Maria erwartet die Geburt des Herrn

 

18. Dezember

 

In der Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn gibt uns die seligste Jungfrau Maria ein passendes Beispiel für unser Verhalten, wenn der Gottmensch Jesus Christus sich würdigt, in unsere Herzen Einkehr zu nehmen. Die Kirche hatte ein eigenes Fest eingesetzt, das uns dieses Geheimnis, die Erwartung der Geburt des Heilandes von Seiten der heiligen Jungfrau, vor Augen führt.

 

Von welchen Gedanken war wohl Maria beseelt bei der Erwartung der Geburt des Heilandes? Wir wollen uns im Geist in ihr Kämmerlein nach Nazareth versetzen und ihre Gesinnungen zu erforschen suchen.

 

Die erste Gesinnung, die sie beseelte, war jedenfalls die Demut. Sie hat niemals begreifen können, dass sie Mutter Gottes werden sollte, und als der Erzengel Gabriel ihr Verkündete, dass dies Wunder an ihr geschehen sollte, da beugte sie ergeben ihr Haupt unter den Willen Gottes, ihres Herrn, und verharrte trotz der unermesslich hohen Würde in tiefster Demut. „Die Person des Gottessohnes“, so begrüßt sie der heilige Ildephons, „wird aus dir geboren werden und von dir Fleisch annehmen; es wird dieses sein der Große, der Gott aller Herren, der König aller Jahrhunderte, der Schöpfer aller Dinge. Siehe, selig bist du unter den Frauen, unversehrt unter den Müttern, Herrin unter den Mägden, Königin unter deinen Schwestern. Selig werden dich nennen alle Geschlechter, selig kennen dich die himmlischen Heerscharen, selig preisen dich alle Sänger, selig feiern dich alle Nationen.“ Maria wusste wohl, welch erhabene Würde ihr von Gott zuerkannt war, aber dennoch blieb sie die demütige Magd des Herrn. – Die erste und vorzüglichste Gesinnung unseres Herzens, wenn wir Christus aufnehmen wollen, soll ebenfalls die Demut sein. Wie kommt es, so müssen wir uns fragen, dass unser Herr und Gott zu uns kommt? – Demut ist der Mittelpunkt, um den alle anderen Tugenden sich drehen, das Fundament, auf dem sie alle aufgebaut werden; nur bei einem Demütigen kann sich die Gnade entwickeln und Frucht bringen.

 

Eine weitere Gesinnung, die die allerseligste Jungfrau bei der Erwartung der Geburt des göttlichen Kindes beseelte, war die Dankbarkeit. Diese wächst geradezu aus der Demut hervor. Denn da sich Maria eines so großen Glückes, wie es ihr zu Teil werden sollte, nicht für würdig hielt, fühlte sie sich zu um so größerer Dankbarkeit angetrieben. Je größer die Gabe ist, um so größer muss auch der Dank sein; wie groß muss er also bei Maria gewesen sein, da ihr der Heiligste der Heiligen, der König der Könige, der Sohn Gottes selbst geschenkt werden sollte! – Dankbarkeit soll auch uns erfüllen bei der heiligen Kommunion, wenn wir diesen Jesus in unser Herz aufnehmen, den Maria in ihrem Schoß getragen hat. Die Dankbarkeit aber besteht vornehmlich in zwei Akten: man lobt den Geber und benutzt seine Gabe. Möchten wir doch die Zeit nach der heiligen Kommunion, die man kurzweg „Danksagung“ nennt, recht benutzen, um Jesus zu loben dafür, dass er sich uns zu schenken gewürdigt hat, und um die Gnaden, die wir in Jesus, dem Quell aller Gnaden, bekommen haben, recht gut zu benutzen!

 

Schließlich hegte Maria ein recht sehnsüchtiges Verlangen den zu sehen, der der Welt das Heil bringen sollte. Denn Maria wusste aus der Verkündigung des Erzengels, dass das Heilige, das aus ihr würde geboren werden, Jesus, d.h. Erlöser heißen sollte. Auch zum heiligen Josef hatte der Erzengel gesprochen: „Er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden.“ Maria nun brannte von dem sehnlichsten Verlangen, der Welt das Heil zu verschaffen; denn durch Jesus sollte die Menschheit aus dem Zustand der Knechtschaft des Satans wieder in den der Kindschaft Gottes versetzt werden. Ihn zu sehen und an seinem Anblick sich zu erfreuen, war ihr höchstes Verlangen, ein reines, großes, heiliges Verlangen. – Was können wir Besseres tun, so oft Jesus in unser Herz einkehren will, als uns ihm mit einem so reinen, heiligen Verlangen nähern, wie die seligste Jungfrau, und mit flehentlichen Bitten ihm unsere Heilsanliegen vorbringen. Betrachten wir es ebenfalls als ein großes Glück, wenn wir Jesus bei einer Segensandacht in der Monstranz zur Anbetung ausgestellt sehen, und bitten wir mit dem heiligen Thomas:

 

Jesu, den mein Auge jetzt noch sieht verhüllt,

Lass des Herzens Sehnsucht einstens sein erfüllt;

Dass die Seele schaue Dich im Glorienlicht,

Unverhüllt beglücke mich Dein Angesicht.

 

 

*     *     *

 

Der Mensch ist ein Wesen der Hoffnung. Anders kann es sich bei einem Geschöpf auch nicht verhalten, das auf Wachsen und Reifen und Sichvollenden angelegt ist. Erst recht nicht, wenn es dazu noch berufen ist, einem überirdischen, ewigen Leben entgegenzueilen. Darum hat der Dichter den Menschen trefflich gekennzeichnet, wenn er von ihm sagt, dass er noch am Grab die Hoffnung aufpflanze.

 

Dem Menschen eignet deswegen ein feines Gespür für jene Gelegenheiten, in denen die Hoffnung zu Hochformen aufbricht. Zu ihnen gehören besonders die Stunden der erwartenden Mutter, der schwangeren Frau, wenn sie gar bald die noch verborgene Frucht ihres Schoßes dem Licht der Welt entgegentragen soll. Wie viele Gedanken und Gefühle umstürmen dann das Mutterherz. Gedanken der Sorge und Gefühle der Angst, frohe Erwartung und stille Wünsche. Hoffnung auf den wohlverdienten Lohn in der Gestalt eines schönen, eines tüchtigen, eines von Gott gesegneten Kindes.

 

Mütter in solcher Lage müssten sich jener Mutter zuwenden, die einst die größte Hoffnung der Menschen in ihrem Schoß barg: der Mutter Maria in den bangfrohen Wochen heiliger Erwartung. Was mag in jenen Wochen, in denen sie dazu das Aufschreibungsdekret des Kaisers traf, im Herzen der süßesten aller Mütter lebendig gewesen sein? Sorge um die nahe erwartete Geburt? Wo, wann, wie wird es sein? Sorge um das Schicksal der heiligen Leibesfrucht, von der der Engel so Großes angekündigt hatte? Sicherlich durchzitterte auch stille, süße Freude ihr zartes Herz. Aufjubeln mochte es vielleicht, da Gottes Erlösungswille dem Höhepunkt zustrebte. All das wird die heilige Mutter immer wieder dem Walten der Vorsehung anheimgegeben haben, denn wenn Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind, dann auch des Menschen Hoffnungsträume nicht Gottes Wege.

 

Wie fein passt dieses Fest in die Adventszeit, die Zeit der großen Menschheitserwartung, die Zeit, da jahrhundertealte Hoffnungsträume der Erfüllung entgegeneilen. Wer freilich der großen Propheten Zukunftsträume mit der göttlichen Verwirklichung in Jesu Erdenleben vergleicht, der findet es wieder bestätigt, was auch Maria immer wieder erfahren hat: Gottes Wege entsprechen nicht der Menschen Wunsch. Darum möge das Fest der Erwartung Mariens uns dazu verhelfen, all unser Hoffen einzig dem Herrn anzuvertrauen und mit der von ihm vorgesehenen Verwirklichung voll zufrieden zu sein.

 

Kirchengebet

 

Gott, du wolltest, dass dein Wort auf die Botschaft des Engels hin im Schoß der seligen Jungfrau Maria Fleisch annehme. So gewähre denn unsere Bitte und lass durch ihre Fürsprache bei dir uns Hilfe finden, die wir sie gläubig als wahre Gottesmutter bekennen.

 

Zur Geschichte des Festes: In den frühen Jahrhunderten wurde an diesem Tag in der abendländischen Kirche „Mariä Verkündigung“ gefeiert, während man im Orient dieses Fest immer am 25. März beging. Denn in den meisten Jahren fiel das Fest in die Fastenzeit, die keine besondere Feierlichkeit gestattete. Darum bestimmte das Konzil von Toledo im Jahr 656 dafür den 18. Dezember. Dieser Brauch hielt sich aber nicht. Mit der Zeit fing man in verschiedenen Ländern (zuerst in Spanien) an, Mariä Verkündigung wieder am 25. März zu feiern. Dabei wollte man aber den 18. Dezember als Muttergottestag nicht aufgeben und setzte darum das Fest Mariä Erwartung ein. Eine besondere Bedeutung erhielt dieser Festtag durch den Sieg über die Mauren bei Granada am 18. Dezember 1499. Auf diesen Sieg hin baten Tausende von Mohammedanern um die Taufe. 1575 erhielt das Fest Mariä Erwartung endlich seine kirchliche Bestätigung, und als man es 1725 in Rom einführte, war es bereits vielerorts bekannt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde es fast in der ganzen abendländischen Kirche gefeiert.

 

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)