Maria Loreto

 

10. Dezember

 

Was gäben wir doch darum, wenn wir in dem kleinen Haus zu Nazareth einmal hätten Gast sein dürfen! Was wäre heilsamer für unser Leben gewesen, als das Leben dieser heiligen Gemeinschaft im Rahmen ihres Alltages zu belauschen? Was würde es uns vorwärtshelfen, wenn wir es beobachtet hätten, wie der Alltag ihnen zur Himmelsleiter wurde! Man kann es daher wohl verstehen, wenn die christliche Legende die Erhaltung dieses Hauses gesichert haben möchte und im Heiligen Haus von Loreto es dankbar begrüßt. Was es mit diesem rätselhaften Haus auf sich haben mag – die Kirche entschied nichts darüber -; auf jeden Fall ist es uns für alle Zeiten ein heiliges Symbol dafür, wie der Alltag der heiligsten und wertvollsten Personen gestaltet war.

 

Es ist etwas Seltsames um den Alltag. Wir sprechen mit Recht von seiner Mühseligkeit. Wir erblicken uns in ihm gefesselt und getrieben. Wir stöhnen und seufzen unter seiner Last wie unter dem schwersten Kreuz. Und doch – wie bald vermissen wir ihn, wenn er uns fehlt. Schon drei Feiertage hintereinander sind vielen Menschen eine Qual. Man sehnt sich förmlich aus den schönen Urlaubstagen nach seiner Wiederkehr. Seltsame Widersprüche im rätselhaften Menschenherzen. Lassen wir sie ungelöst, bis die ewige Sabbatruhe des Herrn alles klärt.

 

Aber eins ist uns aus all dem doch gewiss: Wenn demnach der Alltag in unserer Lebenszeit obsiegt, dann wird letzthin nur er uns zu unserem Glück oder Unglück sein. Nicht der Sonntag gibt unserem Leben das Gesicht. Vom Alltagsberuf ist es geformt. Nicht zu feiern sind wir auf Erden gesetzt, sondern um im Schweiße des Alltags Brot und Segen aus der Hand des Herrn zu empfangen. Darum gäbe es kaum etwas Tadelnswerteres im Leben des Getauften, als wenn eine tiefe Kluft sich zeigte zwischen seiner Sonntagsfeier und seinem Alltagsgang. Sonntags – ein Gotteskind, alltags – ein Mammonsdiener! Sonntags – die Freude des Herrn, alltags – die Wollust der Sinne! Nur wenn dein christlicher Sonntag den Alltag formt, nur wenn der Alltag zum Spiegelbild deines Sonntags wird, dann ist bei dir jene Harmonie erreicht, die den Atem des Schöpfers birgt.

 

Ob darin nicht das Geheimnis offenbar wird, dass ein menschgewordener Gott die längste Zeit seines Erdendaseins im Alltag verbrachte? Ob dadurch Maria nicht ihre herrliche Vollendung fand, dass sie in einem langen Leben kaum aus dem Alltag herausgetreten ist? Aber was für ein Alltag das wohl gewesen ist! Unnütz ihn zu schildern, denn Mariens Tugendreichtum, Mariens Gnadenwachsen spricht allzu laut für ihn. Ach, wäre die selige Jungfrau die stete Begleiterin unseres Alltags, es stünde besser um unser Gotteskindsein!

 

Kirchengebet

 

Gott, du hast barmherzig durch das Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Haus der seligen Jungfrau Maria geheiligt und es wunderbar im Schoß deiner Kirche Aufstellung finden lassen. Lass uns fern von den Zelten der Sünder würdige Bewohner deines heiligen Hauses werden.

 

Zur Geschichte des Festes: Dieses Fest führt uns nach Loreto, dem bekanntesten marianischen Wallfahrtsort in Italien. Er verdankt seinen Ruhm dem von einer prächtigen Basilika umschlossenen „Heiligen Haus“. Nach einer Legende aus dem 15. Jahrhundert soll das Wohnhaus der Heiligen Familie zu Nazareth im Jahr 1291 von Engelhänden zunächst nach Tersato (Dalmatien) und 1295 nach Loreto übertragen worden sein. Im 16. und 17. Jahrhundert fand diese Legende weiteste Verbreitung. Neueren Forschungen zufolge liegt in diesem Bericht eine Verwechselung mit der Übertragung eines alten marianischen Gnadenbildes von Tersato nach Loreto samt dem Landkirchlein, worin das Gnadenbild geborgen war. Es handelt sich also bei dem Heiligen Haus in Loreto um eine Nachbildung der Nazarethwohnung der Heiligen Familie. Die Basilika stammt aus den Jahren 1468-87. Die großen Seitenkapellen gehören verschiedenen Nationen.

 

Die historische Tatsache ist eigentlich unwesentlich. Entscheidend ist der Geist, der die gläubigen Scharen immer wieder nach Loreto führte und heute noch führt. Der Pilgerstrom war so stark und die Verehrung der Gottesmutter so lebendig, dass sie zu einer eigenen Festfeier drängten, die bereits 1632 erwähnt wird. Zunächst blieb diese Feier auf Ostitalien beschränkt. Innozenz XII. nahm das Fest ins Martyrologium auf und bestimmte seine Feier für die ganze Kirche. Pius X. zog diese Bestimmung wieder zurück. Durch ein Dekret der Ritenkongregation vom 12. April 1916 wurde aber das Loreto-Fest auf ganz Italien ausgedehnt. Seitdem erhalten auch andere Ordensgemeinschaften und Diözesen dazu die Erlaubnis, wenn sie eigens darum bitten.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, So feiert dich die Kirche, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)