er seiner Augen gewiss. – Da die Lektion zu Ende war, schwieg der Chor und er sang mit Freuden, wie ihn der Wille zwang, ein Responsorium, das ihm aus dem Herzen kam und das er selbst vorher in seiner Andacht gedichtet hatte. Er erhob seine Stimme und sang in richtiger Melodie bis zum Schluss. Da der Vers aus war, lohnte Gott ihn auf der Stelle damit: dass er zwei schöne Augen hatte. Christus erleuchtete seinen Knecht, weil er offenbar seiner gebenedeiten Mutter großes Lob und ihre unverletzte keuscheste Jungfräulichkeit wohl dadurch bekundete. Seiner Worte Sinn, die er öffentlich sang, lautete: „Freu dich, Maria, du Unsere Liebe Frau! Du hast die Blüte des Unglaubens zerstört! Was von dir Gabriel, der Bote Gottes, gesprochen hat, das ließest du vor Gott in rechter Tugend schauen! Du allerreinste Jungfrau gebarst, nach Gottes Willen, den Menschen und Gott, den Gottmenschen, und bliebst keusch vor – in und – nach der Geburt! Dass ich kurz bin: Der Jude werde zu Schanden, der da wähnt, dass Jesus Christus, unser lieber Herr und Heiland, ein Sohn Josephs sei, der doch nur sein Pflege- und Nährvater gewesen ist, seit ihn die erlauchte Jungfrau Maria in wohl bewahrter Keuschheit geboren hat!“

 

Es blieben die Priester durch die Mette bis zum Amt versammelt und schauten alles, was hier geschah, wie der Mensch nunmehr vollkommen sah, der vorher blind gewesen ist. Nun genas denn auch ein jeglicher von des Zweifels Not, die eben groß war. Laut sangen alle das Lob des Allerhöchsten, vor dessen Allmacht und Heiligkeit der Juden Spott und Prahlerei verstummte. . Von den Juden ließen sich gegen fünfhundert taufen. Wer sich aber davon ausnahm und nicht seinen Starrsinn durch das Wunder erweichen ließ, sondern wie ehedem verstockt blieb, diesen schickte man bald, wie es gesagt war, aus der Stadt.

 

Da wurde denn auch vom Papst – ob des großen Wunders – der Gesang zur Mette an dem Tag Unserer Lieben Frau für alle Gläubigen festgesetzt, daran sie ihr Lob und ihrer Ehre Preis schauen möchte, weil Maria ihren Freunden zu helfen weiß. Es dünkt sie, „die Mutter der Barmherzigkeit“ nicht zu viel: wer sie in Treue anruft, dem will sie, in welcher Not er auch immer sei, vollen Trost verleihen. – Darum sei gelobt und gepriesen die Himmelskönigin! –

 

(Aus: Das kirchliche Jahr von J. Gebhardt)

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Der Raub einer goldenen Krone Marias

 

Die alte Volkssage erzählt folgendes Ereignis, das sich in der Kapelle zu St. Johann bei Pünderich zugetragen hat:

 

Ritter Clodwig besaß feste Burgen und schöne Güter am Rhein. Aber er war ein Mann von rauer und trotziger Gemütsart, ungerecht und habsüchtig. Wohl zeigte er Mut und Tapferkeit, aber mehr auf Raubzügen, als für edlen Zweck. Auch waren die meisten seiner Reichtümer durch verwegene Gewalt oder tückische List errungen. Darum hatte er keinen wahren Freund, denn alle wohldenkenden Ritter mieden seinen Umgang, und seine Tochter, obwohl eine schöne und tugendsame Jungfrau, blieb ohne Freier, weil niemand aus ehrenwertem Geschlecht der Schwiegersohn eines Mannes von solchem Charakter sein wollte. – Dies kränkte seinen Stolz und seine Eitelkeit, und es befremdete ihn sehr, dass jedermann sich von ihm abwandte, weil Geld und Gut bei ihm über Tugend und Rechtschaffenheit ging. – Da sprach er eines Tages bei sich selbst: „Sie wollen keinen Bund mit meinem Haus schließen. Das ist nur Neid, weil keiner mich an Glanz und Reichtum übertrifft, ja wenige mir gleich sind! Wohlan! Zum Strand der Mosel will ich ziehen. Dort thront auf Burgen so mancher herrliche Stamm. Dort will ich mir den Eidam (Schwiegersohn) schon gewinnen, und dann, hochmütige Toren, werd ich verstärkt euch bald mit Fehde drängen!“ –

 

Schon am folgenden Tag, als eben die ersten Strahlen des Morgens über den uralten Soon-Wald emporglänzten, sah man Clodwig, von zwei Knappen gefolgt, auf der Straße gen Simmern herreiten. – Dort lenkt er nun rechts ab durch die Gebirge des Hundsrückens der Mosel zu. Und als jetzt der silberne Strom in seinen malerischen Windungen erschien, da stieg hinter der Felsenhöhe von Marienburg ein schwarzes Gewitter auf, das plötzlich ein wild sich erhebender Sturmwind herbeijagte. Das Gewölk öffnete seine Schleusen und in Strömen goss der Regen herab, während die Wälder auf den Höhen sich dem Orkan beugten, schlängelnde Blitze die Luft durchzuckten und des Donners Schläge tobend in den Bergschlünden wiederklangen.

 

Der Ritter, unkundig dieser Gegend, sah kein Obdach, denn das nahe Dorf Pünderich liegt unter dichtbelaubten Bäumen versteckt.

 

Er sprengt aufs Geratewohl durch die ebene Flur, seine Knechte weit hinter sich lassend, denn sein Leibross war wohl das schnellste im ganzen Land. Da erblickt er die Kapelle zu St. Johann, mit ihrem kleinen spitzen Turm aus dem Getreidefeld hervorragend, und rasch eilte er hin, um sich zu schirmen. – Aber nicht frommen Herzens und ehrfurchtsvollen Sinnes eilte der Trotzige durch die offene Pforte. Keck drängt er seinen Rappen bis zum Altar vor, und rastete nun, sich von dem Ritt erholend, auf den Stufen, doch ohne Gott zu danken, der ihm Schutz in dem Heiligtum gewährt hatte. Indes zog ein feierliches Licht, das auch im dunklen Wetter die Kapelle durchschimmerte, seine Augen auf sich. Es stand hier ein anmutiges Marienbild, das mit einer goldenen Krone geschmückt war.

 

Als jetzt die Wolken sich wieder geteilt hatten und lieblich die Sonne Wald und Auen beschien, dachte Clodwig auf weiteren Ritt und auf Erkundigung nach seinen Knappen. Zugleich jedoch erhob sich in des Übermütigen Seele die gewohnte Raubgier. Er griff nach dem prächtigen Schmuck des heiligen Bildes und rief: „Du sollst die Zierde meines Rosses werden, zum Dank, dass es mich so treu unter das Obdach hierher getragen hat!“ – Als er aber die strahlende Krone vom Haupt der göttlichen Gnadenmutter nahm, da rollten dumpfe Donner im fernen Gebirge, wie eine drohende Warnung des Himmels für den Frevler, der an gottgeweihter Stätte den schnöden Raub beging. Doch der Verstockte achtete es nicht, er befestigte die goldene Last auf dem Haupt seines Rosses und schwang sich in den Sattel. Kaum aber fühlte das Tier die neue Bekleidung, so durchfuhr es dasselbe wie glühendes Feuer. Rasend bäumte es sich hochauf, und als der Ritter fluchend ihm den kräftigen Sporn gab, da rannte es, wie auf Adlerschwingen, mit erhobenem Schweif, mit sträubender Mähne und flammenden Augen, über Felder und Hügel davon. Vergebens wollte der Ritter seinen Lauf hemmen, kein straffgehaltener Zügel, kein Zureden half. Erschrocken fühlte Clodwig jetzt das Bewusstsein böser Tat und erkannte die Strafen des Himmels. Aber zu spät! Das Pferd jagte wild schnaubend mit ihm fort bis an das Gestade der Mosel, und in einem langgestrecktem Satz sprang es hinab in die Flut und war mit seinem Reiter wie ein Blitz verschwunden.

 

Die beiden Waffenknechte, die das Ungewitter von ihrem Herrn getrennt und sogar von seiner Spur abgelenkt hatte, waren dem nächsten Pfad gefolgt, der sie bald in das wirtliche Dorf Pünderich führte. – Als der Horizont sich neu verklärt hatte, eilten sie hinaus in das Feld und bis an das Ufer des Stroms, um ihn zu erspähen. Da erzählte ihnen ein Fischer, was geschehen war. Aus seiner Hütte, die jenem Felsen nahe stand, hatte er das schreckliche Schauspiel gesehen. Umsonst forschte man in den Fluten und am Strand: Ritter, Ross und Schatz waren auf immer dahin, und den Dienern blieb kein anderer Weg, als nach der Heimat umzukehren und der Tochter Clodwigs die trostlose Kunde zu bringen. – Aber an jener Unglücksstelle, wo vorher die Strömung sanft dahin floss, steigen seitdem die Wellen schäumend empor und brechen sich mit tobendem Geräusch jenseits am schroffen Gestade, so dass der Schiffer stets voll Schauer den Kahn hindurchlenkt, indem er den Mut seiner Seele stärkt durch ein andächtiges Gebet. Auch sahen Bewohner des Ufers in schauriger Nacht, wenn dunstumzogen der Mond herabschien, des Ritters Geist auf schwarzem Ross einherbrausen. In der Linken hielt er glühende Zügel, in der Rechten das geraubte Diadem Marias, und stürzte hier mit samt seinem Ross in die Fluten hinab. –

 

So meldet die treuherzige Sage aus längst vergangener Zeit. –

 

Auch jetzt noch flutet der Strom an dem hohen Felsenufer, der „Pündericher Stein“ oder die „Pündericher Furt“ genannt, sehr schnell und unruhig dahin, so dass hier die Schifffahrt zu Zeiten belästigt, ja bei stürmischem Wetter nicht ohne Gefahr ist. –

 

In der Kapelle zu St. Johann, die sich eine Strecke landeinwärts auf üppigen Fluren zeigt, während blumenreiche Auen um das Dorf sich ausbreiten, im Hintergrund die freundlichen Nebenhügel und jenseits waldige Höhen emporblicken, sieht man noch auf dem steinernen Altar das Bild der heiligen Muttergottes, von einem weißen Schleier umflossen. Statt des geraubten Goldschmucks prangt nun eine lichte Silberkrone in ihrem Haar, und fromme Dorfbewohner umher schmücken oft mit Blumen das Kirchlein, zu dem sie gern in stiller Andacht wallen. –

 

(Aus: Handbuch für Reisende durch das Moselland von K. Geib)

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Die Rettung im See

 

Im Elsenztal, bei den Ruinen von Steinsberg, zieht sich eine Niederung hin, die der „alte See“ genannt wird. Schlanke Silberpappeln erheben sich auf dem erhöhten Ufer des ehemaligen Sees, der jetzt durch frisches Grün und mannigfaltige Blumen das Auge ergötzt.

 

Auf dem Steinberg soll einst ein graulicher Recke gehaust haben, der das Entsetzen der ganzen Gegend war. Er beraubte die harmlosen Wanderer, trieb den Hirten ihre Herden weg und gerieten Frauen oder Mädchen in seine Hand, so schleppte er sie, trotz ihres herzzerreißenden Weinens und Schreiens, steinkalt und grausam auf seine unzugängliche Burg.

 

Eines Tages zog er auch an einer Marien-Kapelle vorüber, die am Ufer des Sees unter friedlichen Linden stand, und gewahrte darin eine Jungfrau von seltsamer Schönheit. Sie kniete vor dem Altar und verrichtete ihr Gebet zum Dank, dass der liebe Gott durch Mariens gnädige Fürsprache ihre Mutter von einer schweren Krankheit errettet hat. – Der Ritter riss alsbald mit höllischer Faust die schüchterne Jungfrau vom Altar hinweg und achtete nicht ihrer Tränen und Todesangst. Schon wollte er sie auf sein Ross heben und mit ihr davon sprengen, da bat ihn das Mädchen, ihr nur noch ein kurzes Gebet in der Kapelle zu gestatten. Der Räuber willigte ein. Sie warf sich vor dem Bild der heiligen Jungfrau zur Erde und rief mit heißester Inbrunst der Andacht und des Vertrauens: „O du Reine und allzeit Unbefleckte, nimm auch mich rein und unbefleckt zu dir!“ – Dies sagend, rafft sie sich auf, flieht aus dem Kirchlein und stürzt sich in den See. Aber die Flut teilt sich nicht unter ihren Füßen, sondern wie von unsichtbaren Händen getragen, schwebt sie darüber hin und erreicht glücklich das andere Ufer. Der Ritter, in blinder Raserei, will ihr nacheilen, aber die Wasser schlagen über seinem Haupt zusammen und er versinkt in die Tiefe. –

 

Noch jetzt hört der Wanderer manchmal in einsamen Nächten eine wehklagende Stimme, wenn er an dieser Stätte vorübergeht, und die Zitterpappel rauscht geheimnisvoll und erfüllt das Herz mit Grauen. –

 

(Aus: Sagen vom Rhein von Alois Schreiber)

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Das Marien-Leuchten in der St. Stephanskirche zu Prag

 

Auf dem Hochaltar der St. Stephanskirche zu Prag befand sich sonst ein uraltes Marienbild, das große Verehrung genoss. Als aber ein böhmischer Maler das Konterfei des Schutzheiligen der Kirche gemalt hatte, stellte man dieses Bild auf und verschloss das Frauenbild in ein angrenzendes Gewölbe, wo es verblieb, bis im Lauf des dreißigjährigen Krieges der fromme Domherr Wenzel von Blumenberg sich vor den Schweden hierher flüchtete und einige Zeit lang die Amtsführung des erkrankten Pfarrers versah. Er erfuhr, was mit dem Bild vorgegangen war. Und da zu damaliger Zeit ein Wetterstrahl den Hochaltar spaltete, ohne jedoch zu zünden, so wurde er aufmerksam, legte das Ereignis als ein Warnungszeichen aus und bestand darauf, dass das Marienbild wieder in der Kirche aufgestellt werde, worauf man zur Nachtzeit die Kirche hell erleuchtet sah. Seinen Sinnen misstrauend, nahm er mit den Kaplänen und einigen benachbarten Bürgersleuten eine Untersuchung vor, die alle das helle Licht sahen, das, als sie in die Kirche eintraten, von dem Marienbild aus entströmte, dann aber gleich schwand.

 

Nicht lange nachher starb der Pfarrherr, und als sich die Schweden zur Einnahme der ganzen Stadt rüsteten, erschien eines Tages die heilige Jungfrau Maria mit dem Kind, und gänzlich so, wie sie auf jenem Bild gemalt war, auf einem hellschimmernden Regenbogen, der sich über der alten und neuen Stadt wölbte und sie zu beschützen schien.

 

Viele Einwohner sahen dies und auch die Feinde, die die Belagerung alsbald aufhoben, und die nächtlichen Erleuchtungen der Kirche, in der man das Wunderbild nun mit hoher Verehrung aufbewahrte, wurden gesehen, so oft ein Pfarrherr von St. Stephan im Sterben lag. –

 

(Aus: National-Kalender für das Königreich Böhmen)

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Die wunderbare Verlobung

 

Wenn man das schöne Sanntal aufwärts geht, kommt man zum Markt Sachsenfeld. Den Namen verdankt der Markt wahrscheinlich den Sachsen, da sie im Jahr 791 unter Karl dem Großen sich hier ansiedelten. In der Nähe links ab von der Straße ist der Wallfahrtsort Pletrowitsch, und weiterhin am Ende einer Allee das stattliche, im neueren Stil gebaute Herrschaftsschloss Neu-Cilli, daran sich folgende Sage knüpft:

 

Ferdinand, Freiherr von Miglio, Schlossherr von Brunberg (jetzt Neu-Cilli), ein Mann voll frommen Sinnes, fand keine Frau zur Ehe, die seinem Ideal entsprach. Von der Sehnsucht seines Herzens getrieben, trat er eines Tages vor die Bildsäule der heiligen Muttergottes, die schon damals den Hochaltar schmückte, zog seinen Ring ab und steckte ihn mit den Worten: „Du nur, Jungfrau Maria, bist dieses Reifens würdig!“ der Heiligen an den ausgestreckten Finger. – Da fiel ihm plötzlich ein, wie frech er sich versündigt habe. Tief bereuend, dass er die Hochachtung der Allerreinsten gegenüber so sehr vergaß, stürzte er hin und wollte den Ring ihr wieder vom Finger ziehen. Aber die Gebenedeite des Herrn krümmte den Finger und bewies dadurch, dass sie seine lautere Huldigung gnädig annehme. –

 

(Aus: Wanderungen durch Steiermark von J. G. Seidl)

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Die friedländische Brotmutter

 

In der Hauptpfarrkirche des heiligen Nikolaus in Znaim befindet sich auf dem Seitenaltar rechter Hand ein hölzernes Muttergottesbild, dreiundzwanzig Zoll hoch, und auf dieselbe Weise gekleidet, wie das Gnadenbild zu Maria-Zell.

 

In den heftigsten Kämpfen des dreißigjährigen Krieges, nicht lange nach Wallensteins tragischem Ende, war es, als Dorothea Anna Maria, geborene Gräfin von Lodron, vermählt mit dem Marschall Grafen von Gallas, an dessen Seite den Feldzügen in Deutschland beiwohnte. – Bei der Menge von Kirchen, woran die blinde Wut jener Tage ihre Frevel geübt hatte, fügte es sich, dass die Gräfin eines Tages in eine solche zerstörte Kirche eintrat und dort einige rohe Kriegsknechte antraf, die eben im Begriff standen, ein aus Holz geschnitztes hübsches Marienbild, auf dem rechten Arm das Jesuskindlein tragend, in die lodernde Flamme zu werfen. Kaum wurde die fromme, mit einer Sicherheitswache begleitete Frau dieses unheilige Beginnen gewahr, so nahm sie das Bild aus den Händen der Missetäter und trug es mit aller Ehrerbietung in ihre Wohnung und führte es seitdem beständig mit sich umher. Sie erachtete dieses Marienbild als ihren kostbarsten Hausrat und es verblieb der besondere Gegenstand ihrer täglichen Andacht.

 

Im Geleit ihres Mannes, unter den Stürmen des Krieges, wo übergroße Not und allgemeines Elend in unzähligen Schreckensbildern überall dem Auge entgegen starrte, führte die Gräfin von Gallas auch einen Feldkasten mit sich, worin sie, ein Muster vorsorgender Hausfrauen, das Brot für ihren Hofstaat aufbewahrte, mit dem sie indessen auch die kranken Soldaten speiste.

 

Diesen Brotkasten pflegte die Gräfin nur mit einem leichten Teppich zu bedecken und das dem Feuer entrissene Marienbild, umgeben von zwei Kerzen, auf ihn zu stellen. So war der Haus- und Feldaltar fertig. Und, was für ein Wunder, so oft und so lang das besagte Bildnis auf diesem Kasten gestanden, hat bei der Austeilung das Brot, und zwar zu eines jeden Verwunderung, sich nicht vermindert hat, soviel auch zur Nahrung für den Hofstaat und die kranken oder armen Soldaten daraus genommen wurde. Sobald aber das Bildnis der heiligen Muttergottes vom Feldkasten weggerückt wurde, hat sich das Brot darin verringert. Deshalb wuchs ganz besonders das ehrfurchtsvolle Zutrauen der Soldaten zu diesem Bild mit jeder Mahlzeit. –

 

Nach der Beendigung der Feldzüge verlieh Kaiser Ferdinand III. dem Grafen Gallas, „als seinem getreuen Feldmarschall, wegen vieler und wichtiger Dienste“, die große – nach Wallensteins erfolgtem gewaltsamen Tod der böhmischen Krone heimgefallene – Herrschaft Friedland, wohin denn auch die Gemahlin des Grafen das in den so traurigen Kriegsläufen ihr über alles teuer gewordene Marienbild mitbrachte und es in der Schlosskapelle feierlich aufstellte.

 

Der dem Bild vorangegangene wunderbare Ruf, und die Milde der neuen Herrschaft machten das Schloss Friedland bald zu einer Wohnstätte, wo die Ehrfurcht vor Gott, das Vertrauen auf die Fürbitten Marias und die Sorge für das geistige und leibliche Wohl der Armen ihre Engelschwingen regten, da bisher nur ein finsterer Geist diesen Ort beschlich und sein Burgfriede minder geliebt als gefürchtet war.

 

Das Marienbild selbst erhielt und erbte den Namen: die „Friedländische Brotmutter“, oder geradezu die „Friedländerin“ – bei den Einheimischen und den Fremden.

 

So blieb es bis zum Jahr 1654, in dem Gallas starb, und seine Witwe später mit Johann Ferdinand Fürsten von Lichtenstein, Herrn auf Mährisch-Kronau, zur zweiten Ehe schritt. Was seither das erste Kleinod ihres stillen Lebens und ihrer kindlichen Zuversicht gewesen ist, der Marien-Altar, wurde auch in den neuen Wohnsitz ihres Gatten mitgenommen.

 

Aus großer Zuneigung für die Nonnen der königlichen Ottokar`schen Klosterstiftung St. Clara in Znaim – kam das Bild im Jahr 1666, nach dem Ableben der Besitzerin, und zwar laut ihres Testaments, an das Kloster und verblieb ihm bis zu seiner im Jahr 1782 geschehenen Aufhebung. –

 

(Aus: National-Kalender für das Königreich Böhmen)

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Das Mädchen mit den verbundenen Augen

 

Die prachtvolle Domkirche zu Bamberg hat auf der Seite gegen die Residenz hin einen Nebeneingang, über dessen Tür man ein sonderbares steinernes Bild sieht. Es stellt nämlich eine Jungfrau vor, die mit verbundenen Augen über dem Eingang steht und fünf Ziegel unter dem Arm hält.

 

Davon erzählt eine alte Sage:

 

Auf dem Jakobsberg, einer Anhöhe zwischen dem Michaelsberg und dem Domberg, auf dem ein dem heiligen Jakobus geweihtes Kirchlein recht freundlich da liegt und auf den Domberg herunter sieht, lebte vor vielen Jahren ein Mann mit seiner einzigen Tochter Bertha. Der Vater war sonst rechtschaffen, nur hatte er den Fehler, dass er den Einflüsterungen böser Nachbarn zu viel glaubte, die ihm und seiner Tochter ihr stilles bescheidenes Glück missgönnten, ihnen allerlei gottlose Dinge nachsagten und nicht eher nachgaben, bis ihnen der schwache Mann endlich Gehör schenkte und seine unschuldige Tochter für ein verdorbenes Mädchen hielt. Vergebens waren die Beteuerungen des armen Kindes, vergebens ihr Weinen und Flehen, der leichtgläubige Vater wurde durch die giftigen Zungen der Verleumder in seinem Wahn bestärkt und erachtete seine Tochter als eine Missetäterin und verstockte Sünderin. Es genügte ihm nicht, sie durch schwere Misshandlungen zum Geständnis bringen zu wollen, sondern er verklagte sie sogar beim Gericht.

 

Der Richter tat, was seines Amtes war, und ließ Bertha vor sich führen. Aber auch hier beteuerte die Angeklagte ihre Unschuld und rief Gott zum Zeugen an, dass sie die Wahrheit rede. Der Richter stand im Zweifel, was er tun sollte, doch musste er dem Vater, der sein eigenes Kind verklagte, mehr Glauben schenken als dem armen Mädchen, das keinen Menschen zum Verteidiger hatte, und Bertha wurde den Folterknechten übergeben, um ihren Lippen durch Martern ein Geständnis zu erpressen. – Im Gefühl des größten Schmerzes sagte sie leider aus, dass sie alles Unrecht, dessen man sie beschuldigen wollte, begangen habe. – Bertha wurde nun zum Tod verurteilt.

 

Am folgenden Tag wurde sie mit verbundenen Augen vom Jakobs- und Domberg heruntergeführt, um auf den Richtplatz gebracht zu werden. – Als sie am Dom angekommen war, bat sie um die letzte Gnade: „dass man sie an die Seitentür geleiten möge, um dort, wo sie so oft ehedessen in das Gotteshaus gegangen war, noch einmal beten zu können.“ –

 

Diese Bitte wurde ihr gewährt.

 

An der Tür angekommen, warf sie sich nieder und betete inbrünstig: „Heilige Maria, o du Mutter meines Erlösers, du Beschützerin der Unschuld, bitte für mich bei deinem göttlichen Sohn, nicht, dass er mein Leben erhalte, sondern dass ich nicht durch des Henkers Hand sterben muss! Sende du mir den Engel des Todes, den ich als einen Befreier von meinen Leiden begrüßen will! Hilf mir, o himmlische Gnadenmutter, dass meine Unschuld an den Tag komme!“

 

Und horch! da rasselt es von oben, wie eine Antwort auf die so inbrünstig ausgesprochene Bitte, herab, und in demselben Augenblick stürzten fünf Ziegel vom Dach herunter und zerschmetterten dem armen Kind das Hirn!

 

Der Vater und die Richter sahen sich betroffen an, und die Unschuld der getöteten Jungfrau war nun kein Zweifel mehr, denn – Gottes Barmherzigkeit hatte es auf Mariens Fürbitte nicht zugelassen, dass die fromme Bertha durch Henkers Hand den Tod erlitt. –

 

Dies bedeutet die Jungfrau mit den verbundenen Augen und den fünf Ziegeln unter dem Arm, die man heute noch wohlerhalten über dem Seitentor am Dom zu Bamberg sehen kann. –

 

(Nacherzählt von Ludwig Baumblatt)

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Der zurückgewiesene Madonna-Lohn

 

Meine Wirtin zu Rom, eine sehr gescheite und gut erzogene Frau, erzählte mir ein gar gemütliches, wundersames Ereignis, das in ihrer Jugend an unserem Fontana Trevi vorgefallen sei.

 

Ein Kapuziner, der durch seine innige Frömmigkeit im Geruch der Heiligkeit stand, kam eines Tages zu einem Schmied in der Nähe unserer Piazza bei Poli, und bat, seinen Esel zu beschlagen. – Es geschah. – Als nun der Mönch mit einem herzlichen: „Die Madonna vergelte es euch!“ sich verabschieden wollte, erklärte der Geselle, dass er in der Abwesenheit des Meisters sich auf eine solche Art Zahlung nicht einlassen könne, und verlangte so und so viele Bajocchi. Da wandte sich der Pater zu seinem Tier und sprach: „Hörst du, armer Sommarello, wie diese Menschen die Madonna schmähen und Geld von einem Kapuziner verlangen? Gib ihnen die Schuhe wieder!“ Und siehe, das Tier schüttelte seine Beine und die Eisen fielen links und rechts zur Erde. – In diesem Augenblick erschien der Meister. Er stürzte, von Schrecken ergriffen, samt dem Gesellen auf die Knie und flehte den Kapuziner an, die Gabe wieder anzunehmen. – Und es geschah. – Auf das Geheiß des frommen Paters trat der Esel wieder auf die Eisen, und sie saßen fest an den Füßen, wie sie vorher angeschmiedet gewesen waren. –

 

Seitdem werden in dieser Schmiede alle Esel der Kapuziner umsonst beschlagen.

 

„Ihr könnt die Schmiede sehen, Signor“, schloss Signora Lucia ihre Erzählung, „wenn ihr rechts um die Ecke unseres Hauses geht!“ -

 

(Aus: Ein Jahr in Italien von Adolf Stahr)

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