Mariä Geburt

8. September

 

Als einmal der Küster in einem Dorf verreiste, musste der älteste Messdiener ihn vertreten und Küsterdienste versehen. Gern hat es der Junge getan. Er hat auch alles recht gemacht. Nur am letzten Tag zündete er, obwohl bei der heiligen Messe zwei Kerzen genügen, alle an, die auf dem Altar standen, zwölf an der Zahl. Verwundert wies ihn der Pfarrer zurecht. Er wisse doch, dass nur zwei Kerzen brennen sollten, warum er denn zwölf angezündet habe? Bei dieser Frage ging ein Leuchten über das Gesicht des Jungen, und freudestrahlend sagte er: „Herr Pfarrer! Deswegen habe ich alle Kerzen angezündet, weil meine Mutter heute Geburtstag hat.“ War es nicht lieb von dem Jungen, dass er seiner Mutter zu Ehren alle Kerzen angezündet hat?

 

Heute feiern wir die Geburt der lieben Gottesmutter, die zugleich die Mutter aller Menschen und daher ebenso unsere Mutter ist. Da müssen auch wir den Tag festlich begehen und der Himmelsmutter zu Ehren viele Kerzen anzünden. Ja, das müssen wir tun.

 

Mit den Kerzen sind nicht wirkliche Kerzen von Wachs gemeint, sondern sinnbildliche Kerzen. Jedes Gebet zur Mutter Gottes ist nämlich wie eine Kerze, die wir ihr zu Ehren anzünden. Jedes Mutter-Gottes-Gebet ist solch eine Kerze, das „Gegrüßet seist du, Maria“, „Gedenke, o gütigste Mutter Maria“, „Unter deinen Schutz und Schirm“, „Sei gegrüßt, o Königin“, „Jungfrau, Mutter Gottes mein“ und so weiter. Sooft wir eins dieser Gebete verrichten, ist es gerade so, als zündeten wir zu Ehren der lieben Himmelsmutter eine Kerze an. Sollen wir da nicht, besonders heute an Mariä Geburt, viele solche Kerzen brennen lassen?

 

Da war einmal ein Junge, der Thomas hieß und von Kempen am Niederrhein gebürtig war. Thomas von Kempen ist später ein berühmter Mann geworden. Er war ein eifriger Mutter-Gottes-Verehrer, schon von Kindheit an. Täglich betete er mit Andacht eine Reihe von Mutter-Gottes-Gebeten, die er auswendig wusste.

 

Dann kam eine Zeit, da er nachlässig und lau im Beten wurde. Er vergaß die himmlische Mutter manchmal zwei oder drei Tage, manchmal eine Woche lang und betete nicht mehr oder doch nur selten und schlecht und unandächtig zu ihr.

 

Da hatte Thomas in einer Nacht einen merkwürdigen Traum. Er sah einen großen Saal. Alle Mitschüler waren darin, und er selbst war auch dabei. Auf einmal ging die Tür auf, und wer trat ein? Die Mutter Gottes. Die Mutter Gottes machte die Runde und redete lieb wie eine Mutter mit jedem Jungen, und diejenigen, die sie besonders verehrten und oft zu ihr beteten, schloss sie sogar in die mütterlichen Arme.

 

Als Thomas das sah, freute er sich, denn er glaubte, dass die Gottesmutter auch ihn liebhaben werde. Als aber Maria zu ihm kam, ging sie mit ernster Miene vorüber und sagte:

 

„Du bist es nicht wert, denn du denkst nicht mehr an mich und betest nicht mehr zu mir.“

 

Kaum hatte die Himmelsmutter die Worte gesprochen, da war der Traum vorbei. Thomas erwachte und hat vom gleichen Tag an wieder eifriger zur lieben Mutter Gottes gebetet. Lebenslang hat er es getan, bis ihn Maria am Ende seiner Tage in den Himmel geholt hat.

 

So müssen wir es machen. Wir dürfen die liebe Mutter Gottes nicht vergessen und dürfen nicht unandächtig zu ihr beten, denn dann rußen und flackern die Kerzen unserer Gebete. Hell und klar müssen sie vielmehr glühen und glänzen, und das ist der Fall, wenn wir mit Andacht beten. Das wollen wir alle Tage tun, aber ganz besonders heute, da wir den Geburtstag unserer lieben Himmelsmutter festlich begehen.

 

Von der Gnade und der Königin

 

Das Fest der Geburt Mariä gibt es seit dem 4. Jahrhundert. „Fünftausend Jahre nach Erschaffung der Welt, tausend Jahre nach der Salbung Davids zum König Israels in der 52. Jahrwoche nach der Weissagung des Propheten Daniel, unter der Regierung des römischen Kaisers Augustus wurde in Nazareth, einem Städtlein Galiläas, das durch den ewigen Ratschluss Gottes zur Mutter des göttlichen Wortes bestimmte Kind geboren, und gab nach den Worten des heiligen Petrus Damiani zu demjenigen Fest Veranlassung, an dem wir den Ursprung aller übrigen Feste froh feiern.

 

Anna heißt Gnade. Maria eine Herrin. So hat uns die Gnade des Allmächtigen die Königin des Himmels und der Erde geboren. Danken wir dem Herrn besonders heute, dass er uns eine so liebevolle und gütige Mutter, eine so mächtige Fürsprecherin gegeben hat. Nehmen wir mit Vertrauen unsere Zuflucht zu Maria, dass sie uns beistehe, damit wir aus dem stürmischen Meer dieser Welt in den Hafen der ewigen Seligkeit glücklich einlaufen. Rufen wir in allen Gefahren und Nöten ihren Schutz an, und sind wir dessen versichert, wie der heilige Bernhard sagt, dass wir durch sie Beistand, Hilfe und Trost von Gott erhalten werden.

 

Lernen wir die menschliche Größe und Hoheit, die Reichtümer und andere natürliche Vorzüge gering schätzen, mit der sich die weltlich Gesinnten so sehr brüsten. Die Mutter Gottes, die Königin des Himmels und der Erde, wurde ja vor den Augen der Menschen in der Dunkelheit geboren; und so lebte sie auch. Sie war aber groß und voll der Gnade, der Tugenden und der Verdienste vor Gott. Dies sind die wahren Vorzüge, Ehren und Reichtümer, die von Christen hochgeschätzt und gesucht werden, weil sie uns nach einem kurzen Aufenthalt auf dieser Erde zum Besitz der ewigen Glückseligkeit in den Himmel führen.

 

Matthias Hergert

Mariä Geburt

 

Du liebliches Kindlein, wir grüßen dich alle!

So tönt es vom Himmel in freudigem Schalle,

Du Röslein, du Lilie, du Edelstein!

Zum Kämmerlein Anna`s da steigen hernieder

Die Engelein Gottes, die singen viel Lieder,

Und ringsum es strahlet in goldenem Schein.

 

Maria, du Kind ohne Sünde empfangen,

Voll Jubel die himmlischen Scharen dort sangen:

O nimm unsern Gruß, uns`re Huldigung hin!

Du bist ja viel schöner als Sonn` und Sterne,

O sieh`, wie wir Engel dir dienen so gerne.

O Kleine, du bist uns`re Königin!

 

Doch nicht nur die Engel, wir alle dich ehren,

Wir sündige Menschen im Tale der Zähren,

Dich liebes und herziges, heiliges Kind!

Dich hat ja der ewige Vater erkoren,

Aus dir wird der göttliche Heiland geboren,

In dir unsre Hoffnung und Freude beginnt.

 

Ja, liebliches Kindlein, o bring` uns den Frieden!

So seufzen, so rufen wir Pilger hienieden,

O sende die Tröstung ins Tränen-Tal!

O Kindlein, zur Mutter wir heut` dich erküren,

Dein rührendes Flehen den Vater muss rühren,

Uns öffnen die Pforte zum Hochzeitsmahl.

 

*     *     * 

 

Menschen feiern gerne die Fertigstellung eines Werkes ihrer Hände. Wenn eine neue Maschine fertig geworden ist, wenn ein Schiff seinen Stapellauf tut, wenn ein Künstler seinem Gedicht oder seiner Figur die letzte Form gegeben hat, dann muss das gefeiert werden. Mit Recht, denn im Schaffen und Erzeugen nehmen wir in höchster Weise am Tun des Schöpfergottes teil. Hat Gott nach dem Bericht der Heiligen Schrift nicht auch gefeiert, als er diese wundervolle Welt mit ihren unerschöpflichen Wundern ins Dasein gesetzt hatte? Er ruhte ja am siebenten Tag aus, schaute sich alles liebevoll an und fand, dass es gut geworden sei. An diese Freude Gottes gemahnt uns jeweils der Sonntag.

 

Es gibt aber kein Werk, in dem der Mensch inniger an der Wirksamkeit des lebenschaffenden Gottes Anteil nähme, auch keines, das an Wert von anderen übertroffen werden könnte, als wenn er Leben zeugend tätig ist. Darum erfüllt eine unsagbare Freude das Herz von Vater und Mutter, wenn das neugeborene Kind, die Frucht ihrer Lebenskraft, greifbar vor ihnen liegt. Schlicht und fein hat dies der göttliche Heiland zum Ausdruck gebracht: „Hat die Frau aber das Kind geboren, so gedenkt sie nicht mehr der Not, aus Freude darüber, dass Mensch zur Welt gekommen ist.“

 

Wir können es also der Kirche nicht verargen, wenn sie sich freut, dass Maria zur Welt gekommen ist. Denn dieses einzigartige Werk der Schöpferhand Gottes ist nächst der hochheiligen Menschheit unseres Herrn des Schöpfers feinstes und wohlgelungenstes Werk. Wenn je außer der Geburt Christi Veranlassung bestanden hat, eines Menschen Geburtstag feierlich zu begehen, dann bei der Geburt der seligen Jungfrau. Das war einmal ein Geburtstag, dessen Freude durch keinen Schatten getrübt war. Denn ein Menschenkind trat ins Dasein, dessen Seele schon im Glanz der Gotteskindschaft erstrahlte, dessen Antlitz von der Liebe Gottes widerstrahlte, die es umfangen hatte.

 

Und um welch heiliger Aufgabe willen war es in diese Welt eingetreten? Um Mutter Christi, Mutter des Erlösers, Gottesgebärerin zu werden! Und nicht nur das! Sie sollte auch teilhaben dürfen am Werk ihres Sohnes, der Menschheitserlösung, und so unsere Mutter werden. Unserer Mutter Geburtstag gilt es zu feiern, der Mutter aller Christen. Ja, dieses Kind war dazu bestimmt, einst und damit ewig als Himmelskönigin selbst den gebenedeiten Engelscharen voranzugehen. Wahrlich Gründe genug, um eines solchen Menschenkindes Geburtstag ganz festlich zu begehen. Ja, eigentlich kämen wir mit unserer Geburtstagsfeier nie an ein Ende, wenn wir Mariens Geburt gebührend feiern wollten.

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, o Herr: lass deinen Dienern das Geschenk deiner himmlischen Gnade zukommen, damit allen, denen die Mutterschaft der seligsten Jungfrau zum Anfang des Heils geworden, die Gedächtnisfeier ihrer Geburt den Frieden vermehre.

 

Zur Geschichte des Festes: Am heutigen Tag feiern wir ein schönes Familienfest, den Geburtstag unserer himmlischen Mutter. Es ist uns leicht begreiflich, dass das christliche Volk den Tag der Geburt der Hochgebenedeiten stets in Ehren hielt. Zwar ist es nicht Brauch in der Kirche Gottes, den irdischen Geburtstag zu feiern. Wir kennen neben dem Geburtstag des Gottessohnes nur noch zwei Ausnahmen: Mariä Geburt und die Geburt des Johannes des Täufers. Beide Ausnahmen sind uns aber aus ihrer Eigenart heraus leicht verständlich. Maria war vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an ohne jeden Makel der Erbschuld, und Johannes wurde bereits im Mutterschoß von ihr befreit.

 

Als besonderer Festtag ist „Mariä Geburt“ im Orient bereits im 8. Jahrhundert erwähnt, im Abendland ein Jahrhundert später. Erst um die Wende des 10. zum 11. Jahrhundert weitet er sich über die ganze Kirche aus. Die seit dem 13. Jahrhundert damit verbundene Oktav hat ihre eigene Geschichte. Als nämlich die Kardinäle in Rom versammelt waren, um den Nachfolger Gregors IX. zu wählen, gelobten sie die Auszeichnung des Festes Mariä Geburt mit einer Oktav, wenn die Schwierigkeiten glücklich überwunden würden, die durch die Forderungen Friedrichs II. und durch die Unzufriedenheit des Volkes entstanden waren. Dies geschah denn auch. Doch der neugewählte Papst, Cölestin IV., regierte nur 17 Tage (vom 25. Oktober bis 10. November 1241). Sein Nachfolger aber, Innozenz IV., erfüllte um die Mitte des 13. Jahrhunderts das Gelöbnis der Kardinäle.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)