Marien-Sinn

 

Kein Geringerer als der Erfurter Mönch und Priester Martin Luther, der immerhin in Rom auf den Knien noch die "Heilige Stiege" erklommen hat, um den einen oder anderen seiner verstorbenen Angehörigen oder Freunden aus dem Fegfeuer zu befreien, hat noch in den Anfängen seines reformatorischen Auftretens das Lob der Gottesmutter gesungen, als er unter Heranziehung des Magnifikat dem jungen Herzog Johann Friedrich von Sachsen eine Mahnung, wie er gottgefällig regieren könne, schrieb: "Es ist kein unbilliger Brauch, dass in allen Kirchen dies Lied täglich in der Vesper, dazu mit besonderer ziemlicher Weise vor anderem Gesang gesungen werde. Diese selbige zarte Mutter Gottes wolle mir erwerben den Geist, diesen ihren Gesang nützlich und gründlich auszulegen." Wie innig und gemütvoll - in einem noch aufrichtigen Marien-Sinn - er das dann tat, wird gerade der mariengläubige Katholik mit Nutzen nachlesen. "Die hochgebenedeite Mutter Gottes", so redet er den jungen Fürsten an, "singet fürwahr hierin aufs allerlieblichste von der Gottesfurcht und was Gott für ein Herr sei, besonders welches sein Werk sei in hohen und niedrigen Ständen. Lass einen andern seiner Metze zuhören, die da ein weltlich Lied singt; ein Fürst und Herr höret billig dieser züchtigen Jungfrau zu, die ihm ein reines geistliches Lied singt."

So war trotz des eintretenden schrecklichen Bildersturms, der so viele herrliche Marienaltäre und -bilder in deutschen Landen zerstörte und damit unendlich viel Leid und Tränen hervorbrachte, die Volksseele in der Tiefe mittelalterlich-mariengläubig. Und selbst im calvinischen England war die Marien- und Heiligenverehrung nicht zu verdrängen, obschon Calvin, der abgefallene katholische Priester, gerade die Marienverehrung als abscheulichen Götzendienst schmähte, die Heiligenlegenden zu Heiligenlügen stempelte und Königin Elisabeth und ihre Nachfolger diese Verehrung verboten. Der eigentliche innere Abfall von Maria wurde in Deutschland erst Tatsache, als der theologische Einfluss Calvins auf den lutherischen Protestantismus stärker hervortrat. Von da an begegnet uns die von Luther gepriesene "Gottesmutter" des Magnifikat im Rahmen der neuen Lehre nicht mehr.

Lassen wir den reformierten Theologen, Pfarrer und Schriftsteller Walter Nigg zum Stichwort "Bildersturm" zu Wort kommen, der in seinem Buch "Vom beispielhaften Leben" über "Die einsam dastehende Maria-Figur" nachdenkt:

 

"Seltsam, höchst seltsam ist der Eindruck, wenn man eine moderne Betonkirche betritt. Kahle Wände starren dem Besucher entgegen, und der nackte Stein verursacht beinahe ein seelisches Frösteln. Für den Erbauer scheint der Lichteinfall oft das einzige Problem gewesen zu sein, das ihn interessierte. Von Geborgenheit ist in den nüchternen Mauern nicht viel zu spüren, dazu sind sie zu kühl. Der rationale Eindruck lässt nicht die geringste mystische Atmosphäre aufkommen, die man oft in den kleinen romanischen Kirchen empfindet, in denen man unwillkürlich an die Worte denkt: "Mein Name soll daselbst wohnen." An die Stelle des Bewußtseins der unsichtbaren Gegenwart Gottes ist im modernen Raum eine Sachlichkeit getreten, die jedes Gefühl für das sakrale Geheimnis ausschließt.

In einer Ecke, etwas abseits vom Altar, steht gewöhnlich noch eine einsame Maria-Figur. Sie scheint allein übriggeblieben zu sein. Von den Heiligen nimmt man keine Spur mehr wahr. Sie sind dem blindwütigen Bildersturm zum Opfer gefallen. Nur Maria hat ihn überstanden.

Die Leere, die den Besucher einer Betonkirche entgegengähnt, veranlasst uns, in einer Bank Platz zu nehmen und über die einsam dastehende Maria-Figur nachzudenken. Hat sie wirklich allein den Kahlschlag überstanden? Wagte man es nicht, sie ebenfalls zu entfernen, weil sie vielleicht in der Kirche eine zu bedeutsame Stellung einnimmt? Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie stillschweigend hinausgetragen wird, weil angeblich das Bild vom zornigen Gott sich in den liebenden Vater gewandelt hat, so dass sich jetzt die Marienverehrung erübrigt? Ist die Wahrnehmung richtig, dass man nur noch ganz selten eine Marienpredigt zu hören bekommt? Hat man nicht auch in der Liturgie Veränderungen vorgenommen, aufgrund deren es fraglich ist, ob nun die heilige Jungfrau während des Gottesdienstes anwesend ist? Was bedeutet mir persönlich Maria? Unsere Meditation beginnt mit all diesen Fragen, und es ist angebracht, lange nachzudenken, weil sich gar viele Gesichtspunkte darbieten und nur alle zusammen eine Antwort ermöglichen . . .

Wenn die Christenheit auf das Marianische verzichtet, so wird sie zu einer ausschließlichen Männerkirche, in der Intellekt, Wille und Tatkraft den Ausschlag geben. Dann wird es wohl in ihrem Raum noch kälter, genau wie in einer Wohnstube, in der die Seele fehlt, nachdem die Mutter des Hauses gestorben ist. Wenn die Liebe und die Wärme bleiben sollen, dann dürfen wir das weiblich-mütterliche Element nicht preisgeben, das in Marias Ja zur Engelsbotschaft den strahlenden Ausdruck findet. Es ist durchaus notwendig, dass wir eine Kirche bleiben, in der Männer und Frauen sich geborgen fühlen und ehrfürchtig zu dem marianischen Gefäß aufblicken, in dem Gott Wohnung nahm.

Ich schließe mit einer Anekdote. Mein Namenspatron, der heilige Walter, war im elften Jahrhundert ein benediktinischer Abt in Cluny, der sich seiner Wahl aus Bescheidenheit durch Flucht zu entziehen versuchte. Es soll jetzt nicht das Leben dieses Heiligen erzählt, sondern nur eine Begebenheit daraus erwähnt werden. Einmal wurde dem Abt eine Marien-Erscheinung zuteil. Am darauffolgenden Tag zweifelte Walter ernstlich, ob Maria ihm auch wirklich erschienen sei oder ob er es sich bloß eingebildet habe - ein typisch männliches Verhalten! Da erschien ihm Maria zum zweiten Mal. Diesmal aber gab sie ihm um seiner Zweifelssucht willen eine schallende Ohrfeige. Diese war so heftig, dass man ihre Spuren noch tagelang auf seiner Wange feststellte, was von seinen Mitbrüdern auch eifrig bemerkt wurde. Mit dieser Tat offenbart sich Maria von einer neuen, uns gänzlich ungewohnten Seite: die kämpferische Jungfrau ist nicht weniger eindrücklich als die süße Mutter. Der Backenstreich aus der Legende des heiligen Walter hat für uns die Bedeutung eines Zeichens. Treiben wir es nicht zu weit mit der einsam dastehenden Maria-Figur. Wenn wir weiter so unbekümmert an Maria vorübergehen, könnte es unerwartet eine neue Ohrfeige von anderem Ausmaß absetzen. Ohne Bild gesprochen, es könnte die Christenheit ein Schlag treffen, der die Form einer Katastrophe, eines Zusammenbruchs, einer Heimsuchung annimmt. Der Anfang ist in der sich ausbreitenden Verwirrung im Raum der Kirche schon zu erkennen.

Ich möchte meine Ausführungen jedoch nicht mit einer Drohung schließen, da es mir um die Liebe zu Maria geht. Wir erheben uns deshalb von der Kirchenbank, treten wieder in das helle Tageslicht hinaus und nehmen Marias Bild im Herzen mit uns, indem wir beglückt leise die Verse von Novalis vor uns hinsprechen:

 

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.

 

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mit ewig im Gemüte steht."

 

Von der Verehrung der heiligsten Jungfrau ist auf jeden Fall zu sagen, dass sie von den verschiedenen Wellen der Frömmigkeit, die in der Geschichte der Kirche wahrnehmbar wurden, nicht betroffen oder gemindert wurde. Mochte ein Heiliger noch so volkstümlich werden: über ihm und über allen anderen Heiligen wurde stets der Gottesmutter die größere Ehre und das vollkommenere Vertrauen zuteil, in den Offenbarungen, Legenden, Wallfahrten, in der bildenden und redenden Kunst, so sehr sogar, dass man immer wieder Veranlassung hatte, Anzüglichkeiten über die angebliche Anbetung Marias in der katholischen Kirche in die Schranken zu verweisen. Wer beispielsweise die Tiefe des mittelalterlichen Denkens, Empfindens und des damit verbundenen "Marien-Sinnes" kennen lernen will, dem wird dies erschlossen aus der Innigkeit gerade der Marienbilder, -gebete und -lieder, die ein Hauch aus der anderen Welt umschwebt.

Matthias Hergert

 

 

Eine Verehrerin der unbefleckten Empfängnis Marias

 

Margaritta Bichi, geboren 1480 und stammend aus dem uralten und edlen Geschlecht der Bichi zu Siena in der Toskana, erhielt von ihren gottesfürchtigen Eltern eine wahrhaft christliche Erziehung, und wurde frühzeitig mit dem vornehmen und reichen Franziskus Bosigeori vermählt. Sie stand nun ihrem Hauswesen mit aller Umsicht und Klugheit vor und wurde ihren Untergebenen ein Muster echter Frömmigkeit, indem sie alle Prunksucht vermied, fleißig dem Gebet oblag, sich der Demut und anderer Tugenden befliss, die Gelegenheit zum Üben guter Werke nie unbenützt vorübergehen ließ, und sehr oft und mit großer Andacht und Auferbauung die heiligen Sakramente empfing.

 

Unter all ihren guten Eigenschaften leuchtete ganz besonders ihre Andacht zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria hervor. Und da war es gerade das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis, das sie öfter mit Ehrfurcht und Dankbarkeit erwog und ihre Hingebung an Maria noch mehr festigte, so dass sie aus dem innersten Herzen und mit dem innigsten Ausdruck der Andacht die Grußworte des Erzengels Gabriel aussprach: „Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“

 

Oft las sie den auf Pergamentblätter gar schön geschriebenen Traktat über die unbefleckte Empfängnis, dessen ungenannter Verfasser im 12. Jahrhundert lebte, und worin unter anderem folgende Begrüßungen vorkommen:

 

„O selige Jungfrau Maria, Mutter meines Herrn, Königin der Engel, Krone der Heiligen, Ehre unseres Geschlechtes! Herrliches ist von dir gesagt durch den Mund der Propheten, Großes hat an dir getan der Allmächtige, Erhabenes denken von dir, alles Höchste glauben von dir deine Diener und Dienerinnen, die Kinder der katholischen Kirche! Wir glauben, o heilige Gottesgebärerin, dass bei dir der Anfang dem Ende entspricht! Und da wir wissen, dass du über alle Ordnungen der Heiligen und aller Chöre der Engel erhaben bist, glauben wir auch, dass du in dem Augenblick deiner Erschaffung mit der Gnade Gottes erfüllt worden seist! Wir wissen, dass Jeremias, weil er ein Prophet unter den Völkern sein sollte, im Mutterleib geheiligt worden ist, wir haben gehört, dass Johannes, der Vorläufer des Herrn, im Schoß der Mutter mit dem Heiligen Geist erfüllt worden ist: wie könnte also jemand es auszusprechen wagen, dass du, die Mutter des Erlösers, die Vermittlerin unseres ewigen Heils, im ersten Augenblick deiner Empfängnis der Gnade des Heiligen Geistes beraubt gewesen seiest! Es ist wahr, dass du aus dem sündigen Geschlecht des alten Adam geboren worden bist. Aber wenn Gott der Rose verleihen konnte, dass sie aus den stechenden Dornen ohne Dornen hervorsprosse, wie konnte es denn dem Sohn Gottes unmöglich sein, in dir, seiner Mutter, zu bewirken, dass du, obgleich empfangen zwischen den Dornen der Sünde, dennoch gänzlich von ihren Stacheln unberührt bliebest? Gewiss konnte er es, und er wollte es, und weil er es wollte, tat er es!

 

Denn war es wohl geziemend, o Mutter Gottes, dass du in deiner Empfängnis dem allgemeinen Gesetz der Sünde unterworfen würdest? Nichts ist dir gleich, o Königin, nichts ist dir an die Seite zu stellen! Denn alles, was ist, ist entweder über dir oder unter dir! Was über dir ist, ist Gott allein, was unter dir ist, ist alles, was Gott nicht ist! Von dir also, o Königin, die die göttliche Macht zu einer solchen Höhe vorherbestimmt und erhoben hat, von dir, die die alles ordnende Weisheit mit so vielen Vorzügen ausgestattet hat, von dir, die die unermessliche und ewige Güte sich zur Mutter auserwählt hat: von dir sollte ich es glauben, dass du bei deiner Empfängnis dem Tod der Sünde, der durch den Neid des Teufels in die Welt gekommen ist, habest unterliegen müssen? Meine Seele schreckt davor zurück, mein Wille entsetzt sich, meine Zunge wagt es nicht auszusprechen! Ich, o süße Königin, ich dein geringer Diener weiß, glaube und bekenne, dass du aus der Wurzel Jesse ohne alle Makel der Sünde gesprosst und aus dem verdorbenen Stamm Adams ganz frei von aller Verderbnis der Schuld hervorgegangen bist! Und durch diese deine ausgezeichnete Reinheit, durch diese Gnade der ursprünglichen Gerechtigkeit – bitte ich dich: dränge mich hin zur Liebe deiner Schönheit, ziehe mich hin zum Verlangen deiner Heiligkeit! Gib mir eine reine Seele, ein unbeflecktes Herz, einen keuschen Leib, einen guten Geist, damit ich meine fromme Andacht zu dir in meinen Sitten und Begierden bewähre, und so verdiene, zum Anteil an deiner Seligkeit zu gelangen – dort, wo du zur Rechten deines Sohnes glorreich thronst in alle Ewigkeit! Amen.“

 

Diese Gebetsübung blieb Margarittas Seelenerquickung auf Weg und Steg und bildete sie zu einem wahrhaften Marienkind heran.

 

Überaus gnadenvoll ist das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis Marias. Aber für diese wunderbare Bevorzugung wurde ihr auch durch Gottes unerforschlichen Ratschluss, gleichsam als ob sie persönlich dieselbe abverdienen sollte, hienieden ihres Sohnes Kreuzweg als ihr Weg bestimmt. Ihr Weg war darum nur ein Dornen- und ein Tränen-Weg bis hinauf zum Kreuz auf Golgatha!

 

Und wie nun Margaretta Bichi innig und überall das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis der Mutter des Herrn verehrte. So gestaltete sich auch für sie, gleichsam zum Lohn für diesen Dienst des Glaubens und der Andacht – der Lebensgang zu einem Leidensgang, denn die tiefdunkle Karfreitagsnacht, mit der schmerzhaften Muttergottes unterm Kreuz durchwacht, führt allein den frommen Dulder dereinst in die Ostersonnenpracht! Die Heilige Schrift bekundet dazu noch: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er!“ Diese Züchtigung kam schwer über Margaritta, denn böse Zungen tasteten ihre Ehre an, und wussten ihren Gemahl in solcher Weise zu betören, dass er den Verleumdungen Glauben schenkte, seine Gemahlin hart behandelte, und einzig auf den Verdacht hin, „sie sei ihm untreu gewesen“, sie mit Ketten gefesselt in einen tiefen Kerker werfen ließ. Diese Schmach und ungerechte Erniedrigung duldete sie jedoch mit Sanftmut und Ergebung in den Willen Gottes. Den Hinblick auf die unbefleckt empfangene Jungfrau, die, obgleich so schuldlos, doch zur „mater dolorosa“ geworden ist, gab ihr eine solche Stärke, dass ihre Liebe für ihren Gatten nicht ausgelöscht wurde. Im Gegenteil betrauerte sie, nachdem ihre Unschuld an den Tag gekommen war, aufrichtig seinen bald darauf erfolgten Tod, gedachte nie mehr der von ihm ihr zugefügten Leiden, und empfahl seine Seele fort und fort durch die Fürbitte Marias dem Erbarmen Gottes.

 

Der Tod ihres Gatten löste jedes Band, durch das Margaritta noch mit der Welt verbunden war. Darum schaffte sie auch sogleich das große Hauswesen, das sie bisher geführt hatte, ab, und bezog mit zwei Mägden eine kleine, bescheidene Wohnung, um da mit mehr Ruhe und Sammlung des Geistes ihre frommen Übungen, dem treuen Dienst Jesu und Marias, sich widmen zu können. Zu diesem Zweck trat sie in den dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi, besonders, da zu Siena mehrere Personen, die in ihm zur Heiligkeit gelangten, noch im frischen Andenken gewesen sind. Obgleich Margaritta in Folge der harten Behandlungen, die sie von ihrem Mann erlitten hatte, an einer unheilbaren abzehrenden Krankheit litt, so blieb sie doch stets heiteren Sinnes und zeigte ein fröhliches Antlitz – ein sicheres Zeichen, dass der Gottes- und Marien-Friede in ihrem Herzen wohne. Allein ihre andauernde Krankheit hielt sie nicht im Mindesten ab, sich, weil sie Christus und Maria auf dem Kreuzweg treu nachfolgen wollte, die schwersten Bußwerke aufzulegen. Ihr Wandel erwies sich überhaupt als so rein, fromm und hehr, dass sie von allen als eine „Heilige“ verehrt wurde. Gott selbst offenbarte sein Wohlgefallen an ihr, indem er ihr die Gabe der Weissagung verlieh.

 

Diese Gabe der Weissagung bewährte sich auch in wundersamer Weise bei folgender Veranlassung:

 

Ihr Vetter Galgano Bichi regierte nebst anderen acht Edelleuten über Siena, jedoch in so beklagenswerter Art, dass sie, anstatt das öffentliche Wohl zu fördern, ihre Mitbürger vielmehr unterdrückten. Margaritta hatte ihm deswegen oft Vorhaltungen gemacht und ihn gebeten, sich von der Regierung zurückzuziehen, indem sie ihm die kommenden Ereignisse vorherverkündigte; aber fruchtlos!

 

Da geschah endlich, was sie verheißen hatte. Die Bevölkerung erhob sich gegen ihre Unterdrücker, verjagte sie nach einem blutigen Gefecht, und stellte die Stadt unter den Schutz des Kaisers Carl V.

 

Die Vertriebenen wandten sich nun um Beistand an Frankreich, England und die italienischen Fürsten, die dem Kaiser feindlich gegenüberstanden, und es gelang ihnen auch wirklich, mit einer Heeresmacht von zehntausend Mann, nebst vierzehn Geschützen, vor die Stadt zu rücken und sie einzuschließen.

 

In dieser Bedrängnis wendete sich der Rat an Margaritta um ihre Fürsprache bei Gott, damit durch ihr Gebet diese große Gefahr abgewendet werden möge. Und sie erklärte auch, ihre Bitten mit dem allgemeinen Flehen um Hilfe vereinigen zu wollen. Nur ließ sie den Vätern der Stadt durch ihren Beichtvater eröffnen: „dass Gott über die Einwohner der Stadt – wegen ihrer Sünden – gar sehr erzürnt sei, und dass sie auf die erfolgreiche Fürbitte der unbefleckt empfangenen und allerseligsten Jungfrau Maria vor dem göttlichen Thron nur dann mit Zuversicht bauen könnten, wenn sie für ihre Missetaten und besonders die vielfachen Gotteslästerungen öffentlich Buße tun, beten und fasten, und nach dem würdigen Empfang der heiligen Sakramente vertrauensvoll auf die Fürsprache der gebenedeiten Gottesmutter den Feind herzhaft angreifen würden.“

 

Dies geschah denn auch – und unter Anrufung der heiligen Namen Jesus und Maria, der unbefleckt Empfangenen, stürzten sich die Bürger im Ausfall auf den Feind, überraschten ihn, und brachten ihn so in Verwirrung, dass er, mit Zurücklassung aller Geschütze, Wagen und des gesamten Gepäcks, sein Heil in wilder Flucht suchte.

 

Voll inniger Dankbarkeit wendeten sich, nach der so glorreich abgewendeten Gefahr, die Einwohner von Siena an die allerseligste Jungfrau Maria, deren allesvermögender Fürbitte allein man diesen wunderbaren Sieg zuschrieb. Und es wurde feierlich beschlossen und angelobt: „alljährlich den 25. Juli, als den Gedächtnistag dieses Ereignisses, nebst den zwei darauffolgenden Tagen, festlich zu begehen, und in allen Kirchen der Stadt das heilige Messopfer zur Ehre der unbefleckten Empfängnis der gebenedeiten Gottesmutter dem himmlischen Vater dankbar darzubringen.“

 

Während so die ganze Stadt jubelte und frohlockte, , hielt sich die gottselige Margaritta in ihrer Einsamkeit zurückgezogen und lehnte in Demut alle Ehrenbezeugungen ab, indem sie selbst ja nichts sei, und Gott und Maria allein die Ehre und die Danksagung gebühre.

 

In solchem demütigen Still-Leben verharrte Margaritta bis an ihr Ende, und pflegte ganz besonders des Mariendienstes und suchte sorgsam ihn überall mehr und mehr zu verbreiten. Sie besuchte in dem stets dazu erflehten Geleit Jesu und Marias die Spitäler, tröstete die Kranken und stand allen Hilfsbedürftigen mit solcher Jesusliebe und mit solcher Marienmilde bei, dass sie wahrhaft den Namen: „Mutter der Armen und Kranken“ verdiente.

 

Als sie von einer tödlichen Krankheit befallen wurde und ihr Ende herannahen fühlte, empfing sie voll inbrünstiger Andacht die heiligen Sakramente und bestimmte ihre letztwilligen Anordnungen. Sie ließ deshalb hinter dem Chor in der Kirche eine alte Kapelle der Minder-Brüder-Conventualen unter dem Titel der unbefleckten Empfängnis Mariä erneuern, und machte aus ihrem Vermögen eine Stiftung, damit in der besagten Kapelle alljährlich dieses Geheimnis feierlich verehrt werde.

 

Ihre letzten Lebenstage verflossen in liebevollem Seufzen zu Gott und der gebenedeiten Gottesmutter, bis der herannahende Tod endlich ihr Sehnen erfüllte und ihr heiliger Schutzengel sie aus der Fremde hinüberleitete in die rechte Heimat – zu Jesus und Maria.

 

Sie starb im Jahr 1535 und wurde vor dem Altar in der genannten Kapelle begraben.

 

(Nach: Seraphischer Sternenhimmel von P. F. H. Born)

 

 

Ein eifriger Verehrer der unbefleckten Empfängnis Marias

 

Kaiser Ferdinand III., dem Sinn und Wandel nach ein echter geistlicher Sohn der heiligen Muttergottes, hatte namentlich auch durch sein eigenes Beispiel stets das Volk zur Verehrung des Geheimnisses der unbefleckten Empfängnis Marias freudigst aufzumuntern gesucht. Im Jahr 1647 ließ er zu Wien auf dem großen Stadtplatz „am Hof“ die eherne Säule zu Ehren der unbefleckt empfangenen Jungfrau aufstellen, und befahl, dass alle seine Nachfolger jedes Jahr am 8. Dezember, dem Festtag der Empfängnis Marias, im Dom zu St. Stephan die Verteidigung derselben feierlich und eidlich versprechen sollen.

 

Am 19. Januar 1649 erließ er ein Dekret an die Universität, das ausschließlich die „unbefleckte Empfängnis, immaculata conceptio“, zum Gegenstand hatte und die Lehranstalt zur Beförderung dieser kirchlichen Angelegenheit aufforderte.

 

„Von dem lebhaften Wunsch beseelt“, heißt es darin unter anderem, „dass die Verehrung der unbefleckten Empfängnis Marias immer weitere Fortschritte mache, und damit nicht die Verschiedenheit der Meinungen, der Widerstand der Ansichten bei der unerfahrenen Menge Verwirrung und Spaltung der Gemüter verursache, wollen Wir, dass unsere Universität zu Wien, welche allgemein als die Mutter einer gesunden und rechtschaffenen Doktrin anerkannt wird, ein immerwährendes Statut errichten, das alljährlich bei der Einsetzung der akademischen Würdenträger erneut und eidlich bekräftigt werden soll. Danach soll niemand an dieser österreichischen Hochschule zur Verwaltung eines akademischen Amtes oder zu einem literarischen Grad aus irgendwelcher Fakultät zugelassen, noch ein an anderen Universitäten Promovierter aufgenommen werden, wenn er nicht vorher durch einen heiligen Eid angelobe: dass er, bis es vom Heiligen Stuhl anders bestimmt wurde, öffentlich und privatim glauben wolle an die unbefleckte Empfängnis der Mutter Gottes; dass er ferner diese selbe Meinung nicht bloß in öffentlichen Versammlungen, in öffentlichen Vorlesungen und bei anderen öffentlichen Handlungen verfechten, sondern auch privatim durch Wort und Schrift im Diskurs nichts Gegenteiliges behaupten werde.“

 

Das Dekret enthält dann die Aufforderung an den Rektor und das Konsistorium, so schnell als möglich das betreffende Statut nach der vorgeschriebenen Idee festzustellen, den Fakultäten und Nationen, den Dekanen, Prokuratoren, sowie allen Doktoren, Magistern, Lizentiaten, Baccalauren, sämtlichen Mitgliedern und Untertanen der Universität den Eid nach einer bestimmten Formel abzunehmen und diese Zeremonie alljährlich zu wiederholen. Endlich werden alle kirchlichen Feierlichkeiten und Zeremonien vorgeschrieben, welche jedes Jahr am Tag der Empfängnis zu halten seien.

 

Die erste Angelobung sollte bald nach dem Erlass dieses Mandats und zwar am Fest Mariä Verkündigung, 25. März, stattfinden. Unvorhergesehene und unerwartete Hindernisse verzögerten aber die Ausführung.

 

Der Kaiser, obwohl eben in Pressburg durch den ungarischen Reichstag genügend beschäftigt, vergaß seine religiösen Pflichten nicht und schickte am 11. April den strengsten Auftrag nach Wien, die Feierlichkeit unwiderruflich am St. Georgi-Fest, 24. April, vorzunehmen und zwar mit dem Aufwand aller akademischen Pracht.

 

Ferdinands Entschiedenheit belebte die Frommen zu neuem Eifer und ermutigte die bisher Zaghaften. Man einigte sich über das Vorgehen in dieser Sache; wenn gleich auch dieses Mal erst später, als es der Kaiser verlangt hatte. P. Zacharias Trinkel aus der Gesellschaft Jesu, Dekan der theologischen Fakultät, war der Mittler zwischen Sr. Majestät und der Hochschule. Er sollte den Kaiser zur Feier einladen. Mit außerordentlichem Wohlwollen wurde der Ordenspriester im Hoflager zu Pressburg empfangen. Alsbald erfolgte die Bestätigung des akademischen Beschlusses, der Monarch bestimmte den Tag zur Eidesleistung und versprach das Fest durch seine Gegenwart zu verherrlichen.

 

Wie unter Kaiser Ferdinand I. niemand zu einem akademischen Grad, Amt oder zur Vorlesung zugelassen wurde, der nicht Mitglied der katholischen Kirche war, so wurde durch dieses neue Statut jedermann davon ausgeschlossen, der nicht auch die „unbefleckte Empfängnis Marias“ bekannte. Dieser neue Eid musste bei jeder Promotion, und zwar unmittelbar nach dem Glaubensbekenntnis aus der Zeit Ferdinands I. und Rudolphs II., abgelegt werden. Es wurde folgende Formel für jeden Kandidaten festgesetzt:

 

„Ich, N.N., verspreche, gelobe und schwöre, dass ich nach den Vorschriften der Päpste Paul V. und Gregor XV. öffentlich und privatim glauben und behaupten will: die allerseligste Jungfrau Maria sei ohne Makel der Erbsünde empfangen worden, so lange, bis es vom Heiligen Stuhl anders bestimmt sein wird. So wahr mir Gott helfe, und dieses heilige Evangelium Gottes!“

 

Am Sonntag nach dem hochheiligen Fronleichnamsfest fand endlich die Beeidigung der gesamten Hochschule mit allem erdenklichen Pomp statt, „wie es bis zu jenem Tag noch nicht war gesehen worden“.

 

Der feierliche Tag brach an in Klarheit und Heiterkeit. Um sechs Uhr morgens kamen auf Befehl des Rector Magnificus alle Mitglieder der Hochschule im Universitätsgebäude zusammen. Von da aus begab sich der lange Zug zum Gebäude der Jesuiten am Hof, begleitet von einer Schar Väter aus der Gesellschaft Jesu, die eben zu einer Provinzialversammlung desselben Ordens in großer Anzahl zu Wien anwesend waren.

 

Nachdem der Kaiser mit dem ganzen Hofstaat angelangt war, begann der Jesuit P. Leonhard Bachini, Beichtvater der Kaiserin, die Festrede, worin er den Zusammenhang des allerheiligsten Altarsakramentes mit der unbefleckten Empfängnis der heiligen Mutter Gottes darstellte.

 

Kaum hatte der Prediger seinen glänzenden Vortrag beendet, so trat der Universitätskanzler zum Altar, legte die Finger auf das Evangelienbuch und leistete den Eid. Ihm folgte der Rector Magnificus, Dr. Wilhelm Mannagetta, der Superintendent und Rector des Jesuiten-Collegiums mit den Dekanen der vier Fakultäten und schworen beim Evangelienbuch, das ihnen der Kanzler vorhielt, den gleichen Eid, zuerst für sich, dann im Namen der ihrigen. Die ganze Universität war anwesend und lag auf den Knien. Der hochherzige Kaiser sah aus einem Fenster von oben herab der erhebenden Feier zu. Nach Vollendung derselben begann eine große Prozession mit dem Allerheiligsten.

 

Zum Schluss wurde sämtlichen Doktoren aus jeder Fakultät der Eid abgenommen. Er wurde in der Folgezeit auf alle landesfürstlichen Beamten, ja selbst auf die Armee ausgedehnt.

 

 (Aus: Zur Geschichte der Wiener Universität)

 

 

Keimlegung zu einem berühmten Marien-Prediger

 

Juan de Avila, der Apostel von Andalusien, wurde im Jahr 1500 zu Almodovar del Campo im Bistum Toledo geboren. Sein Vater war Alonso de Avila, seine Mutter Catalina Gijon.

 

Die fromme Mutter, die eine weite Wallfahrt nach dem einsamen Wallfahrtskirchlein der heiligen Brigitta, im öden Gebirg, unternommen, und sich auf die Fürbitte der Heiligen, den geliebten Knaben erfleht hatte, senkte sorgsam in sein zartes Herz die Keime der Frömmigkeit. Besonders war es die Liebe zur heiligen Muttergottes, die sie dem an Geistesgaben so reichen Kind einzuhauchen versuchte. Und immer spiegelte sich dies in seinem späteren geistigen Schaffen ab, denn jene Himmelsklänge, die das kindliche Herz berühren, klingen gleich einer Aeolsharfe (auch Geister-, Wind- oder Wetterharfe genannt) süß und hehr im ganzen Leben wieder.

 

Die Mutter führte eines Tages den aufblühenden Knaben auch nach dem von ihr inniggeliebten Wallfahrtskirchlein der heiligen Brigitta. Als sie an das moosbedeckte Gnadenkirchlein – mit der Zelle eines frommen Einsiedlers – gekommen waren, da duftete vor dem Fenster des Einsiedlers ein Blümlein, so andächtig geneigt und sinnend. Und eben läutete – beim dämmernden Abend – das Ave Maria. „Sieh mein Kind“, sprach die Mutter erbaulich sanft, „das Blümlein heißt Ave! O lass auch du dein ganzes Leben der heiligen Muttergottes ein hehres Ave sein!“

 

Aus diesem wunderbar lieblichen Samenkorn des Unterrichts, das Catalina in das Herz ihres Kindes eingesenkt, und das sie mit den tausend und aber tausend Bitten der lautersten Mutterliebe unter den Schutz und Schirm Marias gestellt hatte, erschlossen sich die so duftreichen Blüten seiner Marien-Predigten, worin er die Heiligste der Heiligen auf eine so zarte Weise feierte und verherrlichte.

 

Da legte er jetzt so sinnreich dar, wie bei der unbefleckten Empfängnis Marias die Engel erstaunten, und wie sie, während alle Menschenkinder in der Gefangenschaft der Erbsünde seufzten, allein in Freiheit sich erging. Dann schildert er auch den Jubel der allerheiligsten Dreifaltigkeit über ihre Geburt.

 

Jetzt schildert er so lieblich das Schweigen Marias, ihre Demut beim Gruß des Engels, ihren heldenmütigen Glauben und ihre kindliche Ergebung in den Willen Gottes. Dann das Frohlocken ihrer Seele, als die drei Könige aus dem Morgenland, in Anbetung vor dem Gotteskind kniend, ihre Gaben darbrachten. Dann ihr Entzücken bei der Auferstehung ihres Sohnes, - nachdem er kurz zuvor die Schmerzensreiche unterm Kreuz gezeigt und allen Augen Tränen, und allen Lippen Seufzer des Mitleids entlockt hatte.

 

Jetzt führte er Maria vor das Auge der tiefgerührten Zuhörer als den Garten der himmlischen Freuden; als die Platane an der Straße des Lebens, dass sie den Wanderern Schatten gewähre; dann als die alleranmutigste Rose, die ähnlich dem Orangenbaum Blüte und Frucht trägt; dann als das geistige Paradies, das Gott für den zweiten Adam bereitete; dann als den Zufluchtsort der schwer Versuchten und den Tempel der Gnade für alle bußfertigen Sünder.

 

Jetzt zeigte er, wie Maria für ihren göttlichen Sohn am Kreuz eine duftende Lilie gewesen ist, dagegen die Seelen der Sünder für ihn nur Dornen waren; dann, wie sie die sengenden Strahlen der göttlichen Gerechtigkeit mildere und wie sie gleich dem Mond die Nacht der Sünder erleuchte; dann, wie Himmel und Erde an sie die Bitte richteten, sie möge sprechen: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ dann, wie sie tausend Engel zur Beschirmung auf der Erde hatte, wie Millionen Engel sie bei ihrer Himmelfahrt begleiteten und wie alle Geschöpfe ob ihrer Erhöhung und Verherrlichung jubelten; wie Reinheit, Liebe und Demut der Triumphwagen gewesen sind, worauf sie emporfuhr, und wie sie dort von der allerheiligsten Dreifaltigkeit – Purpur, Krone und Zepter empfing. Und nun rollte er ein Gemälde auf, worüber alle Zuhörer jauchzten; denn da sahen sie: wie es am Himmel nur eine Sonne gibt und nur einen Mond – so gibt’s auch nur eine Maria, die Gnadenreiche!

 

(Aus: Sämtliche Werke des Juan de Avila von Dr. F. J. Schermer)

 

 

Das Gelübde vor dem Gnadenbild auf dem Montserrat

 

Schwester Margareta vom Kreuz, geboren am 25. Januar 1567 zu Wien, ist die Tochter des römischen Kaisers Maximilian II. und der Maria, einer Tochter des großmächtigsten Kaisers Carl V., in dessen Reich bekanntlich die Sonne nicht unterging.

 

In der kaiserlichen Familie Österreichs war es damals Brauch und Sitte, dass die gekrönten Eltern in Frömmigkeit ihren Kindern voranleuchteten und alle Sorge einer christlichen Erziehung für sie aufboten. Die Kaiserin Maria war eine vortreffliche Frau und eine große Verehrerin der heiligen Muttergottes. Sie ließ es sich darum sorgsam angelegen sein, diese Liebe auch in die Herzen ihrer Kinder zu pflanzen.

 

Um nun ihr liebes Töchterchen Margaretha zu einem echten Marienkind auszubilden, bekleidete sie es mit einem Habit von der unbefleckten Empfängnis Marias. Und so war die Seele dieses Kindes in der Welt des Gebets und der göttlichen Dinge frühzeitig daheim. Was man so oft an Kindern bemerkt, dass sie mit gottesdienstlichen Sachen selbst die Zeit ihrer Spiele ausfüllen, das geschah auch bei dieser Erzherzogin. Aber es war eine besondere, ungewöhnliche Herzlichkeit bei ihr, wenn sie in der Erholungszeit nach Tisch in der Betkammer Altärchen baute und die kleine Statue der Mutter des Herrn mit Sonn- oder Festtagskleidern schmückte. Das Kindlein Jesus war es vorzugsweise, mit dem sie sich viel beschäftigte. Sie bettete es weich in der Krippe, gab ihm warme Kleidchen und sprach mit ihm, wie Kinder miteinander sprechen.

 

Von ihrer Mutter hatte Margaretha einen Rosenkranz erhalten. Den verschenkte sie aber. Sie erhielt wieder einen, den sie jedoch gleichfalls verschenkte. Sie tat es in der Absicht, dass auch andere den Rosenkranz beten möchten, und wusste sogleich, dass die Huld der Mutter nicht müde würde, ihr für den verschenkten Rosenkranz stets einen neuen zu geben. Als dies nun von den Kammerfrauen der Kaiserin klagend hinterbracht wurde, hatte diese ernst gesagt: „Margaretha, nimm diesen Rosenkranz und merke, dass du ihn behalten und seiner Acht haben sollst durch die ganze Zeit deines Lebens!“ Und niemals vergaß die willige Tochter des ihr gewordenen Auftrages. Sie behielt den Rosenkranz noch lange, auch nachdem ihre Mutter längst tot war, bis an ihr Lebensende.

 

Eine besondere Freude gewährten ihr die Feste des Herrn und Unserer Lieben Frau. Sie sind ja die freundlichen Sonnenblicke in dieses Tal der Tränen herein.

 

An den Samstagen kamen arme Kinder aus der Stadt. Mit ihnen sang sie auf dem Chor der Kirche, der an den kaiserlichen Palast stieß, auf den Knien und mit erhobenen Händen das „Salve Regina!“ und andere Muttergotteslieder. Danach wurden die Kinder mit einem Marien-Almosen entlassen. Diese Andacht an den Samstagen machte ihr so viel Freude, dass sie die genannten Tage der Mutter Jesu immer mit Sehnsucht herbeiwünschte.

 

Margaretha hatte eine Abneigung vor den Freuden der Welt, noch bevor sie sie kannte. Sie suchte die Freuden, die am Fuß des Kreuzes erblühen, um in der Ewigkeit zu unvergänglichen Kronen zu werden. Sie ging immer gern zu den Klosterfrauen. So oft sie durfte, benutzte sie ihre Ausgänge zu diesen Besuchen. Sie begann sich mit dem Klosterleben zu beschäftigen. Unter der Jugend des Hofes sonderte sie diejenigen aus, die mit ihr in diesem Punkt zu harmonieren schienen. Das bildete sich dann zur Genossenschaft von „kleinen Bräuten Christi“. Margaretha hatte die Nonnen über ihre Übungen ausgefragt, und diese wurden nun in der Hofburg nachgeahmt. Da gab es dann Einkleidungen, Prozessionen, Chorgesang und dergleichen. Was aber anfangs kindliches Spiel schien, gestaltete sich nach und nach in ihr zum einzigen Wunsch ihres Herzens. Und da die Kaiserin die unzweideutigsten Beweise von Hochschätzung des geistlichen Lebens gab, so nährte sich die kindliche Seele Margarethas mit den seligsten Hoffnungen: dass die mütterliche Hand ihr die Klosterpforten nicht verriegeln, sondern eher bereitwillig und mit Freuden eröffnen werde. Aber wie weit lag noch der heiß ersehnte Tag, an dem – nach menschlicher Berechnung – diese Worte für Margaretha sich auftun würden, da sie ja noch ein Kind war!

 

Er kam jedoch früher, als Margaretha mit den kühnsten Hoffnungen es hatte erwarten dürfen.

 

Am 12. Oktober 1576 starb ihr Vater, der Kaiser Maximilian II. im rüstigsten Mannesalter, noch nicht neununddreißig Lebensjahre zählend. Die Kaiserin fasste alsbald den Entschluss, das Deutsche Reich zu verlassen und zu Madrid im königlichen Stift der Barfüßerinnen im Orden der heiligen Clara ihre Wohnung aufzuschlagen. Und sie nahm ihre Tochter Margaretha dahin mit. Ihre Brüder baten sie flehentlich, bei ihnen zu bleiben; sie stellten ihr alles Mögliche vor, aber die einzige Antwort Margarethas war nur immer diese: „Leben und Sterben mit meiner Mutter!“

 

Im August 1580 begann die Reise. Auf dem Weg von Genua nach Barcelona schlug die seither gute Witterung um, schwere, schwarze Wolkenmassen zogen sich zusammen und ein entsetzlicher Sturm brach los, so dass das Geschwader sich nicht beisammen halten konnte. Auf dem königlichen Schiff herrschte Angst und großer Jammer. Die armen deutschen Frauen, die einen Sturm noch nie bestanden hatten, ergossen sich in fruchtloses Jammern und Weinen, sie verlobten sich zu diesem oder jenem Gnadenbild in der Christenheit, sie klagten sich auf den Knien über ihre Sünden an; und als der Kapitän, selbst ängstlich geworden, die Kajüte hinter ihnen dich verschließen ließ und sie wie in einem Grab sich eingeschlossen sahen, da mussten die Kaiserin und Margaretha alles aufbieten, die entfesselte Trostlosigkeit ihrer Frauen nur auch einigermaßen zu bannen. Diese beiden wahrhaft frommen Seelen empfanden keine Unruhe. Sie riefen die allerseligste Jungfrau Maria, den „Stern des Meeres“, um Beistand an; und die Erzherzogin hat später oft davon gesprochen, dass sie hierauf eine so große Unerschrockenheit und starken Mut, so lebhaftes Vertrauen auf den göttlichen Schutz durch die angerufene Fürbitte Marias in sich verspürt habe, dass, je ärger der Sturm toste und die Wellen das Schiff hin und her schleuderten, die Heiterkeit ihres Gemütes nur gewachsen sei. Endlich ließ das Unwetter nach und über der beruhigten Flut stieg friedlich das spanische Gestade auf.

 

In Barcelona benützte die Kaiserin die Gelegenheit, eine Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau von Montserrat zu unternehmen; Margaretha hüpfte das Herz im Leib, als sie davon hörte, denn schon längst war ihr dieses Heiligtum durch Erzählungen und Schilderungen in Büchern bekannt, und hatte sich gesehnt, den steilen Felsenpfad zum wunderreichen Gnadenbild hinauf erklimmen zu dürfen.

 

Es lässt sich denken, mit welchen Gefühlen die junge Erzherzogin das Heiligtum der Jungfrau von Montserrat betreten hat; aber wir haben die genauesten Nachrichten darüber.

 

Sie bekannte, dass der glücklichste Tag der Reise der gewesen sei, an welchem sich ihr die Kirche des Berges, diese „Herberge der Wunder Marias“, erschloss; dass sie von dem Augenblick, da sie hineingegangen und vor das Bildnis Unserer Lieben Frau sich hingekniet habe, ihre Seele mit solcher Freude und Wonne und geistlicher Lieblichkeit übergossen gewesen sei, dass sie sich Gewalt antun musste, damit ihr innerlicher Trost nicht sichtbar und den anderen auffällig wurde.

 

Das Gnadenbild unverwandt anschauend, aus innerstem Herzensgrund betend, brach sie in die Worte aus: „Meine allerseligste Frau, ich bitte dich, dass du meiner Treue und meiner Liebe Hilfe bieten wollest! Ich möchte eine Braut deines wunderbaren, göttlichen Sohnes sein: ach, verleihe mir diese Gnade! Solltest du sie mir nicht erweisen? Wem hat doch dein Schutz nicht Hilfe geleistet? Wer erkennt nicht allezeit deine allerinnigste Fürbitte?“

 

Da hat sich ja das Gnadenbild freundlich zu Margaretha verbeugt, worauf die Glut ihres Herzens sich noch mehr entflammte, so dass sie eines Tages ein Messer ergriff und die Haut sich wund ritzte und mit dem eigenen Blut dieses Gelöbnis niederschrieb: „Mit dem Blut meines Herzens opfere ich mich auf zu einer Braut Jesu Christi und bitte die allerseligste Jungfrau Maria, dass sie meine Mittlerin sein wolle! Zu dessen Versicherung unterzeichne ich mich: Margaretha.“

 

Die Erzherzogin war vierzehn Jahre alt. Wovon sie in den Tagen der Kindheit selig geträumt, was sie mit der Zunahme der Jahre immer ernster gewollt, das war nun vor Marias Gnadenbild reif geworden: ihre volle, ungeteilte Hingabe an den Herrn im geistlichen Leben. Sie kostete nun die süßen Freuden eines großen, in der Liebe Jesu und Mariens gefassten Entschluss.

 

Die Erzherzogin wurde, nach noch vielen schweren Bedrängnissen, weil sie die ihr angetragene Vermählung mit dem König von Spanien, Philipp II., entschieden ausgeschlagen hatte, die Schwester Margaretha vom Kreuz im Kloster der Barfüßerinnen vom Orden der heiligen Clara zu Madrid und starb daselbst im Geruch der Heiligkeit am 5. Juli 1568.

 

Sie hat ihr Gelöbnis, das sie vor dem Gnadenbild Marias auf dem Montserrat abgelegt hatte, unter ihrem steten Geleit gar treulich erfüllt. Im Sterben vernahm sie schon die himmlische Musik. Sie lächelte freudig, und als man sie darüber fragte, antwortete sie: „Große Dinge begegnen mir; wundert euch nicht, dass ich frohlockte!“ In den letzten Zügen jubilierte sie laut in Jesus und Maria, denen sie ihr ganzes Leben gedient und zu denen sie glückselig heimging.

(Nach: Katholische Trösteinsamkeit)

 

 

"Maria, du wirst seine Mutter sein!"

 

1. In jenem oberen Teil Ägyptens, den heutzutage die Araber „Said“ nennen, liegt ein großer Marktflecken, von den Einwohnern „Sethfeh“ genannt. Dieses Gebiet von Sethfeh ist zumeist von schismatischen Kopten bewohnt, die dem Landbau ergeben sind.

 

Beim Beginn des vorigen Jahrhunderts kam nun ein katholischer Missionar, den man für den Pater Sicard aus der Gesellschaft Jesu hält, von Kairo aus auf dem Nil abwärts, um den Kopten den katholischen Glauben zu verkünden. Er gelangte auch nach Sethfeh und führte dort, neben vielen anderen, auch den Joseph Bisciarah und dessen Frau zur römischen Kirche zurück.

 

Gegen Ende des Jahres 1714 wurde ihnen ein Sohn geboren, der den Namen Abulcher Bisciarah erhielt. Kaum wurde das Kind der Mutter gezeigt, als sie ihm das Zeichen des heiligen Kreuzes auf Stirn, Brust und Mund machte. Da man es sodann dem Vater darreichte, nahm er es in seine Arme, segnete es, und indem er es als Opfer emporhob, sprach er, die Augen zum Himmel gewendet, also zu Gott: „Siehe, o Herr, dieses Kind ist dein, betrachte es mit gütigem Blick; denn durch deine unendliche Gnade ist es nicht von einem häretischen Vater gezeugt worden, wie dieses der Fall gewesen wäre, hättest du mir es einige Monate früher geschenkt! Ich habe es also von dir auf zweifache Weise – als Sohn und als Katholiken erhalten! Früher hätte ich es von dir empfangen, um es dem Teufel zu weihen, da ich es als Häretiker auferzogen haben würde; jetzt ist es gänzlich dein und wird es ewig bleiben; denn ich gelobe dir, es in deiner heiligen Furcht zu erziehen, und du wirst mich mit der Gnade des Heiligen Geistes dabei unterstützen!“

 

Dann näherte er sich einem kleinen Altar der allerseligsten Jungfrau Maria, den er mit großer Verehrung in seinem Zimmer aufgerichtet hatte und stellte ihr das Knäblein dar, indem er sprach: „Maria, du wirst seine Mutter sein! Ich gebe es dir von diesem Augenblick an und weihe es deinem Sohn; erhalte es rein von jeder Sünde! Beschütze es im heiligen Glauben der katholischen Kirche! Ernähre es in der Reinigkeit! Schmücke es mit jeglicher Tugend! Sei ihm eine Beschirmerin und ein Schild wider den bösen Feind bis zum Tod!“

 

Am anderen Tag empfing das Kind die heilige Taufe. Und man erkannte später gar wohl, dass Maria dieses Kind als das ihrige angenommen hatte, indem sie ihm nach und nach die zärtlichste Liebe für sich einflößte und es in seiner Taufunschuld sein ganzes Leben hindurch unversehrt bewahrte.

 

Als im Jahr 1720 aufs Neue vom Papst Clemens XI. einige Priester zur Bekehrung der Kopten in Oberägypten gesendet wurden, kam auch einer dieser eifrigen Missionare der römischen Propaganda nach Sethfeh und lernte auch die Familie Bisciarah kennen.

 

Der vortreffliche Missionar hatte den Knaben Abulcher kaum gesehen und ihm auf seines Vaters Verlangen seinen Segen erteilt, als er auch schon aus dem ehrbaren und unschuldigen Antlitz, aus den aus Ehrfurcht gesenkten Blicken, aus dem ganzen – nur göttliche Frömmigkeit atmenden Äußeren erkannte, dass in ihm eine nicht jener gewöhnlichen Seelen wohne, die nicht für das Leben im schnöden Weltgetümmel geschaffen sei. Er legte seine Hände auf sein Haupt; und als er ihm seinen Segen gespendet hatte, da erhob der kleine Abulcher zu Gott seine Augen, die von so reiner Freude strahlten, dass es aus der Rührung, mit der er dies tat, wohl ersichtlich war, wie viel des Guten dieser priesterliche Segen ihm gewährt hatte.

 

So oft der Missionar seinen Vater besuchte, was in den ersten Monaten seiner Ankunft gar oft geschah, um sich von ihm Rat und Unterweisung zu holen; näherte sich Abulcher der Tür, um ihm zu begegnen, seine Hand zu küssen und seinen Segen zu erhalten. Nie entfernte er sich von seiner Seite, indem er ja seine größte Freude darin fand, wenn er nur von Gott und Maria reden hörte.

 

Der Missionar schenkte ihm ein Bild der allerseligsten Jungfrau Maria mit dem göttlichen Jesuskind und des heiligen Jünglings Aloysius von Gonzaga, die er in einer kleinen Kammer an der Mauer befestigte. Er errichtete sich daselbst auch einen kleinen Altar, und fand sich öfters am Tag bei ihm ein, um dort vor dem Muttergottesbildchen seine Andacht zu verrichten. Jeden Morgen schmückte er ihn mit Blumen aus dem väterlichen Garten und feierte seine kleinen Feste, indem er immer wieder frische Kränze flocht und mit Liebe und Andacht sein schönes Heiligtum ausschmückte. Auch legte er dort gewisse Gaben nieder, die zugleich Geschenke und Opfer sein sollten; denn am Samstag brachte er einige Datteln, die er sich bei seinem Frühstück entzogen hatte; bald auch waren es einige Äpfel, einige Zitronen, oder ein Granatapfel. Gegen Abend nach er die Gaben wieder hinweg, um sie als Marien-Gabe dem ersten Armen zu bieten, der ihm eben begegnete. Seine Mutter fand ihn oft, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, in die tiefste Andacht aufgelöst, und zur heiligen Muttergottes betend: „Du bist meine Mutter, ich liebe dich, ich liebe dich!“ Dann erhob er sich rasch, verbeugte sich tief vor ihrem Bild und neigte sein Haupt unter ihre Füße mit den Worten: „Ich bin dein Diener, o Maria!“

 

Ehe die Mutter am Abend sich zur Ruhe begab, besuchte sie ihn, wie sorgsame Mütter es gewohnt sind, und stets fand sie ihn bedeckt und in sittsamer Lage. Dabei wurde sie innig gerührt, als sie ihn, die Hände in Kreuzesform über die Brust gefaltet und ein Kruzifix von Messing, das der Missionar um seinen Hals gehängt hatte, umschließend erblickte. Liebevoll neigte sie sich öfter zu ihm nieder und freute sich in der Betrachtung jener himmlischen Anmut, jener engelreinen Züge und jenes unschuldsvollen Lächelns, das ihn so schön und lieblich erscheinen ließ; und mehr als einmal gewahrte sie, dass er auch im Schlaf – seiner Gewohnheit gemäß – die heiligsten Namen Jesus und Maria lallte.

 

2. Der fromme Knabe war zu einem holdseligen Jüngling geworden. Abulcher fühlte unter anderem auch das tiefste Mitleid mit den irrgläubigen Kopten und den ungläubigen Arabern, und dieses quälte ihn fast immerdar. Sein Gebet, seine Betrachtung, sein Dienst bei der heiligen Messe, seine Unterweisung der kleinen Kinder in der christlichen Lehre und seine häufigen Kommunionen hatten sich auch das edle Ziel der Bekehrung Ägyptens zum heiligen katholischen Glauben vorgezeichnet. Wenn er sich mit seinem Lehrer unterhielt, besprach er sich ungemein gerne mit ihm über die Art und Weise, auf welche man am fruchtbringendsten sich den Kopten nähern, sie zur Anhörung der Wahrheit gewinnen, und sie zur Überzeugung und Annahme des katholischen Glaubens führen könnte. Der Missionar war darüber hoch erfreut, und überlegte, nachdem er vorher seine Zuflucht zu „Maria vom guten Rat“ genommen, wie er einen leichten Weg finden könnte, um sein Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Er bemerkte in Abulcher außer seiner ungewöhnlichen Frömmigkeit viel Urteilskraft, Unterscheidungsgabe und Klugheit. Auch zeigte er eine zu jeder Wissenschaft geeignete Anlage und einen hohen Geist. Und da sich mit allen diesen Eigenschaften seine natürliche Unerschrockenheit und Geisteskraft verband, die ihn überaus tätig, froh, unternehmend machten, so sah jener gelehrte und eifrige Missionar wohl ein, dass Abulcher zum priesterlich apostolischen Leben geboren war.

 

Eines Tages nun fragte ihn der Missionar: „Willst du, mein Sohn, nach Rom in das urbanische Kollegium der Propaganda gehen, wo junge Männer zu Priestern für die ganze Welt gebildet werden?“ Abulcher, der die Demut selbst war, errötete bei einem so ehrenvollen Antrag, willigte aber mit Freuden ein. Auch dem Vater des jungen Mannes gefiel dieses Anerbieten, und selbst die Mutter billigte es nach ihrer Frömmigkeit, indem sie aus Liebe zu Gott und Maria und zum Wohl der Kirche Ägyptens jede Zärtlichkeit mütterlicher Liebe unterdrückte.

 

Er bereitete sich für diese lange Reise durch viele Gebete, Kommunionen und Bußübungen vor. Und weil er sein Herz in der Liebe Gottes und Marias von allen Dingen losgelöst hatte, so verließ er Vater und Mutter und die Heimat mit großer Heiterkeit und Festigkeit. Er bat seine Eltern, die vor Freude und Schmerz zugleich weinten, da sie sich von einem so geliebten und folgsamen Sohn trennten, um den Segen. Auch wünschte er, dass sein guter Lehrer und geistlicher Vater ihn während der heiligen Messe kommunizierte. Und so gelangte er in Begleitung der Kinder, die er seither in der christlichen Lehre unterrichtete, und aller Katholiken, die unter Tränen und Seufzern ihm tausend Segnungen, erfleht von Gott durch die Fürbitten der allerseligsten Jungfrau Maria, wünschten, an die Ufer des Nils. Dort segnete ihn der Missionar zum wiederholten Mal. Abulcher umarmte noch einmal alle, und empfahl sich und sie Gott und Maria und bestieg sein Fahrzeug, um den Strom hinabzuschiffen. Und so weit das Auge der ihn Begleitenden reichen konnte, hörten sie nicht auf, ihn zu grüßen, indem sie weiße Tücher und Papyruszweige von einer kleinen Anhöhe herab wehen ließen, die sich neben dem Nil erhebt.

 

3. Von jetzt an zeigt sich der fromme junge Mann Abulcher in allen Tagen seines Lebens als einen treuen Verehrer Marias. Immer und immer klang ihm das Wort seines Vaters im Herzen nach, das er für ihn ehedessen zu der Gebenedeiten des Herrn emporgerufen hat: „Maria, du wirst seine Mutter sein!“ Als dankbarer Sohn suchte er darum auch seine himmlische Mutter, die stets so gnadenreiche, recht inniglich zu verehren, und ihr zu vertrauen.

 

Das Schiff, das Abulcher trug, eilte indessen frei und rasch dem Ziel zu und hatte immer günstigen Wind, ohne zu sehr rechts- oder links-hin auszugleiten. Als sie aber über das Cap von Barke hinaufkamen, da erhob sich allplötzlich ein ungemein heftiger und wütender Orkan, der alle ohnehin schon offenen Segel ergriff und sie in den Grund zu bohren schien. Da der Wind immer mehr stürmte und die See entsetzlich hoch ging, so erachteten sich die armen Schiffer schon für verloren. Die Nacht brach an und der Wogenschlag warf sich auf die Seite und den Vorderteil des Schiffes. Das Meer selbst tobte in solcher Aufregung und das Fahrzeug befand sich in so großer Not, dass man es eben wehrlos dahin schlagen ließ, wohin die gewaltige Wucht der Wogen es schleuderte. Der folgende Morgen aber zeigte sich noch viel schrecklicher als die Nacht, denn während sie sich auf hoher See und nur in einem Wasserwirbel zu sein wähnten, gewahrten sie die Küsten der Berberei. Der Kapitän war darüber ganz verzagt, die Schiffsleute verloren den Mut, die Passagiere dachten an ihr Ende. In diesem Schrecken, - weil es grauenvoll gewesen wäre, in die Gefangenschaft der Wilden zu geraten, - empfahl ein jeder seine Seele Gott dem Herrn, schlug an seine Brust und flehte um Barmherzigkeit und erwartete, dass das Schiff umschlagen und nebst ihnen in Trümmern zu Grunde gehen würde.

 

Abulcher, im Gedenken an die mächtige Fürsprache Marias bei Gott, und dass sein Vater ihn unter ihren mütterlichen Schutz gestellt habe, tröstete – bei der allgemeinen Verzweiflung der Reisegefährten, - voll Heiterkeit im Antlitz, voll Ruhe und Frieden im Herzen die Schiffsgenossen, ermutigte sie zum Vertrauen und zu dem Gelübde: „zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria von Loretto die heilige Kommunion empfangen zu wollen“, und dann würden sie gewiss durch die „Helferin der Christen“ dem Unglück entgehen. Und Unsere Liebe Frau erhörte den Wunsch der so demütig und vertrauensvoll Flehenden, denn der Sturm legte sich, sie gelangten auf die hohe See zurück, das vielfach verletzte Schiff wurde ausgebessert und wieder fahrbereit gemacht, so dass die Reise keine Unterbrechung mehr erlitt.

 

Kaum aber sahen sie sich von der Gefahr des Schiffbruches befreit, so drohte ihnen eine andere nicht minder große. Denn einige Tage später, da sie auf Morea zusteuerten und das Cap Matapan umschiffen wollten, rief ein Schiffsjunge aus dem Mastkorb dem Kapitän zu: „Wir sind verloren!“ Und er hatte auch Recht. Denn ein kräftiges Schiff, von einem Seeräuber aus Algier geführt, kam eilend mit offenen, vollen Segeln und günstigem Wind auf die Brigade los, die als Handelsschiff nicht mehr als vier kleine Kanonen hatte und sich gegen das wohlbewaffnete Raubschiff und die kühnen und an solche Überfälle längst gewöhnten Barbaren nur schlecht verteidigen konnte. Das Leid und die Furcht der Reisenden wuchs immer mehr, und der Kapitän, dem kein günstiger Wind zuwehte, konnte nicht entfliehen; er fiel in Kleinmut, sein Angesicht erbleichte, er erwartete die – Sklaverei.

 

Abulcher wandte seinen Blick von dem Bild der heiligen Mutter Gottes nicht ab und sprach weinend und mit kindlicher Inbrunst zu ihr: „Unmöglich kannst du wollen, meine Mutter, dass wir Sklaven der Türken werden; es ist nicht möglich! Du weißt es ja wohl, meine Mutter, welch ein Elend die Sklaverei ist, die du seit so vielen Jahrhunderten selbst Sklavin in Kairo bist und unter dem harten Joch der Türken seufzest, welche deine unbefleckte Jungfräulichkeit leugnen und deine getreuen Diener unterdrücken. Erhebe dich, meine Mutter! Wenn wir es dir verdanken, dem Schiffbruch entronnen zu sein, so werden wir es wohl auch dir verdanken, den Händen dieser unreinen Feinde, die auch gegen deinen Sohn Jesus Christus feindlich gesinnt sind, zu entgehen.“

 

Unterdessen war der Unter-Kapitän auf den Mastbaum gestiegen, um zu spähen: ob nicht ein französisches oder venezianisches Schiff, das ihnen zu Hilfe kommen könnte, in jenen Meeren kreuze? Und rief mit lauter Stimme von der Höhe herab: „Es lebe der heilige Markus! Wir sind gerettet!“ Er hatte zwei Galeeren der Malteser-Ritter entdeckt, die von der Seite des Golfes von Squillak mit großer Kraftanstrengung ihnen entgegen eilten, um auf die Mohren zu jagen. Kaum sah aber das Raubschiff sie am Horizont heraufkommen, als es in größter Schnelligkeit nach der Insel Cerigo umlenkte und nicht früher anhielt, bis es sich hinter einem Vorgebirge, das dasselbe den Blicken der Galeeren entzog, in Sicherheit sah.

 

Kaum hatte der Kapitän erkannt, dass sie gerettet seien, so versammelte er seine Schiffsleute und Reisenden auf dem Verdeck, und stimmte, zum Preise Marias und zur Danksagung für ihre Hilfe, die Lauretanische Litanei an, und versprach bei seiner Ankunft in Ankona zwölf große Kerzen ihrem Altar zu opfern; ebenso würde er mehrere heilige Messen sowohl zum Dank für die Rettung aus dem Schiffbruch als aus den Händen der Seeräuber feiern lassen.

 

Nachdem sie in Zante gelandet und Waaren ausgeschifft hatten, stachen sie aufs Neue in die See und gelangten bei gutem Südost-Wind glücklich in den Hafen von Ankona gegen Ende November 1731.

 

Abulcher, endlich einmal in Italien gelandet, wollte sich, sobald die Quarantäne vorüber war, mit seinen Genossen ungesäumt in die Muttergotteskirche jener Stadt begeben. Lange kniete er dort vor ihrem Altar, indem er mit zärtlichster Andacht betete und ihr, seiner Mutter, für so viele auf jener Reise verliehenen Wohltaten seinen Dank darbrachte.

 

Hierauf begab er sich zu dem Agenten der Propaganda und wartete, bis sich ein Gefährte nach Rom fand.

 

Einige Tage später begaben sie sich auf die Reise und gelangten nach Loretto, als die Sonne noch ziemlich hoch über dem Horizont stand. Abulcher war hierüber sehr erfreut, weil er auf diese Weise das „heilige Haus von Nazareth“ umso bequemer besuchen, und sich diesen ganzen Tag und auch noch einen Teil des folgenden Morgens daselbst aufhalten konnte. An der Schwelle des majestätischen, ungemein kostbaren Tempels schlug sein Herz von so außerordentlicher Freude, dass er sich nicht zügeln konnte, sondern in abgebrochenen Ausrufen, in Seufzern und in Stoßgebeten voll Andacht laut frohlockte.

 

Als er aber bei dem „heiligen Haus“ selbst angekommen war, das mitten in der Basilika steht, warf er sich beim ersten Eintritt auf die Erde nieder, küsste sie tausendmal, benetzte mit seinen Tränen jenes überglückliche Zimmer, wo der eingeborene Sohn Gottes, die ewige Weisheit und unendliche Güte unseres Schöpfers und unseres Erlösers, so viele Jahre sein armes, der Welt verborgenes Leben hinbrachte. Abulcher begab sich in jener heiligen Dämmerung und tiefstem Stillschweigen in eine Ecke der Kapelle, richtete seine Blicke auf das Bild der gebenedeiten Jungfrau Maria, und betete mit größter, glühendster Inbrunst. Er erneuerte hier die Hingabe seiner selbst in den Dienst der Mutter des Herrn, die ja auch „seine Mutter“ ist, welche Hingabe er ehedessen in der Kapelle des heiligen Sergius zu Kairo gemacht, wo die heilige Familie – Jesus, Maria und Josef – in der Verbannung verweilt hatte; er weihte sich gänzlich dem Sohn der göttlichen Mutter, und bat sie zugleich: „ihm die Blüte seiner Jungfräulichkeit – unversehrt und unverletzt, wie bisher, zu bewahren.“

 

Während seine Genossen nach ihrem Gebet endlich aus der Kapelle sich entfernten, um die anderen Teile dieser großen Kirche zu beschauen, setzte Abulcher noch lange Zeit seine Andacht fort und konnte sich von dieser heiligen Stätte fast nicht trennen.

 

Am anderen Morgen ging er mit dem ersten Glockenschlag zum Heiligtum, aus welchem er sich entfernte, nachdem er mit seinen Reisegefährten die heilige Kommunion empfangen und viele heilige Messen gehört hatte. Er betete bei Unserer Lieben Frau für sich, für seine Eltern, für die Missionare und ganz Ägypten, und flehte sie an: „sie möchte sich würdigen, jenes edle und so unglückliche Land in den Schoß der heiligen römischen katholischen Kirche zurückkehren zu lassen.“

 

Die Reise fortsetzend, ließ er in seinem Eifer der Andacht nicht nach. Kaum war er in den Wagen gestiegen, so betete er mit seinen Genossen, alsdann schwieg er, da es doch Nacht war, wie es zu kommen pflegt, wenn man im Dezember reist, und betrachtete das süßeste Geheimnis der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes Gottes, der Geburt Jesu Christi im Stall zu Bethlehem, und dachte dabei zugleich auch an Maria, seine gebenedeite Mutter, bis die Morgenröte sich nahte. Und da die Kälte auf jenen Höhen der Apenninen scharf und streng ist, so freute er sich, mit dem göttlichen Christkind und Maria zu leiden, das er sich in der kalten Grotte von Bethlehem vorstellte.

 

4. Endlich gelangte Abulcher mit seinen Genossen am 31. Dezember 1731 unter dem Pontifikat Klemens XII. nach Rom und stiegen im urbanischen Kollegium der Propaganda ab, wo sie mit größter Liebe und Freude der Pater Franziskus Sosia Tramontana aus der Kongregation der Piaristen, der damals Rektor war, aufnahm. Der Kardinal de Petra, damals Präfekt der genannten Kongregation, las die Briefe, die der Missions-Vorstand von Kairo an ihn gerichtet hatte; und da Abulcher Bisciarah in denselben gar sehr gerühmt wurde, so behandelte er ihn mit größter Liebe und erkundigte sich bei ihm über Ägypten und die Missionare, die er kannte, und um die Bekehrung der Kopten. Abulcher gab ihm so treffliche, wohl überlegte Antworten, und sprach mit solcher Anmut und Bescheidenheit, dass der Kardinal die größten Erwartungen von ihm hegte.

 

Auch die Alumnen der Anstalt erkannten alsbald in ihm seine bedeutenden Fortschritte in der Übung der christlichen Tugenden und ganz besonders seinen innigen Umgang mit Gott und seine kindliche Verehrung Marias.

 

Sehr gerne sprach aber auch Abulcher, wenn er in Rom bei den Alumnen war, von der heiligen Muttergottes. Und da sein Geist gänzlich auf das Himmlische gerichtet war, und er deshalb die Einsamkeit liebte, so begannen seine Mitschüler aus Furcht, er möge sie verlassen, ein Gespräch von der allerseligsten Jungfrau Maria mit ihm. Da wurde Abulchers Antlitz ganz entflammt und er sprach von ihr so Vieles und so beredt, dass er kein Ende zu finden wusste. Er schmückte sie mit den herrlichsten Titeln, keinen aber gebrauchte er lieber und öfter als den „meine Mutter“. Dieser Name trat aus seinem Mund so inbrünstig, so freudig, so glanzvoll hervor, und er sprach denselben mit solchem Feuer aus, dass sein ganzes Antlitz wie von Strahlen der Verklärung leuchtete und er laut frohlockte. Auf diese Weise verpflanzte er in die Herzen der ihn Umgebenden die zärtlichste Liebe und einen köstlichen Eifer: Maria gänzlich und für immer zu dienen.

 

Berührte Abulcher die Missionen, so schrieb er alles Gute, das die Arbeiten im Weinberg des Herrn stifteten, dem Schutz der gnadenreichen Jungfrau Maria zu. Er verkündigte die Wunder, die sich für diesen Zweck in älteren und neueren Schriftstellern aufgezeichnet finden. Auch pflegte er zu sagen: „Stelle man eine Mission unter den Schutz Mariens, so heißt dies so viel, als sie von gesegnetem Erfolg begleitet zu sehen. Die hartnäckigsten und kritischsten Geister, die verhärtetsten und rohesten Herzen beugen sich, erweichen, brechen und werden sanft und mild. Die Wölfe werden in Lämmer umgewandelt, die Löwen wie Hündlein so zahm, die Sperber so furchtsam und sanft wie die Tauben, das sind die Umwandlungen, die durch den wunderbaren Zauber eines Blickes, eines Wortes, einer Einladung dieser himmlischen Königin der Herzen bewirkt wurden, denn niemand vermag es, der liebevollen Gewalt Marias Widerstand zu leisten.“

 

Unter den Titeln, unter denen er Maria eine besondere Verehrung erwies, hatte er vor allen anderen den der „schmerzhaften Mutter“ auserkoren, und zwar aus mehreren Gründen. Da er erstens fortwährend über das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi betrachtete, so wollte er damit auch Marias Schmerzen vereinigen, da ein Gedanke den anderen gab, und der eine und der andere ihn nur um so mehr zum Mitleid und zum Schmerz entflammte. Zweitens glaubte er, die Liebe zu Maria in ihrem Märtyrium sei ihr sehr angenehm, indem es der natürliche Wunsch eines jeden Leidenden ist, bei anderen Freunden einige Teilnahme zu finden. Drittens betrachtete er sie allein, am Fuße des Kreuzes, verlassen und in Trauer versenkt, und er wollte ihr aus Mitleid über so große Angst in ihrer Verlassenheit Gesellschaft leisten. Durch seine Liebe hoffte er ihr einige Erleichterung zu verschaffen. Viertens erachtete er es als sehr heilsam, sie dann um Hilfe anzurufen, während sie ihren vom Kreuz abgenommenen Jesus auf ihrem Schoß hält. Dies sei das sicherste Mittel, von ihr jede Gnade und besonders diejenige, Gott nicht mehr zu beleidigen, zu erlangen. Daher fanden sich in einem Büchlein, in das er seine Erleuchtungen der Meditation und seine Vorsätze einzeichnete, die Worte: „Ich will täglich zur schmerzhaften Mutter Maria beten:

 

Drücke deines Sohnes Wunden,

So wie du sie hast empfunden,

Tief in meine Seele ein!

 

Dadurch möge sie mir die Gnade erlangen, mich fern zu halten von allen Gelegenheiten zur Sünde und stets vorsichtiger zu leben!“

 

Sehr oft rief er auch den heiligen Namen Marias an, der die Teufel verscheucht, die Betrübten tröstet, der ein Stern zum Hafen, ein Honig, der jede Bitterkeit versüßt, unsere einzige Hoffnung im Leben und im Tod ist. Er schrieb deshalb in sein Tagebüchlein: „Ich gebe meine Unschuld in Marias Hände, und will jeden Tag die fünf Psalmen beten, die ihren heiligen Namen bilden, damit sie mir beistehe und mich vor der List und den Anfechtungen des bösen Feindes bewahre, damit ich mein ganzes Leben hindurch meinem Gott treu und dankbar bleibe.“

 

Abulcher starb im Kloster St. Stephan de Mori zu Rom, vierundzwanzig Jahre alt, am 30. April 1738, da die Reise-Anstrengungen und das Klima Roms seine Gesundheit untergruben. Wie Abendglockenklänge vom Ave-Maria-Geläut, gar mild und hehr und tröstlich, klangen ihm auch jetzt wieder die Worte seines frommen Vaters ins Gedenken, die er über ihn an der Wiege in Ägypten ausgerufen hatte: „Maria, du wirst seine Mutter sein!“ Er erwählte Maria zur Mittlerin bei ihrem göttlichen Sohn und bat sie inständigst, in ihrem Namen ihm Verzeihung aller seiner Untreue zu erbitten, ihn treu in der Liebe zu ihm und zu ihr bis zum letzten Atemzug zu erhalten, und gleichwie die ersten Namen, die er als kleines Kind aussprach, Jesus und Maria gewesen, so möchten sie auch die letzten sein, die über seine Lippen kämen. Dann bat er noch um die Fürsprache Marias für das Kollegium der Propaganda, damit es in Unschuld, Eifer und im Glanz jeglicher Tugend blühe. Er betete auch für die Missionen der ganzen Erde und besonders für sein geliebtes Ägypten und die Bekehrung der Kopten.

 

Er empfing während seines langen und schweren Leidens sehr oft das allerheiligste Sakrament des Altares. Man kann in Wahrheit sagen, dass die heilige Liebe so sehr und innig in seiner Seele ausgegossen war, dass sein Leben nichts als eine beständige Extase und ein beständiger Verkehr mit Gott und Maria gewesen.

 

Abulcher blieb in der letzten Nacht seines Lebens für sich allein. Was er tat und wie er sein Herz ausgeschüttet haben mag, welche innigen Tränen er vergossen hatte, mit welcher Liebesstimme er Jesus und Maria mag eingeladen haben, sich ihm gnädig zu bezeigen, das weiß Gott allein. Denn am folgenden Morgen ging der Krankenwärter, wie gewöhnlich, zu ihm, um ihm Arznei zu bringen. Er pochte leise an der Tür an. Da er aber keine Antwort vernahm, so entfernte er sich wieder in der Meinung, er schlafe noch. Einige Zeit darauf trat er in die Zelle, um sie in Ordnung zu bringen. Er öffnete die Fensterläden und fand ihn auf sein Lager hingestreckt, vom Kopf bis zu den Füßen bekleidet. Um die Hände hatte er den Marianischen Rosenkranz gewunden, und hielt das Kruzifix fest. Sein Antlitz erschien wie lächelnd, seine Augen waren halb geöffnet, und mit solcher Liebe auf das Kruzifix hingewendet, dass er in tiefer Betrachtung zu sein schien. Der Krankenwärter näherte sich dem Bett, rief ihm zu und rüttelte ihn, um ihn zu sich zu bringen, fand ihn aber kalt und regungslos. Er war in der Liebe Jesu und Marias, „seiner Mutter“, heimgegangen in das himmlische Vaterland.

 

Man sagte überall: „Ein Engel Gottes, ein Jüngling von unversehrter Reinheit, ein seltenes Muster der Demut und jeglicher christlicher Tugend ist Abulcher gewesen!“

 

(Aus: Leben des ägyptischen Jünglings Abulcher Bisciarah von P. Anton Bresciani)

 

 

Marien-Strahl

 

Im Monat März des Jahres 1731 richtete ein gewaltiges Erdbeben in Apulien und in dem Nachbarland furchtbare Verwüstungen an. Das Entsetzen und die Bestürzung waren allgemein. Die Bischöfe glaubten, man müsse die Strafgerechtigkeit Gottes dadurch besänftigen, dass man die Herzen der Gläubigen zur Buße führte. Sie ließen zu dem Zweck Missionare von verschiedenen Vereinen kommen, und darunter auch die der Propaganda, bei der sich der heilige Alphons von Liguori befand, der den größten Anteil an ihren Arbeiten nahm. Die Städte Bari, Lecce, Nardo nahmen bereitwillig diese apostolischen Männer in ihre Mauern auf, und überall fanden auffallende und zahlreiche Bekehrungen statt.

 

Foggia, die Hauptstadt von Apulien, war beinahe ganz im Schutt begraben. Vor allem lag die Collegiat-Kirche völlig in Trümmern. Diese Kirche besaß ein altes und wundertätiges Bild der allerseligsten Jungfrau Maria, das man, obwohl die Zeit alle Farben an ihm verwischt hatte, dennoch mit der größten Verehrung und Sorgfalt aufbewahrte. Eine Metall- oder Silberplatte bedeckte es vollständig, nur nicht das Haupt, wo man ein Glas angebracht hatte, unter dem sich mehrere Schleier befanden, woher dann das Bild den Namen der „Jungfrau mit den sieben Schleiern“ erhielt, oder auch des „alten Bildes“ führte. Infolge des Erdbebens hatte man dieses wundertätige Bild in die Kirche der Kapuziner gebracht, wohin – bei der andauernden Macht der Erderschütterungen – das Volk immerfort eilte, um sich unter den Schutz der heiligen Jungfrau zu begeben.

 

Die Menge der Besucher wurde jedoch geradezu unermesslich, als sich da, wo die runde Öffnung angebracht war, das Gesicht der heiligen Jungfrau Maria plötzlich mit den frischen Zügen einer jugendlichen Person zeigte, die auf die Bewohner von Foggia zärtlich ihre Blicke heftete und ihr Unglück zu bemitleiden und sie zu trösten zu wollen schien. Dieses Wunder wiederholte sich mehrere Tage hindurch und wurde bald im Land umher verbreitet. Auch die Missionare der Propaganda wollten sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Sie kamen deshalb mit dem heiligen Alphons von Liguori nach Foggia, dem das in diesem Ort hochgesegnete Andenken seines Onkels, des Monsignore Cavalieri, die ausgezeichnetste Aufnahme verschaffte. Bei dieser allgemeinen Bestürzung, mit der man jeden Augenblick ein neues Unglück befürchtete, wurde der Heilige vom Bischof gebeten, zur Abwendung dieser Geißel eine neuntägige Andacht zu Ehren der heiligen Muttergottes abzuhalten. Er musste der dringenden Bitte, die man an ihn richtete, nachgeben. Bald war die Kirche, die das wundertätige Bild beherbergte, für die große Menge derer, die den heiligen Alphons hören wollten, nicht mehr hinreichend. Der größte Teil der Zuhörer sah sich gezwungen, draußen zu bleiben. Um nun allen die Gelegenheit zu bieten, die Predigt zu hören, brachte man die Kanzel vor die Kirchentür, und ihr gegenüber stellte man das Marienbild auf. Die Heilsfrüchte dieser neuntägigen Andacht erwiesen sich als ganz außerordentlich, und es genügten die zahlreichen Priester Foggias nicht, um die Beichten der Bußfertigen anzuhören.

 

Eines Abends, während dieser Gebets- und Bußzeit, nachdem sich alles Volk entfernt hatte, konnte der heilige Alphons das Übermaß seiner Andacht nicht mehr zurückhalten. Er stieg auf den Altar, um das Bild ganz nahe zu besehen. So wie er sich aber ihm näherte, geriet er in Extase. Er hatte eine Vision der gebenedeiten Jungfrau, die ihm über eine Stunde in wunderbarer Schönheit und Anmut erschien. Als er vom Altar herabgestiegen war, sang er mit mehr als dreißig Personen, teils Priestern, teils Laien, die sich noch in der Kirche aufhielten, das „Ave maris stella! Sei gegrüßt, du Meeresstern!“

 

Am anderen Tag offenbarte der heilige Alphons einem Maler, was er in der himmlischen Vision geschaut hatte, und ließ danach ein Bild verfertigen, das sich noch heut zu Tage im Haus von Ciorani befindet.

 

Einige Tage später, als St. Alphons über den „Schutz der heiligen Jungfrau Maria“ predigte, und aus seinem Mund nur Worte der Liebe und des Vertrauens von Unserer Lieben Frau hehr und mild erklangen, enthüllte sich das Haupt des ihm gegenüberstehenden wundertätigen Bildes, und entsandte einen glänzenden Lichtstrahl, der gar herrlich die Stirn des frommen Missionars umleuchtete. Bei diesem Anblick entstand in der Versammlung ein Ausruf des Erstaunens und der Freude, und von allen Seiten rief es und frohlockte es: „Wunder! Wunder!“ Niemand war, der nicht bis zu Tränen gerührt wurde, so dass viele, die seither noch unbußfertig waren, auf die Knie sanken, sich auf die Brust schlugen und reumütig die Richterstühle der Buße aufsuchten.

 

Im Jahr 1777 wurde der heilige Alphons von Liguori durch die Bitte des Diözesan-Bischofs, der in Rom die feierliche Krönung dieses heiligen Bildes nachsuchte, veranlasst, ein Zeugnis für das besagte Wunder des „Marien-Strahls“ abzugeben.

 

In Folge dieses Zeugnisses und der unverwerflichen Zeugenaussage aller Orden und der angesehensten Einwohner der Stadt Foggia verfügte der Bischof: dass daselbst jährlich am 22. März zur Erinnerung an ein so allseitig beglaubigtes Wunder ein Fest zweiter Klasse zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria gefeiert werde. Und wenige Jahre darauf nahm sein Nachfolger im bischöflichen Amt mit einer außerordentlichen Feierlichkeit die Krönung dieses Gnadenbildes vor. Und unter Andachtstränen und heißen Gebeten empfahlen sich Tausende und Tausende voll des kindlichen Vertrauens dem Schutz der glorreichen Himmelskönigin.

 

(Aus: Leben des heiligen Alphons von Liguori von M. Jeancard)

 

 

Der fromme Besucher Marianischer Kirchen zu Köln

 

Der Verfasser Dr. J. W. Wolf, der berühmte Forscher der deutschen Sprache und Altertümer, erzählt:

 

Unsere Familie, die zu Köln am Rhein sesshaft war, besaß einen treubewährten Hausfreund, bekannt und verehrt unter dem Namen: Herr Stamm.

 

Vor allem trachtete dieser Herr – und darin hatte er eine treue Bundesgenossin an meiner Mutter – eine tiefe, herzliche Liebe zu der lieben Gottesmutter Maria in mein Herz zu pflanzen, und ich darf wohl sagen, dass beiden dies gelungen ist. Diese Liebe verließ mich fortan nie mehr in meinem Leben.

 

Wer selbst recht von den Vorzügen und der unbeschreiblichen Herrlichkeit und Macht Marias durchdrungen ist, dem fällt es so leicht, auch andere ihrem Dienst zu gewinnen. Und wie war meines alten Herrn Stamm Herz so gänzlich von Dir erfüllt, du meine herzliebe Mutter Maria! Wie hat er alles, was die Menschen je an ihm gesündigt, in Dein Herz ausgeschüttet, und wie hast Du ihm dafür gelohnt mit jener unverwüstlichen inneren Ruhe und gewinnenden Heiterkeit, die alle Deine echten Diener beseelt! Und wie Du ihm im Herzen wohntest, das er Dir als eine Loretto-Kapelle geweiht hatte und dem, den Du im Arm trägst, so warst Du auch auf seinen Lippen von früh und spät; und konnte es da anders sein, als dass Du auch in mein Herz einzogst und dass auch mein Mund Freude gewann, Deinen verehrungswürdigen Namen oft anzurufen? Maria! Maria! Welch ein Reichtum, welch eine Fülle von himmlischer Süßigkeit birgt, mit welch wunderbaren Wonnen durchströmt, zu welcher tiefen Gottinnigkeit führt und entflammt dieser Dein Name, o Maria! Wer hätte ihn je genannt mit wahrer Inbrunst seines Herzens, und wäre doch trocken und kalt geblieben? Wer dich immer anruft bei diesem Namen, den der Vater Dir, der Braut, von Ewigkeit her gegeben hat, dem neigest Du Dich mild und gnädig, vor den trittst Du hin in Deiner ganzen Würde und Glorie als Gnadenvolle, dem zeigst Du Deinen Sohn, die Frucht Deines Leibes, den stellst Du vor Deinem Sohn, den versöhnst Du Deinem Sohn, den empfiehlst Du Deinem Sohn! Denn wie wärest Du von ihm, wie wäre er von Dir zu trennen? Wie Du ihn nicht nur stets begleitest, da er ein Kind, sondern auch da er ein Mann war, wie Du Zeugin seines lieblich schönen ersten Wunders in Kana, seines so furchtbar erhabenen letzten Wunders auf Golgotha warst; so bist Du nun auch Zeugin aller Wunder seiner Herrlichkeit! Gänzlich, ja gänzlich trugst und trägst Du ihn im Herzen, wie einst in Deinem unbefleckt-jungfräulichen Schoß; und so hat er auch gänzlich Dich, seine Mutter, in sein göttliches Herz eingeschlossen, so dass unauflöslich diese beiden Herzen verbunden sind; darum ist sein Wille der Deine, und Dein Wille ist der seine! Wenn darum Du gewährst, um was wir flehen, so gewährt er es; und dass Du gern gewährst, dass unerhört noch keiner sein Flehen zu Dir erhoben habe, das verkündigt einstimmig der Chor der Gläubigen, soweit die Erde reicht; das verkünden die Stimmen aller Jahrhunderte bis zu jenem glückseligen ersten herab, in welchem Deine heiligen Füße noch auf dieser Erde wandelten!

 

Darum, o Du meine liebste Mutter, alles mit Dir! Denn dann können wir uns in Wahrheit getrösten, dass wir alles mit dem Sohn tun und lassen in Leben und Tod, und durch und mit und für den Sohn alles durch und mit dem Vater und heiligen Geist, hochgelobt in Ewigkeit!

 

Dem Herrn Stamm kamen in seinem Streben besonders die vielen Marien-Kirchen und Kapellen zu Hilfe, die das alte Köln der Hochwürdigsten Jungfrau geweiht hat.

 

Schon in der ersten Zeit ihres Entstehens stellte sich die Stadt Köln, wie es scheint, unter ihren mächtigen Schutz, indem sie Ihr auf den Trümmern des heidnischen Kapitols, das Köln mit Rom gemein hatte, jene Kirche baute, die nachher sich immer reicher und schöner entwickelte, bis sie zur schönsten der Stadt wurde, den späteren wunderbaren Dom abgerechnet.

 

Vor Zeiten besaß die Capitols-Kirche ein Gnadenbild, das ihr später von ruchlosen Händen genommen wurde. Vor diesem Bild war es, wie die Legende erzählt, dass der heilige Hermann Joseph einst jeden Tag die heilige Muttergottes mit einem „Ave“ grüßte, wenn er in die Schule ging und wenn er aus ihr heimkehrte. Da hatte ihm seine Mutter einmal einen schönen roten Apfel gegeben, den nahm er mit sich in die Kirche. Als er nun vor dem Bild kniete und das Jesuskind mit den dem Himmel geöffneten Kinderaugen anschaute, da hätte er so gern dem göttlichen Kind etwas schenken mögen als Zeichen seiner Liebe, aber er besaß nichts, als den schönen roten Apfel, und das war das Beste, was er hatte und geben konnte; den reichte er empor. Und siehe! Das Kind neigte sich vom Arm der Mutter und nahm den Apfel aus der Hand des glücklichen Jungen.

 

Sinniger und schöner konnte die Legende es kaum ausdrücken, wie der Heilige sein ganzes Leben von frühester Jugend auf dem Dienst Jesu und Marias geweiht hat. Der Apfel, das war sein Herz, das er als Junge schon dem Jungen auf Marias Armen schenkte. Und der Heilige der Heiligen, der König aller Ehren wird bei dem Kind zum Kind, das gern den roten Apfel nimmt: ein hehres Bild, wie der Heiland allen alles ist, und – gleich dem rührenden Bericht der heiligen Schrift von seiner Liebe zu den Kindern, die er mit seinen ehrwürdigen Händen segnete – wohl geeignet, die Liebe der Kinder zu ihm zu erwecken und zu beleben!

 

Weiter berichtet die Legende, wie St. Hermann Joseph später gern Priester wollte werden, aber die Eltern kein Geld hatten, ihn studieren zu lassen. Da verzagte er aber nicht; er ging zu der heiligen Muttergottes und klagte ihr seine Not, und sie wies ihm einen Stein in der Kirche an, unter dem er in der Folge stets so viel Geld fand, als er gerade gebrauchte. Das war die Vergeltung für das geschenkte Herz, so reiche Frucht trug der rote Apfel!

 

Nächst der genannten Kirche zog mich – unter den Marienkirchen – die „Unserer Lieben Frau zu der Kupfergasse“ an, in der eine Nachbildung des heiligen Hauses von Loretto und darin das berühmte Gnadenbild steht.

 

Dieses Nachbilden der heiligen Stätten, die der göttliche Heiland durch seine erste Jugend und durch seinen Tod weihte, des armen Häuschens von Nazareth, des Kreuzweges und des heiligen Grabes zu Jerusalem ist ein ergreifend schönes Eigentum des Katholizismus. Sie sind den Gläubigen Bedürfnis, das beweist ihre große Zahl, das ihr öfteres Besuchtwerden da, wo der heilige Glaube noch in alter Kraft lebt. Dass sie dies aber sind, ist ein schwerwiegendes Zeugnis für die Lebendigkeit des Glaubens, mit der der Katholizismus seinen Erlöser erfasst hat, für die Sehnsucht, sich immer in seiner Nähe zu fühlen, ihm zu folgen auf Schritt und Tritt, für den Drang, alles, was ihn betrifft, recht genau zu wissen, ganz klar sich zu vergegenwärtigen, für die Freude an seinem Dienst, an seinem Haus. Da ist jeder Stein, jedes Maß auf das Allertreueste wiedergegeben und ganz kann sich der Gläubige in die Wohnung versetzen, in der Jesus einst seinen Eltern untertan war, in der St. Joseph treu und eifrig für ihn arbeitete, Maria über ihm wachte und er beiden durch seine göttliche Liebe alle Sorge tausendfach vergalt. Wie anders kann hier, kann auf dem Kreuzweg, am Kalvarienberg, am heiligen Grab in der Karwoche die Betrachtung sich entfalten, welches mächtige Hilfsmittel zu ihr ist hier allen gegeben. Kein Wunder darum, wenn diese Orte nicht einsam stehen, wenn nur in der Nacht das Gebet an ihnen schweigt und auch da nicht immer; denn mehr als einmal fand ich abends, wenn die Kapelle längst geschlossen war, auf dem Hof draußen am vergitterten Fenster, das in die Loretto-Kapelle führt, fromme Beter in kalter Winternacht knien, ungestört durch den Lärm, der in der nahen Straße an ihnen vorüberzog, ihr Herz vor Jesus und Maria ausschüttend.

 

Aber auch als Denkmäler echt katholischer Nächstenliebe sind diese Nachbildungen wichtig. Nicht jedem ist es gegönnt, nach dem fernen Palästina und Italien zu wallen und die heiligen Stätten zu besuchen; dies Glück haben im Gegenteil nur äußerst wenige! Es allein genossen zu haben, konnte aber die wenigen nicht befriedigen; der katholische Kommunismus trieb sie an, es mit denen zu teilen, die es entbehren mussten, weil Hunderterlei dabei hemmend im Weg standen, deren Sehnsucht danach aber nicht weniger groß, als einst ihre eigene gewesen war. Wohlan, so teilten es die wenigen mit den vielen, indem sie ihnen das lebendigste Bild jener heiligen Stätten schenkten, ein lebendigeres, als Feder und Pinsel zu liefern vermocht hätten; sie wandten einen Teil ihres Vermögens dazu an, ihnen diese treu aufzubauen, so treu, dass, wie eine belgische Überlieferung sagt, der Erbauer des heiligen Grabes zu Brügge zu dem Zweck drei Mal nach Jerusalem pilgerte. Nur Gott weiß es, was für ein Segen auf diesem Geschenk der Liebe und Frömmigkeit ruht, denn nur er kennt die Millionen von Herzen, die hier Trost suchten und fanden, die Millionen von Gebeten, die hier emporstiegen und noch immer emporsteigen!

 

Es spricht von selbst, dass die Hüterin einer Loretto-Kapelle nur die liebe Mutter Maria sein kann; und das ist sie auch in Köln. Zahlreiche Weihegeschenke hängen dort um ihr Gnadenbild; unter ihnen eines, das zeigt, wie rührend sinnig das Herz werden kann, wenn es im liebenden Verkehr mit ihr steht. Ein Fürst von Hessen – seinen Namen weiß ich nicht mehr – wurde in dieser Kapelle seiner Frau angetraut. Beide Gatten trugen eine besondere Andacht zu Maria, und der Fürst verfügte, im Einverständnis mit seiner Frau, dass ihre Herzen nach dem Tod in zwei Ampeln sollten eingeschlossen und sie vor dem Gnadenbild aufgehängt werden; zugleich bestimmte er eine Summe, von deren Zinsen das Öl beschafft wird, das Tag und Nacht in den beiden Ampeln brennt. So steigt gleichsam noch aus dem Staub der Herzen die helle Liebesflamme, die einst in ihnen für Maria glühte!

 

Wenn uns der Weg in der Nähe vorbeiführte, versäumten wir nie, in der Maria-Ablass-Kapelle die Muttergottes mit einem Ave zu grüßen.

 

Da steht im Altar das gemalte Bild Marias und ihres Sohnes, umreiht von Opfergaben aller Art, besonders aber von silbernen und wächsernen Herzen, denn der an ihm Kranken Zahl ist ja ohne Zahl; und wo fänden sie einen so bereiten Arzt, als in ihr, die wir anrufen als „Heil der Kranken“, als das „ehrwürdige Gefäß“, das den kostbaren Balsam der Erlösung in sich schloss, als die „geistliche Rose“, deren wunderbarer Duft gesundend und kräftigend die Welt erfüllte, und das „goldene Haus“, aus dem der Arzt des ganzen totkranken Menschengeschlechtes hervorging, als die „Trösterin der Betrübten“, die „Helferin der Christen“?

 

Von Zeit zu Zeit werden die Weihegaben herabgenommen und die silbernen zu heiligen Gefäßen, die wächsernen zu Kerzen verwendet. Wie schön ist das, und mit welcher Gebefreudigkeit muss das erfüllen. Da wird dein geopfertes Herz, du Betrübter, zum Kelch, in dem das Erlösungsblut des Opfers aller Opfer dem himmlischen Vater dargebracht wird, zur Patene, auf der dein Heiland ruht, dein Jesus, dein Gott und dein Alles! Da wird dein Herz, du Schwerbeladener, zum glühenden Weihrauchgefäß, aus dem für immer süßer Duft zum Altar des Allerheiligsten emporsteigt; da wird es zum Leuchter, der in seiner Nähe, auf seinem heiligen Berg steht und das Opfer deiner Freunde in der Weihekerze tragen darf; es wird vielleicht gar zur Monstranz, in der dein Jesus persönlich und leiblich wohnt Tag und Nacht, daraus er dich segnet und segnend dir lohnt mit hundertfacher Vergeltung! Und kann er anders, da du ihm dein Opfer durch sie, durch Maria, darbrachtest? Siehe, du hast es in ihre ehrwürdigen Hände gelegt, um es ihm zu geben, dass sie Vermittlerin bei ihm durch ihre mächtige Fürbitte werde, wie er Vermittler beim himmlischen Vater durch seine unendlichen Verdienste ist; und da hast du eine Stufenleiter zum himmlischen Vater gewählt, deren Träger fester als Erz, deren Sprossen stärker und leuchtender sind, als Diamant!

 

Außer diesen Weihegeschenken hängen noch zwei in der Kapelle, die nie abgenommen, die zu nichts anderem verwandt werden, zwei eiserne Denkmäler der Mach der „Virgo potens“, der Güte der „Virgo clemens“, eine schwere eiserne Kerkertür und schwere eiserne Fesseln. Zwei Ritter haben sie der Kapelle geschenkt, die beide in fernen Landen in Banden lagen und beide durch Marias Fürbitte wunderbar befreit wurden.

 

Warum denn das? „Ich habe mich“, antwortet dir der eine Ritter, „obgleich befreit, nicht eher dafürgehalten und angesehen, bis ich vor diesem Bild meiner Retterin meine Ketten ablegen konnte und sie als ein Zeichen ihres Schutzes für die spätesten Geschlechter hier aufhing!“ – „Und ich“, sagt der andere Ritter, „habe die Tür, welche Maria mir geöffnet hat, nicht für geöffnet angesehen, bis ich ihr hier danken konnte; darum hab ich sie über die Meere und durch die Länder auf meinem Rücken getragen und hier aufgehängt zum Trost und zur Erbauung, aber auch zum Preis und der Erhöhung des Vertrauens zu Maria für ewige Zeiten!“ Und das war der schönste Dank, ein besserer als Gold und Silber, ein weit kostbarerer, als Haufen von Edelgestein; denn diese Ketten, diese Tür – sie predigen mächtiger als jedes Wort es vermag: „Es ist noch nie erhört worden, dass jemand, der zu dir, o gütigste Jungfrau Maria, seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief, und auf deine Güte vertraute, jemals verlassen worden wäre!“

 

Uns näher lag die Kirche Marias zur Schnurgasse mit dem Gnadenbild, vor dem einst Maria von Medicis Kraft zum Leiden suchte und fand. Es ist von dem Holz der Eiche von Scherpenheuvel gefertigt, und die hohe Dulderin schenkte es – nach ihrem Tod – der Kirche zur Schnurgasse. Unter dem Namen „Königin des Friedens“ steht es im Hochaltar.

 

Auf dem Nebenaltar zur linken Seite des Chors sieht man in einem Glaskästchen einen Crucifixus von eigentümlicher Form. Davon erzählt die alte Überlieferung Folgendes:

 

In dem nahen Kloster der weißen Frauen lebte eine überaus fromme Nonne, deren äußeres Wesen schlicht und einfältig war, so dass die Unfrommen unter den Schwestern ihrer oft spotteten. Es mag zu jener Zeit nicht gerade der beste Geist im Kloster geherrscht haben, denn der schnöde Spott und die Neckereien gingen so weit, dass sie der armen Schwester selbst das Crucifix aus ihrer Zelle nahmen. Sie trug aber alles geduldig, weil sie stets standhaft im Wehe, wie die heilige Muttergottes unterm Kreuz, beharrte. Und als das hölzerne Kreuz ihr genommen war, da machte sie mit einer Kohle ein Kreuz auf die weiße Wand ihrer Zelle und betete umso inbrünstiger vor ihm.

 

Als sie eines Tages dort andächtig kniete und mit Tränen dem Heiland klagte: „wie hart es ihr sei, dasss selbst sein Bild ihr genommen worden“, da siehe! regte es sich wunderbar in der kalten Wand und aus ihr hervor wuchs der Crucifixus, den Schwestern zur Beschämung, der armen, einfaltvollen Kreuzträgerin aber zur Glorie.

 

Oft hat man in neuerer Zeit den Stoff des Bildes untersucht, aber vergebens, er bleibt unerklärt. Unser Wissen scheint ebenso an ihm zu scheitern, wie am Blut des heiligen Januarius. Und da bleibt denn nichts übrig, als eben zu glauben. Das tat wenigstens Herr Stamm und ich folgte ihm darin.

 

Noch eins fesselte mich an diese Kirche: die Überreste der heiligen Martyrer Albinus und Maricius. Sie ruhten ehedessen in der Stiftskirche des heiligen Pantaleon. Durch die Revolution von unten und den Kommunismus, den die Fürsten bald darauf von oben durch die sogenannte „Säkularisation der geistlichen Güter“ den Völkern tatsächlich predigten, wurde uns diese gleich tausend andern genommen und die Regierung übergab sie, wie auch die St. Antoniuskirche, den Protestanten, und zwar als Garnisonskirche. In feierlicher Prozession wurden die Gebeine der heiligen Blutzeugen von der Stätte, wo sie fast tausend Jahre geruht hatten, nach der Schnurgasse gebracht; unter lautem Schluchzen folgte ihnen die Menge der Gläubigen, besonders aber ein uralter Priester, dem dieser Gang der schwerste seines Lebens gewesen war. Das erzählte mir Herr Stamm oft, und jedes Mal kamen auch ihm dabei wieder die Tränen in die Augen. Von den Reliquien selbst wusste er vieles zu erzählen, da er sie oft gesehen hatte, wenn an dem Fest der Heiligen das Haupt eines von ihnen aus den durch die Revolutionszeit schmachvoll beraubten Särgen erhoben und dem Volk zur Verehrung ausgesetzt wurde. Die Körper sind noch erhalten. An dem einen der Häupter sieht man noch das anklebende Blut.

 

Tief ergriff mich dies alles und es half mehr und mehr die Andacht zu den lieben Heiligen in mir gründen und nähren.

 

Dass ich dort gern die liebe Muttergottes verehrte, daran war ein anderer Vorfall Schuld. Ein kleines Schwesterchen, das unterdessen zur Welt kam, hatte die fromme Mutter in der Taufe in den Schutz Marias und ihrer Mutter Anna gegeben. Ich hatte das „Marjännchen“ vor allen Geschwistern lieb und schlich oft zur Wiege, um es heraus zu nehmen und auf den Armen herumzutragen, denn eine größere Freude gab es kaum für mich. Kaum acht Wochen alt, wurde das „Marjännchen“ krank und kränker. Wie die Eltern, so war auch ich untröstlich, und wich nicht von der Wiege. Als alle Arznei nichts helfen wollte, da ging die Mutter zu einigen frommen Schwestern, die in klösterlicher Zurückgezogenheit nahe bei der Schnurgassen-Kirche lebten und eine kleine Nachbildung der „Königin des Friedens“, aus demselben Holz wie das Gnadenbild geschnitzt, bewahrten, und bat sie um das Bild für das Krankenzimmer, - ein frommer Gebrauch, der in solchen Fällen die letzte Zuflucht war. Noch am selben Tag Nachmittags kam die eine Schwester und brachte das verschlossene Kästchen mit dem Marienbild; es wurde eine geweihte Kerze angezündet und die Eltern und alle Hausgenossen knieten nieder und beteten den Rosenkranz: „Gott möge es auf Marias Fürsprache, zum einen oder zum andern lenken; wollte Er das Kind zu einem schönen Engel im Himmel machen, dann möge Er gnädig seine Leiden abkürzen und uns Kraft geben, sich Seinem heiligen Willen demütig und still zu unterwerfen!“ Die Schwester betete vor, wir anderen antworteten. Während des Gebetes war das Kind, das bis dahin stets schrie und weinte, ruhiger geworden, die Schwester sprach Trost ein und mahnte zum Vertrauen auf Gottes Huld und Marias Fürbitte, und dann entfernte sie sich leise. Still weinend saß die Mutter an der Wiege, ich kniete zu ihren Füßen auf einem Schemel und freute mich, dass das „Marjännchen“ so ruhig war. Es mag eine halbe Stunde so verflossen sein, da hob die Mutter mich auf und sprach schluchzend: „Gib dem Marjännchen noch einen Kuss und sag ihm, es sollte für dich beten, - der liebe Gott hat es geholt!“

 

So führtest Du, o glorreiche Königin des Friedens, das arme, kranke Schwesterchen ein zum Frieden Deines, seines, unseres Herrn; so erhörtest Du das Gebet, das aus schwerbedrängten Herzen zu dir emporstieg; so bewiesest Du aufs Neue, wie Du in der schmerzvollsten Stunde Deines Erdenlebens das Wort vom Kreuz so gänzlich in Dein heiliges Herz geschlossen hast, das in Johannes uns alle Dir zu Kindern gab! O du überströmende Jesusliebe, wie können wir je nach Würden Dir für dies teuerste Vermächtnis danken! Wie groß musste die Liebe, die mütterliche Zärtlichkeit, die zarte Sorgfalt, die immerwache Teilnahme Marias an allem, auch dem Kleinsten, was Dich, o Jesus, betraf, sein! Wusste Sie doch besser, als irgendjemand hienieden, welchen Schatz aller Schätze sie in ihrem Kind, in Dir besaß; fühlte sie es doch tiefer und mehr, als in alle Ewigkeiten aller Gebornen Seelen es ihr nachfühlen können, wer Du warst und bist, und die aus dieser Erkenntnis entspringende Liebe, deren Fülle keine Sprache auszudrücken vermag, gegen die alle Liebe, die je im Menschenherzen gewohnt hat, zusammen genommen einem glimmenden Öllämpchen gegenüber dem Strahlenmeer der Sonne gleich ist, diese Liebe übergabst Du, o mein Jesus, als letztes Vermächtnis in Johannes uns, deinen Kreuzigern, indem du Maria uns zur Mutter, uns Marien zu Kindern gabst!

 

Wohl mögen wir da mit dem heiligen Barnardus sprechen: „Das war ein schlimmer Tausch, o Maria, Du musstest den Herrn hingeben und den Knecht empfangen, den Meister aufgeben und den Jünger annehmen! Du gabst, o Mutter, den Reinsten der Reinen gegen unwürdige Sünder, den Gott gegen die Menschen, den Schöpfer gegen die Geschöpfe; aber in Deinem Sohn sprach Dein Herr; und wie Er gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, so warst auch Du gehorsam bis zu diesem Umtausch selbst! All Deine Liebe zum Sohn übertrugst Du nun in gleichem Maß, in gleicher Fülle, in gleicher Glut auch auf alle seine Brüder, auf alle durch sein heiligstes Blut Erlösten, die, wie in Adam nach dem Samen fleischlicher Abkunft, so alle in Deinem Sohn nach dem Samen geistiger Abkunft sind!“

 

Wohl bist Du die „Mutter der schönen Liebe“; wohl bewährst Du Dich stets als sie und wirst es, solange ein Herz auf der Erde zu Dir emporfleht, Du, die Du aus dem Brunnen der unendlichen Liebe Dich genährt hast und in Ewigkeit Dich nährest, Maria, o Maria!

 

(Aus: Aus der Kindheit, Erinnerungen von Johannes Laicus)

 

 

Die Bretagner zur Zeit der Revolution

 

(Aus: Die Bewohner der Bretagne von Souvestre)

 

Die Revolution Frankreichs von 1793 verjagte unsern Gottheiland Jesus Christus im allerheiligsten Sakrament aus seinen Tempeln und die allerseligste Jungfrau Maria von ihren Altären. Es wurde der Befehl gegeben, die Kirchen zu schließen und alles zu zerstören, was eine religiöse Bestimmung hatte. Ach, es war ein trauriger Anblick, alle diese Kalvarien-Kreuze fallen und die armen, kleinen Madonnenbilder verstümmelt zu sehen, denen man unter dem grünen Blätterdach der Wälder ihre Ruhestätte zugewiesen hatte. In der Nieder-Bretagne vornehmlich fand die Zerstörungswut reichliche Nahrung. Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass an verschiedenen Orten die Straßen mit Heiligenstatuen gepflastert gewesen sind; es war ein vollständiges Durcheinander von Köpfen, Leibern und Gliedern christlicher Bildwerke. Diese Unglückstage sahen große Profanationen, aber auch edle Züge einer der alten Zeiten würdigen Hingebung und Treue.

 

Die Bretagne hauptsächlich war es, deren passiver, aus einer innerlichen, lebendigen Überzeugung herkommender mutiger Widerstand endlich die Verfolgung selbst ermüdete. Sie gab weder dem Zorn, noch der Furcht nach. Wenn der fromme Landmann vor den ihrer Madonnen beraubten Nischen vorüberging, nahm er traurig-schweigend seinen breitränderigen Filzhut ab, und seinen Weg verfolgend betete er ein andächtiges Ave. Abends saß er mit seiner Familie vor seiner Tür, und blieb dort in tiefem Schweigen sitzen, die Augen auf seine Dorfkirche geheftet, wo er so oft Jesus und Maria angerufen hat. „Ich werde eure Türme abreißen lassen“, sagte Jean Bon Saint-André zum Maire eines Dorfes, „damit ihr keinen Gegenstand mehr habt, der euch an euren vormaligen Aberglauben erinnert!“ „Ihr werdet doch nicht umhin können, uns die Sterne zu lassen“, erwiderte der Bauer; „und man sieht sie weiter als unseren Turm!“

 

Ihre Andacht ohne Altäre bot etwas Exaltiertes, Melancholisches dar, was in sympathetischer Beziehung stand zu den religiösen Ruinen, womit ihre Fluren besät waren. Die heilige Jungfrau Maria, die aus diesen Dorfkirchen verschwunden war, hatte sich unter ihr Strohdach geflüchtet, und man las unten an diesen tönernen Mutter-Gottes-Bildern die Worte: „Heilige Muttergottes, sei die Beschützerin dieses Hauses!“

 

Ich weiß nicht, ob es ein Revolutionär gewagt hat, dies Mutter-Gottes-Bild, das im Schirm des häuslichen Herdes stand, zu zerbrechen, denn hinter den grünen Vorhängen des bretagnischen Pächters lehnte oft ein alter Karabiner; und wenn die Bretagne als das Land religiöser Gefühle sich erweist, so ist sie auch das eines starken und unversöhnlichen Hasses. Es ist ein wenig keltischer Rost auf dem Gold der Tugenden dieser guten Leute; dies Volk steht als das einzige in der ganzen Christenheit da, dem es in den Sinn gekommen ist, den Namen der „barmherzigen Jungfrau Maria“ mit einem Rachegedanken zu vereinigen, und Kapellen unter dem seltsamen, vielmehr druidischen als christlichen Namen „Unserer Lieben Frau vom Hass“ zu errichten. Die Revolution hat aber auch in der Bretagne aufs Allerscheußlichste gewütet. Es hatte die Hölle sich aufgetan.

 

Die Schreckenszeit konnte den Wallfahrten zur heiligen Jungfrau Maria in der Bretagne kein Ende machen. Sie umgab sie nur mit gallischen Formen. Sie fanden statt zur Nachtzeit, über wüste Haiden, wo die Menhiren und Dolmens des Gottes ohne Namen im geisterhaften Dunkel schwebten. Jeder Pilger hielt in der Rechten den Rosenkranz, in der Linken eine Fackel, und alle diese blassen, halb von ihren langen Haaren oder den langen Bändern ihrer weißen Hauben verschleierten Gestalten, schritten langsam über die Haide, ein Loblied auf „Unsere Frau Maria“ anstimmend. Oft schickte eine republikanische Kohorte aus ihrem Hinterhalt am Saum eines Verhaues, oder hinter Dornhecken an einem Hohlweg ihren mörderischen Kugelregen auf die ländliche Prozession. Der bretagnesische Bauer ließ sich dadurch nicht beirren; er fand sich nach ein paar Tagen wieder an derselben Stätte ein. In einer nahen Provinz durchzogen Landleute, die Gott den Herrn vor dem friedlichen Bild der heiligen Jungfrau Maria im Hintergrund irgend einer entlegenen Schlucht anzubeten gingen, in einer Sternennacht die Dörfer, wo ihre Gegner im Quartier lagen, und sangen Loblieder auf die heilige Gottesgebärerin nach der Melodie der republikanischen Gesänge ab.

 

Das ist wahrhaftig die echteste Marien-Liebe und Marien-Treue!

 

 

Die erste Straßenbeleuchtung

 

(Aus: Religiöses Leben im alten Frankreich)

 

Bis auf welchen Punkt im fünfzehnten Jahrhundert die Andacht zu Maria in Frankreich populär geworden war, erhellt daraus, dass es nicht einen Franzosen gab, der, er mochte im Haus, auf der Straße, oder im Feld sein, sich beim ersten Glockenzeichen des Angelus nicht auf die Knie geworfen und sein „Ave“ gebetet hätte.

 

Bei jenen Prozessionen von dreimal hunderttausend Personen, wo die Spitze in St. Denis ankam, während die letzten Reihen sich erst noch in der Vorhalle von Notre Dame zu Paris drängten, wurde die Standarte der Jungfrau Maria von schwarzem Moiré, mit Gold gestickt, höher getragen, als alle anderen Kirchenfahnen, und wehte unmittelbar hinter dem Kreuz. Die Könige und Königinnen, die Bischöfe, die vornehmste Bürgerschaft gehörten zu der Bruderschaft Unserer Lieben Frau, und man sah bei diesen frommen Versammlungen die goldbordirten Mützen der Fürsten, vermengt mit den halb roten halb blauen Kappen der Pariser Bürgerschaft.

 

An jeder Straßenecke zu Paris erhob sich eine kleine Bildsäule Marias, grob geschnitzt aus alterschwarzem Eichenholz und mit einem Schleier von Spitzen bedeckt, aus ihrer Umgebung von Blumen, womit die frommen Seelen des Quartiers sie in aller Frühe und zu der Stunde schmückten, wenn die Trompeten von den Türmen des Chatelet den Morgen verkündigten. Oft galten diese Blumen, die hier vor der Morgendämmerung geheimnisvoll hingestellt wurden, für Gaben der Engel, die, so sagte man, die Christen lehren wollten, wie sie Maria, ihre Königin, ehren müssten. Die Nacht über brannten beständig in diesen kleinen graulichen Nischen Lampen und alle Samstage waren sie vollkommen beleuchtet.

 

Dies war die erste Straßenbeleuchtung.

 

Ohne Zweifel war diese erste Straßenbeleuchtung zum Preis und zur Verherrlichung Marias nicht so klar wie diejenige, die heutzutage unsere Städte zur Nachtzeit erhellt; dennoch hat sie einen Vorzug vor der unsrigen: ein frommer Gedanke, vollkommen geeignet, auf ein gläubiges Volk segensreich zu wirken, lebte ja darin. Die mystischen Lampen der Madonna, die wie ein lichter Sternenkranz zwischen Blumen hie und da schimmerten, schienen dem Bösewicht, der nachts umherstreifte, um Taten der Finsternis zu begehen, zuzurufen: „Es wacht über dieser schlummernden Stadt, diesen öden, schweigenden Straßen, ein Auge, das sich nie schließt: das Auge Gottes, und eine Sorge, die nie ermüdet: die heilige Muttersorge Marias!“

 

Diese kleinen Madonnen an den Straßenecken waren, obgleich nicht geschmückt wie jene, die, aus massivem Silber gegossen, auf Altären von Gold und Marmor standen, dem Volk dennoch ungemein wert. Junge Leute wanderten in Prozession aus allen Quartieren dahin, barfuß und blumenbekränzt, und sangen Litaneien von der allerseligsten Jungfrau Maria; jedermann folgte dem Zug, das Wetter mochte sein, wie es wollte, und oft war die Menge so groß, dass man sich kaum durch die Straßen drängen konnte.

 

Oft geschah es auch, dass diese Madonnen aus ihren steinernen Nischen herabgenommen wurden, und von der Straße zu einer vornehmeren Bestimmung in reiche Kapellen wandern mussten, wo die Könige, von der öffentlichen Stimme dahin gezogen, die heilige Muttergottes vor ihrem wundertätigen Bildnis zu verehren kamen.

 

 

Der Neapolitaner naive Frömmigkeit

 

(Aus: Rom in seinen drei Gestalten von Dr. J. Gaume, 1847)

 

Die Frömmigkeit nimmt in ihren Äußerungen gewöhnlich den Charakter der Völker oder der Persönlichkeiten an; kälter und mehr innerlich in Frankreich, ist sie herzlicher und lebhafter nach außen sich zeigend in Italien.

 

Davon aus Neapel nur drei Beispiele:

 

1. Ich sah in Gesu Vecchio eine Frau aus dem Volk, die bald kniete, bald saß und ganz laut zur heiligen Jungfrau Maria sprach, deren wundertätiges Bild den Hochaltar krönt. Die Augen beständig auf Maria gerichtet, nannte sie sie geradezu: „Mamma! Mamma!“ erzählte ihr mit Kindeseinfalt ihre häuslichen Bedrängnisse, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen, dann weinte sie, dann schickte sie ihr Küsse zu, dann brachte sie ihr wie mit Psalmesworten Huldigungen der Ehrfurcht und Liebe dar, und endigte, um wieder zu beginnen, indem sie hinzufügte: „Ich habe Dir nunj alles gesagt; tu Du nun nach Deinem Wohlgefallen; ich gehe; ich verlasse mich auf Dich, hörst Du? addio Mamma! Mamma adio!“ – Jetzt ging sie, indem sie ihr noch andächtig einen letzten Kuss zuschickte.

 

Was diese arme Frau tat, taten zwanzig andere in derselben Zeit; niemand achtete darauf; so natürlich ist dem frommen Volk von Neapel die eben bezeichnete Art zu beten.

 

2. In der höheren Klasse der Gesellschaft bewahrt die Frömmigkeit und besonders das kindliche Vertrauen zu Maria denselben Charakter des lebendigen Glaubens und der rührenden Herzlichkeit.

 

Einer der ausgezeichnetsten Beamten Neapels hat für seine Familie ein sehr geschätztes Werk geschrieben, worin er in folgender Weise zur heiligen Jungfrau Maria spricht: „Du findest vielleicht, meine Mutter, dass Du mir schon vieles gegeben hast! Erlaube gütigst, dass ich heute mit Dir zusammen rechne! – Alle Gesetze der Welt bieten, in Übereinstimmung mit der Natur, selbst den Kindern ein heiliges Recht auf alle Güter ihrer Mutter, besonders wenn diese Güter der Mutter nur in Anbetracht ihrer Kinder gewährt worden sind. Da dieser Grundsatz fest steht, so siehe nun, wie reich Du bist! Deine Reichtümer sind nicht Schatzkammern, sondern unerschöpfliche Minen! Du bist die Königin des Himmels und der Erde, die Spenderin der Gnade, die Mächtige, der Gott selbst gehorcht! Nun aber bedenke wohl, ich bitte Dich, dass alle diese Güter Dir nicht einzig nur um deinetwillen verliehen worden sind, sondern auch für Deine Kinder, folglich auch für mich, den letzten von allen! Und was wärst Du, ohne die Sünder, wie auch ich einer bin? Ist nicht der eingeborene Sohn Gottes Mensch geworden und hat Dich zu seiner Mutter auserkoren, um uns mit seinem Blut teuer vom ewigen Tod zu erkaufen? Di siehst also, dass alles, was Du besitzt, mir gleichfalls angehört! Was Du mir aber bis jetzt gegeben hast, ist nichts im Vergleich mit dem, was Du besitzt! – Du bist mir also noch schuldig, und zwar sehr viel! Was kannst Du da antworten?“

 

Und an einer anderen Stelle spricht er: „Vernimm mich, meine Mutter Maria! Du musst mir gewähren, um was ich Dich bitte! Schlügest Du es mir ab, was würde man von Dir sagen? Entweder: Du hast mich nicht erhören können, oder: Du hast mich nicht erhören wollen! Dass Du es nicht vermochtest, wird niemand glauben, denn man kennt Dich zu gut; dass Du nicht gewollt habest, würde ich, ich gestehe es, noch unlieber hören, als dass Du nicht vermocht hättest! Wie, meine Mutter, Mutter der Gnade, der Barmherzigkeit und Milde, Du solltest eines Deiner Kinder nicht erhören wollen?“

 

Kann ein Sohn vertraulicher und vertrauensvoller mit seiner irdischen Mutter reden, als hier ein frommer Christ mit seiner geistigen Mutter, mit Maria, der Mutter Jesu, spricht? – Wie hehr ist diese Kindlichkeit des lebendigsten Glaubens!

 

3. Die Neapolitaner sind ein heißblütiges, leidenschaftlich-heftiges Volk und lassen sich dadurch oft zu großen Unordnungen hinreißen, und zwar so lange, bis die Religion wieder in ihrem Herzen die Herrschaft beginnt; dann aber gehen sie in sich, schlagen an ihre Brust, leisten die möglichste Genugtuung für das begangene Unrecht, und suchen gerecht fortan unter dem erflehten Schutz der Madonna zu leben und dann auch gottselig zu sterben.

 

Die Dolche nun, die man als Votiv-Gaben zuweilen vor den Altären der heiligen Jungfrau Maria hängen sieht, sind ein Beweis für diese Tatsache und eine Huldigung an die Macht der Religion. In jedem Land lässt der geheilte Hinkende seine Krücke vor dem Altar seines Besitzers; dies ist ein Denkmal der Güte des einen und der Dankbarkeit des andern.

 

In Neapel legt der Rachsüchtige oder gar Mörder, dieser moralisch Kranke, den die heilige Muttergottes, die „Königin des Friedens“, geheilt hat, die Mordwaffe vor dem Bild seiner Befreierin nieder. Bei einem solchen Anblick seufzt man allerdings über die menschliche Leidenschaftlichkeit und deren traurige Verkehrtheit; aber man bewundert und preist auch die Macht der Religion, ohne die einer dieser Dolche vielleicht für den gezückt gewesen wäre, der eben vor Marias Altar hinschreitet, um ihr ein herzliches „Ave“ zu bringen!

 

 

Macherlohn für das innere Marienkleid

 

(Aus: Beispiele der allerseligsten Jungfrau Maria)

 

Ein Hirt auf einem Landgut hatte eine Tochter, die als eine fromme und reine Jungfrau ihrem Vater die Herden weiden half. Es erhob sich aber auf dem Weideplatz ein einsames und verlassenes Kirchlein, in dem sich die genannte Jungfrau öfters begab, und vor dem Bild der heiligen Muttergottes ihr Herz in Gebeten ausgoss. Man hatte nämlich dieses Kirchlein zu Ehren der glorreichen Himmelskönigin eingeweiht, und es befand sich darin ihr schönes Bildnis, wie sie, die Gebenedeite des Herrn, das Jesuskindlein in den Armen hält.

 

Dieses ganz verlassene und von den Gläubigen gar nicht mehr besuchte Kirchlein sah auch nach und nach die Kleider Marias und das sonstige Beiwerk zu dessen Verzierung, womit man früher das holde Bild geschmückt hatte, verblassen und verwittern. In seinem vernachlässigten Anzug stand es jetzt gar kläglich da, und nur mit wehmütigen Blicken konnte man es ansehen.

 

Während nun eines Tages die Hirten-Jungfrau vor dem Bild Marias längere Zeit kniete und ihre gewohnten Gebete verrichtete, wurde sie gar sehr durch die Ärmlichkeit der Muttergottes gerührt, und brach in Tränen des Mitleids aus, wobei sie die Worte sprach: „O Himmelskönigin, du Mutter meines Herrn Jesus Christus, wie erscheinst du in so ärmlichem Anzug! Wohl habe ich nichts, womit ich dich bekleiden und schmücken könnte; aber was mir fehlt an äußerer Kleidung, will ich ersetzen, so viel ich kann, durch meine inbrünstigen Gebete, durch das innere Gewand meiner Seele; und ich wage es, dich durch meine Gebete mit einem solchen Kleid zu umhüllen, wie es sich für eine solche Königin geziemt, geschmückt zu werden!“

 

Als die Hirten-Jungfrau in dieser Andacht zur heiligen Jungfrau viele Jahre zugebracht hatte, gefiel es Maria, ihr für diesen treu erwiesenen Dienst Vergeltung angedeihen zu lassen. Die Jungfrau wurde krank und musste das Bett hüten.

 

Zu derselben Zeit, als zwei Ordensbrüder durch den Wald des Landgutes, in dessen Gegend jenes Marienkirchlein lag, wanderten, wurde einer von ihnen, und zwar gegen seine Gewohnheit, vom Schlaf überfallen, so dass er sich nicht mehr desselben erwehren konnte. Er sprach deshalb zu seinem Genossen: „Ich muss ein wenig schlummern!“ Der andere aber entgegnete: „Bruder, wenn wir hier länger verweilen, wie werden wir aus diesem Wald, der, wie ihr selbst wisst, von vielen Räubern bewohnt wird, kommen? Wir gehen ja geradezu den Mördern und dem Tod entgegen!“ Jener indes antwortete: „Wenn ich mich nicht durch einen Schlaf erquicke, wenn er auch noch so kurz sein mag, bin ich nicht mehr im Stande, weiter zu gehen!“ Mit diesen Worten verfiel er schon in den Schlaf. Der andere blieb jedoch bei ihm sitzen, nahm ein Buch hervor und begann zu beten.

 

Während er so im Gebet versunken dasaß, siehe! da erblickte er von Ferne eine große Schar der schönsten Jungfrauen in kostbaren Gewändern, die näher zu kommen schienen. Aus Ehrfurcht vor ihnen, wie es sich geziemt, erhob er sich. Sie verneigten sich stillschweigend und verschwanden. Nach dieser sah er eine andere Schar, die an Schönheit die erste weit übertraf, in weißen Kleidern herannahen, die, gleich den ersten, vor ihm sich verneigten und stillschweigend vorüber gingen. Nach dieser, sieh! da nahte sich eine dritte Schar, die die vorangehenden an Herrlichkeit noch weit mehr überstrahlte; ihre Kleider waren purpurrot und ihnen folgte eine glorreiche Jungfrau nach, deren Antlitz von einer unglaublichen Lieblichkeit erstrahlte. Sie war nämlich ringsum mit weißen und roten Rosen verziert, und trug einen Kranz von Blumen auf dem Haupt, die nach ihrem Schillern, ihrer Farbenpracht und ihrem Wohlgeruch im Paradies selbst gepflückt zu sein schienen. Der Bruder erhob sich und verbeugte sich demütig und bat sie: sie möchte ihm doch offenbaren, welch eine glorreiche Königin sie sei?

 

Als sie sein sehnsuchtsvolles Verlangen sah, wandte sie sich mit Herablassung zu ihm und antwortete ihm also: „Ich bin Maria, die Muttergottes; ich verstoße keinen Sünder, der in Demut mich um meine Fürbitte bei Gott anruft!“ Nun wünschte er auch zu wissen: wer diese so anmutigen Jungfrauen gewesen sind, die ihr vorausgegangen waren? Maria entgegnete: „Es waren dies Jungfrauen, die bis zu ihrem Tod ihre Jungfrauschaft rein bewahrt haben. Die erste Schar, die du gesehen hast, deren Kleider buntfarbig waren, sind Jungfrauen, die in der Welt lebten, so dass sie gleichsam zwischen der Jungfrauschaft und zwischen der Ehe mit zweifelnder Seele hin und her schwebten. Die zweite Schar, die du gesehen hast, mit den blendend weißen Kleidern, sind die Jungfrauen, die auf der Erde meinem Sohn und mir ihre Jungfrauschaft geweiht und mit unserer Hilfe bis in den Tod unbefleckt bewahrten. Deshalb überglänzt ihre Herrlichkeit um vieles die Herrlichkeit der ersteren. Die dritte Schar, die du gesehen hast, sind Jungfrauen, die nicht nur, meinem Beispiel nachfolgend, die Jungfrauschaft gelobten, sondern sie auch im Märtyrium mit dem Blut, das sie aus Liebe für ihren Bräutigam Jesus Christus vergossen haben, geschmückt; und diese haben es verdient, alle übrigen an Glorie zu übertreffen.“

 

Da die huldreichste Himmelskönigin Maria auf so liebevolle Weise durch ihre Antworten dem besagten Bruder Aufschluss gab, bat er noch in Demut, dass sie ihm auch mitteile: Wohin sie sich mit diesen Scharen und in so festlichem Zug begebe? Und Maria sprach: „Wir wandern in das nächste Landhaus, um dort eine Hirten-Jungfrau, die auf den Tod krank darniederliegt, zu besuchen, und sie, ob der Hingebung und dem Eifer, mit dem sie mir gedient hat, meinem Gefolge einzureihen; denn sie hat mich, wie du ja siehst, mit diesem himmlischen Kleid durch ihre demütige Andacht geschmückt. Darum haben wir beschlossen, dorthin zu gehen und die Jungfrau zu besuchen.“

 

Bei diesen Worten verschwand sie vor den Augen des entzückten Bruders.

 

Nachdem er seinen Gefährten vom Schlaf aufgeweckt hatte, erhob er sich und sagte zu ihm mit freudeerfülltem Herzen: „O Bruder, ich bin durch einen heilsamen Schlaf erquickt worden; ich sah nämlich im Schlaf dasselbe, worüber du dich freust, es im Wachen geschaut zu haben. Wir wollen also aufbrechen, um im letzten Stündlein dieser Jungfrau bei ihr zu sein und zu gewahren, wie sie aus dieser Welt scheidet!“

 

Sie gelangten also zu dem Landhaus und fragten dort genau nach: ob nicht eine kranke Jungfrau da sei? Alle jedoch antworteten ihnen, sie wüssten nichts von einer kranken Jungfrau. Darüber wurden die Brüder traurig, vermeinten, sie hätten sich getäuscht und wollten wieder davon ziehen. Plötzlich begegnete ihnen ein Mann, der ihnen sagte: dass die Tochter eines Hirten, der ganz am Ende des Dorfes ein armes Hüttlein bewohne, an einer schweren Krankheit darnieder liege. Diese Nachricht erfüllte die Brüder mit Freude, und sie eilten hin, fanden da die Jungfrau ganz allein auf einem armen Strohlager und grüßten sie in Ehrfurcht. Die Jungfrau aber sagte zu ihnen: „Brüder, entblößt eure Häupter und bittet den Herrn, dass er euch schauen lasse, was ich sehe, die herrliche Schar der Jungfrauen nämlich, die sich so huldvoll um mich versammelt hat!“ Auf diese Worte fielen die Brüder auf die Knie nieder, entblößten ihr Haupt und beteten; und sie sahen alle Jungfrauen hier beisammen, die im Waldesgrund an ihnen vorübergegangen waren, und Engelscharen und die Himmelskönigin Maria, schöner und leuchtender als alle übrigen Gestalten. Und Maria trug auf ihren Händen einen Kranz von wundersamer Schönheit, der für die Hirten-Jungfrau bereitet war, und alle sangen in einstimmigen Weisen, in unaussprechbar lieblicher Harmonie das zum Himmel hinaufklingende Sterbelied. Die süße Melodie des Liebesgesanges der Himmlischen lockte die reine Seele der Jungfrau aus ihrem unbefleckten Leib. Maria, die allerseligste Muttergottes, setzte der Erde Entrückten den Rosenkranz, den sie in den Händen trug, auf das Haupt, und sie wandelten mit wonnigstem Ergötzen in den Himmel zurück und führten mit sich zur ewigen Glorie die Seele der Hirten-Jungfrau.

 

Als so überschwänglich reich und seligmachend erwies sich der Macherlohn, den Maria der Hirten-Jungfrau für das innere Kleid darbot, welches das fromme, kindliche Gemüt liebesorgfältig ihr bereitet hatte.

 

Die Lilie von Quito

 

(Aus: Philothea, eine religiöse Zeitschrift)

 

Marianna von Jesus ist am 10. November 1618 zu Quito in Südamerika aus dem Geschlecht Paredes y Flores, und zwar an einem Samstag, also am Tag der Mutter des Herrn, geboren. Während ihrer Geburtsstunde strahlte über dem Haus ihres Vaters ein hellleuchtender Stern in ungewöhnlichem Glanz, der gleichsam als Prophet ihre zukünftige Frömmigkeit vorgedeutet hat. Die ersten Worte, die dieses Gnadenkind sprach, waren: „Ave Maria!“

 

In ihrem frühesten Lebensalter schon des Hauses Vorbild und schönste Zierde, suchte sie sich mit ihren jungen Gefährtinnen heimlich aus der Heimat fortan zu entfernen, um bei einer Marien-Kapelle an einem abgelegenen Ort ein einsames, gottgeweihtes Leben zu führen.

 

Nicht weit von Quito nämlich, am Abhang des Pinchincha, steht eine Bildsäule der allerseligsten Jungfrau Maria. Die Bewohner der Stadt haben sie daselbst aufgerichtet, um sich dadurch gegen die drohende Gefahr des feuerspeienden Berges zu schützen.

 

Marianna von Jesus, nun gewahrend, dass dieses Bild, sonst so hoch verehrt, jetzt beinahe vergessen sei, dass niemand mehr hingehe es zu begrüßen, oder die kleine Kapelle, wo es stand, zu unterhalten, beschloss, diese Vernachlässigung wieder gut zu machen, und selbst dahin zu pilgern, um dort, ihrem Verlangen nach Einsamkeit folgend, ein von der Welt abgeschiedenes Leben zu führen. Ihre kleinen Gefährtinnen, denen sie ihr Vorhaben mitteilte, billigten dasselbe höchlich und der neue Verein von Einsiedlerinnen beschloss nun: damit sie unerkannt von den Einwohnern Quitos bei der Marianischen Gnadenkapelle wohnen könnten, wollten sie ihr Angesicht mit Glasstückchen aufritzen und Kohlenstaub in die Ritzen streuen, um unkenntlich zu bleiben. Eine von ihnen sollte von Zeit zu Zeit nach Quito geschickt werden, um da im Bettlergewand von Tür zu Tür Brot zu erflehen für die „armen Mägde Marias“ – denn diesen Namen wollten sie sich geben. Gesagt, getan! – Donna Girolama, die Schwester Mariannas, in deren Haus sie sich nach dem frühen Tod ihrer Eltern befand, hatte gerade, um etwas Notwendiges zu besorgen, das Haus verlassen; da brachen die Mädchen auf und gingen eilends dem Berg zu.

 

Bereits hatten sie die Stadt ziemlich weit im Rücken und den Wald des Gebirges zur Seite, da sprang aus dem Gebüsch ein wilder Stier mit vorgehaltenen Hörnern auf die Mädchenschar los. Furchtsam sprangen diese in eine nahe gelegene Grube, und der Stier, sie nicht mehr gewahrend, ging in den Wald zurück. Da die kleine Pilgerschar sich sicher glaubte, kam sie aus ihrem Versteck hervor, die Wallfahrt fortzusetzen. Aber sobald das wilde Tier sie bemerkte, rannte es ihnen aufs Neue entgegen, und so jedes Mal, so oft sie den Versuch weiter zu gehen machten. Nach einem kurzen Gebet sprach endlich die Führerin Marianna von Jesus zu ihren Gefährtinnen: „Gott will nicht, dass wir uns in diese Einsamkeit begeben; er befiehlt, dass wir in unsere Heimat zurückkehren; Ihm müssen wir gehorchen!“ – So trat die kleine Schar wieder den Rückweg an und gelangte ohne weiteres Missgeschick nach Hause.

 

Marianna von Jesus wusste sich für diese gesuchte, aber von Gott nicht genehmigte Einsamkeit zu entschädigen. Mit der Erlaubnis ihres Beichtvaters bezog sie später, nachdem sie ihr väterliches Erbe unter die Armen verteilt hatte, eine Einsiedelei in dem Haus ihrer Schwester, wo sie in Gebet und Betrachtung und in Ausübung der strengsten Bußwerke Jesus, ihrem himmlischen Bräutigam, dem sie sich mit dem Gelübde der immerwährenden Keuschheit aufgeopfert hatte, und Maria, ihrer geliebtesten Mutter, bis zu ihrem Tod diente.

 

Sie starb – sechsundzwanzig Jahre alt – am 26. Mai 1646.

 

Nochmals wurde auf dem Platz, auf dem das Haus der Marianna von Jesus stand, ein Kloster für Nonnen des Karmeliter-Ordens gegründet.

 

Oft verspürte man längere Zeit hindurch bald da, bald dort im Kloster einen gar lieblichen Wohlgeruch, wie von Lilien ausduftend. Die Bewohner des Gotteshauses und die obrigkeitlichen Personen, die dahin kamen, um von dieser Tatsache sich zu überzeugen, wussten das wohl zu deuten. Denn gleich am Tag nach dem Tod der gottseligen Marianna von Jesus hatte man im Garten des Hauses, der nie solche Blumen hervorgebracht hatte, eine süßduftende Lilie gefunden, wunderbar aus dem Bassin erwachsen, in welches man – aus Verehrung zu der noch lebenden Jungfrau – das Blut von einem Aderlass geschüttet, den man an ihr vorgenommen hatte. Als man den Stein des Bassins hob, da zeigte es sich, dass die Blume ohne irgendwie eine Wurzel zu haben, wundersam aus dem Blut der Seligen entsprosst war. Man pflückte den Lilienstängel und legte ihn in die Arme einer Statue der allerseligsten Jungfrau Maria. Eine andere Blume wuchs alsbald nach; das Volk aber nannte fortan Marianna von Jesus die „Lilie von Quito“.

 

Wie die gar fromme Jungfrau in ihrem ganzen Leben die innigste Liebe und Verehrung gegen die gebenedeite Mutter des Herrn äußerte, so geschah es auch am Schluss desselben, und mit Gottes besonderer Zulassung selbst noch nach ihrem Verscheiden.

 

Sterbend bat sie noch, dass man sie zu den Füßen des Altars Unserer Lieben Frau von Loretto in der Jesuitenkirche ihrer Vaterstadt begraben möge. Als man nun die Bahre, auf der die Hingeschiedene lag, durch das Portal der Kirche gebracht hatte, gewahrte man mit Staunen, wie die Tote ihre Augen geöffnet und auf das Bild Unserer Lieben Frau von Loretto geheftet hielt, das an dem nämlichen Tag auf dem Hochaltar zur Verehrung aufgestellt war.

 

Marianna von Jesus, die „Lilie von Quito“, ist am 10. November 1853 durch Papst Pius IX. in die Zahl der Seligen aufgenommen worden.