Maria, Mittlerin aller Gnaden

 

31. Mai

 

Kennst du die Sage von der versunkenen Stadt?

Da lag einst an den Ufern der Ostsee eine große und schöne Stadt, mit Mauern umgürtet und mit Türmen bewehrt. Vineta nannte man sie oder auch die Heilige Stadt wegen der zahlreichen Kirchen, die sich darin befanden. Die alte, reiche und berühmte Stadt wurde eines Nachts in einer gewaltigen Sturzflut vom Meer verschlungen, und seit Jahrhunderten liegt sie auf dem Grund der Ostsee. Man kennt den Ort noch, wo sie einst stand, und wenn an windstillen Tagen ein Schiffer über jene Stelle rudert, wo Vineta im Wasser begraben ist, so kommt es ihm vor, als klängen Glockentöne aus der Tiefe, und wenn er schärfer zuhorcht, so vernimmt er deutlich, wie ein heiliges Lied aus der Flut zu ihm emporsteigt.

 

Dort, wo das Meer wie ein Spiegel so glatt,

Da liegt Vineta, die Heilige Stadt,

Da geht bei hohem Orgelton

Das schöne Lied der Prozession:

Salve Regina!

 

So berichtet, wie gesagt, die Sage. Salve Regina heißt bekanntlich: "Sei gegrüßt, o Königin!" und es ist mit der Königin die liebe Mutter Gottes gemeint. In der Sage selbst aber liegt ein schöner Sinn, denn die Stadt Vineta versinnbildet den Maimonat mit der Maiandacht, mit all den Blumen und Kerzen und mit all den Liedern und Gebeten zu Ehren der Himmelskönigin. Heute, am letzten Monatstag im Mai, geht diese Maienherrlichkeit gleichsam im Meer der Alltäglichkeit unter. Vergessen dürfen wir die liebe Mutter Gottes trotzdem nicht, sondern wir müssen auch in Zukunft alle Tage an sie denken und sie mit einem herzlichen Salve Regina begrüßen.

 

Am 31. Mai findet also für das laufende Jahr zum letztenmal die Maiandacht statt. Es ist wie ein Abschied von der Mutter. Da möchte man gerne der Maienkönigin noch eine letzte Ehre antun, und aus diesem Bestreben heraus mag es wohl gekommen sein, dass die Kirche für den letzten Maientag ein weiteres Marienfest festgelegt hat; denn da feiern wir Maria als die Mittlerin aller Gnaden.

 

Maria ist fürbittweise die Mittlerin aller Gnaden. Das ist so zu verstehen, dass uns der liebe Gott von allen Gnaden, die der Heiland durch den Tod am Kreuz verdient hat, keine einzige gewährt, ohne dass sie durch die Hände Mariens zu uns kommt. Wie der ägyptische Joseph von König Pharao beauftragt wurde, dass er das in den sieben fruchtbaren Jahren gesammelte Brotgetreide in den folgenden sieben Hungerjahren verteile, so verteilt Maria die Verdienste und Gnadenschätze ihres göttlichen Sohnes. Wenn wir also eine Gnade erhalten, so hat der dreieinige Gott sie uns gewährt, Christus hat sie uns verdient, und Maria vermittelt sie uns. Daher ist Maria die Mittlerin aller Gnaden.

 

Wori besteht denn die göttliche Gnade? Die Gnade ist eine Gabe Gottes, die uns der barmherzige Gott um der Verdienste Jesu Christi willen zu unserem ewigen Heil verleiht. Ohne diese göttliche Hilfe kann kein Mensch glauben noch die Gebote halten noch etwas Verdienstliches für den Himmel tun. Wir sind also ganz und gar auf die göttliche Gnade angewiesen; alle Gnaden aber vermittelt uns die liebe Himmelsmutter.

 

So blick denn einmal zurück auf dein Leben! Denk an die Gnade der heiligen Taufe! Wie oft hast du schon das gnadenreiche Sakrament der Buße empfangen? Kannst du die heiligen Kommunionen noch zählen, von denen jede deine Seele in ein Meer von Gnaden tauchte? Vielleicht kommen auch schon die Gnaden der heiligen Firmung hinzu. Alle diese Gnaden ohne Zahl hat Maria dir vermittelt. Oft hast du sicher auch schon einer Versuchung zur Sünde siegreich widerstanden und hast andererseits das Gute getan, indem du aus Liebe zu Gott folgsam, friedlich, fromm, ehrlich und wahrhaft warst. Schau, das alles konntest du nicht aus eigener Kraft, Gott musste dir beistehen, und alle Gnaden, die er dir gab, legte er Maria in die Hände, damit die liebe Mutter Gottes sie dir übergebe.

 

So war es bisher in deinem Leben, aber am Ziel, im Himmel, bist du noch nicht. Bis dahin hast du noch viele andere Gnaden nötig, und auch diese wird dir die liebe Himmelskönigin vermitteln. Da sieht man also, wie notwendig wir die Mutter Gottes, ihre mächtige Fürbitte und ihre starke Hilfe brauchen. Darum darf unsere Marienverehrung mit dem Maimonat nicht beendet sein. Auch weiterhin müssen wir Maria alle Tage anrufen, dann wird sie uns in Liebe und Treue beistehen, und nicht eher wird sie ruhen, bis auch wir bei ihr in der ewigen Seligkeit geborgen sind.

 

 

Von der Fürbitte Marias

 

Schon die Mächtigen auf der Erde haben ihrer Mutter nichts abschlagen können. Und wenn die Fürbitten der Heiligen, also der Diener Gottes, bei Gott schon so mächtig sind, dass Gott durch diese Fürbitten sogar Wunder wirkt, was wird dann erst bei Christus seine eigene Mutter vermögen.

 

Die Bitten seiner Mutter erhört Christus schon deswegen, um sich als Sohn dankbar zu erweisen für all das Gute, das ihm von seiner Mutter Maria während seines Lebens 33 Jahre hindurch erwiesen worden ist. Die heilige Brigitta, der Jesus viele Geheimnisse geoffenbart hat, hörte eines Tages, wie Christus zu Maria sprach: "Verlange von mir, was du willst; denn deine Bitten werden niemals vergeblich sein. Weil du mir, solange ich auf Erden lebte, nichts versagt hast, so ist es billig, dass ich dir im Himmel nichts versage."

 

Auch wegen ihrer großen Heiligkeit erlangt Maria schnelle Erhörung bei Gott. In der Hl. Schrift heißt es: "Gott erfüllt die Wünsche derer, die ihn fürchten, er hört ihr Schreien und rettet sie." (Psalm 145,19) Dann erhört Gott um so mehr die Wünsche und Bitten der Mutter Gottes, die ihr ganzes Leben lang nie die geringste Sünde begangen hat.

 

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Maria die Himmelskönigin ist. In der Hl. Schrift wird Maria nicht ohne Grund mit dem Mond verglichen. Wie nämlich der Mond alle Sterne an Glanz, so übertrifft Maria im Himmel alle Engel und Heiligen an Herrlichkeit. Sie hat neben Gott die größte Herrlichkeit im Himmel. Die Kirche spricht in ihren Gebeten: "Maria, die Mutter Gottes, ist über alle himmlischen Chöre erhoben." Somit hat Maria im Himmel einen besonderen Vorrang vor allen Engeln und Heiligen und steht der heiligsten Dreifaltigkeit am nächsten. Bei diesem ihrem hohen Ehrenrang ist es ganz unmöglich, dass Maria nicht erhört würde, wenn sie Gott um etwas bittet.

 

Daher haben die Heiligen recht, wenn sie sagen: "Maria ist allmächtig durch ihre Fürbitte." Ihr Sohn Jesus Cristus ist von Natur aus allmächtig, da er Gott ist; Maria aber ist allmächtig durch ihr Gebet. Sie erhält von Christus alles, was sie verlangt, also besonders auch die Gnaden, die wir brauchen zur Erlangung unseres Heils und unserer zukünftigen Seligkeit bei Gott in der himmlischen Herrlichkeit. Bitten wir Maria darum!

 

Matthias Hergert