Mariä Schmerzen

Den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.
Den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.

15. September

 

Recht ist es, dass die Kirche gleich nach dem gestrigen Fest Kreuzerhöhung der Schmerzensmutter gedenkt, denn Maria ist von allen Menschen zumeist mit dem Kreuz verbunden. „Bei dem Kreuz Jesu“, so heißt es heute, „standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Mutter des Kleophas, Salome und Maria Magdalena. Jesus sprach: Frau, siehe da, dein Sohn. Zum Jünger aber: Siehe da, deine Mutter.“

 

Der englische Maler Jonas Burne hat ein Gemälde hergestellt, das die Unterschrift trägt: „Im Schatten des Kreuzes.“ Das Bild lässt einen Blick in die Zimmermannswerkstatt zu Nazareth werfen. Da steht an der Hobelbank edel und ehrfurchtgebietend der junge Mann Jesus. Müde ist er von der Arbeit, er rastet ein Weilchen und schlingt im Ruhen den Arm um das Kreuzgestell eines Schrankes, an dem er gerade zimmert. Durch ein Fenster im Hintergrund fällt breit die Abendsonne in den Raum und wirft den Schatten des Heilandes und des Kreuzes auf die gegenüberliegende Wand, wo in dem Schatten Maria, die Gottesmutter, sitzt.

 

Es ist fürwahr ein sinniges Bild, und trefflich ist die Unterschrift „Im Schatten des Kreuzes“ gewählt. Erst war das wohl ein heller Sonnenschein, wie es im freudenreichen Rosenkranz gesagt wird: „Den du, o Jungfrau, geboren hast.“ Das war im Marienleben wie ein sonniger Lenz. Wo aber Sonne ist, da ist auch Schatten, und früh stieg dieser Schatten auf, zum ersten Mal damals, als bei der Darstellung Jesu im Tempel zu Jerusalem der greise Simeon zu Maria über ihren Sohn die prophetischen Worte sprach:

 

„Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widersprechen wird, und auch deine Seele wird ein Schwert durchdringen, damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“

 

Diese Worte waren der erste Schatten im Leben der Gottesmutter. Von dem ersten Augenblick an, da sie die Worte hörte, haben die Gebenedeite unter den Frauen Angst und Sorgen um den Sohn dreiunddreißig Jahre lang zu keiner Stunde mehr verlassen.

 

Weiter wuchs der Schatten in jener Nacht, da Maria mit dem göttlichen Kind vor den Häschern des Herodes über die Heimatgrenzen nach Ägypten fliehen musste, und zum dritten Mal mehrte sich der Schatten, als sie bei der Reise zum Tempel in Jerusalem als weinende Mutter hinter dem Zwölfjährigen, den sie verloren hatte, her war, drei Tage lang. Am Karfreitag endlich verdichtete sich der Leidensschatten im Marienleben zur dunklen Nacht, damals, als die Mutter Jesus auf dem Kreuzweg begegnete, als sie unter dem Kreuz stand, als man ihr den entseelten Leichnam des Sohnes auf den Schoß legte und als man denjenigen begrub, der ihres mütterlichen Herzens Lust und Wonne und einzige Liebe war. „O ihr alle, die ihr des Weges kommt, merkt auf und schaut, ob je ein Schmerz wohl meinem Schmerz gleicht.“

 

Siebenfach ist also das Weh, das wie mit sieben Schwertern Mariens Mutterherz durchbohrt hat, und dieser sieben Schmerzen zugleich gedenken wir am heutigen Schmerzensfest in Mitleid und Liebe, denn diejenige, die so viel Leid getragen hat, ist ebenfalls unsere Mutter, eine herzensgute Mutter, der wir Gnaden ohne Zahl, Hilfe in der Not und Schutz in Gefahren verdanken, denn Muttertreu` wird alle Tage neu, und alle Tage erfüllt Maria an allen Menschen das liebe Gebet, das man bei der Opferung am heutigen Fest betet:

 

„O Jungfrau, o Mutter, sei, vor Gottes Angesicht stehend, eingedenk, für uns ein gutes Wort zu sprechen, auf dass er von uns wende seinen Zorn.“

 

Immer wieder legt Maria ein gutes Wort für uns ein, und immer auch hilft sie uns, denn sie ist die Immerhilf, und alle Menschennot versteht sie, weil sie selbst im Schatten des Kreuzes das große Leid getragen hat.

 

Glücklich der Mensch, der noch eine Mutter hat! Glücklich wir alle, die wir in Maria die beste, liebste, gütigste und mächtigste Mutter haben, die uns, wenn auch wir im Schatten des Kreuzes stehen, zutiefst versteht, besser als jede irdische Mutter es vermag, und die uns in allen Nöten helfen will und in allem Leid am wirksamsten trösten kann.

 

Von Marias Schmerzen

 

Maria hat als Mutter gelitten. Mütter können es am besten sagen, was ein mütterliches Herz bei den Krankheiten eines Kindes zu leiden hat. Am liebsten würde sie ihrem Kind die Hitze des Fiebers abnehmen, die Schmerzen der Krankheit für ihr Kind ertragen. Die eigenen Schmerzen sind für die Mütter erträglicher, als die Schmerzen ihrer Kinder. Wer kann uns aber das Leiden Marias beschreiben, die Tiefe ihres Schmerzes ermessen? Schon oft hat die Nachricht vom Tod des Kindes einen Vater oder eine Mutter in die größte Verwirrung und Unruhe versetzt! Aber was sagen wir von Maria, die ihren Sohn in den Händen der grausamsten Peiniger, in den entsetzlichsten Schmerzen und auf die schmählichste Todesart sterben sieht? Wie konnte sie es aushalten, als sie sah, wie ihr geliebter Sohn nach und nach durch viele tödliche Martern hingerichtet wurde? Was muss sie ausgestanden haben, als sie die Dornenkrone in das Haupt ihres Sohnes eindringen sah, als sie den zerfleischten Rücken erblickte, als man in ihrer Gegenwart seine Hände mit Nägeln durchschlug, die Füße durchlöcherte? Wie kam es, dass ihre Seele nicht aus dem Leib wegflog, dass ihr Geist wegen der Heftigkeit der Schmerzen nicht den Körper verlassen hat? Uns würde schon der Verbrecher leidtun, der mit dem Strick um den Hals zum Tod geführt wird. Er ist zwar nicht unser Freund, und doch tut er uns leid. Maria aber sah keinen Verbrecher, sie sah ihren unschuldigsten Sohn. Was nur immer eine Mutter, die einen solchen Sohn leiden sieht, dabei erleiden kann, das hat Maria gelitten. Was Jesus an seinem Leib leidet, leidet ihre Seele; alle Wunden, die sich am Leib des Sohnes befinden, versammeln sich in dem Herzen der Mutter. „Ich suche Maria“, sagt der heilige Bonaventura, „und ich finde sie in den Wunden Jesu vertieft, ganz in seinem Leiden versunken.“ Der Schmerz würde sie umgebracht haben, aber das Beispiel des Sohnes hielt sie aufrecht.

 

Dann hat Jesus, ihr göttlicher Sohn, wirklich zu leiden aufgehört, das große Werk der Erlösung war vollbracht, als dem Herzen Mariä eine neue, tiefe Wunde drohte. Das wildeste Raubtier wird besänftigt, wenn es sein Opfer leblos vor seinen Füßen sieht. Der Arm des Mörders erstarrt, wenn er seinen Feind tot erblickt. Aber wo ist der Unmensch, der sich nach dem Tod des Feindes noch daran ergötzt, sein Messer in den toten Leichnam zu stoßen? Und auf diese unerhörte Art wird der Sohn Gottes von den Menschen misshandelt. Die unersättlichen Henkersknechte wollen in den Toten hineinsehen, den sie gekreuzigt haben, und sie durchstechen die Leiche. Blut und Wasser quellen aus der Wunde. Was musste Maria dabei durchstehen, als sie sah, wie sie einen Toten durchstechen, der ihr Sohn war; was musste sie empfinden, als sie einen Strom Blut sah, der nicht aus fremden Leibern, sondern aus dem toten Körper ihres Sohnes hervorfloss? Natürlich hat Jesus die Seitenwunde nicht mehr gefühlt, seine Seele war schon dahingeschieden; aber Maria – der Stoß war tödlich für ihr Herz, die Wunde durchdrang ihr Mark und Bein!

 

Und wir, man mag es kaum sagen, wir wollen am besten gar nichts leiden, das kleinste Kreuz ist uns zu schwer, eine vorbeifliegende Not ist uns schon zu lang. Dabei ist uns Trost sicher. Maria hat zwar gelitten, doch auch sie hat nicht ohne Trost gelitten. Sie hatte den Trost, dass sie den Sohn nicht alleine leiden ließ. Ist es nicht auch für uns tröstlich, wenn wir sehen, dass, wenn wir leiden, andere mit uns leiden? Sind nicht die Tränen des Mitleidens Linderungsmittel für die Schmerzen unserer Wunden? Richtet uns nicht der Anblick gerührter Freunde, die uns Liebes sagen, schnell wieder auf, wenn sie uns auch nicht wirklich helfen können? So bitter also die Schmerzen im Herzen Mariä waren, so gut muss der Trost gewesen sein, dass sie das Leiden mit ihrem Sohn teilen konnte, dass er der Augenzeuge dafür war, wie sie alles im Herzen empfand, was immer er an seinem Leib ertrug.

 

Aber ist der Herr auch Augenzeuge bei unseren Leiden? So lange haben wir schon gelitten und wir leiden noch, wie lange werden wir noch leiden müssen? Der Herr muss seine Augen von uns abgewendet haben, er denkt nicht mehr an uns, wir sind verlassen.

 

In solche Klagen ist einst auch Antonius der Einsiedler ausgebrochen. Auch er glaubte, von Gott verlassen zu sein. Die Hölle ließ gegen diesen Heiligen ihre Wut aus, weil sie sah, dass er Fleisch und Blut gleichsam ausgezogen hatte und nur für Gott lebte. Satan schreckte ihn durch die scheußlichsten Bilder. Er will den Antonius durch Vorstellungen wollüstig machen, durch die Erinnerungen an seine Verwandten erweichen und durch den Ekel vor der Enthaltsamkeit niederschlagen. Er will ihn durch die Größe seiner Frömmigkeit und durch den Schatz der Verdienste aufgeblasen und stolz machen. Zu guter Letzt fällt er ihn wie ein Mörder mit tödlichen Schlägen an, geht auf ihn los wie ein wildes Tier mit aufgesperrten blutigen Rachen. Antonius kämpft, er fastet, er betet, er schreit zum Himmel, und es scheint, als habe sein Geschrei keine andere Wirkung, als seine Feinde nur noch heftiger zu reizen. Er flieht in die Gräber, stürzt sich unter die Toten, vermischt sich mit den Leichen, kann aber dem Versucher nicht entfliehen. Auch dort in den Gräbern wird Antonius vom Versucher zur Sünde gereizt. Wehmütig blickt Antonius endlich den Himmel an, seufzt und lässt die Worte hören, die wir so oft sagen, auch im geringen Leiden: Mein Jesus, warum hast du mich verlassen? Antonius hatte noch gar nicht ausgeredet, als er eine himmlische Gestalt wahrnahm. Jesus ließ sich von seinem Diener nicht nur sehen, sondern versicherte ihm zudem seine immerwährende Gegenwart. „Nein“, sagte er dem Angefochtenen, „nein, ich habe dich nicht verlassen, ich war der Augenzeuge deines Kampfes.“

 

Schauen wir also in unseren Leiden auf Jesus, der uns „etwas zubereitet hat, was kein Auge je gesehen und kein Ohr je gehört hat, weil wir ihn lieben“. Richten wir unsere Augen wie Maria auf Jesus, der uns belohnen wird. Sie sah das Kreuz, an welchem ihr Sohn litt, nicht anders als wie einen Schlüssel an, mit dem er die Pforten des Paradieses geöffnet, die Tür des Himmels aufgeschlossen hat. „Königin der Märtyrer, bitte für uns!“ Schauen wir auf Marias Tugenden, ahmen wir ihre Geduld nach, damit wir mit ihr der Krone teilhaftig werden, damit wir mit ihr in das Reich eingehen, wo kein Licht ist, das sich in die Finsternis verliert, wo kein Tag ist, der in der Nacht endet, sondern wo es immer Tag und Licht ist.

 

Matthias Hergert

 

 

Das Fest der „Sieben Schmerzen Mariens“ – früher am Freitag vor den Palmsonntag

 

Als im Gefolge der Kreuzzüge, durch die man jenes Land der Christenheit zurückerobern wollte, indem unser Herr gelebt und gelitten hatte, die Gestalt des Schmerzensmannes besonders stark den Blick der abendländischen Christen auf sich zog, gesellte sich zu ihr ganz naturgemäß auch die der Schmerzensmutter. Zur Kreuzwegandacht kam die Andacht zu den Sieben Schmerzen Mariens. Glücklicherweise hat der Evangelist Johannes es uns aufgezeichnet, dass in jenen großen Heilstagen, da der Herr unsägliches erlitt, die Mutter Maria in Jerusalem anwesend war, all das Schreckliche miterlebte und sogar unmittelbar unter dem Kreuz ihres Sohnes stand.

Warum stand eigentlich Maria unter dem Kreuz? Es scheint das auf den ersten Blick eine völlig überflüssige Frage. Denn jedes echte Mutterherz möchte in Stunden der Qual und Not seinem Kind möglichst nahe zu sein. Dazu drängte es vor allem jene Mutter, die ein Herz besaß, wie es Gottes Liebe und Macht feiner und reicher nie erschaffen hat. Aber – das ist der Sinn unserer Frage – stand Maria lediglich als die mitleidende und sich sorgende Mutter unter dem Kreuz?

Unser Glaube hat darauf eine klare Antwort gegeben. Er sieht mehr in der Gestalt Mariens auf Golgotha, nämlich eine Mitopfernde, eine Teilnehmerin an dem großen Menschheitsopfer, das ihr Sohn am Kreuz seinem himmlischen Vater zur Entsühnung und zur Heiligung der ganzen Welt darbrachte. Wer könnte auch bezweifeln, dass Maria, die beste Schülerin des Herrn, in diesem hochwichtigen Augenblick der Menschheitsgeschichte bemüht war, sich die großen und heiligen Gesinnungen ihres sterbenden Sohnes restlos zu eigen zu machen? Sie lebte sich über bloß mütterliches Mitfühlen in die Tiefen des Herzens Jesu hinein. Es drängte sie, mitzuversöhnen, mitzuentsühnen, mitzuopfern.

Wenn es unsere Aufgabe ist, in jenem Augenblick, in dem das große Kreuzesopfer im heiligen Messopfer unter uns gegenwärtig gesetzt wird, uns unsererseits dem Opferwillen Christi anzuschließen, wenn wir nach dem Wort des heiligen Paulus dann bestrebt sind, an den Christusleiden das zu ergänzen, was an ihnen für seinen Leib, die Kirche, noch fehlt, dann ist es Mariens bevorzugte Aufgabe gewesen, im Augenblick der heiligen Kreuzeshingabe selbst sich in gleicher Gesinnung Christus anzugliedern. Vor uns durfte sie es tun. Beim Kreuzesopfer selbst durfte sie mitvollziehen. Darum tat sie es dort wohl auch in unserem Namen, als unsere Stellvertreterin. Darum nicht minder auch für uns, zu unserem Nutzen, die wir den mystischen Leib Christi bilden. Mit Recht scheut sich die Kirche nicht, ihr den ehrenvollen Titel einer Gehilfin des Erlösers, ja einer Miterlöserin zu geben. Wir wollen diesen Titel nicht falsch verstehen. Er darf nicht so aufgefasst werden, als ob an dem Werk Christi etwas mangelhaft gewesen wäre, so dass Maria dafür einspringen musste, denn das wäre eine Gotteslästerung. Im Gegenteil spricht unser Glaube von der weit überfließenden Genugtuungstat Christi, von einer Vollkommenheit seines Opfers, die zur Heilung aller Menschen aller Zeiten bei weitem ausreicht. Aber die Güte Gottes zu uns geht so weit, dass sie uns da teilhaben lässt, wo er allein ausreicht, ja sogar ernstlich unsere Teilhabe verlangt. So die unsere bei der Erneuerung des Kreuzopfers im heiligen Messopfer, so die Mariens beim Kreuzopfer selbst.

 

Kirchengebet

 

O Gott, bei deinem Leiden drang, wie Simeon es vorhergesagt, das Schwert des Schmerzes durch das liebevollste Herz der glorreichen Jungfrau und Mutter Maria: verleihe uns, die wir in frommem Gedenken ihre Durchbohrung und ihre Leiden verehren, die Gnade, dass wir auf Grund der glorreichen Verdienste und Fürbitten all der Heiligen, die treu beim Kreuz standen, die selige Wirkung deines Leidens erlangen.

 

Zur Geschichte des Festes: Acht Tage vor dem Karfreitag gedenkt die Kirche jener Mutter, die den Opferleib Jesu bereitet, die ihn – unter dem Kreuz stehend – mitgeopfert hat. Viel älter aber als das Fest der Sieben Schmerzen ist die Verehrung der Leiden Mariens. Im Jahr 1233 wurde der Servitenorden gegründet, der in besonderer Weise der Gottesmutter geweiht ist und vor allem die Verehrung ihrer Leiden pflegt.

Die erste Anregung zu einem Festtag der Schmerzen Mariä ist 1423 von der Provinzialsynode in Köln ausgegangen. Es sollte ein Sühnetag sein für die Gräueltaten der Bilderstürmer, der Hussiten, und zwar unter dem Titel: „Fest zum Gedächtnis des Schmerzes und Leides der Allerseligsten Jungfrau“. Vor allem gedachte man dabei des Leides der Gottesmutter bei der Begegnung mit ihrem Sohn auf dem Kreuzweg, beim Tod und bei der Grablegung Jesu. Erst später fing man an, auch der anderen Schmerzen Mariä an diesem Festtag zu gedenken.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)