Maria, der Trost der armen Seelen

 

Für gläubige Katholiken sind die armen Seelen besondere Freunde des Lichtes. Ihnen zuliebe zünden sie, wenn sie an einer Abendandacht teilnehmen oder gemeinsam im Familienkreis den Rosenkranz für die armen Seelen beten, ihre Kerzen an, mit besonderem Eifer aber am Allerseelentag. An diesem Tag sollen die armen Seelen auf den Gräbern sitzen und sich an den "Seelenlichtlein" freuen. Diejenigen aber, die vergessen sind, warten trauernd auf ihr Licht.

Eine fromme und zugleich zweckmäßige Einrichtung des Mittelalters waren die Lichthäuschen und Laternen der Kirchhöfe, die zur Nachtzeit brannten. Sie sollten den Vorübergehenden und den Wanderern in der Ferne die geweihte Stätte der Toten anzeigen und sie veranlassen, der Verstorbenen im Gebet zu gedenken. Der Christ ist ja, wenn er es mit seinem Glauben ernst nimmt, fest davon überzeugt, dass die armen Seelen dankbar sind. Der "Scala coeli" (Himmelsstiege), die erstmals im 15. Jahrhundert gedruckt wurde, ist eine Erzählung einverleibt, die vermutlich viel älter ist. Danach soll ein Ritter nie vergessen haben, wenn er an einem Kirchhof vorbeikam, vom Pferd zu steigen und für die armen Seelen zu beten. Sie lohnen ihm diesen Dienst. Als er eines Tages, von seinen Feinden hart bedrängt, in eine Kirche flüchtete, erhoben sich die Toten aus den Gräbern und jagten seine Feinde in die Flucht. Was für ein schöner Gedanke: Es gibt eine vergeltende Hilfe der armen Seelen.

Eine Unterbrechung der Pein bringt den Seelen im Fegfeuer, nach uralten frommen Vorstellungen, der Besuch der Muttergottes am Freitag. Auf dem Weg durch das Fegfeuer wird sie von den Seelen geleitet. Ihre Kleider werden dabei von den Tränen so benetzt, dass am Samstag die Sonne wenigstens einige Stunden scheinen muss, damit die heiligste Jungfrau ihr Kleid trocknen kann. Eine Arme-Seelen-Tafel in Oberbayern verlegte den Besuch der Gottesmutter im Fegfeuer auf den Samstag:

"Den Samstag khomm ich gern daher

und hilf den Briedern, Schwestern sehr."

Wenn hier der Gottesmutter die Macht zugesprochen wird, zu gewissen Zeiten arme Seelen befreien zu können, so stattete eine uralte koptische Legende den heiligen Erzengel Michael mit dieser Macht aus, an einem Tag im Jahr die Tür des Fegfeuers zu öffnen und so viele von den armen Leidenden, als er auf seinen Flügeln tragen könne, mit sich zu führen.

 

Aus dem Katechismus der katholischen Kirche von 1993, Nr. 1030-1032:

 

Die abschließende Läuterung - das Purgatorium

Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können.

Die Kirche nennt diese abschließende Läuterung der Auserwählten, die von der Bestrafung der Verdammten völlig verschieden ist, Purgatorium (Fegfeuer). Sie hat die Glaubenslehre in bezug auf das Purgatorium vor allem auf den Konzilien von Florenz und Trient formuliert. Im Anschluss an gewisse Schrifttexte (vgl. z.B. 1 Kor 3,15; 1 Petr 1,7) spricht die Überlieferung der Kirche von einem Läuterungsfeuer:

"Man muss glauben, dass es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm "weder in dieser noch in der zukünftigen Welt" vergeben wird (Mt 12,32). Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können" (Gregor d. Gr., dial. 4,39).

Diese Lehre stützt sich auch auf die Praxis, für die Verstorbenen zu beten, von der schon die Heilige Schrift spricht: "Darum veranstaltete (Judas der Makkabäer) das Sühnopfer für die Verstorbenen, damit sie von der Sünde befreit werden" (2 Makk 12,45). Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehren gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können. Die Kirche empfiehlt auch Almosen, Ablässe und Bußwerke zugunsten der Verstorbenen.

"Bringen wir ihnen Hilfe und halten wir ein Gedächtnis an sie. Wenn doch die Söhne Hiobs durch das von ihrem Vater dargebrachte Opfer geläutert wurden (Hiob 1,5), wie sollten wir dann daran zweifeln, dass unsere Opfergaben für die Toten ihnen Trost bringen? Zögern wir nicht, den Verstorbenen Hilfe zu bringen und unsere Gebete für sie aufzuopfern" (Johannes Chrysostomus, hom. in 1 Cor. 41,5).