Die Nachfolge Marias

 

Die Kirche lehrt uns, die Heiligen zu verehren und ihre Fürbitte anzurufen. Sie stellt uns aber zugleich ihr Leben als Beispiel und Vorbild vor Augen, damit wir ihnen in unserem Leben nachfolgen auf dem schmalen Weg des Heils, den sie vor uns gegangen sind, und dadurch einst zur Teilnahme an ihrer Glückseligkeit und Herrlichkeit im Himmel gelangen.

 

Wir finden in der großen Menge von Heiligen, die die Kirche als Beispiel der christlichen Tugendübung uns vorstellt, solche aus allen verschiedenen Ordnungen der menschlichen Verhältnisse, Geschlechter, Stände und Altersklassen, so dass ein jeder darunter für sich geeignete Vorbilder zur Nachahmung finden kann. Unter allen Heiligen aber, die die Kirche zur Verehrung und Nachahmung uns vorstellt, ist mit einer einzigen Ausnahme niemand zu finden, der im irdischen Leben ganz und gar frei von Schwäche, Irrtum und Fehlern geblieben wäre. Denn sie waren alle behaftet mit dem allgemeinen Erbübel aller Nachkommen Adams und litten demzufolge an Verdunkelung des Verstandes, an Schwäche des Willens und an der dreifachen unordentlichen Begierlichkeit. Wenngleich sie durch fleißigen und würdigen Gebrauch der Gnadenmittel, durch stete Übung der Wachsamkeit und Selbstverleugnung, sowie durch beharrlichen Kampf und Widerstand gegen die Anreizungen zur Sünde von Seiten der verderbten Natur, der Welt und der Hölle in der irdischen Prüfungszeit herrliche Siege über die Feinde des Seelenheils erfochten und zur heldenmütigen Übung der christlichen Tugenden in der Nachfolge Christi gelangten, so mussten sie doch alle mit dem Apostel bekennen: „In vielen Stücken fehlen wir alle“ (Jakobus 3,2), und täglich Gott bitten um Verzeihung ihrer täglichen Fehler.

 

Nur eine einzige unseres Geschlechts ist ganz frei und rein von jeder Makel und jedem Fehler, frei von dem Übel der Erbsünde und ihren traurigen Folgen sowohl, als von jeder persönlichen Sünde und Unvollkommenheit. Maria ist diese einzige, von der die Worte des Heiligen Geistes im vollsten Sinn gelten: „Du bist ganz schön, meine Geliebte, und keine Makel ist an dir“ (Hohelied 4,7). Im Stand der heiligmachenden Gnade empfangen und geboren, frei von jeder ungeordneten Neigung, verband sie von frühester Jugend an mit der klarsten Erkenntnis und Unterscheidung des Geistes immer einen entschiedenen und festen Willen, der nur allein von der Liebe zu Gott beherrscht und geleitet wurde. Mit der reichsten Fülle übernatürlicher Gnaden ausgestattet, hat sich durch die treueste Mitwirkung mit ihnen in jedem Augenblick ihres Lebens den göttlichen Willen erkannt und erfüllt. Sie ist dadurch ein ganz vollkommenes Beispiel und Vorbild aller Tugenden für alle Gläubigen ohne Ausnahme geworden.

 

In diesen hellen und klaren Spiegel vollkommener Tugend ohne Schatten und Flecken, der uns das an den verschiedensten Verhältnissen und Prüfungen so reiche Leben Marias vor Augen stellt, sollen alle Christen fleißig schauen, um dadurch ihre eigenen Fehler und Schwächen leichter zu erkennen und zugleich einen zuverlässigen Führer und Wegweiser auf der Wanderung durch das irdische Leben zu erhalten.

 

Um uns diese heilsame Übung zu erleichtern, wollen wir noch einige von den Haupttugenden, die aus dem Lebensbild der allerseligsten Jungfrau besonders hervorleuchten, zum Gegenstand einer näheren Betrachtung machen, zunächst die drei göttlichen und danach einige der sittlichen Tugenden. Die folgenden zwölf Tugenden in zwölf Kapiteln sind dem Büchlein entnommen:

 

„Das Leben der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria“, Dr. Paulus Melchers, Erzbischof, Köln 1884)

 

 

1. Marias Tugend des Glaubens

 

1. Die göttliche Tugend des Glaubens, deren Wesen in dem festen und zweifellosen Fürwahrhalten der von Gott geoffenbarten Wahrheiten besteht, ist nach der Lehre des göttlichen Wortes und der heiligen Kirche die Grundlage und notwendige Bedingung des Heils und die Wurzel aller christlichen Tugenden. Er war auch in der allerseligsten Jungfrau die Quelle und der Ursprung alles Guten. Sie empfing schon im ersten Augenblick ihres Daseins zugleich mit ihrer makellosen Empfängnis die heiligmachende Gnade und damit das kostbare Geschenk des übernatürlichen Glaubens in außerordentlichem Maß, ein göttliches Licht zur Erkenntnis der göttlichen Dinge und der Heilswahrheiten, verbunden mit einer festen Neigung des Willens, diesem Licht zu folgen. Dieser übernatürliche Glaube war in der Seele Marias schon so früh erstarkt und entwickelt, dass sie bereits im zarten Alter, wie es in der Überlieferung berichtet wird, freudig und entschieden dem Dienst des Allerhöchsten im Tempel, dem ihre frommen Eltern sie gelobt hatten, sich weihte. Er war ihr beständiger Begleiter und Führer während ihres ganzen Lebens auf allen Wegen und in allen Prüfungen.

 

Dieses Glaubenslicht leuchtete ihr besonders hell und klar, als sie, die erste unter allen Töchtern Evas, auf Antrieb des Heiligen Geistes dem Herrn jungfräuliche Reinheit gelobte und dennoch, dem erkannten göttlichen Willen zufolge, sich hernach entschloss zur Vermählung mit dem heiligen Joseph. Am hellsten leuchtete ihr Glaube hervor, als die himmlische Botschaft von ihrer Auserwählung zur höchsten Würde der göttlichen Mutter durch den Erzengel Gabriel an sie gelangte und sie dann, von jenem Licht erleuchtet, mit hoher Einsicht und Weisheit vor allem Beruhigung suchte hinsichtlich ihres Gelübdes. Als ihr diese gegeben und sie von der Echtheit der göttlichen Sendung überzeugt war, da gab sie in zweifellosem Glauben an das Wort des himmlischen Boten ihre Einwilligung zu dem dadurch erkannten göttlichen Ratschluss.

 

2. In diesem lebendigen und festen Glauben verharrte Maria standhaft bis zum Ende ihres irdischen Lebens, ohne zu zweifeln und zu wanken, obwohl er den schwersten Prüfungen unterworfen wurde. Welche Prüfung wurde diesem Glauben bereitet zu Betlehem, wo keine Herberge zu finden war und das göttliche Kind in einem Stall, in der größten Armut, Verborgenheit und Entbehrung geboren wurde! Eine gleiche Prüfung erfolgte durch die Verfolgung des Herodes, durch den göttlichen Befehl, nach dem fernen Land Ägypten zu fliehen; und nicht weniger durch das vieljährige verborgene, arme und mühselige Leben des göttlichen Sohnes in der Hütte und Werkstatt zu Nazaret. Welchen Prüfungen wurde dieser Glaube Marias ferner unterworfen während des öffentlichen Lehramts Jesu, als er fast nur bei den Armen und Geringen Anhänger und Jünger fand, von den Mächtigen und Angesehenen aber, von den Priestern und Lehrern seines Volkes verkannt, gehasst, verleumdet, verfolgt und endlich den schmählichsten Misshandlungen und schmerzlichsten Martern überliefert, ja, als ein verurteilter Verbrecher hingerichtet wurde.

 

In allen diesen Prüfungen wurde ohne Zweifel der göttlichen Mutter wunderbare Stärkung ihres Glaubens durch Gottes Gnade zuteil; aber sie sah nichts von den herrlichen und glorreichen Verheißungen in Erfüllung gehen, die der Erzengel ihr verkündigt hatte: ihr Sohn werde groß sein und Gott ihm den Thron seines Vaters David geben, er werde herrschen im Hause Jakobs ewiglich, und seines Reiches werde kein Ende sein.

 

Marias Glaube war, obgleich dunkel, immer stark und standhaft unter allen Prüfungen. Und durch diesen heldenmütigen Glauben stand sie, wie eine Säule, aufrecht unter dem Kreuz ihres sterbenden Sohnes, während das Schwert des furchtbarsten Mitleidens ihr Herz durchbohrte. Das war die schwerste Prüfung und der schmerzlichste Augenblick ihres Lebens, aber auch der größte und glorreichste Sieg ihres Glaubens über alle Prüfungen, die sie standhaft erduldet und überwunden hat, während fast alle und selbst die Apostel an den Demütigungen und Leiden des Heilandes Ärgernis genommen und die Flucht ergriffen hatten bei seiner Gefangennahme.

 

3. „Selig bist du, die du geglaubt hast,“ sprach Elisabeth zu Maria, nachdem sie sie als die Mutter ihres Herrn begrüßt hatte; und in der Tat ist Maria zu bewundern und selig zu preisen wegen ihres vollkommenen und wunderbaren Glaubens, der die Grundlage und Wurzel ihrer Tugenden und ihrer Heiligkeit bildete. Ihr Glaube und der daraus hervorgehende Eifer, für die Erhaltung des Glaubens auf Erden Sorge zu tragen, haben sich in allen Jahrhunderten der Kirche so wirksam und offenbar erwiesen, dass die heilige Kirche der mächtigen Fürbitte und dem Schutz der seligsten Jungfrau den Sieg über alle Irrlehren zuschreibt. „Freue dich, o Jungfrau Maria,“ so heißt es in den Marianischen Tagzeiten, „du allein hast alle Irrlehren überwunden,“ und ebendaselbst wird ihre Hilfe angerufen mit den Worten: „Würdige mich, dich zu loben, geheiligte Jungfrau, gib mir Kraft gegen deine Feinde!“

 

4. Wir alle haben in der heiligen Taufe schon zugleich mit der heiligmachenden Gnade den Keim der übernatürlichen Tugend des Glaubens empfangen, wenngleich nicht in solchem Maße wie die allerseligste Jungfrau, aber doch stark und lebenskräftig genug, um mit der Gnade Gottes aus dem Glauben leben und durch den Glauben alle Feinde unseres Heils besiegen zu können. Aber auch wir sind in unserem Leben vielen Prüfungen und Anfechtungen des Glaubens ausgesetzt, ja, das ganze Leben eines jeden Christen ist gewissermaßen eine beständige tägliche Prüfung des Glaubens. Damit dieser nicht unterliege, sondern alle Prüfungen siegreich überwinde, sollen auch wir in den Versuchungen des Glaubens, in den Augenblicken, wo Zweifel und Anfechtungen gegen ihn in der Seele aufsteigen, standhaft widerstehen und dagegen kämpfen mit den Waffen des göttlichen Wortes und des Gebetes um die Vermehrung des Glaubens. Mit diesem Gebet um die göttliche Gnade aber sollen wir mitwirken durch fleißige Anhörung des göttlichen Wortes und durch das Bestreben, den Inhalt der Glaubenslehre und ihre untrügliche und zweifellose Wahrheit immer besser kennen zu lernen; vor allem aber durch das Leben aus dem Glauben, indem wir uns beständig bemühen, unser Denken, Urteilen, Wünschen, Hoffen und Fürchten, unsere Neigungen und Abneigungen, unser Reden, Tun und Lassen mit den Grundsätzen des Glaubens in Einklang zu bringen, die Gefahren für den Glauben aber, den unnötigen Verkehr mit Ungläubigen und Irrgläubigen, sowie das Lesen schlechter und glaubensfeindlicher Bücher und Schriften zu fliehen und zu meiden: „Denn der Gerechte lebt aus dem Glauben“ (Röm 1,17).

 

2. Marias Tugend der Hoffnung

 

1. Die göttliche Tugend der Hoffnung, die im Glauben an die unendliche Güte Gottes und an seine Verheißungen ihre Stütze hat, besteht in dem festen und zuversichtlichen Vertrauen, durch Gottes Gnade und unsere treue Mitwirkung mit ihr die ewige Glückseligkeit und alles, was uns dazu notwendig ist, zu erhalten.

 

Dieses übernatürliche und unerschütterliche Vertrauen auf Gottes Güte und Treue in seinen Verheißungen war ebenso, wie der Glaube an Gottes Wort, in der Seele der heiligen Jungfrau in einem außerordentlichen Grad stark und lebendig. Es setzte sie in den Stand, unter allen Prüfungen, die ihr bereitet wurden, und die nicht selten ihre Lage schwierig und fast hoffnungslos zu machen schienen, stets den Frieden der Seele zu bewahren und mit der Zuversicht, der sie in ihrem herrlichen Lobgesang den schönsten Ausdruck gegeben hat, Hilfe von Gott zu erwarten. Diese wunderbar starke Hoffnung, womit die heilige Jungfrau stets auf Gottes Güte vertraute, offenbarte sich in sehr auffallender Weise bei der schweren Prüfung, in die der heilige Joseph geriet, als Maria von ihrer Base Elisabeth heimkehrte. Durch den Anblick seiner heiligen Gemahlin, die ihm in ihrer großen Demut und Bescheidenheit von der hohen Würde, wozu sie als Mutter Gottes erhoben war, nicht die geringste Mitteilung gemacht hatte, wurde er im höchsten Grad bestürzt und bekümmert. Maria bemerkte seinen Kummer unter schmerzlichen Mitleiden; aber dennoch verharrte sie in Schweigen, obwohl sie mit wenigen Worten den Kummer des heiligen Joseph hätten beseitigen können. Sie schwieg, weil sie es nicht für zulässig erachtete, das göttliche Geheimnis zu offenbaren, und weil sie mit Zuversicht die göttliche Hilfe erwartete. Ihre Hoffnung wurde auch bald durch eine himmlische Botschaft, die dem heiligen Joseph das große Geheimnis offenbarte, gerechtfertigt und erfüllt.

 

2. Dieselbe lebendige und feste Hoffnung auf Gottes Hilfe und Schutz beseelte Maria, als sie zu Bethlehem nirgends ein Unterkommen finden konnte und mit dem heiligen Josef in einem elenden Stall übernachten musste in jener Nacht, als das göttliche Kind geboren wurde. Dasselbe Vertrauen hielt sie aufrecht, als sie nicht lange nachher in einer Nacht plötzlich vom heiligen Josef den Befehl Gottes vernahm, dass sie, um der Nachstellung des Königs Herodes zu entgehen, die Flucht ergreifen und mit dem neugeborenen Kind ohne Verzug die mühselige und gefahrvolle Reise in ein weit entlegenes heidnisches Land antreten sollten. Ohne Zögern, ohne Bedenken und Klagen stand sie auf und trat die Reise an, um den göttlichen Befehl zu erfüllen.

 

In gleicher Weise wurde ihre Hoffnung auf Gott geprüft und bewährt bei verschiedenen Ereignissen ihres Lebens, die sie immer mehr von der Wahrheit der Weissagung Simeons überzeugten. Namentlich geschah dies, als sie das göttliche Kind zu Jerusalem verloren hatte und drei Tage lang mit unbeschreiblicher Betrübnis ihres liebenden Mutterherzens suchen musste; noch weit mehr aber während der drei letzten Lebensjahre ihres göttlichen Sohnes, als sie so oft wahrnehmen musste, dass er ein Gegenstand des Widerspruchs, der Verfolgung und endlich der schrecklichsten Anklage, Verurteilung und Hinrichtung wurde.

 

Unter allen diesen furchtbar schweren Prüfungen, von welchen die jungfräuliche Mutter heimgesucht wurde, blieb ihre Hoffnung auf Gottes Hilfe ebenso wie ihr Glaube an sein Wort immerfort unerschüttert; sie wankte nicht und zweifelte nicht. Wie die Magnetnadel im Kompass immer unbeweglich nach dem Nordpol gerichtet bleibt und dem Schiffer seinen Weg zeigt durch die Wogen des Weltmeeres, so war auch das Herz und der Blick der heiligen Jungfrau auf dem Weg des Leidens und unter dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes immerdar auf Gott gerichtet; der Stern der Hoffnung erleuchtete und tröstete sie, wenn ihr Herz durchbohrt wurde von dem furchtbaren Schmerzensschwert.

 

Als der göttliche Leichnam im Grab lag und die Apostel und Jünger des Herrn voll Furcht und Zweifel umherirrten und verzagend einander ihre Not klagten, da war das Herz der heiligen Jungfrau zwar auch traurig und leidend an den Wunden, von denen es auf Golgotha getroffen war; aber es war ruhig und gottergeben in seiner einsamen Trauer; denn ungebeugt war ihre Hoffnung geblieben auf die Erfüllung des göttlichen Wortes: dass der Gekreuzigte auferstehen werde am dritten Tag. Er ist auferstanden und hat die Hoffnung seiner Mutter erfüllt in der vollkommensten Weise.

 

3. So soll nach dem Beispiel der heiligen Jungfrau auch in unserem Herzen die Hoffnung auf Gott immer fest und unerschütterlich sein. Sie soll auf Gottes Verheißungen, nicht aber auf Menschen, noch auf unsere eigenen Kräfte und Fähigkeiten oder vermeintlichen Verdienste, noch auf irgendein anderes Geschöpf gegründet sein. Sie muss, ebenso wie die göttliche Güte und Treue sich immer gleich und unveränderlich bleibt, unter allen glücklichen und unglücklichen Verhältnissen unseres Lebens immer dieselbe sein. Gleichwie die Verdienste Jesu Christi, durch die wir ein Anrecht auf Gottes Güte und Barmherzigkeit erlangt haben, unerschöpflich sind, so soll auch unsere Hoffnung eine unbegrenzte sein und durch kein Schicksal niedergeschlagen werden.

 

Sie muss aber ebenso weit von Zaghaftigkeit und Verzweiflung wie von vermessenem Vertrauen auf Gott entfernt sein. Wir sollen durch Anwendung zweckdienlicher Mittel und durch Anstrengung unserer Kräfte und Fähigkeiten tun, was wir vermögen, um Gottes Willen zu erfüllen; das Gelingen unserer Arbeiten aber sollen wir von Gott erwarten, ohne dessen Segen und Beistand wir nichts vermögen.

 

Unsere Hoffnung auf Gott soll endlich immer verbunden sein mit der Übung des Gebetes, das die vornehmste Wirkung und Übung der göttlichen Hoffnung ist. Um aber die Erhörung unserer Gebete zu sichern, sollen wir damit die Anrufung und Verehrung derjenigen verbinden, die von der Kirche unsere Hoffnung genannt wird, weil ihr Herz stets von mütterlicher Liebe und inniger Teilnahme erfüllt ist gegen alle, wofür ihr göttlicher Sohn gelitten hat. Sie ist immer geneigt zu helfen und vermag zu helfen durch ihre mächtige Fürbitte, so dass mit vollem Recht gesagt wird, es sei unerhört, dass jemand mit Vertrauen sie angerufen habe und nicht erhört worden sei. Unterlassen wir deshalb nicht, täglich Maria um ihre Fürbitte mit Vertrauen anzurufen, da wir täglich ihrer Hilfe bedürfen!

 

3. Marias Tugend der Liebe zu Gott

 

1. Unter den drei göttlichen Tugenden ist die Liebe zu Gott das eigentliche Ziel und das Wesen des großen Gutes, zu dem die beiden andern, Glaube und Hoffnung, uns vorbereiten und befähigen. Was der Glaube erkennt und für wahr hält, was die Hoffnung verlangt und erwartet, das umfasst die Liebe mit allen Kräften und Fähigkeiten der Seele als das höchste Endziel unseres Daseins. Denn der Mensch ist von Gott erschaffen nach seinem Ebenbild, um ihn zu erkennen, zu lieben und ihm zu dienen auf Erden, um im himmlischen Vaterland mit ihm vereinigt und durch die Liebe des allerhöchsten Gutes ewig glückselig zu werden. Dann wird der Glaube in Schauen, die Hoffnung in Besitz übergehen; die Liebe aber wird ewig dauern, und durch die Liebe wird der Mensch nach dem Maß seiner im irdischen Leben erlangten Fähigkeit und Vollkommenheit zur höchsten für ihn möglichen Glückseligkeit gelangen in der Anschauung und Verherrlichung des unendlichen Gutes.

 

Die Liebe Gottes ist also das eigentliche Endziel, wozu wir geschaffen sind: die höchste und einzige Aufgabe unseres Lebens; sie ist der Gegenstand des ersten und größten der göttlichen Gebote und zugleich der Hauptinhalt und die Erfüllung aller anderen Gebote.

 

„Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen Kräften. Das ist das erste Gebot“ (Mk 12,30).

 

Hier auf Erden, wo wir das allerhöchste Gut noch nicht schauen, sondern nur durch den dunklen Glauben erkennen und unsere Sehnsucht noch nicht durch die beseligende Vereinigung mit ihm zu befriedigen vermögen, da muss die Liebe Gottes sich erweisen und bewähren durch den treuen Dienst Gottes in der Erfüllung seiner Gebote.

 

2. Diese göttliche Liebe ist nun in keiner Menschenseele und in keinem einzigen der himmlischen Geister jemals so groß und rein, so innig und wirksam gewesen, als in derjenigen, die Gott von Ewigkeit zur Mutter seines göttlichen Sohnes auserwählt, vorherbestimmt und zu dieser höchsten Bestimmung und Würde mit allen Vorzügen, Gnaden und Vollkommenheiten an Leib und Seele ausgestattet und befähigt hat. Sie aber hat auch ihrerseits mit allen Gaben und Gnaden Gottes in solcher Treue und Beharrlichkeit mitgewirkt, dass sie auf das Vollkommenste dem göttlichen Willen und ihrem erhabenen Beruf entsprach und eben dadurch zu dem höchsten Grad der Liebe zu Gott emporgestiegen und das unübertreffliche Muster aller Heiligen geworden ist.

 

Maria erkannte, frei von allen traurigen Folgen der Erbsünde und im Besitz der heiligmachenden Gnade vom ersten Augenblick ihres Lebens an, durch den Glauben im ungetrübten Spiegel ihrer nach dem göttlichen Ebenbild auf das Vollkommenste erschaffenen Seele Gott und seine unendlichen Vollkommenheiten mit einer solchen Klarheit, dass er der immerwährende Gegenstand der Aufmerksamkeit ihres Geistes und Herzens war. Sie hatte in ihrer von keiner unordentlichen Neigung oder Anhänglichkeit zu den geschaffenen Dingen gefesselten Seele ein solches Verlangen nach dem allerhöchsten und unendlichen Gut, dass ihre Wünsche und Begierden nur auf Gott gerichtet waren.

 

Ihre Liebe zu Gott, ihre Dankbarkeit für die ausgezeichneten Beweise der göttlichen Liebe, die sie empfangen hatte und immerfort empfing, ihre gänzliche Hingebung an Gott, in dem sie den Urquell und Inbegriff aller Güte, Schönheit und Liebenswürdigkeit erkannte, waren so stark und durchdrangen so tief ihre ganze Seele, dass sie in Gedanken, Worten oder Werken niemals von der Richtschnur des göttlichen Willens auch nur einen Augenblick sich entfernte, sondern in all ihrem Tun und Lassen von der reinsten Absicht geleitet wurde.

 

Durch diese Treue, standhafte und heldenmütige Liebe zu Gott – die in treuer Mitwirkung mit der göttlichen Gnade sich immer gleich blieb in frohen und traurigen Tagen, in lichten und trüben Stunden, in der höchsten Erhebung und Begeisterung ihrer Seele sowohl als in der tiefsten Erniedrigung und Demütigung – ist Maria geworden, was sie der höchsten Gnade, Ehre, Würde und Macht als Mutter Gottes und Himmelskönigin würdig gemacht hat.

 

3. Die Liebe zu Gott ist auch für einen jeden von uns die Aufgabe unseres Lebens, unser einziges und höchstes Ziel, unsere erste Pflicht und die unerlässliche Bedingung unserer ewigen Glückseligkeit. Auch wir sollen Gott lieben über alles, aus allen unseren Kräften, und diese Liebe zu Gott soll der alles beherrschende Beweggrund, die Triebfeder unseres Lebens und unseres Verhaltens im Tun und Lassen sowohl als im Leiden sein. Sie soll sich dadurch bewähren, dass wir Gott immer treu dienen und in jedem Augenblick unseres Lebens den göttlichen Willen recht zu erkennen und treu zu erfüllen uns bestreben.

 

Aber wie selten im Leben sind die Tage, die Stunden, die Minuten, von denen unser Gewissen uns das beglückende Zeugnis gibt, dass wir gegen eine solche Treue nicht gefehlt haben! Wie oft vergessen wir Gottes und seiner Gegenwart in den Geschäften und Zerstreuungen des Lebens! Wie oft sind unsere Gedanken, Wünsche, Begierden und Sorgen nicht auf Gott, sondern auf irdische Güter, Ehre und Freuden gerichtet, während wir das allerhöchste Gut außer Acht lassen und den göttlichen Willen vielleicht sogar übertreten!

 

Wie oft geschieht es, dass wir bei unserem Tun und Lassen nicht die Ehre Gottes und sein Wohlgefallen, sondern uns selbst, die Befriedigung der Eigenliebe, die Erlangung von Ehre, Lust und Vorteil erstreben! Wie oft vergessen wir, dass ein allmächtiger, von der höchsten Weisheit und Liebe geleiteter Wille die Welt regiert, unser Schicksal ordnet und fügt! Wir überlassen uns in solcher kurzsichtigen Vergesslichkeit unseren selbstsüchtigen Wünschen, die uns zur Unzufriedenheit mit der göttlichen Anordnung, vielleicht zum Murren und ungeduldigen Klagen verleiten.

 

Wie oft geschieht es, dass wir die göttlichen Gebote übertreten, indem wir aus sträflichem Leichtsinn nicht darauf achten, oder durch böse Neigungen oder Abneigungen und Leidenschaften uns dazu treiben lassen, die Stimme des Gewissens zu unterdrücken! Wie selten sind auch unter den gläubigen Christen diejenigen zu finden, die bei all ihrem Tun und Lassen vom Morgen bis zum Abend von der Liebe Gottes geleitet werden und stets das Gebot des Apostels getreu zu befolgen sich bestreben: „Ihr möget essen oder trinken, oder etwas anderes tun: tut alles zur Ehre Gottes“ (1 Kor 10,30).

 

4. Die Liebe der heiligen Jungfrau zu Gott war so groß und wirksam, dass sie niemals eine Sünde oder Unvollkommenheit sich zu Schulden kommen ließ, sondern immer der göttlichen Gnade und dem göttlichen Willen völlig entsprach. Das ist unserer Schwachheit nicht möglich. Möglich aber ist, dass wir mit der Gnade Gottes immer treu mitzuwirken suchen und dadurch in den Stand gesetzt werden, ganz freiwillige Sünden zu meiden.

 

Damit wir nun dazu gelangen, ist es durchaus nötig, dass wir das unermesslich große Übel jeder freiwilligen Sünde als eine Beleidigung des unendlichen Gutes recht erkennen, oft beherzigen, täglich unsere guten Vorsätze erneuern und insbesondere die gute Meinung und reine Absicht, zur Ehre Gottes alles zu tun und zu leiden, jeden Morgen von neuem erwecken. Es ist nicht minder notwendig, dass wir uns bestreben, in Gottes Gegenwart zu leben und niemals das Andenken daran ganz aus der Seele zu verlieren; dass wir ferner jeden Abend das Gewissen erforschen, die begangenen Fehler herzlich bereuen und die Liebe Gottes neuerdings zu erwecken und zu beleben suchen.

 

Sehr heilsam ist es, dass wir die heilige Jungfrau, diese Mutter der schönen Liebe, wie die heilige Kirche sie nach einem Ausdruck des Heiligen Geistes zu nennen pflegt, oft und inständig anrufen, um durch ihre Fürbitte die große Gnade einer wahren übernatürlichen und beharrlichen Liebe zu Gott erlangen. 

 

 4. Marias Tugend der Nächstenliebe

 

1. Wo immer eine wahre Liebe zu Gott im Herzen des Menschen wohnt, da ist sie jedes Mal auch verbunden mit einer wahren Liebe des Nächsten. Und wo diese sich nicht findet, da besteht auch nicht die wahre Liebe zu Gott. „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?“ (1 Joh 4,20) Darum hat auch der göttliche Heiland, als er die Pflicht, Gott über alles zu lieben, für das erste und größte aller Gebote erklärte, damit zugleich das andere Gebot verbunden: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Mk 12,31), und ausdrücklich gesagt, dass dieses zweite Gebot dem ersten gleich sei. Beim letzten Abendmahl, als er im Begriff stand, das größte und wunderbarste Werk der göttlichen Liebe durch die Einsetzung des allerheiligsten Sakraments und des unblutigen Opfers, , am folgenden Tag aber durch das blutige Opfer des Kreuzes zu vollbringen, da sprach er zu seinen Aposteln: „Ich gebe euch ein neues Gebot, dass ihr euch einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch einander liebt“ (Joh 13,34-35).

 

Dieses neue Gebot der christlichen Nächstenliebe, das weder die Heiden noch die Juden gekannt haben, wurde von Anfang an von allen wahren Christen mit der größten Treue erfüllt, so dass die aufrichtige, opferwillige Liebe zu den Mitmenschen stets das Kennzeichen der wahren Gläubigen und in hervorragender Weise das Merkmal der Heiligen bildete.

 

2. Diese Tugend der christlichen Nächstenliebe war in dem ganz reinen und Gott über alles liebenden Herzen der heiligen Jungfrau im höchsten Grad lebendig und wirksam. Ihre innige, zu jedem Opfer fähige Nächstenliebe machte sie würdig, die zweite Eva, die geistige Mutter aller Gläubigen zu werden. Niemals hat Maria weder in Gedanken noch in Worten oder Werken gegen die vollkommene Liebe des Nächsten gefehlt. Stets war ihr Herz voll von aufrichtigem Wohlwollen, voll inniger Teilnahme gegenüber allen Mitmenschen, stets bereit, bei jeder Gelegenheit dem Nächsten opferwillige Hilfe zu leisten.

 

Kaum hatte sie vom Erzengel Gabriel vernommen, dass ihre schon hochbetagte Base Elisabeth in nächster Zeit einen Sohn gebären würde, da eilte Maria, die zarte Jungfrau, die eben zu der höchsten erdenklichen Würde der göttlichen Mutterschaft erhoben war, ungeachtet der weiten und beschwerlichen Reise über das Gebirge, zu Elisabeth, um sie zu beglückwünschen und ihr liebreiche Dienste zu erweisen.

 

Auf der Hochzeit zu Kana war es die göttliche Mutter, die in aufmerksamer Liebe und Teilnahme die für das junge Ehepaar so peinliche Verlegenheit wegen Mangels an Wein bemerkte, und durch ihre Fürbitte veranlasste, dass der göttliche Heiland durch die Wunderbare Verwandlung von Wasser in Wein diesen Mangel beseitigte und damit sein erstes öffentliches Wunder wirkte. Auf gleiche Weise hat das liebevolle Herz Marias seit 20 Jahrhunderten nicht aufgehört, an jedem Leid und Schmerz der Mitmenschen mit mütterlicher Liebe teilzunehmen und durch ihre Fürbitte unzähligen Leidenden, Bedrängten, Kranken an Leib und Seele Trost, Hilfe und Gnade aller Art von ihrem göttlichen Sohn zu vermitteln. Darum nennt die ganze Christenheit Maria die Mutter der Barmherzigkeit und die Hilfe der Christen.

 

3. Niemals aber hat ihre Gottes- und Nächstenliebe ein so schweres Opfer gebracht, wie unter dem Kreuz auf Golgatha. Da hat ihr Herz im Mitleiden mit ihrem gekreuzigten, über alles geliebten göttlichen Sohn mehr gelitten, als jemals eine andere Mutter litt, ja weit mehr, als wir begreifen können. Und eben da hat sie im Verein mit dem göttlichen Heiland, - der litt und starb für die Sünden der Welt und mit dem ersten Wort, das er am Kreuz an seinen himmlischen Vater richtete, Verzeihung erflehte für seine Mörder und für uns alle, die wir durch unsere Sünden mitschuldig, ja die eigentlichen Urheber seiner Leiden geworden sind, - da hat Maria in ihrer Liebe zu Gott und zu allen Menschen das Leiden des Heilandes und ihr furchtbares Mitleiden aufgeopfert zur Ehre Gottes und für das Heil der Mörder ihres Sohnes und aller Sünder. Da ist sie die geistige Mutter aller Erlösten geworden. Da hat sie in den Wunden und Schmerzen und in dem blutigen Tod ihres geliebtesten Sohnes das unergründliche Übel der Sünde und den unermesslichen Wert der nach Gottes Ebenbild geschaffenen Seelen, wofür der göttlichen Gerechtigkeit ein solches Lösegeld entrichtet werden musste, nicht bloß erkannt und verstanden, sondern im tiefsten Grunde ihrer mitleidenden Seele gefühlt und empfunden. Da ist ihr von Schmerzen durchbohrtes Herz zu der großen, alle Glieder des erlösten Geschlechts umfassenden Mutterliebe erweitert und befähigt worden, die sie seitdem zur Ehre Gottes wie zum Heil der Seelen ohne Aufhören geübt hat.

 

Wer kann die Schmerzen des Mitleidens ermessen, die ihr liebendes Mutterherz nicht bloß bei den Leiden ihres göttlichen Sohnes, sondern auch später bei den Verfolgungen und Bedrängnissen seiner Jünger und seiner Kirche erduldet hat? Wer mag zählen die zahllose Menge der Werke ihrer mütterlichen und barmherzigen Nächstenliebe, die sie während ihres irdischen Lebens und noch vielmehr in ihrer himmlischen Glorie an Leidenden aller Art in der streitenden Kirche hier auf Erden sowohl als in der leidenden Kirche durch ihre mächtige Fürbitte am Thron Gottes vollbracht hat?

 

4. Für uns alle ohne Ausnahme begründet das Gebot Jesu Christi: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, eine unerlässliche Pflicht, ohne deren Erfüllung wir Gott nicht wahrhaft lieben, nicht im Stande der heiligmachenden Gnade sein, nicht zum ewigen Heil gelangen können. „Wer nicht liebt, der bleibt im Tod“ (4 Joh 3,14), schreibt der heilige Johannes, und der göttliche Heiland hat ausdrücklich erklärt, dass beim Jüngsten Gericht sein Urteil über einen jeden von uns von der Erfüllung oder Nichterfüllung des Gebotes der Nächstenliebe abhängen werde (Mt 25,31).

 

Deshalb ist es notwendig, dass wir mit großer Sorgfalt uns selbst prüfen, dass wir alles vermeiden und unterlassen, was mit der christlichen Liebe und den beiden Regeln der Nächstenliebe, die Gottes Wort uns vorgeschrieben hat, im Widerspruch stehen würde. „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12), und: „Hüte dich, einem andern zu tun, was du nicht willst, dass dir geschehe“ (Tob 4,16). So lauten die beiden Regeln, die einen vortrefflichen Prüfstein für die christliche Nächstenliebe bilden.

 

Prüfe dich also selbst, mein Christ, wenn du dein Gewissen erforschst, ob du nichts darin findest, was diesen Regeln zuwiderläuft, ob die wahre Liebe gegen alle deine Nächsten in deinem Herzen wohnt, ob du keinen davon ausschließt, gegen niemanden lieblose Gesinnungen, scharfe Urteile, grundlosen Argwohn, kränkende Worte oder Handlungen dir erlaubst, die deine Selbstliebe auf Seiten anderer missbilligen würde. Frage dich, ob du die Pflichten der Nächstenliebe gegen Arme, Notleidende, Bedrängte und Unglückliche stets zu erfüllen bereit und geneigt bist, wie du selbst in ihrer Lage es von andern wünschen und erwarten würdest.

 

Prüfe dich ganz besonders, ob kein Hass, keine Feindschaft, keine zornige, rachsüchtige, boshafte, bittere Gesinnungen, Wünsche oder Absichten gegen Feinde und Beleidiger in deinem Herzen freiwillig unterhalten werden, ob du stets zur Vergebung und Versöhnung von ganzem Herzen bereit bist gegen diejenigen, die dich beleidigt haben, nach der Lehre und Vorschrift Jesu Christi: „Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen; betet für die, die euch verfolgen und verleumden, damit ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen, und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44-45).

 

Findest du in deinem Herzen Mangel der Nächstenliebe oder Gesinnungen der Feindschaft und Rachsucht, oder freiwillige Abneigung gegen deinen Nächsten, dann blicke auf das Bild des gekreuzigten, für seine Mörder betenden und sterbenden Heilandes, und ruhe nicht, bis du durch die Betrachtung seiner Wunden und seiner Liebe mit Gottes Gnade auch in deinem Herzen die Gesinnungen der wahren Liebe und Versöhnlichkeit gegen alle Menschen und auch gegen deine Feinde erweckt hast. Denn „sie wissen nicht, was sie tun,“ sagt der Heiland, und: „Wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen vergibt, so wird auch mein Vater euch nicht vergeben“ (Mt 18,35). Um die wahre christliche Nächstenliebe zu erwecken, erinnere dich oft an die großen Beweggründe dieser Liebe, namentlich an das Gebot der Nächstenliebe, an den unschätzbaren Wert jeder unsterblichen Seele, die nach Gottes Ebenbild erschaffen, durch das Blut des Gottmenschen erlöst und zur ewigen Glückseligkeit mit dir berufen ist, sowie an die unendlich liebreiche und trostvolle Verheißung unseres Heilandes: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was immer ihr einem der Geringsten aus meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

5. Marias Tugend der Demut

 

1. Die Demut ist die notwendige Grundlage aller übernatürlichen Tugenden. So wie der Stolz und die Selbsterhebung, das unordentliche Streben nach Ehre und Auszeichnung die eigentliche Wurzel und der Ursprung aller Sünde ist, so bildet die Demut, die eigene Geringschätzung und Erniedrigung des Menschen diejenige Gesinnung, die ihn am meisten der Gnade Gottes fähig und würdig macht. Denn „Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen aber gibt er seine Gnade“ (Jak 4,6). Ohne die göttliche Gnade kann aber keine übernatürliche Tugend im Herzen des Menschen entstehen, wachsen und Früchte bringen, weil Gott der Anfänger und Vollender alles übernatürlichen Guten in der Seele des Menschen ist. Ohne die Demut sind die natürlichen Vorzüge und Tugenden, ja sogar die bereits empfangenen göttlichen Gnaden für den Menschen eine Gefahr und gereichen ihm zum Verderben.

 

Die Demut ist auch das sicherste Kennzeichen so wie der zuverlässigste Maßstab aller Tugend und Heiligkeit. Je besser der Mensch ist, desto fester ist er in der Demut begründet, während umgekehrt selbst die vermeintlich heiligsten Werke und größten Verdienste ohne Demut vor Gott keinen Wert haben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die größten Heiligen, die als solche durch wunderbare Zeichen von Gott bezeugt wurden, sich selbst für die unwürdigsten und verächtlichsten von allen Menschen hielten und nichts mehr flohen als Ehre und Auszeichnung von Seiten der Welt, aber Demütigungen und Erniedrigungen jeder Art liebten und hochschätzten.

 

Der Demütigste, das vollkommenste Muster aller Tugenden und insbesondere der Demut, ist unser Heiland, der durch seine Menschwerdung sowie durch sein ganzes Leben, Leiden und Sterben, seiner göttlichen Würde ungeachtet, sich immer selbst erniedrigt hat von seiner Geburt an bis zum Tod am Kreuz. Er hat das unübertreffliche Vorbild der tiefsten Demut uns vor Augen gestellt, und nicht minder durch seine Lehren diese Tugend vor allen anderen uns empfohlen und uns ausdrücklich aufgefordert, in dieser Tugend seinem Beispiel nachzufolgen und von ihm sie zu lernen. „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29).

 

2. Diesem göttlichen Vorbild steht am nächsten die Demut seiner heiligen Mutter, der Jungfrau Maria. Alles, was wir von ihrem Leben wissen, ist ein Ausdruck und Beweis ihrer herzlichen und tiefen Demut. Obgleich sie durch die herrlichsten Vorzüge der Natur sowohl als der Gnade und durch ihre treue Mitwirkung mit der Gnade vor allen ausgezeichnet und durch die höchste Würde der göttlichen Mutterschaft über alle anderen Geschöpfe von Gott erhoben war, so verharrte sie doch immer in der klaren Erkenntnis und in dem tiefen Bewusstsein der eigenen Geringheit und Nichtigkeit. Niemals hat sie sich irgendjemanden vorgezogen, immer für sich selbst die niedrigste Stelle gewünscht und gesucht. Obgleich sie der von Gott empfangenen Vorzüge und Gnaden, sowie ihrer treuen Mitwirkung mit denselben sich wohl bewusst war, so hat sie doch niemals davon das geringste Verdienst sich selbst zugeschrieben, sondern Gott allein als den Urheber alles Guten dafür gepriesen.

 

Durch jede Gnade, die sie von Gott empfing, wurde immer tiefer ihre Demut, immer heller in ihrer Seele das Licht der Wahrheit, dass jedes Geschöpf durch sich selbst nichts ist, nichts hat und nichts vermag ohne Gott, und dass deshalb Gott, als dem Urquell aller Wesen und alles Guten, allein die Ehre gebührt. In ihrer demütigen Gesinnung willigte Maria freudig und Gehorsam ein, die Ehefrau des armen Handwerkers zu werden, sobald sie den göttlichen Willen in dieser Beziehung erkannt hatte. Als der Erzengel ihr den ehrenvollen Gruß vom Himmel und die noch viel ehrenvollere Botschaft von ihrer Auserwählung zur Gottesmutter überbrachte, da wurde sie bestürzt und erschrak. Nachdem sie dann vernommen, wie das geschehen werde, da erklärte sie sich bereit, als Dienstmagd des Herrn, seinem nicht mehr zweifelhaften Willen sich zu unterwerfen.

 

Und als das wundervolle Geheimnis der Menschwerdung Gottes vollzogen war, da versank sie in ihrem lebendigen Glauben und in tiefster Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät ihres Kindes noch tiefer in den Abgrund der Demut und des klaren Bewusstseins der eigenen Nichtigkeit und Unwürdigkeit.

 

Darum eilte sie alsbald, ungeachtet der empfangenen hohen Würde zu dienen bereit, zu ihrer Base Elisabeth und diente ihr drei Monate lang. Darum schwieg sie auch von der ihr gewordenen himmlischen Botschaft selbst ihrem Gemahl gegenüber. Als aber Elisabet, durch göttliche Offenbarung belehrt, Maria als die Mutter ihres Herrn begrüßte und benedeite, da ergoss sich ihre Seele Gott lobend und preisend in dem herrlichen Magnifikat, das nichts anderes ist, als der Ausdruck der tiefen Demut ihres Herzens, das nichts für sich selbst suchte und wünschte, sondern einzig und allein Gott zu ehren und zu verherrlichen verlangte.

 

Dieser Demut entsprach es nicht minder, dass die heilige Jungfrau mit freudiger Hingebung sich allen Demütigungen unterzog, die ihr bei der Geburt des göttlichen Kindes zu Betlehem, bei der Reinigung im Tempel zu Jerusalem, auf der Flucht nach Ägypten, während des langjährigen Aufenthalts zu Nazaret und noch weit mehr zur Zeit des öffentlichen Lehramtes Jesu und bei seinem letzten Leiden und Sterben widerfuhren. Sie war und blieb stets die demütige Dienstmagd des Herrn, die nur Gott zu verherrlichen und den göttlichen Willen zu erfüllen suchte, über die eigene Erniedrigung und Demütigung aber sich ebenso erfreute, wie andere über Ehre und Auszeichnungen sich zu erfreuen pflegen. Und so wie sie war auf Erden, so ist Maria auch noch in der himmlischen Glorie als Königin der Engel und Heiligen: die Demütigste unter allen Demütigen und eben dadurch die Heiligste der Heiligen.

 

3. Die Tugend der Demut ist allen Menschen ohne Ausnahme notwendig, um das ewige Heil der Seele zu erlangen. Nichts ist gefährlicher und verderblicher, als Stolz und Ehrsucht, die den Menschen verblenden und auf die Irrwege der Sünden und Laster verleiten. „Von dem Stolz hat alles Verderben seinen Anfang genommen“ (Tob 4,14). Durch den Stolz ist Luzifer und sein Anhang von Gott abgefallen, aus heiligen Engeln sind sie Teufel geworden. Durch Hochmut wurden unsere ersten Eltern im Paradies vom Teufel zum Ungehorsam gegen Gott verführt, und noch immer ist der Stolz der Anfang aller Sünde, die Quelle der Gottvergessenheit, des Unglaubens und Irrglaubens und der Übertretung aller göttlichen Gebote.

 

So war es zurzeit Christi bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, die, durch Stolz und Neid vom Glauben an den göttlichen Lehrer und Wundertätiger zurückgehalten, sich des größten aller Verbrechen, des Gottesmordes, schuldig machten. So war es in allen Jahrhunderten bei allen Urhebern der Irrlehren und der Verfolgungen gegen die heilige Kirche: so ist es noch heutzutage bei Unzähligen, die durch stolze Selbsterhebung in Gottvergessenheit, in Unglauben, Ungehorsam und Empörung gegen göttliche und menschliche Ordnung, Gesetze und Obrigkeit geraten und zu jedem Laster und Verbrechen fähig werden.

 

Jeder Christ muss mit Sorgfalt und Wachsamkeit darauf bedacht sein, vor dem Stolz sich zu hüten, die Demut des Herzens nicht zu verlieren durch törichte Einbildungen und hochmütige Neigungen. Der Stolz und alle mit ihm verwandten Leidenschaften haben die Wirkung, dass der Mensch die wahre Selbsterkenntnis verliert, sich selbst gefällt, seine Schwächen und Fehler übersieht, an anderen aber sie scharf beurteilt und richtet. Wer mit Stolz und Hochmut behaftet ist, kommt selten und nur schwer dazu, seine eigenen Fehler klar zu erkennen, während sie anderen sehr leicht in die Augen fallen.

 

4. Um die Demut des Herzens zu bewahren und sich vor dem Stolz zu schützen, ist sehr heilsam das öftere und ernste Nachdenken über die letzten Dinge des Menschen: Tod, Gericht, Hölle, Himmel und Ewigkeit. Damit muss eine tägliche gehörige Erforschung des Gewissens und das inständige Gebet zu Gott um die Gnade der Demut verbunden werden. Um aber die Tugend der Demut in ihrer Liebenswürdigkeit und in ihren Wirkungen recht kennen zu lernen und die ihr widerstrebenden Gesinnungen, Vorurteile und Hindernisse in dem eigenen Herzen und Verhalten zu entdecken und zu verbannen, soll man recht oft und beharrlich in den klaren Spiegel des göttlichen Herzens Jesu und des heiligen Herzens seiner Mutter Maria blicken. Dann wird man sich selbst und das wahre Wesen der Demut gründlich kennen lernen, und sich überzeugen von der großen Wahrheit, die der heilige Apostel uns mit den Worten ans Herz legt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7)

 

In dem Licht dieser Wahrheit verschwindet jede Stütze des Stolzes und törichter Einbildung im menschlichen Herzen. Wer sie gründlich beherzigt, wird dadurch mit der Gnade Gottes zur demütigen Selbsterkenntnis gelangen und jede Regung des Stolzes und Hochmuts sowie der Ehrsucht als einen lügenhaften Frevel gegen die Wahrheit und als einen räuberischen Eingriff in die Gott allein gebührende Ehre erkennen und verabscheuen. Um aber diese große Gnade und Erleuchtung von Gott zu erlangen und zu bewahren, ist die eifrige Anrufung und Verehrung der allerseligsten Jungfrau äußerst nützlich und nicht genug zu empfehlen.

 

6. Marias Tugend der Sanftmut

 

1. Sanftmut und Demut sind die beiden Tugenden, die in den Worten und Werken so wie in dem ganzen Verhalten des göttlichen Heilandes am meisten hervorleuchteten und seinem göttlichen Herzen so teuer waren, dass er uns alle aufgefordert hat, sie vom ihm zu lernen. „Lernet von mir,“ sprach er, „denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“ (Mt 11,29). Dieselbe Tugend der Sanftmut empfahl er in seiner Bergpredigt, als er unter den acht Seligkeiten, d.h. den Hauptmerkmalen eines wahren und vollkommenen Christen, nachdem er zuerst die Armen im Geist, d.h. die von Herzen Armen und Demütigen gepriesen hatte, an zweiter Stelle die Sanftmütigen seligpries mit den Worten: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen“ (Mt 5,4). Er verheißt ihnen den Besitz des Landes, weil sie durch ihre Sanftmut und Milde aller Herzen gewinnen, den Zorn und Hass entwaffnen, die wilden Leidenschaften ihrer Gegner überwinden und so die größten Gefahren, ihren irdischen Besitz durch feindliche Nachstellungen und Verfolgungen zu verlieren, vermeiden und entfernen, jedenfalls aber hoffen dürfen, das Land des ewigen Friedens und der himmlischen Glückseligkeit zu besitzen.

 

Obgleich der göttliche Heiland in seinem täglichen Verkehr mit seinen Jüngern, die ihm durch ihre Schwächen und Fehler so manchen Anlass zur Unzufriedenheit gaben, und ebenso gegen Sünder und Verirrte, ja sogar gegen seine Feinde und Beleidiger, gegen seine Henker und Mörder eine unerschöpfliche Milde, Nachsicht und Sanftmut bewies, so trat er dennoch mit Ernst und Entschiedenheit, ja mit einem heiligen Eifer gegen diejenigen auf, die nicht bloß gegen seine Person sich verfehlten, sondern auch seinen himmlischen Vater oder das Haus Gottes verunehrten, oder, wie die heuchlerischen Pharisäer und Schriftgelehrten, unter dem Schein des Eifers für Gott und sein Gesetz den wahren Dienst Gottes und die Frömmigkeit in Verruf brachten und das Volk in die Irre führten. Schweigend wie ein Lamm, das seinen Mund nicht auftut auf der Schlachtbank, ließ er sich kreuzigen für die Sünder und betete am Kreuz um Verzeihung für seine Mörder. Aber ein heiliger Eifer schien ihn zu verzehren, wenn er mit der Geißel in der Hand die Krämer und Käufer aus dem Tempel trieb oder das Volk gegen die Pharisäer warnte.

 

2. Die allerseligste Jungfrau Maria war, wie in allen Tugenden, so auch in der Sanftmut dem göttlichen Vorbild ihres Sohnes überaus ähnlich und gleichförmig. Ihr sanftmütiges und demütiges Herz hat niemals vom Zorn oder von einer lieblosen und bitteren Gesinnung gegen irgendeinen ihrer Mitmenschen sich einnehmen lassen. Sie war immer voll von Teilnahme, Wohlwollen und Sanftmut gegen alle Menschen, und selbst in den schmerzlichsten Prüfungen blieb sie stets unverändert dieselbe. Niemals hat ein Wort von ihren Lippen jemanden verletzt oder betrübt, niemals eine lieblose Abneigung oder Aufregung Eingang gefunden in ihr mildes und liebreiches Herz. Nur gegen das Böse und gegen den Urheber alles Bösen, den Feind Gottes und der Menschen war ihr Herz von Abneigung und Abscheu durchdrungen.

 

3. Damit auch wir in der uns allen notwendigen Tugend der Sanftmut dem göttlichen Heiland und seiner heiligen Mutter Nachfolgen, ist vor allem notwendig, dass wir Stolz und Hochmut und alle Lieblosigkeit nach den obigen Anweisungen aus unserem Herzen zu verbannen und demütig von Herzen zu werden uns bestreben. Denn die Sanftmut ist eine Tochter der Demut und der herzlichen Liebe gegenüber allen Mitmenschen. Außerdem aber erfordert die Tugend der Sanftmut eine beständige Übung der Selbstverleugnung und der Überwindung der natürlichen Neigung zum Zorn und zur Ungeduld. Darum nennt auch der göttliche Heiland in seiner liebevollen Ermahnung, ihm in der Sanftmut und Demut nachzufolgen, diese Übung ein Joch: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid: und ich werde euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist süß und leicht meine Bürde“ (Mt 11,28-30).

 

Das Joch, das mit dieser Nachfolge, mit dem Lernen der Sanftmut und Demut verbunden ist, besteht eben in jener notwendigen Verleugnung der natürlichen Antriebe, die mit der Sanftmut, Geduld und Liebe im Widerspruch stehen. Vor allem muss diese Verleugnung geübt werden im Gebrauch der Zunge, die schweigen muss, so lange eine Regung des Zornes dauert.

 

Diese Übung, die eine stete Wachsamkeit und Selbstbeherrschung nebst täglicher Erneuerung fester Vorsätze erfordert, wird mit vollem Recht ein Joch genannt, weil sie namentlich solchen, denen eine natürliche Neigung zum Zorn eigen ist, viele Schwierigkeiten und Kämpfe bereitet. Aber dieses Joch führt, wenn es beharrlich getragen und die damit verbundene Selbstverleugnung redlich geübt wird, zum Sieg über die Hindernisse und Schwierigkeiten. Es wird mit Gottes Gnade allmählich leicht und süß, und das ist der einzige Weg, um zur Ruhe und zum Frieden der Seele zu gelangen: während der Zorn dem Frieden der Seele sehr gefährlich ist. Er ist die Quelle von Streit, Feindschaft, Hass, Gotteslästerung und unzähligen Freveln gegen Gott und gegen den Mitmenschen. Wer zum Zorn besondere Neigung hat, soll oft und inständig Gott und das göttliche Herz Jesu anflehen um die nötige Gnade zur Übung der Sanftmut, und es nicht unterlassen, die Fürbitte derjenigen anzurufen, die von der heiligen Kirche die gütige, milde und süße Jungfrau genannt und in dem schönen Hymnus der Kirche als die sanftmütigste unter allen insbesondere angerufen wird um ihre Fürbitte, damit auch wir sanftmütig werden und keusch.

 

7. Marias Tugend der Reinheit

 

1. „Du bist ganz schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir“ (Hld 4,7), - so lautet das Lob, das im Hohenlied der ganz reinen und makellosen Seele erteilt wird, die der Heilige Geist zu seiner Braut erwählt hat. Nichts in der ganzen sichtbaren Schöpfung ist der Schönheit und Liebenswürdigkeit einer reinen Menschenseele im Stand der heiligmachenden Gnade zu vergleichen. Das aus ihr hervorleuchtende Ebenbild Gottes übertrifft bei weitem alle anderen Dinge der irdischen Schöpfung, die die Herrlichkeit ihres Schöpfers offenbaren. Unter allen Tugenden, die die Seele des Menschen Gott wohlgefällig und liebenswürdig machen, gibt es keine einzige, die das göttliche Ebenbild in seinem ursprünglichen Adel und seiner ganzen Schönheit so klar hervortreten lässt, als diejenige, die wir die Tugend der Reinheit und Keuschheit nennen. Im Gegenteil aber gibt es auch keine Sünde und kein Laster, wodurch das göttliche Ebenbild in der Seele so sehr verdunkelt und verunstaltet wird, als diejenigen Sünden, die der Reinheit und Schamhaftigkeit zuwider sind, und die, wie der hl. Apostel sagt, unter Christen nicht einmal genannt werden sollen.

 

2. Unter allen Menschen aber, die sich der Reinheit und Keuschheit jemals befleißigt haben, gibt es nur eine, die im vollen und ganzen Sinn des Wortes rein und makellos genannt zu werden verdient: die allzeit reine, im Stand der Gnade empfangene Jungfrau Maria, die mit so vortrefflichen Eigenschaften an Leib und Seele von Gott ausgestattet und mit einer solchen Fülle von himmlischen Gnaden versehen war, dass der klare Spiegel des göttlichen Ebenbildes in ihrer Seele niemals durch einen Flecken von Sünde getrübt, niemals durch einen Schatten von Unvollkommenheit verdunkelt worden ist. Sie war immerdar eine ganz makellos reine, dem göttlichen Auge höchst wohlgefällige, mit allen Tugenden und Vollkommenheiten geschmückte Jungfrau, deren Anblick jetzt in der Glorie den ganzen Himmel erfreut. Alle anderen Menschen aber, die im Stand der Erbsünde empfangen und mit dem Erbübel der gefallenen Natur behaftet sind, bleiben, wenn sie auch durch treue Mitwirkung mit der Gnade und nach beharrlichem Kampf gegen die Feinde des Seelenheils zu einem hohen Stand der Tugend und Heiligkeit gelangen, immer noch weit entfernt von jener ganz vollendeten, alles andere weit übertreffenden Schönheit und Liebenswürdigkeit, die allein der zur göttlichen Mutterwürde auserwählten, heiligen Jungfrau eigen ist.

 

3. Wir würden aber sehr irren, wenn wir glaubten, dass Maria nur durch Gottes Gnade allein, ohne eigene Bemühung, zu dieser unvergleichlichen Höhe von Reinheit und Heiligkeit gelangt sei. Sie war freilich frei von der unseligen inneren Neigung zum Bösen, von der dreifachen Begierlichkeit der Hoffart, Augenlust und Fleischeslust, woran wir leiden. Sie war auch frei von der Verdunkelung des Geistes und der Schwäche des Willens, die unser Erbteil sind und bleiben bis zum Tod. Aber dennoch ist Maria nicht ohne Kampf und Prüfung, nicht ohne die treueste und sorgfältigste Mitwirkung mit der Gnade Gottes zu jener Vollkommenheit emporgestiegen. Der böse Feind hat nicht vergessen, dass sie diejenige ist, auf die er einst in der Prüfung seiner Freiheit schon mit Stolz und Neid blickte, und die als Königin der Engel den von ihm verlorenen Rang einzunehmen berufen wurde. Er hat nicht aufgehört, ihrer Ferse Nachstellungen und Verfolgungen zu bereiten. Aber sie hat mit der größten Wachsamkeit und Behutsamkeit alle Arglist, jede Versuchung des bösen Feindes zu Schanden gemacht und siegreich überwunden. Ihre Sorgfalt im Dienst Gottes, ihre Zurückgezogenheit, ihr Eifer im Gebet, ihre Selbstverleugnung und Abtötung, und vor allem die Demut waren ihre steten Begleiter und Beschützer, die sie zum Sieg über alle Prüfungen führten, die so zahlreich und schwer waren, wie wohl kein anderer Mensch solche jemals bestanden hat.

 

4. Wir alle ohne Ausnahme müssen die Tugend der Reinheit und Keuschheit je nach den Pflichten unseres Standes und Berufes lieben und üben, denn nur die, die reines Herzens sind, werden zur Anschauung Gottes, zum himmlischen Vaterland gelangen. Groß aber und zahlreich sind die Gefahren, die alle und vor allem die noch unerfahrene Jugend in Betreff der heiligen Reinheit und Keuschheit unterworfen sind.

 

So wie unter den Blumen des Gartens in ihrer mannigfaltigen Schönheit und Pracht die weiße Lilie alle andern an Zartheit und Lieblichkeit übertrifft, und durch ihre reine schneeweiße Farbe sowohl als durch ihren süßen Wohlgeruch das Herz erfreut, so macht auch in ganz vorzüglichem Grad eine reine Seele einen das Herz erfreuenden lieblichen Eindruck auf alle, die ihr nahen, während das dieser Tugend entgegengesetzte Laster jeden noch unverdorbenen Menschen mit Widerwillen und Abscheu erfüllt. Wie aber die zarte Schönheit und Lieblichkeit der weißen Lilie sehr leicht verletzt und verdorben wird, wenn sie nicht unberührt bleibt von Sturm und Unwetter oder von menschlichen Händen, so geht auch sehr leicht die Reinheit der Seele verloren, wenn sie nicht mit zarter Sorgfalt vor dem Gifthauch des Lasters behütet wird. Zahlreich kommen diese Gefahren von außen sowohl als aus dem Inneren des eigenen Herzens. Wir haben nicht bloß gegen äußere Feinde, gegen den Einfluss böser Beispiele, schlechter Reden und Lektüre, gefährlicher Gesellschaften und Gelegenheiten, sondern auch gegen die Anfechtungen des Teufels und gegen den in uns selbst verborgenen Feind der bösen Begierlichkeit zu kämpfen. Diese Feinde aber werden uns sicher überwinden, wenn wir nicht von Jugend auf mit wachsamer Sorgfalt die Gefahren vermeiden, unsere Gedanken, Vorstellungen und Neigungen, sowie unsere Sinne und Reden überwachen, die gefährlichen Gelegenheiten fliehen und entfernen und im öfteren Gebrauch der Gnadenmittel des Gebets und der hl. Sakramente diejenige himmlische Hilfe uns verschaffen, ohne die wir das Kleinod der Reinheit und den Schatz der Gnade Gottes nicht bewahren können.

 

5. Folgen wir also dem Vorbild der heiligen Jungfrau in ihrer Sorgfalt und Wachsamkeit, in ihrer Demut und Selbstverleugnung, in ihrem Eifer zum Gebet! Blicken wir oft auf ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit, damit unser Herz von großer Liebe gegen die Tugend der hl. Reinheit erfüllt werde, deren Lob der Heilige Geist im Buch der Weisheit mit den Worten preist: „O, wie schön ist ein keusches Geschlecht im Glanz der Tugend: unsterblich ist sein Andenken, bei Gott und Menschen angenehm. Es triumphiert ewig mit der Siegeskrone und empfängt den Preis für die Kämpfe unbefleckter Reinheit“ (Weisheit 4,1-2).

 

Insbesondere sollen alle jungen Menschen die Liebe zur heiligen Reinheit und den Abscheu gegen alles, was ihr zuwiderläuft, ihrer Seele tief einprägen. Sie sollen nicht vergessen, dass sie durch jede freiwillige Sünde gegen das sechste Gebot Gott schwer beleidigen und seine Gnade verlieren, mag die Sünde in Gedanken, Begierden, Worten oder Werken geschehen. Sie sollen es auch keinen Tag unterlassen, die allerreinste Jungfrau mit kindlicher Liebe zu verehren, und ihre mächtige Fürbitte anzurufen mit großem Vertrauen, besonders in Gefahren und Versuchungen gegen die Tugend der hl. Reinheit. 

 

8. Marias Tugend der Armut

 

1. Die Tugend der Armut ist ebenso wie die Demut und die christliche Nächstenliebe eine Tugend, die der alten Welt unbekannt war und erst im Christentum Geltung und Übung gefunden hat.

 

Der göttliche Heiland war ein großer Liebhaber der Armut. Er, der allerhöchste Herr und Schöpfer der ganzen Welt, hat sein ganzes Leben auf Erden in freiwilliger Armut zugebracht. Eine arme Handwerker-Familie machte er zu der Seinigen. In der äußersten Armut und Entbehrung, in einem Stall wurde er als Kind einer armen Mutter geboren. Bis zum dreißigsten Jahr seines Lebens hat er in der armen Hütte zu Nazareth gewohnt und dort als Jüngling und Mann durch seiner Hände Arbeit den Lebensunterhalt erworben. In seinem öffentlichen Lehramt hat er den Armen vorzugsweise das Evangelium gepredigt und dies für seinen besonderen Beruf erklärt, wozu er in die Welt gekommen sei. Er pries selig die Armen im Geist, er wählte seine ersten Jünger aus den armen Fischern. Er selbst wollte kein irdisches Eigentum besitzen. Er hatte nicht so viel, wie er selbst sagte, wohin er sein Haupt legen konnte. Er lebte von Almosen und führte mit seinen Jüngern ein sehr armes Leben. Als er zwei Mal den hungrigen Volksscharen, die ihm überallhin nachfolgten, auf wunderbare Weise eine Mahlzeit bereitete in der Wüste, da war es Gerstenbrot mit kleinen Fischen, die Speise der Armen, womit er sie sättigte. Ohne Zweifel wird er für sich und seine Jünger keiner besseren Nahrung sich bedient haben.

 

Seinen Jüngern hat er durch sein Beispiel und sein Wort die Armut dringend empfohlen und oftmals sie gewarnt vor der Liebe zum Reichtum und vor der ungeordneten Sorge für die Bedürfnisse des irdischen Lebens. Über die Reichen, die das Herz an die Reichtümer hängen, hat er sein Wehe! ausgesprochen und die gänzliche Losreißung des Herzens von den irdischen Gütern für eine Bedingung seiner Jüngerschaft erklärt. „Wer nicht allem entsagt, was er hat, kann mein Jünger nicht sein“ (Lk 14,33), sagte er und empfahl sogar den Stand der freiwilligen gänzlichen Armut als ein vorzügliches Mittel zu einem vollkommenen Leben. „Willst du vollkommen sein, dann gehe hin, verkaufe was du hast, gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komme, folge mir nach“ (Mt 19,21). Er starb endlich ganz arm und von allem entblößt am Kreuz, und erhielt sein Grab und Grabtuch von fremden Eigentum.

 

2. In dieser ganz außerordentlichen Liebe zur Armut sind dem göttlichen Heiland Unzählige nachgefolgt und ähnlich geworden im Stand freiwilliger Armut. Seine heilige Mutter aber, die von allen Heiligen ihrem göttlichen Sohn am meisten ähnlich geworden, war schon vor seiner Geburt, vom heiligen Geist belehrt, eine Liebhaberin der Armut. Obwohl von Königen abstammend, von wohlhabenden Eltern geboren und in der ersten Jugend erzogen, hat sie schon als zartes Kind das elterliche Haus mit seinen Bequemlichkeiten verlassen, in der Tempelwohnung den größten Teil ihrer Jugend verlebt und, nachdem sie sich dem Dienst Gottes gänzlich geweiht hatte, ist sie dem göttlichen Willen zufolge die Ehefrau eines armen Zimmermanns geworden. Und welche Armut, welche Entbehrungen wird sie mit dem göttlichen Kind und dem hl. Joseph auf der weiten Reise nach Ägypten und während des dortigen Aufenthalts erduldet haben! Ohne Zweifel hat sie bis zu ihrem Tod nicht aufgehört, ein armes Leben zu führen.

 

Sie liebte die Armut, weil ihr Herz ganz frei war von aller Liebe zu irdischen Gütern, und weil sie aus Liebe zu Gott und frei von allen unordentlichen Neigungen durch Entbehrung und Abtötung gern Gott die Opfer brachte, die mit der Armut verbunden sind. In der Befriedigung der Lebensbedürfnisse, in Speise und Trank, in Wohnung und Kleidung beschränkte sie sich immer auf das Notwendigste, wie es alle Heiligen zu tun sich bestrebt haben.

 

3. Warum hat der göttliche Heiland in so auffallender Weise die Armut geliebt, empfohlen und selbst geübt durch ein armes Leben?

 

Weil die unordentliche Liebe zu den irdischen Gütern eine äußerst gefährliche und verderbliche Quelle der schlimmsten sittlichen Verirrungen und zahlloser Sünden gegen die Gerechtigkeit und christliche Liebe ist, die täglich und stündlich in der Welt geschehen. Die unordentliche Anhänglichkeit an Geld und Gut und das unordentliche Streben nach irdischem Besitz ist unvereinbar mit der wahren Liebe zu Gott und mit der notwendigen Sorge für das eine Notwendige, für das ewige Heil der unsterblichen Seele, die nicht in irdischen Gütern, sondern nur in dem unendlichem Gut, in der Liebe und im treuen Dienst Gottes ihren Frieden finden kann.

 

Für uns alle ist die Losreißung des Herzens von der unordentlichen Liebe zu den irdischen Gütern unerlässlich. Für die Armen, damit sie in der Armut und Entbehrung den Frieden der Seele bewahren und nach dem Vorbild Christi und seiner Heiligen die Armut achten und lieben, oder wenigstens auf eine gottgefällige Weise mit Geduld und Ergebung in Gottes Willen ertragen lernen. Für die Reichen aber, damit sie den sehr großen und vielfältigen Gefahren, die mit dem Besitz des Reichtums immer verbunden sind, nicht unterliegen. „Nichts ist schlimmer, als das Gold lieben; einem solchen ist auch seine Seele feil“ (Eccli 10,10), sagt der heilige Geist. Der göttliche Heiland hat zu wiederholten Malen es für sehr schwer erklärt, im Besitz des Reichtums zum Himmelreich zu gelangen, weil eben der Reichtum seinem Besitzer jeden Augenblick die Möglichkeit darbietet, seine bösen Neigungen zu befriedigen, während im Gegenteil die Armut jeden Augenblick Gelegenheit gibt zur Ausübung der Nachfolge Christi in Selbstverleugnung und Geduld, zu einem vollkommenen Leben, wenn der Arme aus der Not eine Tugend macht.

 

Für diejenigen, die nach Vollkommenheit streben, ist die freiwillige Armut ein vorzügliches Mittel, das Gehen auf dem Weg der Nachfolge Christi zu erleichtern und zu befördern. Diejenigen aber, denen ihr Stand und Beruf die wirkliche Armut nicht gestattet, sollen nach der Lehre des Apostels dahin streben, dass sie die irdischen Güter besitzen und gebrauchen, als besäßen sie sie nicht (1 Kor 7,30-31), d.h. sie sollen sie nicht zur Befriedigung ihrer Sinnlichkeit, Ehrfurcht und Habsucht, sondern zur Erfüllung des göttlichen Willens, zur Ehre Gottes und zum Heil der Seele und ihrer Mitmenschen verwenden.

 

4. An den furchtbaren Übelständen in den sozialen Verhältnissen unserer Zeit, sowie an den entsetzlichen Verirrungen vieler Zeitgenossen, die den Umsturz aller bestehenden Ordnungen und Verhältnisse erstreben, tragen nebst dem überhand nehmenden Unglauben am meisten die unordentliche Liebe zu den irdischen Gütern und ihr Missbrauch durch Genusssucht, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit auf der einen Seite, sowie die Unzufriedenheit der Armen und Nichtbesitzenden mit den bestehenden Verhältnissen und Zuständen auf der andern Seite die Hauptschuld. Dadurch wird ins hellste Licht gestellt die unermessliche Wichtigkeit des göttlichen Wortes über die Seligkeit der Armen im Geist und des Beispiels Jesu Christi, der durch sein armes Leben wie durch seine Lehre die Armut hochgeehrt und gezeigt hat, wie durch die freiwillige Übung der Armut die großen Gefahren, die heutzutage aus dem Missverhältnis zwischen Reichtum und Armut hervorgehen, überwunden werden können und sollen, wie sie denn auch in den seitherigen christlichen Zeiten dadurch wirklich überwunden worden sind.

 

In dem Licht dieser Wahrheit wird es einleuchtend, wie unrecht, gefährlich und verderblich für jede, aber vor allem für unsere Zeit, eine Missachtung oder gar ein Verbot der Orden und Ordensgelübde ist, mit denen die freiwillige Armut nach der Lehre Jesu Christi verbunden ist, und wie sehr im Gegenteil diejenigen, die eine Beseitigung der sozialen Übelstände wünschen und erstreben, das Ordensleben beschützen und befördern sollten.

 

9. Marias Tugend des Gehorsams

 

1. Durch den Ungehorsam unserer ersten Eltern im Paradies ist das Elend der Sünde mit all ihren traurigen Folgen für Leib und Seele über das ganze Menschengeschlecht gekommen. Durch den vollkommenen Gehorsam des zweiten Adam, unseres göttlichen Heilandes aber, der seinem himmlischen Vater gehorsam war bis zum Tod des Kreuzes, ist der göttlichen Gerechtigkeit eine völlige und überfließende Genugtuung für die Sünden der Welt geleistet und dadurch unsere Erlösung vollbracht worden.

 

Demgemäß ist der treue, willige und demütige Gehorsam gegen Gott, seine Gebote und seine Stellvertreter das eigentliche Wesen eines gottgefälligen Lebens, und zwar in so hohem Grad, dass der göttliche Heiland, als einst in seiner Gegenwart eine Frau in ihrer Bewunderung seiner Wunder und Worte ausrief: „Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast“, ihr antwortete: „Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und es beobachten“ (Lk 11,27-28). Mit diesen Worten wollte er offenbar auch sagen, dass seine Mutter wegen ihrer treuen Beobachtung des göttlichen Wortes noch mehr seliggepriesen zu werden verdiene, als wegen ihrer göttlichen Mutterschaft.

 

2. Die Tugend des Gehorsams offenbart sich in der Tat im Leben der allerseligsten Jungfrau in vorzüglicher Weise. Wie vortrefflich sprach sich ihre gehorsame Gesinnung aus, als sie ihre Einwilligung zu dem göttlichen Ratschluss, den der Engel ihr verkündigt hatte, mit den Worten erklärte: „Siehe, ich bin eine Dienstmagd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ (Lk 1,38). Sie war gehorsam ihren Eltern im elterlichen Haus, ihren Vorgesetzten in der Wohnung des Tempels, ihrem Ehemann, dem heiligen Joseph, mit dem sie, dem göttlichen Willen sich unterwerfend, vermählt wurde. Sie, die Braut des Heiligen Geistes, die zur höchsten Würde von Gott erhoben, mit allen Gaben und Gnaden himmlischer Weisheit ausgestattet und dem heiligen Joseph in jeder Hinsicht weit überlegen war, gehorchte auf jedes Wort dem armen Handwerker in allen häuslichen Arbeiten und Angelegenheiten mit größter Bereitwilligkeit.

 

Sie gehorchte unverzüglich dem kaiserlichen Gebot, das sie anwies, nach Betlehem zu reisen in dem Augenblick, wo die Geburt des göttlichen Kindes bevorstand. Sie gehorchte ohne Zaudern und Bedenken, als ihr in der Nacht der heilige Joseph den vom Engel erhaltenen Befehl überbrachte, sofort mit dem Kind zu fliehen und nach Ägypten zu reisen. Sie gehorchte ganz pünktlich und demütig allen Vorschriften des Mosaischen Gesetzes, wenn auch solche sie, die jungfräuliche Mutter, nicht verpflichteten. Und welche schwere Opfer des Gehorsams wurden ihr auferlegt durch die für sie unaussprechlich peinlichen Anordnungen des göttlichen Willens, wodurch so viele Anfeindungen, Verfolgungen, Leiden, Misshandlungen und endlich der schreckliche Kreuzestod über ihren göttlichen Sohn verhängt wurden!

 

Maria gehorchte nicht bloß allen Geboten und Anordnungen Gottes und seiner Stellvertreter, sie übte auch den vollkommensten Gehorsam gegen die evangelischen Räte sowohl als gegen alle Antriebe der göttlichen Gnade, mit der sie in jedem Augenblick und in jeder Lage ihres Lebens stets auf das treueste mitgewirkt hat: und eben dadurch wurde sie das vollkommene Muster aller Tugend und Heiligkeit, die gehorsamste Tochter des himmlischen Vaters und die treueste Braut des Heiligen Geistes.

 

3. Bestreben auch wir uns, nach dem Vorbild Jesu und seiner heiligen Mutter den Gehorsam zu lieben und zu üben gegenüber Gott und seinen Geboten, gegenüber Gottes Stellvertreter in der Familie, in der Kirche und im Staat.

 

Durch das vierte Gebot hat Gott allen Kindern den Gehorsam gegenüber ihren Eltern und deren Stellvertreter zur Pflicht gemacht. Alleen Dienern und Untergebenen gebietet der Apostel, mit Ehrfurcht untertänig zu sein ihren Vorgesetzten in Herzenseinfalt, wie Christus, der selbst das Beispiel vollkommenen Gehorsams gegenüber Gottes Stellvertreter auf Erden gegeben hat (Eph 6,5).

 

In der gegenwärtigen Zeit gibt es viele, die, vom Geist dieser Welt und einer falschen Freiheitsliebe eingenommen oder durch Unglauben verblendet, das Joch des Gehorsams als mit der Würde des Menschen unerträglich betrachten. Sie ergeben sich einem hochmütigen Streben nach Unabhängigkeit und glauben, jeder göttlichen und menschlichen Obrigkeit den Gehorsam verweigern zu dürfen. Solche Gesinnungen und Bestrebungen stehen mit dem Geist des Christentums im entschiedensten Widerspruch. Sie haben ihren Ursprung vom Vater der Lüge, der zuerst durch seine Empörung gegen den Allerhöchsten gefrevelt und dadurch seine Verwerfung herbeigeführt, dann aber durch Lüge und List unsere ersten Eltern zu gleicher Empörung gegen das göttliche Verbot verführt und ins Elend gestürzt hat. Er fährt noch immer fort, als Fürst dieser Welt die Menschen zu versuchen, um sie durch Übertretung der göttlichen Gebote in das Reich der Finsternis, in das ewige Verderben zu führen.

 

Von ihm, dem Urheber der Lüge und der Empörung, haben die sogenannten Grundsätze der Revolution, die modernen Prinzipien der schrankenlosen Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen ihren Ausgang genommen. Sie sind in Folge der bekannten Gräuel der Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts in unserem Nachbarland zur Herrschaft gelangt, wo ihr Einfluss noch immerfort das Volk verwirrt, es in einem fieberhaften Krankheitszustand erhält und nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Krankheit hat auch in anderen Ländern Unzählige angesteckt und die gottlosen Grundsätze des Unglaubens und der Revolution dahin verbreitet.

 

4. Alle diese falschen Grundsätze und Bestrebungen, die leider in unserer Zeit so viele Seelen betört und auf die gefährlichsten Irrwege geführt haben, sind durch das unfehlbare Lehramt unserer heiligen Kirche längst verurteilt und verworfen worden.

 

Wer das Heil seiner unsterblichen Seele zu retten verlangt, der muss sich also von jenen Irrwegen fern halten. Er muss Gott treu dienen in demütigem Glauben an Gottes Wort und die Lehre seiner Kirche und in willigem Gehorsam gegenüber Gott und Gottes Stellvertreter auf Erden. Er muss nach der Lehre der Kirche und nach dem Vorbild aller Heiligen den Geboten Gottes gehorchen und der kirchlichen Obrigkeit in geistlichen, der weltlichen Obrigkeit in weltlichen Dingen untertänig sein. Er muss in allen Verhältnissen des Lebens den heiligen Willen Gottes recht zu erkennen und treu zu erfüllen suchen auf dem Weg des Gehorsams, der allein und mit Sicherheit vor den Gefahren des Irrtums und falscher Einbildungen in den Prüfungen des Lebens zu schützen im Stande ist.

 

Einen anderen Weg zum Heil gibt es nicht als den des Gehorsams, den Gottes Wort und die heilige Kirche uns vorschreiben. Aber Gott gehorchen und treu dienen, das ist herrschen und führt zur wahren Freiheit der Kinder Gottes. 

 

10. Marias Tugend der Herzenseinfalt und Einfachheit

 

1. Das einfachste aller Wesen ist Gott selbst, der den Grund seines Seins in sich selbst hat, ewig und unveränderlich immer derselbe ist und bleibt. Er ist ein reiner Geist, dessen Einfachheit das Wesen und den Grund der unendlichen Vollkommenheit in allen seinen Eigenschaften ausmacht. Diese Einfachheit des göttlichen Wesens, das in den drei göttlichen Personen eins und dasselbe ist, hat auch im ganzen Leben und Verhalten des göttlichen Heilands, in dem die zweite göttliche Person mit der menschlichen Natur vereinigt ist, immer und überall den treusten Ausdruck gefunden. Christus war in seinem ganzen Wesen, in seinem Tun und Lassen, in Worten und Werken überaus einfach, wahr, aufrichtig, immer sich selbst gleich und fern von allem Schein und auffallenden Wesen. Er führte ein sehr armes und gewöhnliches Leben nach Art der Armen. Seine Worte und Reden waren im höchsten Grad ungekünstelt, ohne allen Schmuck der Redekunst und der Wissenschaft. Er suchte in allen Dingen niemals sich selbst, niemals seine eigene Ehre und seinen Vorteil, sondern immer die Ehre seines himmlischen Vaters und das Heil der Seelen. Die Liebe zu Gott, seinem himmlischen Vater, war der einzige Beweggrund aller seiner Worte und Werke. Ihn zu verherrlichen, seinen Willen zu erfüllen, sein Reich zu verbreiten und zu ihm alle nach Gottes Ebenbild erschaffenen Seelen zu führen, das war die eine große Absicht, das Ziel seines ganzen Lebens, Leidens und Sterbens.

 

Einfache, arme Leute waren seine Jünger, und als diese einmal ein Streben nach Ehre und Vorzug untereinander äußerten, da stellte er ihnen ein unschuldiges Kind als Vorbild vor Augen mit den Worten: „Wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich“ (Mt 18,1-3); und ein anderes Mal sprach er zu ihnen: „Seid einfältig, wie die Tauben, und klug wie die Schlangen“ (Mt 10,16). So ermahnte er sie durch sein Wort und Beispiel, worin sich stets die edelste Einfachheit und Einfalt des Herzens im Verein mit der höchsten Weisheit und Einsicht offenbarte. Er tadelte und hasste nichts mehr, als das der Einfalt entgegenstehende Laster der Heuchelei und Gleißnerei bei den Pharisäern und Schriftgelehrten. Oft machte er ihnen mit scharfen Worten dasselbe zum Vorwurf, weil es das gerade Gegenteil der einfachen und demütigen Gesinnung ist, ohne welche das Wort der Wahrheit und die Gnade Gottes keinen Eingang finden in das Menschenherz.

 

2. Diese vortreffliche Gesinnung edler Einfachheit und Einfalt des Herzens war auch in ganz außerordentlichem Maße eine hervorragende Eigenschaft der allerseligsten Jungfrau. Auch sie führte immer ein sehr einfaches und armes Leben. Sie war, obgleich von Gott zur höchsten Würde über alle anderen Geschöpfe erhoben und mit den ausgezeichnetsten Vorzügen und Eigenschaften begabt, während der meisten Zeit ihres Lebens auf Erden nichts anderes als eine unangesehene, gewöhnliche Hausfrau und Mutter in der armen Hütte eines Zimmermanns, in dem kleinen Städtchen Nazareth. Ungeachtet ihrer hohen Weisheit und Einsicht zeigte sich in allen ihren Worten und Werken die größte Einfachheit und Aufrichtigkeit des Herzens. All ihr Tun und Lassen stand unter dem Einfluss einer und derselben Absicht und Meinung: Gott zu dienen und ihn zu verherrlichen. Die Liebe Gottes war der einzige und ganz reine Beweggrund aller ihrer Tätigkeit in Gedanken, Wünschen und Neigungen, in Worten, Werken und Leiden. Aus allen ihren Worten und Handlungen, deren Andenken uns die Heilige Schrift aufbewahrt hat, leuchtet das klar und deutlich hervor.

 

3. Für uns alle ist es notwendig, dass wir auch in dieser Tugend der wahren Einfalt und Einfachheit des Herzens dem göttlichen Heiland und seiner heiligen Mutter ähnlich zu werden uns bestreben. Die Liebe zu Gott, unserem besten Vater und größten Wohltäter, dem unendlichen und liebenswürdigsten Gut, muss die alles beherrschende Neigung unseres Herzens und die Triebfeder aller unserer Tätigkeit werden. Die reine Absicht und Meinung, Gott zu dienen, ihn zu ehren, aus Liebe zu ihm alles zu tun und zu leiden, soll für all unser Tun und Lassen maßgebend sein. Davon ist der Wert aller an sich guten Handlungen vor dem Auge der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit bedingt. Weder der äußere Schein und der Beifall der Welt, noch auch der Erfolg unserer Handlungen bestimmt ihren Wert für die Ewigkeit, sondern einzig und allein die Absicht des Herzens, der Beweggrund des Willens.

 

Die größten und ruhmvollsten Taten, die bei der Welt die höchste Anerkennung finden, sind vor Gott und für die Ewigkeit wertlos und vielleicht strafbar, wenn sie nicht von einer guten, Gott gefälligen Absicht und Meinung ihren Ausgang genommen haben. Aber das geringste und unscheinbarste Werk, das aus Liebe zu Gott geschah, ein Wort, das man zur Ehre Gottes gesprochen, oder ein Leiden, das man für ihn erduldet hat, wird seinen Lohn finden in der Ewigkeit. Darum ermahnt der Apostel: Ihr möget essen oder trinken, oder etwas anderes tun, tut alles zur Ehre Gottes“ (1 Korinther 10,31); und der göttliche Heiland hat gesagt: „Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper heil sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.“ (Matthäus 6,22-23a), d.h. nichts anderes, als dass von der einfachen, guten Absicht des Herzens und Willens der ganze Wert unserer Werke bedingt ist.

 

4. Um nun die Absicht und Meinung bei unserm Tun und Lassen auf Gott zu richten, und so vor Gott in Wahrheit und Aufrichtigkeit zu leben, ist es vor allem notwendig, nach alter christlicher Gewohnheit diese gute Meinung beim Morgengebet gründlich und aufrichtig im Herzen zu erwecken und während des Tages beim Beginn der Arbeiten, bei schweren Mühseligkeiten, bei Leiden und Widerwärtigkeiten oft zu erneuern durch einen Aufblick zu Gott oder durch eine Aufopferung zur Ehre Gottes. Des Abends aber bei der Erforschung des Gewissens müssen wir uns selbst prüfen, ob und inwiefern wir jenen Vorsatz mit Treue und Aufrichtigkeit erfüllt, d.h. die rechte, einfache, gute Absicht und Meinung bei unserm Tun und Lassen bewahrt, oder ob wir uns durch schiefe Absichten und Rücksichten der Selbstsucht und Eigenliebe davon haben, entfernen lassen.

 

Diese Übung der guten Meinung hat zwar im Anfang ihrer Schwierigkeiten, weil sie nicht ohne stete Selbstverleugnung geschehen kann. Aber durch Beharrlichkeit werden diese Beschwerden mit Gottes Gnade überwunden. Je mehr aber jene gute Absicht und Meinung das Herz durchdringt und alle Tätigkeit des Menschen beherrscht, desto mehr wird auch aus seinen Worten und Werken und seinem ganzen Inneren und Äußeren alles verschwinden, was der Tugend der Einfachheit und Einfalt zuwider ist. Er wird alles, was nicht zur Ehre Gottes und zur Erfüllung des göttlichen Willens dient, als überflüssig und hinderlich entfernen und sich bestreben, in allen Dingen das Maß einer gottgefälligen Einfachheit und Bescheidenheit nicht zu überschreiten. 

 

11. Marias Tugend der Geduld

 

1. „Durch viele Trübsale müssen wir eingehen in das Reich Gottes“ (Apg 14,21). Denn der Weg zum Himmel ist der Weg der Nachfolge Christi, der, wie der heilige Apostel sagt: „für uns gelitten und uns ein Beispiel gegeben hat, damit wir seinen Fußstapfen nachfolgen“ (1 Petr 2,21).

 

Dazu hat er uns auch selbst eingeladen mit den ausdrücklichen Worten: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Es gibt keinen anderen Weg zum Himmel, als den der Nachfolge Christi, auf dem alle Heiligen und wahren Gläubigen gegangen sind, um zum ewigen Heil zu gelangen. Damit aber Kreuz und Leiden uns zum Heil gereichen, müssen wir sie mit Geduld ertragen nach dem Beispiel Christi, d.h. wir müssen die Schmerzen und Widerwärtigkeiten an Leib und Seele, die uns treffen, mit Ergebung in Gottes Willen erdulden, ohne dadurch den Frieden der Seele zu verlieren, ohne uns dadurch zum Unwillen, zum Murren oder gar zur Verzweiflung verleiten zu lassen. „Die Geduld ist euch notwendig“ (Hebr 10,36), sagt der Apostel, und der göttliche Heiland ermahnt dazu seine Apostel mit den Worten: „In der Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen“ (Lk 21,19).

 

Das vollkommenste Muster der Geduld, ohne die keine einzige Tugend geübt und erworben werden kann, hat uns Jesus Christus, dessen irdisches Leben von der Krippe bis zum Kreuz niemals von Leiden oder Widerwärtigkeiten frei war, vor Augen gestellt, indem er nicht nur mit bereitwilliger Unterwerfung und Hingebung unter den Willen seines himmlischen Vaters alle Leiden aus dessen Hand übernahm, sonders sogar als ein kostbares Mittel, der Gerechtigkeit seines Vaters für die Sünden der Welt genugzutun und ihm seine Liebe zu beweisen, mit Freude das Kreuz umfasste.

 

2. Auch das Leben der allerseligsten Jungfrau war, wie wir im Vorstehenden zu sehen Gelegenheit genug gehabt haben, fast immer mit großen und schweren Leiden verbunden, die zum größten Teil aus der zarten und innigen Liebe ihres mütterlichen Herzens und aus der schmerzlichen Teilnahme an den Leiden ihres geliebten göttlichen Sohnes hervorgingen.

 

Schon mit der Prophezeiung Simeons begann eine bange Erwartung, eine immer zunehmende Bekümmernis ihr Herz zu bedrängen, das während der Verfolgung des Herodes und der Flucht nach Ägypten, am meisten aber beim öffentlichen Lehramt Jesu durch die gegen ihn sich erhebenden Anfeindungen und Verfolgungen und endlich durch die schrecklichen Leiden, Misshandlungen und den qualvollen Kreuzestod ihres göttlichen Sohnes von dem entsetzlichsten Mitleiden gefoltert wurde. Sie duldete alle diese Schmerzen und Leiden, die über sie, die ganz reine, unschuldige und heilige Mutter des göttlichen Sohnes, verhängt wurden, mit völliger Ergebung in den Willen Gottes, ohne eine Regung der Ungeduld, ohne einen Laut der Klage; sie opferte im Verein mit dem göttlichen Heiland ihr Leiden auf aus Liebe zu Gott.

 

3. Lernen wir vom Beispiel Jesu und Marias, Leiden und Widerwärtigkeiten, die wir als heilsame Prüfungen und Gelegenheiten, unsere Liebe zu Gott zu üben und zu bewahren, im Licht des Glaubens erkennen, aus der Vaterhand Gottes anzunehmen und mit Ergebung zu ertragen. Suchen wir den unschätzbaren Wert aller Leiden, die mit Geduld ertragen werden, und besonders derjenigen, die wir aus Liebe zu Gott erdulden, immer mehr zu erkennen.

 

Die Übung der Geduld in den Schmerzen und Leiden des Leibes sowohl als der Seele ist freilich für die menschliche Natur eine sehr schwere Aufgabe, die nicht ohne beharrliche Selbstverleugnung erfüllt werden kann. Aber durch einen ernsten und entschiedenen Willen kann mit der Gnade Gottes, der, wie der heilige Apostel sagt, „getreu ist und uns nicht über das, was wir vermögen, versucht werden lässt, sondern mit jeder Prüfung auch den Ausgang gewährt, so dass wir sie bestehen können“ (1 Kor 10,13), der Widerwille der Natur überwunden werden. Endlich wird dann das Schwere leicht und sogar das Bittere und Schmerzliche süß werden, weil es aus Liebe zu Gott erduldet wird.

 

4. Ein vortreffliches Hilfsmittel zur Übung der Geduld in Schmerzen und Widerwärtigkeiten ist die öftere und andächtige Betrachtung der Leiden Jesu Christi und seiner heiligen Mutter, sowie die häufige Erinnerung an die Wahrheit, dass die im Verhältnis zur Ewigkeit nur sehr kurzen und schnell vorübergehenden Leiden dieser Zeit, wenn sie mit Geduld ertragen werden, eine ewige, alle unsere Vorstellungen übersteigende Glorie uns erwerben nach dem Wort des heiligen Apostels: „Die gegenwärtige, augenblickliche und leichte Trübsal wirkt in uns eine über alles Maß große und ewige Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).

 

Durch solche Übung werden wir die Kraft und Gnade erlangen, mit standhaftem Mut und Vertrauen die Geduld und die Ergebung in den heiligen, über alles weisen und gütigen Willen Gottes bis an das Ende zu bewahren, indem wir in allen Leiden und Trübsalen zu Gott unsere Zuflucht nehmen und mit dem göttlichen Heiland beten: „Mein Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Mt 26,39).

 

Wir werden dann immer besser das Wort vom Kreuz verstehen, den Wert des Leidens würdigen und vielleicht es lernen, mit dem heiligen Apostel uns „zu rühmen in der Trübsal, indem wir wissen, dass die Trübsal Geduld wirkt, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung Hoffnung, und dass die Hoffnung nicht zu Schanden werden lässt“ (Röm 3,3-5).

12. Marias Andacht und Gottseligkeit

 

1. Die wahre Andacht und Gottseligkeit besteht in dem ernsten und beharrlichen Streben, Gott treu zu dienen, ihm zu gefallen und mit ihm zu verkehren in der Übung des Gebetes und des Lebens in seiner Gegenwart.

 

Die Seele der heiligen Jungfrau war vom ersten Augenblick ihres Daseins im Besitz der heiligmachenden Gnade, ganz frei von jenen Hindernissen und Schwierigkeiten des Verkehrs mit Gott und göttlichen Dingen, die in Folge der Erbsünde unserer gefallenen Natur ankleben. Sie war frei von bösen Neigungen und unordentlicher Anhänglichkeit an irdische Dinge, frei von der Verdunkelung des Geistes und der Schwäche des Willens, die uns die klare Erkenntnis der Wahrheit und besonders der übernatürlichen Wahrheiten, so wie die geistige Sammlung und die anhaltende zerstreuungslose Unterhaltung mit Gott im Gebet und in der Betrachtung der ewigen Wahrheiten so sehr erschweren. Überdies war ihre Seele mit allen sowohl natürlichen als übernatürlichen Talenten und Gnaden auf das Reichste ausgestattet. Mehr als alle anderen Geschöpfe war sie befähigt, dem unendlichen Gut, dem Urquell und Inbegriff alles Guten, dem Endziel aller nach Gottes Ebenbild geschaffenen Wesen mit allen Kräften der Erkenntnis und des Willens sich zuzuwenden. Ihn zu verherrlichen mit allen Kräften und aus reiner Liebe, das war ihr Streben von frühester Jugend an. Und in diesem Streben hat Maria ausgeharrt alle Tage und Stunden ihres irdischen Lebens. Niemals hat sie einem Antrieb der Gnade widerstanden, sondern immer den himmlischen Erleuchtungen und Eingebungen mit vollkommener Treue Folge geleistet, und dadurch immerfort zugenommen an Gnade, Licht und Tugend.

 

2. Hieraus lässt sich schon mit Sicherheit schließen, dass die heilige Jungfrau stets und überall ohne Unterbrechung in Gottes Gegenwart lebte, dass sie mit größter Sammlung und Andacht der Übung des Gebetes, des inneren sowohl als des mündlichen, sich hingab, dass sie alle ihre Gedanken, Worte und Werke, sowie ihre Leiden aus Liebe Gott aufopferte und das tätige Leben je nach den Anforderungen ihres Berufes und Standes mit ihrem inneren Leben und den Übungen der Andacht und Frömmigkeit zu vereinigen wusste.

 

Ohne Zweifel liebte sie sehr die Einsamkeit und den unmittelbaren Verkehr mit Gott im Gebet und in heiliger Beschauung. Sie war auch gewiss der frommen Lesung zugetan, sie versäumte keine Gelegenheit, dem öffentlichen Gottesdienst und den heiligen Übungen der Andacht beizuwohnen, wenn auch nicht das Gesetz sie dazu verpflichtete. Nach der Sendung des Heiligen Geistes aber wird sie gewiss, wie schon oben bemerkt wurde, keinen Tag die Gelegenheit unbenutzt gelassen haben, dem heiligen Opfer beizuwohnen und mit ihrem göttlichen Sohn durch das allerheiligste Sakrament sich zu vereinigen. Desungeachtet aber verabsäumte sie bei allen ihren heiligen Übungen nicht das Geringste in der treuen Erfüllung aller Obliegenheiten, die ihr Stand und Beruf, so wie die Liebe des Nächsten und die schuldige Rücksicht auf Sitten und Wohlanständigkeit ihr auferlegten. Sie war als Kind und Jungfrau, als jungfräuliche Ehefrau und Mutter, als Witwe und als Mittelpunkt der Gläubigen in der jungen Kirche ihres göttlichen Sohnes, als Zuflucht und Trösterin der Betrübten und Leidenden, der Sünder und Elenden immer das vollkommene Muster treuester Pflichterfüllung gegen Gott und den Nächsten.

 

Sie war, wie wir es aus dem Magnifikat ersehen, sehr bewandert in den heiligen Schriften des alten Bundes, und ohne Zweifel wird sie auch späterhin mit größter Freude die schon bei ihren Lebzeiten verfassten Schriften der Apostel und Evangelisten gelesen haben. Aber in ihrem Leben und in ihrer Tätigkeit war alles dem göttlichen Willen gemäß geordnet, so dass das Innere mit dem Äußeren in Einklang stand, und das eine durch das andere gefördert wurde.

 

3. Maria war ohne Zweifel geschickt in weiblichen Handarbeiten, mit denen die gottgeweihten Jungfrauen in der Tempelwohnung beschäftigt wurden. Auch berichtet die Überlieferung, dass Maria mit eigenen Händen den Rock ohne Naht angefertigt habe, den der göttliche Heiland zur Zeit seines bitteren Leidens getragen hat, über den die Henker das Los geworfen haben (Joh 19,23-24), und der noch jetzt als ein Gegenstand hoher Verehrung in der Domkirche zu Trier sich befindet. Gewiss wird die heilige Jungfrau diese Kunstfertigkeit auch in späteren Jahren, als sie beim heiligen Johannes wohnte, in freien Stunden noch ausgeübt haben, um das Heiligtum und den Altar, wo der heilige Apostel das unblutige Opfer des Neuen Bundes feierte, würdig auszustatten und zu zieren. Denn die Handarbeit ist nicht nur sehr wohl vereinbar mit Andacht und Frömmigkeit, sondern förderlich und nicht selten notwendig für Seelen, die zu einem andächtigen und gottseligen Leben berufen sind.

 

Ihre Liebe und ihr Eifer zum Gebet hinderten Maria nicht an der Erfüllung ihrer Berufspflichten. Ihre außerordentliche Andacht und Gottseligkeit hatten auch nichts Auffallendes, wie es bei manchen anderen Heiligen der Fall gewesen ist, wenn sie in Entzückungen und anderen außerordentlichen Zuständen sich befanden. Alle Erscheinungen, die eine Folge des in der durch die Erbsünde verderbten menschlichen Natur obwaltenden Zwiespaltes sind, durch den die vollkommene Herrschaft der Gnade immerfort behindert wird, fanden bei der allerseligsten Jungfrau niemals statt, denn in ihr war keine gefallene Natur, kein Zwiespalt zwischen Natur und Gnade. Alle natürlichen Kräfte des Leibes und der Seele standen miteinander in Harmonie und dienten bereitwillig dem übernatürlichen Einfluss der göttlichen Gnade. Der innere Friede und die völlige Hingabe an Gott wichen niemals aus der Seele Marias.

 

4. Diese Vollkommenheit des inneren Friedens und der steten Einigkeit zwischen Natur und Gnade ist für uns, die wir im Stand der gefallenen Natur uns befinden, ein unerreichbares Vorbild. Wir werden im irdischen Leben immer zu kämpfen haben nicht bloß mit äußeren Feinden, sondern auch mit unseren eigenen unordentlichen Neigungen. Alle Gläubigen aber, denen das Heil ihrer Seele am Herzen liegt, sollen von Maria lernen, wie sie mit großem Eifer und möglichster Andacht regelmäßig und beharrlich der täglichen Übung des Gebetes, des mündlichen sowohl als des innerlichen, und der Betrachtung der ewigen Wahrheiten obliegen sollen; wie sie in der Gegenwart Gottes zu leben, mit besonderer Ehrfurcht und Andacht dem heiligen Opfer beizuwohnen, mit sorgfältiger Vorbereitung oft die heiligen Sakramente zu empfangen, der heilsamen Übung der frommen Lesung eine bestimmte Zeit täglich oder wenigstens an den heiligen Tagen zu widmen und mit größter Treue ihre Standes- und Berufspflichten zu erfüllen sich bestreben sollen. Überdies werden sie die tägliche gehörige Erforschung des Gewissens, die in der von aller Sünde und Unvollkommenheit ganz freien Seele der heiligen Jungfrau keinen Gegenstand fand und deshalb unnötig war, nicht versäumen dürfen. Endlich sollen sie auch der eifrigen Verehrung und Nachfolge Marias, dieses vollkommenen Vorbilds der Andacht und Gottseligkeit, sowie der täglichen Anrufung ihrer mächtigen Fürbitte sich befleißigen.