Maria vom Wege

 

24. Mai

 

Auch Maria befand sich auf dem Weg, nämlich auf dem Weg zu Gott, zur ewigen Seligkeit. Das gerade unterscheidet sie von ihrem herrlichen, gottgleichen Sohn, dass dieser auch als Irdischer schon ein Vollendeter war. Zwar musste auch er noch pilgern, nicht jedoch, weil er in seinem Wesen noch nicht der Vollendete, der Reife gewesen wäre, sondern nur, weil er ob unserer Erlösung willen noch nicht in allen Teilen seines Wesens seine Vollendung zeigen und genießen durfte. Denn nur so konnte er den Weg der Mühen und der Leiden gehen. Maria aber war niemals auf dieser Erde eine schon Vollendete. Pilgerin war sie vielmehr gleich uns. Hinaufwachsen sollte sie trotz ihrer großen Gnadenfülle zur letzten Gnadenfrucht: des seligen Seins in Gott. Heranreifen gilt also für das Leben dieser Auserwählten; emporwachsen musste sie. Und wahrlich, unaufhaltsam wuchs Maria empor. Tag für Tag stieg das Maß der Gnade in ihr, Tag für Tag erstrahlte ihr Tugendreichtum in herrlicherer Pracht. Pilgern sollte Maria durch das Dunkel verhüllten Glaubens zum ewigen Licht, am Stab der Hoffnung zu den ewigen Bergen.

Das war gut für uns. So nämlich kann uns Maria Vorbild sein auf dem Weg zum himmlischen Haus. Wir Menschen vernarren uns nur zu leicht in dieses Erdental, trotzdem es ein Jammertal ist. Hier möchten wir Hütten bauen, trotzdem das Grab uns winkt. Deshalb weisen die heiligen Schriften uns immer wieder darauf hin, dass wir hier keine bleibende Stätte haben. Eingetragen sind wir vielmehr in die himmlischen Bürgerlisten, so dass unseres Verbleibens nur dort ist. Hier hingegen wallen wir im Dunkel eines geheimnisschwangeren Glaubens. Hier müssen wir von der Hoffnung leben, auch wenn sie uns nicht narren will. Darum gehört zum irdischen Gotteskind das „Auf-dem-Wege-sein“. Immer weiter voranschreiten, immer stärker emporreifen, immer höher dem Himmel entgegenwachsen. Unaufhörlich müssen wir auf dem Weg sein, auf dem es keinen Rückschritt geben darf; schon stillstehen hieße rückwärtsgehen.

Welcher Weg aber führt uns zum Ziel? Der gleiche Weg, der Maria mit Leib und Seele zur Herrlichkeit des Himmels brachte. Und dieser Weg führt den Namen: Christus. „Ich bin der Weg“, so sprach der Herr. „Niemand vermag zum Vater zu kommen, wenn nicht durch den Sohn.“ Maria ging den Christusweg, die beste Schülerin des Herrn, die auserkorene Braut des göttlichen Herzens. Maria hat uns den Weg gebahnt, wie der Bergführer es zu tun pflegt. Maria verbürgt uns, dass er nur endet beim Gott unseres Herzens. Gehen wir darum diesen Christusweg: an der Mutter Hand, mit Mariens Schritten, unter ihrem Schutz.

 

Kirchengebet

 

Allmächtiger ewiger Gott, du hast die glorreichste Mutter deines Sohnes gleichsam als leuchtenden Stern über das weite Meer dieser Welt erhoben, lass uns, wir bitten dich, ihr treu folgen und zum ewigen Hafen des Paradieses gelangen.

 

Zur Geschichte des Festes: Im Herzen Roms, an einer Straße, die zum Kapitol führt, stand ein altes bescheidenes Kirchlein, genannt: Santa Maria della Strada, Heilige Maria vom Wege. Über dem Hochaltar befand sich ein liebliches Bild der Gottesmutter mit ihrem Kind. Der Gründer des Jesuitenordens, der heilige Ignatius, ließ sich 1538 in der Nähe dieser Kirche nieder und zelebrierte zumeist an diesem Altar der allerseligsten Jungfrau. Einige Jahre später (1541) erwarb er dieses kleine Gotteshaus für seinen Orden, ließ es 1570 niederreißen und ersetzte es durch die prächtige Kirche al Gesù. Das Marienbild aus dem alten Kirchlein „Maria am Wege“ wurde aber in die neue Kirche übertragen und erhielt in einer Seitenkapelle einen Ehrenplatz. Immer wieder knieten die Gläubigen im Gebet vor diesem Bild. Alexander Sforza, Kanonikus von St. Peter, der die Sitte eingeführt hatte, heilige Bilder zu krönen, veranlasste auch die Krönung dieses Bildes (1638), das dann im Jahr 1885 anlässlich der Dreihundertjahrfeier seiner Übertragung in die Kapelle der Kirche al Gesù zum zweiten Mal gekrönt wurde. Die Mitglieder der Gesellschaft Jesu begehen diesen Festtag „Maria am Wege“ in einer eigenen Messfeier und im Breviergebet.

 

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)