3. Mai - Aveglocken

 

Eine liebliche Szene ist es, die uns das erste Rosenkranzgeheimnis vor Augen führt. Dichter haben sie in unbeschreiblich schönen Versen besungen und Maler und Bildhauer sie auf die Leinwand gezaubert und in Stein gemeißelt. Und unsere heilige Mutter, die Kirche, ist so erfüllt von der ganzen Größe und Wichtigkeit dieses Ereignisses, dass sie dreimal täglich die Gläubigen daran erinnert. Am frühen Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Säume der Berge küssen, lässt sie über die erwachende Natur die Töne der Morgenglocke erklingen und fordert die Gläubigen auf, diejenige zu grüßen, welche als liebliches Morgenrot der Sonne der Gerechtigkeit vorausgegangen: Ave Maria! Und wenn die Sonne im Zenit steht und heiß ihre Strahlen herabbrennen auf die Menschen in Feld und Flur, im Büro und in der Handwerkerstube, wieder mahnt die Kirche durch die Mittagglocke ihre Kinder, etwas innezuhalten in ihrer Arbeit und sie zu grüßen, die bei all ihrer Arbeit auf das eine Notwendige nicht vergessen: Ave Maria! Und wenn die Sonne sinkt und die Nacht hereinbricht, und der Mensch von des Tages Last müde sein Heim aufsucht, da tönt so traut die Abendglocke über die schweigende Natur und in leiser Wehmut faltet der Christ seine Hände.

 

Über allen Gipfeln ist Ruh,

In allen Wipfeln spürest du

Kaum einen Hauch.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

 

Ave Maria! Lass unser Heimgehen einst, wenn die Nacht des Lebens sich über uns senkt, auch ein so seliges, friedliches sein wie das deine.

 

Ave Maria! Gegrüßet seist du, Maria! Der erste, der diese Worte sprach, war von den Himmelsfürsten der glänzendsten einer. Und die, vor der er sich neigt in tiefer Huldigung, sie trägt das Kleid der Armut. Wie wurde Maria durch diesen Gruß erhöht! Welch eine Auszeichnung, welch eine Würde wird ihr da angekündigt! Der Bote Gottes bezeugt, dass die Fülle aller Gnaden auf ihr ruhe, dass Gottes Auge mit unendlichem Wohlgefallen auf sie gerichtet ist und dass sie, gerade sie, die schlichte, die unbekannte Jungfrau, welche in dem armseligen Handwerkerhäuschen des verachteten Nazareth wohnt, auserkoren ist, der Welt denjenigen zu schenken, auf den die Völker harren seit Jahrtausenden schon, den zu schicken, sie Himmel und Erde bestürmten:

 

Tauet, Himmel, den Gerechten,

Wolken, regnet ihn herab,

Erde, tu dich auf und sprosse den Heiland!

 

Wir begreifen es, dass Maria bei dieser Botschaft aus dem Staunen nicht herauskommt, dass sie sich nicht fassen kann. Die Gedanken jagen blitzschnell durch ihr Haupt. Immer wieder fragt sie sich: Gerade ich, gerade ich! Mich lässt Gott grüßen, gerade zu mir schickt er seinen Seraph, gerade ich soll eine Würde bekleiden, deren die mächtigsten Königinnen der Welt nicht würdig sind. Und auf einmal zittert ein leises Erschrecken durch ihren heiligen Leib. Wie ich, die ich Gott gelobt hatte, als reine Jungfrau ihm zu dienen mein Leben lang, ich, die ich täglich in heiliger Freude ihm diese makellosen Lilien entgegenhalte, ich soll die Jungfräulichkeit umtauschen gegen die Mutterschaft und wenn es selbst Gottesmutterschaft ist? Sie gerät in eine liebliche Verwirrung, ihr heiliges Gelübde und der Befehl Gottes scheinen in Widerstreit zu geraten und dieser Widerstreit drängt sich ihr auf die bebenden Lippen: "Quomodo fiet istud - Wie wird denn das geschehen?" Ich bin Jungfrau und keinem Ehegatten bin ich zu eigen. O Maria, freue dich und fürchte dich nicht, leg ab alles Zagen und bängliche Fragen: "Quia non erit impossibile apud Deum omne verbum - bei Gott ist kein Ding unmöglich!" Gottes Geist wird es bewirken, das Unerhörte, das Mirakel der Welt: das Bild der Jungfrau-Mutter. Durch Gottes Wundermacht wird es möglich werden, dass du unbeschadet deiner unbefleckten Jungfräulichkeit der Welt den Erlöser schenken kannst als Mutter Gottes. Jetzt sind alle Zweifel gelöst, jetzt steht vor Maria nur noch der unfassbare, in seiner Größe unausdenkbare, wunderbare Wille Gottes. Tief, tief beugt sie vor diesem Willen ihr jungfräuliches Haupt: "fiat mihi secundum verbum tuum - mir geschehe nach deinem Wort." Auf dieses Fiat der Jungfrau von Nazareth hatten die Jahrtausende gewartet: die Seelen der Gerechten, die in der Vorhölle harrten, fingen zu jubeln an: "Freuen wir uns, denn unsere Erlösung ist nahe!" Auf dieses Fiat hatte der ganze Himmel mit angehaltenem Atem gewartet. Nun singen und jubilieren die Cherubim und Seraphim, die Thronen und Gewalten, die Engel und Erzengel. Das Fiat erscholl und der Himmel hat eine Königin erhalten. Auf dieses Fiat lauschte im Schoß der heiligen Dreifaltigkeit die zweite göttliche Person: "Meine Mutter!" Und in diesem Augenblick erfüllte des Heiligen Geistes wundersame Macht den heiligen Leib der Jungfrau. Er wurde zu einem Tempel, heiliger, gnadenvoller als der Wunderbau Salomos aus Marmor und Gold. Und in diesem Augenblick, als das Fiat Mariens im Stübchen von Nazareth ertönte, stieg das allmächtige Wort des Vaters, von Ewigkeit her allmächtig, allgütig, allweise, in diesen Tempel des Heiligen Geistes herab. 

 

"Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt!" Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast.

 

Und die Aveglocke klingt und tief beugen wir bei der Erinnerung an diese Szene von Nazareth unser Haupt und klopfen an unsere Brust und wenn wir die Perlen des Rosenkranzes durch unsere Finger gleiten lassen, da sehen wir im Geist lauter Licht um uns und himmlischen Glanz und Reinheit und Heiligkeit.

 

Ist es da möglich, dass wir beim Beten dieser Rosenkranzgeheimnisse zerstreut werden können? Liebe Marienverehrer! Stellen wir uns da recht lebhaft vor, wir stünden an Stelle des Erzengels Gabriel da und vor uns Maria. O mit welcher Ehrfurcht würden wir rufen: "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, . . . Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast."

 

Mit welcher Freude können wir immer dieses Gesetzlein beten. Seien wir versichert: so oft wir mit dem Engel die Gottesmutter grüßen, so grüßt sie uns wieder. Die Zisterzienser lesen alle Jahre am 18. Oktober im Verzeichnis ihrer Ordensheiligen die Begebenheit aus dem Leben des heiligen Bernhard, dieses glühenden Verehrers der Mutter Gottes: Bernhard war eines Tages in einem Kloster in Belgien. Da kam er zu einer Bildsäule aus weißem Marmor, mit schwarzen Adern durchzogen. Es war ein Bild Mariens. Da kniete der Heilige voll inniger Liebe nieder und rief in tiefer Andacht laut: "Gegrüßet seist du, Maria!" Kaum hatte er diese Worte gesagt, da hörten alle Anwesenden eine Stimme, die vom Bild ausging und sprach: "Gegrüßet seist du mir, Bernhard!" Ja, grüßen wir Maria täglich mit dem Gruß des Engels. Sie grüßt uns wieder, wenn wir es auch nicht sehen und merken. Sie grüßt uns wieder mit ihrer Liebe, sie grüßt uns wieder mit ihrem Erbarmen, sie grüßt uns wieder mit ihren Gnaden.

 

Und besonders freudig wird uns Maria ihr mütterliches Ave zurufen, wenn uns die Abendglocke des Lebens läutet und uns einladet, zur Ruhe zu gehen, zur Ruhe in Gott. Und, liebe Marienverehrer, das ist die Hauptsache, dass in diesem Augenblick Maria einen Gruß für uns hat. Auf der Straße in Richtung Mariazell am Siegmundsberg steht ein Marterl, das uns eine rührende Begebenheit berichtet. Im Jahr 1857 kam von Mariazell eine große Prozession hier vorbei. Geführt wurde sie von einem sehr frommen Mann. Als er zu der Stelle kam, wo jetzt das Marterl steht, sprach er: "Lasst uns nun beten um eine glückliche Sterbestunde!" Und er betete gar fromm das Vaterunser und den Englischen Gruß. Dann sprach er noch: "Gelobt sei Jesus Christus!" und sank um und war gestorben. Das "In Ewigkeit Amen!" hat er schon im Himmel gehört.

 

Liebe Marienverehrer, machen wir uns den Leibspruch des heiligen Kasimir zu eigen:

 

"Alle Tage sing und sage

Lob der Himmelskönigin!"

 

Kein Tag ohne den Gruß an sie und es kommt der Tag, wo sie uns lieblich und freundlich grüßt und das wird in der Ewigkeit sein.

Amen.