Schriftsteller und Dichter im Marien-Dienst

 

Gott schützt die Ehre seiner Mutter

 

Der französische Schriftsteller Louis Veuillot schreibt in seinem Buch „Erinnerungen“:

 

Zu dreien zogen wir im Mai 1809 in den spanischen Krieg. Zwanzig Jahre zählten wir, hatten lustiges Blut und drei alte Flinten zu tragen. Wir waren zu dritt: Jean, Paul und ich, alle drei Söhne desselben Dorfes. Wir taten uns groß mit gottlosen Redensarten.

 

Eines Morgens mussten wir die Grenze überschreiten. Noch sehe ich deutlich den Ort vor mir. Über dem alten Portal der Kirche stand ein Bild der heiligen Jungfrau. „He“, rief Jean, „kommt her, das Ding da schießen wir herunter!“ Sogleich lud Paul seine Flinte und legte an. Die Kugel drang in den Kopf der Statue, in die Stirn zwischen die Augen. Jean schoss und traf sie mitten ins Herz. Ich legte auch an. Mein Pulver flammte auf, während ich ins Blaue zielte. Die Kugel drang dem Bild ins Bein, gerade über dem Knie.

 

Nach dieser Tat machten wir uns auf, um in Spanien einzufallen. Heiß ging es her. Eines Abends legten wir uns auf dem Schlachtfeld zur Ruhe. Plötzlich fiel von einem Felsen ein Schuss, und Paul sank getroffen zu Boden. Die Kugel war ihm in die Stirn gedrungen, gerade zwischen die Augen. Starr wir Marmor und totenbleich standen wir beide da. Seite an Seite lagen wir dann die ganze Nacht, mit offenen Augen und ohne ein Wort zu sprechen. Aber die wachgerüttelte Seele eilte vom Bild des toten Freundes zum Bild der Jungfrau, „Nun ist die Reihe an mir“, sagte Jean.

 

Die Schlacht war heiß. Jean und ich hatten wacker unsere Pflicht getan. Wir kehrten zum Biwak zurück. Nirgends ein lebendes Wesen. Da knallte aus einem Graben, der mit Toten und Sterbenden angefüllt war, ein Schuss aus einer Büchse. Jean wand sich ins Herz getroffen, im Straßenstaub. Zwei oder drei Minuten später war der Unglückliche eine Leiche.

 

Es kam die Stunde des Sieges. Wir zogen zurück nach Frankreich. Es war ein schöner Abend, als wir singend die Grenze überschritten. Da knallte ein Schuss, man wusste nicht, woher. Die Kugel verletzte mein Bein oberhalb des Knies. Man verband mich an Ort und Stelle. „Ein kleiner Mückenstich, nichts weiter“, sagte der Major.

 

Acht Tage später fanden sich Würmer in der Wunde. Man ölte mich ein, man schnitt mich, aber die Würmer waren hartnäckig und blieben. Seit zwanzig Jahren büße ich nun schon. An der Stelle, wo bei der Statue meine Kugel eindrang, haben die Würmer in meinem Körper eine ständige Wohnung. Ich erflehe vom lieben Gott Mut und Heilung. Will er mich nicht erhören, so hat er hundertmal recht.

 

Meine Geschichte bekommt jeder zu hören, und ich füge hinzu: „Es gibt dort oben jemand, der alles sieht und richtet.“

 

Als Zeugen dienen mir die Wunde und die Würmer.

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Das Lied "Salve Regina!"

 

Der Dichter dieses Liedes

 

Hermannus, mit dem Zunamen Contractus, hatte den Grafen Wolferad II. von Beringen zum Vater, und die aus vornehmen Geschlecht stammende Hiltrude zur Mutter, und wurde 1013 geboren.

 

Unter der Pflege seiner vorzüglichen christlichen Mutter öffnete sich mit dem Verstand auch sein Herz dem Glauben und der Frömmigkeit. Von zartester Jugend an war er ein Kind des Segens, das Gott den Herrn mit dem Herzen eines Engels liebte. Er wuchs wie im Alter so auch in der Erkenntnis, als ihn im sechsten Jahr eine Krankheit befiel, die, als Folge von Erkältung, sein leibliches Wachstum plötzlich hemmte und alle seine Glieder zusammenzog, von woher er den ihm von seinen Zeitgenossen gegebenen und in der Geschichte bewahrten Beinamen: „Contractus, der Zusammengezogene“ erhielt.

 

Diese Heimsuchung hemmte ihn, dem Unterricht in seinem ganzen Umfang weiter zu folgen, den er seit seiner Kindheit erhalten hatte. Seine Leiden, seine Schwächen wirkten ja auch auf seine geistige Entwicklung nachhaltig zurück. Er konnte in diesem beklagenswerten Zustand keine tiefe, echte Bildung erlangen und sein Geist blieb sonach ein Brachfeld. Sein Herz jedoch blieb es nicht. Gott wirkte in ihm und erleuchtete ihn mit dem Licht des Glaubens, erfüllte ihn mit christlicher Liebe, beseligte ihn mit der Hoffnung im Kreuz Jesu Christi, und zierte und bereicherte ihn mit den Tugenden der Auserwählten. Er machte also große Fortschritte in der Wissenschaft des Seelenheils, dieser Wissenschaft aller Wissenschaften. Und wenn er in irdischen Dingen nicht von Kenntnis zu Kenntnis gelangte, so gelangte er, was ja unendlich mehr gilt, von Tugend zu Tugend in der Nachfolge Jesu und Marias.

 

In dieser Bedrängnis brachte Hermann zehn Jahre, schwer gebeugt durch körperliche Leiden und Ungelehrsamkeit in weltlichem Wissen, jedoch in stets innigster Verbindung seines Herzens mit Gott, zu.

 

Inzwischen betete er mit Inbrunst zu Gott und der allerseligsten Jungfrau Maria, seine Krankheit zu heilen und ihm vollkommene Gesundheit und den Gebrauch seiner Glieder wieder zu schenken, um sich kräftiger ihrem Dienst weihen und alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu ihrer Verherrlichung anwenden zu können. Seine Bitten blieben nicht ohne Erfolg. Gott und Maria erhörten ihn und setzten ein Ziel den Leiden und Entbehrungen, denen dieses Kind unterworfen gewesen, dadurch aber auch von der frühesten Jugend an in der heldenmütigsten Geduld geübt worden war.

 

Eines Tages nun, nach einer noch andächtiger als jemals empfangenen heiligen Kommunion, nach der Hermann sich rückhaltlos dem lieben Heiland und seiner gütigen Mutter aufgeopfert hatte, erschien ihm Maria und sprach zu ihm: „Mein Kind, es ist den anbetungswürdigen Absichten Gottes gemäß, in deinem Siechtum die Macht und die Güte des Herrn zu offenbaren. Deine Ergebung war ihm wohlgefällig. Deine täglichen Gebete sind zu ihm aufgestiegen und er will sie erhören. Bis jetzt fehlte dir die Gesundheit und die Wissenschaft. Weder dein Körper noch dein Geist hatte ein fröhliches Gedeihen. Verlange also eine dieser beiden Gaben: Gesundheit oder Wissenschaft! Bezeuge es, welche von diesen beiden Gaben du vorziehst und dein Wunsch soll erfüllt werden!“

 

Hermann besann sich nicht lange. Trotz den Peinen, die ihm seine Krankheit bereitete, begehrte er die Wissenschaft, die er als die Leuchte erkannte, durch die er sowohl sich selbst, als auch den Schöpfer und seine Werke, alles Sichtbare und Unsichtbare, besser erkennen werde.

 

Und die heilige Jungfrau erwiderte: „Du sollst also die Wissenschaft erlangen. Und von Gott füge ich dir noch eine andere Gabe hinzu, durch die du die erste wirst besser geltend machen können, es ist die Gabe der Gesundheit, die dir gleichfalls seit so vielen Jahren mangelt.“

 

Dieses Versprechen erfüllte sich schnell. Hermann wurde plötzlich geheilt. Die Kraft und Gelenkigkeit wurde seinen Gliedern wieder gegeben und sein Verstand nahm schnell und ohne Anstrengung die Wissenschaften auf, die in seinen Bereich gehörten.

 

Um Gott besser dienen und sich dem Studium ohne Zerstreuung widmen zu können, verließ Hermann die Welt, nahm in einem Alter von 30 Jahren das Ordenskleid des heiligen Benedikt und schloss sich in das Kloster von St. Gallen ein. Er machte hier solche Fortschritte in den Wissenschaften und Künsten, dass er in kurzer Zeit als ein Wunder der Gelehrsamkeit galt. Die Heilige Schrift, die Weltweisheit, die Geschichte, die Astronomie, die schönen Wissenschaften, die Musik, die lateinische, griechische, hebräische und arabische Sprache, kurz – alles eignete er sich schnell und ungezwungen an, und er wurde in allen diesen Kenntnissen so eingeweiht, dass er für den gelehrtesten Mann seiner Zeit galt.

 

Man besitzt eine Chronik und andere Werke von ihm, die seinem Geist Ehre machen.

 

Als Denkmal seiner Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, dieser Königin seines Herzens und seiner Wohltäterin, dichtete und komponierte er unter vielen anderen Hymnen und Antiphonen auch den wunderbaren Marien-Gruß:

 

„Salve Regina, Mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra salve!

Gruß dir, Königin, der Barmherzigkeit Mutter! Du, unser Leben, Wonne und Hoffnung, Gruß dir!

 

Ad te clamamus exules filii Hevae!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas!

 

Ad te suspiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle!

Zu dir seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Tal der Tränen!

 

Eja ergo advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte!

Darum wende du, unsere Fürsprecherin, voll Erbarmen deine Blicke auf uns!

 

Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!

Und zeig uns, nach unserer Verbannung, Jesum, die gesegnete Frucht deines Leibes! –

 

O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria!

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!”

 

(Die letzte Zeile, der Schlussruf besteht aus Worten des heiligen Bernard)

 

Die Kirche hat diesem Hymnus die Ehre erwiesen, ihn in ihre Gebets-Liturgie aufzunehmen. Welch eine hehre Anerkennung für den Verfasser dieses Marien-Grußes! Wie viele Huldigungen sind bereits durch ihn von unserer Erde zum Thron der Gebenedeiten des Herrn emporgestiegen, und wie viele Gnaden gelangten dadurch vom Himmel und aus den Händen der Mutter der Barmherzigkeit in unsere Wüste herab! –

 

Das Sterbe-Stündlein des Dichters dieses Liedes

 

Im Kloster wurde Hermannus Contractus der Lehrer des Mönches Berthold. Und dieser Schüler bezeugt von dem Dichter des so hehren Muttergottes-Liedes: „Salve Regina!“ folgendes:

 

Hermann war ein fleißiger Handhaber der Demut und Liebe, von wunderbarer Geduld und gar schnell im Gehorsam, ein Freund der Keuschheit und Beschützer jungfräulicher Unschuld, ein freudiger Verehrer der Barmherzigkeit, ein unbesiegbarer Kämpfer für die katholische Wahrheit, ein bewährter Prediger der christlichen Religion, ein Mann von nicht geringer Bescheidenheit, Mäßigkeit und Enthaltsamkeit. Als Ordensbruder wurde er ein rechter Pfleger eines heiligen und ehrbaren Lebens. Höchst wohlwollend, gesprächig, angenehm und leutselig, betrug er sich gegen alle so, dass er zu allen tüchtig und bereitwillig sich finden ließ und deswegen von allen geliebt wurde. Er war ein unermüdeter Feind und Streiter gegen Unbilligkeit, Ungerechtigkeit und Bosheit jeder Art, kurz alles dessen, was Gott zuwider ist. So war Hermann als Mensch und Ordens-Bruder. Und gleich ausgezeichnet erscheint er auch als Gelehrter.

 

Nur eine kurze Laufbahn war dem wackeren Mann beschieden. Und als Gottes Gnade endlich seine fromme Seele für würdig hielt, dass sie aus dieser irdischen Prüfungsschule befreit würde, ergriff ihn ein Anfall, der ihn zehn Tage darniederlegte. Er litt beinah unausgesetzt und schrecklich an diesem tödlichen Anfall. Da eines Morgens früh, als ich, den er vor allen zum Vertrauten hatte, nach versehenem Gottesdienst dem Kranken nahte, und ihn fragte: ob er sich etwas besser befinde, antwortete er: „Du sollst nicht sage ich, solches nachforschen; vielmehr horche auf das, was ich dir, auf den ich nicht wenig vertraue, erzählen will. Ohne Zweifel werde ich gleich sterben, und dann genesen: daher empfehle ich dir und all den Menschen einzig und allein meine sündige Seele. Die ganze Nacht hindurch war ich in einer Art von Verzückung. Es däuchte mir, als ob ich den Hortensius des Tullius Cicero, ebenso, wie wir das Gebet des Herrn zu lesen pflegen, wachend gelesen und wieder gelesen hätte; noch ist mir der Sinn des Gelesenen geblieben. Auch die Handschrift der Materie über die Laster, welche ich mir vorgenommen habe zu diktieren, habe ich gelesen, wie wenn sie schon geschrieben gewesen wäre, und noch mehr der Art. Dieses Lesen nun hat bei mir so große Verachtung und Ekel gegen diese Welt, mit allem, was sie hat, und selbst gegen dieses Leben, so wie im Gegenteil – nach jener zukünftigen und unvergänglichen Welt – ein solches Verlangen und Liebe erregt, dass ich all dies Vergängliche gleichsam für Nichts und Eitelkeit und für Tand erachte! Mich schmerzt es, noch zu leben!“

 

Ich, über diese Erscheinung und Rede nicht wenig erstaunt, zerfloss ganz in Tränen, wie es auch recht war, über den Hingang eines solchen Lehrers und Freundes, und konnte kaum mich halten, dass ich nicht gegen allen Anstand laut weinte.

 

Hierauf sagte Hermann: „Wolle nicht, mein Freund, über mich weinen, sondern vielmehr frohlockend mir Glück wünschen! Nimm hier meine Schrift, und was noch daran zu schreiben ist, das verbessere fleißig, und dann erst übergib es geschrieben denjenigen, welche es würdigen. Du aber denke täglich daran, dass du sterben musst. Bereite dich immer vor auf diese Reise mit allem Streben und Trachten, weil du nicht weißt, an welchem Tag oder zu welcher Stunde du mir, deinem liebsten Freund, folgen musst!“

 

Das waren seine letzten Worte.

 

Hernach wurde seine Mattigkeit von Tag zu Tag größer und er nahte seinem Ende. Gänzlich auf das Himmlische gerichtet – empfing er, nachdem er seine Sünden aus dem Grunde des Herzens gebeichtet hatte, voll Demut das Mahl des Herrn. – Mehrere, die um ihn zusammenströmten, Brüder, Freunde und Vertraute sangen, beteten und weinten einstimmig, bis er endlich eines sanften Todes, was er immer vor allem gewünscht hatte, verschied, am 24. September 1054, der glückliche und unvergleichliche Mann. – Er hinterließ den Seinigen nichts, als viele Tränen! –

 

Das Entstehen der Schlussworte zu diesem Lied

 

Der heilige Bernardus, Abt von Clairvaux, hatte sich im Jahr 1146, von Papst Eugen III. dazu beauftragt, auf den Weg gemacht, um die Begeisterung der Deutschen nach Palästina zu lenken, das wieder vielfach von den Ungläubigen bedroht wurde, und durch ihre Übermacht den Christen wieder leicht konnte entrissen werden. Aus der Schweiz, über Straßburg, war er den Rhein herabgefahren und landete am Vorabend des hochheiligen Weihnachtsfestes vor Speyer. Er kam. In feierlichem Zug, mit Kreuz und Standarten, voraus die Zünfte mit brennenden Kerzen und Zunftzeichen, gingen ihm der Bischof, die Geistlichkeit und die Bürger von Speyer entgegen, und führten ihn, unter Glockengeläut und Gesängen, durch die Stadt hinauf an das Münster, wo der Kaiser Konrad und die Fürsten des Reiches ihn, als des Papstes Legaten, mit Ehrerbietung empfingen.

 

Unermesslich war das Zuströmen der Menge. Aus der Nähe und Ferne waren sie gekommen – den heiligen Mann zu sehen, dessen Wort als Gottesspruch (divinum oraculum), er selbst als Wundertäter verehrt wurde.

 

Unter dem lauten Lobgesang „Salve Regina!“, den Hermannus Contractus ehedessen zum Preis der glorreichen Himmelskönigin Maria gedichtet hatte, bewegte sich der Zug hinauf zum Chor, den verehrten Mann in der Mitte, auf dessen frommen Sinn die erlauchte Versammlung der Ersten des deutschen Reichs, ihren Kaiser, das Oberhaupt der christlichen Welt, an der Spitze, die zuströmende Menge der Gläubigen und die Herrlichkeit des weitberühmten Gotteshauses, besonders tiefen Eindruck machen mochten.

 

Und als nun die letzten Worte des Lobgesangs verklungen waren, da setzte der fromme Abt, von Begeisterung fortgerissen, nach den Worten:

 

„Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!

 

Und zeig uns, nach unserer Verbannung, Jesum, die gesegnete Frucht deines Leibes!“

 

mit denen seither immer, und auch hier, der Hymnus schloss, noch die dichterischen Ausrufungen hinzu:

 

“O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria!

 

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!”

 

Diese Worte wurden von da an in allen Kirchen der christlichen Welt gesungen bis auf den heutigen Tag, im Speyrer Dom aber jeden Tag durch das ganze Jahr der ganze Hymnus. Und die Speyerer beschlossen, das Andenken an den Heiligen, sowie an die Worte, die zuerst in ihrem Münster zum Lob der allerseligsten Jungfrau Maria, des Doms Patronin, aus seinem Mund erklungen waren, noch auf eine andere bleibende Weise der Nachwelt zu überliefern.

 

In dem mittleren Gang des Langhauses ließen sie vier Messing-Platten in den Boden einlegen, auf denen obige Worte eingegraben standen. Auf der ersten: „O clemens!“ – auf der zweiten: „O pia!“ – auf der dritten: „O dulcis!“ – auf der vierten: „Virgo Maria!“ – in vier Entfernungen, dreißig Fuß voneinander. Die erste beim großen Tor, die letzte dicht an den Treppen des Königschores, zu den Füßen des hochberühmten Marienbildes daselbst.

 

Diese vier Messing-Platten sind aber, und vielleicht schon beim Dom-Brand vom Jahr 1689, verschwunden. An ihrer Stelle sieht man jetzt nur noch vier von Stein eingelegte siebenblätterige Rosen, jede drei Fuß im Durchmesser, gerade unter den vier Kreuzgewölben des Langhauses.

 

Die Entfernung der Platten – je dreißig Fuß voneinander – gab zu der Sage Veranlassung: Der heilige Bernardus habe bei jedem Gruß einen dreißig Schuh langen Sprung gemacht. –

 

Die Verehrung dieses Liedes bei den Dominikanern

 

Der gelehrte Dominikaner-Mönch Johann Benedikt Perazzo, der uns in seinem berühmten Werk „Ecclesiastes Thomisticus“ auch eine Erklärung des „Salve Regina!“ hinterlassen hat, berichtet über diesen marianischen Hymnus: dass er, gemäß einer Anordnung der Oberen des Dominikaner-Ordens, täglich nach vollendeter Komplet in der Mitte der Kirche von allen Ordens-Brüdern in feierlicher Weise gesungen wurde. – Dieser Gebrauch rührt aber von dem seligen Jordanus her, der zum „Salve Regina“ eine ganz besondere Andacht hatte. Einmal nämlich, während dieser Antiphone im Chor gebetet wurde, sah der fromme Ordensmeister, wie die heilige Muttergottes, begleitet von vielen seligen Geistern des Himmels, durch die Gänge des Klosters zog und mit Weihwasser die Zellen der Brüder segnete. –

 

Mehrere Päpste haben all denen, die diese Andacht mitbeten, Geistlichen, sowie Laien, einen Ablass von mehreren Tagen verliehen. –

 

Wie nun alles, was neu beginnt, mit Widersprüchen zu kämpfen hat, und wenn es auch ein Institut ist, das besonders die Ehre Gottes und das Heil der unsterblichen Seelen anstrebt, insbesondere, alsbald die Nachstellungen des bösen Feindes erfahren muss, um durch das Feuer der Trübsal erprobt zu werden, so hatte denn der Dominikaner-Orden bei seinem Beginn gleichfalls viele Drangsale zu erleiden.

 

Damit indessen der Orden in all diesen Prüfungen sich des besonderen Schutzes der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin erfreuen könnte, so wurde auf dem General-Kapitel, das unter Jordan, dem ersten Ordens-General nach dem heiligen Dominikus, im Jahr 1224 gehalten wurde, verordnet: dass von nun an in allen Konventen und Klöstern des Ordens täglich nach vollendeter Komplet von allen Brüdern und Schwestern das „Salve Regina!“ gebetet werden sollte, und zwar in der Weise, dass sie, sobald das Brevier-Gebet geschlossen sei, je Zwei und Zwei aus den Chorstühlen hervortreten, den Hymnus anstimmen, in Prozession bis zur Mitte der Kirche vorschreiten, dort sich einander gegenüber stellen, den heiligen Gesang vollenden und nach Abbetung der zum Hymnus gehörigen Oration wieder in den Chor sich zurückbegeben.

 

Das Capitel von Valenz bestimmte jedoch (1647) in der sechszehnten Verordnung, dass die Ordens-Mitglieder die Worte:

 

“Eja ergo advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte,

Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!“

 

gegen den Altar gewendet und auf den Knien liegend beten sollen. – Und zum Zeichen, dass die durch Marias Fürbitte erlangten Gnaden gleich einem wohltuenden Regen, der auf dürre Felder herniederträufelt, die Seelen erquicke, mussten zwei Priester, indessen der Hymnus gesungen wurde, diese Ordens-Mitglieder, sowie auch die anwesenden Laien, mit Weihwasser besprengen. –

 

Nicht selten sah man während dieser Andacht die glorreiche Himmelskönigin erscheinen und den Sängern ihren Segen erteilen, woraus genugsam erhellt, wie angenehm ihr dieses Opfer der Verehrung sei. –

 

Der heilige Bernardus, der das „Salve Regina!“ in mehreren Reden erklärt hat, sagt (in der ersten Rede) über den hohen Wert und die Reichhaltigkeit dieses Hymnus: „Von Heiligen ist dieses Lied verfasst, von Heiligen ist es eingeführt, darum wird es nur von Heiligen würdig benützt werden, denn, in der Tat nur von religiösen, in heiliger Begeisterung glühenden Gemütern wird es nach seiner Zartheit verstanden und mit Erbauung gesungen werden. Es ist so süß in der Bezeichnung der Gnadenwege, so fruchtbar zur Anregung heiliger Empfindungen, so tiefgehend in der Erörterung der Geheimnisse, dass es von uns nie nach Verdienst betrachtet und erläutert werden kann. Da es aber so lieblich in unserem Ohr erklingt, wirkt es sanft belebend auf alle Gefühle, befruchtet durch deren Fülle den Geist, und wendet uns, so zu sagen, mit dem Mark der Seele hinan zur Königin der Heiligen, zu unserer Fürsprecherin, die wir, gleich als ob wir sie mit leiblichen Augen zu sehen vermöchten, als gegenwärtig begrüßen.“ –

 

In vielen Diözesen wird das Lied „Salve Regina!“ auch nach den Begräbnissen gesungen, um die allerseligste Jungfrau Maria um ihre mütterliche Fürbitte für die armen Seelen im Reinigungsort recht inniglich anzuflehen. –

 

(Aus: Erscheinungen der Jungfrau Maria von Paul Sauceret)

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Jubel-Grüße an Maria - St. Johannes von Damaskus

 

Sei gegrüßt Maria, gleichsam eine Myriade wegen der zahllosen Menge deiner Vorzüge; denn wenn man auch unzählige große Dinge von dir sagte, man würde dich doch nicht nach Würdigkeit preisen! –

Sei gegrüßt, o Herrin, die du durch dein mütterliches Ansehen den Herrn aller Dinge dir untertan siehst, wie denn auch ohne Zweifel alle Dinge dir untertänig sind! –

Sei gegrüßt, wunderbar brennender Dornbusch, dem keine Sünde sich nahen durfte! –

Sei gegrüßt, du von Gott gebaute Arche, Obdach des Schöpfers einer neuen Welt, aus der Christus wie ein neuer Noah hervorgeht, um die Welt mit Unsterblichkeit zu erfüllen! –

Sei gegrüßt, du Reis, von Gott gepflegte Pflanze, einzige Mutter unter den Jungfrauen, die du ohne Samen den alles regierenden Sohn Gottes wie eine Blume geboren hast! –

Sei gegrüßt, du Urne, aus Gold gemachtes und vor allen anderen Gefäßen ausgezeichnetes Gefäß, aus dem die ganze Welt das wahre Manna, das in dem Feuer der Gottheit bereitete Brot des Lebens, erhält! –

Sei gegrüßt, du Zelt, das Gott selbst aufgerichtet hat, aus dem Gott in eigener Person zu uns kam, um mit uns zu verkehren, und uns die ewige Versöhnung zu bringen! –

Sei gegrüßt, du Rauchfass, ein Gehäuse von geistigem Gold, das eine göttliche Kohle in sich trägt und aus dem der liebliche Duft des heiligen Geistes ausgeht, um den Pestgeruch der Fäulnis aus der ganzen Welt zu vertreiben! –

Sei gegrüßt, du Tisch, von Gott selbst reichlich besetzt, auf dem wir die köstlichsten Güter aller Tugenden finden können! –

Sei gegrüßt, du Tempel, ganz rein erbautes Haus Gottes, von dem David singt: „Heilig ist dein Tempel, wunderbar in Gerechtigkeit!“ aus dem Christus sich seinen Leib als Tempel seiner Gottheit bildete, um alle Sterblichen zu Tempeln des lebendigen Gottes zu machen! –

Sei gegrüßt, du Bad, himmlisches Wasser, sprudelnde Quelle, voll von aller Heiligkeit, aus dem der Heilige der Heiligen hervorging, um durch sein Blut die Sünden der Welt abzuwaschen! –

Sei gegrüßt, du Haus Gottes, das von den Strahlen der Gottheit erglänzt, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes! Keuschheit ist deine Schwelle, die nie zerstört noch verlegt werden kann! –

Sei gegrüßt, du nach Morgen liegende Pforte, aus der der Aufgang des Lebens erschien, um den Untergang des Todes zu vertreiben! –

Sei gegrüßt, du Himmel, der erhabener ist als jenes sichtbare Gewölbe und im Glanz aller Tugenden wie in Sternen funkelt: aus dem die Sonne der Gerechtigkeit aufging, um den nie untergehenden Tag des Heils den Menschen zu bringen! –

Sei gegrüßt, du hochherrlicher Thron und Sitz Gottes, auf dem Gott würdiger ruht, als selbst in den Chören der himmlischen Mächte, der Thronen und Herrschaften! –

Sei gegrüßt, du Mutter, die allein keinen Mann gekannt, die allein unter den Müttern unbefleckt geblieben, die allein auf jungfräuliche Weise die Mutterwürde erlangt, du aller Wunder erhabenstes Wunder! –

Sei gegrüßt, du königliches Siegel, das dem König aller Dinge sein Bild aufgedrückt hat, indem du als Mutter seinen Leib nach deinem Bild gebarst! –

Sei gegrüßt, du versiegelte Quelle, aus der Christus, der Strom des Lebens, ohne Verletzung der Siegel deiner Jungfräulichkeit entsprungen ist; durch dessen Gemeinschaft wir die Unsterblichkeit erlangen und in den immer blühenden, nie verwelkenden Garten des himmlischen Paradieses eingehen! –

Sei gegrüßt, du verschlossener Garten, dessen Fruchtbarkeit deiner Jungfräulichkeit keinen Nachteil bringt, dessen Wohlgeruch – nach dem Ausspruch des Propheten – ist wie der Duft eines vollen Ackers, den der Herr, der aus dir hervorgegangen ist, gesegnet hat! –

Sei gegrüßt, du unverwelkliche Rose, an deren unaussprechlichem Wohlgeruch der Herr sich so erfreute, dass er in ihr ruhen wollte; aus der er selbst hervorblühte, um den verderblichen Geruch der Welt zu verdrängen! –

Sei gegrüßt, du Lilie, deren Sprössling – Jesus Christus – alle Lilien des Feldes bekleidet! –

Sei gegrüßt, du Blume, die in dem reichsten, mannigfaltigsten Farbenschmuck aller Tugenden prangt, aus der eine neue ganz ähnliche Blume als ihr Abbild hervorsprosst, auf der – nach des Propheten Verheißung – die sieben Gaben des heiligen Geistes ruhen! –

Sei gegrüßt, du Salbe, von unschätzbarer Kostbarkeit, die überall hin den lieblichen Duft der Keuschheit verbreitet! Denn von deinem Namen gilt dasselbe, wie von dem Namen deines Sohnes: „Ausgegossenes Öl ist dein Name!“ –

Sei gegrüßt, du Weihrauch, der vor dem Allerheiligsten aufsteigt und die Gebete der ganzen Welt in lieblichem Duft emporträgt! Darum rufen die Engel aus: „Wer ist diejenige, die da aufsteigt aus der Wüste der Erde, wie eine lichte Rauchsäule?“ –

Sei gegrüßt, du lauteres Gold, das durch das Feuer des heiligen Geistes in dem Glühofen dieses Lebens so bewährt worden ist, dass nie die geringste Schlacke daran gefunden wurde; weshalb denn auch alle goldenen Gefäße der alten Bundeslade nur deine vielbedeutenden und lieblichen Vorbilder gewesen! –

Sei gegrüßt, du unverwesliches Holz, das nie von dem Wurm der Sünde angegriffen wurde: Jungfrau, aus deren ungeschwächtem Leib der wahre und geistliche Altar Gottes erbaut wurde! –

Sei gegrüßt, du königliches Purpurkleid, aus deren jungfräulichem Blut jener König entspross, der sein Königreich sich durch sein eigenes Blut erkämpfte, und, mit seinem Blut bekleidet, glorreich in dasselbe einging! –

Sei gegrüßt, du leichte Wolke, denn du warst nicht gebunden von der Schwerfälligkeit des Fleisches und wohntest darin nur, wie in einem leichten Zelt! –

Sei gegrüßt, du Paradies, schöner als Eden, in dem alle Blüten der Tugend hervorwachsen und der Baum des Lebens emporsteigt, zu dem du uns hinleitest, damit wir, nicht mehr zurückgehalten durch das Flammenschwert des Engels, die Frucht der Unsterblichkeit genießen! –

Sei gegrüßt, du herrliche Stadt des großen Königs, in dem sein königlicher Palast ist und alle Himmelsbürger sich erfreuen, die von allen Zungen und Herzen verherrlicht und gepriesen wird! –

O Maria, könnte ich dich so immer fort preisen und loben! Denn deiner Herrlichkeit ist kein Ende! – Ach, führe mich denn ein in die ewigen Gefilde, die du als der Mond und dein göttlicher Sohn als die Sonne unaufhörlich erhellst; damit ich in der beständigen Anschauung deiner und seiner Herrlichkeit euch ohne Unterlass loben und verherrlichen kann! Amen. –

 

(Aus einer Festrede von St. Johannes von Damaskus)

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Ein altes Marienlied im Kloster Tegernsee

 

In dem in der Mitte des achten Jahrhunderts (etwa um das Jahr 746) gestifteten Kloster Tegernsee blühte frühzeitig die Pflege der Wissenschaften.

 

In diesem Kloster befand sich auch die Handschrift eines Lobliedes auf die allerseligste Jungfrau Maria, als dessen Verfasser bis auf unsere Zeiten der Scholaster und Custos Wernher (+ 1197) genannt wurde. – Dieses Gedicht, laut der Mundart, des Reimes und der Weise der Zeichnungen, in unserem Land entstanden und nach dem fälschlich dem heiligen Matthäus zugeschriebenem Evangelium über das Jugendleben Marias bearbeitet, ist in Reimen ausgeführt, mit fünfundachtzig ornamentierten Federzeichnungen geschmückt und in seiner Anlage und Durchführung gleich bewundernswert durch die es durchdringende Klarheit, edle Einfachheit, Folgerichtigkeit des Gedankenganges und natürliche Aneinanderreihung der belebenden Handlung.

 

Nach der Äußerung des Dichters Wernher selbst – war er ein Priester, der im Jahr 1172 sein Gedicht ferfertigte während eines Aufenthaltes bei seinem Freund Manigold, der ihm auch den Stoff gab und ihn nicht eher aus dem Haus entließ, bis er seine Arbeit vollendet hatte. –

 

Wie rührend ist dieser Marien-Sinn Manigolds, und wie köstlich die Marien- Liedesblüte, die er durch die über seinen Dichterfreund Wernher verhängte Gefangenschaft so zu sagen mit erzeugte! –

 

(Aus: Denkwürdige Bayern von P. Stumpf)

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Das "Stabat mater der Krippe"

 

 

Giacopone da Todi, dessen Tauf- und Familienname Jakobus de Benediktis, italienisch – Benedetti – heißt, ist geboren zu Todi im Herzogtum Spoleto. Er war Doktor beider Rechte und als solcher Advokat von hohem, weitverbreitetem Ruf. Geizend nach Reichtum und Ehre, glaubte er seinem Glück endlich die Krone aufgesetzt zu haben, als er sich unter sämtlichen Jungfrauen Todis eine vollendet schöne, mit vornehmer Geburt, Reichtum und Tugend ausgestattete Braut erwählt und ehelich heimgeführt hatte. Hier aber traf ihn einer jener furchtbaren Schläge, die den Menschen zwingen, sich zu erinnern, dass es auch noch einen Gott gibt.

 

Die Stadt Todi feierte nämlich an einem Tag des Jahres 1268 ihre öffentlichen Spiele. Auch die junge Gemahlin des Jakobus de Benediktis befand sich unter den Eingeladenen. Sie saß auf dem für die Edelfrauen bestimmten Gerüst, um sich an dem Fest zu erfreuen und eine seiner anmutigsten Zierden abzugeben. Da brach das Gerüst plötzlich zusammen. Ihr Gemahl stürzte bei dem Getöse der brechenden Balken und des aus ihnen herausdringenden Schreiens herbei, zu seinem größten Entsetzen unter den Opfern auch seine Frau erkennend. Er trug seine angstvoll und schwer atmende Frau davon und wollte sie von ihrer Kleidung befreien. Sie aber sträubte sich gegen sein Trachten, bis er sie nach Erreichen eines einsamen Ortes endlich entkleiden konnte. Da entdeckte er unter ihren reichen Gewändern ein härenes, als Kasteiung getragenes Bußkleid, und in demselben Augenblick gab die Sterbende den Geist auf.

 

Dieser so allplötzliche Todesfall, diese Bußübungen bei einer in allen Verfeinerungen des Reichtums erzogenen jungen Frau, und dazu die Gewissheit der einzige Strafbare bei den Vergehen zu sein, die durch dieses härene Gewand gebüßt werden sollten, trafen den Rechtsgelehrten von Todi wie ein Blitzstrahl. Es verbreitete sich alsbald das Gerücht, der übermäßige Schmerz habe diesen großen Geist gestört. Er hatte nach einigen Tagen lautloser Erstarrung alle seine Habe verkauft, um sie unter die Armen auszuteilen. Und man fand ihn in den Kirchen wie in den Straßen in Lumpen gehüllt und von Kindern verfolgt, die ihn Jacopone oder Giacopone, d.h. „Jakobus den Wahnsinnigen“ nannten. Man erzählt sogar, dass er, zur Hochzeit seiner Nichte eingeladen, auf dieser ganz mit Federn bedeckt erschienen sei, vielleicht um der flüchtigen Vergänglichkeit der Vergnügungen der Welt zu spotten, die er durch seine Anwesenheit störte. Als seine Verwandten ihm wegen dieser Verirrung Vorwürfe machten, soll er geantwortet haben: „Mein Bruder meint unsern Namen durch seine Pracht zu verherrlichen; ich versuche dies durch meine Narrheit!“ Wirklich war denn auch gerade dieser Tor dazu bestimmt, das reiche, aber ungekannte Geschlecht Benedetti (de Benedictis) unsterblich zu machen. Er verhüllte die ersten Ausbrüche heldenmütiger Buße unter die Irrsale der Verzweiflung. Der Gedanke an den Tod ließ ihm keine Ruhe, und er suchte den Frieden in der Heiligen Schrift, die er von einem Ende zum anderen durchlas. Aus ihr lernte er durch freiwillige Armut die Genüsse seiner ersten Lebenszeit verbüßen, und statt des Beifalls, den er allzu sehr geliebt hatte, Demütigungen, Verachtung und Kinderspott zu suchen. Aus ihr lernte er, das Unrecht einer, nur zu oft der Ungerechtigkeit der Menschen geliehenen Beredsamkeit dadurch wieder gut zu machen, dass er sich, prophetenähnlich, durch Zeichen, die noch mächtiger als alle seine Reden waren, lehrte und warnte. Gleichwie der Prophet Jeremias auf den Plätzen Jerusalems mit gefesselten Händen und den Nacken unter das Joch gebeugt erschienen war, als Vorbild der den Juden bevorstehenden Gefangenschaft, ebenso zeigte sich Giacopone halbnackt, auf Händen und Füßen kriechend, gesattelt und gezäumt wie ein Lasttier. Die Umstehenden aber entfernten sich nachdenklich, indem sie sahen, wohin ein so glanzvolles und so beneidetes Los geführt hatte. Ein andermal bat ihn einer seiner Verwandten, vom Markt kommend, wo er ein paar Hühner gekauft hatte, sie in seine Wohnung zu tragen. Giacopone aber ging zur Kirche des heiligen Fortunat, in der jener seine Familiengruft besaß, und setzte die Hühner unter deren Steinplatten. Einige Stunden später kam der andere zornig zu Giacopone, dass er beim Nachhausekommen seine Hühner nicht gefunden habe. Dieser aber erwiderte: „Habt ihr mich nicht gebeten, sie in eure Wohnung zu tragen? Welch andere Wohnung habt ihr denn, als die, in welcher ihr bis zum jüngsten Tag sein werdet? David hat gesagt: Ihre Gräber werden ihre Häuser für die Ewigkeit werden!“ (Psalm 49,12) Solche Bibelstellen waren im Mittelalter an ihrem rechten Ort in Italiens Städten, wo ein heißblütiges aber schlichtes Volk sein Leben größtenteils auf den öffentlichen Plätzen zubrachte, und es war der Predigt wohl gestattet, sich Freiheiten zu erlauben, zu denen das Beispiel der Heiligen berechtigte.

 

Oftmals wendete sich Giacopone, wenn seine Narrenstreiche das Volk herbeigelockt hatten, an dasselbe, um ihm zu predigen, und griff, vermöge des ihm zugestandenen Rechtes alles, was er wolle, zu sagen schonungslos die Laster seiner Mitbürger an. Und dennoch hatte dieser Volksredner damals noch keine Mission, er hatte sich nur dem Dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi angeschlossen, dieser „Landwehr für die Gläubigen aus dem Laienstand“, die, ohne aus der Welt zu treten, dennoch unter den Gelübden der Armut und der Keuschheit leben wollten. Unstreitig war es damals, dass Giacopone, von den Rücksichten auf die Welt befreit, und noch nicht durch die Ordensregel selbst gebunden, sich eifrigst in das Studium der Gottesgelehrtheit, in die Geheimnisse der Mystik und die Fragen vertiefte, deren Verwegenheit er später einsah.

 

Nach Ablauf eines Jahrzehnts begriff er die ganze Gefahr einer Lebensweise, die allzu nachsichtig gegen die Leidenschaftlichkeit seines Gemüts und die Zuchtlosigkeit seines Geistes gewesen war. Da klopfte er im Jahr 1278 an die Klosterpforte, und begehrte unter die Minderbrüder aufgenommen zu werden. Wohl zögerten die Mönche anfangs, dem Geisteskranken den Einlass zu gestatten und vertrösteten ihn von einem Tag zum andern, bis er ihnen schließlich seine Seelen-Gesundheit darlegte, indem er ihnen zwei seiner kleineren Gedichte brachte, das eine in gereimten Latein, das andere in italienischen Versen. Das erste dieser beiden Gedichte ist die bekannte schöne lateinische Sequenz von der „Verachtung der Welt“, beginnt mit den Worten: „Cur mundus militat sub vana gloria?“ u.s.w. und lautet in der Übersetzung des deutschen Dichters Lebrecht Dreves:

 

Warum doch kämpft die Welt so sehr um eitle Pracht,

Deren Glückseligkeit verschwindet über Nacht?

Denn schneller nicht zerbricht als ihre eitle Macht

Ein irdenes Gefäß, durch Töpferhand gemacht!

 

Magst lieber auf ein Wort – in Schnee geschrieben – trauen,

Als auf der leidigen Welt leere Verheißung bauen;

Trug ist, was sie im Schein der Tugend dir zu schauen

Als Lohn gibt; denn du darfst zu keiner Zeit ihr trauen!

 

Weit lieber sei zum Trauen dem Glas, das bricht, bereit,

Als der armseligen Welt schnöder Glückseligkeit;

All ihre Träume sind falsch, baue zu keiner Zeit

Auf ihrer Weisheit Trug, auf ihre Eitelkeit!

 

Sprich: Wo ist Salomon, der einst so mächtig war,

Wo Samson, welchen nie besiegt der Feinde Schar?

Oder: Wo Absalon mit seinem schönen Haar?

Oder: Wo Jonathan, der liebenswerte, gar?

 

Wo ist nun Cäsar, der die halbe Welt gewann,

Wohin ist Xerxes nun, der schwelgerische Mann?

Sprich: Wo ist Cicero, der schöne Reden spann,

Wo Aristoteles, der Großes einst ersann?

 

So vieler Ahnen Ruhm, solch eine Spanne Zeit,

So vieler Mächtigen Schar, so viel Gewaltigkeit,

So vieler Reiche Zahl, so viele Herrlichkeit:

In einem Augenblick ist es dem Staub geweiht!

 

Ach, welch ein kurzes Fest ist, was die Welt uns beut!

Schnell wie sein Schattenbild schwindet des Menschen Freud:

Sie, die den Lohn ihm kürzt, den ihm der Himmel beut,

Und auf den Irrweg führt, der ihn zu spät gereut!

 

O Würmerspeise du! o Staub! o Aschenhauf‘!

O Dunst! o eitles Nichts! warum blähst du dich auf?

Weißt du, ob morgen nicht endet dein Lebenslauf?

Drum bau, so lang du kannst, das Glück des Nächsten auf!

 

O diese Leibeszier, die sich so stolz aufbläht,

Ein Grashalm ist sie nur, wie in der Bibel steht;

Denn wie ein leichtes Blatt spielend der Wind verweht,

Also die Lebenszeit des Menschen schnell vergeht!

 

Was du verlieren kannst, das nenne nimmer dein,

Was dir die Erde reicht, zieht sie auch wieder ein:

Der Himmel sei dein Ziel, ihm lass dein Herz sich weihn,

Wer diese Welt verschmäht, glücklich ist der allein!

 

Es hatte den Anschein, als ob Giacopone in dem Augenblick, wo er Vermögen, Beifall und Treiben der Öffentlichkeit aufgab, auch allem entsage, was das Geistesleben nährt. Seine Freunde konnten beklagen, dass ein so reicher Geist sich in das Schweigen des Klosters, wie die Welt sich auszudrücken pflegt, begraben wolle. Aber seine Freunde täuschten sich, und dieser Mann, der sich aller Dinge zu entäußern schien, machte sich nur frei von ihnen. Für das Gemüt eines Dichters ist die Dichtung nur gleich der im Marmor schlummernden Bildsäule. Sie ist darin gefangen, und er befreit sie daraus. Gleichwie sein Meißel jene Steinsplitter absprengt, welche die vom Bildhauer erfundene Gestalt verbergen, ebenso hatte die Buße, in wiederholten Schlägen Giacopone treffend, die Hüllen der Sinnlichkeit, der Eitelkeit, des Eigennutzes, unter denen die Einbildungskraft Giacopones gefangen lag, eine nach der anderen entfernt. Dadurch, dass er sich dem Weltverkehr entzogen hatte, stand er Gott und der Natur nur um so näher, er liebte mit um desto uneigennützigerer, hellsehenderer Liebe, die in allen Werken der Schöpfung gegenwärtige, wenn auch verschleierte, ideale Schönheit. In seinen stärksten Verzückungen, wenn er von Gott allein erfüllt schien, rief er: „Ausgehen will ich auf’s Geratewohl, besuchen die Täler, die Berge und die Ebenen. Ich will sehen, ob mein guter Stern mich dort meiner so innigen Liebe begegnen lässt! Alles, was die Welt in sich schließt, drängt mich zu lieben! Die Tiere des Feldes, die Fische der Meere, alles, was in den Lüften schwebt, alle Geschöpfe singen von meiner Liebe!“ Wenn aber eine Seele diesen Lobgesang der Geschöpfe einmal versteht, währt es nicht lange, bis sie ihn wiederholt, und ihren bewegten Lippen entströmt dessen Weise von selbst. Dann aber fand Giacopone, als er ins Kloster trat, dasselbe bereits durchtönt von den Gesängen des heiligen Franziskus von Assisi und des heiligen Bonaventura. Es ist demnach nicht zu verwundern, dass er sie fortsetzte, sie übertraf, und dass dieser, in Fasten und Gebet versenkte, Bekehrte in ihnen unsterbliche Verse erfand.

 

Er hatte nun die Wahl zwischen seinen beiden in Gott geliebten Meistern, zwischen den italienischen Liedern des heiligen Franziskus und den lateinischen Sequenzen des heiligen Bonaventura. Die „Sequenz“ gefiel als Dichtungsform mit ihren gezählten Reimversen, den Ohren des Volkes durch einen Silbenfall, der leichter zu fassen war, als die gelehrte Prosodie der Alten. In der Kirche war jene schon seit der Zeit des heiligen Augustinus eingeführt, dann in den Schulen des Mittelalters gepflegt worden, und erreichte im 13. Jahrhundert ihre höchste Blüte. In ihr hatte der heilige Thomas von Aquin seine bewundernswerten Prosen für das hochheilige Fronleichnamsfest geschrieben, und der von Thomas von Celano gedichtete, das Herz des Herzens erschütternde Gesang vom Weltgericht (Dies irae, dies illa) ließ darin seine drohenden Strophen unter den Gewölben der Kirche dahinrollen. Giacopone ergriff diese Weise, um die schmerzhafte Muttergottes klagen zu lassen, und dichtete sein wunderbares „Stabat mater dolorosa“. Die ganze Liturgie der katholischen Kirche besitzt nichts Rührenderes, als diese Klage der allertiefsten Trauer, deren eintönige Verse gleich Tränen herabgleiten, die so sanft ist, dass man wohl in ihr einen göttlichen, durch die Engel gemilderten Schmerz erkennt, in ihrem Volkslatein so weich, dass die Frauen und Kinder sie halb durch die Worte und halb durch Gesang und das Herz verstehen.

 

Dieses unvergleichliche fromme Werk würde für den Dichterruhm Giacopones ausreichen, aber er hat gleichzeitig mit diesem allbekanntem „Stabat Mater dolorosa“ auch noch ein „Stabat Mater der Krippe“ gedichtet, in welchem die allerseligste Jungfrau Maria hochbeseligt durch die unbefleckte Mutterfreude erscheint. Er hat dieses letzte „Stabat der Muttergottesfreude“ in dem Versmaß und in genau den Reimen wie jenes „Stabat des Muttergottesschmerzes“ geschrieben, so dass man einen Augenblick zweifeln könnte, welcher Gesang der frühere sei, der Gesang der Trauer oder der der Freude. Diese beiden Proben der inniglichsten und ehrwürdigsten Poesie sind auf die Nachwelt gekommen. Doch ist das „Stabat mater dolorosa“ mehr bekannt, weniger jedoch das „Stabat mater speciosa“, das süße Lied von der Krippe.

 

Es folge hier dieser Freudengesang mit allem kaum wieder zu gebenden Reize der lateinischen Sprache, der Weise und der altertümlichen Einfalt in der schönen deutschen Übersetzung, verfasst von Melchior von Diepenbrock, weiland Kardinal und Fürst-Bischof von Breslau. Er lautet:

 

An der Krippe stand die hohe

Mutter, die so selig frohe,

Wo das Kindlein lag auf Streu.

 

Und durch ihre freudentrunkne,

Ganz in Andachtsglut versunkne

Seele drang ein Jubelschrei.

 

Welches freud’ge, sel’ge Scherzen

Spielt im unbefleckten Herzen

Dieser Jungfrau-Mutter froh’n!

 

Seel‘ und Sinne jubelnd lachten

Und frohlockend im Betrachten,

Dies ihr Kind sei Gottes Sohn.

 

Wessen Herz nicht freudig glühet,

Wenn es Christi Mutter siehet

In so hohem Wonnetrost?

 

Wer wohl könnte ohn‘ Entzücken

Christi Mutter hier erblicken,

Wie ihr Kindlein sie liebkost?

 

Wegen seines Volkes Sünden

Muss sie zwischen Tränen finden

Christum frosterstarrt auf Stroh;

 

Sehen ihren süßen Knaben

Winseln und Anbetung haben

In dem Stalle kalt und roh.

 

Und dem Kindlein in der Krippe

Singt der Himmelsscharen Sippe

Ein unendlich Jubellied;

 

Und der Jungfrau und dem Greisen

Fehlen Worte, um zu preisen,

Was ihr staunend Herz hier sieht.

 

Eja Mutter, Quell der Liebe,

Dass auch ich der Inbrunst Triebe

Mit dir fühle, fleh‘ ich, mach‘!

 

Lass mein Herz in Liebesgluten

Gegen meinen Gott hinfluten,

Dass ich Ihm gefallen mag!

 

Heil’ge Mutter, das bewirke,

Präge in mein Herz und wirke

Tief ihm Liebeswunden ein;

 

Mit dem Kind, dem Himmelssohne,

Der auf Stroh liegt mir zum Lohne,

Lass mich teilen alle Pein!

 

Lass mich seine Freud‘ auch teilen,

Bei dem Jesulein verweilen

Meines Lebens Tage all‘;

 

Lass mich dich stets brünstig grüßen,

Lass des Kindleins mich genießen

Hier in diesem Jammertal!

 

O mach allgemein dies Sehnen,

Und lass niemals mich entwöhnen

Von so heil’gem Sehnsuchtsstrahl!

 

Jungfrau aller Jungfrau’n, Hehre,

Nicht dein Kindlein mir verwehre,

Lass mich’s an mich ziehn mit Macht!

 

Lass das schöne Kind mich wiegen,

Das den Tod kam zu besiegen

Und das Leben wiederbracht‘!

 

Lass an ihm mit dir mich letzen,

Mich berauschen im Ergötzen,

Jubeln in der Wonne Tanz!

 

Glutentflammet von der Minne

Schwinden staunend mir die Sinne

Ob solches Verkehres Glanz!

 

Lass vom Kindlein mich bewachen,

Gottes Wort mich rüstig machen,

Fest mich in der Gnade stehn!

 

Und wenn einst der Leib verweset,

Lass die Seele dann, erlöset,

Deines Sohnes Glorie sehn!

 

Die Anmut dieses Liedes von Maria bei der Krippe erinnert unwillkürlich an ein altes Gemälde von Lorenzo da Credi, die hochheilige Geburt Christi im Stall zu Bethlehem darstellend. In diesem sieht man im Vordergrund das göttliche Christkind an der Erde auf wenigem Stroh liegend, neben ihm steht der heilige Josef auf seinen Stab gestützt, während die Jungfrau Maria, mit aller Andacht einer Heiligen und der vollen Freude einer jungen Mutter, vor ihm kniet. Zu beiden Seiten und im Hintergrund erscheinen die Engel; so wie denn auch der Maler das Öchslein und das Eselein, diese guten Freunde der Krippe nicht vergessen hat, denen das fromme, dankbare Volk auch ihr Teil an der Weihnachtsfreude spendete.

 

(Aus: Italiens Franziskaner-Dichter im XIII. Jahrhundert von A. F. Ozanam)

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Ein Verbreiter der Marien-Andacht: Der heilige Bonaventura

 

Der heilige Franziskus von Assisi und der heilige Dominikus, die zwei gewaltigsten Persönlichkeiten des dreizehnten Jahrhunderts, hatten Maria eine besondere Liebe geweiht. Dominikus hoffte in seinen mühevollen Missionen von ihrer Zärtlichkeit die Bekehrung der Irrlehrer und der von ihnen verführten Menschen, und man weiß, wie viele Früchte sein Vertrauen getragen hat. Sankt Franziskus von Assisi hegte für die Mutter Jesu Christi eine unaussprechliche Liebe, weil sie uns den Herrn zum Bruder gegeben hat und wir durch sie Barmherzigkeit erlangt haben. Indem er gleich nach Christus in Maria sein höchstes Vertrauen setzte, erwählte er sie als Fürsprecherin für sich und die Seinigen.

 

Die Verehrung Marias gehörte zu den Überlieferungen des seraphischen Ordens, und der heilige Bonaventura bemühte sich eifrigst sie möglichst alle aufzudecken und bekannt zu machen. Bei dem Kapitel zu Narbonne, wie bei dem zu Pisa und Assisi erließ er mehrere Bestimmungen in dieser Sache. Die wichtigste ist jene, die die Brüder verpflichtet, abends auf das Zeichen der Glocke hin, zum Gedächtnis der Menschwerdung des Gottessohnes, bei der Maria auf eine so wunderbare Weise mitgewirkt hat, drei Mal den englischen Gruß zu sprechen. Die Ordenspriester sollen in ihren Predigten die Gläubigen für diese fromme Andachtsübung begeistern. Schon mehrere Gläubige hatten sie zwar bereits im Anfang jenes Jahrhunderts regelmäßig ausgeübt, aber der heilige Kirchenlehrer war es, der sie am eifrigsten gefördert hat. In der Folge breitete sich diese schöne Tradition über die ganze Kirche aus, und überall lud der Schall der Glocken drei Mal am Tag, um 6, um 12 und um 18 Uhr, die Gläubigen ein, andächtig in Maria das glorreichste aller Vorrechte, das Vorrecht der göttlichen Mutterschaft in Verbindung mit dem der Jungfräulichkeit Mariens zu ehren.

 

Der heilige Franziskus von Assisi hatte seinen Brüdern vorgeschrieben, jeden Samstag zu Ehren der erhabenen Jungfrau Maria ein Hochamt zu singen. Sankt Bonaventura erneuerte diese Vorschrift im Jahr 1269 bei dem Kapitel zu Assisi. Seitdem hat sich dieser Gebrauch, wie der des „Ave Maria“ durch die ganze Kirche verbreitet, und der letzte Tag der Woche ist den Kindern Marias ein wertvoller Tag geblieben, ein Tag, an dem sie die Tugenden, mit denen der Himmel Maria beschenkt hat, in der Seele zu betrachten pflegen, diese Tugenden, wegen denen sie gewürdigt wurde, in unserer Mitte erhöht zu werden.

 

Im Jahr 1264 hatten sich zwölf Einwohner von Rom unter der Leitung eines Priesters dieser Stadt verbunden, um Maria auf eine ganz besondere Weise zu ehren. Sie teilten ihr Vorhaben dem Bischof von Siena mit, dem damaligen Stellvertreter des Papstes. Der wiederum verwies sie an den General-Superior der Minder-Brüder, einen Mann, dessen Klugheit, Weisheit und Frömmigkeit sie in ihren frommen Unternehmungen sicherer leiten könne. Indessen erscheint die allerseligste Jungfrau dem gottinnigen Bonaventura selbst. Unter den weiten Falten ihres Mantels befinden sich ihre zwölf Diener, und zu ihren Seiten Männer und Frauen von verschiedenen Ständen. Maria hielt ihre Blicke auf den geistigen Sohn des heiligen Franziskus von Assisi gerichtet, sie kommt, um ihm ihren Wunsch zu offenbaren. „O mein Lieber Sohn“, sagte sie, „schreib!“ Hierauf verschwand sie. Dies genügt dem Heiligen. Er hat den Willen seiner Mutter erkannt, er macht sich daran, für diejenigen, die ihm vorgestellt werden, eine Regel abzufassen, und gibt der zudem der frommen Vereinigung zum Wahrzeichen ein weißes und ein rotes Kreuz, das nun jedes Mitglied auf der Schulter zu tragen hatte. Man lebte in der Zeit der Kreuzzüge. Und jede Verpflichtung für die Kämpfe, ob geistiger oder irdischer Art, wurde mit der Übernahme der geheiligten Fahne Christi, des heiligen Kreuzes, vollzogen. Dieses Kreuz mahnte durch seine weiße Farbe an die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria, und durch seine rote Farbe deutete es an, von welch glühender Liebe die Seele Jesu an dem Tag brannte, als er sich für das Heil der Welt zum Opfer brachte. Diese Vereinigung breitete sich in der Folge über mehrere Orte aus, unter dem Namen „Bruderschaft von der Kirchenfahne (Gonfalon). Der Heilige errichtete sie selbst in Lyon kurze Zeit vor seinem Tod, und es ist wahrscheinlich, dass er sie auch an anderen Orten einführte, denn sein Eifer ließ ihn keine Gelegenheit versäumen, wo er die Liebe zu ihr fördern konnte, deren „armer Knecht“ zu sein er sich rühmte. Papst Urban IV. bestätigte die Satzungen der Gemeinschaft, er und seine Nachfolger gewährten ihr Privilegien und geistliche Vorteile. Und zuletzt erhielt sie, als Mutter so vieler anderer Bruderschaften, die sich zu Ehren Marias bildeten, den Namen „Erzbruderschaft“.

 

Wie oft hat der Heilige in seinen Predigten Marias Lob mit dem ihres göttlichen Sohnes, des Heilandes der Welt, vereinigt! Wie oft hat er sie den Menschen gezeigt als bewunderungswürdig in ihrer Macht, ehrwürdig in ihrer Heiligkeit und unbeschreiblich in der Fülle himmlischer Güter, womit sie überschüttet worden ist! Ihre makellose Reinheit, ihre unvergleichliche Keuschheit, ihre glühende Gottes- und Nächstenliebe, ihre mutige Standhaftigkeit in den Trübsalen, ihre unbegrenzte Weisheit, die Fülle aller Gnaden, mit denen sie geschmückt war, bildeten gewöhnlich den Inhalt seiner Reden. Bonaventura glänzte auf der Kanzel unter seinen Zeitgenossen durch die Salbung seines Wortes, wenn es aber galt, Maria zu loben, wurde seine Sprache noch weicher und zarter und die Zuhörer fühlten, wie sich bei ihnen die Liebe entzündete und das Vertrauen sich bis zur Unerschütterlichkeit festigte.

 

Zu diesen meisterlichen Reden fügte Bonaventura auch Schriften hinzu, damit die Erkenntnis seiner „Herrin“ noch weiter getragen würde. Er war ein Dichter, um sie zu besingen, er umschrieb den Psalter des Königs David, er verfasste das „Offizium des Mitleidens“, er gab der Welt den „Spiegel der seligsten Jungfrau“ und in mehreren seiner Werke findet man Blätter über Maria, die man von einem himmlischen Geist diktiert glauben möchte. – Die frommen Bruderschaften konnten in der Folge der Zeiten, je nach den verschiedenen Bedürfnissen der Jahrhunderte, durch andere ersetzt werden. Aber diese Werke des Geistes und der Liebe sind lebendig geblieben, die Jahrhunderte haben ihren Glanz nicht getrübt, ihre Frische hat von dem Wandel der Zeiten nicht eingebüßt, sie sind auch heute noch, wie die Zeitgenossen Bonaventuras sie bewunderten, voll der lieblichen Schönheit, die die Menschen des Mittelalters in ihnen mit Freude kosteten. –

 

Die erste und bedeutendste der Schriften des heiligen Bonaventura zu Ehren der erhabenen Gottesmutter ist der „Spiegel der seligsten Jungfrau Maria“. Er glaubte sich unfähig, von Maria zu sprechen. Und wenn ihn nach dem Beispiel des heiligen Bernard nichts so sehr erfreute, als die Wunder zu feiern, deren Inhalt sie war, so versetzte ihn auch nichts so sehr in Furcht. Es findet in diesem erhabenen Geist ein ewiger Kampf zwischen der Liebe und der Demut statt. Und wenn die erste dieser Tugenden ihn hinreißt, so darf man doch überzeugt sein, dass die Rechte der anderen darunter nichts zu leiden haben werden. Wie ein solcher Kampf in dieser auserwählten Seele sich entwickelt, zeigt das Folgende:

 

„Indem ich wünsche“, spricht Sankt Bonaventura, „zur Verherrlichung und zur Ehre Jesu Christi, unseres Herrn, etwas zur Verherrlichung und zum Lob seiner glorreichsten Mutter zu schreiben, hielt ich es für angemessen, den lieblichen Gruß, den wir an sie richten, zum Gegenstand zu nehmen. Ich bekenne aber ohne Bedenken meine gänzliche und völlige Unzulänglichkeit für ein solches Werk, teils wegen der ungeheuren Schwierigkeiten, die ein so umfassender Gegenstand darbietet, teils wegen der äußersten Unbedeutendheit meines Wissens, der öden Dürre meiner Sprache, der tiefen Unwürdigkeit meines Lebens, teils endlich wegen des grenzenlosen Lobes, dessen diejenige würdig ist, die ich zu feiern wage. – Lob klingt nicht schön im Mund eines Sünders: wie sollte nun ein elender sündhafter Mensch wie ich, wie sollte ein Unding, dessen Leben von Nichtswürdigkeiten voll ist, sich erkühnen, seine Stimme zum Preise Marias zu erheben? Sicherlich sind die Frömmigkeit und die Beredsamkeit in mir zu schwach, als dass ich die seligste und glorreichste Jungfrau gebührender Weise rühmen könnte. Wozu nützt es überdies, einen Tropfen in das Meer zu tragen? Wozu nützt es, einem Berg einen unbedeutenden Kieselstein hinzuzufügen? Gleichwohl habe ich mich erkühnt, obschon ich die Schwäche meines Geistes, die äußerste Armut meines Wissens und meiner Beredsamkeit anerkenne, diese kleine Gabe, diese ganz arme Schrift zur Ehre einer so glorreichen Königin darzubringen, damit ihre am wenigsten unterrichteten Diener darin wie in einem freilich trüben Spiegel wenigstens schwach ihre Größe und ihre Würde betrachten mögen. – So nimm denn hin, o Maria, dieses schwache Geschenk, das dir dein armer Freund darbringt! Mit dieser kleinen Gabe, mit diesem Werklein von dieser Begrüßung grüße ich dich, grüße ich dich, zur Erde gebeugt, mit geneigter Stirn, mit Herz und Mund, und rufe: Gegrüßet seist du, Maria!“ – So beschaffen ist in den Heiligen die Vereinigung der Liebe und der Demut! Warum denn noch staunen, wenn ihre Werke hundertfältige Früchte tragen?

 

Nach einem so rührenden Eingang durchgeht der große Kirchenlehrer die Vorrechte, die Gnaden, die Tugenden, die alle Menschen in Maria bewundern. Sie ist in seinen Augen die dem Fluch der Erbsünde, dem Fluch der wirklichen Sünde, dem Fluch der Höllenpein enthobene Jungfrau, die Jungfrau, die mit Recht – „Meer der Bitterkeit, - Stern des Meeres – erleuchtende Jungfrau – und höchste Königin“ genannt wird. Er entdeckte in ihr die Fülle der himmlischen Gnaden, die Gnade der Geschenke, der Worte, der Vorrechte, der Belohnungen. In ihr sieht er die Fülle der Liebe der neun Chöre der Engel. In ihr betrachtet er den höchsten Herrn aller Dinge, den unendlich weisen, mächtigen, unwandelbaren, gütigen, gerechten, treuen, erhabenen Herrn des vernünftigen Geschöpfes. Und dieser Herr ist durch mehrere Titel mit ihr verbunden: als mit seiner edlen Tochter, seiner würdigen Mutter, seiner keuschen Braut, seiner ergebenen Magd. Dann ist Maria für uns die Morgenröte, der blühende Stab Aarons, die siegreiche Königin. Sie ist die gesegnete Jungfrau wegen der Fülle der in ihr wohnenden Gnaden, wegen der Majestät ihres Sohnes, wegen des Reichtums ihrer Barmherzigkeit, wegen der Pracht ihrer Herrlichkeit, wegen der Tugenden, die sie den sieben Hauptsünden entgegengesetzt hat. Sie ist gesegnet wegen der Frucht ihres Leibes, jener Frucht, die denen zuteilwird, die den Stolz durch die Demut, den Neid durch die Liebe, den Zorn durch die Demut, die Trägheit durch die Arbeitsamkeit, den Geiz durch die Freigebigkeit, die Völlerei durch die Enthaltsamkeit, die Üppigkeit durch die Keuschheit bekämpfen. In dieser Frucht hat die Welt das Ende ihres Elends und die Quelle ihrer Glückseligkeit in der Gegenwart und in den Jahrhunderten der Ewigkeit gefunden. –

 

Es ist dieses Buch eines der schönsten Werke, die zum Lob Marias verfasst worden sind. Auch ist es eins der Bücher des Mittelalters, die am häufigsten gelesen wurden, und gleichsam das „Handbuch“ geworden ist, in dem die Diener und Dienerinnen der Gottesmutter die Gnaden zu erkennen pflegten, mit denen sie beschenkt worden sind. –

 

Ebenso schön ist eine Umschreibung des Marienliedes „Salve Regina!“, worin sich alle Gefühle, von denen die Seelen der Heiligen überfließen, vereinigen. Wir finden das Vertrauen, die Freude, die Hoffnung, die Liebe, den Schmerz und die Demut. Wir finden alle edlen und frommen Regungen, deren ein reines und aufrichtig ergebenes Herz fähig ist. Und zwar in dem Grad des Entzückens, zu dem die Seele eines Seraphs sich aufzuschwingen vermag. Wie diesen köstlichen Kapiteln eine Stelle entnehmen, ohne ihren wunderbaren Reiz zu schwächen? Es mögen hier die letzten Worte des Heiligen genügen: „O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! O Jungfrau Maria, du bist voll Milde gegenüber den Armen, voll Zärtlichkeit gegenüber jenen, die zu dir flehen, voll Freundlichkeit gegenüber denen, die dich lieben! O Jungfrau voll Milde gegenüber den Reuigen, voll Zärtlichkeit gegenüber denen, die im Guten voranschreiten, voll Huld gegenüber denen, die dich betrachten! O Jungfrau voll Milde in deinen Besorgnissen, voll Zärtlichkeit in deiner Freigebigkeit, voll Freundlichkeit in dem Geschenk, mit dem du dich selbst gibst! O Jungfrau voll Milde in deinen Tröstungen, voll Zärtlichkeit in deiner Liebe, voll Freundlichkeit in deinen Gesprächen! O Jungfrau voll Milde in deinen Gedanken, voll Anmut in deinen Blicken, voll Entzücken in der Liebe, die du zu den Gerechten trägst! O Jungfrau voll Milde gegenüber denen, die sich dir ergeben, voll Zärtlichkeit gegenüber denen, die ihre Sünden bekennen, voll Beseligung gegenüber denen, die du liebst! O milde, o zärtliche, o süße Maria! Amen.“

 

Wir haben unter den Werken von Sankt Bonaventura auch „Litaneien der seligsten Jungfrau“. Und hier liebt er es gleichfalls, ihre Titel unserem Vertrauen und unserem Flehen nahe zu bringen. Sie ist die Erleuchterin der Herzen, die Quelle der Barmherzigkeit, der Glanz der heiligen Kirche, die liebliche Rose des Lenzes, der Strom der Weisheit, das Licht und die Pracht des Morgens, die Standartenträgerin der Jungfrauen, die Morgenröte des ewigen Lichtes, die köstliche Tafel der Gottheit, der Mundschenk des himmlischen Hofes, der erquickende Schatten, in dem Gott zu ruhen liebt, die Freude der Engel, der Gegenstand der Lobpreisungen und der Verehrung aller Geschöpfe. –

 

(Aus: Geschichte des heiligen Bonaventura von Abbé Berthaumier)

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Jakob Balde, der Oden-Dichter Marias

 

1. In dem Büchlein: „Das alte Ingolstadt von Ludwig Gemminger“ liest man: Jakob Balde war in dem Städtchen Ensisheim im Elsass geboren, und zwar im Januar des Jahres 1603. Damals gehörte Elsass noch zum deutschen Reich. Demzufolge ist Balde der Geburt nach ein Deutscher. Sein Leben und Wirken machen ihn aber zum Bayern. Achtzehn Jahre alt, kam er nach Ingolstadt, hat sich daselbst die Doktorwürde der freien Künste und der Lebensweisheit erworben, und sich letztlich der Rechtskunde mit sonderbarem Fleiß und Eifer gewidmet. Heiter und des Lebens sich freuend ist er, ohne ausgelassen zu sein, schon damals dem Gesang und der Musik eifrigst ergeben gewesen. Eine alte Überlieferung erzählt, wie Jakob Balde zu jener Zeit einem Mädchen, dem er in Liebe zugetan war, zur Nachtzeit ein Ständchen dargebracht habe. Dies geschah in der Nähe des Klosters „Gnadenthal“, als plötzlich die Klosterfrauen, als sie in den Chor gingen, die Metten zu singen anfingen. Dies hat das Herz Baldes so bewegt, dass er, ausrufend: „Cantatum satis est, frangito barbiton!“, seine Leyer gegen die Mauer warf, dass sie zertrümmerte. Und zur Stunde, weil anderen und besseren Sinnes geworden, beschloss, in den Orden der Gesellschaft Jesu einzutreten. Das ist gewiss, dass der Obere, weil er den lebenslustigen jungen Mann kannte, seiner Bitte anfangs wenig Glauben schenkte und mit der Aufnahme etwas zauderte. Doch Balde blieb fest und wurde später eine Zierde des Ordens. Im einundzwanzigsten Jahr seines Alters nahm er, im Juli 1624, das Ordenskleid und machte zu Landsberg das Noviziat. Die Ordens-Gelübde legte er aber erst am 31. Juli 1640 ab, und hat zufrieden in seinem Beruf gelebt, wie aus vielen seiner Gedichte zu erkennen ist. Zu Ingolstadt lehrte er die Beredsamkeit mit solchem Beifall, dass sein Ruf aus weitester Ferne die vornehmsten Jünglinge, ja Fürstensöhne und Männer vom höchsten Ansehen zu seinem Lehrstuhl zog, und dass der große Kurfürst Max I. ihn als Prediger auf die Kanzel seiner Hofkirche rief, allwo er ihm den ehrenvollen Auftrag gab, Brunners Geschichte Bayerns fortzusetzen. Auch als Missionar scheint Balde eine Zeitlang zu Konstantinopel gewirkt zu haben, wenigstens sind einige seiner Lieder so geschrieben, als wäre er im Land der Türken gewesen. Sein Orden schickte ihn als Prediger nach Landshut, Amberg und dann nach Neuburg, wo er, 1654 angekommen, vierzehn Jahre später, im Jahr 1668, an einem Zehrfieber starb.

 

Balde war schlank und hager, und nennt sich selbst scherzweise den „dürren Dichter“, der da abgelegt das Tier, die Fäulnis, die Fesseln der Gefangenschaft eines sinnlichen Lebens.

 

Und in diesem schwachen Leib wohnte eine so schöne Seele, ein so großer Geist! – Als Mensch war er die lautere Liebe, bieder und offen, ohne alles Falsch, anspruchslos, witzig und heiter. – Als Christ und Priester glühte sein Herz für Jesus. Das Opfer des Neuen Bundes war daher sein Ein und Alles. Als er körperlich nicht mehr in der Lage war, das heilige Opfer selbst darzubringen, wohnte er doch dem Messopfer täglich kniend bei und erschien dem Volk, wegen seiner besonderen Andacht, als ein Heiliger. Desgleichen war sein Herz für die glorreiche Himmelskönigin Maria, die Mutter des Herrn, entflammt. Seine schönsten Lieder gehören ihr, jede zarte Empfindung, jeden süßen Trieb des Herzens weihte er ihr, ihre Fürbitte erbat er für sich und andere, für seinen Fürsten und für sein Vaterland in jeglicher Not. Der höchste Ruhm ist es ihm, „Marias Sänger“ zu heißen. – Als Dichter war er in allen Fächern groß, erreichte jedoch als Lyriker den höchsten Ruhm.

 

2. Johann Gottfried von Herder, ein Protestant, der viele Dichtungen Baldes ins Deutsche übersetzte, sagt von Ihm: „Starke Gesinnungen, erhabene Gedanken, goldene Lehren, vermischt mit zarten Empfindungen für das Wohl der Menschheit und das Glück seines Vaterlandes strömten aus seiner vollen Brust, aus seiner innig bewegten Seele. Er sah die jammervollen Szenen des dreißigjährigen Krieges. Mit verwundetem Herzen tröstete er die Vertriebenen, zugleich suchte er Deutschlands besseren Geist zu wecken und es zur Tapferkeit, Redlichkeit, Eintracht zu ermahnen. Wie ergrimmt ist er gegen die falschen Staatskünstler, wie entbrannt für die gesunkene Ehre und Tugend seines Landes! Allenthalben in seinen Gedichten sieht man seine ausgebreitete, tiefe Weltkenntnis, bei einer echt philosophischen Geisteswürde. Er ist ein Dichter Deutschlands für alle Zeiten. Manche seiner Oden sind von so frischer Farbe, als wären sie in den neuesten Jahren geschrieben.“

 

August Wilhelm von Schlegel, ein Protestant, sagt von Balde, „dass er ein eingeborener und ungewöhnlich reich begabter Dichter sei.“

 

In: „Allgemeine Real-Enzyklopädie oder Konversations-Lexikon für das katholische Deutschland“ liest man: „Jakob Balde ist einer der größten Dichter Deutschlands. Eine reiche, schöpferische Phantasie, eine sich hervordrängende unerschöpfliche Fülle von Bildern, die glühendste Begeisterung für Religion und Vaterland, eine Zartheit der Empfindung, verbunden mit seinem Witz und satirischer Laune, wie sie in dem Maß keinem Sohn des Nordens zu Teil zu werden pflegt, zeichnen seine Gedichte aus und sichern ihm einen Rang unter den vorzüglichsten Dichtern Deutschlands. Der lateinischen Sprache, worin er seine meisten und vorzüglichsten Gedichte geschrieben hat, war er in einem so hohen Grad mächtig, dass er ein klassischer lateinischer Dichter zu heißen verdient. Man nennt ihn daher den „deutschen Horaz“. An Reichtum der Wendungen, an Schwung der Phantasie und an Glut der Begeisterung übertrifft er den römischen Dichter. An Anmut der Sprache steht er ihm nicht oder nur wenig nach. Seine Stellung als Mitglied des hochachtbaren Jesuiten-Ordens gab ihm jene Unabhängigkeit von dem Druck äußerer Verhältnisse, die dem Dichterleben, soll ihm der Schwung seines Geistes nicht verkümmert werden, so notwendig ist. Als Mitglied dieses großen Ordens hatte er Teil an der ganzen geistigen Errungenschaft auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, wodurch die Gesellschaft Jesu eine Überlegenheit über Weltteile behauptete und in Europa die Gegner der katholischen Kirche niederwarf, in Amerika das Christentum verbreitete, am Indus und Ganges aber die Weisheit der Braminen überbot und inmitten der alt-indischen Kultur das Kreuz aufrichtete. Daher war er nicht nur der klassischen Sprachen mit all der Feinheit griechischer und römischer Bildung in einem Grad mächtig, wie vor und nach ihm wenige, sondern er war auch eingeweiht in das Studium der Geschichte, der alten sowohl als der neueren, und schrieb und dichtete im echten Geist der Alten. Aber er wurzelte zugleich tief in seiner Zeit und erhob sich mit ihr zur Begeisterung, zum triumphierenden Jubel und stieg mit ihr zum Ausruf des Wehe und Schmerzes über den Druck und Jammer der Gegenwart hinab. Sein Orden war auf die leuchtende Höhe der Zeit gestellt und griff auf das Mächtigste in ihre Bewegungen ein. Nicht allein als Gelehrte, als Kanzelredner, als Missionare standen die Jesuiten in so hohem Ansehen, sondern auch als die größten Diplomaten lenkten sie zumeist die Angelegenheiten Europas. Dass die Stellung in einem solchen Orden einem von Natur reichbegabten Dichtergeist äußerst günstig sein musste, wird niemand verkennen wollen. Rechnet man dazu seine nicht über Europa allein, sondern über drei Weltteile sich erstreckende Verbindung mit Gelehrten, Staatsmännern, Freunden und Beförderern der Kunst und Poesie, dann muss man gestehen, dass wenigen Dichtern unseres deutschen Vaterlandes eine so beneidenswerte Stellung zu Teil geworden ist, als dem Jakob Balde. Man hat es wiederholt ausgesprochen: Baldes Verhältnisse als Priester und Ordensmann hätten ihn abschneiden müssen von den reichsten Quellen der Begeisterung, woraus die Poesie schöpft, woraus sie Reiz und Anmut in ihre Schöpfungen einwebt, von der – Liebe nämlich, gerade als wenn nur irdische Liebschaften und Buhlschaften den Hauch der Liebe in die Poesie wehen könnten, als ob es irgendeine höhere, reinere und glänzendere Liebe gäbe, als die des eingeborenen Sohnes Gottes, der für uns Mensch geworden, litt und starb als der Gekreuzigte, und dessen Liebesbild in seiner göttlichen Mutter Maria, in den Märtyrern und in allen Heiligen und begeisterten Streitern für Wahrheit und christliche Tugend in tausendfarbigem Abglanz wiederstrahlt! Allerdings kennt sein Dichten keine sinnliche und unsittliche Liebe: dennoch aber ist eine Glut der Liebe über alle seine Poesien gehaucht, wie wir sie bei keinem unserer Dichter mehr antreffen möchten. Unerschöpflich sind seine Gefühle, und seine Bilder strömen in unversiegbarer Fülle mit bewunderungswürdiger Anmut der Sprache hervor, wenn er die Größe Gottes und die Liebe des Heilandes besingt, oder der unbefleckt empfangenen und allzeit jungfräulich gebliebenen Gottesmutter voll Anmut und Zartheit seine Kränze windet. Dann wieder, welche Reinheit der Natur-Begeisterung, welche Eleganz der Sprache, welcher vertraute Umgang mit der Natur und Einsamkeit!“ – Jakob Balde genoss allerwärts eine große Verehrung. – Die Ratsherren von Nürnberg losten um Baldes Feder und der, welcher sie erhielt, bewahrte sie in einer silbernen Kapsel auf. – Als Balde von Amberg über Nürnberg und Altdorf nach Neuburg reiste, erzeigten ihm die Professoren jener Universität alle Ehren und baten ihn, irgendetwas in ihre Gedenkbücher zu schreiben. – Papst Alexander VII. schickte ihm für die Widmung seiner „Urania“ eine goldene Medaille, zwölf Dukaten schwer, die Balde am 24. September des Jahres 1665 am Altar der heiligen Muttergottes aufhing. –

 

3. Von Jakob Baldes Dichtungen – zum Preis der Gebenedeiten des Herrn – mögen hier nur einige folgen, die dem „Marienbüchlein, Gesänge aller Zeiten und Völker zu Ehren der allerseligsten Jungfrau, ein Buch der Andacht und frommen Erhebung, herausgegeben von Dr. J.B. Rousseau“, entnommen sind.

 

Die Unnennbare

 

Wo beginnen und wie soll ich vollenden,

Jungfrau, deinen Gesang, den hundert Sprachen

Singen, hundert Sprachen in jeder Zone

Singen einst werden;

 

Der die Berge der Welt, als sie zum Himmel

Aufstieg, alle die Scheitel neigten? Alle

Ströme rauschten Gesang dir mit der Berge

Wehenden Wipfeln;

 

Hermons Hain, und die Au Engeddi, Karmel,

Und, vom Himmel gepflanzt, die alte Ceder

Libanons und der Palmenhain, Cypressen

Und Therebinthen.

 

Deines heiligen Landes Strom, der Jordan,

Teilte sich und berührte dir die Ferse

Sanft; in Hesbon spielte mit deinem Abglanz

Leise der Zephyr!

 

Und wie soll ich dich nennen, dich des Lebens

Heilquell, Schatten der Müden, dich, in Flammen

Glänzender Rosenbusch? Den Stern am Morgen,

Oder Aurora?

 

Jene Taube, die einst des Friedens Ölzweig

Über Ströme und Sündfluten brachte?

Turteltaube, die unserm Erdenjammer

Tröstungen zugirrt?

 

Regenbogen der Gnade über dunkeln

Wolken? Rose der Dornen? Wenn einst jede

Schöne Blume verblüht, der Blumen schönste

Blühet unsterblich! –

 

Mutter und Kind

 

Holder strahlet das Auge dir,

Süße Mutter, im Glanz himmlischer Freude, wenn

Auf den rosigen Knaben du

Niederblickest, und ihm leise dem Herzen nahst.

Zarter schlingen sich Blum und Stamm

Nicht zusammen, wie du, Kind, an der Mutter Blick,

Wie die Mutter an deinem Blick

Hangt und trinket in ihm Atem der Seligkeit.

O ihr Beide, die nur Ein Herz,

Eine Seele belebt! Mutter dem Sohne du,

Sohn der Mutter des Lebens Band! –

 

Die Mutter unterm Kreuze

 

Unsäglich ist dein Schmerz, und dennoch stehest du,

O Mutter, unterm hei´lgen Kreuz,

Mit deiner Brust es stützend! Was du siehst,

Und wer dich siehet, Freund und Feind,

Drängt tiefer dir das Schwert ins blut´ge Herz! Doch seht!

Sie blickt ruhig an den Sohn.

Die Martern haben alle ihre Kraft erschöpft;

Sie saugt in sich des Sohnes Tod.

O Hochbetrübte, teile deinen stillen Schmerz,

O teile deinen Schmerz mit mir! –

 

Die Himmelfahrt

 

An dem Tage, da du der Erd, o Jungfrau,

Dich entschwingend, hin über die Gestirne

Stiegst, da neigete dir, bestreut mit Blumen,

Selbst sich der Himmel!

 

Und ein süßer Gesang, als du hereintratst,

Scholl den Himmel hindurch dir laut entgegen:

„Wer ist Sie, die aus wilden, dunklen Hainen

Glänzend hervorgeht?“

 

Einige Königin, ganz, o ganz in sich schön,

Überfließend an Reiz und süßen Freuden;

Um sie duftet der Äther; lieblich lehnt sie

An den Geliebten

 

Ihre holde Gestalt. So tritt in seine

Stillen Reiche der Mond; so blickt die Sonne

Auf am Morgen; es küsst ihr Blick auf alle

Tränen des Frührots.

 

Unter solchen Gesängen hobst du höher

Dich, o Mutter, im Arm des Sohns, und über-

Stiegest Alles, was Gott nicht ist, und tauchtest

Dich in der Gottheit

 

Glanz. O selige gnadenreiche Jungfrau,

Lass vom Meere der Freuden, lass aus deinem

Vollen Becher auch uns Ein Tröpflein stillen

Unsere Tränen! –

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Maria als Freundin geistlicher Liederdichter

 

Es war ein frommer Glaube in den ersten Zeiten des Christentums, dass Maria, die Mutter unseres göttlichen Heilandes, diejenigen Dichter unter ihren besonderen Schutz nehme, deren Gesänge rein seien. Sie hieß damals: „Bonorum poetarum magistra, Lehrerin der guten Dichter.“

 

Die Verse des Sedulius, eines irländischen oder schottischen Dichters, der um das Jahr 430 blühte, gelten dafür, dass sie der heiligen Muttergottes besonders wohlgefielen. – Fortunatus, Bischof von Poitiers, rief nie eine andere Muse an, als Maria, und durch die Jahrhunderte herab ist sein schönes „Ave maris stella!“ der Gesang schiffbrüchiger Seeleute, mit dem „Salve Regina“ des Hermann von Veringen bis auf uns gekommen, welch letzteres Lied (wie P. de Barry aus der Gesellschaft Jesu erzählt) die Engel am Rand der Brunnen zum Lob ihrer Königin, und die belagerten Christen Antiochias auf den Mauern ihrer Stadt sangen, während sie die Angriffe der Sarazenen zurückschlugen. –

 

Kurz nach der Eroberung Englands stifteten die Normannen in Rouen unter dem Namen der „Puys“ oder „Palinodien“ große Dichterversammlungen zu Ehren der Gottesgebärerin. Diese Vereine, in denen der „Fürst“ oder „Vorstand“ der Bruderschaft von Unserer Lieben Frau den Vorsitz führte, gaben der „Akademie Francaise“ ihre Entstehung, und hießen in der Folge selbst die „Akademie der Palinoden“. Der Erzbischof von Rouen entwarf die Statuten dieser religiösen und literarischen Gesellschaft, deren feierliche Sitzungen in einer der vornehmsten Kirchen der Stadt gehalten wurden, und die sich rühmte: unter dem Patronat der heiligen Jungfrau Maria zu stehen. Eine unerlässliche Bindung für die in diesen Versammlungen um den Preis der Dichtung kämpfenden Sänger war: dass ihre Balladen, Sonette, Lieder zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Marias verfasst, oder dass wenigstens ihr Gegenstand ganz keusch, und das Lob der heiligen Jungfrau, die ohne Sünde empfangen, schicklich eingeflochten sei. Diese Versammlungen haben Einfluss auf die poetischen Erzeugnisse der Normandie. Sie gaben ihnen eine ernste, religiöse Tendenz, die dem Nationalcharakter entsprach, der damals im höchsten Grad ernst und ritterlich war. Das Fest der unbefleckten Empfängnis Marias wurde mit seinen heiligen Dichtungen das große, eigentümliche „Fest der Normannen“. Sieben Jahrhunderte lang bestand dieses Fest. Das Land, wo es seinen Ursprung hatte, hieß damals „Land der Weisheit“. –

 

In der Bretagne, wo die gallischen Barden sich länger als irgend anderswo erhielten, traten die Lobgesänge auf die heilige Jungfrau Maria beinahe ohne weiteren Übergang an die Stelle der schrecklichen und schauerlichen Gesänge der Druiden. Dialogisierte (im Zwiegespräch ausgeführte) Balladen und Volkslieder über religiöse Gegenstände, legten den Grund zu der Musik eines Volkes, das mit gefalteten Händen und gebogenen Knien für das Gefühl des Schönen in der Dichtkunst, und in den Künsten überhaupt zu erwachen schien. Jede Ballade dieses Volkes enthielt eine Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria, einen frommen Gedanken oder eine erhabene Sittenlehre. Denn damals fand alles in der katholischen Glaubenslehre seinen Zusammenhang, damit das Volk zur Sittlichkeit erzogen und ihm Geschmack beigebracht werde – an einem stillen, seiner Fassungskraft angemessenem Glück. Der Turm der Dorfkirche, dessen Spitze abends bis zu den Sternen hinaufzureichen schien, redete mit dem Landmann von Gott. Das Bild der Gebenedeiten des Herrn, das er unter dem Strohdach seiner Kirche verehrte, stellte ihm den Triumph der prunklosen Jugend vor die Augen. Die Bilder der Heiligen erinnerten ihn an manche fromme Legende, reich an Heldentaten der Selbst-Abtötung, der christlichen Barmherzigkeit, des Gebets-Eifers, und die geistlichen Gesänge, die mit ihrer hehren Melodie seine Nachtwachen verschönerten, erwiesen sich für ihn als eine, seinem Bedürfnis angemessene Schule der christlichen Moral. –

 

Die Weihnachtslieder (Noels), diese freudigen Gesänge, in welchen das Andenken an die heilige Jungfrau Maria mit dem göttlichen Christkind zu Betlehem sich so lebendig ausspricht; wie sie so zur Nachtzeit bei Fackelschein, auf den schneebedeckten Fluren oder vor den alten, mit Wintergrün und Moos ausgeschmückten Krippen durch ganz Frankreich erklangen, blieben die Lieblingslieder des Volkes, bis jene grauenvolle Revolution ausbrach, die auch sie mit so vielen anmutigen Erfindungen des religiösen Dichtergeistes verstummen machte. – Die Hymnen unserer Kirche haben der Musik einen erhabenen und strengen Charakter gegeben, der die Seele füllt, dass sie überströmt und ins Unendliche sich versenkt. Die Weihnachts-Pastoralen haben ihr eine einfachere, rührendere Richtung mitgeteilt. Sie gleichen dem munteren Gesang eines Vogels, der freudig aufsteigt zu Gott, ein fröhliches Geheimnis zu feiern. Sie gleichen dem Duft der Wälder, der den Altar der jungen Mutter des Welterlösers balsamisch umweht. Die heitere Poesie des Hirtenlebens, die sich mit diesen anmutigen Tonweisen verbindet, mahnt an den Schatten der Wälder, an den Wohlgeruch des Weißdorns, den süßen Geschmack der Honigwabe und an das Blöcken der friedlichen Lämmer. Es ist der Gesang des christlichen Volkes, der Gesang der frommen Hirten, der Gesang der Natur selbst. –

 

In diesen geistlichen Pastoralen erscheint Maria immer als mädchenhafte, gar anmutige und liebliche Jungfrau, die den König der Engel und Heiland der Welt in ihren armen Schleier hüllt, und zu sehr versunken ist in ihre Freude, um an die Dürftigkeit des Stalles und an das Stroh der Krippe zu denken. Das Volk, abgehärtet durch den Anblick von Entbehrungen aller Art, fasste nicht sowohl die Armut, als das Glück der Mutter Christi auf. Es ist ein Gemälde von Claude Lorrain, in welchem alles Licht ist. – In dem „Stabat mater dolorosa“ aber, das die Italiener so poetisch die „Tränen Marias“ nennen, tönt nicht mehr der Jubel der Heiligen Nacht, sondern die Schrecken von Golgotha. Es ist ein Sterbegesang, in dem eine allertiefste Schwermut waltet, und zuweilen unterbrochen von entsetzlichen Empfindungen, die wie tausendfältige Dolchstiche die Seele durchbohren. Es ist die Erzählung des unaussprechlichsten Schmerzes einer Mutter, die den unendlich geliebten Sohn dahin sterben sieht in den allerfurchtbarsten Qualen. – Wenn man die unsägliche Trauer dieser Tondichtung inne werden, einblicken will in ihre schmerzlichen Geheimnisse, muss man sie in einer jener großen Kirchen Italiens hören, wo das Volk noch gläubig betet und mit ganzer Seele singt. Es ist, als würde dann die majestätische Stimme der Orgel unterbrochen von Schluchzen, und als weinten die Engel mit ihrer Königin, der „schmerzhaften Mutter“. – Keine Religion hat, seit die Welt besteht, der Poesie und Musik ein dem „Stabat mater dolorosa“ ähnliches Thema und Lied geliefert. Die Schmerzen Marias am Fuß des Kreuzes erinnern an alle Macht der poetischen Begeisterung und Harmonie! –

 

(Aus: Geschichte der religiösen Poesie)

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Die Marienbilder und Lieder zu Würzburg

 

Fast jedes Haus zu Würzburg war ehedessen mit einem Marienbild geschmückt. Vom höchsten Turm der Burg schaute die allerseligste Jungfrau und Muttergottes Maria, diese Herzogin des Frankenlandes, im goldenen Prachtgewand weithin in das gesegnete Land. Bischof Julius hat das Bild aufrichten lassen. Vom Turm der Liebfrauen-Kapelle blitzt seit dem 14. Juni des Jahres 1713 das Bild, das Goldschmied Martin Nötzel verfertigt und mit 400 Dukaten vergoldet hatte. – Es befanden sich im Jahr 1732 in der Stadt 33 Altäre und Marienbilder, und 320 Bildstöcke an den Häusern, von denen man viele zur Nachtzeit mit Laternen erleuchtete. 140 Marienbilder waren über die Haustüren und an öffentlichen Plätzen, wie auf die Wände gemalt.

 

Daher das uralte Lied, das wir hier aus einem Gesangbuch wiedergeben, das „aus sonderm Befehl Philippi Adolphi“ im Jahr 1630 bei Elias Michael Zinck in Würzburg gedruckt worden ist.

 

„Von unser lieben Frawen Beschützerin des gantzen Frankenlandes.

 

O himmlische Fraw Königin

Durch alle Welt ein‘ Herrscherin,

Du Herzogin zu Franken bist,

Das Herzogthumb dein eigen ist.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Zu Wirtzburg hast du deinen Sitz,

Das zeigt am Schloß die hohe Spitz,

Darauff dein Bild gläntzt hüpsch und fein,

Wie Gold und wie der Sonnenschein.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Von dir wie du o Jungfrau weißt,

Marienberg der Schloßberg heißt,

Schaw Jungfrau wie auch Grund un Erd,

Dich halten hie im höchsten Werth.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Dich Wirtzburg gar im Hertzen hat,

Dein‘ Kirch‘ steht unten in der Stadt.

Die schöne Kirch‘ Capell‘ genennt

Sich dein und dir geweiht erkennt.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Maria dich liebt Wirtzburg sehr

Wo thut ein‘ Stadt deßgleichen mehr?

Zu Wirtzburg an so manchem Haus

Steht ein Mariä Bild heraus.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Den Dreyssigsten dir Wirtzburg hält

Rorate ist da wolbestellt

Und deine fünff fürnembste Fest

Fast Wirtzburg auf das allerbest.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Auff deinen Gruß gibt Wirtzburg acht

Zu Früh, zu Mittag und zu Nacht,

Den Rosenkranz da haben all‘

Nicht wenig von Perl und Corall.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Die Bruderschaften ich nicht meld,

Noch deine Bildstöck in dem Feld,

Viel Kinder hie mit Herz und Mund

Dich grüßen schier all‘ Uhr und Stund.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!“

 

Es war eine ungewöhnlich hohe Zahl von Marienbildern erhalten. In manchen Straßen steht kaum ein Haus, das sich nicht damit schmückte. Fast alle stammen aus der späteren Renaissancezeit und tragen deren Typus. – Wir sehen Maria als die unbefleckt empfangene Jungfrau, auf die Schlange tretend, von Sternen umglänzt, wieder als Mutter mit dem göttlichen Kind, als Mater Dolorosa, die den Leib des Herrn im Schoß hält. Es begegnet uns auch wohl die heilige Familie auf der Pilgerfahrt nach Ägypten, und die Anbetung der Magier. Auch finden sich andere Figuren, wie St. Laurentius, St. Vincentius, St. Sebastianus, St. Ignatius, St. Kilianus und besonders Salvatorbilder.

 

Es ist keine Stadt in Deutschland, deren Häuser so reich mit Bildern in Relief, Rundfiguren und Gruppen versehen waren, aber auch keine, die so herrliche Lieder zu Ehren der gnadenreichen Jungfrau gesungen hat und noch singt. Aus den alten Marienliedern rauscht uns ein Strom der edelsten Begeisterung entgegen. Sie atmen die innigste Liebe, das unbedingteste Vertrauen zur Mutter des Allmächtigen. Wie einfach und naiv diese heiligen Weisen auch scheinen, sie muten uns wunderbar an, wirken in ihrer Fülle und unwiderstehlich, und ein Zauber weht um sie, der sich nur begreift, da sie aus den Tiefen des altkatholischen Volkes heraufklingen. Alle diese Lieder wurden seit Jahrhunderten gesungen, sind unzähligemal durchempfunden und enthalten die Substanz der Gefühle verstorbener Generationen. Und das sangeslustige Volk im Frankenland verstand es, wie keines in Deutschland, mit vollen Harmonien und rhythmischen Bewegungen seine Weisen ertönen zu lassen. Ein so gewaltiger Volkschoral, wie er am grünen Donnerstag vom Leichenhof zwischen dem Dom und Neumünster zu den Himmeln brauste, war auch nur in Würzburg zu hören, und nirgends mehr im deutschen Vaterland! –

 

(Aus: Kunstgeschichte der Stadt Würzburg von Andreas Niedermayer)

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Der Birolay Marias

 

Barcelona war eingeschlossen, eng eingeschlossen. Die Belagerungstruppen des Königs von Spanien, Philipp IV. unter dem Befehl seines natürlichen Sohnes Don Juan von Austria gewannen täglich mehr Terrain, indem sie mit überlegener Kraft die geschwächten Katalonier, ihre Rechte und Freiheiten, in täglichen Gefechten und Scharmützeln besiegten.

Am 11. September 1652 bemächtigte sich Don Juan des Klosters Baldoncella , das ihm viele Vorteile gewährte und das er nicht mehr verließ, indem er von da aus die Belagerten unaufhörlich neckte, mehr um sie zu ermüden als anzugreifen, damit sie sich nicht sowohl der Gewalt als der Notwendigkeit ergäben. Zwölf Jahre des Krieges hatten es bis auf das Äußerste geschwächt.

 

Es ist bekannt, dass Catalonien Ludwig von Frankreich, dem Abkömmling der männlichen Linie der Moncadas, als Grafen gehuldigt hatten. Von da ab wurde es von französischen Vizekönigen regiert. Die französische Herrschaft befriedigte aber die Katalonier sehr wenig. Der Hauptirrtum bestand darin, dass Frankreich Catalonien als ein erobertes und nicht als ein verbündetes Land, die Katalonier selbst als ein Volk, das sich verkauft, nicht aber sich geschenkt hatte, betrachtete. Die Unbeständigkeit, Treulosigkeit und anmaßendste Despotie Frankreichs wurde den Kataloniern zum niederbeugendsten Joch.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Don Juan von Österreich fortan in Barcelona täglich mehr und mehr Vorteile errang. Die Katalonier leisteten kaum noch Widerstand, lediglich ihrer Ehre wegen hielten sie aus, und doch war Don Juan wenige Tage zuvor, ehe er sich des Klosters Baldoncella bemächtigte, von einem allgemeinen Angriff, den er von verschiedenen Punkten aus gleichzeitig auf die Stadt machte, vollständig zurückgeschlagen worden.

 

Zu allen diesen Gründen, die bei dem geschwächten Mut der Belagerten viel dazu beitrugen, sie zur Unterwerfung zu bestimmen und so einen blutigen, brudermörderischen Krieg zu beenden, kam noch der gewichtigste von allen: Frankreich gab sie Preis, das meineidige Frankreich kam seinen Versprechungen nicht nach, Barcelona erhielt von seinem Grafen keinen Beistand.

 

Deshalb schickte die Stadt am 4. Oktober einen Parlamentär an den Prinzen ab, um wegen der Übergabe mit ihm zu verhandeln.

 

Am Abend vor seinem Einzug in die Stadt, die sich ehrenvoll und würdig unterwarf, stand Don Juan an einem der Fenster des Klosters Baldoncella. Es war ein ruhiger, freundlicher Abend, nicht das geringste Geräusch ließ sich vernehmen und nur das „Achtung!“ der Schildwache störte von Zeit zu Zeit diese Kirchhofsstille. Plötzlich durchschnitt eine Stimme die Luft, ein melancholischer, eintöniger, hochpoetischer Gesang ließ sich hören. Es war der Gesang einer katalonischen Schildwache, die die Langeweile ihrer schon überflüssigen Wacht mit einen beliebten Marienlied ihres Vaterlandes zu zerstreuen suchte. Und dieses berühmte Lied, das eine freie Umdichtung des alten lateinischen Hymnus: „Salve Regina“ ist und im Volk den Namen: „Der Birolay der allerseligsten Jungfrau Maria von Montserrat“ hat, lautet:

 

„Liebliche Rose, glänzende Sonne,

Leuchtender Stern, Edelstein heiliger Liebe,

Keuscher Topas, harter Diamant,

Kostbarster Rubin, glänzender Karfunkel!

 

Lilie, die alle anderen Blumen überragt,

Wunderbare Morgenröte, Klarheit ohne Schatten,

Du stehst den Sündern bei in allen Nöten,

Bist im großen Sturm Hafen der Sicherheit!

 

Du edler Adler, der am höchsten fliegt,

Königliche Kammer des großen Allmächtigen,

Höre wohl auf meinen dir geweihten Gesang,

Und für alle bittend sei uns Beschützerin!“

 

Don Juan hatte mit der größten Aufmerksamkeit dem Gesang gelauscht. Wie war er doch von religiöser Sehnsucht, von göttlicher Liebe durchdrungen, wie langsam und feierlich rauschte er dahin nach dem Takt einer seltsamen, originellen Melodie, und um wie viel mehr schien er durch die zitternde Stimme eines Pilgers hervorgestammelt, als aus der Bruststimme eines kräftigen Soldaten hervorklingend!

 

Der Fürst drehte sich um und einer seiner Pagen, der hinter ihm stand, ein junger Katalonier, der zweifelsohne die Frage in den Augen seines Herrn las, sagte: „Es ist der Birolay der allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Montserrat!“

 

„Montserrat!“ rief Don Juan aus, „dieser Name ist im Mund aller Katalonier, wie auch meine glorreichen Vorfahren Carl V. und Philipp II. eine geweihte Kerze von Montserrat in der Hand, gestorben sein sollen. Vorgestern noch, in dem Kampf, der bei dem Tor Santa Madrona stattfand, und zu dem ich unglücklicher Weise für die Meinigen zu spät ankam, stimmten die siegreichen katalonischen Soldaten, als sie in die Stadt zurückmarschierten, im Chor dasselbe Lied an.“

 

„Das ist nicht auffallend“, erwiderte der Page, „weil die Sieger einen Teil des Regiments bildeten, das Montserrat heißt und sich unmittelbar unter den Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria gestellt hat.“

 

„Und vor vierzehn Tagen“, fuhr der Fürst fort, „warf sich eine Hand voll Menschen auf eine meiner Wacht-Patrouillen, die sie zerstreuten, indem sie mit der einen Hand grüne Reiser schwenkten, mit der anderen das Schwert hoben und aus voller Brust den Ruf: „Maria von Montserrat! Maria von Montserrat!“ ausstießen.“

 

„Es waren dies einige Soldaten, die vom Besuch des Klosters zurückkehrten, und zum Zeichen, dass sie ihre fromme Wallfahrt beendet haben, die Reiser schwenkten.“

 

„Ach!“ sagte der Fürst, „wir müssen das Kloster auch besuchen, Page, sobald wir in die Stadt des Grafen eingerückt sind. Ich muss den Weg hinaufsteigen und der gnadenreichen Jungfrau Maria meine Verehrung bezeugen, deren Name an sich schon genügt, um den Kataloniern Tapferkeit einzuflößen und deren Schutz ihnen den Sieg sichert!“

 

Und so geschah es.

 

Wenige Tage darauf, nachdem er in die Stadt eingezogen war, vertauschte er sein Kriegsschwert mit dem Pilgerstab und wanderte zu Fuß den beschwerlichen Weg hinan. Er blieb einige Tage in dem Kloster, alles beschauend, alles bewundernd und sagte: „dass er sich als Katalonier, der er als Vizekönig von Catalonien bereits wäre, auch keine andere Beschützerin, keine andere Fürbitterin wünschte, als die heilige Jungfrau des Berges.“

Im folgenden Jahr kam er nochmals ins Kloster, um einer besonderen kirchlichen Feierlichkeit daselbst beizuwohnen, und zum dritten Mal im Jahr 1669, aber schon nicht mehr als Vizekönig, nicht als Fürst, sondern als Flüchtling, fast als Verbannter. Politische Gründe, die hier nicht zu erörtern sind, nötigten ihn, Kastilien zu verlassen, und Katalonien aufzusuchen, das, nachdem es ihn zuerst als Feind tapfer bekämpft hatte, ihn nun als königlichen Beschützer verehrte. – In der Tat hatte das kluge Benehmen und das milde Regiment Don Juans in Katalonien dem König Spaniens, Philipp, mehr Freunde erworben, als ihm seine Waffen hätten erwerben können, und so groß war die Liebe, die die Katalonier für ihn und so groß der Hass, den sie gegen die Franzosen, wegen ihrer Unzuverlässigkeit und Falschheit hegten, dass sie ein halbes Jahrhundert später zu Ehren Don Juans, in dem sie das Haus Österreich lieben und achten gelernt hatten, den Kampf zur Verteidigung der Rechte dieses Hauses begannen, einen blutigen, furchtbaren Kampf gegen dasselbe Frankreich, seinen früheren Verbündeten, das den Herzog von Anjou in seinen Ansprüchen auf den Thron von Spanien unterstützte.

 

Don Juan also klopfte nun an die Pforten des Klosters, das ihn, den Verbannten, ebenso ehrenvoll aufnahm, wie früher als Vizekönig und Fürst. Dafür ließ er auch auf seine Kosten die ganze Kirche vergolden, eine Arbeit, die über viertausend Golddukaten kostete. – In dieser Zeit erfreute sich Montserrat auch der Gegenwart zweier erlauchter Besucherinnen. Die Infantin Maria, Tochter Philipps III., damals schon Königin von Ungarn, kam auf ihrer Reise nach Deutschland, dessen Kaiserin sie werden sollte, nach Barcelona, und stieg am 3. Februar 1630 zum Kloster hinauf, nachdem kurz zuvor ihre Nichte, Margaretha von Österreich, die Tochter Philipps IV., zu den Füßen der allerseligsten Jungfrau ihre Andacht verrichtet hatte. Beide ließen kostbare und reiche Geschenke zurück.

Überhaupt zogen damals aus allen Teilen der Welt zahlreiche Scharen frommer Pilger, unter ihnen Fürsten und Vornehme, zu dem Heiligtum. Von allen Seiten wurden die wertvollsten Gaben als Weihopfer übergeben und bei den entferntesten Nationen wurden Tempel „zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria von Montserrat“ erbaut. –

 

(Aus: Monserrat, Sagen und Legenden von Victor Balaguer)

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Paul Claudel: FULGENS CORONA

 

(veröffentlicht in der Monatszeitschrift „Rosenkranz“, März 1956)

 

Mit besonderer Freude geben wir hier einige Stellen aus einem Vortrag wieder, den Paul Claudel im Marienjahr (1954) vor den Seminaristen des Lyoner Seminars gehalten hat. Man kann ihn mit Fug und Recht als das geistige Vermächtnis des großen Dichters bezeichnen – er erschien wenige Tage vor seinem Tod in dem Sammelband „J’aime la Bible“ und ist von den darin veröffentlichten Arbeiten die zuletzt niedergeschriebene. Der Dichter sagt selbst, dass er darin sein Herz sprechen lässt: „laut, ganz laut . . .“ Es ergreift uns besonders, wie er Maria und die Kirche in einem sieht und wie rührend er dem Hl. Vater (Pius XII.) für sein Eintreten für die Ehre Mariens dankt. Wir finden, dass der Aufsatz darum besonders gut in dieses Heft („Rosenkranz“) passt.

Wir entnehmen den Text in der Übersetzung von Heinrich A. Mertens der deutschen Ausgabe des zitierten Werkes: Paul Claudel: Ich liebe das Wort. Leinwand, 192 S., Paulus-Verlag, Recklinghausen.

 

Dank der freundlichen Bitte des hochwürdigen Herrn Abbé Claude Roffat und dank der liebevollen Herablassung Seiner Eminenz, des Kardinals Gerlier, der dieser Versammlung präsidiert, darf der alte Dichter wieder einmal, wie vor zwei Jahren, vor seinen Freunden aus Lyon ein Zeugnis seines Glaubens ablegen. Wir stehen am Ende des Marianischen Jahres, und das gibt ihm Mut; denn bei einer Huldigung an die heilige Mutter Gottes darf in dieser Stadt, welche ihr geweiht ist, keine Stimme fehlen. Vielleicht ist der Akzent dafür ihm seit achtundzwanzig Jahren nicht ganz fremd, seit wir an einem guten Weihnachtstag zu Notre-Dame in Paris Bekanntschaft gemacht haben. Es ist seit damals eine lange Zeit, in der ich sie sozusagen unter allen Blickpunkten erlebt habe, eine lange Zeit, wo sie fast in allen Augenblicken meines Lebens, eines langen abenteuerlichen Lebens, verbunden ist: mir allen Schritten meines Daseins, von denen sie besser als irgendeiner weiß, was davon zu halten ist; aber sie kennt auch mein Herz. Es ist hohe Zeit, dieses Herz reden zu lassen: nun, am Ende, vor dem Hinabsteigen. Laut, ganz laut soll es reden! Und es will reden von ihr; darum hat es mich diesen Abend gebeten.

 

Als erstes kommen mir da die Worte auf die Lippen, mit denen unser Heiliger Vater, der Papst, seine Enzyklika zum Marianischen Jahr eröffnet: „Fulgens Corona“ – „eine strahlende Krone“; denn eine Krone empfängt sie, eine Krone ist sie, und eine Krone verschenkt sie. Mit einer Königskrone hat der Papst bei der Einsetzung eines neuen Kirchenfestes die Stirn der Mutter Gottes soeben feierlich geschmückt.

 

Im vierten Kapitel des Hohenliedes wendet Gott sich an jene mystische Braut, in welcher die Kirche immer die allerseligste Jungfrau erkannt hat, und spricht zu ihr: „Komm vom Libanon, meine Erwählte, du sollst gekrönt werden.“ Das Bild von den Schneefeldern des Libanon beschwört vor uns das Mysterium von der Unbefleckten Empfängnis. Und der heilige Johannes zeigt uns im zwölften Kapitel der Apokalypse „jenes große Zeichen am Himmel!“: eine Frau, bekleidet mit der Sonne und gekrönt mit zwölf Sternen. Zwölf ist die Zahl der Fülle. Es handelt sich nicht nur um die zwölf Stämme Israels; es handelt sich in dieser symbolischen Zahl um den ganzen Himmel aller Heiligen, an deren Festtag im Jahr des Heiles 1954 das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet wurde. Und da gibt es nicht einen unter diesen Sternen, nicht einen unter diesen „leuchtenden Wächtern am Firmament“, wie der alte Äschylos sagt, der nicht Maria den Ursprung seines Glanzes schuldete.

 

Fruchtbare Jungfrau! ruft der Prophet. Nun wird dein Überfluss sichtbar, und staunend stehst du inmitten jener Völker, die wie Regengüsse hervorbrachen und die aus dir an einem einzigen Tag geboren wurden. Schau, wie sie aus Nord und Süd dich umscharen, und da ist nicht einer dieser strahlenden Bürger der Ewigkeit, der dich nicht als seine Mutter erkennte!

 

Eine Krone, vor der sich alle Bitten sammeln. Ganze Völker stampfen mit den Füßen und stoßen sich schmerzhaft im Dunkel, und eine Frage erhebt sich, auf die kein Mund erschöpfende Antwort gibt: „Wer wird Sterne aus uns Machen? Wer wird in uns jene gefangenen Kräfte der Erkenntnis, der Gnade und des Willens befreien?“ Und sogar Gott, während Er seinen Blick in die Ewigkeit richtet, über die zahllosen Geschlechter Seiner Heiligen und Auserwählten, sogar Gott fragt: „Wer wird mich zu ihrem Vater machen? Wer wird mir das Tor öffnen? Wer wird mir den Weg ebnen zu einer Barmherzigkeit, welche die unzertrennliche Begleiterin der Gerechtigkeit sein soll?

 

Das ist der Augenblick des Aufganges Mariens: ihre Stunde ist gekommen. Sie spricht ihr Ja. Sie schenkt Gott der Menschheit und schenkt die Menschheit Gott. Sie erhört diese doppelte Sehnsucht. Der Prophet Osee sagt: „Sie erhörte den Weizen, den Wein und das Öl“, und sie wurden so Werkzeuge der Sakramente . . .

 

Marias Krone ist ihr Magdtum, sie ist die „ancilla Domini“. Der Satan hat gesagt: „Non serviam“ – „Ich will nicht dienen“. Maria dagegen will ganz und gar nur Magd und Dienst sein. Gott bedient sich so vieler unvollkommener Werkzeuge – warum sollte Er sich nicht auch dieses vollkommenen Werkzeuges bedienen; denn Er nennt sie ja selbst: „Perfecta mea“ – „Meine Vollkommene“. Ihre Art des Dienstes ist die Mutterschaft, und weil sie eine vollkommene Dienerin ist: die vollkommene Mutterschaft. Deshalb begnügte sie sich nicht damit, ihre Kinder zur Welt zu bringen: unaufhörlich übt sie ihre Mutterschaft aus, bis ihre Kinder zur Fülle gelangt sind: zur Krone.

 

Dienerin heißt nicht Schöpferin; wer Dienerin sagt, sagt Verwalterin: Verwalterin Gottes von allem, was in uns zur Kindschaft Gottes verpflichtet ist, auch Verwalterin der Ungeduld des Fleisches und des Blutes. Der Prophet Zacharias nennt Gott einen Keim. Wir sind Söhne Gottes; es muss also in uns ein göttlicher Keim hineingelegt worden sein. Und wie sollte sich Maria für diesen Keim in uns nicht interessieren, da sie doch an ihm mitgewirkt hat? Wie sie in uns die Berufung zu der Krone hineingelegt hat, so umsorgt sie, so hegt sie in uns die Berufung zu der Krone, die sie selber ist. Nicht nur eine schmückende Krone, sondern eine lebendige Laubkrone, die uns erlaubt, uns vollkommen zu verwirklichen und, wenn ich so sagen darf, voll und ganz unserem Schöpfer geboren zu werden: wahrhaft geboren zu werden . . .

 

„Frau“, lesen wir im Evangelium, „was ist zwischen dir und mir?“ Ja, was? Es ist die Vaterschaft und die Mutterschaft. Durch die Mutterschaft ist Gott Menschensohn und durch die Mutterschaft ist der Mensch Gottessohn geworden; denn so sprach Jesus zu Nikodemus: „Der Mensch muss wiedergeboren werden.“ Und wenn dann dieser Dr. Nikodemus, dieser erstaunte Schriftgelehrte fragt, ob er dazu in den Mutterschoß zurückkehren müsse, so denken wir an all jene Generationen, die eine gewisse Mutter in ihren Schoß aufgenommen hat, und dass die Kirche bis zum Ende der Zeiten nicht aufhören wird, Kindern das Licht der Welt zu schenken.

 

Geboren von einer Mutter – das ist eine neue Mutterschaft, die Gott für Seinen Dienst anwirbt. Es ist keineswegs sinnlos, dass an manchen Orten unseres Landes Maria angerufen wird unter dem Namen „Unserer Lieben Frau von der Entbindung“. Sie entbindet wirklich. In der Tiefe eines jeden Menschenwesens lebt eine gefangene Seele, eine eingesperrte Seele, die wider Willen dem Wahn unterworfen ist und die sich mehr oder weniger dunkel nach Wissen und Licht sehnt. Aber würde ihr schließlich das Jawort gelingen, würde sie mit ihrem seufzenden Aufbäumen gegen Finsternisse und Unterdrückung Erfolg haben, wenn es nicht die Kirche in Person ihrer Stellvertreter gäbe, um dieser Seele beizustehen in ihrer Mühe um die eigene Entbindung – diese Kirche, die wir nicht unterscheiden können von der Tochter Annas und Joachims? . . .

 

Der Himmel hat manches Mal über meinem Haupt gewechselt, aber überall habe ich Maria gefunden, überall habe ich die Kirche gefunden, überall habe ich jene Krone mit den leuchtenden Sternen gefunden, welche mich mit ihrer unfehlbaren Macht der Führung und des Wohltuns festhielten, welche überall und immer gegenwärtig waren, um mir den Weg zu weisen und den Irrweg zu verbieten.

 

Und welches Wunder! Maria hat die Krone von ihrer Stirn genommen, um sie uns zu übergeben, um daraus ein Werkzeug in unseren Händen zu machen, ein Werkzeug der Betrachtung und der kräftigen Wirkung: den Rosenkranz. Die kleine Perle zwischen Daumen und Zeigefinger ist nun Maria selbst, die sich zum Wagen für unser Auge und für unsere Stimme macht, und die uns auf ihrem Weg der Anbetung mit sich nimmt: zu immer neu beginnendem Psalter. Ja, auch diese Maria, auch diese Kirche und auch diese Mutter Gottes hat sich ganz in unsere Hände gegeben, damit wir uns ihrer bedienen. Merke auf, Herr! lesen wir in jedem Vers der Psalmen. Neige dein Ohr! Schlafe nicht! Tag und Nacht steigt dieser dumpfe Lärm, unterbrochen von gellenden Schreien, von der Erde zu Gott empor: eine Vervielfältigung Mariens, die Ihn daran hindert, jeweils zu schlafen . . .

 

Es bedeutet wenig, der heiligsten Jungfrau im Gefühl nahe zu sein und sie in Worten zu loben, wenn wir nicht mit ihr arbeiten, wenn wir nicht die Gelegenheit nutzen, mit der Tat zu beweisen und zu prüfen, in welchem Grad wir zu ihr halten und sie zu uns hält, so dass wir wirklich nur ein einziges Ganzes bilden. Als der heilige Paulus auf dem Weg nach Damaskus mit seinem Herrn Bekanntschaft macht, ist sein erstes Wort: „Herr, was willst du? Was soll ich tun?“ Und eben dieses Wort ist auch das Wesen und die Substanz der heiligsten Jungfrau, die nichts anderes ist als eine Dienerin: die dient und die hilft und die schafft und die so nahe bei uns ist, dass sie uns von ihrer Leidenschaft des Dienens und des Helfens und des Schaffens mitteilen muss. Seht, wie sie bei ihrem Sohn thront und wie sie Ihm um sich herum den Himmel zeigt: nicht den Himmel der vergänglichen Sternbilder, sondern den Himmel der Seelen, die unaufhörlich geboren und wiedergeboren werden zur Sonne der Wahrheit, und hört, wie sie zu Ihm spricht: Ich bin nicht leer geblieben unter Deinen Händen! Sieh, was ich aus Dir hervorgebracht habe! Sieh, was ich aus dir, mit Dir hervorgebracht habe! Sieh, all das habe ich dir geschenkt, seit jener Ruf an mich ergangen ist, der zu mir sprach: Höre, meine Tochter! Der Ruf, wodurch ich geschaffen wurde und der mir versicherte: Fürchte dich nicht! Fordere! Ich habe gefordert. Ich habe mich vervielfältigt! Sieh um Dich das zahllose Geschlecht jener Maria, die ja sagt und die ohne Unterlass zu Deiner Krone beiträgt und, o mein Gott, auch zu ihrer eigenen: denn Du hast sie in unbegreiflicher Wahl ausgewählt . . .

 

Sieh, ich bin die Magd des Herrn“, sagt sie: Die Magd hat gedient! Sie hat Gott bedient: sie hat Gott gedient. Selbst Satan, dieser Unabhängige, der sich rühmte, niemandem und nichts zu dienen: Kraftvoll wurde er unter harte Fersen getreten. Sieh, da ist auch er jetzt am Ende und dient, wie uns der Brief an die Philipper sagt. Das Böse dient, das Leid dient, die Sünde dient, die Hölle dient: all das hat mitgewirkt an jenem Kreuz auf dem Gipfel der Welt, woran der Sohn Mariens glorreich ausgespannt ist!

 

Und ich armer, alter Mann, der ich niemals wirklich gedient habe, der ich in diesem Leben niemals fähig war, nur zehn Minuten hintereinander an dieselbe Sache zu denken – wie froh bin ich, diese Maria im Himmel zu haben, die Gott all das Gute erzählt, was ich von ihm denke!

 

Und wie dankbar bin ich jenem armen Priester dort in Rom, der gerade in dem Augenblick, als ich diese Zeilen schrieb, auf seinem Krankenlager von seinem Herrn das Recht erflehte, noch ein wenig leiden und arbeiten zu dürfen für Ihn und seine Kinder. Wie dankbar bin ich ihm, dass er es uns so sicher und endgültig gesagt hat: Maria ist gekrönt. Im höchsten Himmel – mit Leib und Seele! Dieselbe Maria, welche das Hohelied als unversehrt und vollkommen preist. Unversehrt – ganz und vollkommen, damit wir zu ihr die Arme ausstrecken! „Assumpta est Maria ad aethereum thalamum, in quo Rex regum stellato sedet solio. Veni coronaberis!” – “Aufgenommen ward Maria in das himmlische Brautgemach, wo der König der Könige auf dem Sternenthron sitzt. Komm, du wirst gekrönt werden!“

 

„Lasst uns lieben den Herrn, unsern Gott!

Lasst uns lieben die Kirche!

Ihn als unsern Vater – sie als unsere Mutter.

Ihn als den Herrn – sie als die Magd des Herrn.

Denn wir sind Kinder seiner Magd!“

 

hl. Augustinus

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