Als Jesus klein war

 

Legenden und Geschichtlein von Maria Mayer

 

Der Fingerhut

 

In der Wohnstube des Häuschens zu Nazareth stand am Fensterplatz Marias Nähtisch. Wenn Maria dort saß, vor sich ein zerrissenes Kittelein des Kindes und Vater Josefs stark zerarbeitete Werkstattschürzen oder auch den zarten Schleier, den sie nach Landessitte um ihr Haar geschlungen trug, und der so leicht unter des Knaben nach ihr greifenden Händlein reißen konnte, dann hockte das Kind auf dem Schemel zu ihren Füßen. Und mit kinderseligem Geplauder kürzte Klein-Jesus der Mutter Arbeit. Was wusste er nicht alles von den Vögeln und Faltern, von den Feldblumen und vom Hausgetier, von Großvaters Flöte und vom Silbermond am Himmel droben. Sonst zugetan wie ein Rosenknöspelein tat sich des Kindes Inneres auf in des Mutterherzens Sonnenwärme, hüpfte seine Rede wie ein Wiesenbächlein lieblich hin und Maria pflückte sich die Hände voll der Blumen, die da am Rande erwuchsen! Leuchtete Jesu Angesichtlein wie ein Sternlein, das in Marias abenddämmrige Stube gefallen war. In diese seligste Stube, über der der Himmel offen stand, gerade wo er am schönsten war, vor des Vaters Thron.

Heute aber ist Maria zu ermüdet. Eine Weile schon rasten die schlanken Finger im Schoß, während ihre Augen sich zum Schlaf zutaten. Jesuleins Geplauder tönt noch fort; als ihm aber keine Gegenfrage, keine Antwort, gar keine Teilnahme von der Mutter wird, verstummt es. – Mütterlein soll nicht im Schlaf gestört werden, Jesus will leise, leise sitzen und vom Himmel träumen oder an Großvaters bunten Papagei denken, den er morgen besuchen darf. Doch sieh, was glänzt hier so blau am weißen Stubenboden? Des Kindes Finger greifen nach dem kleinen Ding, das Marias abwärtshängender Hand entfallen. Ein feines Spielzeug. Wenn man das draußen am Bach in die Wellen hineinwirft, dann schwimmt es gewiss wie ein Schifflein. Da hatte nun Klein-Jesu einen richtigen Schatz, den es gut aufzubewahren galt. Erst dachte er an die Mutter, aber die sollte morgen überrascht werden mit dem Schiffelein. Vater Josef war fortgegangen, die fertigen Arbeiten abzuliefern und seine Werkstätte war verschlossen. Doch draußen im Garten? Das Blumenbeet mit den sanften Verbenen und den klugen Stiefmütterchen würde gerne seinen Schatz bewahren. Selbst der kecke Mohn hätte wohl nichts dagegen und die feinen Reseden würden sogar ihre Freude dabei haben. So schnell kam Jesus zur offenstehenden Tür hinaus. Geschickt grub er mit den Fingerlein ein wenig die lockere Erde hinweg und schon war das Köstliche geborgen. Wie wird sich Mütterlein freuen, auch Vater Josef muss mit zum Bach hinaus.

Aber als der andere Tag kam, suchte Maria die Stube vergeblich aus nach dem verlorenen Fingerhut und Klein-Jesus stand am Blumenbeet und wusste nicht mehr die Stelle. Verbenen und Stiefmütterchen, Reseden und Mohn, die wussten sie wohl und sie baten den Wind, dass er ihre Köpfchen und Blätter nach der Seite hin neigen möge. Klein-Jesus aber, die Augen voll Tränen und das Herzchen voll Weh, verstand diesmal die Frage seiner Freunde nicht. – So blieb der Gottesmutter blauer Fingerhut abhanden bis auf einen wunderschönen Sonnentag, da Maria und ihr Jesusknabe im Gärtchen spazierten und mit einem Ausruf des Entzückens vor dem Blumenbeet still standen. War da eine neue, hübsche Staude erwachsen, über und über geschmückt mit den niedlichsten Blüten, deren jede an Form und Farbe (an ihrer schönen, tiefen, blauen Farbe) die Abstammung von Marias verlorengegangenem Fingerhut erkennen ließen.

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Jesulein in den Blumen

 

Als Jesus noch ganz klein war, gleich nach seiner Rückkehr aus dem Ägypterland, als er noch kaum aufrecht stehen konnte, noch immer Marien am Halse hing, noch gerne süße Milch aus seiner Glasflasche saugte und in einem Wiegenkörbchen schlief, da nahm ihn St. Josef einmal Huckepack und trug ihn hinaus auf die Wiese, die geradewegs draußerhalb des Zaunes lag, den Josef um den Garten gezimmert hatte. Josef musste dann wieder in die Werkstatt zurück zu seiner angefangenen Truhe, Maria wollte gleich auf die Wiese nachkommen mit einem Arm voll Leinwand zum Bleichen. – Da saß nun Klein-Jesus in Gras und Blumen, wie in einem zarten Wald, der über ihm zusammenschlug. Seine Augen blickten groß und freundlich umher und dann hob er den Kopf, sah die goldene Sonnenkugel gerade über ihm rollen und jauchzte, so gut er jauchzen konnte. Und dann fing er zu krabbeln an, von einer Blume zur anderen, wie sie um ihn standen. War das eine Pracht! Er drückte sie an sich, streichelte sie, küsste sie und sagte ihnen Liebes in seiner Sprache, das Menschen noch nicht entziffern, Blumen aber wohl verstehen konnten. Und die Blumen, die sollten nie mehr vergessen, dass Jesulein mitten unter ihnen saß. Sobald es hier einen Stern, dort ein Glöckchen berührte, waren die von einer Wonne überschüttet, wie kein Sonnenstrahl und kein Tropfen Tau sie wecken konnte. Das Herz der Blumen läutete, sie zitterten vor Freude, sie dufteten! Nicht so berauschend wie die stolzen Gartenschwestern. Aber sie dufteten! Still, bescheiden, innig, wie es ihre Art ist. Ja sie dufteten von dem Tag an, die frische Minze und der herbe Mohn, die Kamillenblüh` und die goldene Arnika, Maiglocke und Heckenrose. Auch die Schlüsselblume voll Honig und das Veilchen – wenn Jesus auch nur ihre Blätter streichelte – da die Beiden längst nicht mehr blühten.

Als Maria mit den Wäschestücken kam, roch sie gleich das Angewohnte, Süße, Würzige in der Luft. Sie wusste: Das tat mein Kind! Und sie nahm sich nicht mehr die Zeit, ihre Wäsche auszubreiten, stellte den Korb hin und suchte Jesus.

Kaum konnte sie das Kind finden, aber die Löckchen leuchteten durch das Gras. So golden war kein Wiesenstern. Und sie nahm den Knaben in die Arme und herzte ihn. Jesus aber hatte die Händlein voll Blumen und streute sie über der Mutter Haar. Und seine Hände griffen nach den Zöpfen. Da löste sich die lichte Flut über Marias reines Kleid. Und Maria hüllte ihr Kind in den Mantel aus Gold und trug es singend durch die Wiese.

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Der Bach

 

Am Bach fing Josef rotgetupfte Forellen, die ihm Maria in Butter briet. Maria trug ihre Wäsche hin zum Schwanken, damit aller Seifengeruch von ihr schwinde. Am Bach – er floss durch die Blumenwiese, fünf Schritte vom Garten weg – gediehen die saftigsten Vergissmeinnicht, die drallsten Dotterblumen, die silbernsten Frühlingskätzchen weit und breit. – Mit diesem Bach hatte auch Klein-Jesus zu tun. Wenn die Sonne gar so fröhlich vom Himmel sah, die Wellen blitzten wie Silber, die Forellen sprangen recht toll und alle Glockenblumen läuteten, dann trug Maria ihr Kind an das Wässerchen, legte sein blühweißes Hemdelein zu den Blumen auf die Wiese und es selbst zu den Fischen und Silberwellen in den Bach hinein. Sachte trugen die Wellen die heilige Last, Maria hätte wahrlich nicht zu halten gebraucht. Und Klein-Jesus spielte mit den Steinen und Fischen, ließ die Tropfen durch die Finger rieseln und jubelte, so ihm die Mutter klitsche klatsche eine Handvoll Silberflut auf die Wänglein schüttete. Zwischenhinein in all den Übermut rief Maria ihr Jesulein an und betete: Du Lilienblüte, schaukelnd auf Baches Wellen, du wundersame Perle aus der Muschel meines Leibes gebrochen, du zappelndes Fischlein, gefangen im Netz meiner Liebe!

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Jesus und die Vögel

 

Im Winter, wenn der Schnee auf den Zaunpfählen lag, der Wind durch die Gassen pfiff, und der Rauch aus Marias Küche so schön blau an der kalten Luft hinaufkletterte, schaufelte Klein-Jesus das Fensterbrett seines Kämmerleins blank und ließ braune, schwarze, silber- und goldfarbene Körner darauf niederprasseln. Eins, zwei, drei patschte er die Händchen zusammen und sie kamen auch schon, seine Freunde. Glänzende Amseln mit gelben Schnäbeln, Rotkehlchen mit flammenden Brüstchen, Schneefink, Meise und Ammer, Seidenschwanz, Sperling und Zaunkönig. Waren sie satt, dann setzten sie sich auf das Scheunendach gegenüber, zu Josefs Tauben, und bliesen, schmetterten, sangen und rollten Töne hervor mit vollen Mäglein und fröhlichen Herzen. Ei, war das schön! Bis Jesus ihnen zuwinkte, da streckten sie die Hälse vor, neigten die Köpfe und husch flogen sie fort.

Schöner war es ja noch, wenn der Frühling kam. Die Staren und Schwalben kehrten in ihre Häuser und Nester zurück. Jesus sah bald mit glänzenden Augen die Eierchen im Nest liegen, zu dem Josef ihn hochhob. Und wie die Vögel Klein-Jesus ehrten und ihm dankbar waren! Sobald die Sonne den ersten neugierigen Blick über die Hügelkette herüber tat und dem Himmel ein rosiges Lächeln ins Gesicht flog, kam ein kleiner Sänger zu Jesu Fenster und trillerte und lobte und tat froh, dass man sein Herzlein durch das Federkleid auf- und abspringen sah. Abends, wenn der Knabe zur Nacht gebetet, seinem Vater sich empfohlen und ans Himmelreich gedacht hatte, wenn er in seinem Nachtkittelchen in den Kissen lag, Mutter Maria noch hereinkam ihn zu segnen und zu küssen, abends, wenn dies alles geschehen war, fing wiederum ein Vogel bei ihm zu singen an. Und er ging nicht eher in sein Nestlein heim, bis Jesus sicher eingeschlafen war.

Die Vögel blieben ja auch Jesus im ganzen Leben treu. Eines kam noch zum Kreuz und wollte die Nägel aus Jesu Händen ziehen, ein anderes kam und wollte in die Dornen seiner Krone ein Nest bauen, ihm nahe zu sein. Rohe Soldaten trieben sie fort. – Als der Heiland vom Tod auferstand, waren die Vögel gleich da und er sandte sie zur Mutter, ihr meldend, dass er käme. Und als er von einer Wolke zu seinem Vater hinaufgetragen wurde, da hat Jesus – durch das Reich seiner befiederten Freunde schwebend – sie zum letzten Mal gesegnet und ihnen allen das Paradies versprochen.

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Die Großeltern

 

Joachim und Anna, der Gottesmutter Eltern, des Jesusknaben liebe Großeltern, waren auch in Nazareth. Sie bewohnten weiter drinnen in der Stadt ein Haus mit breiten Gängen, hohen Fenstern und vielen Türen. Sie hatten sich aber schon von der Welt zurückgezogen in ihre Stuben und lebten nur noch glückselig alle die Freuden mit, die sich im Leben ihrer erwählten Tochter zutrugen. Ein alter Diener und eine Magd hielten das Haus in Ordnung und umsorgten sie. Joachim und Anna taten viel Gutes an den Bresthaften und Armen, sie konnten all ihr Erspartes drangeben, denn Maria hatte nichts davon mit sich genommen, nur ihre Mädchenhabe, ihre Kleider, ihre Blumentöpfe, ihr Bibelbuch. Der Jesusknabe war natürlich die Sonne, die den sich niederneigenden Tag Joachims und Annas noch mit Morgenfrische und Hoffnung belebte. Wenn sein Lächeln in den Stuben aufblühte, wenn seine Stimme so silbern durch den Bass der Alten jauchzte, wenn seine Ärmchen Großvaters Hals umschlangen wie es alle Enkelkinder so zärtlich können, wenn der liebe Mund Großmutter anbettelte um ein Geschichtchen, ei da war es in Joachims und Annas Seele so voll Glück! Drum brachte Maria ihr Kind oft zu den Eltern und auch Josef ging sonntags gerne mit hin. Was gab es aber auch in Großelterns Haus Köstliches zu beschauen. Eine weiße Miezekatze hatte Jesus zwar selbst, aber der Dackelhund und der Papagei! Dann die Spieluhren und Großvaters Flöte. Er blies sie jubelnd, mit Trillern darin wie ein Jüngling. Schränke waren da, bemalte und schön eingelegte mit Sternen und Blumen. Kästen mit Schubladen und Lädelchen. Truhen mit Polstern zum Sitzen, Kommoden, auf denen Leuchter standen mit Kerzen, die manchmal vor Bildern und Figuren niedergebrannt wurden. Muhme Anna sah sich dann wohl noch selbst in der Küche um, dass ja die Milch für den Liebling dick war und süß, dass der Kaffee für die Großen aufs Beste bereitet wurde. Die Magd legte ein schneeweißes Linnen auf den runden Eichentisch. Mitten darauf kam der bunte Strauß, den Jesus und Maria von zu Hause mitgebracht hatten. Und wenn es Sonntag war, dann wurden Waffeln, Pflaumenkuchen und Honigzelten, alles nach alten, bewährten Rezepten bereitet, auf blinkenden Zinntellern aufgestapelt zum Sich-gütlich-tun. Joachim und Josef freilich, die griffen lieber bei Speck, Käse und Brotlaib zu und tranken hin und wieder ein Schöppchen herben Weines. Die treuen Dienstboten saßen beim Vesper mit an dem runden Tisch und freuten sich auch in ihrem dankbaren Herzen des Knaben. Wenn man aufbrach, gab es ein Abschiednehmen voll Wehmut und Freude aufs Wiederkommen. Das Kind wurde noch von den faltigen Händen gekost und auf den süßen Mund geküsst. Maria lag ihrer Mutter in den Armen, dass sie den Herzschlag ihrer Seligkeit recht verspüren konnte. Anna, die Mutter, war aber auch die einzige, die um Marias Sorge wusste, um ihres Herzens wehes Zucken, um ihre Träume von Schwert und Blut.

Im Städtchen brannten schon die Gaslaternen, als die Drei heimwärts gingen. Vor dem Stadttor war alles voll Zauber eines schönen Sommerabends. Der Mond hielt Sternenparade ab, die Felder lagen im Frieden, vom Bach herauf duftete schlaftrunken die Minze. Und siehe da, von dem Gebüsch herbei kamen in Scharen die leuchtenden Käferlein, umkreisten die heiligen Eltern und das Kind und zogen wie eine liebliche Lichtprozession ihnen voran nach Haus. Das Kind schlug die Händchen aneinander und seine Freude weckte die Lerche wach, die am Kornfeld schlief, so dass sie, von großer Lust getrieben, sich zum Himmel schwang. Josef und Maria beteten laut den Abendpsalm und als sie das Törlein zu ihrem Garten aufklinkten, sagten sie Amen, Amen.

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Die Spinne

 

Als Jesus schon in das Alter kam, da unsere Jungen zur Schule gehen, war er davon noch frei, ganz frei. Er durfte weiter auf dem Hügel an der Sonne liegen und in die Welt hineinträumen; er ging weiter mit Mutter Maria in die kleinen Kramläden Nazareths, Öl und Zucker, Salz und Mehl, manchmal auch ein Stück Fleisches kaufen. Was sie sonst noch zum Leben brauchten, gab ihnen ja alles der Garten. Salat und zarte Bohnen und samtene Pfirsiche. Äpfel und Birnen lagen mit Stängeln und Soßen in den Einmachgläsern. Dicke Milch erhielten sie von der alten braunen Kuh und ein paar Hennen versorgten Maria mit Eiern. Jesus war Marias treuer Küchen- und Gartenhelfer; er nahm die Eier aus, sammelte die Bohnen ein und pflückte Zinnien und Goldlack zum Strauß. Für Josefs Werkstätte war Jesus damals noch zu schwach. Nur die Späne durfte er kehren und dem Vater die Pfeife bringen. Der hob ihn wohl manches Mal auf die Knie und ließ ihn sachte reiten, nach Jerusalem, nach Bethlehem oder in das Himmelreich. Dann lächelte der Junge – wie ein Stückchen Himmelsblau, dachte Josef – und streichelte fast scheu über die Locken, die dicht und weich waren und schimmerten. Das allerliebste war es Jesus aber doch, draußen am nahen Hügel einsam zu liegen und zu sinnen. Hier in der Stille geschah es einmal, dass der Himmel über ihm eine Spalte auftat und der göttliche Vater ihm zurief: „Jesus, mein lieber Sohn.“

Braune Käferlein krabbelten zärtlich über die bloßen Kinderfüße, ein Vogel saß in seinem dichten Gelock wie in einem warmen Nest, kam ein weißes Kaninchen und machte artig Männchen, brave Bienen, die Höschen voll goldenem Honig, summten im Kranz um ihn, ein Falter wippte auf Jesu ausgestreckter Hand! Die Tiere wussten es längst, dass das liebe Kind der heilige Erlöser ist.

Ein Tierchen nur getraute sich nicht zum Kind heran. Die ihm freilich nicht recht erklärliche Angst, dem Kind durch seinen Anblick weh zu tun, hielt das Tierchen fern. War es denn hässlich? Doch auch die grauen, obendrein noch frechen Spatzen und die einfältig piepsenden Mäuse durften bei ihm sein. Da wagte es denn endlich auch Frau Spinne, auf Jesuleins Fuß zu klettern. Aber sieh! Da geschah es schon, was sie befürchtete. Jesus fuhr angstvoll zusammen. Seine Augen wurden dunkel wie der Nachthimmel; doch statt Sternenpracht und allen Wundern leuchtete nur Weh aus ihnen. Die Tiere erschraken, das schlanke Reh, es stand eng an Jesu Seite, hörte wie des Knaben Herz hämmerte. Die halb offenen Lippen formten ein grausames Wort: das Kreuz! Traurig kroch die Spinne weg. Alle Tiere dachten an den Abschied. Jesus wollte gewiss zur Mutter heim. Sie drängten sich nochmals recht an ihn und Jesus hob die zitternde Kinderhand und segnete sie.

Als er allein war, beugte er sich ins Gras, holte das Spinnlein auf seine Hand, ließ ihm das Pochen seines Herzens hören und streichelte über das helle Kreuz.

Spinnlein saß wieder im Gras. Jesus war müde, bog den Kopf nach rückwärts und schlief ein. Als die Sterne kamen, holte Maria den Jungen heim. „Mutter, Mutter, das Kreuz“ – schlaftrunken lallte das Kind. Über Marias Glück, das silbern wie die Mondsichel in ihrer Seele hing, zog schwarz die Wolke. Sie fasste Jesu Hand und presste sie auf Wangen und Mund. Von allen süßen Gute-Nacht-Liedern fiel ihr keins zu. Nur das eine: Lass vom Kreuz dir nichts träumen, allerliebstes Jesulein. Davon wirst du nichts versäumen, jetzt bist du noch viel zu klein.“

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Die Freunde

 

Auf schönen Bildern sehen wir sie oft zusammen: Jesus und Johannes und das Lamm. Dann aber hatte Klein-Jesus auch noch andere Freunde. Die Heckenrosenstaude, unter die Vater Josef ihm ein Bänklein zimmerte, den Weidenbaum, der draußen am Bach stand, aber mit seinem Wipfel in den Garten hinein sah und die Tanne, die jung war wie er und mit ihm im Wachsen wetteiferte. Einst schlief Jesus unter dem Heckenrosenstrauch ein und tat einen Traum voll Wehe und doch wieder voll Süße. Es war die Zeit gekommen, da er nicht mehr Junge, sondern ein Jüngling, ja ein Mann geworden war. Eine Stimme rief ihm vom Himmel herab zu, rief aus seinem Herzen heraus, rief ihm von den Lippen der Menschen entgegen, dass er kommen solle, dass man auf ihn warte, dass er hinaus gehen solle zu lehren, Wunder und Liebes zu tun und die Menschen mit seinem Tod erlösen. Und er ging hin und tat, was ihm seliges Müssen. Und die Menschen sangen ihm Lieder oder spotteten seiner, brachten ihm ihre Herzen dar oder schickten ihm ihre Henker nach, tranken sich aus der Quelle seiner Lehre gesund oder trübten sie und nannten ihn Lästerer Gottes. – Und Jesus träumte von Qualen, Blut und Tod. Man band ihn an die Säule und hieb mit Ruten vom Weidenbaum auf ihn ein. Da musste Jesus des Weidenbaumes gedenken, der am Bach vor seiner Eltern Garten stand und seinen Spielen zusah. Da sah Jesus die kühlen, munteren Wellen, die so sorgsam den Knaben trugen, den Maria ihnen anvertraute. Und er hörte seiner Mutter Stimme: „Du Lilienblüte, schaukelnd auf Baches Wellen, du Perle aus der Muschel meines Leibes gebrochen, du Fischlein, gefangen im Netz meiner Liebe.“ Und der Weidenbaum stand daneben in Ehrfurcht und Seligkeit. Nun würden sich seine Zweige senken, das wusste Jesus, nun würde er ihm nicht mehr ins Angesicht zu schauen wagen. Der Gute, dachte der Heiland, und hat mir doch die bitterste Stunde gekürzt.

Man krönte den Heiland mit Ranken vom wilden Rosenstrauch; ohne Blüten waren sie, nur voll der spitzen Dornen. Als diese Dornen ihm in die Stirn drangen und er leise stöhnend den Kopf herniederbog, dass die rote Farbe des Spottmantels ihn blendete, da stand ein leuchtender Strauch vor ihm. Süßer Duft ging von ihm aus. Die Heckenrosen, die Heckenrosen! Und Jesus war es, als säße er in dem Winkel der seligen Kinderzeit, auf dem hölzernen Thrönlein, das sein Vater ihm gezimmert und alles huldigte ihm, Bienen und Falter und die lustigen Vögel. O Soldatenroheit und grausamer Spott, was seid ihr dagegen!

Und Jesus träumte weiter bis zu der Stunde, da man ihm das Gewand herunterriss und ihn auf die Balken des Kreuzes hinstieß, das am Boden lag. Jesus legte das dorngekrönte Haupt auf sein Holz und spannte gehorsam die Arme aus. Das Kreuz, o es war hart darauf zu liegen und doch auch wieder weich, wie auf etwas, das einem zugehört. Es war weich darauf zu liegen wie auf etwas, das einen gerne aufnimmt und einen schirmen will, so es nur könnte. Das Kreuz war ja aus den Brettern des Tannenbaumes, aus dem Holz des jungen Baumes, der mit ihm im Wachsen wetteiferte. Nun hatten sie beide das Vollalter erreicht und es kam schon das Sterben. Das Tännlein musste für Jesus sterben. Jesus starb für alle Kreatur. O das Kreuz! Lind war es und sanft, darauf zu ruhen. Einst war es ein Bäumchen mit Wipfelgrün und Vogelbesuch. Kinderhände griffen in die Äste und freuten sich am Tännlein.

Da wachte Klein-Jesus auf; ob seinem Haupt blühten die Rosenkelche, der Weidenbaum schwenkte seine Äste über den Zaun und rief ihn zum Spiel; dort stand das Tännlein, reckte sich auf den Zehen und wuchs. – Jesus war froh, dass alle seine Freunde in gesunder Frische um ihn waren und dass nahe durch das Grün das Kleid der Mutter schimmerte.

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Das Miseräbelchen

 

Klein-Jesus spielte gerne mit den Kindern von Nazareth. Er warf mit ihnen Bälle, tat Haschen und Verstecken mit und war der Anmutigste im Reigen. Er war Kind unter Kindern, ihr bester Kamerad. Rings um den Anger knieten wohl die Engel und beteten ihn an. Er wusste nichts davon. Es war kein Unterschied zwischen ihm und den Gespielen – außer dem, dass auf seinem Gesicht das schönste Lächeln blühte, aus seinem Mund das süßeste Lied kam und dass er immer voll Frieden war. – Nur wenn Jesus hinüberging in das Häuschen der Witwe (nächst dem Zimmermannshaus), mit dem armen Mädchen zu spielen, da war es anders. Da war er Heiland, Wundertäter, Gott. Das Mädchen, ein wenig jünger als Jesus, war ein krankes, zurückgebliebenes Kind. Seine Sprache war den Menschen zu unverständlich, sein Gesichtlein zu mager und blass; sein Körperchen war zu elend, als dass es hätte mitspringen und reihen können. Sein Seelchen freilich, das blühte wie ein Röslein; und Klein-Jesus war dieses Rösleins Sonne. Wenn sie zusammen waren, abgeschieden von allen Menschen, dann baute Jesus eine Welt der Wunder um das arme Kind. Wahrhaftig, da sah Miseräbelchen die Engel in seinem Stübchen aus- und eingehen, sah einen herrlichen Namen auf der Stirn seines Gespielen glänzen, war selbst weißgewandet und mit Blüten geschmückt. Und schöner noch als all die Kinder auf dem Anger sang es Gottes Lob. Es bekam eine Geige, mit der konnte es jubeln wie die Lerchen. Waren Jesus und das Mädchen im Gärtchen, dann kamen die Tiere voll Zutrauen auch zu Miseräbelchen. Die Bienen stachen nicht, die Falter ließen sich auf die Fingerspitzen nieder; wenn sie die Knospen betasteten, taten sie sich auf, welke Blumen schwollen zu neuem Blühen, so Jesus sie an die Lippen drückte. Das Kind hütete das Geheimnis der Wunder. Seine Tage – immer mehr voll Schmerzen – flossen ihm von Freude über. Bis ihm Jesus eines Morgens sagen konnte, dass es nach des Vaters Willen in den Himmel soll.

Und so starb Miseräbelchen. Hand in Hand des Freundes. Das Fenster stand offen, die Schwalben und Lerchen kamen bis an das Bett. Jesus hatte einen Kranz aus Sternchen geflochten, der schmückte das Mädchen. Die Mutter kniete vor dem Bett leise schluchzend. Horch, da begann Jesus das heimatliche Abendlied. Die Sterne am Himmel funkelten auf. Trost segnete das Herz der Mutter. Miseräbelchen lächelte immer noch, als es schon längst eingeschlafen war.

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Der Dom

 

Die Sehnsucht aller Kinder, die im heiligen Land lebten, war es, bald in die Hauptstadt Jerusalem zu kommen. Dort gab es – von den erzählenden Eltern und von den Pilgern wussten sie es – immer einen lustigen Wirrwarr von Menschen, gab es Geschäfte voll der seltsamsten Dinge, gab es Edelherren und schöne Damen, die in goldenen Kutschen spazieren fuhren oder sich in gläsernen Sänften durch die Palastgärten tragen ließen.

In Jerusalem gab es auch Soldaten in prachtvollen Waffenröcken und mit silbernen Helmen, auf denen goldene Adler die Flügel spreiteten. Ach, was gab es dort nicht in Jerusalem?!

Auch Jesus dachte voll Sehnsucht an Jerusalem. Dort stand der hohe Dom. Das edle Haus, das Gezelt, das die Menschen dem Vater gebaut hatten, ihn zu drängen, bei ihnen zu sein. Seine Mutter hatte dort Gott gedient als Tempeljungfrau, die heiligen Geräte und die priesterlichen Gewänder gewaschen, gehofft, gebetet und sich gesehnt nach dem Heiland. Dort vor Gottes Angesicht war sie aufgeblüht wie eine liebliche Aue, wie ein duftender Zedernwald. Später dann reichten sich Maria und Josef an den Stufen, die zur hohen Pforte des Tempels hinaufführten, die Hände, um gemeinsam hineinzugehen in das Heiligtum vor den segnenden Priester hin. – Jesus wusste von der Mutter, dass der Dom von reichen, frommen Königen so prächtig erbaut worden war und, dass er die steingewordene Klage, Sehnsucht, Hoffnung des Volkes Gottes bedeute. O, diese hohe, in Sehnsucht anschwellende Halle, wie sah der Junge sie vor sich! Wie sie selbst lebendig in ihrem Höhendrang an Alles ihr Leben mitteilt. Wie sie angefüllt ist mit der Erhabenheit der Säulen, mit der Zierlichkeit des Maßwerkes. Gewinde von Blumen und Früchten blühen und reifen. Sterne tanzen. Und wenn das Licht der Sonne hereinflutet, fangen die Glasgemälde zu leuchten an, Priester schreiten im Rhythmus. Das Wunder ist sichtbar geworden und das Volk erschaudert vor Gott.

Jesus wusste es ja, dass er dort seinem Vater nicht näher sein konnte, als er ihm hier im Haus seiner Eltern, als er ihm im Sonnenschein des Angers oder im Staub der Landstraße war. Aber es zog seine Seele doch dorthin, wo die Menschen zusammenkamen den Vater zu preisen. Und er jubelte, als seine Mutter ihm vom Ostergang nach Jerusalem sprach.

Der junge Esel, ein Füllen des guten Tieres, das Maria ins Ägypterland getragen hatte, wurde für die Reise gezäumt und ihm ein Bündelchen mit Lebensmitteln an den Halfter geknüpft. Maria ritt das Tier, Josef führte es auf schwierigen Wegen, Jesus ging ein paar Schritte voraus. Vor seiner Seele wölbte sich ein anderer Tempel und Gott Vater sprach zu ihm, dass er es sei, der da zur Welt gekommen, die Sehnsucht der Menschen zu erfüllen. Er musste seine Arme gegen Himmel breiten und seine Seele sang: „Vater, siehe da, ich bin das Haus wo deine Liebe wohnt. Vater, ich sehe die Erde von deiner Gnade überfluten und ich sehe den Dom, zu dem sich Mensch und Mensch zusammenschließen. Vater, du stelltest den Thron deiner Herrlichkeit in das Herz des Menschen hinein.“

 Da tat der Wald sich auf. Sonnenumflutet lag Jerusalem. Der Dom glänzte in einer Wolke des Lichtes. Jesus ließ sich auf die Knie nieder, Maria stieg vom Tier, sie stellten das Eselein in den Gaststall einer Schenke am Tor und schritten dann Hand in Hand in die Stadt hinein.

Als Jesus im Haus des Vaters, voll des heiligen Geistes, dem Drang des Herzens nicht mehr länger wehren konnte und er den Priestern des alten Testamentes von dem neuen Bund sprach, den Gott mit der Menschheit zu schließen gedenke, da waren die einen voll Ärger, die anderen voll Unglauben, die dritten voll Freude.

Aber Jesu Sendungsstunde war noch nicht gekommen. Erst dem Mann war die Erfüllung dessen vorbehalten, was das Kind verheißen konnte. Und so ging denn der zwölfjährige Jesus, als seine Eltern ihn im Kreis der Lehrer aufgefunden hatten, mit diesen wieder heim nach Nazareth. Und er diente ihnen in Liebe bis die Stunde kam, die ihn rief.

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