Per Mariam ad Jesum

 

Maria bringt uns Jesus

 

Je größer die Not in einer Familie ist, desto hilfsbereiter und gütiger wird die Mutter sein. Und immer wenn wir Christen in hoher Bedrängnis sind, greift unsere himmlische Mutter wirksam ein. So war es bei der Hochzeit zu Kana, so war es in dem Glaubensdurcheinander der alten Kirche, so war es bei den gefährlichen Bedrängnissen durch die Türken, so war es in der traurigen Zeit der Glaubensspaltung, und so ist es auch heute in der modernen Zeit des Abfalls vom Glauben. Mit Recht pilgern und wallfahren wir also zu den Gnadenorten unserer mächtigen und wunderbaren Mutter, feiern ihre Feste im Kirchenjahr und beten ihr zur Ehre die wunderschönen Andachten besonders im Monat Mai und natürlich – möglichst täglich – den Rosenkranz.

 

Als vor 500 Jahren der Protestantismus die Hälfte unseres Volkes von der einen katholischen Kirche losriss und auch der treugebliebene Teil noch in der Gefahr schwebte den katholischen Glauben zu verlieren, berief und beauftragte Maria einen wahren Apostel, den Jesuitenpriester Jakob Rehm. Dieser durch und durch glühende Verehrer der Gottesmutter Maria führte zunächst in Dillingen und danach in Ingolstadt die Marianische Kongregation ein und bildete auf diese Weise begeisterte Marienapostel heran. Er wollte herausfinden, welcher Titel seiner himmlischen Mutter am liebsten wäre. Und als bei einem Treffen die Studenten die Lauretanische Litanei sangen, erschien ihm bei der Anrufung „Mater admirabilis“ lächelnd die „wunderbare Mutter“ selbst. Sogleich ließ Pater Jakob Rehm diese Anrufung stets dreimal nennen. Diese „dreimal wunderbare Mutter“ war es dann, die durch ihre jungen Anhänger den weiteren Abfall vom katholischen Glauben aufhielt und den kirchlich-katholischen Geist erneuerte.

 

In unserer Zeit, die deutlich vom Glaubensabfall geprägt ist, bitten wir nun erneut unsere himmlische Mutter um ihre Hilfe. Sie möge den Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt habe, den Menschen, die Gott und die Kirche beschimpfen, und den armen Menschen, die vom Glauben fast nichts mehr wissen, ihren Sohn Jesus Christus bringen. Gehen wir zu ihr und bringen wir ihr ein Opfer mit, damit wir in der Glaubensnot unseres Volkes auf ihre mütterliche und mächtige Hilfe hoffen können. Maria wird uns hören und erhören, weil wir zusammen mit all unseren Mitmenschen in unserem Land ihr vor über 60 Jahren geweiht wurden.

 

Matthias Hergert

 

Erzbischof Josef Kardinal Frings hat auf dem Katholikentag in Fulda am 4. September 1954 die Weihe Deutschlands an das Unbefleckte Herz Mariens vollzogen:

 

„Deutsche Katholiken!

 

Wir nähern uns einem der erhabensten Augenblicke des diesjährigen Katholikentages, der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens.

 

Zu Beginn dieses Jahrhunderts, im Jahre 1900, hat Papst Leo XIII. die ganze Welt feierlich dem Herzen Jesu geweiht, und im Jahre 1942 hat Papst Pius XII. diesen Akt seines Vorgängers ergänzt, indem er die ganze Welt dem Unbefleckten Herzens Mariens weihte. Er tat es bei der Gelegenheit des 25. Jubiläums der Mutter-Gottes-Erscheinungen in Fatima. Bei dieser Gelegenheit hat er ausdrücklich jenes Volk, bei dem die Ikonen der Gottesmutter seit alters in besonderer Verehrung stehen, d.h. das russische Volk, der Mutter Gottes geweiht. Seitdem sind viele Länder, Diözesen, Familien und Einzelchristen dem Beispiel des Heiligen Vaters gefolgt. Im Jahre 1947 war ich selbst Zeuge, wie das Land Kanada durch den Mund seines Kardinals und seines damaligen Außenministers, des jetzigen Ministerpräsidenten Saint-Laurent, sich dem Herzen Mariens weihte. Im Jahre 1949 hat England durch den in unserer Mitte weilenden Kardinal Griffin dieselbe Weihe vollzogen.

 

Etwas Ähnliches wollen wir in diesem Augenblick tun. Aus der Not unseres Volkes heraus, die wir im Osten wie im Westen empfinden, aus der traditionellen Liebe unseres Volkes zur Gottesmutter, aus der alle die herrlichen Dome und Kunstwerke zu Ehren Mariens entstanden sind, wollen wir in dieser Stunde uns und unser Volk dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen. Antwortet mir daher auf alle Fragen und Anrufe, die ich jetzt an Euch richte!

 

Kardinal: Der Herr sei mit euch.

Alle: Und mit deinem Geiste.

Kardinal: Erhebet eure Herzen.

Alle: Wir haben sie beim Herrn.

Kardinal: Lasset uns danken Gott, unserem Herrn.

Alle: So ist es würdig und recht.

 

Kardinal: Wahrhaft, würdig ist es und recht, Dich, heiliger Vater, ewiger Gott, Herr des Himmels und der Welt, in der hohen Freude unseres Herzens zu preisen: Denn Du hast uns, die durch Adams Schuld verlorenen Evaskinder, nicht verstoßen, sondern Deinen vielgeliebten Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, vom Himmel herabgesandt in den Schoß Mariens, der reinsten Jungfrau. Ihr, der unbefleckt Empfangenen, hast Du durch den Mund des Engels die Botschaft verkündet: Du hast sie bereitgefunden als Deine allergetreueste Magd. Preis und Dank sei Dir, dass Du sie auch uns durch Deinen Sohn zur Mutter gegeben und nach Vollendung ihrer Pilgerschaft glorreich mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen hast.

 

Zu ihr, der Zuflucht des Menschengeschlechtes, erheben wir, die Abgesandten aus allen Stämmen unseres deutschen Volkes, am Grab unseres heiligen Schutzpatrons, Deines Bischofs und Blutzeugen Bonifatius, unsere Seele voll Vertrauen.

 

Wir weihen uns ihrem makellosen Herzen, auf dass wir Dich, unseren Herrn und Gott, lieben, wie sie Dich geliebt hat: aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus all unseren Kräften. Ihr weihen wir unsere Familien, ihrem mütterlichen Schutz empfehlen wir unser Volk; dieses Volk mit seinen Sünden und Nöten, mit seiner Hoffnung und Bereitschaft.

 

Also bitten wir Dich, heiliger Vater: Erfülle uns mit Deinem heiligen Geist, mit dessen Kraft Du ihre Seele überschattet hast, auf dass wir alle Tage unseres Lebens mit ihr sprechen: Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Durch ihre mächtige Fürsprache empfehlen wir Dir das Schicksal unseres deutschen Volkes: Nimm es in Gnaden auf, mache aus uns einen Stamm Deines heiligen Volkes. Wende, o Gott des Erbarmens, unsere Not. Lass enden die Spaltung unseres Vaterlandes. Lass heimkehren unsere Schwestern und Brüder, die noch in der Fremde sind. Schenke uns die Einheit im Glauben. Lass umkehren alle, die nicht mehr wissen, dass sie Deine Kinder sind. Gib uns und der ganzen Welt Eintracht und Frieden. Durch unseren Herrn Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Alle: Amen.

 

Kardinal: Dir also, allerseligste Jungfrau und Gottesmutter und Deinem unbefleckten mütterlichen Herzen weihen wir in dieser Stunde unser Vaterland und stellen es unter Deinen besonderen Schutz. Zur Bekräftigung dessen stimmt nun ein in das Weihelied:“

 

Wunderschön prächtige, hohe und mächtige,

liebreich holdselige, himmlische Frau,

der ich mich ewiglich weihe herzinniglich,

ganz mich mit Leib und mit Seele vertrau;

Gut, Blut und Leben

will ich dir geben:

alles, was immer ich hab, was ich bin,

geb ich mit Freuden, Maria, dir hin.

 

Sonnenumglänzete, Sternenumkränzete,

Leuchte und Trost auf der nächtlichen Fahrt!

Vor der verderblichen Makel der Sterblichen

hat dich die Allmacht des Vaters bewahrt.

Selige Pforte

warst du dem Worte,

als er vom Throne der ewigen Macht

Gnade und Rettung den Menschen gebracht.

 

Schuldlos Geborene, einzig Erkorene,

du Gottes Tochter und Mutter und Braut,

die aus der Reinen Schar Reinste wie keine war,

die selbst der Herr sich zum Tempel gebaut!

Du Makellose,

himmlische Rose,

Krone der Erde, der Himmlischen Zier,

Himmel und Erde, sie huldigen dir!

 

Du bist die Helferin, du bist die Retterin,

Fürstin des Himmels und Mutter des Herrn!

Spiegel der Reinigkeit, Stärke der Christenheit,

Arche des Bundes, hellleuchtender Stern!

Liebreich dich wende,

Frieden uns sende,

Mutter, ach wende die Augen uns zu,

lehr uns in Demut so wandeln wie du!

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Maria und das Apostolat

 

Die heute von Gott gewollte marianische Bewegung erschöpft sich nicht darin, Maria bloß persönlich zu verehren und sie nachzuahmen, sondern es muss auch das heute immer klarer ins Bewusstsein tretende Mysterium ihrer soteriologischen (erlösenden) Mittätigkeit auch uns zur aktiven Mitarbeit am Heil der Seelen bewegen. Dabei ist aber auch die Art und Weise, wie Maria zur Erlösung beigetragen hat, vorbildlich. Marianisches Apostolat ist nicht identisch mit dem sich auch im Religiösen oft austobenden Aktivismus unserer Tage, der es in Methode, Statistik und manchmal auch Raffinesse den „anderen“ gleichtun will, der aber auch oft genug nur den peinlichen Eindruck einer gewissen Verlegenheit erweckt, weil eben unter allen Umständen etwas getan werden muss. Marianisches Apostolat ist nicht etwas Mechanisches, sondern zunächst einmal etwas durchaus Lebendiges. Und weil Mariens Mittätigkeit an der Erlösung vor allem in der Geburt ihres Sohnes zu Betlehem und in der Opferdarbringung ihres Sohnes auf Golgotha gipfelt, darum muss auch unser apostolisches Wirken eine unter persönlichen Opfern bewirkte Zeugung Christi in uns und in den Mitmenschen sein. Der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort war es, der diesen übernatürlichen Zeugungsvorgang des marianischen Apostolates in lichtvoller Klarheit geschaut hat, und seine Gedanken hierüber können eigentlich nicht oft genug überdacht werden. In seiner sogenannten „Vollkommenen Andacht“ schreibt er:

 

„Wenn der Heilige Geist Maria in einer Seele gefunden hat, so eilt er zu ihr hin, zieht mit seiner ganzen Fülle in diese Seele ein und teilt sich ihr überreichlich mit, und zwar in dem Maß, als die Seele seiner Braut Raum gewährt.“

 

Und nun folgt eine Bemerkung, die aufhorchen lässt; denn sie gilt nicht nur für die Zeit Grignions, sondern auch für unsere Gegenwart:

 

„Eine der Hauptursachen, warum der Heilige Geist gegenwärtig keine auffallenden Wunder in den Seelen wirkt, liegt darin, dass er diese Seelen nicht innig genug mit seiner getreuen und unzertrennlichen Braut vereinigt findet.“

 

Diese beiden wundervollen Texte sind aber im Grunde nur eine Umschreibung des Glaubensartikels: „Er hat Fleisch angenommen aus Maria der Jungfrau und ist Mensch geworden“; d.h. wenn Christus auch heute noch in den Seelen geboren werden will – und dies ist ja das Ziel unseres persönlichen Vollkommenheitsstrebens und unserer ganzen apostolisch-missionarischen Arbeit – dann geschieht dies auf keinem anderen Weg als dem von Nazareth und Betlehem, nämlich „durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau“. Es ist müssig zu sagen, dass damit nie und nimmer Maria und der Heilige Geist auf eine Stufe gestellt werden und dass diese gnadenhaften Vorgänge nicht im physischen Sinn verstanden werden dürfen; trotzdem handelt es sich um durchaus wirkliche (metaphysische) Geschehnisse in der Seele.

 

Um aber zu Grignion zurückzukehren, so will er mit den beiden angeführten Texten wohl dieses sagen: Wenn Christus in den Seelen gezeugt werden soll, dann muss in ihnen jene marianische Empfänglichkeit vorhanden sein, auf Grund derer dann der Heilige Geist das Wunder der Gottesgeburt wirken kann. Nichts ist darum verhängnisvoller als diese Haltung des demütigen „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ theoretisch und praktisch leugnen zu wollen. Hier scheint nun aber auch der tiefste Sinn der Weltweihe an Maria zu liegen. Der Papst übergibt als Stellvertreter der ganzen Menschheit diese Welt, die dem Göttlichen und Religiösen abgestorben ist, dem Mutterherzen Mariens, damit sie als Ausdruck der zuvorkommenden Gnade diese erkalteten Herzen erst wieder einmal für Gott empfänglich mache; und jetzt erst, wenn diese Seelen zur demütigen Haltung der Magd des Herrn zurückgefunden haben, kann der Heilige Geist sich auf sie niedersenken, und jetzt erst kann es wieder Pfingsten werden auf der ganzen Erde.

 

Was in Fulda 1954 geschah (Weihe Deutschlands an das Unbefleckte Herz Mariens), war im Grunde nichts Neues, sondern nur die Wiederaufnahme einer alten Reichstradition. Nur mit tiefster Ergriffenheit liest man die Worte, die Kurfürst Maximilian I. von Bayern (gest. 1651) mit Blut niedergeschrieben hatte, um so seine Weihe an Maria zu vollziehen: „In mancipium tuum me tibi dedico consecroque, Virgo Maria. Maximilianus peccatorum coriphaeus“, dir, o Jungfrau Maria, übergebe ich und weihe ich mich als Leibeigener. Maximilian, der größte der Sünder. Erst nach seinem Tod fand man dieses Schriftstück verschlossen in einem Kästchen, das sich unter dem Tabernakel des Altöttinger Gnadenbildes befand.

 

Ebenso hat Kaiser Ferdinand III. sich Maria geweiht in einer Form, die völlig an die spätere Weiheformel Grignions erinnert: „Dir weihe ich mich, die Meinen, Gattin und Kinder, dir das Römische Reich, an dessen Spitze mich Gott stellte. Dein also bin ich, dein sind alle, die mein sind; dein meine Besitzungen und Länder, dein das Reich, dein die Völker und Heere. Du beschütze sie. Du siege, du herrsche und regiere in ihnen! So gelobe ich in frommer Gesinnung und Ergebenheit, dein Ferdinand, 1640.“

 

Wie bezeichnend ist doch folgendes Ereignis aus der Zeit der beginnenden Aufklärung. Am 5. September 1658 kniete Kaiser Leopold I. „allerdemütigst“ in der Gnadenkapelle zu Altötting, um von Maria, der „Himmelskönigin das neue angetretene Kaisertum zum Lehen zu nehmen und sich, seine Untergebenen und Leute unter den Schutz Mariens wider seine Feinde zu stellen.“ Was für eine gewaltige Konzeption spricht aus dieser Handlung! Schließlich dürfen wir ja nicht übersehen, dass die ganze Barockkultur eigentlich ein marianisches Pfingsten darstellt.

 

Der flandrische Jesuit Johann Sandäus schrieb mitten im 30jährigen Krieg ein Buch „Maria aquila mystica“, Maria, der mystische Adler. Er geht hier aus von dem Wort der Geheimen Offenbarung, dass „der Frau beide Flügel des großen Adlers gegeben wurden“ (12,14). Das vorletzte Kapitel seines Buches, das sich aus Vorträgen vor der Kölner Marianischen Kongregation zusammensetzt, überschreibt er: „Aquila renovans“, wobei er sich an das Psalmwort erinnert: „Renovabitur ut aquila iuventus tua“, deine Jugend wird sich wie die eines Adlers erneuern (Psalm 102,5). Das gilt auch von unserem persönlichen Leben, wenn wir es von Maria tragen lassen; das gilt erst recht von den Völkern und von unserer ganzen Zeit, wenn wir sie der Frau mit den Adlerflügeln, Maria anvertrauen. Sie wird dann einmal nach dem Tod unsere Seelen auf den Berg der Ewigkeit hinübertragen, sie wird auch die erlöste Menschheit über den großen Weltenbrand hinweg zur Sonne geleiten, die Christus ist, ihr Sohn, in das Reich Gottes, das auf einer neuen paradiesischen Erde seinen ewigen Anfang nehmen wird und über das der Pfingstgeist ewig seine Schwingen breitet.

 

Prof. Dr. R. Graber

aus einem Vortrag auf der Pfingsttagung

der MCen in Würzburg 1955

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Für eine bessere Welt

 

Maria ist die Morgenröte unseres Heils, der Heilige Frühling, der Immerwährende Mai in Kirche und Menschheit, unsere mächtige Helferin bei dem Bemühen um eine bessere Welt. Alles, was Pius XII. bislang zur Verherrlichung Mariens getan hat: die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz der Gottesmutter, die Dogmatisierung ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel, die Proklamation des Marianischen Jahres und die Einsetzung des Festes vom Königtum Mariens, das wir in diesem Jahr erstmals feiern, will der Verwirklichung seines Herzensanliegens diesen: der „besseren Welt“ der Kinder Gottes unter der milden Königsherrschaft Christi. In dieses Strombett münden die Linien der Geschichte und die Führungen der göttlichen Vorsehung, und der gläubige Christ steht ergriffen vor diesem immer deutlicher erkennbaren Sinn unserer bis in die Fundamente erschütterten Gegenwart. Ihr tiefer Sinn ist: das Zeitalter Jesu anzubahnen, die Große Heimkehr zu Ihm – durch die so offensichtliche und gnadenreiche Heimsuchung Unserer Lieben Frau!

 

Öffnen wir in Ehrfurcht das Buch der göttlichen Ratschlüsse, soweit der Herr uns Einblick schenken will – Er, der allein die sieben Siegel der Geschichte zu lösen vermag!

 

Auf der ersten Seite stehen die beiden heiligen Namen: Jesus und Maria! Geschrieben mit absoluter göttlicher Festigkeit! Beschlossen, gewollt und geliebt vor aller Zeit! In unzertrennlicher Zweieinheit einander zubestimmt und von Gott an den Anfang aller Dinge und an die Spitze des Menschengeschlechtes gestellt! Ihnen gebührt die Königsherrschaft über das Universum, über die Engel- und Menschenwelt: Ihm, Christus dem Herrn, der das Haupt des Menschengeschlechtes ist, der Anfang und das Ende, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und Maria, seiner jungfräulichen Mutter und Gefährtin, die durch ihr mütterliches Fiat Ihm die Herzen öffnet, damit Mensch um Mensch, Generation um Generation sich in Glaube, Liebe und Treue einfüge in die Gliedschaft seines geheimnisvollen Leibes, durch Ihn Anteil gewinne an der Gnade der Gotteskindschaft und hingeführt werde vor das Angesicht des himmlischen Vaters.

 

Und nun folgt Seite um Seite die Geschichte der Welt: geschrieben von göttlicher Allmacht und Weisheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – und von menschlicher Mitwirkung, menschlichem Versagen, menschlichem Trotz und menschlicher Reue – und von den hass- und neiderfüllten Machenschaften des Widersachers, der nur auf die Zerstörung des göttlichen Heilsplanes und das ewige Verderben des Menschengeschlechtes sinnt. Wir lesen Seite um Seite. Vertraute Namen begegnen uns: Adam und Eva, Noah, Abraham, Mose, David, Menschen der Sehnsucht, Zeiten auf Christus hin! Und dann jene unendlich kostbaren Blätter mit dem Bericht über das Leben, Leiden und Sterben des Herrn und die Teilnahme seiner Mutter. Alsdann jene, auf denen die Geschichte des neuen Gottesvolkes steht: die Heldengeschichte der Frühzeit, die glorreiche Geschichte des gläubigen Mittelalters, dessen Dome bis zum Himmel strebten. Und jene, die von der Entchristlichung der letzten Jahrhunderte berichten, vom Substanzverlust an Glaube und Liebe, vom wachsenden Egoismus, von dem beängstigenden Massenabfall, von der Generalmobilmachung der infernalen Geister, von der tödlichen Bedrohung durch den kämpferischen Atheismus, der seine Hand nach der Weltherrschaft ausstreckt – aber auch von dem Elend des verlorenen Sohnes fern vom Haus des Vaters. Und schließlich jenes Blatt, auf dem unsere Generation – und ein jeder von uns – die Geschichte unserer Tage schreibt.

 

Es ist die Zeit eines atemberaubenden Wettlaufes. Vordergründig: in Forschung und Industrie, in dem unaufhaltsamen Wettrüsten aus Angst vor dem Gegner und der allgemeinen Vernichtung. Aber auch hintergründig. Darauf hat Pius XI. hingewiesen: das Gute und Böse liege in einem gewaltigen Wettkampf: deswegen habe niemand das Recht, heute mittelmäßig zu sein: aber man müsse stolz sein, heute leben zu dürfen und Mitspieler zu sein in dem gewaltigen Drama unserer Tage. Es geht darum, wer das Weltimperium gewinnt: Christus oder der Widersacher. Die Gesamtmenschheit ist zum Bewusstsein ihrer Einheit und Zusammengehörigkeit erwacht. Die asiatischen und afrikanischen Völker drängen ungestüm an ihren Platz in der Gemeinschaft der Welt. Die Religionen und Kulte ihrer Vorfahren brechen zusammen. Sie alle stehen vor der Notwendigkeit einer religiösen Umorientierung. Die Entscheidung wird in unserer Generation vollzogen werden. Wie wird sie ausfallen? Für Christus? – Oder die entsetzliche Fehlentscheidung wider Christus für den materialistischen kämpferischen Atheismus?

 

Das ist unsere Stunde: groß, herrlich, entscheidungsreich! Jede Epoche muss im Lauf der Menschheitsgeschichte ihre menschliche Zustimmung geben zu jenem ewigen Ratschluss Gottes, der Jesus und Maria an die Spitze der Menschheit gesetzt hat. Welche Entscheidung wird unsere Generation treffen? Für Jesus und Maria? Dann kommt die bessere Welt! Oder für den Widersacher und die Gewaltherrschaft der Finsternis? Es ist in der Tat ein atemberaubender Wettlauf. Wer wird ihn gewinnen?

 

Trotz allem steht unsere in die Entscheidung gerufene, von den Dämonen gejagte Zeit unter dem Zeichen Mariens, und das bestärkt unsere Hoffnung, dass ein besseres Zeitalter, das Zeitalter Jesu, sich anbahnt. Wie viele marianische Tatbestände haben die Päpste der letzten hundert Jahre in die Geschichte unserer Tage eingetragen? Pius IX. verkündete 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis; vier Jahre später antwortet die Immaculata in Lourdes, und auf dem Vatikanischen Konzil wird das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet. Leo XIII., der Rosenkranzpapst, weiht das neue Jahrhundert dem heiligsten Herzen Jesu. Pius X. erklärt, die Verehrung Mariens sei das beste Mittel zur Verwirklichung seines Regierungsprogrammes: der allgemeinen Erneuerung in Christus, damit alle durch Christus Kinder des Vaters werden! Zwar seien die Zeiten verhängnisvoll, aber vor unseren Augen leuchte der Regenbogen, die mildherzige Jungfrau; ihr Anblick versöhnte Gott; die mächtige Jungfrau werde bei uns sein selbst in den verzweifeltsten Lagen und den Kampf gegen den Widersacher siegreich vollenden! Pius XI., der die Laien zum Apostolat ruft, der die Schäden der entchristlichten Gesellschaftsordnung klar mit Namen nennt: Gottlosigkeit, Materialismus, Egoismus und Ungerechtigkeit; der durch das Christkönigsfest die wahren Fundamente einer gottes- und menschenwürdigen Gesellschaftsordnung aufzeigt; derselbe Papst hat uns das Fest von der Mutterschaft Mariens geschenkt und erneut zum Rosenkranzgebet aufgefordert. Und schließlich der gegenwärtige Papst! Er vollendet die Selbstbesinnung der Kirche auf ihr eigentliches Wesen: sie ist der „Geheimnisvolle Leib Jesu Christi“, der in unerschöpflicher Fruchtbarkeit für jede neue Aufgabe neue Glieder ausbildet: Orden, Bewegungen, Vereine, die alle ihre besondere Art und Sendung haben, aber dennoch unter einer letzten gemeinsamen Leitung stehen und einander gliedhaft dienen. Christus ist das Haupt, der Heilige Geist das Lebensprinzip, Maria die Herzmitte und Mutter wie schon im Pfingstsaal. Wie sehr haben wir gerade unter Pius XII. die katholische Weite und Fülle erlebt! Wie sehr bleibt gerade bei diesem „marianischen Papst“ die Gestalt und Verehrung Mariens „in Ordnung“: immer im Gefüge des Ganzen, im Dienst Jesu und seines Reiches! Das gilt von den eingangs erwähnten marianischen Taten dieses Papstes und ebenso von seinen Bemühungen um die „bessere Welt“. Nie wird Maria vergessen, immer „steht sie im Dienst“ und in der Ordnung des Ganzen! Es sind oft Kleinigkeiten, aber sie sind bezeichnend. Am Vorabend des Marienfestes (10. Februar 1952) richtet Pius seinen „Weckruf“ an die Stadt Rom. War nicht schon Fatima im Jahr 1917, als Pius die Bischofsweihe empfing, die himmlische „Vorankündigung“ einer besseren Welt? In Erfüllung des Auftrags von Fatima weiht Pius am 7. Juli 1952 die Völker Russlands der Gottesmutter. Russland wird sich bekehren! Die Ausdehnung des Weckrufes auf alle Diözesen Italiens geschieht am 12. Oktober 1952, wo zur selben Zeit in Fatima unübersehbare Scharen das Gedächtnis der Erscheinungen begehen. Kleinigkeiten, die zeigen, dass Maria „dabei ist“. Das „Marianische Jahr“ sollte die „Große Heimkehr“ ins Vaterhaus beschleunigen und den Widersacher aus der Welt verjagen: „Wo Maria herbeinaht, flieht der Teufel, wie die Finsternis sinkt, wenn die Sonne aufstrahlt“, erklärt der Papst am 8. Dezember 1953.

 

Und nun das Fest vom Königtum Mariens! Es ist die Aufforderung an uns alle, dem Wettlauf des Bösen zuvorzukommen, den rechten Menschheitsentscheid anzubahnen und in die Geschichte unserer Tage unser Amen einzutragen als Zustimmung zu jenem göttlichen Ratschluss, der Jesus und Maria an die Spitze der Welt gestellt hat. Das ist die bessere Welt der Kinder Gottes unter der milden Herrschaft Jesu und Mariens!

 

Helft alle dabei mit! Es grüßt Euch von Herzen

Euer

P. Ferdinand Kastner S.A.C.

„Rosenkranz“, 63. Jahrgang

Provinzialat der Pallottiner, Limburg/Lahn

Mai 1956, S. 132-134

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Wie damals, so heute

 

Maria im Glaubenskampf der koreanischen Katholiken

 

Douglas Hyde, dessen Bekehrung vor einem Marienbild, von ihm selbst in seinem Buch „Anders als ich glaubte“ beschrieben wird, gibt in seinem weiteren Werk „Wem werden sie glauben?“ eine meisterhafte Darstellung über die Lage und das Schicksal der Kirche in Korea. Aus dem nüchtern und doch spannend geschriebenen Werk des gewandten Journalisten geht eines mit völliger Klarheit hervor: nur der Glaube kann den Irrglauben überwinden. Die Kommunisten wissen das viel besser als die westliche Welt es wahrhaben will und betrachten die Katholiken darum überall als ihre ärgsten Feinde. Voll Bewunderung neigt man sich nach der Lektüre dieses Buches vor den koreanischen Christen und ihren Missionaren, aber voll Beschämung muss man daran denken, wie wenig wir selber tun, um ihnen zu helfen – und damit letztlich auch uns vor der furchtbaren Bedrohung zu retten, die ihre Schatten je über die Christenheit warf.

Hier ein Abschnitt aus dem Buch, der von dem Vertrauen der koreanischen Katholiken auf Maria, die Hilfe der Christen, Zeugnis ablegt.

 

In Mokpo wie in jeder anderen größeren Stadt hatten die einheimischen Kommunisten des langen schon als Vorbereitung auf den Tag, da ihre Genossen aus dem Norden kommen und die Stadt „befreien“ würden, Listen mit den Namen und Anschriften aller Katholiken angelegt. Ein Teil des Befreiungsvorganges bestand in der Hinrichtung jedes einzelnen Katholiken.

 

Als die Nordkoreaner eintrafen, bekamen sie von der örtlichen Fünften Kolonne die Namenslisten und fingen an, ihr Vorhaben, die ganze katholische Gemeinde auszurotten, in die Tat umzusetzen. In den ersten Tagen nach dem Einmarsch der Kommunisten wurde zwar manche persönliche Rechnung aus früheren Tagen beglichen: die Hinrichtung der Katholiken aber sollte ganz planmäßig erfolgen.

 

Msgr. Brennan, der Columbanerpater, der das Amt des Apostolischen Präfekten ausübte, sowie P. Cusack und P. O`Brian, zwei seiner Geistlichen, wurden verhaftet und von den Kommunisten mitgeschleppt, als sie nach Norden zurückwichen. Es besteht der dringende Verdacht, dass sie zu den Opfern einer Massenhinrichtung in Taijon gehört haben, wo die Kommunisten kaltblütig Tausende von Gefangenen umbrachten und in Massengräbern verscharrten, bevor sie die Stadt räumten.

 

Als die Kommunisten die drei westlichen Geistlichen aus dem Weg geräumt hatten, machten sie sich in aller Stille daran, auch die führenden Laien zu beseitigen. Die Katechisten sowie der koreanische Hausboy und der Koch des Pfarrhauses wurden festgenommen und viele einfache Katholiken ebenfalls. Sie wurden alle in Reih und Glied aufgestellt, verhört und bekamen dann gesagt, sie würden, wenn sie ihren Glauben an Gott nicht aufgäben, hingerichtet. Nicht einer wurde wankend.

 

Zwei Tage darauf wurde der Alte Paul allein verhört, während die Kommunisten das Pfarrhaus ausplünderten. Aber der alte Mann war nicht kleinzukriegen und schalt mit ihnen, obwohl er ihr Gefangener war.

 

„Ihr dürft das nicht nehmen. Es gehört den Missionaren und der Kirche“, sagte er zu ihnen, als er sah, wie sie Anstalten machten, alles aus dem Haus fortzuschleppen.

 

„Das kann dir doch egal sein, Großväterchen. Du gehst ja sowieso in den Himmel.“

 

„Kann sein, und es ist mir auch einerlei. Aber mir gefällt es nicht, wie ihr dieses Land an die Russen ausliefert. Und mir gefällt auch nicht, wie ihr die Kirche behandelt.“

 

„Halt den Mund und mach dich für deinen wunderschönen Himmel fertig. Wir werden hier schon einen richtigen Himmel schaffen, wenn der Krieg vorbei ist.“

 

Doch bald erhielten die Nordkoreaner den Befehl, die Stadt zu räumen. Offenbar hatten sie aber beschlossen, die Katholiken dennoch zu beseitigen, bevor sie abzogen.

 

Ein Mann wurde beauftragt, den Alten Paul umzubringen. Einige übergossen das Haus mit Benzin und wollten es niederbrennen. Andere sperrten alle verhafteten Katholiken in eine Garage ein und übergossen auch die mit Benzin. John, der Koch, wurde gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln, und stand, auf die tödliche Kugel wartend, daneben.

 

Aber weder der Alte Paul noch John kamen ums Leben: weder ging das Haus des Bischofs noch die Garage voll Christen in Flammen auf. Denn in eben diesem Augenblick erschienen südkoreanische Truppen, unterstützt von amerikanischen Luftstreitkräften, in der Stadt. Der Mann, der im Begriff stand, den Alten Paul umzubringen, wurde selbst, als er davonlief, durch eine amerikanische Bombe getötet, der Kommunist, der Vorbereitungen traf, John, den Koch, in das Grab hineinzuschießen, starb auf dem kurzen Weg zwischen Haus und Kirche mit einem südkoreanischen Messer im Rücken.

 

Die Kommunisten zogen ab, und die Frauen, die sich auf dem Land in der Umgebung der Stadt versteckt gehalten hatten, kehrten zurück. Die kleine katholische Gemeinde war, ihrer drei Seelsorger beraubt, wieder beisammen.

 

Dann geschah das Unerwartete. Die nordkoreanischen Kommunisten waren zurückgeschlagen und die Vereinten Nationen nach Norden vorgedrungen: jetzt aber traten die Chinesen in den Krieg ein. Sie standen Gerüchten zufolge bereits in dem Ruf, mit den Katholiken noch grausamer zu verfahren. Und sie stießen geradewegs nach Mokpo vor.

 

Die Nachricht klang wie Totengeläut für die Einwohner von Mokpo im Allgemeinen und für die Katholiken im Besonderen. Diesmal waren keine Columbanerpatres da, an die sie sich um Rat und Hilfe wenden konnten. Aber die katholischen Gemeindemitglieder begaben sich ganz aus eigenem Antrieb auf den Weg zur Kirche die Anhöhe hinauf, und einige der Heiden schlossen sich ihnen an.

 

Die Kirche, die bald bis an die Türen gefüllt war, vermochte nicht alle zu fassen, und bald war auch der weite Hof draußen gedrängt voll von Menschen, Heiden wie Christen. Angeführt von ihren Laienkatechisten, begannen sie den Rosenkranz zu beten und flehten zur Gottesmutter, sie möge Mokpo vor den Kommunisten erretten oder, wenn es nicht sein sollte, Gott möge ihnen die Kraft und die Gnade verleihen, als gute Christen zu sterben.

 

Während die chinesischen Roten weiter und weiter nach Süden vordrangen, verharrte diese vielköpfige bunt zusammengewürfelte Gemeinde die ganze Nacht hindurch im Gebet und bestürmte den Himmel mit ihrem Flehen. Der Feind rückte auf die Stadt zu, aber die große, pausenlose Gebetskanonade ging weiter. Dann, im letzten Augenblick, als es den Anschein hatte, als sei der baldige Fall der Stadt unvermeidlich, trafen die Truppen der Vereinten Nationen ein, trieben die Kommunisten zurück, fort von Mokpo und immer weiter weg, durch das ganze Land bis zum 38. Breitengrad hinauf. Obwohl der Krieg noch jahrelang andauerte, kamen die Kommunisten nicht wieder in die Nähe von Mokpo.

 

Man kann, wie ich es tat, den Leuten in Mokpo sagen: „Die Streitkräfte der Vereinten Nationen kamen gerade rechtzeitig, um eure Stadt zu retten, nicht wahr?“ Aber selbst die Heiden antworteten: „Die Mutter Gottes war es, die Mokpo gerettet hat.“

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Maria und die Eucharistie

 

Es soll Katholiken geben, die bei der heiligen Kommunion ängstlich bemüht sind, nur an Jesus und nicht etwa an seine Mutter zu denken. Und es soll Priester, ja sogar Bischöfe geben, die nur widerstrebend vor dem in der Monstranz ausgesetzten Allerheiligsten eine Muttergottesandacht halten oder es als „unmöglich“ ansehen, dass ein Marienbild über dem Tabernakel angebracht wird. Sie meinen offenbar, Maria habe mit der Eucharistie nicht viel zu tun, zum mindesten müsse die „Ordnung“ eingehalten werden. Ein Gedanke an sie in dem Augenblick, da man sich mit Jesus vereinigt, ein Gebet zu ihr, wenn der Herr in der Hostie hoch auf dem Altar vor der Gemeinde thront, sei unangemessen, wenn nicht gar ungehörig.

 

Dabei gehören Jesus in der Eucharistie und Maria auf das engste zusammen! Sehen wir nur genauer hin:

 

Ist die Eucharistie nicht jene heilige Handlung, in der das Kreuzesopfer von Golgatha in unserer Mitte gegenwärtig wird? Kann man aber dieses Opfer, die Heilige Messe, feiern, ohne der Mutter Jesu zu gedenken? Die Opfergabe, die Priester und auch die Gemeinde dem himmlischen Vater in der Messe darbringen, ist doch der Leib Jesu Christi, „uns gegeben, uns geboren aus der Jungfrau keusch und rein“ (Hymnus „Pange lingua“ vom heiligen Thomas von Aquin). Und ist die Eucharistie nicht das Fleisch Christi, das wir beim Opfermahl der Messe als Speise unserer Seele empfangen? Dieses Fleisch aber hat der Herr unter der Überschattung des Heiligen Geistes „angenommen aus Maria, der Jungfrau“ (Credo der Heiligen Messe). Maria hat die Opferspeise wesentlich mitbereitet. Nicht nur das. Sie nahm in besonders enger Weise teil an der Opferhandlung von Golgatha, die auf dem Altar erneuert wird. Als Jesus den Kreuzweg ging, war Maria an seiner Seite, und als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte, da stand sie zum Zeichen der Einheit mit ihm, unter dem Kreuz. Von Marias Anteil am Opfer ihres Sohnes sagt Papst Benedikt XV.: „Um unserer Erlösung willen gab sie ihre mütterlichen Ansprüche auf Jesus preis und opferte ihn, soweit es auf sie ankam, der göttlichen Gerechtigkeit hin, so dass man mit gutem Grund sagen kann, sie habe zusammen mit Christus die Menschheit erlöst.“

 

Maria war also nicht nur durch die natürlichen Bande des Blutes einzigartig mit Christus verbunden. Zwischen ihnen herrschte „die Einheit des Leidens und Willens“, so dass Maria, wegen ihres Zusammenhanges mit dem Opfer Jesu, die „Wiederherstellerin der verlorenen Welt“ und „die Mittlerin aller Gnaden“ wurde (Pius XI.).

 

Ist es also, da Maria und die Eucharistie dermaßen innig miteinander verbunden sind, ungebührlich, während der Heiligen Messe und bei der heiligen Kommunion auch an sie zu denken? Ihr zu danken, dass sie sich in selbstloser Weise zu unserer Erlösung in den Dienst Christi gestellt hat?

 

Wir sollten aber auch aus einem anderen Grund an Maria denken, wenn wir das eucharistische Opfer feiern und zum Tisch des Herrn gehen: dann wie von ihr die rechte Haltung lernen.

 

Müssen wir nicht gestehen, dass wir bei der Heiligen Messe oft oberflächlich sind? Können wir behaupten, dass wir immer mit der gebührenden Haltung kommunizieren? Eine schöne landläufige Redeweise besagt, der Katholik nehme bei der heiligen Kommunion Christus in sein Herz auf. Trifft das in Wirklichkeit zu? Schließen wir tatsächlich unser Herz für Christus auf? Lassen wir ihn in die Mitte unseres Wesens ein? So dass die Kraft der Eucharistie unser Inneres bis in die tiefsten Gründe durchströmen kann? Wir Katholiken leiden vielfach an einer Krankheit, die heute weit verbreitet ist: an der Spaltung unserer Person. Wir haben uns selbst gespalten! Wir verstehen es, die verschiedenen Schichten unseres Seins voneinander zu trennen, etwa so wie ein Autofahrer mit Hilfe der Kupplung den Motor seines Wagens vom Getriebe trennt. Vor allem die innerste Kammer unseres Ich, in der wir die geheimsten Gedanken denken, die entscheidenden Taten beschließen, schirmen wir wie mit einem Eisernen Vorhang gegen jede Macht, die von außen eindringen will, fugendicht ab. Auch gegen die Macht, die uns in der Brotsgestalt ergreifen und erfüllen will. Selbstsüchtig, wie wir sind, geben wir Jesus nicht unser Herz preis. Kann es, da wir uns so verhalten, Wunder nehmen, wenn unser Kommunionempfang nicht genug Früchte bringt? Die Fruchtbarkeit eines Samenkorns wird entscheidend mitbestimmt von den Bedingungen des Bodens, in den es fällt. Der Same des eucharistischen Brotes muss, um sechzig- und hundertfältige Frucht bringen zu können, in das Erdreich des menschlichen Herzens fallen, sonst verdorrt oder erstickt die keimende Saat wie jene, die auf felsigen Boden und unter die Dornen fiel.

 

Aber wir Christen spalten nicht nur unsere Person, wir spalten auch unsere Zeit. Und wie wir von unserer Person für Christus statt des Kernes nur die Schale übrighaben, so schenken wir ihm von unserer Zeit nur ein paar dürftige Stunden am Rand. Gerade die Zeit, in der wir arbeiten, die Welt mitgestalten, Menschen beeinflussen, diese entscheidende Zeit enthalten wir Christus vor. Wen wundert es, dass die Zeit, in der wir leben, unser Jahrhundert, nicht von Christus geprägt ist, da wir Katholiken unsere Zeit nicht von Christus prägen lassen?

 

So ist es höchst notwendig, dass wir heutigen Katholiken an Maria denken, auf ihr Beispiel schauen, um zu lernen, wie wir unsere Halbheit überwinden können und in der rechten Weise die Heilige Messe mitfeiern, die heilige Kommunion empfangen.

 

Was wir bei uns beklagen müssen: die Gespaltenheit unseres Wesens, die Verschlossenheit, die kalte Unentzündbarkeit unseres Herzens Christus gegenüber, fehlte bei ihr ganz und gar.

 

Sie war, so kann man sagen, unter allen Menschen die erste, die die heilige Kommunion empfing. In der Verkündigungsstunde von Nazareth kehrte der Sohn Gottes in sie ein, nicht wie bei uns unter den sakramentalen Gestalten, sondern „leibhaftig“. Wie aber hatte sie sich für dieses Kommen Christi bereitet! Vom ersten Augenblick ihres Daseins an gehörte sie ganz ihm. Sie war Jungfrau und wollte Jungfrau bleiben. Das heißt: sie wollte als Braut einzig dem Herrn zu eigen sein. Als sie „Ich bin die Magd des Herrn!“ sprach, öffnete sie Christus ihre ganze Person bis hinab in den mütterlichen Grund. Alle Kräfte und Säfte ihrer Natur, das Sinnen und Sorgen ihres Herzens trat in den Dienst ihres göttlichen Kindes.

 

Auch die unselige Spaltung der Zeit, des Lebens in ein Sonntagschristentum und Werktagsheidentum, war ihr völlig fremd. In den Monaten zwischen Verkündigung und Geburt lebte sie in mütterlicher Hingabe ausschließlich für das Kind in ihrem Schoß. Arbeit für Christus war der Inhalt ihres Daseins in den dreißig Jahren des verborgenen Heilandslebens zu Nazareth. „Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh!“ das blieb bei Maria nicht nur ein schöner Vorsatz, das machte sie Tag für Tag im Leben wahr.

 

Gibt es eine bessere Schule, die rechte Art der Mitfeier der Heiligen Messe, die rechte Haltung für den Empfang der heiligen Kommunion zu erlernen, als das lebendige Vorbild Marias?

 

Noch ein dritter Grund muss uns bewegen, die Mutter des Herrn im Zusammenhang mit der heiligen Eucharistie nicht zu übersehen. Maria gibt nicht nur das beste Beispiel, wie wir die Heilige Messe mitfeiern und uns für das Kommen des Heilandes rüsten sollen: Maria kann uns für Christus bereiten!

 

Weil die Kraft Christi ungehemmt, wie in ein offenes Gefäß, in sie einströmen konnte, und sie nun randvoll füllt, darum stellt auch sie eine Kraft dar, eine Kraft, die uns oberflächliche, geteilte Katholiken aus unserer Ichversponnenheit und Halbheit ganz auf die Seite Christi zu ziehen vermag. Der Herr hat sie vom Kreuz herab uns zur Mutter gegeben. Mit der Mutteraufgabe erhielt sie auch Muttermacht. Was der Mensch aus eigenem nur schwer fertigbringt, gelingt dem mütterlichen Einfluss Marias leicht: ein Herz für den Herrn aufzuschließen. Tiefer als sie, die am innigsten mit Christus litt, kann uns niemand das lebendige Verständnis des eucharistischen Opfers vermitteln. Besser als sie, die ihn neun Monate unter dem Herzen trug, vermag kein Mensch sonst uns in das Geheimnis der heiligen Kommunion einzuführen. Unter ihren linden Mutterhänden heilt die unser Wesen spaltende Wunde der Ichsucht zusammen. In der Sonne ihrer Mutterliebe blüht unser Herz Christus entgegen. Sie kann den Samen des göttlichen Lebens, der bei der heiligen Kommunion in unser Herz gesenkt wird, am besten betreuen und pflegen, bis Christus geheimnisvoll in unserer Seele neugeboren wird, und wir zum vollen Mannesalter Christi heranwachsen.

Dr. E. Monnerjahn S.A.C.

in „Rosenkranz“, Juni 1956

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