Der heilige Kreuzweg

Die Kreuzwegandacht führt uns möglichst greifbar das Leiden und Sterben des Herrn vor Augen und regt uns dazu an, dieses Leiden andächtig, dankbar und reumütig zu betrachten. Die Eigenart dieser Andacht besteht darin, dass sie das Leiden des Herrn in Teile, in 14 Stationen zerlegt, die auch äußerlich in unseren Kirchen durch Kreuze und Bilder dargestellt werden, und dass man beim Beten nicht stillstehen darf, sondern von Station zu Station gehen muss. Es ist leicht zu erraten, wo diese Andacht ihren Ausgang nahm, vom wirklichen Kreuzweg in Jerusalem, den der Herr einst selber gegangen ist und den fromme Pilger schon in alten Zeiten gerne betend und betrachtend nachgingen. Manche Pilger brachten dann diese Andacht mit nach Hause, errichteten in der Heimat Nachbildungen der Stationen und da seit dem 14. Jahrhundert die Franziskaner die Hüter der heiligen Orte in Jerusalem waren und außerdem nach dem Vorbild ihres Ordensstifters, der doch die Wundmale Christi trug, die Andacht zum leidenden Heiland auch sonst eifrig pflegten, so waren sie es vor allem, die die Kreuzwegandacht im Abendland populär machten. Ihre genauere Form freilich schwankte noch lange Zeit, und vor allem waren es früher meist nur 7 Stationen, wie wir es mancherorts noch sehen können. Erst seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts setzten sich dann die 14 Stationen allgemein durch. Damals brachte man in den meisten Kirchen die Kreuzwegstationen an und bald wurde es auch üblich, die 14 Stationen auf den Wegen zu besuchten Wallfahrtskirchen oder sonst an steilen Bergwegen aufzustellen, ein sehr sinnreicher Brauch, der uns bei jedem mühevollen Schritt tröstend und aufmunternd an den schweren Weg erinnert, den unser Erlöser unter der Last des Kreuzes gehen musste.

 

Es ist schon oft erwähnt worden, dass die Frömmigkeit der katholischen Christen zum Unterschied von der mehr abstrakten Religionsausübung etwa der Protestanten gern sinnfällige Formen schafft, zu künstlerischem Ausdruck drängt, das ganze Volkstum befruchtet und mit ihren Hausmalereien, Brunnenfiguren, Feld- und Wegkreuzen, Marterln, Kapellen usw. sogar den Charakter der ganzen Landschaft beeinflusst und mitformt. Von den vielen Kreuzwegen kann man das in ganz besonderer Weise sagen, und so ist es sinnvoll, dass wir nicht nur in den Gotteshäusern, sondern auch in der freien Natur immer wieder daran erinnert werden, wie viel der Herr für uns gelitten hat und wie sehr wir Ursache haben, ihm unsere kleinen Mühen, ja jeden Schritt und Tritt als bescheidene, aber dankbare Gegenleistung aufzuopfern.

 

Am allerbesten passt die Kreuzwegandacht in die Fastenzeit, und dort wird sie an den meisten Orten auch in der Kirche abgehalten. Aber als dankbare Erinnerung an das Leiden Christi und an die Gnade der Erlösung, als Mittel, uns in das Leben und Leiden des Herrn zu vertiefen und uns mit ihm im Geist zu vereinigen, passt sie schließlich überallhin, und besonders derjenige wird aus ihr Trost und Kraft schöpfen, für den das ganze Erdenleben ein Kreuzweg ist, den Kummer und Sorgen drücken, der von Unglück und Krankheit heimgesucht wird, denn keinem wird der Kreuzweg so lebhaft wie ihm das Wort des Herrn in Erinnerung rufen: "Wer sein Kreuz nicht trägt und mir nicht nachfolgt, kann mein Jünger nicht sein."