Mariä Namen

 

12. September

 

Heute ist das Fest des heiligsten Namens Maria. Heute hat die liebe Mutter Gottes Namenstag. Auch alle Frauen und Mädchen, die den Namen Maria führen, feiern Namenstag, und darüber hinaus haben heute insgesamt alle Menschen ein Fest, denn Maria ist für alle die gute Himmelsmutter. Alle feiern wir heute den Namenstag unserer Mutter. Da soll zunächst einmal eine schöne Geschichte erzählt werden.

 

Es war vor einigen hundert Jahren. Damals war die Welt kleiner, als sie heute ist, denn man wusste noch nicht, ob es an der anderen Seite des Meeres Länder und Menschen gab. Amerika war noch nicht entdeckt.

 

Eines Tages fuhr ein mutiger Mann – Kolumbus hat er geheißen – mit einem Schiff auf das weite Meer hinaus. Er wollte nachsehen, was dort sei, wo das Wasser aufhört. Das Schiff, mit dem er fuhr, hatte einen Namen. Santa Maria wurde es genannt, das heißt auf Deutsch „Heilige Maria“.

 

Es war eine weite Reise. Immerzu geradeaus gegen Westen ging die Fahrt. Fast zwei Monate lang sahen die Leute auf dem Schiff nur das Wasser unter sich und den Himmel über sich. Gewaltige Stürme erhoben sich, und mehr als einmal war das Schiff in Gefahr, mit Mann und Maus in den Wellen zu versinken. Auch die Matrosen taten eines Tages nicht mehr mit und wollten den Kapitän ins Wasser werfen. Kolumbus wehrte sich dagegen und fuhr doch weiter, bis man eines Tages ein Land vor sich aus dem Meer aufsteigen sah. Es war ein neues, bisher unbekanntes Land. Amerika war entdeckt. Als die Anker ausgeworfen waren, verließ Kolumbus als erster das Schiff und ging an Land. Die Stelle aber, wo er an Land ging, nannte er San Salvador, das heißt auf Deutsch „das Land des heiligen Erlösers“. Kolumbus war also mit der Santa Maria ins Heilig-Erlöser-Land gefahren.

 

So weit die Geschichte, die nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des schönen Sinnes, der in ihr liegt, erzählt wird.

 

So lange man Kind ist, weilt man daheim im stillen, ruhigen Hafen des Elternhauses. Doch eines Tages, wenn die Schuljahre zu Ende sind, muss man hinausfahren auf das Meer. Das Meer ist das Leben. Wohin muss man denn fahren? Man muss genau wie Kolumbus nach San Salvador fahren, nach dem Land des heiligen Erlösers. Das ist der Himmel, wo der liebe Heiland wohnt. Dorthin geht die Lebensreise.

 

Es ist eine weite Fahrt. Vielleicht dauert sie fünfzig oder sechzig oder siebzig Jahre lang oder noch länger, und gefährlich ist die Reise auch. Da erheben sich manchmal gewaltige Stürme, das heißt, es kommen Not und Krankheiten und möglicherweise wieder ein Krieg. Es wird bestimmt nicht immer leicht sein, heil und ohne Schiffbruch durch die Stürme hindurch zu kommen.

 

Dann aber kann es auch geschehen, dass man selbst nicht mehr weiterfahren will. Man hat keine Lust mehr, brav zu sein. Man übertritt Gottes heilige Gebote, und so kann es kommen, dass man nicht zum lieben Heiland in den Himmel gelangt. Gefährlich ist fürwahr die Reise durch das Leben in den Himmel.

 

Um indessen trotz aller Stürme sicher das Heilig-Erlöser-Land des Himmels zu erreichen, muss man es ähnlich wie Kolumbus machen. Man muss mit der Santa Maria fahren. Unter der Santa Maria ist eine innige Verehrung der lieben Mutter Gottes zu verstehen, denn wer die Mutter Gottes treu verehrt, alle Tage und lebenslang, der erreicht am ehesten und sichersten das Heilig-Erlöser-Land, der kommt in den schönen Himmel zum lieben Heiland.

„Ich glaube nicht“, behauptet der heilige Alphons, „dass der Teufel sich rühmen kann, auch nur einen Menschen in der Hölle zu haben, der eine rechte Andacht zur Mutter Gottes gehabt hat.“ Und der heilige Bernhard sagt: „Maria ist die Arche, in der jeder, der zu ihr seine Zuflucht nimmt, vor dem ewigen Schiffbruch bewahrt bleibt.“

 

Wer also von Kindheit an die liebe Mutter Gottes treu verehrt, der befindet sich auf dem rechten Schiff zum Himmel, und wer bereits auf diesem Schiff ist, der soll sich freuen und sich vornehmen, stets darauf zu bleiben.

 

 

Über "Maria vom Sieg"

 

Am heutigen Tag wurde im Jahr 1683 der herrliche Sieg über die Türken bei Wien durch die Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria erfochten; weshalb auch das Fest des hl. Namens Maria vom Papst Innocenz XI. eingesetzt wurde.

Aber der Name Mariens ist auch ein geheiligter Name,

ein liebenswürdiger Name.

Niemals spricht man den Namen Marias mit Vertrauen aus,

ohne ihn zugleich mit Nutzen auszusprechen.

Glücklich derjenige, der ihn oft mit Liebe wiederholt,

andächtig grüßt,

aufrichtig verehrt

und öfters anruft.

Nach dem Namen Jesu,

diesem ersten aller Namen,

ist keiner würdiger,

keiner größer

und für die Gläubigen kein geschätzterer Name.

Bei Anrufung dieses Namens Mariä

fühlt sich der Sünder voll des Vertrauens auf die Barmherzigkeit.

Der Gerechte erwirbt eine stärkere Liebe,

der Versuchte den Sieg über seine Leidenschaften

und der Betrübte Geduld und Trost.

Ach! Der Name Maria soll, nach dem Namen Jesus,

in meiner Not meine Hilfsquelle,

in meinen Zweifeln mein Rat,

in Anfechtungen meine Stärke

und in allen meinen Schritten mein Führer sein.

 

Matthias Hergert

 

 

Am Fest Mariä Namen war es.

Ein purpurfarben wunderbares

Herbstabendrot war still verglommen,

Da sind wir durch den Wald gekommen.

 

Wir hatten viel gescherzt, gelacht,

Es war ein Tag von selt`ner Pracht;

So blau der Himmel, die Luft so klar!

Von Unsrer Lieben Frauen Haar

Die ersten Fäden silbergrau

Hinflogen leuchtend über die Au.

Ein sonniger Sonntag nach trüber Zeit,

Das macht die Herzen froh und weit!

 

Und mählig ward es dunkel im Wald,

Vom nahen Klosterkirchlein schallt

Der Aveglocke sanft Geläute.

Sie feiern das Fest der Jungfrau heute,

Die Trost und Zuflucht in schweren Tagen

Und deren Namen sie alle tragen.

 

Wie wir nun schweigend weitergehn,

Ist plötzlich Lichterschein zu sehn.

Er funkelt goldig durch Strauch und Baum

Und leise, leise, wie im Traum

Ein Lied tönt durch den Abendwind,

Als schluchzte im Wald ein einsam Kind.

„Das kommt von Marias Grotte her!

Nur schnell, ist auch der Fuß schon schwer!“

Und hastig über den Wiesenrain

Wir eilen hinab zu dem heiligen Hain.

 

Da glänzt wie ein riesiger Weihnachtsbaum

Von hundert Lichtlein der Grotte Raum.

Die letzten Rosen, die Astern helle

Und der Hortensia schimmernde Bälle,

Sie schmiegen sich als duftige Grüße

Demütig um der Königin Füße.

Ihr holdes Antlitz lächelt mild,

Und segnend breitet die Hand das Bild.

Doch vor der Grotte, Maria zu feiern,

Singen Nonnen in wallenden Schleiern:

„Du Pforte des Himmels, du Arche des Bunds,

Königin der Engel – bitte für uns!“

 

Und wieder hebt sich neuer Sang,

Begleitet von schlichtem Saitenklang.

Vier Stimmen lösen sich aus dem Chor

Und flehend steigt das Gebet empor:

„Wende, o wende, Trösterin du,

Deine barmherzigen Augen uns zu!“

 

Wir stehn und lauschen wie gebannt,

Von selber faltet sich jede Hand;

Auf alle Lippen steigt es heiß

Und mitgebetet haben wir leis.

 

Dann löschen Lied und Lichter aus,

Wir kehren heim ins gastliche Haus.

Doch nicht wie sonst in lauter Lust,

Dem Weltkind war so still die Brust.

Und lang noch auf allen Gesichtern lag`s

Wie Abglanz hohen Feiertags.

 

*     *     *

 

Modernen Menschen fällt es schwer, das Fest eines Namens zu feiern. Denn Namen besagen uns nichts. Sie dienen uns lediglich dazu, um in der Vielheit unserer Mitmenschen den einen besser vom andern unterscheiden zu können. Lediglich wenn Väter und Mütter darauf bedacht sind, ihren Kindern einen „schönen“ Namen zu geben, dann werden sie in vielen Fällen nicht dazu getrieben, um sich bloß am Wohlklang des Wortes zu ergötzen, sondern damit den Kindern, wie mittels eines Zaubermittels, Glück auf den Lebensweg zu geben. Nomen est omen, der Name ist ein Bedeutungszeichen für Glück und Unglück, sagt ein alter lateinischer Spruch.

 

In früheren naturverbundeneren Zeiten legte man sehr viel Gewicht auf die Namengebung. Er sollte eben alles besagen, was man dem Kind auf seinem Lebensweg wünschte, ja seine Lebensaufgabe vorzeichnen. Diese Haltung beruht letzthin darauf, dass ursprünglich alle Namen Wesensnamen gewesen sind, wogegen heute Namen künstlich zusammengestückelt werden. Ursprünglich gab der Name genau das wieder, was der Mensch von dem betreffenden Gegenstand in seinem Geist erfasst hatte. So berichtet uns die Heilige Schrift, dass Adam allem Getier einen Namen gab, das heißt aber: Er erkannte ihr Wesen, ihre Aufgabe und danach benannte er sie.

 

Auf diesem Hintergrund müssen wir es verstehen, wenn in der Heilsgeschichte Gottes vielfach Namengebungen oder Namensumänderungen erzählt werden, z.B. von Abram in Abraham, von Jakob in Israel, von Simon in Petrus. Darum wird eigens verordnet, dass der Vorläufer Johannes heißen müsse und der Erlöser Jesus. Jeder dieser Namen besagte die Aufgabe und Stellung seines Trägers im Werk der Erlösung. Dann hat es Sinn, ein Fest des Namens Jesu zu begehen und von der Kraft des Namens Jesu zu sprechen. Dann hat es Sinn, auf den Namen Jesu zu taufen und in diesem Namen sein Tagwerk zu beginnen.

 

Folglich kann es auch keineswegs gleichgültig sein, dass die seligste Jungfrau, die Mutter des Erlösers, den Namen „Maria“ trug. So gesehen, ist dieser Name nicht nur heilig, weil sie ihn getragen hat, sondern auch, weil er uns ihr unergründliches Wesen und ihre herrliche Heilsaufgabe kündet. Tut er das? Das ist es leider, was wir in diesem Fall nicht wissen. Wir müssen leider bekennen, dass weder die Heilige Schrift uns diesen Namen deutet noch die Wissenschaft es bisher fertiggebracht hat, diesen kostbaren Namen unzweifelhaft sicher auszudeuten. Es sind wohl sehr viele Versuche unternommen worden, aber keiner hat den Sieg davongetragen.

 

Das ist sehr bedauernswert. Vielleicht aber steckt dahinter eine besondere Absicht Gottes. Ein großer Schriftsteller hat einmal gesagt, Gott habe in Maria so Herrliches verwirklicht, dass die Menschen es nicht ertragen könnten, wenn ihnen das alles bewusst wäre. Sollte Gott deswegen auch einen Schleier über die Bedeutung ihres Namens haben ausbreiten müssen? Wollte er es ein Entzücken der Ewigkeit sein lassen, um diesen Namen zu wissen? Wie dem auch sei: Auf jeden Fall wird der Name „Maria“ uns ein heiliger und heilskräftiger Name sein, dessen wir uns nur in Ehrfurcht und Vertrauen bedienen wollen.

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, allmächtiger Gott: gib, dass deine Gläubigen, die sich ob des Namens und des Schutzes der heiligsten Jungfrau Maria freuen, auf Erden durch ihre mütterliche Fürsprache von allen Übeln befreit werden und im Himmel zu den ewigen Freuden gelangen dürfen.

 

Zur Geschichte des Festes: Im Jahr 1513 erhielt die Diözese Cuenca von Rom die Erlaubnis zur Feier eines Festes zu Ehren des heiligen Namens Mariä. Es wundert uns nicht, dass bald auch anderswo Diözesen um dieses Vorrecht baten.

 

Zur allgemeinen Feier dieses Festes in der ganzen Kirche kam es aber erst durch den glorreichen Sieg am 12. September 1683. Die Türken standen als drohende Gefahr für die ganze abendländische Christenheit vor den Toren Wiens. Am 15. August zog der Polenkönig Sobieski mit einem christlichen Heer den Türken entgegen, und zwar im Vertrauen auf die Gottesmutter, denn ihr Banner wurde vorangetragen. Am 12. September kam es zur entscheidenden Schlacht, in der das Türkenheer vernichtet wurde. In seliger Freude dankte die Christenheit der Gottesmutter für diesen Sieg. Im Namen Mariä waren sie gegen den Feind ausgezogen, im Namen Mariä hatten sie ihn niedergezwungen. Noch im gleichen Jahr bestimmte Innozenz XI. den 12. September, den Siegestag, als Festtag des Namens Mariä, und zwar für die ganze Kirche. 

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)