Maria, Immerwährende Hilfe

 

Das Gnadenbild der Mutter Gottes von der Immerwährenden Hilfe

 

Ein lauer Wind weht vom Hafen durch die Gassen von Kretas Hauptstadt. Es ist dunkle Nacht. Ein durchreisender Kaufmann läuft schnell zwischen den kleinen Häusern und blickt sich immer wieder um. Irgendwann ist er sicher, dass er nicht verfolgt wird, und verlangsamt seine Schritte. Er hat es geschafft. Er lehnt sich mit dem Rücken an eine kühle Hauswand und schaut auf die Tücher in seinen Händen. Er muss sie noch einmal sehen. Er schlägt die Stoffe zurück. Maria schaut ihn an. Schaut ihm tief ins Herz. Er musste sie mitnehmen. Es ging nicht anders. Er verstaut das Diebesgut in seinem Gepäck. Sie muss die Überfahrt gut überstehen. Die Überfahrt ins ferne Rom. Sicheren Schrittes schreitet er Richtung Hafen.

 

Dann beginnt die lange und gefahrvolle Reise nach Rom. Ein großes Unwetter bricht unterwegs über das Schiff herein, das der Kaufmann aber - Dank göttlicher Vorsehung? - gut übersteht. Ein ganzes Jahr dauert es, bis er schließlich mit der Ikone in Rom ankommt, wo er bald schwer erkrankt. Trotz der guten Pflege eines Freundes, der ihn bei sich Zuhause aufgenommen hat, stirbt der Kaufmann an seiner Krankheit. Kurz vor seinem Tod aber vertraut er seinem Freund die Geschichte des Bildes an, das ihn auf Kreta nicht losgelassen hatte. Er trägt ihm auf: "Bitte kümmere dich um die Ikone und bringe sie in eine Kirche, wenn ich sterbe." Der Freund verspricht es, aber behält die hübsche Ikone, die seiner Frau äußerst gut gefällt, in den nächsten Monaten erst einmal Zuhause. Eines nachts aber steht plötzlich seine sechsjährige Tochter in seinem Zimmer und ist ganz aufgelöst. Sie erzählt, dass sie die Jungfrau Maria gerade im Traum gesehen habe, die ihr aufgetragen habe, die Ikone in die Kirche des Hl. Apostels Matthäus zu bringen. Diese Kirche stand damals zwischen der Basilika Maria Maggiore und der Lateranbasilika. Zuerst sind die Eltern nicht sicher, ob sie dies alles glauben können, und ob sie das Bild wirklich weggeben müssen, aber schließlich wird die Ikone im Jahr 1499 tatsächlich in der Kirche St. Matthäus aufgestellt und dort die nächsten 300 Jahre als Gnadenbild verehrt. Schnell gilt das Bild als wundertätig und viele Gläubige kommen aus ganz Rom mit ihren Anliegen zur Gottesmutter.

 

In dieser Zeit sind die Kirche St. Matthäus und das Kloster daneben in der Obhut von Augustinereremiten, die dort ihre Studenten ausbilden. Sie leben in Frieden in dem Kloster, bis im Jahr 1798 die Franzosen nach Rom einmarschieren und viele Kirchen komplett zerstören. Auch die St. Matthäus-Kirche wird in den Jahren dem Erdboden gleichgemacht. Allein das Gnadenbild wird von den Augustinereremiten gerettet und zieht, zusammen mit den verbliebenen Brüdern, in die Kirche "Santa Maria in Posterula" um. In dieser Kirche wird damals schon ein anderes Marienbild auf dem Hochaltar verehrt, und so wird das Gnadenbild in der kleinen Hauskapelle aufgehängt. Es vergeht Jahr um Jahr, und die Ikone der Gottesmutter gerät immer mehr in Vergessenheit. Schon bald ist sie vor lauter Staub und Spinnweben kaum noch zu erkennen.

 

Um das Jahr 1850 kommt regelmäßig ein kleiner Ministrant in die Kirche "Santa Maria in Posterula". Er ist begeistert vom Leben der Eremiten und freundet sich besonders mit dem alten Bruder Augustin an. Eines Tages schaut dieser den Jungen mit geheimnisvoller Miene an und trägt ihm auf: "Sorge dafür, dass das Bild der Jungfrau von St. Matthäus immer oben in der Kapelle ist; vergiss es nie ... verstehst du? Es ist ein wundertätiges Bild." Drei Jahre später stirbt Bruder Augustin. Allein der kleine Ministrant schaut oft zu dem kleinen verstaubten Bild in der Kapelle auf.

Erst im Jahre 1863 ändert sich alles, als ein Jesuitenpater über die Gnadenbilder Roms predigt. Er erwähnt auch ein Gnadenbild von der Immerwährenden Hilfe, das aber verschwunden sei. Der kleine Ministrant ist mittlerweile bei den Augustinereremiten als Pater Michael eingetreten und erinnert sich daran, was ihm Bruder Augustin über das Bild erzählt hatte. Das Bild ist nicht verschwunden. Er weiß ganz genau, wo es zu finden ist.

 

In dieser Zeit haben die Redemptoristen gerade eine neue Kirche, St. Alfonso, nahe dem Ort der alten Matthäus-Kirche errichten lassen. Sie bekunden großes Interesse an dem Bild und bitten Papst Pius IX. ihnen zu erlauben, das Bild in ihrer neuen Kirche aufzustellen. Der Papst erlaubt es nicht nur, sondern fordert sie auf, das Bild in der ganzen Welt bekannt zu machen. Durch Missionsreisen wird das Gnadenbild der Immerwährenden Hilfe tatsächlich auf alle Kontinente gebracht und heute auf der ganzen Welt verehrt. Der 27. Juni wird als Festtag "Maria, Mutter von der Immerwährenden Hilfe" festgelegt und der Redemptoristenorden verfasst viele Gebete und auch eine Novene zu Ehren der Gottesmutter.

 

Die Ikone ist natürlich nicht nur in entfernten Regionen zu finden, sondern in ganz Europa und auch in unseren Kirchen können wir vor dem Gnadenbild um Fürsprache der Gottesmutter bitten. Ich verstehe, wenn die Ikone dem ein oder anderen auf den ersten Blick fremdartig anmutet. Die Ikonenmalerei ist vor allem im orthodoxen Raum verbreitet und man muss sich bei der Betrachtung des Bildes erst einmal von unseren ästhetischen Wertmerkmalen lösen, die z.B. einen Cranach oder Caravaggio ausmachen. Die Ikone zieht ihren Wert nicht aus einer besonderen Realitätstreue. Vielmehr ist das Gnadenbild etwas ganz besonderes, da Maria mich anschaut. Mich als denjenigen, der vor dem Bild steht. Der Außenstehende wird so ins Bild hinein geholt. Im Bild kann man Maria tatsächlich begegnen und damit auch dem Gottessohn selbst.

 

Rechts und links im Bild sieht man zwei Engel, die Erzengel Michael (links) und Gabriel (rechts), die die Leidenswerkzeuge Jesu tragen (Gefäß mit Galle, Lanze, Rohrstängel mit Schwamm und das Kreuz mit den vier Nägeln). Dies ist vermutlich auch der Grund, dass sich das Jesuskind auf dem Bild so erschreckt, dass es durch eine ruckartige Bewegung seine Sandale verliert. Auch Jesus ist Mensch und hat Angst vor dem Leiden, das ihm bevorsteht. Er klammert sich geradezu an die Hand Mariens. Sie hält ihn und trägt ihn und verweist gleichzeitig mit ihrer Hand auf ihn, den Gottessohn, den Erlöser der Welt. Der goldene Hintergrund der Ikone und die triumphale Art, wie die Engel die Marterwerkzeuge halten, deuten schon auf Jesu Sieg über den Tod hin. In diesem Moment der Angst weiß Jesus aber davon nichts, so wie wir in unserem Leiden auch oft nichts davon wissen, dass es uns eines Tages wieder besser gehen wird, obwohl wir es eigentlich erahnen sollten. So, wie Maria ihrem Sohn die Hand hinhält und ihn stützt, so hält sie auch uns, einem jeden Menschen, die Hand hin. Sowohl dem Reichen und dem Gesunden, als auch dem Kranken und dem Obdachlosen. Sie schaut uns an und sichert uns in ihrer mütterlichen Liebe zu, auch uns so zu halten, wann immer wir ihre Hilfe brauchen. In Not und Leiden können wir ihrer Fürsprache gewiss sein. Egal ob im Krankenhaus, bei einer wichtigen Prüfung, in Gefahr an Leib und Leben oder in unserer Sterbestunde – wir können uns immer auf sie verlassen. So wollen wir in diesem der Gottesmutter geweihten Monat Mai vor dem Gnadenbild in unseren Kirchen das Ende der Novene zu Maria, Mutter von der Immerwährenden Hilfe, gemeinsam beten: 

Ich ruf' voll Vertrauen in Leiden und Tod: Maria hilft immer in jeglicher Not. So glaub' ich und lebe und sterbe darauf: Maria hilft mir in den Himmel hinauf. 

Anna Ristow

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27. Juni

 

Immerwährende Not – immerwährende Hilfe. So entspricht es sich im Leben der Menschen. Der Menschen immerwährendes Sündigen gebar die immerwährende Not. Gottes immerwährende Liebe antwortete mit immerwährender Hilfe.

 

Immerwährende Not! Wer könnte sie leugnen? Krankheit und Tod, Armut und Hunger, Unglück und Krieg, so schaut es aus den Augen der Menschen, so künden es die Blätter Tag für Tag. Das Studium der Geschichte ist ein Studium menschlicher Not. So musste es auch kommen, seitdem der Mensch den Weg seines Glücks zu Gott hin verlor. So wird es immerfort bleiben, solange er diesen Weg der Sünde nicht verlässt.

 

Immerwährende Gottesliebe! Immerwährende Hilfe! Schon bei der ersten Menschen erster Not trat sie auf: „Feindschaft will ich setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deiner und ihrer Nachkommenschaft. Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ Ist es nicht bezeichnend, dass schon in diesem Protoevangelium, d.h. in Gottes erster Frohbotschaft, bei Gottes erster Hilfe, Maria erscheint? Denn so belehrt uns unser Glaube: Nicht Eva sei letzthin hier gemeint, die schuldig gewordene Frau, in der keine Todfeindschaft zu Satan sich mehr errichten ließ, Maria sei es vielmehr, die sündenlose Frau, die mit ihrem jungfräulichen Fuß der Schlange den Kopf zertritt. So tauchte in der Morgendämmerung menschlichen Lebens und menschlicher Not tröstend und helfend Maria auf.

 

So blieb es auch. Immer deutlicher zeichnete Gottes Prophezeiung das Bild der großen Helferin. In zahlreichen Vorbildern und Typen ist es dargestellt. Die zwei stärksten seien nur genannt: die tapfere Judith und die rettende Esther. Hinhorchen wollen wir auf das tröstende Jungfrauzeichen des Isaias, aufgerichtet in großer Not: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sein Name wird sein: Gott mit uns.“ Und nochmals lässt Gottes Wort die große Helferin aufleuchten. Wer kennte nicht der Geheimen Offenbarung großes Zeichen: Die Frau mit der Sonne umkleidet, den Mond unter ihren Füßen, mit zwölf Sternen geziert?

 

Immer wieder die siegreiche Frau, immer wieder die Mutter mit dem Kind. Sie wendet die Not. Die Geschichte unserer Kirche hat es tausendfach bezeugt. Noch tausendfacher kann die Geschichte der Seelen davon berichten. In immerwährender Not – die immerwährende Hilfe der himmlischen Frau. Der Ratschluss Gottes hat es so gewollt. Der Gläubigen frommer Sinn hat es erfasst. Darum hat sich selten ein Marienbild so schnell, so fest, so tief die Verehrung der Christen erobert als die Mutter von der Immerwährenden Hilfe.

 

Kirchengebet

 

Herr Jesus Christus, du hast deine Mutter Maria, deren wunderbares Bild wir verehren, uns zur Mutter gegeben, die uns ständig zu Hilfe kommen will. Lass uns, wir bitten dich, ihre mütterliche Hilfe eifrig erflehen, damit wir die Frucht deiner Erlösung immerdar an uns erfahren mögen.

 

Zur Geschichte des Festes: Nur wenige Bilder sind so populär geworden wie gerade dieses Bild von der Immerwährenden Hilfe. Von der Insel Kreta wurde es im Jahr 1499 nach Rom gebracht. In einer Kapelle in der Via Verulana blieb das Bild gänzlich unbeachtet. Im Februar des Jahres 1863 predigte der Jesuitenpater Blosi in der Kirche al Gesù über die Gottesmutter, kam dabei auf dieses Bild zu sprechen und rief aus: „Maria sehnt sich danach, dass dieses Bild der Vergessenheit wieder entrissen werde!“

 

Pius IX. überließ es nun den Redemptoristenpatres, die im Jahr 1866 einen Ehrenplatz in ihrer Alphonsuskirche gaben und für die Verehrung der Immerwährenden Hilfe eiferten. Der Papst erkannte den segensreichen Einfluss dieser Verehrung und gab seine Zustimmung zu einem Muttergottesfest unter dem Titel „Maria von der Immerwährenden Hilfe“ mit eigenem Messformular und eigenen Tagzeiten. Die Verehrung der „Immerwährenden Hilfe“ wurde so sehr vom gläubigen Volk gepflegt, dass ihr Bild in sehr vielen Pfarrkirchen einen Platz gefunden hat, und gerade vor diesem Marienbild wird viel gebetet.

 

(„So feiert dich die Kirche“, Prof. Dr. Carl Feckes, Maria im Kranz ihrer Feste, Steyler Verlagsbuchhandlung, 1957)