Marianische Orden

 

Stimm die Harfe, du meine Seele,

Richte sie her zu dem süßesten Klang,

Und die schönsten der Lieder wähle,

Sie zu besingen mit festlichem Sang!

 

Sie, die reinste unter den Frauen,

Sie, die Mutter des höchsten Herrn,

Die in den seligen, lichtvollen Auen

Strahlet als himmlischer, glänzender Stern.

 

O, wie dein Name so lieblich klinget,

Mild wie lindernder Balsam im Schmerz;

Ob man ihn nennet, ob man ihn singet,

Immer ja tröstet, erquickt er das Herz!

 

Fürchterlich wüten um`s Schifflein die Wogen,

Brausen mit wilder, grausiger Macht,

Und hinauf zu des Himmels Bogen

Schallet „Maria!“ es durch die Nacht

 

Und sieh! über den tobenden Fluten

Hebt sich`s strahlend in leuchtender Fern,

Maria ist es, die Mutter, die Gute,

Lichtvoll erglänzend als Meeresstern.

 

Leitet mein Schifflein durch Wogen und Wellen,

Leitet es sicher zum himmlischen Port,

Führt es selbst durch die gefährlichsten Stellen

Hin zu dem ewigen Heimatsort.

 

Sei darum, Mutter Maria, gepriesen;

Grüße sie, Seele, zu aller Zeit!

Ehre und Preis sei stets ihr erwiesen,

Jetzt und in alle Ewigkeit!

 

* * *

 

Der Orden der heiligen Brigitta

 

(aus: „Chrysostomus“ von Franz Seraph Häglsperger)

 

Die heilige Brigitta wurde um das Jahr 1302 geboren. Ihre Eltern stammten aus der königlichen Familie Schwedens. Brigitta wurde von einer ihrer Tanten erzogen. Die seltenen Tugenden dieser Frau wurden das Vorbild, dem die emsige Schülerin, sobald sie sie begreifen konnte, nachzuahmen sich bemühte. Ihre Kindheit zeichnete sich durch eine ganz besondere Vorliebe für alle religiösen Übungen aus. – Der Stand der Ehe, in den die gottinnige Jungfrau später auf den Rat ihrer Eltern trat, verminderte in nichts ihren frommen Eifer. Als ihr Gatte einst schwer erkrankte, erwirkte sie von Gott dessen Heilung durch die Inbrunst ihrer Gebete und namentlich der Anrufung der Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria. Doch gerade diese Erkrankung ließ den frommen Mann so recht die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens innewerden, und mit der Zustimmung seiner Gemahlin zog er sich nach seiner Wiedergenesung in ein Kloster des Ordens von Cîteaux zurück, in dem er nach einigen Jahren im Ruf der Heiligkeit starb. –

 

Brigitta, nunmehr frei geworden, entsagte als Witwe dem fürstlichen Stand, um sich gänzlich dem Wandel auf dem ernstesten Bußweg widmen zu können. Sie verteilte ihr Vermögen unter ihre Kinder, und strebte, alles vergessend, was sie in der Welt je im Besitz hatte, nur nach dem in Christus Jesus glorreichen Namen einer „Magd der Armen“. Die Pflege der leidenden Glieder des göttlichen Erlösers, das Gebet und die Abtötung wurden ihre liebsten Beschäftigungen. –

 

Bald nach dem im Jahr 1344 erfolgten Tod ihres Gemahls stiftete die heilige Brigitta einen Orden mit der hehren Bestimmung: die allerseligste Jungfrau Maria an einem jeden Tag zu verehren. Sie gründete deshalb zu Wadstena (Wastein) in der Diözese Linköping in Schweden ein Kloster und besetzte es mit 60 Nonnen. In ein anderes, von diesem Kloster gänzlich abgesondertes Gebäude nahm sie 13 Ordenspriester auf, zu Ehren der zwölf Apostel und des heiligen Paulus, 4 Diakonen, um die vier Kirchenlehrer Ambrosius, Augustinus, Gregorius den Großen und Hieronymus darzustellen, und endlich 8 Laienbrüder zur Verwaltung und Besorgung der weltlichen Angelegenheiten (Die Kirche war gemeinschaftlich, jedoch der Art gebaut, dass die Mönche und Nonnen sich nicht einander sehen konnten.). Die Anzahl der Nonnen, Diakonen und Laienbrüder zusammen sollten die 72 Jünger Jesu Christi darstellen. „Ordo Salvatoris, Orden vom Weltheiland“ wurde diese neue Stiftung genannt, weil der Erlöser selbst der heiligen Stifterin die zur Aufrechthaltung der regulierten Zucht nötigen Satzungen in einer Vision vorgesprochen haben soll.

 

Nach diesen Satzungen ist der Zweck des Ordens – die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria durch die Nonnen. Denn die Religiosen in dem benachbarten Gebäude sind nur dazu eingeführt, um den Gottesdienst in der Klosterkirche zu halten und die Seelsorge zu üben. – Demnach beschäftigen sich die Nonnen täglich mit der kindlichsten Verehrung, Anrufung und Nachahmung Marias. Täglich wohnen sie auch einem Hochamt zu Ehren der Gebenedeiten des Herrn bei, nach dem sie stets das „Salve Regina!“ singen müssen. – Um den wahren Geist des Evangeliums zu bewahren, haben die Nonnen, indem sie den ersten Christen nachahmen sollen, die alle in Christus Jesus ein Herz und eine Seele waren, nicht nur alles gemeinschaftlich, sondern sie beobachten auch namentlich noch den Gebrauch: Ehe die Vesper beginnt und nachdem man feierlich das „Ave Maria!“ gebetet hat, bitten sie einander um Verzeihung. Der erste Chor neigt sich tief vor dem andern und spricht: „Verzeihet uns aus Liebe zu Gott und seiner heiligen Mutter Maria, wenn wir euch durch Worte, Werke oder Zeichen beleidigten, denn auch wir verzeihen, wenn ihr uns in irgendetwas beleidigt habt, von ganzem Herzen!“ Der zweite Chor neigt sich dann gleichfalls und entgegnete mit derselben Bitte. – Zur Nachahmung der Armut und Entbehrungen Marias ist das Fasten häufig und streng und das heilige Stillschweigen fast beständig. – An der Pforte der Kirche erblickt man eine Bahre und einen Sarg, damit die Eintretenden sich alsbald erinnern, dass sie sicher einmal sterben und eine jede Seele sich recht würdig zu dem Gang in die Ewigkeit vorbereiten müsse, um in jeglichem Augenblick mit Freude zum Sterben bereit zu sein. – Im Kirchhof des Klosters bleibt stets ein Grab geöffnet. An jedem Tag müssen die Äbtissin und die Nonnen vor das Grab hintreten. Nach einem Gebet und Betrachtung wirft dann die Äbtissin ein wenig Erde in das Grab, um anzudeuten, wie auch einer jeden Nonne Leib dereinst in das Grab eingesenkt werden wird. – Die Kleider einer Verstorbenen werden als Almosen verteilt, und so lange wird ein Armer außerhalb des Klosters mit Speise und Trank unterhalten, bis eine neue Nonne an die Stelle der Abgeschiedenen eingetreten ist. – Alle Jahre vor dem Fest Allerheiligen berechnet man, wie viel etwa die Lebensmittel für das folgende Jahr betragen können, und am Allerseelentag verteilt man den ganzen Überfluss an die Hilfsbedürftigen in des Klosters Umgegend, so dass der Orden immer nur das Notwendigste besitzt.

 

Die Kleidung der Klosterfrauen besteht in einem grauwollenen Rock mit Kutte und Mantel von gleicher Farbe; der Mantel wird mittelst eines hölzernen Knopfes zusammengehalten und im Winter mit Schaf-Fellen gefüttert. Das weiße Vortuch geht auf beiden Seiten am Gesicht hinauf, begrenzt die Stirn und wird auf dem Scheitel durch eine Nadel befestigt. Darüber tragen sie einen schwarzen leinenen Weihel und auf ihm die Krone von weißer Leinwand mit fünf kleinen Blutstropfen (sinnbildend die heiligen fünf Wunden Jesu Christi, geistig eingesenkt in das Herz der schmerzhaften Muttergottes). – Die Kleidung der Religiosen hat die gleiche Farbe wie die der Nonnen; die Priester haben, zur Unterscheidung, auf der linken Brust ein rotes Kreuz mit einer weißen Hostie in der Mitte; die Diakonen einen weißen Kreis mit einer roten Flamme, und die Laienbrüder ein weißes Kreuz mit fünf Blutstropfen. –

 

Zur Aufnahme in den Orden ist für die Nonnen das achtzehnte und für die Religiosen das fünfundzwanzigste Lebensjahr Bedingung. Die um Aufnahme Bittenden werden drei Mal, je auf drei Monate zurückgewiesen und müssen daher ihr Gesuch eben so oft wiederholen. Auf diese Weise ist der Eintritt erst nach einer jahrelangen Bewerbung möglich, während welcher Zeit jede Person ihren inneren Beruf hierzu erproben soll. – Nach bestandenem Probejahr erscheint der Bischof der Diözese an der Kirchentür und lässt die Postulantin, erst nach abermals bestimmt ausgesprochenem Entschluss und nach manchen Fragen über ihr vergangenes Leben, ein. Eine rote Fahne mit einem Kruzifix auf der einen und einem Marienbild auf der anderen Seite wird von ihr getragen; jenes soll sie zur Geduld und Armut, dieses zur Beobachtung der Demut und Keuschheit ermuntern. Die Postulantin bleibt am Eingang der Kirche stehen, während der Bischof einen Ring weiht und ihr ihn an den Finger steckt. Sodann liest der Bischof die heilige Messe. Die Postulantin entrichtet beim Offertorium ihr Opfer, kehrt aber wieder an ihren Platz zurück und bleibt daselbst, bis sie der Zelebrant nach Einweihung des Ordenskleides durch zwei Priester abholen lässt. Jetzt tritt sie barfuß zu ihm, zieht an einer Ecke des Altares ihre weltlichen Kleider bis auf den Rock aus und empfängt das Ordensgewand. Hierauf fährt der Bischof in der heiligen Messe fort, wendet sich dann nach der Stelle, wo die Brautpaare gewöhnlich eingesegnet werden, und setzt hier – unter Gebet – der Postulantin die Krone der Klosterfrauen aufs Haupt und beschließt alsdann die heilige Messe. Nach ihrer Beendigung wirft sich die geistliche Braut vor ihrem Bischof auf die Erde nieder und bleibt liegen, während der Bischof die Litanei absingt, erhebt sich dann und empfängt die heilige Kommunion. Indessen haben vier Klosterfrauen die in das Kloster führende Tür geöffnet, treten jetzt mit einer Bahre herein und tragen auf ihr, vom Bischof begleitet, die geistliche Braut ins Kloster. –

 

Der so eingerichtete Orden verbreitete sich hauptsächlich in den nordischen Reichen, für die er höchst segensreich wurde. – Dann hatte er auch einige Häuser in Frankreich und Italien, wo er zurzeit noch zwei sehr reiche Klöster besitzt, in deren einem nur Frauen oder Töchter von höheren Ständen aufgenommen wurden. – Vor der französischen Revolution und Säkularisation in Deutschland bestanden noch einige dieser Doppelklöster in Franken und zehn in Deutschland. – In England befand sich ehedessen nur ein Kloster des Brigitten-Ordens zu Middlesex an der Themse, zehn Meilen von London. Es war im Jahr 1413 von Heinrich V. mit wahrhaft königlichem Prachtaufwand gegründet worden. Da es eine beträchtliche Beute darbot (seine Einkünfte beliefen sich auf 1700 bis 1900 Pfund Sterling), so war es auch eines der Klöster, das man unter Heinrich VIII. schamlos plünderte. Die Königin Maria gab es an die Äbtissin zurück, allein schon unter Elisabeth wurde es abermals eingezogen und die vertriebenen Nonnen flüchteten sich nach Mecheln, Rouen usw. Endlich ließen sie sich zu Lissabon nieder, wo ihnen König Wilhelm II. und mehrere fromme Personen die nötige Hilfe gewährten und eine portugiesische Matrone, die in ihren Orden getreten war, ein ererbtes Grundstück schenkte. – Überhaupt hatte dieser Orden das Unglück, dass die meisten seiner Klöster gerade in jenen Ländern lagen, in denen die Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts alle Denkmale des kirchlichen Lebens zerstörte und so wurde er größtenteils ein Opfer der sogenannten Reformation. – Nur das Kloster zu Wadstena wusste sich auch unter jenen Religionswirren wie durch ein Wunder ziemlich lang zu erhalten. Seine Bewohnerinnen ertrugen mit christlichem Heldenmut Verfolgungen und Schmähungen der Protestanten und fanden an Johann III. und am päpstlichen Nuntius Pater Possevin edle Beschützer. In die Hände des letzteren legten sieben Jungfrauen das Gelübde ab. Als Herzog Carl von Södermanland, Gustav Adolphs Vater, auf dem Herrentag zu Söderköping im Jahr 1595 den Beschluss durchgesetzt hatte, die letzten Überreste des Papsttums in Schweden auszurotten, wurde auch das Kloster zu Wadstena, das letzte und berühmteste in ganz Schweden, gänzlich aufgehoben. – Nunmehr ist es ein protestantisches Fräulein-Stift!

 

Der Orden der Frauendiestel

 

(Aus: Die dreifache Krone Marias von P. Franz Poirè)

 

Im Jahr 1370 setzte Ludwig von Bourbon, genannt der „gute Herzog“, der zweite des Namens, den Orden der Ritter der Frauendistel unter der Regierung Carls VI., seines Neffen, ein.

 

Da dieser Fürst in der höchsten Bedrängnis, worin sich Frankreich durch die Engländer befand, seine ganze Hoffnung nächst Gott auf die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria gesetzt hatte, so bildete er diesen Orden aus sechsundzwanzig der tapfersten Ritter, die sich in Frankreich befanden. – Sie trugen immer einen Gürtel von himmelblauen Sammet mit rotem Atlas gefüttert und mit Goldstickerei eingefasst, worauf das Wort „Hoffnung“ gleichfalls in Goldstickerei geschrieben stand. Er schloss mit einer Schnalle und Zunge von feinem Gold, die mit dem grünen Schmelzwerk wie der Kopf einer Distel, des Symbols ihrer Selbst-Verdemütigung, ausgezackt waren. An hohen Festen, und namentlich am Tag der Unbefleckten Empfängnis Mariä, die als großes Fest des Ordens gefeiert wurde, erschienen die Ritter mit Soutanen von hochrosenrotem Damast mit weiten Ärmeln, die sie mit ihren blauen Gürteln banden. Außerdem hatten sie einen großen Mantel von himmelblauem Damast mit Goldstickerei verbrämt, eine große Kette mit rotem Atlas gefüttert und ein Mäntelchen von grünem Sammet, worüber sie die große Ordenskette von feinem Gold trugen, die sechs Mark schwer war und im Rücken mit goldener Schnalle und Zunge wie der Gürtel schloss. Sie bestand aus ganzen und halben Rauten mit doppeltem Rand, welche grün emailliert, offen und schlüsselförmig und mit goldenen Lilien und dem Wort „Hoffnung“ in antiken Anfangsbuchstaben auf jeder rotemaillierten Raute gefüllt waren. Am Ende der Kette hing auf der Brust ein Opal herab, dessen Kreis grün und rot emailliert war. In der Mitte des Opals sah man das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria von einer goldenen Sonne umgeben, von zwölf silbernen Sternen gekrönt, mit einem silbernen Halbmond unter den Füßen, purpurrot und himmelblau emailliert, und am Ende des Opals erblickte man einen grün emaillierten und weißgezackten Distelkopf.

 

Der Schwanen-Orden

 

(Aus: Der Schwanen-Orden, Freiherr von Rattonitz)

 

Burggraf Friedrich von Nürnberg aus dem Haus Hohenzollern, der im Jahr 1417 mit der Mark Brandenburg belehnt wurde und die Kurwürde empfing, stiftete die „Gesellschaft Unser Lieben Frauen zum Schwan“ oder den „Schwanen-Orden“ im Jahr 1440 am Tag des heiligen Erzengels Michael, und wählte die St. Marien-Kirche auf dem alten Berg bei der Stadt Brandenburg, die durch ganz Deutschland eine große Berühmtheit erlangt hatte und wohin zahlreiche Pilger wallfahrteten, zum Mittelpunkt derselben. Die Aufsicht über den Orden übertrug er dem im Jahr 1435 bei der genannten Kirche gestifteten Prämonstratenser-Kloster.

 

Die erbauliche Urkunde zu dieser Stiftung lautet: „Wir Friedrich von Gottes Gnaden Markgraf zu Brandenburg, des heiligen römischen Reichs Erzkämmerer und Burggraf zu Nürnberg, bekennen offenbar in diesem Brief vor allen, die ihn sehen oder hören lesen: dass wir mannigfaltig, unter mancherlei Bekümmernissen, betrachten die große Gnade, Hilfe und Wohltat, die Wir empfangen von der hochgelobten Königin, der Jungfrau Maria; denn sie ist es, die uns die Gnade wieder erworben und gebracht, die unsern Trost und Seligmacher, unsern Herrn Jesus Christus zu dieser Welt getragen hat, der um unsre Schuld vor ihren Augen den bitteren Tod leiden, und uns von dem ewigen Tod lösen wollte. Diese ist auch unsre stete Vertreterin bei unserm Herrn, also dass alle Sünder und Sünderinnen sichere Zuflucht zu ihr haben mögen, zu denen sie ihre barmherzigen Augen gnädig aufschlägt und sie mildiglich wieder zu Gnaden bringt. Und wiewohl um ihrer unaussprechlichen Güte und Gnade willen für niemand hier auf der Erde genugsam zu loben oder ihr danken mag (denn sie wird von Engeln, Patriarchen, Propheten, Aposteln und allen himmlischen Geistern gepriesen und billig geehrt: wer möchte sie genugsam loben, sie, die in dem Himmel mehr, denn alles Lobes, würdig ist?), so sollen wir dennoch hienieden, obgleich wir Sünder sind, ihr Lob nicht verschweigen, sondern mit ganzem Fleiß und stetem treuen Dienst verkündigen, und ihr Lob und ihren Dienst vermehren nach unserm Vermögen. Denn die reine Jungfrau Maria ist so voll Gnaden und überfließender Mildigkeit, dass sie uns alle zu ihrer Gütigkeit anzieht, indem sie sagt: „Kommt zu mir alle, die ihr meiner begehret, und ihr sollt von mir erfüllt werden!“ Und obwohl alle Leute zu ihrem Dienst und Lob verpflichtet sind; so ist doch billig, dass diejenigen, welche auf dieser Erde mehr Ehre und Lob durch die Gnade ihres Sohnes empfangen haben, mehr und höher, denn andere Leute, ihr Lob und ihre Würdigkeit verkündigen und ihren Dienst vermehren. Und da wir nun in dieser Welt erhöht sind, darum wir unserm Herrn und der lieben Mutter und Jungfrau Maria billig und innig danken; so erkennen wir wohl, dass Wir auch ihr Lob und ihren Dienst nach unserm wohlbedachtem Muth, rechtem Wissen und freiem Willen angefangen und selbst angenommen:

 

Einen Orden Unser Lieben Frauen, den wir tragen in solcher Andacht und Meinung, dass unser Herz in Betrachtung unsrer Sünden in bitteren und Wehetagen gleich in einer Premse sein soll (Die Mitglieder der Gesellschaft trugen eine Kette, in deren Gliedern, die damals „Premsen“ genannt wurden, rote Herzchen befestigt waren. An der Kette hing das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria und unter diesem einen Schwan.), und wir ferner der Gnaden und der Hilfe der Jungfrau Maria, die uns angeboten und die wir täglich sehen, in unserm Herzen nicht vergessen, und dass wir auch unser Ende, wann wir von dieser Welt scheiden werden, zuvor gleich dem Schwaan bedenken (Bei den alten Völkern ging die Sage, dass der Schwan kurz vor seinem Tod einen Gesang anstimme, und sich auf diese Weise zum Sterben vorbereite.) und uns dazu einrichten sollen, also dass wir in Unschuld der Seele befunden werden. Und wiewohl in allen Städten Unser Lieben Frauen Lob billig verkündigt wird, so ist es doch rätlich, dass wir die Städte fürder ehren, die sie selbst ausgewählt und mancherlei Wunderwerke gewürdigt hat, deren viele in der Welt sind, und namentlich in unserm Lande Brandenburg, wo der hochgeborne Fürst, Herr Heinrich, der Wenden König selig, eine schöne Kirche gebaut, und wo Unsre Liebe Frau viele Gnade erwiesen hat und täglich erweist. Diese haben wir zu unsrer Gesellschaft sonderlich erwählt und auserkoren, und haben gestiftet und stiften Kraft dieses Briefes: dass der Dechant und die Herren auf dem Berge und ihre Nachkommen durch einen Priester und einen Schüler – alle Tage Unsrer Lieben Frauen Messe und alle Abende „Salve Regina“ singen sollen. Und auch dass der Dechant und seine Mitbrüder und ihre Nachfolger dieses also zu ewigen Zeiten halten, so haben Wir ihnen eine Rente und Güter dazu gegeben und zugeeignet, wie unsre darüber gegebene Briefe ausweisen.

 

In dieser Gesellschaft sollen sein zu uns dreißig Personen, die echt und recht zu Helm und Schild geboren sind, und sieben Frauen. Wir und diese sollen geloben und halten, alle Tage zur Ehre und zum Lob Unser Lieben Frauen zu beten mit Innigkeit und Andacht sieben Vaterunser und sieben Ave Maria, oder dafür armen Leuten sieben Pfennige zu geben, und an allen ihren Festabenden (Vigilien), wie diese jährlich in der Kirche begangen werden, zu fasten, und die Feste selbst mit großer Würdigkeit zu begehen. Hierin soll auch kein Ehebrecher und Unkeuscher sein, denn die keusche Mutter ist wohl keuscher Diener würdig. Hierin soll auch kein Verräter oder Räuber sein, denn solche Bosheit und Gewalt gehören nicht zu ihrem Dienst. Alle, die in dieser Gesellschaft sind, sollen auch an allen Quatembern des Jahres vier Böhmische Groschen senden dem Dechant und seinen Mitbrüdern auf dem Berg, wofür sie mit Vigilien und Seelenmesse zu vier Zeiten im Jahr, das Andenken aller, die in dieser Gesellschaft gestorben sind, begehen, ihre Namen verkündigen und ihnen vor dem Volk Gnade erbitten sollen. Und wenn jemand in der Gesellschaft verstirbt, so soll dessen Zeichen, das er getragen hat, Unser Lieben Frauen auf dem Berg geschickt und dabei geopfert werden, wofür alsdann der Dechant und seine Mitbrüder sein Gedächtnis mit Vigilien und Seelenmessen begehen sollen. Und zum Begängnis soll der Dechant auf dem Berg alle einladen, die in der Gesellschaft sind, und sie sollen dazu kommen, oder, wer selbst nicht kommen möchte, einen ehrbaren Mann für sich senden, und was dem Dechant dies an Botenlohn und Zehrung kostet, das sollen die aus der Gesellschaft verrichten und gütlich bezahlen.

 

Wer in dieser Gesellschaft ist, oder in sie kommen wird, der soll vorsätzlich nicht zu viel trinken, weil davon viel Sünde und Bosheit kommt, und derjenige seine Sünden nicht betrachten mag, der sich selbst nicht kennt. Er soll auch seinen Mitgenossen treulich helfen und beistehen, weil zu solcher Gesellschaft wohl gehört, dass die in Treue sich behandeln, die zum Dienst der Allertreuesten mehr, denn andere Leute, sich verpflichten.

 

Das Zeichen dieser Gesellschaft, wie wir es bestimmt haben, soll ein jeder, der darin ist, täglich tragen, und diese vorgenannten Punkte stets, fest und unverbrüchlich halten. Wenn jemand das Zeichen nicht trägt, der soll, sooft er darin säumig befunden, dem, der ihn findet, acht Pfennige geben, die den armen Leuten zufallen sollen.

 

Zur Urkunde mit unserm anhangenden Insiegel versiegelt, und gegeben zu Berlin nach Gottes Geburt tausendvierhundert im vierzigsten Jahr am St. Michaels Tag.“ –

 

Dieser Orden erhielt auch bald die Bestätigung des Papstes Nikolaus V., und wurde in der Weise erweitert, dass noch mehr Mitglieder, als die in der Stiftungs-Urkunde festgesetzte Zahl, aufgenommen werden konnten.

 

Er hat nicht volle hundert Jahre bestanden, sondern erlosch allmählich, als die „Reformation“ in der Mark Brandenburg angenommen wurde, und verfiel gänzlich seit 1539, in welchem Jahr dem Prämonstratenser-Kloster auf dem alten Berg die Annahme neuer Mitglieder untersagt wurde. –

 

Die Kongregation der Kinder Marias

 

(Aus: Leben des P. Xaver von Ravignan von P. A. von Ponlevoy)

 

Die Regel der Kongregation

 

Die Kongregation der Damen aus der vornehmen Welt, die jetzt in der Kapelle des Sacré-Coeur (heiligen Herzens) in der Straße von Varennes zu Paris besteht und den Namen „Kinder Marias“ trägt, verdankt nicht nur ihre gegenwärtige Blüte, sondern auch ihre erste Einrichtung dem P. Xaver von Ravignan aus der Gesellschaft Jesu, diesem berühmtesten Geistesmann und Kanzelredner aus der Neuzeit Frankreichs. Die Statuten des besagten frommen Unternehmens, von seiner eigenen Hand geschrieben, die den Titel führen: „Regel, welche einige christliche Frauen verfasst und angenommen haben“, lauten:

 

„Die wahrhaft christlichen Endzwecke, für die man sich im Geist und im Gebet vereinigen muss, sind:

Am ersten Freitag eines jeden Monats werden wir uns in dem Gedanken vereinen, für alle Lästerungen genug zu tun, die ohne Unterlass unserem Heiland im allerheiligsten Sakrament des Altars widerfahren. Wir werden ihn dabei gegenseitig für einander um den Fortschritt in einem innerlichen gesammelten Leben bitten und um die Liebe zum Leiden, die dazu die Grundlage ist.

 

Am Samstag, dem Tag der Verehrung des heiligen Herzens Mariä, werden wir diesem die Sünder anempfehlen, und für einander um die Gnade bitten, einige Herzen zu Jesus Christus zurückführen zu können.

 

Wir werden in jedem Monat einen Tag der Vorbereitung auf den Tod widmen und dabei für einander um die Gnade eines guten Todes bitten, eines Todes im trostvollen Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und der Heiligen, die uns alsdann gleich treuen und mächtigen Freunden zu Hilfe kommen werden.

 

Die darauffolgende heilige Kommunion kann dann für unsere verstorbenen Eltern und für die eines jeden aus uns aufgeopfert werden.

 

Die nächstfolgende heilige Kommunion dagegen für alle unsere Kinder, und um die Gnade zu erlangen, ihnen und unseren Familien gegenüber unsere Pflichten gut zu erfüllen.

 

Ein anderes Mal für die heilige katholische Kirche, ihre Missionare und Priester. Wenn man der großen Gnaden gedenkt, deren sie bedürfen, so erkennt man, dass die Gläubigen durch ihre Gebete diesen erhabenen Beruf unterstützen müssen.

 

Ein anderes Mal für unsere noch lebenden Verwandten, und für alle Menschen, die sich in unser Gebet empfohlen haben.

 

Wieder ein anderes Mal für unsere armen Pfarrkirchen auf dem Land. Es gibt dort so viel geistiges Elend, und ist daher so viel Hilfe zu erflehen für diese Seelen! Wir werden gegenseitig für einander um die Gnade bitten, diese Pfarreien durch unseren Wandel zu erbauen, und einiges Gute dort zu wirken.

 

Die Mittel nun, wodurch man sich in der Tat eben so leicht als nützlich vereinigen kann, sind folgende:

 

Was uns die größte Sicherheit gewährt, uns vor Gott zu vereinigen, ist das Bestreben, uns mit der Meinung der Kirche innig zu verbinden, den Geboten, die sie vorschreibt, zu folgen, ihre Feste zu feiern, und die Heiligen, die sie verehrt, anzurufen. So werden wir uns in der Liebe Gottes wiederfinden, die da ist das Band der Auserwählten im Himmel und auf der Erde.

 

Wir werden uns auf eine besondere Weise durch pünktliche Übung der heiligen Betrachtung vereinen, und darum jeden Morgen eine Stunde darauf verwenden.

 

Wir werden jede einen besonderen Punkt wählen, über den wir uns wenigstens ein Mal des Tages, z.B. am Abend, erforschen müssen. Und so werden wir, indem wir uns der Sammlung und dem inneren Leben widmen, das beste Bedürfnis unseres Herzens erfüllen, das der Selbstüberwindung und Abtötung.

 

Wir werden uns auch sorgfältig bemühen müssen, unsere Andachtsübungen anderen lieb und annehmbar zu machen, und würden ohne Bedenken frommen Tröstungen entsagen, um das leiseste Ärgernis in unseren Familien zu vermeiden.“

 

Die erste Versammlung der „Kinder Marias“ fand am 1. Mai 1846 bei der Gräfin Sophia Swetschine statt, und zwar in ihrer von Gold und Edelsteinen strahlenden Kapelle in der Straße des heiligen Dominikus.

 

Diese Versammlungen, die ganz rasch die zahlreichste Teilnahme fanden, waren von nun an die Lebensaufgabe des P. von Ravignan, die er bis zu seinem im Jahr 1858 erfolgten Tod fortsetzte. Jeden Monat hielt er ihnen zwei Ansprachen, eine bei der Feier der Heiligen Messe, die andere am Abend vor der Ausspendung des Segens. Jedes Jahr gab er ihnen außerdem eine Retraite. Er hatte ihnen deren sechs gehalten, er, der nur einen Weg des Heils kannte: den Weg des Kreuzes in der Nachfolge Jesu und Mariä.

 

Zu diesen Retraiten (geistliche Übungen) der „Kinder Marias“ in der Kapelle des Sacré-Coeur kamen eine Menge Anfragen, und schon von Beginn des Jahres bis zur heiligen Fastenzeit stritt man sich um die Eintrittskarten. Doch ergingen auch Einladungen, und die frivolsten Weltdamen fanden sich neben den christlichen Frauen dabei ein. Ja sogar Protestanten mischten sich unter die Katholiken. Und wenn die Kapelle, die Tribünen, ja sogar der Chor bis zu den Altarstufen besetzt gewesen, so konnte man im Auditorium ungefähr sechstausend Damen aus den glänzendsten Salons von Paris zählen.

 

Man wird leicht begreifen, dass dieses Unternehmen trotz des tausendfältigen Lärms von Paris nicht nur einen Wiederhall fand, sondern auch einen wirklichen, heilsamen Einfluss ausüben musste. Wie viele Seelen haben in diesem Heiligtum und unter der Wirkung dieser so mächtigen und überzeugenden Sprache, die auf das hehre Tugendvorbild und die Macht der Fürbitte und die Huld der allerseligsten Jungfrau Maria hinwies, die Gnaden und den Frieden Gottes gefunden. Es ist nicht zu leugnen, dass die Frivolität zuweilen ernste durch den Eifer eingegebene und durch die Stimme des Gewissens gerechtfertigte Worte nach ihrer Art und Weise auslegte, doch was lässt sich aus diesen vereinzelten Angriffen auf den gottinnigen Führer der „Kinder Marias“ schließen? Weiß man doch zur Genüge, dass die Welt immer Welt bleiben wird, und dass der Missbrauch stets verfährt wie der Irrtum: der eine nennt etwas gut, was er verdorben, der andere etwas wahr, was er entstellt hat.

 

Übrigens war der Ordensmann in diesen Retraiten für Damen ganz derselbe, wie man ihn bei den Retraiten der Männer gesehen hat: immer dem Buch der Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola folgend, stets dieselben Wahrheiten wiederholend, ohne je die nämlichen Ausdrücke zu gebrauchen. Seine Sprache, von dem innigsten Glauben und von der feurigsten Liebe beseelt, war von einer ernsten Rührung durchdrungen, die sich seinen Zuhörern mitteilte, gewöhnlich dieselben ermutigte, sie zuweilen auch niederdonnerte. Es galt ihm ja nur, seine Zuhörer von der Welt abzulösen und zu Jesus und Maria hinzuführen – zu ihrer Heiligung und dereinstigen ewigen Beseligung.

 

Darum kannte die bereits genannte Gräfin Sophia Swetschine (eine Konvertitin), diese durch ihren moralischen und schriftstellerischen Ruhm schon so ausgezeichnete Frau, bald nicht mehr Worte genug finden, um dem P. von Ravignan genügend auszudrücken: wie viel Freude und Nutzen sie mit ihren frommen Freundinnen, den „Kindern Marias“, aus diesen monatlichen Zusammenkünften schöpfe.

 

„Mein teurer und verehrter Pater,“ schrieb sie ihm eines Tages, „ich freue mich schon im Voraus auf jene glückselige Stunde, die uns am Freitag erwartet!“ – Ein anderes Mal sagte sie: „Auf Wiedersehen am Freitag, mein guter Pater! Freitag, Tag des Trostes für uns alle, ein Tag, dem meine Dankbarkeit schon vorauseilt!“ – Ein drittes Mal: „Wie gut sind Sie! Mein Herz nimmt alles, was mir von Gott durch Maria kommt, als eine Gnade an, und Ihre Ermutigungen sind nicht die geringsten von denen, für welche ich ihm täglich danke!“

 

Not und Tod eines dieser Kinder Marias

 

Man wird diese Kongregation der „Kinder Marias“ aber noch mehr schätzen, wenn man erfährt, wie diese Damen aus der großen Welt darin gottergeben dulden und gut sterben lernten.

 

Aus den vielen, vielen Beispielen – nur Eins!

In Paris lebte eine junge Frau, die als eine jener seltenen Personen bekannt war, die alle Erfordernisse des Glücks, die man sich auf dieser Welt nur denken kann, in sich vereinigte: einen berühmten Namen, viele Reichtümer, den Glanz der Schönheit und die Erhabenheit des Charakters, dazu endlich alle Segnungen des Familienlebens, glückliche Gattin und Mutter dreier Kinder, verband sie mit all der Pracht des Reichtums und der Gaben der Natur noch die kostbarsten Gnaden des Himmels: sie erwies sich als die „Blume der Kinder Marias“. Jolande von Polignac, Tochter des Fürsten gleichen Namens, der Minister des Königs Carl X. von Frankreich gewesen, wurde 1830 geboren, während ihr edler und unglücklicher Vater, ob seiner Treue gegen den König Carl X., in einem Staatsgefängnis der Todesstrafe entgegensah. Sie wuchs heran in den Betrübnissen der Verbannung, doch ihre Seele schöpfte den Glauben aus den Traditionen ihrer Familie, und die Stärke aus der Trübsal. – Nach Frankreich später zurückgekehrt, ward sie Gemahlin des Grafen Sosthenes von La-Rochefoucauld, Herzogs von Bisaccia, und wurde so durch diese Heirat – Enkelin jenes Herzogs Matthäus von Montmorency, der nach einem tief christlichen Leben so schön zu sterben verstanden hatte.

 

All ihren irdischen Glückseligkeiten fehlte nur eins: jene Verzichtleistung, die niemanden verheißen ist, eine – Sicherheit gegen den Tod. Er kam, schwang seine Sense im Schoß dieser Familie. Alle wurden verwundet, und diejenigen, die dabei nicht erlagen, waren nicht am wenigsten zu beklagen.

 

Mitten im stärksten Winter, als die Straßen weiß waren von Schnee, hielt, neun Tage nacheinander, in früher Morgenstunde eine mit großem Wappen versehene Equipage vor dem Portal der Kirche „Unserer Lieben Frau vom Sieg“. Eine junge, elegante und zarte Frau stieg aus und ging hinein, um unter Tränen zur heiligen Muttergottes daselbst zu beten, die man die „Trösterin der Betrübten“ nennt. Sie flehte um die Erhaltung ihres Gatten, der von den Ärzten aufgegeben war. Am letzten Tag des Novembers genas der Sterbende wie durch ein Wunder, und die ganze Familie war mit innigster Freude erfüllt.

 

Doch sollte dieser Schrecken nur ein Vorbote schwereren Jammers sein, und gar bald der Tod mit größerer Sicherheit seine Streiche führen. Es zeigt sich plötzlich eine grauenvolle und ansteckende Krankheit, von der alle Kinder zugleich ergriffen, und eines schnell dahingerafft wird. An der Wiege, in der das Söhnchen eben die letzten Seufzer ausgehaucht hatte, schrieb die arme Mutter an die Herzogin von Montmorency folgenden, wirklich heroischen Brief, in dem sie ihren eigenen Schmerz so weit beherrscht, dass sie den der anderen schonen und mit aller Vorsicht die traurige Nachricht mitteilen kann:

 

„Meine geliebte Mutter!

 

Ich bin recht in Sorgen um meinen kleinen Leopold. Das Übel verschlimmert sich, und ich fürchte, es möchte die Bräune daraus entstehen, denn das Atmen wird ihm schwer und seine Stimme ist sehr verändert. Überlassen wir uns den Händen Gottes. Alles, was er tut, ist wohlgetan! Sollte das teure Kind später nicht zur Ehre Gottes und Marias dienen, so muss man den Mut haben, zu bitten: dass er es jetzt zu sich nehmen möge, wo es noch rein und gut ist.

 

Die Ärzte verlassen ihn soeben: ich hatte Recht, meine liebe Mutter, er hat eine bösartige Bräune, es ist keine Hoffnung mehr . . .

 

Neun Uhr abends. Meine teure Mutter! Mein Kind ist bei Jesus und Maria im Himmel. Es verschied soeben ohne Schmerzen. Noch einmal habe ich ihm gesagt: es möge für Sie beten, da Sie es so sehr lieben, und für uns alle. Ich erlangte von Sosthenes, dass er nicht zu ihm kam, denn die Ansteckung ist groß. Er fühlt sich sehr unglücklich, befindet sich aber im Übrigen wohl. Sie können beruhigt sein: Gott wird es nicht zulassen, dass er wieder erkranke, und ich werde ihn schon gut pflegen. – Was mich betrifft, so drückt mich schwerster Jammer, aber er ließ kein bitteres Gefühl in meinem Schmerz. Der Gedanke an die unendliche Seligkeit meines Kindes ist fast der einzige, der mich beschäftigt, und ich kann in der Tat nicht ganz unglücklich sein, wenn ich es so glücklich weiß. Gott hilft mir durch die Fürsprache Marias, und ich lobpreise ihn tausendmal, dass er mich zum Leiden, mein Kind aber zur Glorie und zur Glückseligkeit auserwählt hat! – Auf Wiedersehen, meine teure Mutter! Lassen Sie uns stets wiederholen: Teurer kleiner Engel, bitte für uns!“

 

Sicher hat der Engel gebetet, denn die Mutter, das fromme „Kind Marias“, folgte bald ihrem Söhnlein nach. – Während sie ihren Gatten fern hielt, näherte sie sich selbst der Gefahr zu sehr, drückte ihre Lippen auf die Stirn ihres Sohnes und sog mit diesem Kuss die Krankheit ein. Allsogleich davon ergriffen, legte sie sich nieder und fühlte, dass sie sterben würde. Da nun begann eine andere Novene zu Unserer Lieben Frau vom Sieg. Der Mann begehrte für seine Frau, was sie für ihn verlangt hatte. Aber dieses Mal siegten die Wünsche des Himmels über jene der Erde, und – am neunten Tag war die glückliche Mutter mit ihrem „kleinen Engel“ vereinigt.

 

Einige Zeit danach, als am Fest des heiligen Joseph, des Nährvaters Jesu, die „Kinder Marias“ eine Versammlung hatten, erzählte P. von Ravignan diesen heiligen Tod, von dem er selbst Zeuge gewesen war. Er war tief bewegt, und, wie er sich ausdrückte, dieser Stoff verlangte eher Tränen als Worte.

 

Seine Ansprache lautete:

 

„Wenn man ein Leben enden sieht, das hienieden das vollständige Bild des Glücks darbot, so scheint es, als ob Gott uns dadurch eine große Lehre geben wolle. Dieser jungen Frau hatte er nichts von alledem versagt, was man auf Erden wünschen kann: Schönheit, Reichtümer, zärtlichste Liebe. Allein all dies, in einem Augenblick wird es von Gott vernichtet. Nichts ist also das Leben, und anderswohin gehen unsere Schritte. Was dabei aber tröstet, ist die Erkenntnis jenes lebendigen Glaubens, der zum Himmel führt.

 

Und gewiss in dieser jungen Seele, die ich gut gekannt habe, lebte ein inniger Glaube. Als die Krankheit, die schon ihr Kind geraubt hatte, nun auch sie ergriff, ließ sie mich rufen und sprach: „Reden Sie mir viel von der Seligkeit des Himmels!“ Auch sagte sie weiter: „Ich weiß, dass ich sterben werde!“ und sie selbst verlangte die heiligen Sterbesakramente. Sie empfing sie in voller Ruhe und mit Heiterkeit. Sie ließ mich mehrere Male zu sich bitten und wollte eine Generalbeicht ihres ganzen Lebens ablegen. Nachdem dies geschehen war, empfahl sie mir noch alles, was ich tun sollte: „Nicht wahr, Sie geben mir die General-Absolution!“ sagte sie. „Sie werden viel für mich beten und auch meinem Mann sagen, dass er viel für mich beten lässt!“

 

Lasset es mich Euch sagen, Ihr Kinder Marias, dass dieses Kind eine zärtliche Liebe und ein unendliches Vertrauen zu Maria hatte. Seit ihrer ersten heiligen Kommunion, die sie hier in diesem ehrwürdigen Haus empfangen hatte, ließ sie nicht einen einzigen Samstag vorübergehen, ohne das kleine Offizium von der unbefleckten Empfängnis Marias zu beten. Und in ihrem fünfstündigen Todeskampf, wenn der Name Marias über meine Lippen kam, wiederholte sie, obgleich sie schon in den Armen des Todes lag, gar oft und mit rührendem Ausdruck: „Maria! Maria! Maria!“

 

Am Vorabend ihres Todes schrieb sie mir: „Ich sterbe!“ und zwar waren diese Worte von ihrer eigenen Hand mit Bleistift geschrieben. Am letzten Tag verlangte sie nochmals die heilige Wegzehrung, und, Ihr wisst es, mit diesem Tag schloss die Gebets-Novene, die Ihr für sie gehalten habt. Sie schloss mit dieser Gnade, gleichwie mit einem Vorboten der himmlischen Glorie.

 

Endlich als die Stunde kam, wo wir uns entschließen mussten, sie aus dieser Welt scheiden zu sehen, war sie allein ruhig, war sie liebevoll und teilnehmend für die Ihrigen und schon strahlend im Hinblick auf ihre eigene Seligkeit. Ich hatte sie gefragt: ob irgendetwas sie beunruhige? – sie erwiderte mir: „Nein, mein Pater!“

 

Der Augenblick des Abschiednehmens war gekommen. Sie wendete sich zu jedem im Besonderen, zu ihrer Mutter, zu ihren Brüdern, zuletzt an ihren Gatten, reichte ihm die Hand und sprach: „Und dich, Sosthenes, liebe ich von ganzem Herzen!“ – „Aber Jolande“, antwortete er, „Gott über alles!“ – Bei dieser erhebenden Erinnerung erbebt die junge Sterbende mit dem ganzen Aufleuchten ihres Glaubens, erhebt sich auf ihrem Lager und vollendet ihr Leben mit diesen Worten vollkommener Liebe: „Ja, ja, Sosthenes, Gott über alles!“

 

So, meine Damen, bleibt demnach auch uns nichts übrig, als Gott. Und Maria muss unsere Stütze sein, zu Gott zu gelangen! Amen.“