Mariä Empfängnis

 

8. Dezember

 

Kaum hat das Kirchenjahr seinen Anfang genommen, da beginnt am heutigen Tag auch schon die lange Reihe der Liebfrauenfeste. Das ist ganz in der Ordnung. Jedes Kirchenjahr erinnert uns nämlich fortlaufend an die Geschichte unserer Erlösung, und in der trostvollen Erlösungsgeschichte nimmt Maria neben dem Erlöser den ersten Platz ein. Deshalb ist es recht und billig, dass wir der Hochgebenedeiten auch gleich zu Beginn des Kirchenjahres gedenken.

 

Schön und sinngemäß ist es ferner, dass das heutige Liebfrauenfest in den Advent fällt. Wir erinnern uns in diesen Tagen an die Finsternis, die viertausend Jahre lang die Erde von dem Zeitpunkt an bedeckte, da alle Menschen durch den Sündenfall im Paradies die Gotteskindschaft verloren hatten und Satansknechte geworden waren. Es war eine lange dunkle Nacht, die erst in der heiligen Weihnacht, als die Sonne, welche Christus ist, über der Welt aufstieg, zu Ende ging. Strahlend und schön leuchtet da das Licht in die Finsternis. Die Morgenröte dieses Lichtes aber ist die Immakulata, die unbefleckte, unberührte, unversehrte, allzeit reine Jungfrau Maria. Wie herrlich muss doch die Weihnachtssonne sein, wenn bereits in ihrer Morgenröte ein Ozean von Licht heranflutet! Schau dir nur das Bild von der Immakulata an.

 

In dunklen Wolken schwebt die Erdkugel, von dem Leib einer Schlange umschlungen zum Zeichen dafür, dass die Schlange, welche der Satan ist, die Welt und alles, was darauf lebt, unterjocht hat und immerwährend bedrängt. Wo aber der Fürst der Finsternis herrscht, da breitet sich mit rabenschwarzen Flügeln düstere Nacht aus.

 

Plötzlich streift ein Lichtstrahl die Finsternis, wird stärker und glänzender, und es weicht die Nacht dem Licht. In weißer Glut blüht die Sonne auf, und in der Sonne steht, über und über in Licht getaucht, von Licht umflutet, mit einem Kronreif kreisender Sterne um das Haupt, die hohe Frau Maria. Bei diesem Blick in die strahlende Morgenröte unserer Erlösung wallt das Herz in hellen Freuden auf, wenn wir mit der Kirche im Hallelujalied die Worte vernehmen:

 

„Gesegnet bist du, Jungfrau Maria, vom Herrn, dem erhabenen Gott, vor allen Frauen der Erde. Du bist der Ruhm Jerusalems, du die Freude Israels, du die Ehre unseres Volkes. Halleluja, halleluja! Ganz schön bist du, Maria, in dir ist nicht der Erbschuld Makel. Halleluja!“

 

Was aber mögen wohl Sonne, Mond und Sterne auf dem Bild der Immakulata zu bedeuten haben?

 

Die Sonne ist die heiligmachende Gnade, das Freisein von ererbter und von erworbener Schuld. Maria besaß diese Gnade. Durch eine besondere Bevorzugung Gottes blieb die zukünftige Gottesmutter vom ersten Augenblick der Empfängnis an frei von der Erbsünde, frei von jeder persönlichen Sünde, frei von der bösen Begierlichkeit. Ganz schön bist du, Maria, und ein Makel ist nicht an dir. Von Herzen wollen wir uns freuen, dass es wenigstens eine unter den Menschen gibt, über die der Satan nie Sieger war.

 

Was bedeutet ferner der Mond auf dem Immakulatabild? Der Mond ist das Sinnbild der Veränderlichkeit. In jeder Nacht wechselt er, wird größer oder kleiner. Bald erscheint er früher, bald später. Einmal steht er voll am Himmel, und ein anderes Mal ist er überhaupt nicht sichtbar. Der Mond ist das Sinnbild der Veränderlichkeit, aber über aller Veränderlichkeit steht unverrückbar fest Maria, die kein Schwanken zwischen Gut und Bös, und kein Wanken zwischen Gott und Satan kennt.

 

Der Kronreif kreisender Sterne endlich, der Mariens Haupt schmückt, ist ein Sinnbild ihrer Tugenden, denn nicht nur ist die Hochgebenedeite frei von Sünde und Schuld, sondern sie ist auch voll der Gnade, ist liebenswürdig, weise, mächtig, gütig, ist der Spiegel der Gerechtigkeit, Heil der Kranken, die Zuflucht der Sünder, die Trösterin der Betrübten und so weiter. Das bedeuten die Sterne auf dem Immakulatabild.

 

Ganz schön ist also diese Frau, die hoch über allen Frauen, über allen Männern, über allen Heiligen und über allen Engeln Gott am nächsten steht, diese Frau im Lichtmeer von Sonne, Mond und Sternen, die uns als leuchtende Morgenröte im Dunkel des Advents die nahende Weihnachtssonne anmeldet.

 

Ave Maria klare, du lichter Morgenstern!

Dein Glanz, o Wunderbare, verkündigt uns den Herrn.

Erwählt von Ewigkeit

Zur reinsten Mutter Gottes,

Zum Trost der Christenheit.

 

Von Maria, der "Zuflucht der Sünder" und dem "Heil der Kranken"

 

Wenn man jemanden lieb hat, hält man sein Bild, sein Foto in Ehren. Wenn man in verschiedene Wohnungen kommt, sieht man daher oft die Bilder der lebenden oder verstorbenen Eltern und Angehörigen an der Wand hängen. Außerdem findet man in Wohnungen katholischer Christen oft auch ein Bild des gekreuzigten Heilands und ein Bild unserer himmlischen Mutter Maria. Und wir nennen Maria mit Recht unsere Mutter, denn am Kreuz hat sie uns Christus zur Mutter gegeben mit den Worten, die er an Johannes richtete: „Siehe, deine Mutter!“ Der heilige Johannes vertrat, wie der heilige Augustinus sagt, auf dem Kalvarienberg unsere Stelle. Von den Abbildungen unserer himmlischen Mutter haben viele eine weite Verbreitung erlangt: Zum Beispiel das Mariahilf-Bild, das Bild der Schmerzhaften Mutter, das Bild der Himmelskönigin und auch das Bild der Unbefleckten Empfängnis, wie sie 1858 in Lourdes in Frankreich erschienen ist.

 

Bekanntlich erschien die Mutter Gottes damals in Lourdes einem vierzehnjährigen Mädchen Bernhardette Subiru insgesamt 18 Mal. Maria trug ein weißes Gewand, einen weißen, herabhängenden Schleier, einen himmelblauen Gürtel und am rechten Arm einen schneeweißen Rosenkranz mit goldenem Kreuz. Sie nannte sich die „Unbefleckte Empfängnis“ und ließ eine Quelle entstehen, durch deren Wasser schon tausende Menschen wunderbar geheilt wurden.

 

Das Bild der Unbefleckten Empfängnis erinnert uns vor allem an die Tatsache, dass Maria durch ein besonderes Privileg Gottes ohne Makel der Erbsünde war. Das Bild erfüllt also einen ähnlichen Zweck wie das Fest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember.

 

Das Bild der Mutter Gottes in Lourdes soll uns aber nicht nur an die Reinheit und Makellosigkeit Mariens erinnern, sondern uns auch ermahnen, die Mutter Gottes in ihrer Reinheit nachzuahmen.

 

Insbesondere sollten jene, die in schweren Sünden leben und einsehen, dass sie sich aus eigener Kraft nicht zu bessern imstande sind, zur unbefleckten Gottesmutter die Zuflucht nehmen; Maria, die „Zuflucht der Sünder“ und „Mutter der Barmherzigkeit“ würde ihnen bald die notwendigen Gnaden von Gott erbitten, die zur Lebensbesserung notwendig sind.

 

Jedoch nicht nur die Sünder, also nicht nur, die an der Seele krank sind, auch diejenigen, die am Leib krank sind, haben sich schon oft mit großem Erfolg an die „Unbefleckte“ gewendet, die ja nicht ohne Grund das „Heil der Kranken“ genannt wird. Der beste Beweis sind die tausende und abertausende Krankenheilungen am Wallfahrtsort zu Lourdes. Das Bild der Mutter Gottes von Lourdes ist also gewissermaßen eine Ermunterung für die Kranken, eine Aufforderung, auch in der Krankheit bei der „Unbefleckten“ Hilfe zu suchen.

 

Je größer unser Vertrauen zu Maria sein wird, umso sicherer und schneller wird unser Gebet zur Mutter Gottes erhört werden. Auch Christus verlangt Vertrauen. Das sehen wir aus seinen Worten, die er bei Heilungen sprach. Wie sollten wir zu Maria nicht ein großes Vertrauen haben, da wir wissen, dass sie unsere Mutter ist! Unter großen Schmerzen ist sie am Karfreitag unter dem Kreuz unsere Mutter geworden. An die Mutter aber wendet man sich nie vergebens. Wie sollten wir kein großes Vertrauen zu Maria, unserer Mutter, haben, da wir wissen, dass sie bei Gott alles erreichen kann, dass sie – wie der hl. Bernard sagt – „die fürbittende Allmacht“ ist. Wir wollen uns also der Mutter Gottes bei unseren Gebeten, die wir vor ihrem heiligen Bild verrichten, stets mit jenem Vertrauen nähern, von dem wir in einem bekannten Marienlied singen:

 

„Mutter Gottes, weit und breit schallt`s aus deiner Kinder Mitte, dass Maria eine Bitte, eine Bitte nicht gewährt, ist unerhört, nicht erhört durch alle Zeit in der ganzen Christenheit.“ Amen.

 

Matthias Hergert