Maria, Schutzfrau der Waisen

 

27. September

 

In der Heiligen Schrift tritt uns eine besondere Vorsorge für die Witwen und Waisen, d.h. für die Verlassensten und daher Schwächsten unter den Menschenkindern, entgegen. Wenn nämlich das menschliche Leben auf die tierische Stufe des Kampfes ums Dasein und des Erraffens nur materieller Güter herabsinkt – und das geschieht leider allzu oft -, dann ist es nur zu verführerisch, jene auszubeuten, welche den geringsten oder keinen Widerstand entgegensetzen können.

 

Darum prägt schon das Gesetzbuch des Mose ein: „Witwen und Waisen sollt ihr nicht beeinträchtigen“, und geradezu drohend heißt es darin von Gott: „Er schafft den Witwen und Waisen Recht.“ Der Psalmist preist darum Gott als den Helfer, den Vater, den Richter der Witwen und Waisen. Der Apostel Jakobus nimmt diese Linie auf, wenn er fordert: „Waisen und Witwen in ihrer Trübsal zu Hilfe zu kommen.“

 

Der menschgewordene Gottessohn hat diesen feinen Zug des göttlichen Herzens zum Ausdruck gebracht, wenn er seine Jünger nicht als Waisen zurücklassen wollte, sondern ihnen den starken Beistand des Heiligen Geistes versprach. Hat er nicht auch seine Mutter, als sie durch seinen Tod gleichsam Vollwitwe wurde, in den besonderen Schutz des heiligen Johannes gegeben?

 

Es hat darum im Christentum immer als ein gewichtiges und besonders feines Werk der Barmherzigkeit gegolten, sich dieser verlassensten Menschen anzunehmen. Man könnte geradezu die Geschichte der Kirche gegenüber anderen Religionen als die Geschichte der Witwenobsorge und der Waisenfürsorge bezeichnen. Ihre Formen haben dabei nach dem Charakter der Zeiten sich gewandelt.

 

Die Gesinnungen Christi sind aber ohne Zweifel auch die Gesinnungen der getreuesten Schülerin des heiligsten Herzens. Für die Mutter sind doch auch die Waisen Glieder am mystischen Leib ihres Sohnes, genährt mit seinem Fleisch und seinem Blut. Aber noch eigens, so darf man wohl schließen, hat der Herr sie in die mütterliche Obsorge Mariens gegeben, als er am Kreuz den heiligen Johannes, den er nun gleichsam als Waisen zurücklassen musste, in die Hände Mariens bestellte: „Sieh da deine Mutter!“ Je bedrängter aber die Lage eines Kindes ist, umso mehr pflegt sich ihm die fürsorgende Liebe einer echten Mutter zuzuwenden.

 

Es wäre dazu nicht ausgeschlossen – wir wissen es freilich nicht sicher, aber viele Gelehrte haben es angenommen -, dass Maria selbst einmal das harte Leben einer Waisen hat leben müssen, dass ihre Eltern nicht mehr lebten, als sie dem heiligen Josef angetraut wurde. Und damals war sie noch in jungen Jahren. Dann kennt es die seligste Jungfrau aus eigener Erfahrung, wie es den Waisen zumute ist. Das würde sie – wenn es freilich noch nötig wäre – noch mehr drängen, ihren Schicksalsgenossen eine hilfreiche himmlische Mutter zu sein.

 

Was Maria aber sein möchte, das kann sie auch sein, sie, die allmächtige Fürbitterin am Thron Gottes. Die Frau mit dem weltweiten Schutzmantel wird sicherlich die verlassensten Menschen am liebsten darin bergen. Es ist ein feiner Gedanke, Maria gerade als die Mutter und Schutzfrau der Waisenkinder zu verehren.

 

Kirchengebet

 

Allmächtiger und barmherziger Gott, du hast durch deine Mutter, die allerseligste Jungfrau Maria, den heiligen Hieronymus aus den Fesseln befreit und den Waisenkindern zum Helfer und Vater gegeben. Verleihe nun, dass wir in unseren Nöten den mütterlichen Schutz derselben Jungfrau beständig erfahren.

 

Zur Geschichte des Festes: Schon der heilige Kirchenlehrer Ephräm (+ 373) hat Maria die Erzieherin der Waisen genannt. Die heilige Gertrud, die Große, (+ 1302) pflegte die seligste Jungfrau gar innig „Trost der Verlassenen, Hoffnung und gütige Mutter der Waisen“ zu nennen. Allgemeiner wurde die Verehrung Marias unter diesem Titel erst durch den heiligen Hieronymus Emiliani und seine geistlichen Söhne, die Regularkleriker von Somasca.

 

Im Jahr 1924 wurde die Anrufung: „Maria, du Mutter der Waisen“ mit einem Teilablass bereichert; 3 Jahre zuvor mit Dekret vom 25. Mai 1921 gestattete Papst Benedikt XV. den Regularklerikern das Fest „Maria, Mutter der Waisenkinder“ mit eigenem Messformular zu feiern, und zwar am 27. September, dem Jahrestag der wunderbaren Befreiung des damaligen Festungskommandanten von Castelnuovo di Quero Hieronymus Emiliani durch Maria.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)