Mariä Verkündigung

 

25. März

 

Sonderbar ist es, dass erfahrungsgemäß gerade um diese Zeit mächtige Stürme toben, die vor allem den Schiffen auf dem Meer gefährlich werden können. Auch für die Bewohner der weltverlorenen einsamen Inseln vor den Nordseeküsten sind es böse Tage. Wochenlang ist die Verbindung mit dem Festland abgeschnitten, wegen des hohen Seegangs kann kein Schiff landen, selbst Hungersnot stellte sich zuweilen ein, und wenn der Sturm, namentlich in den dunklen Nächten, rast und heult und tost, so ist es den Insulanern oft ganz jämmerlich zumute. Umso größer zeigt sich allerdings nachher die Freude, wenn sich das Meer beruhigt und wenn wieder ein Schiff mit Post und Lebensmitteln in den Hafen einläuft. Gleichnisweise ist dies alles gesagt.

 

Schau, die Erde ist wie eine einsame verlorene Insel im Weltall. Frieden und Segen und Herrlichkeit ruhten auf ihr, als Gott sie erschuf. Zerstörend und vernichtend erhob sich jedoch bals hernach der Sturm der Sünde und riss alle Verbindung mit dem Himmel ab. Jahrtausendelang schmachteten die Menschen vor Not dahin, und im harten Weh klagten und seufzten sie nach dem Schiff, das ihnen den verheißenen Erlöser aus Nacht und Grauen bringen sollte. Kennst du dieses Schiff? Maria ist es, die reine und demütige Gottesmagd, die den Menschen auf der einsamen verlorenen Insel im Weltall von den glückseligen Gestaden des Jenseits her als kostbarste Fracht den Heiland brachte und die dadurch die Verbindung zwischen Himmel und Erde wiederherstellte. Maria ist das Schifflein Gottes, in das der liebe Heiland am heutigen Tag einstieg, um am hochheiligen Weihnachtsfest im trostlosen Hafen des Diesseits zu landen und alle, die guten Willens sind, von neuem mit Frieden und Segen und Herrlichkeit zu erfüllen und zu beglücken. Mit dem heutigen Tag beginnt also bereits der neue Advent des nächsten Kirchenjahres zum frühen Zeichen dafür, dass Gottes Heil und Gnade niemals enden, sondern ohne Ende bis in Ewigkeit dauern werden.

 

Wie man aus dem Festevangelium ersieht, ging es am heutigen Tag in Nazareth hochfeierlich zu. Der Erzengel Gabriel wurde von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann namens Josef aus dem Hause Davids, und der Name der Jungfrau war Maria.

 

"Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist." "Maria sprach: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Wort!" "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." "Gegrüßet seist du, Maria, du bist voll der Gnade. Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus."

 

Da war es geschehen. Das herrlichste Wunder aller Zeiten hatte sich vollzogen. Die zweite Person in der Gottheit war in das Schifflein, das Maria hieß, eingestiegen und war Mensch geworden. Die Jungfrau hatte empfangen, und sie wird in der Heiligen Nacht einen Sohn gebären, dessen Name Emanuel lautet, was auf deutsch "Gott mit uns" besagt. Er wird der Sohn des Allerhöchsten genannt werden, wird auf dem Thron seines Vaters David sitzen und wird ewig im Hause Jakobs herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. Der Menschen langer lauter Flehruf nach dem Tau des Himmels ist erhört, die Erde öffnete sich und sprosste den Erlöser hervor. Dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist sei für immer und ewig Dank gesagt für diese gnadenvolle Stunde der Menschwerdung des Herrn aus Maria, der Jungfrau!

 

Seitdem uns aber Maria als das Schifflein Gottes den Heiland gebracht hat, der uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung führt, wird die Verbindung zwischen Himmel und Erde nie mehr abreißen, denn täglich wird sie immer wieder hergestellt in ungezählten heiligen Messen, in denen Gottes und Mariens Sohn vom Himmel zur Erde niedersteigt, um allen, die guten Willens sind, Gnade und Heil, Frieden, Segen und Herrlichkeit zu bringen.

 

Wie hoch und her, lob- und preiswürdig ist also das heilige Messopfer, dem man so oft und so andächtig wie möglich beiwohnen soll, weil das Wort Fleisch geworden ist.

 

Vom "Angelus"

 

An diesem Festtag erkennen wir die unendliche Güte Gottes zu uns Menschen. Der ewige Sohn Gottes nimmt die menschliche Natur an, um die Menschen von der Sünde zu erlösen und selig zu machen - welch ein Wunder der Erniedrigung zu unserer Erlösung! Dies sollte unseren Stolz beschämen und uns ganz mit Dank erfüllen. Weiterhin erkennen wir an diesem Festtag die unbegreifliche Erhöhung einer Jungfrau zur Würde einer Mutter Gottes! Maria kann mit Recht ausrufen: "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter!" Dies sollte uns zur eifrigen Verehrung der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes antreiben.

 

Indem die heilige Kirche wünscht, dass ihre Kinder die Mutter Gottes mehr als alle anderen Heiligen verehren und sie um ihren mächtigsten Schutz bitten sollen, schenkt sie uns jenes Gebet, welches aus den von dem Engel zu Maria gesprochenen Worten zusammengesetzt ist, und deswegen der "englische Gruß" heißt. Verrichten wir daher dieses Gebet mit der größten Aufmerksamkeit und Andacht.

 

Das Andenken an die Menschwerdung Jesu aus dem Leib der seligsten Jungfrau sollen wir also nicht nur heute, sondern täglich dreimal feiern, wenn die Kirche uns mit dem Glockenzeichen am Morgen, mittags zwölf Uhr und abends dazu ermuntert. Papst Benedikt XIII. hat denjenigen, die dieses Gebet beim Glockenzeichen kniend, am Samstagabend und an den Sonntagen und die ganze österliche Zeit stehend beten, jedesmal einen Ablass verliehen. Der heilige Karl Borromäus stieg sogar aus der Kutsche, wenn man zu diesem Gebet das Zeichen gab und verrichtete es mitten auf der Gasse kniend. Können wir uns etwa dieses Gebetes schämen?

 

Matthias Hergert

 

 

Große Dinge entstehen in der Stille. Keine Propaganda kündet von ihnen. Gottes große Werke sind stets in einer noch größeren Stille entstanden. Mit Recht singen wir so von der stillen, aber heiligen Nacht, in der Gottes Sohn geboren wurde. Aber ganz still war sie doch nicht. Den Hirten auf dem Feld kündeten ja davon die Engelscharen. Aber unheimlich still War es, als dieser Sohn Gottes im Schoß Mariens erstmalig in dieser Welt Wirklichkeit wurde. Niemand wusste darum, als nur sie, die schüchterne Jungfrau, die es nicht einmal wagte, davon ihrem Angetrauten etwas zu berichten. Und doch ist Größeres nie auf dieser Erde von Gottes Allmacht geschaffen worden als damals zu Nazareth, als Gottes ewiger Sohn Mensch wurde.

Uns ist diese heilige Begegnung zwischen der Jungfrau und dem Engel seit den Tagen der Kindheit sehr gut bekannt, ja, die meisten wissen sie Wort für Wort auswendig. Und doch, jedes Mal, wenn wir sie im Evangelium vieler Marienfeste wiederum vernehmen, will es uns den Atem verschlagen. Wir fühlen: Es dreht sich da um uns, um unser ewiges Glück oder Unglück. Die Jungfrau wird doch wohl nicht dem Wunsch Gottes ausweichen? Wir hören gar schon mit Schrecken, wie eine Schwierigkeit von ihrer Seite vorgebracht wird!

Unwillkürlich ist dann der Blick der Gläubigen seit fast zwei Jahrtausenden hinübergewechselt zu einer anderen Jungfrau und Angetrauten, die auch mit einem Wesen aus einer anderen Welt sich im Gespräch befindet. Auch im Paradies ging es um das Werden des Menschen wie Gott. Gottes Selbstherrlichkeit wird der Eva angeboten; sie selbst soll gut und bös bestimmen können. Aber es gehe nicht, ohne Gott untreu zu werden, aus dessen Schöpferhand sie soeben hervorgegangen ist. Eva greift um diesen Preis zu und – wird die oft verfluchte Mutter des Unheils.

Auch zu Nazareth wird letzthin die geheimnisvolle Teilnahme an Gottes Natur angeboten, wie der heilige Petrus unsere Gotteskindschaft benannt hat. Gottes eigener Sohn, der sie in ewiger Zeugung vom Vater selbst erhalten hat, will sie auf diese Erde bringen, indem er als Mensch ins Menschengeschlecht eintritt. Dazu bedarf es aber von Seiten der Menschen, die Maria in diesem Augenblick so vertritt, wie einst Eva es tat, der demütigen Bereitschaft und der gehorsamen Hingabe. Ob Maria sie aufbringt, obwohl die Engelsbotschaft vielerlei des Ungenannten und Unbekannten enthielt? Himmel und Erde halten den Atem an. Entzückt lauschen sie auf die Antwort, die alles besagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort!“ Da ward Maria Ursache unseres Heils.

Das wurde aber auch der Beginn ihrer eigenen Größe, denn Erhabeneres als Gottesmutterschaft lässt sich für ein Geschöpf nicht ausdenken. Der unermessliche Lobgesang gläubiger Menschen, der immer wieder neue Melodien formt, um Maria ob ihrer Einwilligung zu preisen, bezeugt es von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wie wahr wurde doch an ihr ihres Sohnes Wort: „Wer krampfhaft sein Leben zu gewinnen trachtet, der wird es verlieren. Wer es aber um Gottes willen hingibt, der wird alles gewinnen.“

 

Kirchengebet

 

Gott, du wolltest, dass dein Wort auf die Botschaft des Engels hin im Schoß der seligen Jungfrau Maria Fleisch annehme; so gewähre denn unsere Bitte und lass durch ihre Fürsprache bei dir uns Hilfe finden, die wir sie gläubig als wahre Gottesmutter bekennen.

 

Zur Geschichte des Festes: Mariä Verkündigung ist eines der ältesten Marienfeste. Wurzelt es doch in dem bedeutsamsten Geschehen unserer Heilsgeschichte: der Menschwerdung des Sohnes Gottes, des göttlichen Wortes. Dreimal am Tag dankt die katholische Welt dem himmlischen Vater beim Aveläuten für dieses kostbare Geschenk, für die Menschwerdung seines vielgeliebten Sohnes. Durch die Festfeier am 25. März will die Liturgie sagen: noch neun Monate, und wir dürfen niederknien vor Gott in Menschengestalt.

Es ist darum begreiflich, dass dieses Fest bis in die ältesten Jahrhunderte zurückreicht. Die stadtrömische Liturgie feiert es am Mittwoch der Adventsquatember. Als eigener Festtag ist es historisch nachweisbar zunächst im Orient, und zwar schon im 5. Jahrhundert, im Abendland im 7. Jahrhundert. Leo XIII. erhob es zu einem Doppelfest erster Klasse.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, „So feiert dich die Kirche“, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)