Maria von der Erlösung der Gefangenen

 

24. September

 

Vor ungefähr siebenhundert Jahren war es. Damals hatten die Mohammedaner Spanien ungefähr zur Hälfte erobert und dadurch das Land in zwei Teile zerschnitten, die gleichsam wie durch einen Vorhang von Eisen voneinander getrennt waren. Ungezählte Christen hatten sie zu Sklaven gemacht und behandelten sie in unmenschlich harter Weise. Es war ein Unglück von größtem Ausmaß, unter dem das ganze Volk litt, und Not und Wehe erfüllten alle Herzen diesseits und jenseits des eisernen Vorhanges. In diesem allgemeinen Leid wandten sich die Spanier an die liebe Gottesmutter und baten inständig um ihre Hilfe, und das war recht getan.

 

Warum es recht getan war, soll an einem Beispiel erklärt werden. In der vatikanischen Bibliothek zu Rom sieht man in Kästen unter Glas und Rahmen auf Briefen oder auch in geschriebenen Heften und Büchern die Handschriften berühmter Männer, beispielsweise die Schriftzüge Luthers oder die des Künstlers Michelangelo oder die des Malers Raffael. Auch die Handschrift des heiligen Thomas von Aquin ist da zu sehen. Es ist eine sparsame, kritzlige, für unser heutiges Auge kaum lesbare Schrift, aber in den alten Heften von der Hand des herrlichen Gottesgelehrten steht etwas sehr Merkwürdiges. Hin und wieder findet man da nämlich, scheinbar sinnlos und zusammenhanglos, mitten im Satzgefüge zwei Worte. „Ave Maria“ heißen die Worte.

 

Wie kamen denn die beiden Worte, gleichsam sinnlos und zusammenhanglos, immer wieder in den Text hinein? Man erzählt, Thomas habe sie regelmäßig dann hingesetzt, wenn ihm das Licht im Verstand auszugehen drohte und er im Schreiben nicht mehr weiterkam. Wie gesagt, so wird erzählt, und es mag auch wohl so gewesen sein, und auf alle Fälle war die Handlungsweise echt und tief und warm katholisch empfunden, denn wenn ein Katholik im Leben zuweilen nicht mehr weiterkann, so wendet er sich an die liebe Mutter Gottes, dass sie ihm helfe.

 

So haben es die Spanier vor mehr als siebenhundertfünfzig Jahren in ihrer großen Not auch gemacht. Einmütig hat das ganze Volk zu beiden Seiten des eisernen Vorhanges die gute Heilandsmutter inständig um Hilfe angerufen, und wenn ein ganzes Land zum Himmel fleht, dann säumt die Gottesmutter nicht. Damals ist sie dem heiligen Petrus Nolaskus erschienen und hat ihn beauftragt, einen neuen Orden für den Loskauf der Gefangenen zu gründen, dessen Mitglieder in der Folgezeit Tausende von Christensklaven loskauften und aus der harten Not befreiten. Was hier wohl am meisten interessiert, ist eine doppelte Tatsache.

 

Zunächst nämlich ist zu allen Zeiten mit eisernen Vorhängen von der Art, wie sie oben geschildert wurde, zu rechnen. Dann muss sich nach dem Vorbild der Spanier vor siebenhundertfünfzig Jahren das ganze Volk vertrauensvoll an Maria wenden, und Maria wird helfen, denn sie hilft immer, weil sie die liebevolle Mutter aller Menschen und dazu unsere mächtigste Fürsprecherin am Throne Gottes ist. Das ist die erste bemerkenswerte Tatsache.

 

Die zweite Tatsache dann, auf die uns das heutige Fest geradezu stößt, ist die, dass sich ein Katholik, wenn er einmal im Leben nicht mehr weiterkann, an die liebe Mutter Gottes wenden muss.

 

Kennst du übrigens den Hausnamen Unserer Lieben Frau? Es ist nicht der standesamtliche Name gemeint, denn damals gab es noch keine Standesämter. Damals hieß es einfach „Maria, Tochter Joachims“. Nicht der standesamtliche Name ist gemeint, sondern jener, den das gläubige Volk aus jahrtausendalter Erfahrung der Gottesmutter gegeben hat. Kennst du diesen Namen? Es ist ein wunderschöner Name, ein Ehrenname ohnegleichen, ein Name voll Trost und Hoffnung für alle leidgeprüften Menschen. Er heißt: „Immerhilf“, denn man sagt ja „Maria Immerhilf“.

 

„Immerhilf“ ist Mariens Hausnahme.

 

Vom "Gegrüßet seist du, Maria"

 

An jedem Tag beten wir das „Gegrüßet seist du, Maria“, den „englischen Gruß“, um Maria zu ehren und um zu ihr zu sprechen.

 

Zuerst grüßen wir sie als „voll der Gnade“. Begreifen wir das Erhabene, das in diesen Worten liegt? Es heißt ihr zu sagen, dass sie die heiligmachende Gnade, die wirklichen Gnaden, die übernatürlichen Tugenden und alle Gaben des Heiligen Geistes zu ihrem Anteil hat. Wenn wir diese Worte aussprechen, so freuen wir uns über die Fülle der Güter, mit denen sie überfüllt ist, und bitten sie, auch uns einen Anteil an ihrem reichen Schatz zu gönnen.

 

Wir sagen dann: „Der Herr ist mit dir.“ Gott war wirklich auf eine so ganz besondere Art in Maria, mit welcher er in keinem bloß erschaffenen Wesen, ja nicht einmal bei den Heiligen ist. Er war in ihr auf Grund eines ganz eigenen Schutzes und mittels der Leitung aller ihrer Seelenkräfte. Wenn wir also diese Worte sprechen, so erwecken wir in unseren Herzen eine heftige und aufrichtige Begierde, an dem unschätzbaren Glück Marias teilzunehmen. Wenn man den Herrn mit sich hat, was kann man sich dann noch wünschen? Worüber kann man dann noch traurig sein?

 

Weiter wünschen wir Maria Glück: „Du bist gebenedeit unter den Frauen.“ Das bedeutet, dass sie mehr Vorzüge erhalten hat, als alle anderen Geschöpfe von Gott gestattet bekamen. Bezeugen wir ihr unsere Zuneigung durch die Freude, die wir fühlen, wenn wir erkennen, welche Freude Gott an Maria hatte. Wir freuen uns über die Benedeiungen, die ihr auf der Erde und im Himmel gegeben werden.

 

Schließlich setzen wir zusammen mit Elisabeth hinzu: „Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“ Der Sohn Marias ist auch wirklich in der ganzen Welt gebenedeit, angebetet und verherrlicht. Genieße einen Augenblick den ganzen Umfang des Vergnügens, das diese Betrachtung einer Seele verschafft, von der Jesus geliebt wird.

 

Die Kirche schlägt uns dann vor, zu Maria zu beten, damit sie für uns arme Sünder bittet. Sie will uns erklären, dass wir, nach all den Sünden, die wir begangen haben, aus uns selbst unwürdig sind, erhört zu werden. Maria aber darf es tun. Sie wird für uns bitten. Ja, Gott wird sie erhören, denn sie ist seine Mutter. Und aus diesem Grund geschieht es, dass die Kirche uns anweist, sie unter diesem ihr so werten und herrlichen Titel anzurufen.

 

Ebenso wäre es, wenn du ihr sagtest: „Heilige Maria, du bist Mutter Gottes, deine Macht ist also bei deinem Sohn unbeschränkt, sie ist aber auch verbunden mit deiner Güte die Grundlage meines Vertrauens zu dir.“

 

Endlich bitten wir diese heilige Jungfrau für uns zu beten „jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Die Gefahren des Heils sind während unseres Lebens unaufhörlich. Wir haben also stets einen so mächtigen Schutz nötig. Aber in der Stunde des Todes, in der unsere Feinde zu unserem Verderben ihre Kräfte verdoppeln werden, da wird uns dieser Schutz nur umso unentbehrlicher. Furchtbar ist die Zeit des Todes! Das ist wahr. Allein wahre Diener Mariens sterben nie als Verworfene.

 

Matthias Hergert