Maria, die Hilfe der Christen

 

Heinrichs des Löwen Meerfahrt

 

In seiner „Chronik von Lübeck“ erzählt der Abt Arnold:

 

Im Frühjahr 1172 machte Herzog Heinrich von Braunschweig sich auf, das heilige Grab in Palästina zu besuchen, und zog mit großem Gefolge durch Österreich, Ungarn und Bulgarien gen Konstantinopel.

 

Daselbst bestieg er ein festgebautes Schiff, womit ihn der Kaiser der Griechen nebst vielen anderen Gaben beschenkt hatte, und begann mit den Seinigen die Fahrt. Es geriet aber das Meer gewaltig in Bewegung, so dass in dem rasenden Sturm alle voll Besorgnis ihren Tod vor Augen sahen. Auf dem Schiff aber befand sich ein tugendsamer Mann, den die drohende Gefahr sehr beängstigte. Er verfiel, während sein Gemüt ebenso unruhig war, wie das Meer, plötzlich in einen festen Schlaf und sah im Traum die allerseligste Jungfrau Maria vor sich stehen, die zu ihm sprach: „Fürchtest du die Gefahr des Meeres?“ Worauf er antwortete: „Hochgelobte Herrin! Wir sind in Ängsten und wenn der Herr des Himmels nicht auf uns gnädig herabsieht, so werden wir sehr bald untergehen!“ Sie aber erwiderte: „Sei getrost! Ihr werdet nicht untergehen, sondern, wegen des Gebets eines Mannes, der in diesem Schiff nicht aufhört, mich anzurufen, werdet ihr aus der drohenden Gefahr errettet werden.“

 

Obwohl nun nicht gefragt worden ist, wen das Gesicht bezeichnete, so war doch der, der das Gesicht gehabt hat, aus göttlicher Eingebung überzeugt: dass Heinrich, der fromme Abt des St. Aegidien-Klosters zu Braunschweig, der sich im Gefolge des Herzogs befand, gemeint sei.

 

Und die Verkündigung trog nicht.

 

Als es endlich zu tagen begann, wurde der Wind noch heftiger und das Schiff wurde mitten auf dem Meer von den Wogen hin und her geschleudert, und die Schiffsleute fürchteten sich sehr. Es erhoben sich dort sehr spitze Felsen links und rechts, und das Schiff schwankte mitten darin. Während sie nun in Todesfurcht sich ängstigten, erblickten die Seeleute Felsen, die sich öffneten wie ein Tor, und steuerten dahin, und siehe! der Sturm legte sich, die Fluten schwiegen und plötzlich fuhr das Schiff unverletzt hindurch, sie aber lobten den Herrn, "der „tötet und lebendig macht und in die Hölle führt und wieder heraus!“

 

(Aus: Heldengeschichten des Mittelalters von Ferdinand Bässler)

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Die wunderbare Rettung

 

Als im Jahr 1241 die Mongolen, nachdem sie schon Polen und Schlesien verwüstet hatten, in zahllosen Schwärmen auch nach Böhmen und Mähren bis vor die Festung Olmütz hereindrangen, da war es Jaroslaw von Sternberg, Ahnherr der erlauchten altböhmischen Familie, Grafen von Sternberg, der mit seinem Häuflein von achttausend Mann siegreich dem weit überlegenen Feind widerstand, und im Vertrauen auf Gottes Erbarmen und die Hilfe Marias sein Vaterland vor dem Untergang rettete.

 

Es war an einem heißen Junitag des Jahres 1241, dass das christliche Heer sich auf dem Berg Hostainow vor dem Andringen des wütenden Feindes zur letzten Verteidigung stellte. Die Not stieg bereits auf das Äußerste, brennender Durst, Ermattung und Verzweiflung bemächtigte sich schon der Tapfersten und die Gefahr wuchs mit der Minute. Da stürzte das Volk zur heiligen Kapelle vor den Thron der göttlichen Gnadenmutter und flehte um Schutz und Hilfe gegen den Feind, und um einen Tropfen Wasser zur Erquickung seines dürren Gaumens. Und siehe! schon zeigt sich ein Wölkchen, Winde wehen, furchtbar schauerlich grollt der Donner, und finstere Wetternacht bedeckt den Himmel, darauf folgt Blitz auf Blitz und ein Regenguss belebt die Quelle des Berges wieder. So erquickt und bestärkt besiegen sie den Feind und befreien das Vaterland von dem so nahen Verderben, denn Gott verlässt die Seinen nicht und gewährt ihnen Hilfe durch Maria, wenn sie mit ihrer Fürbitte demütig ihn um Gnaden-Erweise bitten.

 

(Aus: Die heilige Sage in Österreich von J. Gebhardt)

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Die Erweckung eines ungetauften Kindes

 

Während der heiligen Fastenzeit wurde eines Tages dem gottseligen Abt Friederich im Kloster Mariengarten in Friesland die Nachricht gebracht, auf einem benachbarten Meierhof sei ein Knäblein, das noch nicht die heilige Taufe empfangen hat, gestorben. – Man pflegte die Taufe aller Kinder, die in der Fastenzeit geboren wurden und bei denen man keine Gefahr in dem Aufschub zu befürchten hatte, bis zum Karsamstag zu verschieben, wo dann die gnadenreiche Handlung an allen mit dem neugeweihten Wasser vorgenommen wurde.

Tief betrübt stand sogleich der Abt, der eben bei der Mahlzeit saß, auf, und, das unselige Ereignis seiner Nachlässigkeit zuschreibend, eilte er in die Kirche, warf sich dort vor dem Altar der heiligen Muttergottes nieder und beschwor unter Tränen und Seufzern, dass sie durch ihre Fürbitte bei Gott dem Kind das entwichene Leben für nur so lange Zeit zurückrufen möchte, bis es zu der Gnade der heiligen Taufe gelangt wäre, und fügte noch bei: „er würde nicht eher Speise zu sich nehmen, als bis er sich erhört sähe.“ – Dann stand er vom Gebet auf und ließ sich zu der Leiche des Kindes führen, legte Buch und Stola auf sie, und alsbald kehrte Leben in die erstarrten Glieder des Knaben zurück, dessen Seele, nachdem sie durch den frommen Diener Marias von der Erbsünde durch das Bad der Wiedergeburt gereinigt war, am anderen Tag in die Freuden des Himmels einging. 

 

(Aus: Leben der Heiligen)

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Das von einem Wolf geraubte Kind

 

Im dreizehnten Jahrhundert trug sich Folgendes zu: Eine Frau aus dem Adelstand, die auf einer Ritterburg bei Trier wohnte, hatte ihr einziges Kind, ein dreijähriges Mädchen, in einen nahen Meierhof gesendet, um ihm den Genuss der frischen Luft zu gönnen.

 

Das frohe Mädchen spielte eben – wenig beachtet – als aus dem nahe gelegenen Wald ein Wolf hervorbrach, es mit den Zähnen ergriff und so schnell in das Dickicht schleppte, dass die nacheilenden Leute, den Räuber einzufangen, alle Hoffnung aufgaben.

 

Die Mutter, die alsbald die entsetzliche Kunde vernahm, war einen Augenblick wie versteinert, und sank dann in Ohnmacht. Doch erholte sie sich bald wieder und sprach mit fester Stimme: „Es kann nicht sein! Der Wolf hat mein liebstes Kind nicht verschlungen!“ Anstatt aber dem Raubtier nachzueilen in den Forst, um die Reste des zerfleischten Kindes zu sammeln, die vielleicht dem reißenden Tier noch abgejagt worden sind, wanderten sie raschen Schrittes in die Kapelle, wo sie täglich zu beten pflegte, und wo eine aus Holz geschnitzte Statue der heiligen Jungfrau mit dem Jesuskind stand, verehrt als Maria-Hilf.

 

Durch das allerbitterste Leid ihres Herzens wie außer sich und doch voll gläubigen Vertrauens zu Maria, der in jeder Angst und Not so hilfreichen Mutter, nahm sie dem Standbild das Jesuskindlein aus den Armen, weinte gar herzlich und sprach: „O gnadenvolle Mutter! Nimmer gebe ich Dein Söhnlein Dir in Deine Arme zurück, bis Du mir zuerst mein Kind unverletzt zurückgegeben hast!“ Und siehe, ein Wunder ist geschehen! Der Wolf hat seine sichere Beute fallen lassen, und das geraubte Mädchen lief den Leuten entgegen und schrie: „Das böse Tier hat mich gebissen!“ Es zeigten sich aber auch deutlich an seinem Hals die Spuren der Wolfszähne.

 

Der Jubelruf über diese wundersamen Errettung verbreitete sich indes wie ein Lauffeuer schnell bis zu den Gemächern der Mutter, und sie, von überschwänglicher Freude beseelt, stürzte ungesäumt in die Kapelle und gab das Jesuskindlein wieder in die Arme der wundertätigen Muttergottes-Statue zurück, wobei sie dankerfüllten Herzens die Worte sprach: „Weil Du, o gnadenvolle Mutter mir mein Töchterlein wieder gegeben hast, so gebe ich Dir nun auch wieder Dein Söhnlein zurück!“

 

(Aus: Dialogus miraculorum von Cäsarius von Heisterbach)

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Im Marien-Schoss

 

An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1290 saß auf dem Söller seiner Burg Klingenstein, die sich auf dem rechten Ufer der Blau hoch auf einem steilen Felsen erhebt, der Ritter Wolf von Klingenstein mit einem seiner Knappen und warf spähende Blicke auf die Straße hinab. Man sah es ihm an, dass er einen schlimmen Gedanken in sich trug und auf irgendetwas lauerte. Zwar war es heute kein Kaufherr, der von Ulm nach Blaubeuern oder hinab nach Urach zog, und den er zu berauben gedachte. Er hätte ihn heute seines Weges ruhig ziehen lassen, denn sein einziges Sinnen und Trachten ging auf einen anderen Gedanken. Nicht Raublust, sondern Durst nach Rache brannte in seinen Adern. An demselben Morgen hatte er nämlich den Edlen von Ehrenstein die Straße daher reiten sehen mit seinem etwa vier Jahre alten Söhnlein vorne droben auf dem Sattel. Dem galt nun sein Lauern und ungeduldiges Forschen, denn er war ihm Todfeind. In einem Streit um ein Erbgut, den vor einiger Zeit die beiden miteinander gehabt hatten, da ein kinderloser Verwandter gestorben war, mit dem sie durch ihre Familien verbunden waren, hatte der Klingensteiner den Kürzeren gezogen. Und da er falsche Zeugen gebracht hatte, so wurde er von seinem Gegner zu einem Zweikampf gefordert, bei dem er das rechte Auge durch die Lanze seines Feindes einbüßte. Der Verlust der Erbschaft und des Auges ließen ihn nicht ruhen und rasten, und er sann auf Rache. Vermummt als gemeiner Knappe lauerte er nun mit seinem Knecht, bis sein Opfer zurückkehrte. Und der Weg musste den Vater mit dem Kind vorbeiführen, denn sein Schloss stand nur eine Viertelstunde unter der Mühle auf der linken Seite der Blau. Aber schon sank der Abend hinein und eine finstere Nacht breitete sich über das Tal aus, und noch ließ sich kein Hufschlag vernehmen. Dagegen wetterleuchtete es im Hintergrund des Tales und ein schweres Gewitter drohte für die Mitternacht aufzuziehen.

 

Endlich ließ sich in der Ferne der dumpfe Trab eines Rosses vernehmen, und der Klingersteiner griff nach seinem Schwert, zog es aus der Scheide und eilte vor die Mühle hinaus mit seinem Knecht, um sich auf sein Pferd zu werfen und sein Opfer zu empfangen. Wieder verschlang der Sturm, der sich indessen erhoben hatte, den Hufschlag des sich Nahenden, und die Dunkelheit der Nacht hüllte alles so schwarz ein, dass der Rachedurstige nicht vermochte, den nächtlichen Reiter zu erkennen, selbst wenn er dicht an ihm vorüber geritten wäre.

 

Sorglos dagegen trabte der Ehrensteiner der Mühle näher und hatte seinen Knaben in den weiten Mantel gehüllt, um ihn vor den schon einzeln fallenden Tropfen zu schützen. – Er kam aus dem Nonnenkloster Blaubeuren, wo er ein Gelübde erfüllt hatte für seine Gemahlin. Diese hatte nämlich vor vier Jahren, ehe sie das Knäblein geboren hatte, der heiligen Muttergottes das Gelübde getan: „dass, wenn sie eines gesunden Knäbleins genese, es vom vierten Jahr an, alle Jahre an seinem Geburtstag selbst in die Klosterkirche nach Blaubeuren zwei große, wächserne Kerzen und einen frischen Kranz um die Schläfe des Muttergottesbildes bringen und opfern sollte, nebst einer Gabe in den Opferstock.“ Heute war dieses Gelübde zum ersten Mal gelöst worden, und der Ritter von Ehrenstein hatte sein Kind aufs Ross genommen, damit es zu Blaubeuren sein Opfer bringe, wie es die fromme Mutter, die so treue Verehrerin und Dienerin der heiligen Gottesgebärerin, gelobt hatte. Nicht entfernt ahnte der Heimkehrende, welch ein Mordanschlag ihm drohe, und nur die dunkle Nacht schützte ihn noch vor dem Erkennen. Aber er war nahe bei der Hohlmühle bei Herlingen und sah schon von Ferne die Lichter seiner Burg blinken. Da zuckte ein heftiger Blitzstrahl durchs Tal, der weit umher alles für eine Minute erleuchtete. Rechts und links an der Straße gewahrte er zwei Reitersknechte, von denen einer das Schwert gezogen hatte. In demselben Augenblick stürzte einer von ihnen auf ihn zu, während der andere seinem Ross in die Zügel fiel, und schrie schnaubend vor Wut: „Hab ich dich jetzt, verruchter Ehrenräuber? Wohlan, ich will dich zur Hölle schicken!“ – Da jedoch ein zweiter Blitzstrahl das Knäblein verriet, das jetzt schreiend sich an den Vater anklammerte, donnerte der Klingensteiner: „Ha, ha! Die junge Brut! Desto besser! Ihr seid eures Lebens frei, denn ein kostbareres Opfer hab ich gefunden! – Mag sein Blut statt des euren meine Rache sühnen!“ Und unter dieser Drohung stieß er mit dem scharfen Schwert nach der Brust des Kindes. Aber, o Wunder! Das so oft erprobte Schwert zerspringt, als wäre es von Glas, und bei dem Schein eines neuen Blitzstrahls bäumt sich das Ross des Klingensteiners und schlägt mit ihm rücklings über, während ein heller Schein ein Muttergottesbild ihm zeigte, das den Knaben auf dem Schoß hielt und mit der Hand seine Brust beschirmte. Verwirrt und mit Entsetzen in der Brust arbeitete sich der Klingensteiner unter seinem Ross hervor und eilte, von Schrecken gejagt, zu Fuß zu seiner nahen Burg, wo er sich auf sein Lager warf und das Geschehene nicht aus dem Sinn zu bringen vermochte.

 

Geisterbleich erhob er sich des anderen Tages, denn die wundervolle Erscheinung war ihm die ganze Nacht vor dem Bett gestanden und sein Frevel nagte nun an seinem Gewissen. – Mit dem Frühesten des Tages bot er Steinmetzen und Gesellen auf, und führte sie hinunter auf die Straße, unterhalb der Mühle. Daselbst ergriff er einen Spaten und grub selbst die erste Schaufel Erde aus und sprach: „Hier, Gesellen, will ich eine Kapelle bauen zu Ehren der heiligen Muttergottes, die mir heute Nacht hier erschienen ist als Beschützerin und Hilfe der Unschuld, die ich zu ermorden gedachte in meinem sträflichen Sinn!“ – Und fleißig machten sich nun die Gesellen an die Arbeit, also dass im nächsten Jahr an demselben Tag, wo das Wunder „Maria-Hilf“ geschehen war, die Kapelle eingeweiht wurde. Auf dem Altar war ein schönes Gemälde von einem Ulmer Meister angebracht, auf dem der mörderische Anfall dargestellt ist, wie die heilige Muttergottes, die „Hilfe der Christen“, das Kind schützend im Schoß hielt.

 

Am Festtag der Einweihung der Kapelle knieten, danksagend und voll heiligen Friedens, der Klingensteiner und der Ehrensteiner, samt Gemahlin und Kind, vor dem „Maria-Hilf-Altar“, auf ewig versöhnt in Jesus Christus und Maria.

 

Längst ist diese Kapelle, die mit der Zeit hinfällig geworden ist, verschwunden. Aber an ihrer Stelle wurde im Jahr 1708 eine andere Kapelle erbaut, gleichfalls „Maria-Hilf“ genannt, an welche sich diese Sage knüpfte.

 

(Aus: Die Burgen, Klöster, Kirchen Württembergs von Ottmar F. H. Schönhuth)

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Maria im Kerker

 

Der heilige Hieronymus Aemiliani ist zu Venedig im Jahr 1481 aus einer altadeligen Familie geboren. Von einer frommen Mutter nur für Gott und den Himmel erzogen, verließ er doch schon als Jüngling von fünfzehn Jahren den Weg der Nachfolge Jesu Christi. Er fürchtete Gott nicht mehr, nur vor den Augen der Welt wollte er noch untadelhaft erscheinen. Er trat in den Kriegsdienst und ergab sich, nachdem auch sein Vater gestorben war, allen Ausschweifungen der schnödesten Leidenschaften. Im Krieg war er tapfer, überhaupt ein guter, tüchtiger Soldat, und tat sich in vielen Schlachten rühmlichst hervor. Aber in den Augen Gottes erschien er als ein armer, unglücklicher Sünder. So verbrachte er sein Leben in allen möglichen Entartungen bis in sein dreißigstes Jahr.

 

Als im Jahr 1511 die Festung Castelnuova mit Sturm eingenommen wurde, befand er sich gerade darin. Mit Heldenmut kämpfte er an der Spitze seiner Soldaten, doch die Feinde überwältigten ihn. An Händen und Füssen gefesselt, wurde er ins Gefängnis geworfen und hatte jeden Augenblick des Todes gewärtig zu sein. Er erinnerte sich nun mit Wehmut an die hehren Tage seiner Jugend, wo er so oft vor dem Gnadenbild der seligsten Jungfrau Maria von Treviso seine kindlichen Gebete verrichtete. Mit innigster Andacht verlobte er sich dorthin und sein Verstand wurde hell, er erkannte seine Sünden und seine vielen Missetaten, und sein Herz wurde von peinlichstem Wehe bewegt, er weinte bitterlich. Da, mit einem Mal, erleuchtete ein ungewöhnlicher Glanz des Kerkers Dunkel. Maria, die gnadenreiche Himmelskönigin, von der Glorie einer Sonne umflossen, erschien ihm, so dass er, von ihren Strahlen geblendet, nicht in ihr Antlitz zu schauen vermochte. Sie berührte ihn, die Fesseln fielen und sie führte ihn, wunderbar ihn schützend, mitten durch die Feinde bis hin nach Treviso. Dort dankte Hieronymus auf seinen Knien und in Reuetränen zerfließend seiner himmlischen Mutter für die Rettung des Lebens.

 

Nun aber war er wie umgewandelt. Bei einer Hungersnot im Jahr 1528 verkaufte er all seine Habe, um die Armen zu speisen. Die Kirchen und die Spitäler der Kranken waren von nun an die Stätten, wo er die schönsten Werke der Gottseligkeit übte.

 

Sein heiliges Leben beschloss ein ebenso kostbarer Tod. Er verschied am 8. Februar 1537 mit den Worten: „Maria, meine Sonne!“

 

(Leben des heiligen Hieronymus Aemiliani)

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Mariahilf bei den Minoriten zu Grätz

 

Der römische Kaiser Ferdinand II. ist der Urheber des Gotteshauses der Minoriten zu Grätz, zu dem er bereits im Jahr 1595 den ersten Grundstein gelegt hatte. Vier Jahre nach der Erbauung der Kirche stand der Hauptaltar noch ohne Bildnis, in dem, nach dem allgemein gefassten Beschluss, die göttliche Gnadenmutter sollte dargestellt werden. Nur war noch die Frage zu lösen, in welcher Gestalt das Bild Marias möge ausgeführt werden, damit es den sinnigen Beschauer zu recht kindlicher Andacht und Ehrfurcht erwecke. Wie aber ehedessen dem König David den ganzen Umriss des Tempels von Jerusalem, also hat Gott dem damaligen Obern des neuen göttlichen Hauses, namens Cornelius Tortella, in einer Vision die Form und Gestalt des Marianischen Bildes geoffenbart, in der es jetzt noch in besagter Kirche gesehen und verehrt wird.

 

Man schloss deshalb mit dem zu jener Zeit kunstreichsten Maler, Petrus von Pomis, nach allen Rechten den Vertrag ab, dieses Bild Unserer Lieben Frau auf die gemeldete, von Gott eingegebene Weise zu entwerfen. Er legte ungesäumt die Hand an die Zeichnung, die ihm gleich am Anfang so trefflich gelungen ist, dass, da er in seinen seitherigen Werken schon alle Künstler seiner Zeit überflügelte, er in diesem Bild seine eigene Kunst und Wissenschaft zu übertreffen schien.

 

Während der Arbeit verblendeten jedoch Geld und Ehrgeiz die sonst ehrenhafte Gesinnung des Malers: er wollte entweder gegen allen rechtsgültigen Vertrag mehr Geld, oder seine über alle Vermutung so kunstreich ausgeführte Arbeit sich selbst zu eigen machen, um sie dann gegen einen höheren Preis zu verhandeln. Der Armselige vergaß, dass er ein Werk zur Ehre Marias verfertigen sollte, wozu ihn, abgesehen von dem daraus ihm erwachsenden irdischen Gewinn, vor allem sein religiöser Sinn hätte begeistern müssen. Die hochwürdigen Väter des neuen Klosters hatten ihm freundlich zugeredet: doch ja den rechtmäßigen Vertrag nicht zu brechen. Allein, ähnlich dem Herzen Pharaos bei den Ermahnungen des Mose, blieb auch das Herz des Malers verstockt. Und so musste er denn gleichfalls wie Pharao die Strafgerechtigkeit Gottes empfinden.

 

Der geizige Petrus von Pomis erblindete in einer Nacht, und tiefdunkle Finsternis umgab ihn. Doch war von Pomis glücklicher als Pharao, denn dieser hat nie, jener jedoch ernstlich und mit aufrichtiger Reue die strafende Hand des Allerhöchsten erkannt und andachtsvoll und herzlichst geseufzt: „Maria hilf! Maria hilf!“ Und also, wie Gott ihn zum Werkmeister des Marianischen Bildes gemacht hatte, ist er selbst, und zwar durch die erbetene Hilfe Marias, zum ersten Wunderwerk desselben ausersehen worden. Am zweiten Tag nach der Erblindung nämlich, nachdem der Künstler würdig vorbereitet die heiligen Sakramente der Buße und des Altars empfangen hatte, erhielt er das Augenlicht wieder. Und wie er aufs Neue sein gezeichnetes Bildnis Marias beschaut, erblickt er mit Erstaunen sowohl das Antlitz des göttlichen Kindes als das der hochgepriesenen Mutter schon vollkommen und aufs Anmutigste ausgemalt, ohne dass er oder ein anderer an ihm, das ja bestmöglichst in einem Zimmer verschlossen gewesen war, nur mit einem Pinselstrich gearbeitet hatte. Man nannte das besagte Bild schon jetzt das „Maria-Hilf-Bild.“

 

Eben um jene Zeit der Verfertigung dieses Gnadenbildes, hatte Maria einen hochgeborenen Edelmann in Grätz, der sich in der Gefangenschaft der Türken befunden hat, von Eisen, Brand und Kerker und aus dem Land der Barbaren errettet, ebenso wunderbar, wie der Engel den heiligen Apostel Petrus aus dem Kerker zu Jerusalem. Die Gebenedeite des Herrn hatte aber dem genannten Edelmann auf seine Anrufung geboten: er solle in seiner Vaterstadt Grätz bei dem Marianischen Bildnis das Dankopfer erstatten, in dessen Gestalt sie ihm erschienen sei. Bei seiner Rückkehr nach Grätz zeigte man ihm die verschiedenen Gnadenbilder Marias, z.B. das zu Maria-Zell, Fernitz, Straßgang und andere. Aber keines von diesen glich dem Angesicht der Erretterin. Da er aber von dem Bildnis hörte, das der Maler Petrus von Pomis in Arbeit hatte, ging er in dessen Behausung. Er sah es und fiel voll Erstaunen und mit Tränen in den Augen auf die Knie nieder und rief entzückt aus: „In dieser Gestalt hat die allerseligste Jungfrau Maria mir geholfen!“ Er war denn auch der erste, der öffentlich und mit inniger Andacht bezeigte, als das besagte Bild Marias am 29. Mai 1611 von den Geistlichen des Klosters feierlich auf dem Hochaltar zur allgemeinen Verehrung aufgestellt worden ist, dass es ein bereits mit wunderbaren Ereignissen verklärtes, wahrhaftiges Gnadenbild sei.

 

(Nach: Das wundervolle Gnadenbild zu Grätz)

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Unsere Liebe Frau vom Regen

 

In der Kirche des Schlosses Wischhrad zu Prag befindet sich ein Marienbild, das man „Unsere Liebe Frau vom Regen“ nennt, weil man zur Zeit einer entstandenen Dürre bei ihm Andachten hielt, um einen fruchtbaren Regen von Gott durch die Fürsprache seiner lieben Mutter zu erbitten.

 

Als nun im Jahr 1678 das trockene Wetter von Osten bis Pfingsten angehalten hatte und jeder in Furcht war alle Erdenfrüchte zu verlieren, ließ der Herr Erzbischof von Prag, Friedrich von Waldstein, einen Befehl ergehen: dass man mit dem erwähnten Bild, umgeben vom andächtigen Volk, eine Prozession am anderen Tag des Pfingstfestes halten sollte. Dies ist auch so geschehen, und zwar mit allgemeinem Trost und zur Verwunderung der ganzen Stadt Prag, denn als der Umgang noch nicht vollständig beendet war, kam ein linder Regen, der alsbald mehr und mehr zugenommen hat, bis in die drei Tage hinaus gewährt, und dem Land vielen, ja tausendfachen Nutzen gebracht hat.

 

(Aus: Österreichisches Volksblatt)

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Die Dämpfung eines Kirchen-Brandes

 

Die heilige Godeberta kam zur Welt im Bistum Amiens in Frankreich. Ihre gottesfürchtigen Eltern flößten ihr schon frühzeitig die innigste Liebe zu Jesus und Maria in das Herz. Die Folge davon war, dass Godeberta ihre Jungfrauschaft dem Herrn und seiner gebenedeiten Mutter angelobte und den Klosterschleier aus den Händen des heiligen Eligius nahm. Sie stiftete hierauf ein Kloster zu Noyon, dessen Oberin sie wurde. Durch ihr vielfältiges Fasten, nächtliches Wachen und andere Leibeskasteiungen zog sie sich eine Krankheit zu, die sie beständig an das Bett fesselte. In ihrem schweren Leiden blieb Jesus und Maria ihr einziger Trost.

 

Nun geschah es, dass die größte Kirche zu Noyon, die der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht war, plötzlich von einer Feuersbrunst ergriffen wurde. Da man der sich ausbreitenden Flammen nicht Herr werden konnte, nahm man in dieser höchsten Not die Zuflucht zum Gebet und rief und bat aus dem tiefsten Herzen: „Jesus und Maria mögen helfen!“

 

Auch der heiligen Godeberta brachte man Nachricht von diesem schrecklichen Unglück. Obgleich sie mit großen Schmerzen kämpfte, so ließ sie sich doch auf dem Bett zu der brennenden Kirche hintragen. Während nun alle jammernd und weinend an der Rettung der Kirche zweifeln, fleht Godeberta innig zu Unserer Lieben Frau um Hilfe, macht dann das Zeichen des heiligen Kreuzes gegen das Feuer, und sogleich erlöschen die Flammen.

 

Und so wurde Godeberta durch die Fürsprache Marias bei Gott die Erhalterin dieses herrlichen Muttergottes-Tempels.

 

(Aus: Legende der Heiligen von Georg Ott)

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Gewährte und auch versagte Hilfe

 

1. Man findet keinen Heiligen, zu dessen Ruhm man nicht sagen müsste, dass er Maria innig geliebt und verehrt habe. Wie die meisten Heiligen, so stand denn auch der heiligmäßige P. Philipp Jeningen im gemütlichsten Verkehr mit der Gebenedeiten des Herrn, wurde mancher Vision und manchen Zwiegespräches mit ihr gewürdigt, und sein Leben ist von vielen Tatsachen durchleuchtet, die sein unbeugsames Vertrauen zu ihr aber auch seine kindliche Einfalt bezeichnen.

 

Er hatte z.B. aus milden Beiträgen, die er von frommen Verehrern Marias zusammengebettelt hatte, für das Muttergottesbild in Eichbrunn ein neues Kleid machen lassen, und es unter außerordentlicher Freude seiner himmlischen Mutter und Königin überbracht.

 

Bald danach fürchtete man ein für das Jesuiten-Kollegium zu Dillingen, in dem er sich befand, ein herannahendes schmerzliches Ereignis. Man erachtete es, wenn es wirklich einträfe, geradezu als ein Unglück. Pater Philipp nahm seine Zuflucht zu Maria unter innigen Bitten: sie möchte das Haus beschützen. Aber sein Gebet hatte für den Augenblick keinen sichtbaren Erfolg: die göttliche Gnadenmutter, die ihm sonst nie etwas verweigerte, schien dieses Mal teilnahmslos und unerbittlich.

 

Da eilte er nach Eichbrunn, bat, betete, seufzte, weinte, wie Angst und Liebe es einem Kind eingibt. Aber wiederum, wie es schien vergebens. Da wurde er sozusagen des Bittens müde, und wie wenn diese Zögerung oder Härte seiner Mutter nicht würdig wäre, beklagt er sich vor ihr darüber, kommt in kindlichen Liebes-Unmut, und droht schließlich: „Mutter Maria hilf und bewahre unser Kollegium unversehrt oder ich nehme dir das Kleid wieder, das ich dir neulich gebracht habe!“ Die gute Mutter war mit dieser Drohung ihres guten und treuen Kindes nicht unzufrieden: Pater Philipps Bitte wurde jetzt erfüllt.

 

Wer fühlte nicht, welche zärtliche Liebe in diesem einzigen Zug liegt!

 

2. P Philipp Jeningen sollte bald noch mehr zum Lob und zum Preise Marias wirken, denn im Jahr 1680 wurde er nach Ellwangen geschickt, um an der Marianischen Wallfahrtsstätte auf dem „Schönen-Berg“ als Missionar tätig zu sein.

 

Aber hier nahm er in allen Bedrängnissen seine Zuflucht zu Maria. Es finden sich jedoch Ereignisse in seinem Gebetsleben vor, die bekunden: dass Maria ihm auch zuweilen ihre Hilfe versagte.

 

So trat z.B. einst eine große Hitze und Trockenheit ein, so dass die Satten fast verdorrten, und man kaum mehr auf einigen Ertrag der Felder hoffte. Pater Philipp bat auf dem „Schönen-Berg“ Maria, die „Hilfe der Christen“, dringend um Regen, als plötzlich Wolken den Himmel überzogen, und es zu regnen begann. Er freute sich bereits und lobte die Güte seiner himmlischen Mutter, aber dieses Mal etwas zu früh, denn der Regen hielt kaum eine Viertelstunde an, und die Wolken zerteilten sich wieder. Als er das wahrnahm, wurde er fast traurig, und mit Wehmut im Blick schaute er das Gnadenbild an und fragte: „Warum denn verachtest du, da du doch die Mutter der göttlichen Gnade bist, die Bitten deines Pflegkindes? Indem die Felder eines langen und anhaltenden Regens bedürfen, was können denn einige wenige Tropfen helfen? Eile mit deiner Hilfe, o Maria, und treibe nicht länger mit deinem Philippus Scherz, den du bisher wie einen Sohn geliebt hast!“

 

Nun beklagte sich Maria über den lauen und trägen Sinn des Volkes und sprach vorwurfsvoll und doch vertrauenerweckend: „Warum kommen sie denn nicht selbst, um den Regen zu bitten?“ Daraus ersah Pater Philipp, an wem es fehlte, und er redete noch eindringlicher zum Volk: doch ja recht demütig und bußfertig um Marias Hilfe, und zwar andauernd zu bitten.

 

Ein anderes Mal, als Pater Philipp wiederum auf dem „Schönen-Berg“ um Regen bat, wurde er von Maria gänzlich zurückgewiesen. Kaum hatte er sich auf die Knie niedergelassen und zu beten angefangen, als es ihm vorkam, wie wenn er durch eine unsichtbare Gewalt gehindert würde zu beten, selbst zu reden, und gleichsam als wenn er sagen hörte: „Ich will ihnen heiß machen!“ Daraus schloss er, Maria wolle ihn nicht vergebens beten lassen, da die Strafen der göttlichen Gerechtigkeit vollzogen werden müssten. Wie das sein liebevolles Herz gequält und seinen Eifer entflammt habe, alle zu der aufrichtigsten Buße zu bewegen und fortan zum treuen Dienst Gottes zu begeistern, lässt sich kaum mit Worten ausdrücken.

 

Ein anderes Mal hatte man in einem allgemeinen Andenken auch einen Bittgang auf den „Schönen-Berg“ unternommen. Pater Philipp, den die Not des Volkes stets zumeist drückte, zelebrierte dort das hochheilige Messopfer und wandte sich nach der Beendigung mit dringenden Bitten an Unsere Liebe Frau: sie möchte ihn doch wenigstens dieses Mal nicht zurückweisen. Allein sein beharrliches Gebet schien keine Erhörung zu finden. Darüber wunderte er sich endlich und klagte: „warum Maria, nächst Gott die sicherste Zuflucht in allen Nöten, nicht helfen wolle; sehe sie doch, wie schwer ihre Pflegbefohlenen leiden, wie demütig sie bitten, und“ – fuhr er fort – „opfern wir denn nicht den Sohn, den du begehrt hast?“ Aber wie tief betroffen war er, als er von Maria die Antwort empfing: „Ja, ihr opfert mir meinen Sohn, wie wenn man einer Mutter Fleischstücke eines geschlachteten Rindes vorlegt!“ Diese Auskunft verursachte ihm unsägliche Pein, und er konnte die Gott und Maria zugefügten Beleidigungen nicht genug beweinen. Darum klagte er in den rührendsten Ausdrücken darüber, dass Gott solche Unbilden erfahren müsse. „Derjenige, dem in Ewigkeit nichts schaden kann, der sonst durch nichts gezwungen ist, der gute Gott ist gezwungen, die Wunden zu ertragen, die ihm die Sünder schlagen! Daher rührt alle Marter einer Seele, die Gott wahrhaft liebt, dass derjenige so oft von den Menschen beleidigt wird, den die Seligen im Himmel anbeten und verherrlichen. Eine Seele, die Gott liebt, wird auf dieser Welt beständig gekreuzigt und durchstochen, weil sie den lieben Gott so oft beleidigt sieht! Welche Marter, Gott mit Liebe umfassen zu wollen, und wegen der unzähligen Dornen den Geliebten nicht umfassen zu können! Nicht nur das Haupt, sondern der ganze Christus, der ganze Gott gleichsam, wird von den Sündern mit Dornen umhüllt, die elendiglich die Seele stechen, die den Geliebten umarmen will! Wer aber Christus mit Sünden peinigt, der peinigt auch Maria und macht sie aufs Neue und aufs Kläglichste zur „Mater dolorosa“! Denn ach! Nicht Juden und Heiden kreuzigen Christus mehr, sondern Christen, d.h. die mit seinem kostbaren Blut Erlösten! Christi Blut ist aber der Jungfrau Blut! Christi Schmerz ist darum auch Marias Schmerz!“

 

Außer den eben erzählten Ereignissen sind keine anderen mehr bekannt, die dartäten, dass Pater Philipp noch öfter mit seinen Bitten wäre abgewiesen worden, aber das er oft erhört wurde und viele Gnaden durch Marias Fürbitte bei Gott sei teilhaftig geworden, hat er, der Demütigste der Demütigen, doch selbst eingestanden.

 

Denn als eines Tages die Rede davon war, bekannte er: „Es fehlen mir die Worte, die Größe der Gnaden und Wohltaten anzugeben, die ich von Maria empfangen habe.“ Und fügte bei: „Im Himmel werden wir sehen, welche Wohltaten ich allein von Maria und von unserem Gott erhalten habe. Zwar scheue ich mich, etwas von mir zu sagen und für etwas angesehen zu werden, da ich der größte Sünder auf dieser Welt bin, aber doch sage ich zur Ehre Gottes und der Gottesgebärerin und auf ihr Geheiß im allgemeinen so viel: von der allerseligsten Jungfrau habe ich allein so viele Guttaten erhalten, dass ich mit deren Erzählung ein ganzes Buch schreiben könnte!“

 

(Aus: Leben des P. Philipp Jeningen von Alois Piscalar)

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Die Mehl-Besorgerin

 

Maria Theresia Carolina von Lamourous, genannt die „gute Mutter“, ist die Stifterin und erste Oberin des Hauses der „Frauen vom guten Hirten“ oder der „Barmherzigkeit“ zu Bordeaux in Frankreich, und starb im Ruf der Heiligkeit im Jahr 1836 daselbst.

 

Zu ihr kam eines Tages die Vorsteherin, die das Brot zu besorgen hatte, mit der Bemerkung: dass man nicht mehr so viel Mehl besitze, um für den morgigen Tag das nötige Brot zu backen. Anfangs hatte nämlich Lamourous, so gut sie konnte, das Brot außer dem Haus eingekauft. Wie sie aber sah, dass sich die Zahl der Büßerinnen immer mehr vergrößerte, glaubte sie aus Rücksicht auf die Sparsamkeit das Brot im Haus selbst bereiten zu sollen.

 

Sie redete eben noch mit der Vorsteherin, die sich beklagte, dass sie kein Mehl habe, als man ihr anmeldete: eine junge Person bitte um Aufnahme in das Haus. Lamourous wendete sich an die anderen Vorsteherinnen, die um sie versammelt waren, und sprach:

 

„Wir wollen sehen! Was ist wohl zu tun, meine Kinder? Auf der einen Seite sagt ihr mir: es ist nichts vorhanden, um Brot zu backen für diejenigen, die bereits in dem Haus sind, und auf der anderen Seite kommt eine neue Person, die die Aufnahme begehrt! Soll man diese Person annehmen?, fügte Lamourous hinzu, indem sie die jüngste von den Vorsteherinnen ansah und um ihre Meinung fragte.

 

Sie erwiderte ohne Zögern: man solle die Bittende aufnehmen.

 

„Aber man hat ja kein Brot mehr für die übrigen!“, rief Lamourous aufs Neue aus.

 

Die jüngste Vorsteherin beharrte aber dennoch bei ihrer ersten Meinung.

 

Die übrigen Vorsteherinnen wurden gleichfalls der Reihe nach um Rat gefragt und gaben dieselbe Antwort. Da rief nun Lamourous voller Freude, die ihr so natürlich war, laut auf: „Nun gut, meine Kinder, das ist schön, ich erkenne jetzt in euch den Geist eurer Mutter! Umarmt mich, ihr seid wahrhaft meine Töchter!“

 

Die neue Ankömmlingin wurde sogleich in das Haus aufgenommen. Lamourous fuhr aber fort und sagte: „Man muss ihr aber einen Namen geben. Wir wollen erwägen, wie wir sie nennen! Da ich mich entschloss, sie aufzunehmen, so erweckte ich bei mir selbst einen Akt des Glaubens an die göttliche Vorsehung, ebenso einen Akt der Hoffnung auf die göttliche Hilfe, und ich wirkte ja einen Akt der Liebe, da ich die unglückliche Person der Straße entzog. Demnach wäre Glaube, Hoffnung und Liebe in dieser einen Handlung vereint, und das sind die drei theologischen Tugenden. Nun denn, so wollen wir sie die Theologin nennen!“ Und sie behielt diesen Namen.

 

Lamourous fuhr fort und sagte: „Nachdem wir dieser Person einen Namen gegeben haben, so wollen wir wieder zu unserem Anliegen zurückkommen. Sie sprachen mit mir vom Mehl, und sie glauben, dass wir für morgen nicht mehr genug haben. Aber sucht ihr denn auch fleißig alles zusammen, meine Kinder? Denn die Armen suchen ja alles fleißig zusammen! Gut, lasst mich aber erst noch dieses Buch durchsehen!“ Sie zeigte da ein Buch, das so viele verschiedene Gebete an die allerseligste Jungfrau Maria in sich enthielt, als Tage im Jahr sind. Das Gebet, das gerade auf diesen Tag passte, lautete indessen so: „O mächtigste Jungfrau Maria, bring uns Hilfe in der äußersten Not! Bitte für uns!“

 

„Wohlan“, sagte sie darauf zu zwei von ihr bezeichneten Vorsteherinnen, „geht hin zur Getreidekammer und sammelt alles Mehl, dass ihr finden könnt, fleißig zusammen. Wenn ihr aber dahin geht, dann betet auf dem ganzen Weg beständig und andächtig: „O mächtigste Jungfrau Maria, bring uns Hilfe in der äußersten Not! Bitte für uns!“

 

Man befolgte genau und sammelte auch das Mehl, so viel man finden konnte, ganz nach dem Befehl der Oberin. Und siehe, es war die notwendige Menge Mehl vorhanden. Die beiden Vorsteherinnen waren vor Erstaunen ganz außer sich und kamen in größter Eile, der Lamourous die Nachricht zu bringen. Die demütige Frau gab sich aber das Ansehen, als erblicke sie hierin ein ganz schlichtes Ereignis, indem ja Maria jedem helfe, der kindlich ergeben sie um ihre Hilfe anflehe.

 

(Aus: Leben der M. Th. C. Lamourous von M. Pouget)

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Das letzte Zwölfkreuzerstück

 

Anna, die Ehefrau des Sebastian Manzl aus dem Brixental in Tirol, der im Jahr 1814 in die Ewigkeit ging, pflegte mit besonderer Vorliebe folgendes, als die Ursache ihres neuaufblühenden häuslichen Wohlstandes zu bezeichnen.

 

Zu der Zeit, als ihr Mann noch in der Gefangenschaft Bayerns sich befand, das mit dem Kaiser Napoleon im Bunde war, geriet Anna oft in peinliche Geldverlegenheit. Einmal fiel ihr der Jammer besonders schwer aufs Herz und trostlos nahm sie ihre gewohnte Zuflucht hinaus zu der Feldkapelle am Weg, der über den kleinen Abhang in den Talgrund führt. Dort klagte sie dem Herrn im Elend und der schmerzhaften Mutter, als stünden beide lebendig vor ihr, die ganze Not, zeigte ihnen das Zwölfkreuzerstück, das ihr ganzer Vorrat wäre, fing dann an zu weinen und ließ unter den Worten: „Nehmt ihr mein letztes!“ die Silbermünze in den Opferkasten fallen und stammelte schluchzend: „Nun helft Ihr!“

 

Von dieser Stunde an sei, zu ihrer freudigsten Überraschung der zeitliche Segen wiedergekehrt, die Barschaft sei ihr von dort an niemals mehr ausgegangen, wohl aber sei alles besser gediehen, so dass die Schulden bezahlt wurden und keine Not mehr im Haus war.

 

(Aus: Die Manharter von Alois Flir)

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