Marien-Sinn

 

Kein Geringerer als der Erfurter Mönch und Priester Martin Luther, der immerhin in Rom auf den Knien noch die "Heilige Stiege" erklommen hat, um den einen oder anderen seiner verstorbenen Angehörigen oder Freunden aus dem Fegfeuer zu befreien, hat noch in den Anfängen seines reformatorischen Auftretens das Lob der Gottesmutter gesungen, als er unter Heranziehung des Magnifikat dem jungen Herzog Johann Friedrich von Sachsen eine Mahnung, wie er gottgefällig regieren könne, schrieb: "Es ist kein unbilliger Brauch, dass in allen Kirchen dies Lied täglich in der Vesper, dazu mit besonderer ziemlicher Weise vor anderem Gesang gesungen werde. Diese selbige zarte Mutter Gottes wolle mir erwerben den Geist, diesen ihren Gesang nützlich und gründlich auszulegen." Wie innig und gemütvoll - in einem noch aufrichtigen Marien-Sinn - er das dann tat, wird gerade der mariengläubige Katholik mit Nutzen nachlesen. "Die hochgebenedeite Mutter Gottes", so redet er den jungen Fürsten an, "singet fürwahr hierin aufs allerlieblichste von der Gottesfurcht und was Gott für ein Herr sei, besonders welches sein Werk sei in hohen und niedrigen Ständen. Lass einen andern seiner Metze zuhören, die da ein weltlich Lied singt; ein Fürst und Herr höret billig dieser züchtigen Jungfrau zu, die ihm ein reines geistliches Lied singt."

So war trotz des eintretenden schrecklichen Bildersturms, der so viele herrliche Marienaltäre und -bilder in deutschen Landen zerstörte und damit unendlich viel Leid und Tränen hervorbrachte, die Volksseele in der Tiefe mittelalterlich-mariengläubig. Und selbst im calvinischen England war die Marien- und Heiligenverehrung nicht zu verdrängen, obschon Calvin, der abgefallene katholische Priester, gerade die Marienverehrung als abscheulichen Götzendienst schmähte, die Heiligenlegenden zu Heiligenlügen stempelte und Königin Elisabeth und ihre Nachfolger diese Verehrung verboten. Der eigentliche innere Abfall von Maria wurde in Deutschland erst Tatsache, als der theologische Einfluss Calvins auf den lutherischen Protestantismus stärker hervortrat. Von da an begegnet uns die von Luther gepriesene "Gottesmutter" des Magnifikat im Rahmen der neuen Lehre nicht mehr.

Lassen wir den reformierten Theologen, Pfarrer und Schriftsteller Walter Nigg zum Stichwort "Bildersturm" zu Wort kommen, der in seinem Buch "Vom beispielhaften Leben" über "Die einsam dastehende Maria-Figur" nachdenkt:

 

"Seltsam, höchst seltsam ist der Eindruck, wenn man eine moderne Betonkirche betritt. Kahle Wände starren dem Besucher entgegen, und der nackte Stein verursacht beinahe ein seelisches Frösteln. Für den Erbauer scheint der Lichteinfall oft das einzige Problem gewesen zu sein, das ihn interessierte. Von Geborgenheit ist in den nüchternen Mauern nicht viel zu spüren, dazu sind sie zu kühl. Der rationale Eindruck lässt nicht die geringste mystische Atmosphäre aufkommen, die man oft in den kleinen romanischen Kirchen empfindet, in denen man unwillkürlich an die Worte denkt: "Mein Name soll daselbst wohnen." An die Stelle des Bewußtseins der unsichtbaren Gegenwart Gottes ist im modernen Raum eine Sachlichkeit getreten, die jedes Gefühl für das sakrale Geheimnis ausschließt.

In einer Ecke, etwas abseits vom Altar, steht gewöhnlich noch eine einsame Maria-Figur. Sie scheint allein übriggeblieben zu sein. Von den Heiligen nimmt man keine Spur mehr wahr. Sie sind dem blindwütigen Bildersturm zum Opfer gefallen. Nur Maria hat ihn überstanden.

Die Leere, die den Besucher einer Betonkirche entgegengähnt, veranlasst uns, in einer Bank Platz zu nehmen und über die einsam dastehende Maria-Figur nachzudenken. Hat sie wirklich allein den Kahlschlag überstanden? Wagte man es nicht, sie ebenfalls zu entfernen, weil sie vielleicht in der Kirche eine zu bedeutsame Stellung einnimmt? Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie stillschweigend hinausgetragen wird, weil angeblich das Bild vom zornigen Gott sich in den liebenden Vater gewandelt hat, so dass sich jetzt die Marienverehrung erübrigt? Ist die Wahrnehmung richtig, dass man nur noch ganz selten eine Marienpredigt zu hören bekommt? Hat man nicht auch in der Liturgie Veränderungen vorgenommen, aufgrund deren es fraglich ist, ob nun die heilige Jungfrau während des Gottesdienstes anwesend ist? Was bedeutet mir persönlich Maria? Unsere Meditation beginnt mit all diesen Fragen, und es ist angebracht, lange nachzudenken, weil sich gar viele Gesichtspunkte darbieten und nur alle zusammen eine Antwort ermöglichen . . .

Wenn die Christenheit auf das Marianische verzichtet, so wird sie zu einer ausschließlichen Männerkirche, in der Intellekt, Wille und Tatkraft den Ausschlag geben. Dann wird es wohl in ihrem Raum noch kälter, genau wie in einer Wohnstube, in der die Seele fehlt, nachdem die Mutter des Hauses gestorben ist. Wenn die Liebe und die Wärme bleiben sollen, dann dürfen wir das weiblich-mütterliche Element nicht preisgeben, das in Marias Ja zur Engelsbotschaft den strahlenden Ausdruck findet. Es ist durchaus notwendig, dass wir eine Kirche bleiben, in der Männer und Frauen sich geborgen fühlen und ehrfürchtig zu dem marianischen Gefäß aufblicken, in dem Gott Wohnung nahm.

Ich schließe mit einer Anekdote. Mein Namenspatron, der heilige Walter, war im elften Jahrhundert ein benediktinischer Abt in Cluny, der sich seiner Wahl aus Bescheidenheit durch Flucht zu entziehen versuchte. Es soll jetzt nicht das Leben dieses Heiligen erzählt, sondern nur eine Begebenheit daraus erwähnt werden. Einmal wurde dem Abt eine Marien-Erscheinung zuteil. Am darauffolgenden Tag zweifelte Walter ernstlich, ob Maria ihm auch wirklich erschienen sei oder ob er es sich bloß eingebildet habe - ein typisch männliches Verhalten! Da erschien ihm Maria zum zweiten Mal. Diesmal aber gab sie ihm um seiner Zweifelssucht willen eine schallende Ohrfeige. Diese war so heftig, dass man ihre Spuren noch tagelang auf seiner Wange feststellte, was von seinen Mitbrüdern auch eifrig bemerkt wurde. Mit dieser Tat offenbart sich Maria von einer neuen, uns gänzlich ungewohnten Seite: die kämpferische Jungfrau ist nicht weniger eindrücklich als die süße Mutter. Der Backenstreich aus der Legende des heiligen Walter hat für uns die Bedeutung eines Zeichens. Treiben wir es nicht zu weit mit der einsam dastehenden Maria-Figur. Wenn wir weiter so unbekümmert an Maria vorübergehen, könnte es unerwartet eine neue Ohrfeige von anderem Ausmaß absetzen. Ohne Bild gesprochen, es könnte die Christenheit ein Schlag treffen, der die Form einer Katastrophe, eines Zusammenbruchs, einer Heimsuchung annimmt. Der Anfang ist in der sich ausbreitenden Verwirrung im Raum der Kirche schon zu erkennen.

Ich möchte meine Ausführungen jedoch nicht mit einer Drohung schließen, da es mir um die Liebe zu Maria geht. Wir erheben uns deshalb von der Kirchenbank, treten wieder in das helle Tageslicht hinaus und nehmen Marias Bild im Herzen mit uns, indem wir beglückt leise die Verse von Novalis vor uns hinsprechen:

 

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.

 

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mit ewig im Gemüte steht."

 

Von der Verehrung der heiligsten Jungfrau ist auf jeden Fall zu sagen, dass sie von den verschiedenen Wellen der Frömmigkeit, die in der Geschichte der Kirche wahrnehmbar wurden, nicht betroffen oder gemindert wurde. Mochte ein Heiliger noch so volkstümlich werden: über ihm und über allen anderen Heiligen wurde stets der Gottesmutter die größere Ehre und das vollkommenere Vertrauen zuteil, in den Offenbarungen, Legenden, Wallfahrten, in der bildenden und redenden Kunst, so sehr sogar, dass man immer wieder Veranlassung hatte, Anzüglichkeiten über die angebliche Anbetung Marias in der katholischen Kirche in die Schranken zu verweisen. Wer beispielsweise die Tiefe des mittelalterlichen Denkens, Empfindens und des damit verbundenen "Marien-Sinnes" kennen lernen will, dem wird dies erschlossen aus der Innigkeit gerade der Marienbilder, -gebete und -lieder, die ein Hauch aus der anderen Welt umschwebt.

Matthias Hergert