Die Lauretanische Litanei

 

Wir setzen großen Vertrauen auf Maria und erzeigen ihr höhere Verehrung als allen Engeln und Heiligen. Maria ist ja, um mit dem heiligen Ephräm zu reden, „mächtig und gütig, erhabener als alle himmlischen Geister, reiner als die Strahlen der Sonne, ehrwürdiger als die Cherubim, heiliger als die Seraphim, unvergleichlich glorreicher als alle Chöre des Himmels.“

 

1. Betrachte vor allem die Würde Mariens. Sie ist die, die den Sohn Gottes, den Herrn des Himmels und der Erde, geboren hat. Sie allein kann zu Jesus Christus sagen: „Du bist mein Sohn, ich bin deine Mutter.“ Wie wunderbar ist die Würde Mariens. Wie recht hat der heilige Petrus Damianus, wenn er ausruft: „Was ist größer, als die Jungfrau Maria, die die Größe der allerhöchsten Gottheit in der Verborgenheit ihres Leibes einschloss? Blicke hin auf die Engel, und du wirst sehen, dass alles, was größer ist, dennoch kleiner ist, als die Jungfrau, die von niemanden übertroffen wird, als nur von dem, der sie erschaffen hat.“

 

2. Betrachte die Heiligkeit Mariens. Nicht in Blei fasst man einen Diamanten, sondern in Gold. Sie übertrifft an Heiligkeit alle Heiligen. Alle Heiligen ohne Ausnahme waren mit der Erbsünde befleckt. Maria aber ist, wie uns der unfehlbare Glaube lehrt, durch eine besondere Gnade Gottes von der Erbsünde freigeblieben. Von ihr gilt das Wort des Heiligen Geistes im Hohenlied 4,7: „Meine Freundin, du bist ganz schön, und keine Makel ist an dir.“ „Was immer“, sagt der heilige Thomas von Villanova, „an irgendeinem Heiligen Ausgezeichnetes war, das ist auch in Maria. In ihr ist die Geduld des Hiob, die Sanftmut des Mose, der Glaube Abrahams, die Keuschheit Josefs, die Demut Davids, die Weisheit Salomos, der Eifer des Elias. In ihr ist die Reinheit der Jungfrauen, die Stärke der Märtyrer, die Andacht der Beichtväter, die Weisheit der Lehrer, die Liebe zur Einsamkeit der Einsiedler. Kurz, in ihr sind alle Gaben des Heiligen Geistes.“

 

3. Betrachte die Liebe, die Maria zu uns trägt. Ungleich mehr als alle Heiligen liebt Maria, Gott, ihren Herrn. Das Feuer ihrer Liebe zu Gott ist, wie sie selbst der Schwester Maria vom Kreuz offenbarte, so groß, dass es in einem Augenblick Himmel und Erde verzehren könnte. Daraus folgt, dass wir nach Gott niemand finden können, der uns mehr liebte, als Maria, unsere beste Mutter. Wie sehr uns Maria liebt, das mögen wir aus ihrer Liebe zu Jesus entnehmen. Niemand zweifelt, dass es noch niemals eine Mutter gegeben hat, die mit so inniger, feuriger Liebe an ihrem Kind hing, als Maria an ihrem Sohn Jesus. Er war ihr Augapfel, der Mittelpunkt aller ihrer Gedanken und Wünsche, ihm gehörte ihr ganzes Herz. Und diesen innigst geliebten Sohn gibt Maria für uns Sünder hin. Sie willigt ein in seinen Tod. Es lässt sich also nach der Bemerkung des heiligen Bonaventura das Wort der Schrift (Joh 3,16): „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab“, auch auf Maria anwenden und sagen: Also hat Maria die Welt geliebt, dass sie ihren eingeborenen Sohn hingab.“ „Sie beide“ (Gott und Maria), sagt der heilige Bernhard, „geben, um den Knecht zu erlösen, den gemeinschaftlichen Sohn hin.“ O Liebe unserer besten Mutter, wie unermesslich groß bist du.

 

4. Betrachte die Wohltaten, die uns durch Mariens Hände zufließen. Erkenne die Wohltat, die dir und mir und allen Menschen durch Maria zuteil wurde. Als Mutter unseres Erlösers ist sie die Ursache unseres Heils. Ohne sie wären wir heute noch Kinder des Zornes, Sklaven des Teufels, eine Beute der Hölle. So oft du also an die größte aller Gnaden, an die Gnade der Erlösung denkst, musst du auch an Maria denken, denn sie ist die Mutter unseres Erlösers. Wer vermag sodann die anderen Wohltaten zu zählen, die den Menschen durch Maria unaufhörlich zufließen? Alle Heiligen zusammen können uns bei Gott nicht so viele Gnaden erlangen, als Maria allein. Der Grund ist, weil Maria die Mutter Gottes ist, während alle übrigen Heiligen nur Diener und Dienerinnen Gottes sind. Nach manchen Kirchenlehrern können wir der seligsten Gottesmutter in einem gewissen Sinn sogar die Allmacht zuordnen. Sie ist zwar nicht allmächtig ihrer Natur nach, wie Gott, aber allmächtig durch ihre Fürbitte, durch die sie alles bei ihrem Sohn erhält. Wie könnte auch Jesus seiner Mutter eine Bitte abschlagen, da er sie innigst liebt und ihr als Menschensohn so viele Wohltaten verdankt? Maria trägt auch die zärtlichste Liebe zu uns, denn sie ist unsere Mutter. Voll Milde und Barmherzigkeit hält sie unaufhörlich ihre Augen auf uns gerichtet und teilt unter uns die Gnaden mit vollen Händen aus, die sie von Gott empfängt.

 

5. Betrachte, dass die Andacht zu Maria ein Zeichen der Auserwählung ist. Wer ein Leben im Glauben führt, oder falls er gesündigt hat, an seiner Besserung ernsthaft arbeitet und Maria eifrig verehrt, der darf zuversichtlich hoffen, dass er selig wird. Und das aus dem Grund, weil ihm Maria, diese mächtige und gütige Mutter, wenn er in Sünden ist, die Gnade der wahren Buße, und wenn er im Stande der Gerechtigkeit lebt, die Gnade der Beharrlichkeit erlangen wird. Mag dem Sünder die Bekehrung auch noch so schwer werden, er wird sie durch Mariens Vermittlung glücklich zustande bringen. Und mögen den Christen auch noch so viele Gefahren für seine Seele umringen, er wird unter Mariens Schutz ihnen entrinnen und eines seligen Todes sterben. Wer hingegen Maria nicht verehrt, ja, ihrem Dienst sich gar verweigert, der trägt ein nicht undeutliches Kennzeichen der Verdammnis an sich. Wie könnte auch Jesus Menschen lieben und aufnehmen, die von seiner Mutter nichts halten und ihr alle Verehrung versagen? Wenn du also Maria herzlich liebst und sie täglich verehrst, so trägst du ein Zeichen der Auserwählung an dir, und es ist große Hoffnung, dass du dereinst in den Himmel kommst.

 

6. Betrachte schließlich, dass alle Kirchenväter und Geisteslehrer die Verehrung der seligsten Jungfrau dringend empfehlen, und dass die Rechtgläubigen aller Zeiten sie mit dem größten Eifer verehrt haben. Wollte man das, was die Kirchenväter und Geisteslehrer zum Lob Mariens geschrieben haben, zusammenstellen, so würde daraus ein Buch werden, zu dessen Durchlesung ein Menschenalter nicht ausreichen würde. Willst du wissen, welche Verehrung Maria empfängt, so durchwandere den Erdkreis: überall wirst du Kirchen finden, die zu ihrer Ehre erbaut sind, Altäre, die ihren Namen tragen, Statuen und Monumente, die ihre Wohltaten verewigen, religiöse Vereine und Bruderschaften, die unter ihrem Schutz stehen. Schlage die Jahrbücher der Kirchengeschichte auf, und fast jedes Blatt wird dir innige Freunde und Verehrer Mariens zeigen. Alle Heiligen waren innige Verehrer der seligsten Jungfrau. So trage auch du die zärtlichste Liebe zu ihr und verehre sie täglich voll des kindlichen Vertrauens. Sie ist ja eine gar gute, liebreiche, barmherzige Mutter, liebt dich mehr, als ein Menschenherz dich lieben kann, und verwendet ihre Würde und ihre Macht zu nichts anderem, als dir Gnaden aller Art, wie du sie brauchst im Leben und Sterben, von Gott zu erlangen. Folgende Richtlinien beachte:

 

1. Wähle Maria zu deiner Mutter.

 

2. Verehre die Bilder Mariens.

 

3. Verrichte zur Ehre Mariens besondere Andachtsübungen.

 

4. Feiere mit besonderer Andacht die Feste Mariens.

 

5. Tritt in die eine oder andere marianische Vereinigung ein.

 

6. Suche die Verehrung Mariens auch unter den Mitmenschen zu verbreiten.

 

7. Ahme schließlich ganz besonders die Tugenden Mariens nach.

 

So kannst und sollst du Maria verehren. Sei von jetzt an ein gutes Pflegekind der besten und heiligsten Mutter. Verehre sie täglich mit zärtlicher Andacht, setze unbedingtes Vertrauen auf sie, empfiehl dich unaufhörlich in ihren mächtigen liebevollen Schutz, und bemühe dich, in ihre Fußstapfen zu treten und einen unbescholtenen, wahrhaft frommes Leben zu führen.

 

Die Lauretanische Litanei

 

Hat ihren Namen vom heiligen Haus zu Loretto, wo sie zuerst gebetet wurde. Dieses heilige Haus ist aber kein anderes, als das zu Nazareth, in dem Maria, die seligste Jungfrau, den Sohn Gottes vom Heiligen Geist empfing, und in dem sie auch nachher mit Jesus und Josef viele Jahre lebte. Dieses Haus, das vom Anfang her die Gläubigen hochverehrten, weihten die Apostel bald nach der Himmelfahrt Christi zu einem Betort ein, und die heilige Helena, Mutter des ersten christlichen Kaisers Constantin, ließ darüber eine prachtvolle Kirche erbauen. Von jener Zeit an strömten die Christen aus allen Ländern herbei, um die heilige Stätte, wo der Sohn Gottes die menschliche Natur angenommen und mit Maria und Josef lange Jahre gelebt hatte, zu sehen und daselbst ihre Andacht zu verrichten. Nachdem aber das heilige Land in die Hände der Ungläubigen gefallen war, hörten diese Wallfahrten auf. Da gefiel es Gott, der die Verehrung des heiligen Hauses erhalten wollte, ein großes Wunder zu wirken. Im Jahr 1291 in der Nacht zwischen dem 9. und 10. Mai wurde auf einmal das heilige Haus von der Stelle, wo es mehr als zwölfhundert Jahre gestanden hatte, durch den oben sich spaltenden Tempel von den Engeln weggenommen und aus Galiläa über Land und Wasser in das weitentlegene Dalmatien übertragen. In Dalmatien blieb das heilige Haus gegen viereinhalb Jahre, und es geschahen daselbst viele Wunder. Am 10. Dezember 1294 wurde es von den Engeln über das adriatische Meer nach Italien getragen und in der Mark Ankona in einem Wald niedergelassen. Dieser Wald gehörte einer gottseligen Frau, namens Laureta, und von ihr hat das heilige Haus den Namen „Lauretanisches Haus“ bekommen. Acht Monate später wurde es aus dem Wald auf einen Hügel versetzt, wo es noch steht, und von der ganzen Christenheit verehrt wird. In der Folge wurde über das heilige Haus eine der schönsten Kirchen erbaut. Auch bildete sich bald eine bedeutende Stadt, die Loretto heißt, und nicht weit von Rom liegt.

 

Die wunderbare Übertragung des heiligen Hauses von Nazareth nach Dalmatien und von da nach Loretto wurde gleich zu Anfang mit aller Strenge geprüft und als wahr befunden. Insbesondere hat Papst Klemens VII. eine eigene Gesandtschaft nach Dalmatien und Nazareth abgeordnet, welche das Wunder mit größter Genauigkeit untersuchte und dasselbe als unleugbare Tatsache bestätige. Die Kirche hat deshalb das Fest der Übertragung des heiligen Hauses ins Brevier aufgenommen und zu dessen Feier, die jährlich am 10. Dezember stattfindet, eine eigene Messe angeordnet. Im Brevier heißt es: „Das Haus, in dem die seligste Jungfrau geboren, und welches durch göttliche Geheimnisse geheiligt worden ist, wurde durch den Dienst der Engel von der Gewalt der Ungläubigen zuerst nach Dalmatien, hernach auf das lauretanische Grundstück der picenischen Provinz unter Cölestin V. versetzt. Dass dieses Haus dasselbe sei, in dem das Wort Fleisch geworden und unter uns gewohnt hat, ist sowohl durch päpstliche Urkunden und durch die feierlichste Verehrung des ganzen Erdkreises, als auch durch die immerwährende Kraft von Wundern und die Gnade himmlischer Wohltaten bestätigt. Auf dieses hin hat Innozenz XII., um den Eifer der Gläubigen in Verehrung der geliebtesten Mutter noch mehr zu beleben und stets zu erhalten, befohlen, dass die Übertragung des heiligen Hauses im ganzen picenischen Gebiet alljährlich festlich begangen, und mit einer Messe und einem eigenen Offizium gefeiert werden soll.“

 

Von Loretto aus verbreitete sich die Lauretanische Litanei bald über die ganze Christenheit. Sie wurde ein Lieblingsgebet aller christlichen Familien und Gemeinden, und erwies sich als ein so kräftiges Mittel zur Verehrung der seligsten Jungfrau, dass der apostolische Stuhl sich veranlasst fand, sie nicht bloß gut zu heißen, sondern auch mit vielen Ablässen zu begnadigen. Papst Sixtus V. verlieh in einer Constitution vom 11. Juli 1587 allen einen Ablass von zweihundert Tagen, so oft sie diese Litanei andächtig und mit reumütigem Herzen beten. Papst Benedikt XIII. bestätigte im Jahr 1728 diesen Ablass, und Papst Pius VII. bestätigte ihn nicht bloß, sondern erhöhte ihn zugleich auf dreihundert Tage, und verlieh überdies denjenigen, die die Litanei beten, an den gebotenen Festen nach reumütig verrichteter Beicht und Kommunion eine öffentliche Kirche besuchen, und nach der Meinung des Heiligen Vater beten.

 

I. Anrufung: Herr, erbarme dich.

 

II. Anrufung: Christus, erbarme dich.

 

III. Anrufung: Herr, erbarme dich.

 

IV. Anrufung: Christus, höre uns.

 

V. Anrufung: Christus, erhöre uns.

 

VI. Anrufung: Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unser.

 

VII. Anrufung: Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme dich unser.

 

VIII. Anrufung: Gott Heiliger Geist, erbarme dich unser.

 

IX. Anrufung: Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme dich unser.

 

X. Anrufung: Heilige Maria, bitte für uns.

 

XI. Anrufung: Heilige Gottesgebärerin

 

XII. Anrufung: Heilige Jungfrau aller Jungfrauen

 

XIII. Anrufung: Mutter Christi

 

XIV. Anrufung: Mutter der göttlichen Gnade

 

XV. Anrufung: Allerreinste Mutter

 

XVI. Anrufung: Allerkeuscheste Mutter

 

XVII. Anrufung: Du ungeschwächte Mutter

 

XVIII. Anrufung: Du unbefleckte Mutter

 

XIX. Anrufung: Du liebliche Mutter

 

XX. Anrufung: Du wunderbare Mutter

 

XXI. Anrufung: Du Mutter unseres Schöpfers

 

XXII. Anrufung: Du Mutter unseres Erlösers

 

XXIII. Anrufung: Du allerweiseste Jungfrau

 

XXIV. Anrufung: Du ehrwürdige Jungfrau

 

XXV. Anrufung: Du lobwürdige Jungfrau

 

XXVI. Anrufung: Du mächtige Jungfrau

 

XXVII. Anrufung: Du gütige Jungfrau

 

XXVIII. Anrufung: Du getreue Jungfrau

 

XXIX. Anrufung: Du Spiegel der Gerechtigkeit

 

XXX. Anrufung: Du Sitz der Weisheit

 

XXXI. Anrufung: Du Ursache unseres Heils

 

XXXII. Anrufung: Du geistliches Gefäß

 

XXXIII. Anrufung: Du ehrwürdiges Gefäß

 

XXXIV. Anrufung: Du vortreffliches Gefäß der Andacht

 

XXXV. Anrufung: Du geistliche Rose

 

XXXVI. Anrufung: Du Turm Davids

 

XXXVII. Anrufung: Du elfenbeinerner Turm

 

XXXVIII. Anrufung: Du goldenes Haus

 

XXXIX. Anrufung: Du Arche des Bundes

 

XL. Anrufung: Du Pforte des Himmels

 

XLI. Anrufung: Du Morgenstern

 

XLII. Anrufung: Du Heil der Kranken

 

XLIII. Anrufung: Du Zuflucht der Sünder

 

XLIV. Anrufung: Du Trösterin der Betrübten

 

XLV. Anrufung: Du Hilfe der Christen

 

XLVI. Anrufung: Du Königin der Engel

 

XLVII. Anrufung: Du Königin der Patriarchen

 

XLVIII. Anrufung: Du Königin der Propheten

 

XLIX. Anrufung: Du Königin der Apostel

 

L. Anrufung: Du Königin der Märtyrer

 

LI. Anrufung: Du Königin der Beichtiger

 

LII. Anrufung: Du Königin der Jungfrauen

 

LIII. Anrufung: Du Königin aller Heiligen

 

LIV. Anrufung: Du Königin, ohne Makel der Erbsünde empfangen

 

LV. Anrufung: Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt,

verschone uns, o Herr.

 

LVI. Anrufung: Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt,

erhöre uns, o Herr.

 

LVII. Anrufung: Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt,

erbarme dich unser, o Herr.