Ave Maria

 

Inhalt:

 

1. Tröstliches in dem Engels-Gruß: "Ave!"

2. Tröstliches in dem Namen "Maria!"

3. Maria und der Schüler

4. Unter´m Angelus-Läuten

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Mit dem Vaterunser wird in der katholischen Kirche meist das Ave-Maria verbunden, obwohl es mit ihm eigentlich nichts zu tun hat und sich auch an Herkunft und Alter mit ihm nicht messen kann.

Die ersten beiden Teile des Ave-Maria können aber auch ihrerseits auf eine ehrwürdige Geschichte zurückblicken. Die Worte des ersten Teils: "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen" hat zu Maria niemand Geringerer als der Erzengel Gabriel zum ersten Mal gesprochen, und zwar in dem hochfeierlichen und für das Schicksal der Menschheit entscheidenden Augenblick, wo er Maria die Empfängnis des Erlösers verkündete. Seine Worte waren ein ehrfurchtsvoller Gruß, eine Huldigung an die künftige Gottesmutter, die wegen dieses ihres erhabenen Berufes von der Erbsünde und von jeder persönlichen Sünde freigeblieben und darum voll der Gnade war, mit der als seiner irdischen Mutter sich Gott inniger verband, als mit irgend einem anderen Geschöpf - "der Herr ist mit dir" - und die durch diesen ihren Beruf und durch diese reichen Gnadenvorzüge vor allen anderen Frauen der Welt ausgezeichnet wurde - "du bist gebenedeit unter den Frauen".

In diesen Gruß des Engels stimmte dann Elisabeth ein, als sie von ihrer jugendlichen Base heimgesucht wurde: "Du bist gebenedeit unter den Frauen -" so nahm sie sozusagen die Worte des Engels wieder auf und fügte dann hinzu: "und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes" - ein Lobpreis auf den kommenden Erlöser und auf die Gottesmutterschaft Marias, der sie ja, wie gesagt, alle ihre Gnadenvorzüge zu verdanken hatte und um derentwillen sie aller Verehrung und Benedeiung würdig ist.

Diese beiden Verse aus der Heiligen Schrift, die in der Liturgie schon in frühchristlicher Zeit verwendet wurden, benutzte das christliche Volk ungefähr seit dem Jahr 1000 auch als eigenes Gebet, das mit dem Namen Jesus abschloss: " . . . . gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus. Amen." Dem darauffolgenden Bittgebet aber begegnen wir seit dem Ende des 15. Jahrhunderts und erst seit 1568, wo es Papst Pius V. in das Brevier aufnahm, ging das ganze Ave Maria, so wie wir es heute beten, in den allgemeinen Gebrauch über.

 

 

1. Tröstliches in dem Engels-Gruß: "Ave!"

 

Aus: Seraphischer Sternenhimmel, von Hermann Born, Regensburg, Manz 1860

 

Seit der Erzengel Gabriel, von Gott gesandt, vor Maria in Nazareth erschien und sie mit den Worten anredete: „Gegrüßet seist du, Maria! Du bist voll der Gnade! Der Herr ist mit dir!“ – ist die heilige katholische Kirche nicht müde geworden, das Lob der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter zu verkündigen und ihr zärtliche und liebevolle Grüße mit jenen Worten des Engels und denen der heiligen Elisabeth: „Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!“ durch Gebete und eigene Lobgesänge und Lieder zuzurufen. O wie herzinnig klingt, und wie ehrfurchtsvoll, und doch auch wieder wie gar zutraulich, der Gruß, der sich dem Gedächtnis und Herzen eines jeden katholischen Christen in der Kindheit einprägt, und der selbst bei dem von Weltstürmen hin und her Geworfenen, im religiösen und sittlichen Schiffbruch Verunglückten, nicht gänzlich in Vergessenheit kommt – wie süß und hehr klingt der Gruß des Engels an Maria, die Mutter des Herrn, die Schlangenzertreterin, die Miterlöserin!

 

Das Wort Ave (Sei gegrüßt!), mit dem der Erzengel die allerseligste Jungfrau ansprach, besteht aus drei Buchstaben. Der erste, A, weist hin auf Adam, - der dritte, E, erinnert uns an Eva. Zwischen diesen beiden ist das V, der Anfangsbuchstabe des Wortes Virgo (Jungfrau), und mahnt uns daran, wie Gott, der allbarmherzige, die Verheißung gab: dass die Jungfrau die Vermittlerin sein werde, durch die das Heil der Welt, das Adam und Eva durch ihre Sünde für sich und alle ihre Nachkommen verwirkt haben, dem Menschengeschlecht wieder zuteilwerden würde.

 

Ebenso gibt das Wort Ave, zurückgelesen, den Namen Eva, wohl zum Zeichen: dass Maria jene andere Eva sei, eine wahrhafte Mutter aller Menschen, die den allgemeinen Fluch der Verwerfung und alles Elend, das die sündige Eva über uns brachte, in Heil und Segen für uns verwandelt hat. – Und so ist es auch. Eva war die Ursache des Todes aller Menschen, Maria aber wurde von dem Augenblick an, da der Engel das Ave gesprochen hatte, die Ursache unseres Lebens, indem sie uns das Leben geboren hat, den Gottmenschen Jesus Christus, der ja von sich selbst bezeugt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ – Eva war die Urheberin der Sünde, Maria wurde durch das Ave die Urheberin des Verdienstes bei Gott; - Eva hat uns verwundet, Maria aber geheilt; - Eva veranlasste ihre und unsere Verstoßung und Ausschließung aus dem Paradies, durch Maria wurde es uns wieder eröffnet; - Eva unterlag durch die List der Schlange, Maria hat dieser Schlange den Kopf zertreten; - Eva glaubte dem Engel der Finsternis, genoss die verbotene Frucht, und gebar den Tod, Maria glaubte Gabriel, dem Engel des Lichtes, empfing durch die Herabkunft des Heiligen Geistes und das Umschattetwerden von der Kraft des Allerhöchsten die Frucht ihres Leibes und gebar uns den Welterlöser, den Friedensstifter zwischen Gott und den Menschen, den Seligmacher.

 

Glückliches Ave! Wer erkennt nicht, durch dieses Ave alles Unglück gehoben wurde, das Eva über die ganze Welt brachte! Wer möchte mit der seligen Königin Johanna von Valois nicht verlangen, dass es mit goldenen Buchstaben in unser Herz und auf unsere Zunge geschrieben wäre, damit wir die gnadenreiche Jungfrau Maria mit ihm recht würdig begrüßen könnten! Denn durch das öftere und andächtige Aussprechen dieses Ave ehren wir den dreieinigen Gott selbst, erfreuen wir die Königin des Himmels, bewirken wir, dass die Engel frohlocken, und wir selbst reichliche Gnaden erlangen!

 

 

2. Tröstliches in dem Namen "Maria!"

 

Aus: Das betrachtete heilige Magnifikat von Benedikt Höllrigl, Wien: Braumüller, 1865

 

Wie uns die Offenbarung lehrt, hat der himmlische Vater seinen eingeborenen Sohn zu unserer Erlösung Mensch werden lassen und ihm Maria, die unbefleckt empfangene Jungfrau, zur Mutter eingesetzt: damit sie auch gänzlich und vollkommen an ihm die Rechte und Pflichten einer Mutter übe. Das ist eine der Hauptursachen, warum die heilige Muttergottes im Magnifikat gesungen hat: „Mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland!“ – weil nämlich der Gottmensch Jesus Christus, der Heiland der Welt, ihr Kind und sie seine Mutter gewesen ist.

 

Wie tröstlich und freudenvoll muss es also für uns sein, dass Jesus Christus, unser Heiland und Seligmacher, sich den Händen Marias überlassen hat! Wir dürfen uns daher nicht mehr wundern, dass die ganze Christenheit den Herzensdrang fühlt, Maria um ihre Fürbitte bei Gott anzurufen und sie zu verehren als Unsre Frau, Unsre Mittlerin, Unsre Fürsprecherin; denn in aller Wahrheit können wir bezeugen und müssen wir frohlocken: „Unser Heil liegt in den Händen Marias!“

 

Ein Schriftsteller älterer Zeit – Petrus Crinitus mit Namen – erzählt: dass bei den alten Römern das Urteil, das über die schuldigen Verbrecher auf den Tod lautete, nur mit dem Buchstaben R bezeichnet war. Dieses R bedeutete das Wort „Reus“, das so viel hieß als „des Todes schuldig!“ Dieser Buchstabe galt darum als ein Unglückszeichen, vor dem ein jeder Verbrecher zurückschauderte. Wenn aber dem Schuldigen Gnade geschenkt wurde, dann setzte man zu dem Buchstaben R noch den Buchstaben A hinzu. Dieses A bedeutete das Wort „Absolutus“, das so viel heißt als „freigesprochen!“ Dieser Buchstabe galt darum als ein Rettungszeichen, dem der Losgesprochene dann entgegenjubelte. Nun sieh einmal den Namen Maria an! Auch dieser Name führt ein R in seiner Mitte, diesen Unglücksbuchstaben, der da für einen jeden armen Sünder bedeutet: „Reus mortis! Er ist des Todes schuldig!“ Aber es steht auch der andere Buchstabe A dabei, der die Freudenbotschaft „Absolutus, das heißt Lossprechung“, verkündigt; und zwei Mal erscheint er in dem heiligen Namen Maria, damit wir desto mehr Versicherung haben können: dass in diesem Namen die Schuldigen Gottes Huld und Barmherzigkeit finden werden, indem Maria unsere Mittlerin ist bei Jesus Christus, ihrem geliebten Sohn, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Denn unsern Heiland nennt sie „mein“, er ist ja ihr Eigentum und Besitz geworden. Wer also Maria findet, „der findet das Leben und schöpft das Heil vom Herrn!“ (Sprichwörter 8,35)

 

 

3. Maria und der Schüler

 

Aus: Illustrierte Zeitung für das katholische Deutschland, 1865

 

Es war vor einiger Zeit ein Schüler, der zur Schule fleißig ging und fleißig die Schrift lernte. Sein Herz war der Tugend voll und von Jugend auf hing er mit innigster Liebe an Maria, der Mutter unseres Erlösers. Sein Gemüt sagte sich los von der Täuschung der Welt und er bewahrte - um Maria willen, sein Leben in rechter Keuschheit.

 

Nun hatte sich der Schüler heimlich in seinem Gebet verpflichtet: jeden Morgen auf den Knien sieben Ave vor dem Bild der heiligen Muttergottes zu sprechen, dabei ihm auch die Gnade zuteilwurde, die „Königin der Jungfrauen“ zu schauen. Dies Gelübde war geschehen, und davon ließ er nimmer ab. Er ging in der Stadt betteln und das Almosen lesen, denn er war fern von seinen Freunden und hier ein Fremdling. Weil er dessen bis in sein fünfzehntes Jahr nachging und nirgends dem bösen Beispiel und der Sünde folgte, wie er solches leider an anderen sah, wollte ihn Unsre Liebe Frau von der Armut freimachen.

 

Da war eine Kirmes in einem Dorf, dahin sich die Leute des Ablasses, die armen Schüler aber auch noch außerdem der Speisung wegen begaben.

 

Als der Marien-Schüler den Morgen anbrechen sah und die Sonne ihre ersten Strahlen schimmern ließ, wanderte auch er aus der Stadt zur Kirchweihe. Aber gerade am besagten Morgen hatte er seines Gelübdes vergessen und seine sieben Ave Maria nicht gesprochen. Doch pilgerte er in seinem reinen Herzen allein und ohne Begleitung, und ging so hinter den anderen nach. Als aber die Sonne jetzt voll aufgegangen, da gedachte der Schüler seines Gebetes und erschrak, weil es heute unterblieb, was er sonst gewohnt war. Darob überkam ihn großes Leid, dass er in tiefer Reue bittere Tränen vergoss, weil ihn sein Herz dazu zwang. Er wollte schon seine Schritte nach Hause lenken, jedoch begann er zu erwägen, dass er, wenn er heimging, den Ablass nicht empfange, und dessen Gnade ihm so benommen würde; käme er jedoch dort in die Kapelle, so wollte er, im Fall sie geschlossen sei, ohne irgendetwas zu essen, warten bis zur Vesperzeit, da man sie wieder aufzuschließen pflegt. So mochte er dann doch so, wie er es wünschte, das Bild unsrer Lieben Frau schauen und vor ihm sein Gebet sprechen. Er hatte es bei sich beschlossen; doch war er sehr betrübt, und seine Augen blinkten stets feucht von Tränen.

 

Inzwischen führte ihn sein Weg in ein dichtes Gehölz; und als er zur Seite blickte, da gewahrte er ein Bild von Unserer Lieben Frau, wie es nie ein Meister besser schnitzen konnte. Als der Schüler das Bild auf dem Baumstumpf stehen sah, schwoll sein Herz vor Freude und es entschwand ihm alles Leid. Seine Gedanken brachten ihn auf die Vermutung, ein Maler hätte es daher gesetzt und es dann vergessen. Der Schüler beugte sich wiederholt vor der göttlichen Gnadenmutter und fiel auf die Knie, dabei seine Gebete sprechend. Als er dies ganz nach seinem Willen und zu seiner Labung getan, da sagte ihm sein Herz: er möchte fleißig und viel der schönen Waldblumen lesen, daraus einen großen Kranz flechten und ihn dem Bild aufsetzen, damit die wilden Vögel nicht die Schönheit und den Glanz des Bildes beschmutzten. Als er nach seines Herzens Rat alles wohl vollbracht und nach dem Dorf zu wandern gedachte, wohin ihn sein Weg lenkte, da wuchs ihm Sorge im Gemüt, weil das anmutige und hehre Bild ganz ohne Dach in der weiten Wildnis stand. Die Gestalt des Bildes war meisterhaft und das Gemälde mit Gold und Lasur eingelegt, darum tat es ihm unendlich um die Farbe weh. „Ach“, seufzte er, „diese schöne Farbe wird durch den Regen ganz abgewaschen werden! O, das wird auch denjenigen betrüben, der es hier vergessen hat!“ Er zeigte sich darum sehr besorgt, was da anzufangen wäre. Zwei linnene Kleider besaß er und einen Mantel, den er trug; er war also wirklich arm; jedoch, ob er auch mehr hätte, er würde eher alles dagelassen haben, ohne dies war auch der Sommer sehr heiß; da riss er sein Hemd, wie er es für billig erkannt, entzwei. Dem reichen Frauenbild warf er einen Teil des Gewandes um, den andern benützte er, um sich darin zu hüllen, dann nahm er den Mantel, und bedeckte es sorgfältig mit demselben.

 

Als er ein Stück gegangen war, da rief ihm ganz vernehmlich das Bild Marias, dass er recht sehr erschrak. Jedoch eilte er ungesäumt zurück und fiel auf die Knie. „Heilige Maria, Mutter Gottes, Unsere Liebe Frau, ich bin hier! Gebenedeite Königin, was willst du von mir, dass du, wie ich gehört, mich wieder zu dir kommen heißest?“ Und Maria sprach zu ihm: „Ich schaue daran deine Tugend! Gehe hin in den Pfarrhof, da findest du den Bischof. Vergiss es nicht, und sag ihm, dass ich ihn mit all der Freundlichkeit grüße, die er um mich verdient hat; danach sprich, dass er dich morgen zum Priester weihe!“ Der Schüler sprach: „O Königin Maria, das wird sein Spott sein und er treibt mit mir Scherz, wenn ich ihm deinen Gruß sage, auch ist es weit außer der Zeit, dass man Priester zu weihen pflegt; dann bin ich für einen Priester zu jung, dazu noch ungelehrt, wie ich das Amt der heiligen Messe singe!“ Maria widersprach seinen Ausflüchten mit den Worten: „Du bist gelehrt und alt genug; auch ist die Zeit wohl gelegen, dass du ganz und gar den priesterlichen Segen erlangen sollst! Ich will dir ein Zeichen sagen, dass der Bischof deiner Nachricht von mir Folge geben wird. Sprich: dass er in der ersten Zeit, da ihm das Amt übergeben wurde, in seinem Herzen still gelobte: jeden Tag fünfzig Ave Maria zu sprechen. Frag ihn dann: ob er noch meiner gedächte und auch dessen, was er aus freiem Willen gelobte? Das sollst du dem Bischof von mir sagen, weil er dir dann glauben wird!“

 

Der Schüler neigte sich vor der Würdigsten bis zur Erde, wie es ihm sein andächtiger Sinn eingab, und hiermit schied er. Wie er eine Strecke gegangen war, da sah er wieder nach der Stätte, wo er das Bild gelassen hatte – da war es wundersam geschehen – denn er sah das Bild nicht mehr! Unausgesetzt betete er, bis er zu dem Dorf kam. Sein tugendhafter Sinn brachte ihn in frommer Eile zuerst in die Kapelle, allwo er sein Gebet sprach. Und als er dies getan hatte, wollte er zu dem Bischof, der da in dem Pfarrhof wohnte. Die Türhüter wollten ihn, den Halbbekleideten nicht vorlassen. Doch was er auch Leides ertragen musste, er wollte die ihm übertragene Botschaft ausrichten; er drang auch wirklich vor bis an den Tisch, wo der Bischof saß und mit seinen Untertanen, Rittern und Kaplänen einen Imbiss einnahm; es war das eine große Versammlung. Der Bote trat vor den Bischof; und als er die rechte Zeit merkte, da erhob er öffentlich sein Wort zu dem Bischof. Dieser sah den Schüler an und wähnte, er sei ein Spaßmacher; da wollten alle, dass man still schwiege, damit er reden könne. Als das der Schüler sah, sprach er: „Herr Bischof, höret was ich Euch sagen muss! Maria, die Königin des Himmels bietet Euch ihren Gruß; der Gruß soll so mit Euch sein, als Ihr es um sie verdient habet!“ Da entgegnete der Bischof: „Ha, was dieser Mensch hier Seltsames redet!“ Der Schüler versetzte: „Herr, wenn es Euch behagt, so lasset mich ausreden und meine Worte zu Ende bringen, wie solche mir aufgetragen sind! Maria lässt Euch ferner sagen, dass Ihr mich morgen zum Priester weihen möchtet!“ Der Bischof entgegnete, sich ernst stellend: „Ihr habt doch ein gar zu gutes Kleid, als dass man Euch weihen sollte! Auch dürfte es gut sein, wenn Ihr davon abständet, die Stellvertreter Gottes mit Euern Märchen zum Besten zu halten! Solltet Ihr aber davon nicht lassen, so fällt es zu Eurem Nachteil aus! Treibt Euren Scherz anders, aber nicht mit Maria, der heiligen Muttergottes! Man soll ihrer nicht spottend gedenken!“ Der Schüler fuhr fort: „Ei, nun Gott! Wollte es Euch genehm sein, so würde ich Euch ein Wahrzeichen geben, dass sie mich zu Euch gesandt hat!“ Da sprach der Bischof alsbald: „Gerne wollt ich, dass Ihr meinen Zweifel besiegt!“ Der Schüler verkündete: „Unsre Liebe Frau, meine Herrin, lässt Euch melden, dass Ihr in Eures Herzens Inbrunst heimlich ehedessen einen Eid geschworen habt, der war nie einem Menschen bekannt, jeden Tag fünfzig Ave Maria zu sprechen!“

 

Der Bischof erkannte an diesen Worten den Boten Marias und tat nach ihrem Befehl. Des andern Morgens wurde der Schüler mit Priesterkleidern angetan und geweiht. Auch sollte er dann das Amt singen. Ungelehrt wie er war, kam er darum nicht in geringe Sorge; doch meinte der Bischof, dass Maria ihrem Schüler gewiss auch darin beistehen werde.

 

Da sprach der Schüler-Priester: „Nun, das sei!“ und so trat er an den Altar. Nachdem er das „Confiteor“ gesprochen hatte und die „Indulgenzia“ geschah, da hub der neue Kapellan das „Gloria in exelsis!“ an, und so fest und frisch und hehr, als wenn er es sonst öfter schon getan hätte. Bei des Sanges erstem Wort, da ihn der neugeweihte Priester erhub, bemerkte er in und der Bischof allein, dass zu dem Altar (wie beide es wohl schauen mochten) die anmutigsten Jungfrauen kamen, die kein Auge je gesehen hat. Unter allen prangte eine ausgewählte Königin in Samt und Baldachin, durchwirkt von lauterem Gold. Der Mantelknopf brannte wie die Sterne und ihre Krone leuchtete, dass die Augen es kaum ertrugen. So kam die Königin in andächtigem Sinn und opferte den Blumenkranz, den der Schüler vor kurzem dem Bild im Wald geflochten hatte. Der Priester kannte den Kranz wohl; auch der Bischof empfand viel Freude, weil der Schüler es vorher ihm mitgeteilt hatte, wie er der Gottesmagd den Kranz aus Waldblumen zusammenlas. Nun dies geschehen war, traten die Jungfrauen zurück. Nicht über lange, als man den Opfergesang anhub – kamen abermals die Jungfrauen, und die Königin voran. Sie nahm das halbe Hemd, das er jüngst um das Bild gewunden hatte, und legte es mit ihrer schneeweißen Hand auf den Altar; dann neigte sie sich züchtiglich und verschwand mit ihrer Schar. Das merkte gleichfalls niemand, nur der Bischof und der Gottesreine, der vor dem Altar stand; der aber sang zu Ende, wie die Priester tun, denen ihr Amt durch vieljährige Übung geläufig ist. Als er die konsekrierte hochheilige Hostie genommen, das „Domine non sum dignus!“ drei Mal andächtigst gesprochen und das Opfer des Fleisches und Blutes Jesu genossen und die Danksagung verrichtet hatte, da zeigte sich dem Bischof ein neues Wunder: der Schüler-Priester stand und war tot. Von Unserer Lieben Frau, der barmherzigen, wurde die Seele ihres frommen Verehrers in den Himmel geleitet, nachdem er hienieden vorher das „göttliche Viaticum“ genossen hatte.

 

Als man dieses Wunder erkannte, da lobte die Priesterschaft in Freude Gott den Herrn und Maria. Der Bischof und sie alle bestatteten den Leichnam des guten Schülers nach den priesterlichen Würden. Lilien und Rosen wurden von frommen Kindlein auf sein Grab gestreut.

 

Aus dem Erzählten sieht man, wie recht fruchtsam das Lob der himmlischen Königin ist. Wohl einem jeden, wer oft hie und da ein Ave Maria in seinem Herzen trägt: sein heiliger Mut wird in Gnade entbrennen, die heilige Liebe darinnen wohnen, dass es ihn immer gar mächtig zieht, Maria zu dienen, und bei und mit ihr einst ewig selig zu sein in Gott!

 

 

4. Unter´m Angelus-Läuten

 

Aus: Kriegsbilder aus Spanien, 1864, Berlin, Dt. Verl.

 

1. Zavala, ein wohlhabender Edelmann aus Biscaya, hatte das Schwert für Don Carlos, Infant von Spanien, gezogen. Die feindlichen Scharen brachen in seine Besitzungen ein, raubten und verwüsteten seine Habe, brannten sein Haus nieder, und führten seine beiden Töchter, zwei schuldlose Kinder, mit sich hinweg. Das Herz des Vaters erbebte, der Kampf wurde ohne Erbarmen geführt und gegen den Feind waren alle heiligen Rechte der Menschheit erloschen. Dennoch, obgleich Zavala wusste, welch ein Geschick seine Kinder bedrohte, wankte er nicht in dem, was er für Recht hielt, und fuhr fort, mit ungebeugtem Mut für die Sache des Don Carlos zu kämpfen. Er war den Christinos damals der gefürchtetste Guerillaführer; umsonst machte man alle Anstrengungen, ihn zu bewältigen und seine Streitgenossen zu vertilgen. Siegend, oder auch besiegt, zog er sich nach jedem blutigen Kampf in seine Felshorste zurück, wohin ihm die Feinde nicht folgen durften. Diese nahmen nun zu einer beispiellosen Grausamkeit ihre Zuflucht. Wenn sie auszogen, um Zavala anzugreifen, so schleppten sie dessen Kinder mit und stellten sie in die vordersten Reihen als Schutzwehr gegen den Vater auf. Wenn seine Guerillas nunmehr die todbringende Kugelbüchse erhoben, musste der Vater fürchten, seine Kinder zu töten. Da brach des Mannes starker Felsensinn. Er begann, um das Leben seiner Kinder nicht zu bedrohen, den Kampf mit seinen Gegnern zu vermeiden. Aber der Gehorsam der Guerillas ist nur durch des Führers persönlichen Mut bedingt. Zavalas Schar fing an zu murren, und er wurde von ihr der Feigheit beschuldigt. Nie aber hatte der stolze Mann einen Flecken auf seiner Ehre geduldet. Die Schmach dieser Anklage gab ihm seine Tatkraft wieder, er verließ seinen Felsenhort und führte die Guerillas ungesäumt den Feinden entgegen. Diese jedoch harrten seiner, die beiden gefangenen Töchter an ihrer Spitze. Er konnte der Kinder bleiche Gesichter erkennen. Es dünkte ihm, als ob die Bitten und Seufzer ihrer Angst an sein Ohr tönten. Überlegen war ihm die Schar der Feinde. Doch ihn schreckte nicht deren Menge, sondern die furchtbare Überzeugung: die ersten Kugeln deiner Kampfgenossen müssen die Herzen deiner Kinder treffen! Einige Augenblicke stand er regungslos im grauenvollsten Kampf mit seinen Empfindungen. Einige der Guerillas, die noch menschlich fühlten, traten zu ihm und flüsterten: „Lass uns zurückweichen, denn zu groß ist die Zahl der Feinde!“ Zavala verstand, was sie mit diesen Worten andeuten wollten. Wieder leuchtete sein Auge wie in vergangenen Tagen, er wandte sich zur harrenden Schar und mit fester Stimme kommandierte er: Feuer! Gehorsam seinem Befehl leuchteten die Gewehre der Guerillas auf, und ihre Kugeln schlugen in die Reihen der Christinos, und der Pulverdampf verhüllte auf einen Augenblick die blutigen Folgen.

 

Die Carlisten waren, nachdem sie gefeuert hatten, mit dem Degen in der Faust vorwärtsgedrungen; feige hatten die Christinos den Kampfplatz sogleich verlassen und waren nach allen Seiten hin zerstäubt. Auf der Wahlstätte lagen nur Tote und Verwundete; des Vaters Blicke suchten die Leichname seiner Kinder. – Er fand sie nicht! – Gottes Walten hatte den Lauf der Kugeln gelenkt; der Mann, der die beiden Kinder geführt hatte, lag mit geschlossenen Augen am Boden, aus seiner Brust rann das frische Lebensblut, aber die Kinder erwiesen sich als unversehrt. Da brach des Vaters starres Herz, das Schwert entfiel seiner Hand, heiße Tränen stürzten aus seinen Augen, er sank in die Knie, drückte mit beiden Armen die Kinder, die nicht er, sondern Gottes Huld geschont hatte, an sein Herz, und seine Lippen stammelten: „Ave Maria!“ Und seine wilden Genossen waren wie er in die Knie gesunken und beteten wie er: „Ave Maria!“ – Da regte sich noch einmal derjenige, der Zavalas Kinder der Gefahr entgegengeführt hatte; ohne die Augen zu öffnen, stöhnte auch er: „Ave Maria!“ – Es erklang eben das Angelus-Domini-Geläute.

 

Zavala schauderte; der Sterbende, der so grausam an ihm gehandelt hatte, war – Alvarez, sein Jugendfreund; er hatte ihn geliebt mit ganzer Seele. Es war aber nicht ungewöhnlich in diesem Parteienkampf, dass Bruder dem Bruder gegenübertrat, und der Sohn das Schwert gegen den Vater erhob; aber nie hatte Zavala die Folgen der Zwietracht so peinlich empfunden wie jetzt; und obgleich ihm seine Töchter wohl erhalten geblieben, verließ er doch völlig entmutigt den so schauerlichen Kampfplatz.

 

2. Mehrere Jahre waren dahingegangen, Zumalacarregui, Spaniens zweiter Cid, war tot. Mit diesem Feldherr hatte Don Carlos zugleich seine Krone verloren. Der Kampf für seine Sache wurde immer hoffnungsloser. Viele seiner Angehörigen hatten ihn mit des Kampfes Wechsel verlassen. Zavala jedoch bewahrte ihm die Treue. Abgezehrt vom Hunger und jeglicher Entbehrung musste er mit den wenigen Getreuen, die ihm noch folgten, das Leben einsetzen, um nur einen Trunk Wasser und einen Bissen Brot zu erringen. In einem solchen Kampf der Verzweiflung wurde er einst von seiner Schar getrennt und von den Christinos gefangen.

 

Eine halbe Stunde nachher stand Zavala vor dem Kriegsgericht. Er wusste, was seiner wartete. Er, der gefürchtete Guerilla-Führer, durfte auf keinen milden Ausspruch hoffen. Was er vermutete, geschah. Nach kurzer Beratung rief der Vorsitzende des Gerichts: „Einen Beichtvater für ihn!“ – Mit diesen Worten war sein Todesurteil gesprochen. – Ruhig und ohne mit einer Wimper zu zucken, vernahm Zavala die Entscheidung, und fragte nur: „Wann?“ Der Richter antwortete: „Eine halbe Stunde vor dem Angelus-Läuten!“ Dann fügte er die Frage hinzu: „Wünschet Ihr sonst noch etwas vor Eurem Tode, Señor?“ Unerschüttert entgegnete Zavala: „Einen Cigaritto!“ Und der Mann, der soeben sein Todesurteil gesprochen hatte, reichte mit ritterlicher Höflichkeit die eigene Papier-Zigarre ihm hin.

 

Der Abend dämmerte. Die Wachen weckten den Zavala aus seinem festen Schlummer, um ihn zum Tod zu führen. Ruhig, fast heiter, ging er seinem Tod entgegen. Auf den Straßen wogte die neugierige Menge, die den gefürchteten Carlisten sterben sehen wollte. Das Gedränge wurde immer stärker und der Zug wurde oft aufgehalten; endlich stand Zavala auf dem Richtplatz. Der Ring wurde geschlossen. Die Soldaten, schussfertig, harrten des Kommandos ihres Offiziers. Zavala wies die Binde, die seine Augen bedecken sollte, von sich. „Ich habe“, sprach er ruhig, „so oft dem Tod entgegengesehen, ich werde auch jetzt nicht erbleichen!“ Da trat der Offizier seitwärts und kommandierte: „Legt an!“ – Der Befehl wurde vollzogen; und sieben Todesröhren zielten auf Zavalas Herz. – Der Offizier öffnete abermals die Lippen, um: „Feuer!“ zu kommandieren, als – die Glocken zum Angelus-Domini läuteten! Es ist aber genügsam bekannt, wie diese hehren Glockentöne in Spanien jede menschliche Beschäftigung augenblicklich unterbrechen. So geschah es auch hier. Die Soldaten ließen die Gewehre wieder sinken, der Offizier entblößte sein Haupt und Zavala, tief erschüttert von der Mahnung an die heilige Muttergottes, sank in die Knie, um noch einmal vor seinem Tod sich ihrer barmherzigen Fürbitte bei Gott zu empfehlen. Wie er, so tat auch die neugierige Menge. Und dasselbe Volk, das im glühendsten Hass ihn noch vor mehreren Augenblicken geschmäht und gelästert hatte, beugte jetzt mit ihm die Knie und betete mit ihm zur göttlichen Gnadenmutter.

 

Und wie die Glockentöne verhallten, das Gebet beendet war und Zavala sich wieder erhob, um den Tod zu erleiden, sprengte ein Reiter daher, der ein weißes Tuch emporschwang. Ein froher Jubel brauste aus der gedrängten Volksmasse, denn Parteiwut und Rachgier waren im frommen Gebet erloschen.

 

Zavala war begnadigt! – Er erfuhr nicht, wer sein Retter gewesen war!

 

3. Acht Tage nach diesem Ereignis kniete ein Pilger an der Stätte, wo Spanien und Frankreich sich voneinander trennen. Zavala ist es, sein Tagwerk war getan. Tief wie in ein Grab vergrub er auf spanischem Boden sein Schwert, denn er hatte sein Ehrenwort gegeben, nicht mehr gegen die Christinos zu kämpfen. Noch einmal küsste er die heimatliche Erde, und nun wanderte er von dannen, ein Obdachloser in der Fremde, wie er es im Vaterland gewesen war.

 

Und wie er so lange umhergewandert war, ruhte er eines Abends in der Nähe eines Klosters, das im stillen Gottesfrieden vor ihm lag. Er hatte das Haupt sorgenschwer in die Hand gestützt und fragte sich selbst: „Heilige Jungfrau Maria, wo werde ich Ruhe finden und wo wird einst mein Grab sein? – In demselben Augenblick läuteten die Klosterglocken zum Angelus-Domini. Dies schien ihm ein Gotteszeichen und eine Muttergottes-Antwort zu sein. – Nachdem er sein Gebet geendet hatte, schlug er an die Klosterpforte, begehrte Einlass und bat um Aufnahme in die fromme Brüderschar. Seiner Bitte wurde willfahrt und er nach dem Prüfungsjahr aufgenommen. Seine Brüder ehrten ihn und liebten ihn, denn er war nur streng gegen sich selbst, aber mild und liebevoll gegenüber anderen. Er zeigte sich auch als ein sehr sorgsamer Krankenpfleger, deshalb begehrten die schwer Leidenden gar oft seinen Beistand und seine Hilfe.

 

So wurde er denn auch eines Tages zu einem Kranken gerufen, der sich jenseits des Flusses im Gasthof befand. Zu oft hatte Zavala am Lager des Sterbenden geweilt, um nicht das Nahen der letzten Stunde zu kennen. Das Auge des Dulders war halb geschlossen, die hageren Hände gefaltet in den Schoß gesunken. „Ave Maria!“ flüsterte Zavala. Da zuckte das Leben wieder in den erbleichten Zügen, das Auge erschloss sich, und eine Stimme, wohl bekannt aus den Jugendtagen, stammelte fast freudig: „Zavala, bist du es? O wie gut ist es, dass ich dich noch auf der Erde wiedersehe! Du hast mich wohl verkannt! Die Schar, deren Führer ich war, zwang mich, deine Kinder in den blutigen Kampf zu führen. Aber da die Todesröhren der Deinen aufleuchteten, bedeckte ich mit meinem Körper die Kleinen und empfing schwere Wunden, die wohl heilten und vernarbten, an denen ich aber siechte bis zu dieser Stunde!“

 

Welch ein Wiedersehen! Welch ein Erkennen! – Der alte Mönch und der Sterbende blickten sich lange schweigend ins Auge. Alle ihre Hoffnungen, alle ihre Freudenträume, das Leben selbst war untergegangen, und dennoch tat es ihnen wohl, denn sie durften sich wieder lieben, wie ehedessen in der schuldlosen Kinderzeit.

 

Das letzte Trosteswort, das Alvarez noch für Zavala hatte, lautete: „Deine Kinder hat Spanien unter seinen Schutz genommen! Ave Maria!“

 

Und als Zavala von Alvarez schied, nahm er die Überzeugung mit sich, dass der die kommende Stunde nicht erleben würde, und fühlte sich wehmütig-froh, dass er den Freund entsühnt wusste. Und an dem eigenen morschen Leib empfand er, dass die Trennung nur kurz und das Wiedersehen nahe sei. Angelus-Domini läutete es aber vom Kloster her.