Mariä Geburt

 

Zur Vorfeier auf das Fest Mariä Geburt

(aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

1. Vor der Geburt Mariens lag die ganze Welt in der Finsternis der Sünde begraben. Mit der Geburt Mariens ging das Morgenrot auf, sagt ein Heiliger. Von Maria heißt es in der Heiligen Schrift: Wer ist die, die da hervorkommt wie die aufsteigende Morgenröte? Alles freut sich, wenn die Morgenröte erscheint, denn sie ist eine Vorbotin des Sonnenaufgangs. So freut sich gleichfalls die Welt, als Maria geboren war, denn sie war eine Vorbotin der Sonne der Gerechtigkeit, das heißt Jesu Christi, der, nachdem er ihr Sohn geworden war, uns durch seinen Tod selig machen wollte. Deshalb ruft auch die heilige Kirche aus: Deine Geburt, o heilige Jungfrau und Gottesgebärerin, hat der ganzen Welt Freude verkündigt: denn aus dir ist die Sonne der Gerechtigkeit geboren, die uns das ewige Leben gebracht hat. So wurde bei der Geburt Mariens das Heilmittel gegen unsere Übel, unser Trost und unser Heil geboren, denn durch Maria haben wir unseren Heiland empfangen. 

 

2. Nachdem diese heilige Jungfrau bestimmt worden war, die Mutter des ewigen Wortes zu werden, bereicherte Gott sie mit so vielen Gnaden, dass ihre Heiligkeit vom ersten Augenblick ihrer Unbefleckten Empfängnis an die Heiligkeit aller Heiligen und Engel zusammen übertraf. Sie empfing nämlich Gnaden höherer Art, sowie die hohe Würde einer Mutter Gottes es erforderte. 

Siehe, ich armer Sünder begrüße und verehre dich heute, o heiliges Kind Maria! Du bist voll von Gnade, du bist die Geliebte, die Freude deines Gottes. Habe also Mitleid mit mir, der ich durch meine Sünden, die Gott verabscheut, ihm nicht gefallen kann. Du, o allerreinste Jungfrau, hast seit deiner zartesten Kindheit in so hohem Grad die Liebe deines Gottes zu erlangen gewusst, dass er dir nichts abschlagen kann, dass er dir alles gewährt, um was du ihn bittest. Auf dich setze ich meine Hoffnung. Bitte deinen Sohn für mich, und ich werde gewiss nicht verloren gehen.

 

3. Da Maria zur Mutter unseres Heilands bestimmt war, so wollte Gott auch, dass sie eine Mittlerin zwischen Gott und uns Sündern wird. Deshalb, sagt der heilige Thomas, empfing Maria so viele Gnaden, als hingereicht hätten, um alle Menschen selig zu machen. Und der heilige Bernhard nennt Maria eine volle Wasserleitung, an deren Fülle wir alle teilhaben.

O meine Königin Maria, Mittlerin der Sünder, übe dein Amt an mir aus, bitte Gott für mich! Meine Sünden, o mächtige Mutter Gottes, sollen mein Vertrauen auf dich nicht vermindern. Nein, ich setze meine Hoffnung auf dich, und mein Vertrauen ist so groß, dass ich meine Seligkeit, wenn sie von mir selbst abhinge, dennoch lieber dir als mir selbst anvertrauen würde. O Maria, nimm mich unter deinen Schutz, alsdann bin ich zufrieden. 

 

8. September

 

Als einmal der Küster in einem Dorf verreiste, musste der älteste Messdiener ihn vertreten und Küsterdienste versehen. Gern hat es der Junge getan. Er hat auch alles recht gemacht. Nur am letzten Tag zündete er, obwohl bei der heiligen Messe zwei Kerzen genügen, alle an, die auf dem Altar standen, zwölf an der Zahl. Verwundert wies ihn der Pfarrer zurecht. Er wisse doch, dass nur zwei Kerzen brennen sollten, warum er denn zwölf angezündet habe? Bei dieser Frage ging ein Leuchten über das Gesicht des Jungen, und freudestrahlend sagte er: „Herr Pfarrer! Deswegen habe ich alle Kerzen angezündet, weil meine Mutter heute Geburtstag hat.“ War es nicht lieb von dem Jungen, dass er seiner Mutter zu Ehren alle Kerzen angezündet hat?

 

Heute feiern wir die Geburt der lieben Gottesmutter, die zugleich die Mutter aller Menschen und daher ebenso unsere Mutter ist. Da müssen auch wir den Tag festlich begehen und der Himmelsmutter zu Ehren viele Kerzen anzünden. Ja, das müssen wir tun.

 

Mit den Kerzen sind nicht wirkliche Kerzen von Wachs gemeint, sondern sinnbildliche Kerzen. Jedes Gebet zur Mutter Gottes ist nämlich wie eine Kerze, die wir ihr zu Ehren anzünden. Jedes Mutter-Gottes-Gebet ist solch eine Kerze, das „Gegrüßet seist du, Maria“, „Gedenke, o gütigste Mutter Maria“, „Unter deinen Schutz und Schirm“, „Sei gegrüßt, o Königin“, „Jungfrau, Mutter Gottes mein“ und so weiter. Sooft wir eins dieser Gebete verrichten, ist es gerade so, als zündeten wir zu Ehren der lieben Himmelsmutter eine Kerze an. Sollen wir da nicht, besonders heute an Mariä Geburt, viele solche Kerzen brennen lassen?

 

Da war einmal ein Junge, der Thomas hieß und von Kempen am Niederrhein gebürtig war. Thomas von Kempen ist später ein berühmter Mann geworden. Er war ein eifriger Mutter-Gottes-Verehrer, schon von Kindheit an. Täglich betete er mit Andacht eine Reihe von Mutter-Gottes-Gebeten, die er auswendig wusste.

 

Dann kam eine Zeit, da er nachlässig und lau im Beten wurde. Er vergaß die himmlische Mutter manchmal zwei oder drei Tage, manchmal eine Woche lang und betete nicht mehr oder doch nur selten und schlecht und unandächtig zu ihr.

 

Da hatte Thomas in einer Nacht einen merkwürdigen Traum. Er sah einen großen Saal. Alle Mitschüler waren darin, und er selbst war auch dabei. Auf einmal ging die Tür auf, und wer trat ein? Die Mutter Gottes. Die Mutter Gottes machte die Runde und redete lieb wie eine Mutter mit jedem Jungen, und diejenigen, die sie besonders verehrten und oft zu ihr beteten, schloss sie sogar in die mütterlichen Arme.

 

Als Thomas das sah, freute er sich, denn er glaubte, dass die Gottesmutter auch ihn liebhaben werde. Als aber Maria zu ihm kam, ging sie mit ernster Miene vorüber und sagte:

 

„Du bist es nicht wert, denn du denkst nicht mehr an mich und betest nicht mehr zu mir.“

 

Kaum hatte die Himmelsmutter die Worte gesprochen, da war der Traum vorbei. Thomas erwachte und hat vom gleichen Tag an wieder eifriger zur lieben Mutter Gottes gebetet. Lebenslang hat er es getan, bis ihn Maria am Ende seiner Tage in den Himmel geholt hat.

 

So müssen wir es machen. Wir dürfen die liebe Mutter Gottes nicht vergessen und dürfen nicht unandächtig zu ihr beten, denn dann rußen und flackern die Kerzen unserer Gebete. Hell und klar müssen sie vielmehr glühen und glänzen, und das ist der Fall, wenn wir mit Andacht beten. Das wollen wir alle Tage tun, aber ganz besonders heute, da wir den Geburtstag unserer lieben Himmelsmutter festlich begehen.

 

Von der Gnade und der Königin

 

Das Fest der Geburt Mariä gibt es seit dem 4. Jahrhundert. „Fünftausend Jahre nach Erschaffung der Welt, tausend Jahre nach der Salbung Davids zum König Israels in der 52. Jahrwoche nach der Weissagung des Propheten Daniel, unter der Regierung des römischen Kaisers Augustus wurde in Nazareth, einem Städtlein Galiläas, das durch den ewigen Ratschluss Gottes zur Mutter des göttlichen Wortes bestimmte Kind geboren, und gab nach den Worten des heiligen Petrus Damiani zu demjenigen Fest Veranlassung, an dem wir den Ursprung aller übrigen Feste froh feiern.

 

Anna heißt Gnade. Maria eine Herrin. So hat uns die Gnade des Allmächtigen die Königin des Himmels und der Erde geboren. Danken wir dem Herrn besonders heute, dass er uns eine so liebevolle und gütige Mutter, eine so mächtige Fürsprecherin gegeben hat. Nehmen wir mit Vertrauen unsere Zuflucht zu Maria, dass sie uns beistehe, damit wir aus dem stürmischen Meer dieser Welt in den Hafen der ewigen Seligkeit glücklich einlaufen. Rufen wir in allen Gefahren und Nöten ihren Schutz an, und sind wir dessen versichert, wie der heilige Bernhard sagt, dass wir durch sie Beistand, Hilfe und Trost von Gott erhalten werden.

 

Lernen wir die menschliche Größe und Hoheit, die Reichtümer und andere natürliche Vorzüge gering schätzen, mit der sich die weltlich Gesinnten so sehr brüsten. Die Mutter Gottes, die Königin des Himmels und der Erde, wurde ja vor den Augen der Menschen in der Dunkelheit geboren; und so lebte sie auch. Sie war aber groß und voll der Gnade, der Tugenden und der Verdienste vor Gott. Dies sind die wahren Vorzüge, Ehren und Reichtümer, die von Christen hochgeschätzt und gesucht werden, weil sie uns nach einem kurzen Aufenthalt auf dieser Erde zum Besitz der ewigen Glückseligkeit in den Himmel führen.

 

Matthias Hergert

Mariä Geburt

 

Du liebliches Kindlein, wir grüßen dich alle!

So tönt es vom Himmel in freudigem Schalle,

Du Röslein, du Lilie, du Edelstein!

Zum Kämmerlein Anna`s da steigen hernieder

Die Engelein Gottes, die singen viel Lieder,

Und ringsum es strahlet in goldenem Schein.

 

Maria, du Kind ohne Sünde empfangen,

Voll Jubel die himmlischen Scharen dort sangen:

O nimm unsern Gruß, uns`re Huldigung hin!

Du bist ja viel schöner als Sonn` und Sterne,

O sieh`, wie wir Engel dir dienen so gerne.

O Kleine, du bist uns`re Königin!

 

Doch nicht nur die Engel, wir alle dich ehren,

Wir sündige Menschen im Tale der Zähren,

Dich liebes und herziges, heiliges Kind!

Dich hat ja der ewige Vater erkoren,

Aus dir wird der göttliche Heiland geboren,

In dir unsre Hoffnung und Freude beginnt.

 

Ja, liebliches Kindlein, o bring` uns den Frieden!

So seufzen, so rufen wir Pilger hienieden,

O sende die Tröstung ins Tränen-Tal!

O Kindlein, zur Mutter wir heut` dich erküren,

Dein rührendes Flehen den Vater muss rühren,

Uns öffnen die Pforte zum Hochzeitsmahl.

 

*     *     * 

 

Menschen feiern gerne die Fertigstellung eines Werkes ihrer Hände. Wenn eine neue Maschine fertig geworden ist, wenn ein Schiff seinen Stapellauf tut, wenn ein Künstler seinem Gedicht oder seiner Figur die letzte Form gegeben hat, dann muss das gefeiert werden. Mit Recht, denn im Schaffen und Erzeugen nehmen wir in höchster Weise am Tun des Schöpfergottes teil. Hat Gott nach dem Bericht der Heiligen Schrift nicht auch gefeiert, als er diese wundervolle Welt mit ihren unerschöpflichen Wundern ins Dasein gesetzt hatte? Er ruhte ja am siebenten Tag aus, schaute sich alles liebevoll an und fand, dass es gut geworden sei. An diese Freude Gottes gemahnt uns jeweils der Sonntag.

 

Es gibt aber kein Werk, in dem der Mensch inniger an der Wirksamkeit des lebenschaffenden Gottes Anteil nähme, auch keines, das an Wert von anderen übertroffen werden könnte, als wenn er Leben zeugend tätig ist. Darum erfüllt eine unsagbare Freude das Herz von Vater und Mutter, wenn das neugeborene Kind, die Frucht ihrer Lebenskraft, greifbar vor ihnen liegt. Schlicht und fein hat dies der göttliche Heiland zum Ausdruck gebracht: „Hat die Frau aber das Kind geboren, so gedenkt sie nicht mehr der Not, aus Freude darüber, dass Mensch zur Welt gekommen ist.“

 

Wir können es also der Kirche nicht verargen, wenn sie sich freut, dass Maria zur Welt gekommen ist. Denn dieses einzigartige Werk der Schöpferhand Gottes ist nächst der hochheiligen Menschheit unseres Herrn des Schöpfers feinstes und wohlgelungenstes Werk. Wenn je außer der Geburt Christi Veranlassung bestanden hat, eines Menschen Geburtstag feierlich zu begehen, dann bei der Geburt der seligen Jungfrau. Das war einmal ein Geburtstag, dessen Freude durch keinen Schatten getrübt war. Denn ein Menschenkind trat ins Dasein, dessen Seele schon im Glanz der Gotteskindschaft erstrahlte, dessen Antlitz von der Liebe Gottes widerstrahlte, die es umfangen hatte.

 

Und um welch heiliger Aufgabe willen war es in diese Welt eingetreten? Um Mutter Christi, Mutter des Erlösers, Gottesgebärerin zu werden! Und nicht nur das! Sie sollte auch teilhaben dürfen am Werk ihres Sohnes, der Menschheitserlösung, und so unsere Mutter werden. Unserer Mutter Geburtstag gilt es zu feiern, der Mutter aller Christen. Ja, dieses Kind war dazu bestimmt, einst und damit ewig als Himmelskönigin selbst den gebenedeiten Engelscharen voranzugehen. Wahrlich Gründe genug, um eines solchen Menschenkindes Geburtstag ganz festlich zu begehen. Ja, eigentlich kämen wir mit unserer Geburtstagsfeier nie an ein Ende, wenn wir Mariens Geburt gebührend feiern wollten.

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, o Herr: lass deinen Dienern das Geschenk deiner himmlischen Gnade zukommen, damit allen, denen die Mutterschaft der seligsten Jungfrau zum Anfang des Heils geworden, die Gedächtnisfeier ihrer Geburt den Frieden vermehre.

 

Zur Geschichte des Festes: Am heutigen Tag feiern wir ein schönes Familienfest, den Geburtstag unserer himmlischen Mutter. Es ist uns leicht begreiflich, dass das christliche Volk den Tag der Geburt der Hochgebenedeiten stets in Ehren hielt. Zwar ist es nicht Brauch in der Kirche Gottes, den irdischen Geburtstag zu feiern. Wir kennen neben dem Geburtstag des Gottessohnes nur noch zwei Ausnahmen: Mariä Geburt und die Geburt des Johannes des Täufers. Beide Ausnahmen sind uns aber aus ihrer Eigenart heraus leicht verständlich. Maria war vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an ohne jeden Makel der Erbschuld, und Johannes wurde bereits im Mutterschoß von ihr befreit.

 

Als besonderer Festtag ist „Mariä Geburt“ im Orient bereits im 8. Jahrhundert erwähnt, im Abendland ein Jahrhundert später. Erst um die Wende des 10. zum 11. Jahrhundert weitet er sich über die ganze Kirche aus. Die seit dem 13. Jahrhundert damit verbundene Oktav hat ihre eigene Geschichte. Als nämlich die Kardinäle in Rom versammelt waren, um den Nachfolger Gregors IX. zu wählen, gelobten sie die Auszeichnung des Festes Mariä Geburt mit einer Oktav, wenn die Schwierigkeiten glücklich überwunden würden, die durch die Forderungen Friedrichs II. und durch die Unzufriedenheit des Volkes entstanden waren. Dies geschah denn auch. Doch der neugewählte Papst, Cölestin IV., regierte nur 17 Tage (vom 25. Oktober bis 10. November 1241). Sein Nachfolger aber, Innozenz IV., erfüllte um die Mitte des 13. Jahrhunderts das Gelöbnis der Kardinäle.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)

 

Fest der Geburt Mariens

(aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

"Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, weg vom Libanon komm du mit mir!." (Hohelied 4,8)

 

Wer immer ein Diener und Verehrer der seligsten Jungfrau sein will, wird gewiss den heutigen Tag feierlich begehen. Denn heute gedenkt die Kirche an ein großes Geheimnis, an die Geburt derjenigen, aus deren Schoß der Weltheiland hervorzugehen sich würdigte. Fürwahr ein seliger freudenreicher Tag.

 

Das Evangelium berichtet uns über dieses Ereignis nichts, wohl aber die Überlieferung und einige Gesichte frommer Personen melden Näheres.

 

Über die einzelnen Umstände, die vor, bei und nach der Geburt Mariens stattfanden, erzählt die gottselige Maria von Agreda das Nachfolgende:

 

Die heilige Anna war, so lange sie Marien unter ihrem Herzen trug, von Freude ganz erfüllt. Allein die göttliche Vorsehung hatte verordnet, dass sie auch einige Widerwärtigkeiten empfände. Nachdem der böse Geist mit seinem Anhang in die Hölle hinabgestoßen worden ist, spürte er unter den Frauen des Alten Bundes umher, um zu erkennen, ob er nich diejenige antreffen würde, deren Zeichen er im Himmel gesehen hatte, und die ihm das Haupt zertreten sollte. Seine Spürkraft war denn auch die Heiligkeit Annas nicht entgangen. Er erkannte zwar nicht den Wert des Schatzes, den sie in ihrem Schoß barg, hatte aber doch die Empfindung, dass von ihr eine große Kraft und Stärke ausgehe, und geriet darüber wiederholt in einige Verwirrung. Er beschloss, wo möglich, der heiligen Anna das Leben zu nehmen oder wenigstens ihre glückliche Niederkunft zu verhindern. Er suchte nun die heilige Anna mit verschiedenen Eingebungen, Schrecken und anderen Betrübnissen heim. Er erregte in ihr Zweifel an der Überzeugung von ihrem gesegneten Zustand, durch den Hinweis auf ihre bisherige Unfruchtbarkeit und auf ihr Alter. Mit Gebet und Geduld widerstand Anna diesen Anfechtungen, wobei ihr die Schutzgeister ihrer heiligsten Tochter nicht wenig behilflich waren. Auch etliche Frauen aus der Bekanntschaft der heiligen Anna stiftete der Böse an, die heilige Frau zu beleidigen. Sie mussten darüber spotten, dass sie sich einbilde, Mutter zu werden, während dies eine Vorspiegelung sei, die ihr der Teufel gemacht hat. Die heilige Anna überwand nicht weniger diese Versuchung und setzte dem Spott der Frauen Sanftmut und Liebe entgegen und liebte selbst diese Feindinnen. Allein dadurch reizte sie deren Hass nur noch mehr, und sie ließen sich sogar verleiten, gegen die Person und das Leben der heiligen Jungfrau Angriffe zu schmieden. Aber auch diese Feindseligkeiten überwand Anna und brachte bei jenen durch viele Gebete Reue und Besserung hervor. Nun erregte der Teufel die Feindseligkeit einer Magd gegen die heilige Anna. Jedoch auch diese hatte keinen für sie schädlichen Erfolg, und Anna ging aus dieser neuen Versuchung nicht weniger siegreich hervor, als aus den früheren. 

 

An einem 8. September erblickte Maria das Licht der Welt, neun Monate später, als ihr die allerheiligste Seele eingegossen wurde. Als Anna ihre Stunde nahen fühlte, war sie mit dem Jubel des göttlichen Geistes erfüllt. Zugleich mit ihr geriet das Kindlein Maria in Verzückung, in der es auch auf die Welt kam, damit sie den natürlichen Hergang der Geburt nicht empfände. Sie wurde rein, schön und voll Gnaden geboren und gab dadurch zu erkennen, wie sie frei und ledig vom Gesetz und dem Tribut der Schuld auf die Welt gekommen ist. Obwohl sie mit der Wesenheit anderer Kinder Adams ausgestattet war, erfolgte dies Ereignis doch unter solchen Umständen und mit so besonderen Gnaden, dass diese Geburt vor allen wunderbar sich darstellte. Dieser göttliche Morgenstern, der Vorgänger des Tages, ging auf in der Nacht um zwölf Uhr und hat angefangen, die Nacht des alten Gesetzes von den ersten Finsternissen des bereits anbrechenden neuen Tages der Gnaden voneinander zu scheiden. Maria wurde in Windeln gehüllt, und diejenige, deren ganzes Verlangen und Sehnen nach der Gottheit stand, wurde eingewickelt wie andere Kinder. Sie, die an Weisheit Engel und Menschen übertraf, wurde behandelt wie ein anderes hilfloses neugeborenes Geschöpf. Allein die heilige Mutter Anna gab doch nicht zu, dass andere Hände, als ihre eigenen, das Kind pflegten, was sie um so besser konnte, als sie den Beschwerlichkeiten, die anderen Müttern die Geburt verursacht, nicht unterworfen war. Sie nahm die Kleine auf ihre Arme und brachte sie mit großer Inbrunst und unter Tränen dem Allerhöchsten dar, wobei sie innerlich also sprach: Herr, dessen Weisheit und Allmacht unendlich sind, Schöpfer aller Dinge, die da sind, dir opfere ich die Frucht, die ich soeben von dir empfangen habe, unter ewiger Danksagung dafür, dass du mir sie gegeben hast, ohne dass ich sie habe verdienen können. Tue an Mutter und Tochter nach deinem heiligen Willen und lass dir gefallen, von dem unzugänglichen Thron deiner Herrlichkeit herab unsere Kleinheit zu betrachten. Sei ewig gebenedeit, dass du die Welt mit einem so holdseligen, deinem Wohlgefallen so angenehmen Geschöpf bereichert, dass du in ihr die Wohnung und Hütte des ewigen Wortes bereitet hast. Ich wünsche meinen heiligen Eltern und den Propheten, und in ihnen dem ganzen menschlichen Geschlecht Glück um des gewissen Unterpfands willen, das du ihnen für ihre Erlösung gegeben hast. Wie soll ich mich aber gegen diejenigen verhalten, die du mir zur Tochter gibst, während ich nicht wert bin, ihre Magd zu sein? Gib mir, mein Herr und mein König, das Licht, dessen ich bedarf, deinen heiligen Willen zu entdecken, und ihn nach deinem Wohlgefallen und in den Diensten auszuführen, die ich meiner Tochter schulde. 

 

Mittelst einer inneren Einsprache antwortete der Herr der heiligen Anna, sie habe ihr Kind äußerlich wie ihre Tochter zu halten. Im Herzen aber die schuldige Ehrerbietung zu ihr zu haben, bei der Ernährung und Erziehung die Pflichten einer wahrhaften Mutter zu erfüllen. Wenn nun Anna auch ihrem Kind, wie andere Mütter, liebkoste, so setzte sie doch niemals die ihm schuldige Ehrerbietung aus den Augen. Die Schutzengel des süßen Kindes verehrten mit einer Menge anderer Engel dasselbe auf seiner Mutter Armen. Sie unterhielten es mit einer himmlischen Musik, von der auch die heilige Anna etwas vernahm. Die tausend zu ihrem Schutz bestellten Engel boten sich Marien zur Bedienung an. Bei diesem Anlass sah Maria sie zum ersten Mal in leiblicher Gestalt.

 

O glückselige Geburt, freudenvolle Geburt, du bist das größte Wohlgefallen der allerheiligsten Dreieinigkeit im Jubel der Engel, eine Erquickung der Sünder, eine Freude der Gerechten, ein besonderer Trost der Heiligen, die deiner in der Vorhölle gewärtig sind. O kostbare und reiche Perle, die du, eingeschlossen in der groben Muschel dieser Welt, der Sonne erschienen bist. Erhabenes Kind! Kaum vermögen irdische Augen deine Kleinheit beim Licht der Welt zu erkennen und schon übertriffst du in den Augen des allerhöchsten Königs und seines Hofes an Würde und Höhe alles andere, was Gott nicht ist. Alle Geschlechter müssen dich preisen, alle Völker deine Gnaden, deine Schönheit erkennen. Die Erde muss erleuchtet werden durch diese Geburt. Freude muss sein unter den Menschen, weil die Wiederbringerin geboren, so die Leere ausfüllen wird, die die erste Sünde verursacht und zurückgelassen hat. Dein Übermaß von Güte mir gegenüber sei hoch gepriesen und erhaben, denn ich bin nur der geringste Erdenwurm, bin Staub und Asche.