Unsere Liebe Frau von der Säule

 

12. Oktober

 

Als Saul durch das Los zum König bestimmt worden war und, nachdem man ihn gefunden hatte, dem Volk vorgestellt wurde, zeigte es sich, dass er von den Schultern an alle überragte. Darin sah man ein Zeichen, dass er zum Führer geboren sei. Der Führende muss überragen, und es ist eine uralte Menschheitssitte, seinem Überragen auch einen äußerlich sichtbaren Ausdruck zu geben. Darum wird ihm ein erhöhter Sitz sowohl eingeräumt wie auch zugewiesen, sei es in der Ratsversammlung, sei es im Kampfgetümmel, sei es beim Gastgelage.

 

Daran erinnert das Stehen der Gottesmutter Maria auf einer Säule. Dadurch ist sie herausgestellt als Vorbild und Führerin.

 

Schon im 4. Jahrhundert war es, wie wir wissen, Sitte, die seligste Jungfrau Maria als Vorbild anzusehen, sei es für einen einzelnen christlichen Stand, namentlich für den damals stark erblühenden Stand der christlichen Jungfrauen, sei es für alle Christen insgesamt. Seitdem ist die einzigartige Vorbildlichkeit Mariens immer stärker und immer umfassender herausgestellt worden. Besonders seit den Zeiten der so herrlich aufgeblühten marianischen Kongregationen und späterhin unter dem Einfluss mancher anderer marianischer Vereinigungen, wie heute namentlich durch die weltweite Legio Mariä, gab und gibt es kaum einen wirklich strebsamen Christen, der nicht in der Schule Mariens herangewachsen wäre. Da wir aber niemals mit unserem Wachsenwollen in Christus hinein je aufhören dürfen – „Wer heilig ist, werde noch heiliger!“ so drängt die Geheime Offenbarung -, können und dürfen wir nie die Vorbildlichkeit Mariens aus dem Auge verlieren.

 

Zu diesem Gedanken der Vorbildlichkeit Mariens gesellte sich der der Führenden. Er gewann besondere Durchschlagskraft, seitdem dem Gedanken Raum gegeben wurde, dass die seligste Jungfrau nach dem göttlichen Heilsplan dazu bestimmt sei, die zweite Ankunft Christi zum Gericht genau so vorzubereiten und anzubahnen, wie sie es einst hinsichtlich seiner ersten Ankunft zu tun berufen war. Weil wir uns in apokalyptischen und eschatologischen Zeiten fühlen, darum schauen heute sehr viele Gotteskinder auf die seligste Jungfrau als die Wegweiserin im entscheidenden Kampf gegen die antichristlichen Mächte, als die Schlangenzertreterin und endgültige Siegerin in den Schlachten Gottes. Nur in, mit und durch Maria, so vermeinen viele heilige Frauen und Männer, kann der letzte Ansturm Satans abgewehrt und der Kirche der letzte Sieg gesichert werden.

 

Dabei dürfen wir allerdings etwas sehr Wichtiges nicht übersehen. Gerade die Gestalt der zarten Jungfrau von Nazareth und das Bild der leidbeschwerten Mutter unter dem Kreuz ihres Sohnes bezeugen uns, dass Gottes Sieg niemals durch Gewaltanwendung oder gar Unrechttun erfochten werden könnte. So hat auch das Lamm Gottes den alten Widersacher nicht seiner Weltherrschaft entkleidet. „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen!“ In diesem Kampf und namentlich in seiner Endphase gibt es keine vortrefflicheren Waffen als das Gebet, insbesondere das Rosenkranzgebet, und das Opfern und Sühnen.

 

Demnach müssen wir, die wir gegen stärkste antichristliche Mächte zu bestehen haben, Maria, unsere Feldzeichen und Siegespanier, geistigerweise auf eine gar hohe Säule erheben. Dann braucht uns nicht bange zu werden, auch dann nicht, wenn es so scheint, wie es einst auf Golgotha schien, dass doch dem Teufel der Sieg zufallen werde. Denn eine Säule symbolisiert Festigkeit, garantiert Unerreichbarkeit von Seiten der Satansmächte, die nur gegen ihre Basis angehen können. Unter Maria, die in der Lauretanischen Litanei mit dem festen Turm Davids verglichen wird, ist am Sieg kein Zweifel möglich.

 

Kirchengebet

 

Allmächtiger, ewiger Gott, durch die glorwürdige Mutter deines Sohnes hast du uns in wunderbarer Weise himmlischen Schutz verliehen. Verleihe gnädig, dass wir durch die immerwährende Hilfe jener beschützt werden, die wir unter dem besonderen Titel „von der Säule“ in frommer Ergebung verehren.

 

Zur Geschichte des Festes: Wenn auch der Ursprung des Heiligtums Unserer Lieben Frau von der Säule in Saragossa legendären Charakters ist, so reicht seine Geschichte doch bis in die geheimnisumwitterte Frühzeit der spanischen Kirche zurück. Gerade in dieser Gegend wurden aus dem 5. Jahrhundert stammende Darstellungen der Himmelfahrt Mariens gefunden, zu der die Erhöhung auf der Säule wohl eine Beziehung haben mag. Das Bild mit der Säule blieb auch unter der Maurenherrschaft unversehrt. Die Ungläubigen bezeugten dem Heiligtum sogar besondere Achtung, indem sie um die Kapelle eine Kette legten, die zu übertreten bei Todesstrafe verboten war. Auch im letzten spanischen Bürgerkrieg wurde das Heiligtum auf wunderbare Weise vor der Vernichtung durch die Kommunisten gerettet, da keine der abgeworfenen Bomben explodierte. – Der jetzige Mariendom wurde von 1691-1872 erbaut. Pius VII. gab dem Fest den Rang 1. Klasse mit Oktav gestattete ein eigenes Offizium, jedoch zunächst nur für Aragonien. Pius IX. gab schließlich dem Drängen der Bischöfe Spaniens und Südamerikas nach und gestattete 1872 Offizium und Eigenmesse für alle spanisch sprechenden Völker.

 

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)