Marienlegenden

 

Marienlegenden

 

Marienlegenden blühen ohne Zahl. Das ganze Leben der Mutter Gottes ist dichterisch verherrlicht worden, aber auch in ungebundener Rede, in Sagen, Märchen und Legenden. Dabei sei ganz abgesehen davon, wie Maria in der bildenden Kunst, in Architektur, Plastik und Malerei Hunderttausende – es ist keine Übertreibung – von Künstlern gefunden hat. Diese Tatsache bleibt für immer ein Zeugnis tiefkatholischer Gesinnung, denn die Liebe zu Unserer Lieben Frau gilt mit Recht als Gradmesser des katholischen Denkens und Fühlens.

Wir schauen nur auf die Legenden, die noch heute den religiösen Sinn des katholischen Volkes beschäftigen, solche, die man kennt und erzählt, aber ihren Ursprung nicht weiß oder vergessen hat.

Am Samstag schaut immer, wenn auch nur ein bisschen, die Sonne heraus. Selbst wenn sonst der ganze Tag verregnet ist. Das hörte ich zum ersten Mal in Tirol, später auch in anderen Gegenden. Darüber weiß nun eine sinnige Legende folgendes zu erzählen. An einem Samstag hat Maria auf der Flucht nach Ägypten die Wäsche des göttlichen Kindes gewaschen und auf einem Dornenbusch zum Trocknen aufgehängt.

Eine andere Deutung sagt, dass Maria alle Freitage durch das Fegfeuer geht; da küssen die Armenseelen den Saum ihres Kleides und weinen ihn nass. Dafür muss am Samstag die Sonne scheinen, um ihn wieder zu trocknen.

 

An jedem Samstag scheint einmal

Der lieben Sonne warmer Strahl;

Großmütterchen hat mir´s bewährt

Und auch davon den Grund gelehrt.

 

Es senket aus der Himmelspracht

Sich alle Freitag in der Nacht

Die heilige Mutter sanft und gut

In Fegefeuers entfachte Wut.

 

Wenn dann die teure Huldgestalt

Hin durch gekühlte Flammen wallt,

So kommt der Armenseelen Hauf,

Fasst ihr Gewand und weint darauf.

 

So wird vom Anfang bis zuletzt

Gewaltiglich ihr Saum benetzt;

Drum, wenn sie wieder heimgekehrt,

Sie rasch ein neues Kleid begehrt.

 

Das aber, das so nass geweint,

Auslegen, wenn der Tag erscheint,

Die Engel in dem hohen Saal

Und trocknen es im Sonnenstrahl.

 

So muss denn wohl an diesem Tag,

Wie sehr sie sich auch bergen mag,

Zu dienen Unsern Lieben Fraun,

Die Sonne durch die Nebel schaun.

 

Dass der Samstag in ganz besonderer Weise der Mutter Gottes geweiht ist, wissen viele. Warum? Es sei zu Konstantinopel ein verschleiertes Madonnenbild gewesen, das sich an Samstagen entschleierte, um anzudeuten, dass man ihr diesen Tag heiligen solle. Doch die Überlieferung, deren Wert hoch über das Legendenhafte hinausgeht, sagt, dass am Abend vor dem ersten Ostersamstag Maria allein im Glauben nicht gewankt habe; es sei also an diesem ersten christlichen Samstag unser Glaube ausschließlich in Maria konzentriert gewesen war.

Eine recht sinnige Deutung gibt der heilige Petrus Damiani: „In einigen Kirchen besteht die schöne Gewohnheit, dass zu Ehren der allerseligsten Jungfrau an jedem Samstag das Messopfer gefeiert wird, wenn nicht ein Fest oder die Osterfasten dazwischentritt; denn der Sabbat, der Ruhe bedeutet, wird wohl füglich der allerseligsten Jungfrau geweiht, weil in ihr wie in einer geheiligten Lagerstätte die ewige Weisheit durch das Geheimnis der angenommenen Demut geruht hat.“

Der Protestant Wolfgang Menzel gibt in seiner „Christlichen Symbolik“ folgende Erklärung: „Die Feier dieses Tages (Sonnabends) bezieht sich auf die des Sonntags. Wie die Sonne Christus bedeutet, so ist der Sonnabend, aus dem die Sonne hervorgeht, Maria, aus der Christus hervorging.“

Die schönste Zeit des Jahres ist die, da der Kuckuck ruft. Nach dem Sprichwort soll er am Tiburtiustag (14. April) kommen und um den Sonnenwendtag wieder verstummen. In diese zehn Wochen ist der Mai eingebettet, der Abglanz paradiesischen Liebreizes mit seiner unvergleichlichen Blütenpracht. Frau Erde im grünen, blumendurchwirkten Hochzeitskleid lacht in den sonnigen Himmel hinauf und möchte vor Lust vergehen. Die ganze Natur feiert diese Hochzeit mit, alles prangt in Frische, ein Grünen, Blühen, Duften, Singen und Klingen auf Bergen und in Tälern weit allüberall.

Dieser schönste Monat ist dem schönsten Menschenkind geweiht, und das ist Maria. Jesus ist ja kein bloßer Mensch, sondern Gott und Mensch zugleich. Wo keine Erbsünde verunstaltet, wo auch kein Rauch einer persönlichen Sünde die Luft verdirbt, wo Tugenden über Tugenden blühen, dort lacht der allerschönste übernatürliche Frühling, im Herzen Unserer Lieben Frau. Zwischen Mai und Marienmonat spinnen tausend schöne Legenden.

 

 

 

Die heiligen Stammeltern Adam und Eva

 

Am Vortag des Weihnachtsfestes feiert die Kirche das Gedächtnis unserer heiligen Stammeltern. Es ist billig und recht, dass Adam und Eva trotz der Sünde im Paradies nicht verlorengingen, denn sie waren als die ersten Menschen von Gott in einzigartiger Weise erschaffen worden; ihnen wurde als den ersten der kommende Erlöser verheißen, und beide haben lebenslang danach getrachtet, in harter Buße ihre Schuld zu sühnen. Überaus sinnvoll ist es dazu, dass das Fest der Stammeltern, die von der Schlange besiegt wurden, am Tage vor der Geburt dessen begangen wird, der seinerseits die alte Schlange, welche der Satan ist, überwunden hat, und dass gerade heute des ersten Adams gedacht wird, der durch die Sünde den Tod in die Welt einführte, während morgen Christus geboren wird, der als der zweite Adam den Menschen Auferstehung und neues Leben brachte.

Legenden ranken um beide Stammeltern.

Von Adam weiß die Sage zu berichten, dass seine Reliquien stets in Ehren standen. Noach nahm sie mit sich in die Arche, und nach der Sintflut wurde der Schädel des Stammvaters auf dem Hügel Golgatha, der deswegen Schädelstätte heißt, gerade an der Stelle beigesetzt, wo die Schergen später das Kreuz errichteten, und als sich durch das Erdbeben beim Tod des lieben Heilandes der Felsen auf Kalvaria spaltete, wurde Adams Schädel bloßgelegt und von Christi Blut benetzt und gereinigt. Aus diesem Grund sieht man auf den Gemälden, welche die Kreuzigung darstellen, zuweilen einen Totenkopf abgebildet. Es ist der Schädel Adams.

Auch meinen die Gottesgelehrten, dass Adam bei der Ankunft Jesu in der Vorhölle der erste war, der von ihm die Frohe Botschaft über die Vollendung der Erlösung auf Golgatha vernahm, und wieder sei er der erste gewesen, der gleich hinter dem lieben Heiland am Himmelfahrtstag in den Himmel einzog. Das alles mag auch wohl auf diese Weise vonstatten gegangen sein, denn trotz der Sünde bleibt Adam der erste Mensch, dem deswegen größere Ehre gebührt.

Nicht minder schön als die Legende, die um Adam rankt, ist auch die, welche um Eva spielt.

Es war in der Heiligen Nacht zu Betlehem. Der Heiland ist geboren. Verklungen ist das Gloria der Engel, und die Hirten befinden sich auf dem Rückweg zu ihren Zelten. Sankt Joseph ist in einer Ecke des Stalles eingenickt. Auch das göttliche Kind schläft. Nur Maria, die hochgebenedeite Gottesmutter, kniet, in Andacht und Liebe versunken, wachend vor der Krippe.

Da öffnet sich lautlos die Stalltür. Eine Frau tritt ein, in Lumpen gehüllt, nur Haut und Knochen, uralt, mit einem zerfurchten Gesicht, das braun ist wie die Ackerscholle. Sehnsuchtsvoll ruht der Blick der Alten auf dem schlafenden Kind. Leise und behutsam nähert sie sich. Nur vier Schritte sind es von der Tür bis zur Krippe, aber nach der Art, wie die Frau die Schritte macht, sollte man meinen, sie schreite durch vier Jahrtausende.

Maria erschrickt, doch mag sie es auch nicht wehren, dass sich die Greisin über das aufwachende Kind beugt und ihm – es sieht wie eine Beichte aus – geheimnisvolle, unverständliche Worte zuflüstert, und dann langt die Frau aus ihrem Kleid einen scharlachroten Apfel hervor, der seit den Tagen des Paradieses das Sinnbild der Sünde ist, und reicht ihn dem Kind, das ihn ergreift und an die Brust drückt.

Maria zittert aus Angst um ihr Kind. Doch schon reckt die alte Frau sich hoch. Viel größer ist sie geworden. Alle Falten und Runzeln sind aus dem Antlitz verschwunden. So jung und frisch ist sie, dass man meinen sollte, Jahrtausende seien von ihr abgefallen, und in den Augen steht ein Glanz, hell wie tausend Weihnachtslichter. Tief neigt sich die Gestalt vor der Gottesmutter und spricht in demütiger Verehrung:

„Ave, Maria! Ich bin Eva.“

Sagt`s, verbeugt sich noch einmal, und mit einem letzten liebenden Blick auf das gütig lächelnde Kind schreitet die Stammmutter rücklings auf den Ausgang zu und verschwindet im anbrechenden Morgen.

Schön ist die Legende von unserer Stammmutter Eva, sinn- und lehrreich dazu, denn sie gibt uns die Anregung, heute, am Tag vor Weihnachten, falls es noch nicht geschehen ist, eine gute heilige Beichte abzulegen und dann immerfort, alle Stunden, die Ursache unseres Heils, die liebe Gottesmutter, still im Herzen zu grüßen:

 

Ave, Maria zart, du edler Rosengart,

Lilienweiß, ganz ohne Dornen.

Ich grüße dich zur Stund mit Gabrielis Mund:

Ave, die du bist voll der Gnaden.

 

Durch Evas Apfelbiss Gott uns verstoßen ließ,

Und sollten ewig sein verloren.

Da ist göttliches Wort, Jesus, dein Söhnlein zart,

Zu unserm Heil ein Mensch geboren.

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Maria will Verehrer, die reinen Herzens sind

 

Eine Legende erzählt: Es war ein Mann, der ein böses Leben führte und dennoch Unserer Lieben Frau, Mariens Verehrer war, und sie sehr oft begrüßte. Da erschien sie ihm eines Tages nebst vielen anderen Jungfrauen, die köstliche Speisen trugen, aber in unsauberen Schüsseln. Unsere Liebe Frau sprach zu diesem Mann: "Iss von dieser Kost." Da sprach jener: "Die Kost ist hübsch und gut, aber ich mag sie nicht essen; denn sie ist in unsauberen Schüsseln." Da sprach Maria: "Das Lob und Gebet, welches du mir sprichst, gleicht dieser Speise, es ist auch gut an sich, aber da das Herz unsauber ist, darin du es mir darbringst, so habe ich keine Lust daran." Mit diesen Worten verschwand Unsere Liebe Frau. Der Mann aber ging in sich und bekehrte sich bald, diente fürderhin Maria mit großem Fleiß und reinem Herzen, sodass er ihr immer wohlgefällig war, und sie ihm bei Gott dem Herrn durch ihre Fürbitte große Gnade erwarb.

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Der Averitter

 

Es war ein Edelmann. Er entschloss sich, geistlich zu werden, und trat in den Orden der grauen Mönche. Er war so sehr in der Minne, dass es ihm ganz gleich war, was in dem Kloster aus ihm wurde.

Aber die Mönche berieten sich und kamen zu dem Entschluss, dass es dem feinen Herrn nicht wohl stünde, ein dienender Bruder zu werden. Deshalb gaben sie ihm einen Meister bei, der ihn in der geistlichen Kunst unterrichten sollte. Doch was er auch vorlas und sonst an ihm tat, seine Sinne waren schon zu schlaff. Es war alles vergebens. Es war der Mann sein Lebtag ein Ritter gewesen und in seinem Handwerk alt geworden. Er lernte die Kunst nicht.

Bloß die beiden Worte blieben bei ihm: Ave Maria, und nichts mehr.

Es tat dem Ritter selber weh. Aber es wollte die Kunst einfach nicht in seinen harten Schädel hinein. Doch die beiden Worte grub er in sein Herz. Er war sehr tugendsam. Und wo er ging und stand, was man ihn fragte, immer nur sagte er: Ave Maria.

Da starb der Rittermönch und wurde begraben.

Alsbald aber wuchs aus seinem Grab eine Lilie, die war sehr weiß und trug auf ihren reinen Blüten in schönem Gold geschrieben die Worte: Ave Maria.

Darüber wunderten sich die Brüder sehr. Sie gruben nach, kamen auf den Grund und fanden die Wurzel der Blume in dem Mund des Marienritters.

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Maria keinen je vergisst, der sie mit frommem Ave grüßt

 

Von einem Einsiedler wird erzählt, er habe die Muttergottes oft mit einem Ave gegrüßt. In einer Nacht wurde es nun auf einmal hell in seinem Zimmer wie am Mittag. Und Maria in himmlischer Pracht stand vor ihm. Sie trug einen Mantel und auf diesem Mantel waren, von schönstem Gold gestickt, viele hundertmal die Worte zu lesen: Ave Maria! Der fromme Klausner war darüber ganz verwundert. Da sprach Maria zu ihm: "Siehe, diese schöne Goldstickerei hast du mir gemacht, dein Engel hat hier jedes Ave mit Gold eingesetzt." Dann setzte sie hinzu:

"Bald ist der Schmuck des Kleides fertig,

Dann - sei des ewigen Lohns gewärtig!"

Und der, welcher die Geschichte erzählt, macht den Schluss:

"Maria keinen je vergisst,

Der sie mit frommen Ave grüßt!"

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Der Frauenmantel

 

Der Frauenmantel hat gar viele Namen. Tauschüsseli oder Taumänteli heißt er bei den Alemannen, in Franken wird er Mantelkraut und Marienmantel genannt, „unserer lieben Frauen Mantel“, das ist sein voller Name. Maria ist seit alten Zeiten die Fürsprecherin der Unglücklichen, und viele haben unter ihrem Mantel Zuflucht gesucht. So haben unter dem Frauenmantel jene Engel Schutz gefunden, die, noch jung und unerfahren, sich einst vom bösen Luzifer haben verführen lassen zum Widerstand gegen Gott. Diese Engel sind nicht ganz verflucht wie jene, die mit Vorbedacht gesündigt haben; darum dürfen sie des Nachts zwischen Himmel und Erde ausfliegen. Vor der aufgehenden Sonne aber bergen sie sich im „Mantel unserer lieben Frau“, und die Silbertropfen, die im „Tauschüsseli“ glitzern, sind die Tränen, die diese Engel am Morgen und Abend weinen im Heimweh nach der himmlischen Behausung. Sind aber die Tränen von den Strahlen der Sonne aufgezehrt, dann ist ihres Bleibens unter dem Marienmantel nicht länger; dann müssen sie in ihre Wohnungen fliegen, die hinter den sieben Wolken liegen, wo man nur von ferne des Himmels Glanz sehen kann.

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Die Muttergotteskirsche

 

Es war noch zu der Zeit da die Mutter Gottes auf Erden wandelte. Da wohnte hoch oben im Gebirge im Land Tirol ein alter Klausner; den jammerte die bittere Armut der Leute, und als einmal die Mutter Gottes durch das Land kam, bat er sie um eine Gnade und sprach: „Erbarme dich der Armut meiner Brüder und beschere ihnen einen Obstsegen, dass sie Nahrung finden auf den Bergen.“ Doch am Fuß der Schneeberge reifen keine Kirschen; was konnte da für die armen Leute geschehen? Unsere liebe Frau wusste Rat. Sie nahm ihren Kranz vom Haupt, zerpflückte ihn und streute die Blättlein in den Wind, dass er sie weit hin über Berge und Hänge wehte. Aus diesen Blättlein ist die Preiselbeere erwachsen, die nun auf den Bergen gedeiht und in jedem Sommer, den Gott werden lässt, gute Ernte bringt. Die Preiselbeere aber heißt in Tirol noch heute Muttergotteskirsche, und den kleinen Strauch nennen sie dortzulande Marienpalm und Liebfrauenstrauch.

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Die Erdbeere

 

In alten Zeiten trug das Erdbeersträuchlein wohl Blüten, aber es reiften daran nur ungenießbare Samenkörnlein. Da ging einst der Jesusknabe durch den Wald und sah am Wege die Erdbeeren blühen. Die schneeweiße Blüte lockte in ihm heimlich und unbewusst ein Sehnen nach des Himmels Reinheit und Schöne, und in solchem Verlangen beugte er sich nieder zu der Blüte und küsste sie. Da ging eine wonnesame Kraft durch das Sträuchlein, und von Stund an reifte daran die köstliche rote Frucht.

Einst waren die Beeren gesegnet und sättigten jedermann wie das tägliche Brot. Da ging einmal ein Knabe in den Erdbeerschlag, aß sich satt und füllte sein Körbchen voll mit Beeren. Auf dem Heimweg begegnete ihm unsere liebe Frau und fragte ihn liebreich: „Was trägst du in deinem Körbchen?“ Der Knabe fürchtete, die Frau möchte von seinen Beeren begehren, und entgegnete: „EI nichts!“ und verbarg sein Körbchen. Da ward Maria unwillig und sprach: „Ei, wenn du nichts hast, so soll`s dir auch nichts nützen.“ Seit der Zeit wird man vom Beerenessen nimmer satt.

Die Erdbeere wächst auch im Himmelreich. Am Johannistag führt Maria die seligen Kinder auf die himmlische Erdbeerwiese, da dürfen sie sich nach Herzenslust satt essen. Darum - so sagten die Alten - soll eine Mutter, die eines ihrer Kinder im himmlischen Garten weiß, vor Johanni keine Erdbeeren essen; ihr Kind müsste sonst leer ausgehen beim himmlischen Erdbeerpflücken.

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Immergrün

 

Als Maria zur Jungfrau erblüht war, da war sie schöner als alle Jungfrauen, und die Sonne wollte nicht untergehen, sooft sie der Maid ins Antlitz schien. Da stellten sich auch Freier ein, die sie zur Frau begehrten. Maria aber wollte ihre Liebe nur dem Frömmsten schenken, gleichviel, ob er aus hohem oder niederem Stande wäre. Inständig bat sie Gott, er möchte ihr durch ein Zeichen kundtun, wer ihr Gemahl werden sollte, und ihr Gebet ward erhört.

Eines Abends saß Maria mit ihren Eltern auf der Bank vor dem Hause und freute sich des schönen Feierabends. Da kam der arme Zimmermann Joseph des Wegs daher und bot einen guten Abend, blieb stehen und plauderte ein wenig mit ihnen über den Zaun hin. Er stützte sich auf seinen Wanderstab, der sich ein wenig in die Erde eingrub; und alsbald wuchs ein üppiges Geranke an dem Stecken hervor und klomm in die Höhe. Da erkannte Maria Gottes Zeichen, und es ging nicht lange hin, da ward sie Joseph verlobt. Der Wanderstab aber wuchs weiter, jahraus, jahrein, und seine Blätter welkten nicht, auch als die Bäume ihr Laub zur Erde schüttelten. Darum ward die Pflanze Singrün oder Immergrün geheißen.

Immergrün ist eine Kranzblume und gehört den Jungfrauen zu. Die himmelblaue Blüte heißt auch Jungfrauenkrone und ist ein Sinnbild der Reinheit. Immergrün ist auch ein Zeichen ewigen Lebens. Darum haben die Väter die Toten mit Immergrün geschmückt.

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Die Hasel

 

Als Maria übers Gebirge zu ihrer Base Elisabeth ging, wurde sie von einem schlimmen Wetter überrascht, der Donner widerhallte in den Klüften, und Blitz auf Blitz schlug in die Bäume des Waldes. Maria aber fand Zuflucht unter einem Haselbaum. Da hat unsere liebe Frau die Hasel gesegnet, und nun ist sie sicher vor dem Blitzschlag und gewährt jedem Schutz, der sich unter ihr birgt.

Und noch ein zweitesmal hat die Hasel die Mutter des Heilandes in großer Gefahr bewahrt. Maria hatte eines Mittags ihr Kind in den Schlaf gesungen. Und wie es so schlief, sah sie es mit großer Liebe an und sprach: „Schlaf, du holder Engel! Ich will derweilen in den Wald laufen und dir eine Handvoll Erdbeeren pflücken.“ Wie sie aber in den Wald kam und sich nach den Beeren bückte, schoss eine Natter aus dem Gras in die Höhe. Maria verbarg sich rasch hinter einer Hasel, bis sich die Schlange verkrochen hatte. Danach pflückte sie die Beeren für ihr Kind. Und wie sie auf dem Heimweg ist, spricht sie zur Hasel: „So wie du heute mein Schutz gewesen bist vor der Natter, so sollst du künftig allen Menschen dienen.“ Darum ist seit den ältesten Zeiten ein grüner Haselzweig der beste Schutz gegen Schlangen.

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Farn und Liebfrauenstroh

 

Es war in der heiligen Nacht. Maria und Joseph hatten im Stall zu Bethlehem notvolle Herberge gefunden. Ermattet sank Maria auf die Streu aus Farn und Labkraut, indes Joseph ab und zu ging, sie mit Milch und Brot, das mitleidvolle Herzen ihm geschenkt hatten, zu laben. Mitternacht war nicht mehr fern. Die Sterne am Himmel standen still, und alle Welt hielt den Atem an, weil die Weltenstunde gekommen war, darin Gott Mensch werden sollte auf Erden.

Als nun das göttliche Kind zur Welt geboren war und seine helle Stimme die Stille durchbrach, als die himmlischen Heerscharen ihr Gloria sangen und die Hirten herbeikamen, das Kind in der Krippe zu loben, da wollte auch das Labkraut dem Herrn der Welt Ehre erweisen und trieb mitten im Winter und mitten in der Nacht Blüten. Der Farn aber zeigte keine Verehrung für das göttliche Kind; das sollte ihn gar bald gereuen. Dem Labkraut ward zur Stunde verliehen, dass es goldgelbe Blüten tragen darf, die wonnesam duften und jedermann erfreuen. Auch ward es auserkoren, der Mutter des Herrn zur Lagerstatt zu dienen. Darum heißt das Labkraut noch heute Marienbettstroh, „Unsrer lieben Frauen Bettstroh“ oder wie im Kärntnerland „Liebfrauenstroh“. Der Farn aber darf zur Strafe nicht mehr blühen und ist ein stiller Mahner für allen Hochmut, der den Heiland der Welt nicht ehren will.

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Basilienkraut

 

Es war in den Tagen, da Herodes dem Jesuskind nach dem Leben trachtete. Damals floh Maria voll Schrecken durch die Felder und suchte das Kind zu retten, das der Welt das Heil bringen sollte. Da gewahrte sie einen Bauersmann, der gelassen über seinen Acker schritt und die Saat streute. Sie rief ihm zu: „Lieber Bauer, lauf nach Haus und hol deine Leute, dass sie dir helfen, dein Korn schneiden und binden.“ Der Bauer tat noch die letzten Würfe, da wandte er sich um und sprach: „Ihr spottet, gute Frau, seht ihr nicht, dass ich mein Korn erst säe? Bis zur Ernte hat´s noch lange Zeit.“ Aber die Mutter Gottes sprach: „Lieber Bauer, trau meinem Wort, gehorche und eile!“ Und wiewohl sich´s der Bauer vorsagte, dass es töricht sei, solchem Wort zu vertrauen, weil das Korn nie und nimmer so schnell wachsen und reifen kann, und dass er nur ins Gespött der Leute komme, so ging er doch; denn es war da eine stille Gewalt, die zwang ihn. Und wie er mit seinen Leuten kam, da stand fürwahr das Korn reif zur Ernte, und er fing alsbald an zu schneiden und zu binden. Und wie sie die ersten Garben aufstellten, verbarg sich Maria darunter samt ihrem Kind. Aber das Korn war nicht ganz hoch genug gewachsen, man sah noch einen Zipfel von dem blauen Mantel Mariens. Schnell neigten sich die Ranken des Basilienkrautes herbei, schlangen sich ineinander und deckten Maria und ihr Kind. Da kam auch schon Herodes mit seinen Häschern angesprengt. Er fragte den Bauern nach einer jungen Mutter und ihrem kleinen Kind. Der Bauer sprach: „Die hab ich wohl gesehen, doch war es zu der Zeit, da ich hier säte.“ „Ist es schon so lange her, so muss ich mich eilen“, sprach Herodes, gab dem Pferd die Sporen und jagte mit der Schar davon. So ward Maria mit ihrem Kind gerettet. Sie wandte sich zum Basilienkraut und sprach: „Gott segne dich! Deine Blüte soll das Herz der Menschenkinder erfreuen.“ Seit dieser Zeit ist das Basilienkraut eine Lieblingsblume der Mädchen.

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Der Flachs

 

Auf der Flucht nach Ägypten kam Maria mehr als einmal mit ihrem Kind in große Gefahr; und als ihr die Häscher wieder einmal dicht auf den Fersen waren, lief sie in ihres Herzens Angst in ein blühendes Flachsfeld hinein und rief: „Flachs, o Flachs, verbirg mir dies Kind!“ Und alsbald begann der Flachs hin und her zu wogen, seine Halme streckten sich, sein blaues Blütenmeer leuchtete in eins mit Mariens Mantel, und seine schimmernden Wellenlinien blendeten die Häscher, dass sie weder das heilige Kind noch seine Mutter gewahrten und am Flachsfeld vorbeiritten. Als die Gefahr vorüber war, sprach Maria: „Gesegnet seist du, Flachs, dass du den Heiland der Welt verborgen hast; du sollst ihm dienen, sooft er einkehrt bei den Seinen.“ Noch heute ist der Altar mit einem weißen Leinentuch bedeckt, wenn die Gemeinde des Herrn das heilige Mahl feiert. Der Flachs aber gedeiht von einem Jahr zum andern, und es gibt immer so viel, dass die Frauen müde werden, ihn zu verspinnen.

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Marienblümchen

 

Als der Jesusknabe zwei oder drei Jahre alt war, wollte ihm seine Mutter Maria gerne einen Kranz zum Geburtstag bescheren, aber es war Winter, und nirgends waren Blumen aufzutreiben. Da kam sie auf den Gedanken, von den weißen Schnipseln ihrer Näharbeit und aus einem Stück des goldfarbenen Mantels ihres Ahnherrn David Blumen zu einem Kranz zu fertigen. Bei dieser Arbeit stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und die weißen Blütenblättchen wurden hie und da von dem Blut rot gefärbt, das aus Mariens Finger rann. Der Jesusknabe gewann diese Blümlein um der Blutströpflein willen über die Maßen lieb, und als der Frühling kam, pflanzte er sie in seinem kindlichen Sinn auf den Anger vor seines Vaters Haus und begoss sie täglich mit dem goldenen Becher, den ihm die Könige aus dem Morgenland geschenkt hatten. Die Blümlein wuchsen und verbreiteten sich über die ganze Erde. Sie blühen von einem Schnee bis zum andern und heißen Marienblümchen oder Marienkrönchen. Weil sie auf dem Anger blühen, wo die Gänse weiden, nennt man sie aber auch Gänseblümchen.

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Die Aster

 

Da unser Heiland noch ein Kind unter Kindern war und in Nazareth aufwuchs, sandte ihm der himmlische Vater bisweilen einen Engel zum Gespielen. Auch Johannes, sein Cousin, war manchmal zu Besuch da, und dann spielten die Knaben zu dritt im Garten den lieben langen Tag. Und einmal war es Abend geworden, und am Himmel zogen die Sterne auf, da sprach der Engel: „Ich muss nun schlafen gehen.“ „Wo ist den Bett?“ fragte Johannes den Engel, und der antwortete: „Droben bei den lichten Sternen“; und als er die Sehnsucht des Johannes erkannte, fuhr er fort: „Getröste dich, auch dein Bett ist droben gemacht.“ Johannes verstand das Wort nicht; aber er bückte sich nieder und brach ein Sträußelein ab, gab´s dem Engel und sprach: „Bring mir morgen eins von den lichten Sternlein mit, die am Himmel leuchten.“ Da rief Maria die Kinder ins Haus, und der Engel kehrte heim in die himmlische Behausung. Am Morgen aber kam er wieder und brachte Johannes ein hellschimmerndes Körnlein, das legten sie miteinander in die Erde und begossen es täglich mit frischem Wasser, das der Engel in seiner hohlen Hand vom Himmel brachte. Und siehe, da erwuchs im Herbst eine leuchtende Sternenblume, wie man bis dahin keine auf Erden gesehen hatte, und die Kinder nannten sie Aster, das heißt Stern. Also ist die liebliche Aster ein Schimmer der himmlischen Zier, deren wir uns dereinst, Gott gebe es, erfreuen dürfen.

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Das Maiglöckchen

 

Maiglöckchen blüht so lieblich

An der Silberquelle Rand!

Bist so bräutlich ausgerüstet

In dem schneeigen Gewand!

 

Eine gar trautliebe Blume; eine sinnige Vertreterin des schönsten aller Monate, des Wonnemonds, ist das Maiglöckchen.

 

Sonnenglanz und Himmelsbläue, zartes Blättergrün und lustiger Vogelsang, Käfersummen und Quellenrauschen – das alles erfrischt und erquickt das Menschenherz im Maienwald.

 

Und wenn uns dann noch von sonnenbeglänzter, baum- und buschfreier Stelle der köstliche Duft des Maiglöckchens – frisch und erquicklich wie die Waldluft selber – entgegenströmt, - dann strecken wir uns hocherfreut auf bemoostem Boden aus, um in vollen Zügen des Forstes Maienglück zu genießen.

 

Kaum können wir uns sattsehen an den zarten, bogenförmig gewachsenen Glöcklein jenes Edelkindes unter den Waldblüten: wie schneeige, winzige Elfengesichtchen lugen die Blümlein aus ihren zwei grünen Mutterblättern hervor.

 

„Neben diesem Töchterlein des kühlen Waldschattens“, sagt ein begeisterter Blumenverehrer, „darf nur das Veilchen vom Frühlingsrasen und die Blumenkönigin Rose genannt werden. Wahrlich vereinigen diese drei Blumen Gestalt, Farbe und Duft auf das lieblichste in sich. Nicht treten sie in Wettstreit miteinander, denn jede hat ihren eigenen Wert. Sie blühen an anderen Orten und zu anderen Zeiten; eine jede für sich, gleich Fürstengeschlechtern von großem Ruf.“

 

Und wie wenig bedarf dieses Blümchen zum Gedeihen und zur Fortpflanzung! Ein winziges Fleckchen Erde, oft auch mitten im Gestein oder Geröll befindlich, im sonnigen Waldesschoß genügt ihm zur Entfaltung von Blatt und Blüte. Durch seitwärts fortgesponnenes Wurzelgeflecht und durch seine kleinen Samenkörnchen treibt es Schwesterpflanzen.

 

Indessen muss man bei der Behandlung der Blüten immerhin vorsichtig zu Werke gehen: sowohl die hübschen Glöcklein wie der Blumenstängel enthalten einen schwachen Giftstoff. Kinder, die diese Blüten zwischen die Lippen genommen, und Personen, die unachtsamer Weise von dem Wasser, in dem Maiglöckchen standen, getrunken haben, sind oft schon zu Schaden gekommen.

 

Bei unseren Altvordern, den alten Deutschen, war das Maiglöckchen das Sinnbild lieblicher Bräute; die Mädchen, die zur Ehe schritten, trugen Sträuße davon im Haar.

 

In der religiösen Sage lag es nahe, das edelste aller Waldblümchen im Maienwald mit der Königin dieses Monats, mit Maria, in Zusammenhang zu bringen.

 

Eine der hübschesten Maiglöckchen-Legenden ist folgende:

 

In den Gefilden der Seligen trafen am Tag vor Anbruch des Maimonats die Engel rege Anstalten, den der Himmelskönigin gewidmeten Zeitkreis würdig zu feiern. Man brach die schönsten Blüten auf den himmlischen Auen, man pflückte Palmwedel und sonstiges edles Baumgezweig ab, um damit der Gottesmutter am ersten Mai zu huldigen.

 

Dieser Eifer im Dienst seiner lieben Mutter gefiel dem Heiland gar sehr. Er beschloss, den Engeln dafür eine liebliche Gunst zu erweisen. Mit einem strahlenden Seraph sprach er einige Huldworte und entließ alsdann die Himmelsscharen zu einem Flug auf die Erde.

 

Auf lautlosen Fittichen schwebten diese – der Seraph voran hernieder – in ein dämmeriges Waldrevier.

 

An einer lichten Freistätte, durchrauscht von einem kristallklaren Bächlein, hielt man an.

 

Der Seraph schöpfte mit der Rechten ein paar Tropfen des Wassers auf und ließ diese auf die Erde tröpfeln.

 

Und siehe da!

 

Überall, wo eine solche Spende aus Engelshand den Boden berührte, tat sich dort das Erdreich auf, um zwei lanzettliche, grünsamtene Blätter hervorsprießen zu lassen. Und aus dem Schoß dieser Blätter sprossten schlanke Stängel hervor, an deren Bogenrundung prächtige Glöckchen baumelten. Die Farbe der Glöckchen glich der Weiße des Schnees; am Rand waren sie zierlich ausgezackt und leicht mit Grün überhaucht. Sie strömten einen würzigen, waldfrischen Duft aus.

 

Die Himmelsscharen ergingen sich in Rufen der Bewunderung und des Entzückens über die anmutige Blüte. Sie fanden, dass der Heiland in deren schneeiger Weiße gar schön die unbefleckte Reinheit seiner Mutter, in deren schlichter, anspruchsloser Bescheidenheit aber vortrefflich Marias Demut versinnbildlicht habe.

 

Unter Preisliedern auf den Allmächtigen und Lobgesängen auf die Himmelskönigin sammelten sie einen Strauß jener neugeschaffenen süßen Blumen, um damit zum Himmel zurückzuschweben. Hier strömten sie vor dem Thron Jesu ihren Dank für den Huldbeweis aus und überreichten sodann, neben den übrigen duftigen Gaben, der Maienkönigin den Strauß der köstlichen Neuglöckchen, den sie auch mit inniger Freude entgegennahm.

 

Die Menschen staunten ebenfalls, als sie des früher nie gesehenen Blümleins, das sich alsbald überall an geeigneten Waldstellen zeigte, ansichtig wurden. Auch sie hatten innige Freude an dem Waldsprössling. Sie brachten ihn in verehrende Verbindung mit Maria, der Königin des Wonnemonds, dem das Blümchen ja seine Entstehung verdankte. Sie nannten es Maiglöckchen.

 

Im Anblick der trauten, glöckleinähnlichen Blütenkelche pflegten sie diese mit Vorliebe zur Verkündigung des Lobes Marias aufzufordern:

 

Läutet, Glöcklein, läutet wieder!

Klinget, klinget fort und fort!

Singt der Jungfrau süße Lieder

Überall – von Ort zu Ort!

 

Klinget Liebe, klinget Treue

Eurer Königin des Mai!

Dass sie stetig uns aufs Neue

Mittlerin und Mutter sei!

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