Im Jahresring


Vom Jahresring, Jahreskreis oder Kirchenjahr sollte schon jeder katholische Christ etwas wissen, denn wem das Kirchenjahr nichts bedeutet, wer sich gar keine Mühe gibt, es im Geist mitzuerleben, der kann den Gottesdienst nicht mit vollem Verständnis mitfeiern und der wird dabei auch nicht jene religiöse Anregung empfangen und jene tiefe Befriedigung empfinden, die er sonst leicht und ohne weiteres haben könnte.

Das Kirchenjahr zerfällt in drei große Abschnitte, in den Weihnachts-, den Oster- und den Pfingstkreis (heute Jahreskreis). Der Weihnachtskreis versammelt sich um die Herabkunft des Erlösers. Der Advent, die Zeit der Erwartung bildet die Vorbereitung, der sinngemäß auch das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä einverleibt ist. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit und mit dem Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Christi in der Karwoche und in den Ostertagen feiern wir den Höhepunkt des Osterfestkreises. Er findet nach den fünf Sonntagen nach Ostern und dem Fest Christi Himmelfahrt seinen Abschluss. Wie um Weihnachten der Beginn und um Ostern die tatsächliche Durchführung des Erlösungswerkes, so ist am Pfingstfest die Vollendung des Heils der beherrschende Gedanke. Die Herabkunft des Geistes, der das Werk Christi zu Ende führt, das Fortleben Christi in der Eucharistie (Fronleichnamsfest), der Dreifaltigkeitssonntag, das Herz Jesu-, das Christkönigsfest - überall tritt uns hier die Idee der Reife, der Frucht, die unendliche Fülle des innergöttlichen Lebens, die Gnade des Gottesreiches sieghaft entgegen. Und auch hier gliedert sich außer den Sonntagen im Jahreskreis das Fest der beiden Apostelfürsten, die dieses Reich den Menschen verkündeten, das Fest Mariä Himmelfahrt, das Fest Allerheiligen sehr passend ein, denn das Leitmotiv der Vollendung, der herbstlichen Fülle, des ewigen Lebens klingt auch in diesen Tagen immer wieder an, und sehr geistvoll beginnt jetzt, wo sozusagen die Früchte eingeheimst sind, mit der zarten und sehnsüchtigen Verheißung des Advents der heilige Kreislauf wieder von vorne. Es ist ganz so wie draußen in der Natur, wo die letzten Blätter fallen und gleichzeitig auch schon wieder die ersten, zagen Knospen ansetzen.

So ist der ganze Jahresring der Kirche organisch und sinnvoll gegliedert, ist eine gewaltige Symphonie mit zarter Einleitung, mit drei großen Sätzen und mit mächtigem, weitausholendem Finale, ist ein streng einheitlicher Bau, der von der Erde bis hinauf zum Himmel reicht. Wer sich hier von der Kirche führen lässt, der erlebt Jahr für Jahr alle wichtigen Ereignisse der Heilsgeschichte neu mit, vertieft sich ganz anders in die Tatsachen der Erlösung und in die grundlegenden Wahrheiten des Christentums und wird beim Gottesdienst viel mehr Abwechslung, Freude, Befriedigung spüren.

Freilich muss man sich um die ganze Sache auch ein wenig kümmern, muss sich ein bisschen über den Geist und Sinn der Feste und der liturgischen Texte unterrichten.

 

Maria mit dem Kindlein lieb,

 

uns allen deinen Segen gib!