Mariä Heimsuchung

 

2. Juli

 

„In jener Zeit“, so beginnt das Festevangelium, „machte sich Maria auf und ging eilends ins Gebirge in eine Stadt des Stammes Juda.“

 

Maria wohnte damals mit dem heiligen Josef in Nazareth. Wenige Tage zuvor war der Engel Gabriel zu ihr gesandt worden und hatte ihr die frohe Botschaft gebracht, und sie hatte geantwortet: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“ Da war das Wort Fleisch geworden und wohnte seit dem in ihrem jungfräulichen Schoß. Auch hatte der Erzengel Gabriel der lieben Mutter Gottes gesagt, dass ihre hochbetagte Verwandte Elisabet einen Sohn empfangen habe, und in dieser Mitteilung sah Maria einen Wink des Himmels. Deshalb machte sie sich auf den Weg, um mit Elisabet das gegenseitige Mutterglück auszutauschen und um der Verwandten zu dienen und beizustehen.

 

Die Reise, auf der Sankt Josef Maria begleitete, ging nach Süden, am Berg Tabor vorbei über Naim, Samaria, Emmaus, Jerusalem und Betlehem nach Hebron ins Gebirge, vier Tage weit. Damals trug die Mutter Gottes unter ihrem liebenden Herzen den Heiland über all jene Wege, die er einst lehrend und segnend gehen sollte.

 

Es war für Maria eine frohe Reise. Hell strahlte die Sonne vom blauen Himmel auf die Mutter desjenigen herab, der selbst die Sonne der Gerechtigkeit ist. Beim Nahen der Hochgebenedeiten rückten die Steine zur Seite. Die Bäume reckten weit die Äste aus, um dichten, kühlen Schatten zu spenden. Die Blumen kamen schnell von den Wiesen und säumten den Weg ein, und wie junge Mädchen, wenn sie ins Kloster gehen, einen neuen und schönen heiligen Namen erhalten, so haben sich damals auch manche Blumen, als Maria vorüberging, anders benannt als vorher. Diejenigen, die am Weg standen, waren in der Mehrzahl und heißen seitdem schlichtweg Marienblümchen. Andere, auf die Maria trat, nennen sich von jener Stunde an Liebfrauenschuh, und wieder andere, über die Mariens Mantel schleifte, tragen heute den Namen Liebfrauenmantel. Ein kleiner roter Käfer aber mit sieben Punkten auf dem Rücken flog wie von ungefähr auf Mariens Hand und rühmt sich seither, Marienkäfer zu heißen. Auch die Vögel taten ihr Bestes und sangen die schönsten Lieder, um der allerseligsten Jungfrau den Weg zu verkürzen. Die Schwalben aber gaben ihr mit fröhlichem Zwitschern auf der ganzen Reise das Geleit. Deshalb sind sie heute noch der Mutter Gottes heilig und stehen auch unter ihrem besonderen Schutz. Aus den Wäldern kam ohne Scheu das Wild herbei, die Hirsche, die Rehe und die Hasen, und alle freuten sich, Maria zu sehen. Nur die Nattern züngelten hinter ihr her, ohne ihr jedoch schaden zu können, und verfolgten sie mit giftigem Blick. Deswegen wurden sie geblendet und heißen seitdem Blindschleichen. Natürlich fehlten auch die Engel nicht. Singend und jubilierend schritten sie ihrer Königin voraus, schwebten über ihr und warfen ihr Rosen in den Weg, und der heilige Josef hob die Rosen auf und schüttelte ein übers andere Mal den Kopf über all die Wunder, die er schaute und die er sich nicht erklären konnte, denn er hatte noch keine Ahnung von dem wunderholden Blümlein, das demnächst zur halben Nacht wohl in dem kalten Winter von seiner heiligsten Braut geboren werden sollte. Wohl, das war eine einzig schöne Reise.

 

Endlich näherten sich die heiligen Wanderer dem Ziel. Der heilige Josef ging voraus, um den Besuch anzumelden, und als er ankam, trieb er zunächst den Esel in den Stall und schüttelte ihm Hafer hin. Darauf betrat er das Haus und sagte Bescheid. Da gab es eine große Freude. Der heilige Josef und der Priester Zacharias gerieten sogleich ins Gespräch. Weil aber Zacharias zu der Zeit bekanntlich stumm war, musste er alles, was er sagen wollte, auf eine kleine Tafel schreiben, und während sich die beiden Männer unterhielten, eilte Elisabet hinaus, ging voll Freude Maria entgegen und rief ihr in tiefer Ergriffenheit schon von weitem zu: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“

 

Darauf kniete sich die alte Frau in Ehrfurcht auf die nackte Erde hin, Maria näherte sich ihr, beugte sich über sie und grüßte sie.

 

„Und von dem Gruß ganz durchdrungen,

ist Johannes aufgesprungen,

der von Gott geheiligt war,

ehe die Mutter ihn gebar.“

 

Eine heilige Rührung kam über die beiden Frauen. Maria hob Elisabet auf, trat einen Schritt zurück, kreuzte die Hände vor der Brust und brach, vom Heiligen Geist erfüllt, in den Lobgesang aus: „Hochpreiset meine Seele den Herrn, und mein Herz ist voll Freude in Gott, meinem Heiland; denn gnädig sah er auf die Niedrigkeit seiner Magd, und von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.“

 

So ist das Magnifikat entstanden, das schönste Marienlied, das es gibt. Wir aber lernen aus der heutigen Legende von den Bäumen, von den Blumen, von den Vögeln, von dem Wild des Waldes, von den Engeln und von Elisabet, dass wir an allen Tagen Mariens Lob singen und sagen sollen, denn sie ist die hochgebenedeite Mutter unseres Herrn, und kein Lob auf dieser Erde kann ihrer würdig sein.

 

Von der Nachfolge Marias

 

Das beste wäre, wenn wir an diesem uralten Fest eine Kirche besuchen würden, in der Maria besonders verehrt wird. Ein solcher Besuch wird aber nicht immer möglich sein. Dann bete wenigstens vor einem Bild der Gottes Mutter. Um Maria nachzuahmen, sollten wir einen Besuch machen bei einem anderen Menschen, vielleicht bei einem armen Menschen oder bei einer Familie mit Kindern, denen es nicht so gut geht. Aber dieser Besuch müsste ebenso von göttlicher Liebe eingeleitet, durchgeführt und beschlossen werden. Was nicht aus der göttlichen Liebe kommt, ist meistens nur Eigenliebe. Lernen wir also christliche Besuche machen. Zwar haben wir nicht diese Fülle der Gnade, mit der Maria vom Herrn überhäuft war, aber wir tragen Jesus Christus in unserem Herzen. Dann sollten wir mit Andacht den Lobgesang der Maria, das Magnifikat sprechen, an diesem Tag möglichst nur von göttlichen Dingen reden, Jesus für alles danken, besonders für die Gnaden, die er Maria erwiesen hat. Auch sollten wir den Herrn um Verzeihung für die Sünden bitten, die wir im Umgang mit Menschen begangen haben. Bitten wir Maria, sie möge uns am Ende unseres Lebens beistehen, damit wir, wie Johannes durch Jesus geheiligt in die Welt eingetreten ist, auf ihre Fürsprache durch Jesus geheiligt aus der selben heraus treten mögen!

 

Matthias Hergert

Der Besuch Mariens bei ihrer Base Elisabeth bietet dem betrachtenden Geist vielerlei Möglichkeiten, von denen nur eine genommen werden kann. Es sei das bedeutsame Wort, das Elisabeth zu Maria gesprochen hat: „Selig bist du, weil du geglaubt hast.“ Hiermit wird Mariens Glaube und ihr Vertrauen gegenüber der Engelsbotschaft als etwas Besonderes und Vorbildliches herausgestellt.

Auf Grund dieses Wortes, das nur der Heilige Geist der aus menschlichen Quellen noch nichts wissenden Base eingegeben haben kann, dürfen wir uns die selige Jungfrau im Augenblick der Empfängnis Christi keineswegs als Voll-Wissende vorstellen, d.h. nicht als eine solche, die etwa in mystischer Erhebung oder gar entsprechend der ewigen seligen Schau das bisher noch unbekannte Geheimnis der Dreifaltigkeit klar durchschaut hätte und ihr somit nichts selbstverständlicher gewesen wäre als die wesenhafte Gottessohnschaft des Kindes, das ihr verheißen wurde. Warum wohl nicht? Nun, weil angesichts einer solchen Erkenntnis nein zu sagen, der zur Entscheidung aufgerufenen Jungfrau ebenso unmöglich gewesen wäre, wie es den Seligen im Himmel ist. Wo bliebe dann Mariens vielgepriesene Vorbildlichkeit in der Verkündigungsszene? Wo bliebe ihr Verdienst? Gewiss wird Gottes besondere Gnade und eine innere Erleuchtung ihr in diesem hochwichtigen Augenblick der Heilsgeschichte zu Hilfe gekommen sein, aber irgendwie sollte sie doch im Dunkeln und Geheimnisvollen tappen, damit ihr Jawort zu dem wahrhaft großen Beitrag zu unserer Erlösung werde.

Schauen wir es so, dann müssen wir fürwahr die tapfere Glaubenshaltung einer noch zarten Jungfrau von vielleicht vierzehn Lebensjahren als eine Riesenleistung bewundern. Völlig allein steht sie. Keinen kann sie um Rat fragen. Unbekanntes, das für uns Menschen leicht die Gestalt von Drohendem annimmt, liegt vor ihr. Darum gehörte zu ihrem Ja ein starker Glaube und ein tiefgläubiges Vertrauen.

Maria blieb zeit ihres Lebens eine Glaubende. Oder was gehört dazu: Tag für Tag eines Kindes Unbeholfenheit zu Hilfe kommen, einem Kind das Gehen und Sichgeben, das erste menschliche Wissen vermitteln, es im täglichen Leben sich von anderer Leute Kind nicht viel unterscheiden sehen – und dann glauben müssen: es sei der auserwählte und vorausverkündigte Messias, es sei Gottes Sohn! Welche Kraft des Glaubens Tag um Tag! Gilt da nicht von ihr ihres Sohnes Wort: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Oder das andere Wort: „Ja, fürwahr glückselig, die das Wort Gottes hören und es bewahren!

Maria wird also mit Recht in unseren Tagen gerne die Mutter der Glaubenden genannt. In den Zeiten der modernen Glaubensmüdigkeit möchte man den Ruf des hl. Petrus an sie richten: „Hilf unserem Unglauben!“

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, o Herr: lass deinen Dienern das Geschenk deiner himmlischen Gnade zukommen, damit allen, denen die Mutterschaft der seligen Jungfrau zum Anfang des Heils geworden, die Gedächtnisfeier ihrer Heimsuchung den Frieden vermehre.

 

Zur Geschichte des Festes: Das Fest Mariä Heimsuchung erfreut sich großer Beliebtheit beim christlichen Volk. Das liegt wohl im Festgeheimnis selbst begründet. Liegt doch überaus Liebliches und vertraut Familiäres über der Begegnung der beiden heiligen Frauen, einer Begegnung, die sich so kraftvoll auswirkte in der Heiligung des Johannes im Mutterschoß. Außerdem schenkte uns Mariens Mutterfreude bei dieser Begegnung das unsterbliche Magnifikat!

Es ist darum leicht begreiflich, dass dieses bedeutungsvolle Geschehen als Festgeheimnis gefeiert wird. In der Urform der römischen Liturgie (4. Jahrhundert) war der Freitag der Quatemberwoche des Advents ein Heimsuchungsfest. Für das heutige Datum reichen die Nachweise zurück bis ins 13. Jahrhundert. Der heilige Bonaventura führte im Jahr 1263 das Fest Mariä Heimsuchung im Franziskanerorden ein. Später eiferten die Päpste Urban VI. und Bonifatius IX. für dessen Feier. Letzterer verpflichtete die ganze Kirche im Jahr 1389 zur Feier dieses Marienfestes, um durch die Fürbitte der Gottesmutter die Beilegung des abendländischen Schismas zu erwirken. Das Konzil von Basel bestätigte am 1. Juli 1441 erneut diese Anordnung. Da am 2. Juli 1849 die Stadt Rom befreit wurde und Pius IX. am gleichen Tag aus Gaeta wieder nach Rom zurückkehren konnte, erhob er 1850 dieses Fest in den Rang eines Doppelfestes 1. Klasse, nachdem Pius V. es als Doppelfest 2. Klasse eingesetzt hatte.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)