Marienlegenden

 

Marienlegenden

 

Marienlegenden blühen ohne Zahl. Das ganze Leben der Mutter Gottes ist dichterisch verherrlicht worden, aber auch in ungebundener Rede, in Sagen, Märchen und Legenden. Dabei sei ganz abgesehen davon, wie Maria in der bildenden Kunst, in Architektur, Plastik und Malerei Hunderttausende – es ist keine Übertreibung – von Künstlern gefunden hat. Diese Tatsache bleibt für immer ein Zeugnis tiefkatholischer Gesinnung, denn die Liebe zu Unserer Lieben Frau gilt mit Recht als Gradmesser des katholischen Denkens und Fühlens.

Wir schauen nur auf die Legenden, die noch heute den religiösen Sinn des katholischen Volkes beschäftigen, solche, die man kennt und erzählt, aber ihren Ursprung nicht weiß oder vergessen hat.

Am Samstag schaut immer, wenn auch nur ein bisschen, die Sonne heraus. Selbst wenn sonst der ganze Tag verregnet ist. Das hörte ich zum ersten Mal in Tirol, später auch in anderen Gegenden. Darüber weiß nun eine sinnige Legende folgendes zu erzählen. An einem Samstag hat Maria auf der Flucht nach Ägypten die Wäsche des göttlichen Kindes gewaschen und auf einem Dornenbusch zum Trocknen aufgehängt.

Eine andere Deutung sagt, dass Maria alle Freitage durch das Fegfeuer geht; da küssen die Armenseelen den Saum ihres Kleides und weinen ihn nass. Dafür muss am Samstag die Sonne scheinen, um ihn wieder zu trocknen.

 

An jedem Samstag scheint einmal

Der lieben Sonne warmer Strahl;

Großmütterchen hat mir´s bewährt

Und auch davon den Grund gelehrt.

 

Es senket aus der Himmelspracht

Sich alle Freitag in der Nacht

Die heilige Mutter sanft und gut

In Fegefeuers entfachte Wut.

 

Wenn dann die teure Huldgestalt

Hin durch gekühlte Flammen wallt,

So kommt der Armenseelen Hauf,

Fasst ihr Gewand und weint darauf.

 

So wird vom Anfang bis zuletzt

Gewaltiglich ihr Saum benetzt;

Drum, wenn sie wieder heimgekehrt,

Sie rasch ein neues Kleid begehrt.

 

Das aber, das so nass geweint,

Auslegen, wenn der Tag erscheint,

Die Engel in dem hohen Saal

Und trocknen es im Sonnenstrahl.

 

So muss denn wohl an diesem Tag,

Wie sehr sie sich auch bergen mag,

Zu dienen Unsern Lieben Fraun,

Die Sonne durch die Nebel schaun.

 

Dass der Samstag in ganz besonderer Weise der Mutter Gottes geweiht ist, wissen viele. Warum? Es sei zu Konstantinopel ein verschleiertes Madonnenbild gewesen, das sich an Samstagen entschleierte, um anzudeuten, dass man ihr diesen Tag heiligen solle. Doch die Überlieferung, deren Wert hoch über das Legendenhafte hinausgeht, sagt, dass am Abend vor dem ersten Ostersamstag Maria allein im Glauben nicht gewankt habe; es sei also an diesem ersten christlichen Samstag unser Glaube ausschließlich in Maria konzentriert gewesen war.

Eine recht sinnige Deutung gibt der heilige Petrus Damiani: „In einigen Kirchen besteht die schöne Gewohnheit, dass zu Ehren der allerseligsten Jungfrau an jedem Samstag das Messopfer gefeiert wird, wenn nicht ein Fest oder die Osterfasten dazwischentritt; denn der Sabbat, der Ruhe bedeutet, wird wohl füglich der allerseligsten Jungfrau geweiht, weil in ihr wie in einer geheiligten Lagerstätte die ewige Weisheit durch das Geheimnis der angenommenen Demut geruht hat.“

Der Protestant Wolfgang Menzel gibt in seiner „Christlichen Symbolik“ folgende Erklärung: „Die Feier dieses Tages (Sonnabends) bezieht sich auf die des Sonntags. Wie die Sonne Christus bedeutet, so ist der Sonnabend, aus dem die Sonne hervorgeht, Maria, aus der Christus hervorging.“

Die schönste Zeit des Jahres ist die, da der Kuckuck ruft. Nach dem Sprichwort soll er am Tiburtiustag (14. April) kommen und um den Sonnenwendtag wieder verstummen. In diese zehn Wochen ist der Mai eingebettet, der Abglanz paradiesischen Liebreizes mit seiner unvergleichlichen Blütenpracht. Frau Erde im grünen, blumendurchwirkten Hochzeitskleid lacht in den sonnigen Himmel hinauf und möchte vor Lust vergehen. Die ganze Natur feiert diese Hochzeit mit, alles prangt in Frische, ein Grünen, Blühen, Duften, Singen und Klingen auf Bergen und in Tälern weit allüberall.

Dieser schönste Monat ist dem schönsten Menschenkind geweiht, und das ist Maria. Jesus ist ja kein bloßer Mensch, sondern Gott und Mensch zugleich. Wo keine Erbsünde verunstaltet, wo auch kein Rauch einer persönlichen Sünde die Luft verdirbt, wo Tugenden über Tugenden blühen, dort lacht der allerschönste übernatürliche Frühling, im Herzen Unserer Lieben Frau. Zwischen Mai und Marienmonat spinnen tausend schöne Legenden.