Die Nachfolge Marias

 

Die Kirche lehrt uns, die Heiligen zu verehren und ihre Fürbitte anzurufen. Sie stellt uns aber zugleich ihr Leben als Beispiel und Vorbild vor Augen, damit wir ihnen in unserem Leben nachfolgen auf dem schmalen Weg des Heils, den sie vor uns gegangen sind, und dadurch einst zur Teilnahme an ihrer Glückseligkeit und Herrlichkeit im Himmel gelangen.

 

Wir finden in der großen Menge von Heiligen, die die Kirche als Beispiel der christlichen Tugendübung uns vorstellt, solche aus allen verschiedenen Ordnungen der menschlichen Verhältnisse, Geschlechter, Stände und Altersklassen, so dass ein jeder darunter für sich geeignete Vorbilder zur Nachahmung finden kann. Unter allen Heiligen aber, die die Kirche zur Verehrung und Nachahmung uns vorstellt, ist mit einer einzigen Ausnahme niemand zu finden, der im irdischen Leben ganz und gar frei von Schwäche, Irrtum und Fehlern geblieben wäre. Denn sie waren alle behaftet mit dem allgemeinen Erbübel aller Nachkommen Adams und litten demzufolge an Verdunkelung des Verstandes, an Schwäche des Willens und an der dreifachen unordentlichen Begierlichkeit. Wenngleich sie durch fleißigen und würdigen Gebrauch der Gnadenmittel, durch stete Übung der Wachsamkeit und Selbstverleugnung, sowie durch beharrlichen Kampf und Widerstand gegen die Anreizungen zur Sünde von Seiten der verderbten Natur, der Welt und der Hölle in der irdischen Prüfungszeit herrliche Siege über die Feinde des Seelenheils erfochten und zur heldenmütigen Übung der christlichen Tugenden in der Nachfolge Christi gelangten, so mussten sie doch alle mit dem Apostel bekennen: „In vielen Stücken fehlen wir alle“ (Jakobus 3,2), und täglich Gott bitten um Verzeihung ihrer täglichen Fehler.

 

Nur eine einzige unseres Geschlechts ist ganz frei und rein von jeder Makel und jedem Fehler, frei von dem Übel der Erbsünde und ihren traurigen Folgen sowohl, als von jeder persönlichen Sünde und Unvollkommenheit. Maria ist diese einzige, von der die Worte des Heiligen Geistes im vollsten Sinn gelten: „Du bist ganz schön, meine Geliebte, und keine Makel ist an dir“ (Hohelied 4,7). Im Stand der heiligmachenden Gnade empfangen und geboren, frei von jeder ungeordneten Neigung, verband sie von frühester Jugend an mit der klarsten Erkenntnis und Unterscheidung des Geistes immer einen entschiedenen und festen Willen, der nur allein von der Liebe zu Gott beherrscht und geleitet wurde. Mit der reichsten Fülle übernatürlicher Gnaden ausgestattet, hat sich durch die treueste Mitwirkung mit ihnen in jedem Augenblick ihres Lebens den göttlichen Willen erkannt und erfüllt. Sie ist dadurch ein ganz vollkommenes Beispiel und Vorbild aller Tugenden für alle Gläubigen ohne Ausnahme geworden.

 

In diesen hellen und klaren Spiegel vollkommener Tugend ohne Schatten und Flecken, der uns das an den verschiedensten Verhältnissen und Prüfungen so reiche Leben Marias vor Augen stellt, sollen alle Christen fleißig schauen, um dadurch ihre eigenen Fehler und Schwächen leichter zu erkennen und zugleich einen zuverlässigen Führer und Wegweiser auf der Wanderung durch das irdische Leben zu erhalten.

 

Um uns diese heilsame Übung zu erleichtern, wollen wir noch einige von den Haupttugenden, die aus dem Lebensbild der allerseligsten Jungfrau besonders hervorleuchten, zum Gegenstand einer näheren Betrachtung machen, zunächst die drei göttlichen und danach einige der sittlichen Tugenden. Die folgenden zwölf Tugenden in zwölf Kapiteln sind dem Büchlein entnommen:

 

„Das Leben der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria“, Dr. Paulus Melchers, Erzbischof, Köln 1884)

 

1. Marias Tugend des Glaubens

 

2. Marias Tugend der Hoffnung

 

3. Marias Tugend der Liebe zu Gott

 

4. Marias Tugend der Nächstenliebe

 

5. Marias Tugend der Demut

 

6. Marias Tugend der Sanftmut

 

7. Marias Tugend der Reinheit

 

8. Marias Tugend der Armut

 

9. Marias Tugend des Gehorsams

 

10. Marias Tugend der Herzenseinfalt und Einfachheit

 

11. Marias Tugend der Geduld

 

12. Marias Andacht und Gottseligkeit