Maiandachten I

 

Inhalt:

 

1. Maiandacht -

Maria, mein Licht

2. Maiandacht -

Maria, mein Stern

3. Maiandacht -

Maria, meine Sonne

4. Maiandacht -

Maria, meine Blume

5. Maiandacht -

Maria, mein Ring

6. Maiandacht -

Maria, mein Bild

7. Maiandacht -

Maria, meine Waffe

8. Maiandacht -

Maria, mein Lied

9. Maiandacht -

Maria, mein Anker

10. Maiandacht -

Maria, meine Zuflucht

11. Maiandacht -

Maria, meine Wohnung

12. Maiandacht -

Maria, meine Taube

13. Maiandacht -

Maria, meine Schwester

14. Maiandacht -

Maria, mein Buch

15. Maiandacht -

Maria, mein Garten

16. Maiandacht -

Maria, meine Arznei

17. Maiandacht -

Maria, mein Weg

18. Maiandacht -

Maria, meine Speise

19. Maiandacht -

Maria, mein Schild

20. Maiandacht -

Maria, meine Perle

21. Maiandacht -

Maria, mein Wort

22. Maiandacht -

Maria, mein Edelstein

23. Maiandacht -

Maria, mein Gebet

24. Maiandacht -

Maria, mein Baum

25. Maiandacht -

Maria, meine Quelle

26. Maiandacht -

Maria, meine Freude

27. Maiandacht -

Maria, mein Spiegel

28. Maiandacht -

Maria, meine Braut

29. Maiandacht -

Maria, meine Krone

30. Maiandacht -

Maria, mein Himmel

31. Maiandacht -

Maria, mein Alles

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Unerschöpflich ist das Lob der allerseligsten Jungfrau Maria. Wer kann diejenige genug ehren, fragt der heilige Ambrosius, die Gott selbst so unendlich geehrt hat. Wenn all die Gedanken und Worte deines ganzen Lebens nur ein einziges Lob und ein einziges Preisen zu Ehren der Himmelskönigin wären, sagt der heilige Thomas von Villanova, du würdest auf dem Sterbebett dennoch erkennen, dass du sie zu wenig gepriesen und dass gegenüber ihrer Liebe und Herrlichkeit dein Lob im Nichts verschwindet. Die 31. Betrachtungen von Ludwig Gemminger aus dem Jahr 1863 für jeden Tag des Marienmonats Mai sollen zu diesem Lob der allerseligsten Jungfrau Maria beitragen.

Matthias Hergert

 

 

1. Maiandacht - Maria, mein Licht

 

Als noch dunkel war die Erde, ein Abgrund von werdenden Dingen, als noch Finsternis über diesem Abgrund lag und Nacht die ganze Welt bedeckte und verhüllte, da schwebte der Geist Gottes über den Wassern und Gott sprach: Es werde Licht! – Und es ward Licht. So lag im geistigen Sinn die Welt in Dunkelheit und Nacht begraben, ehe derjenige geboren war, von welchem Johannes sagt, dass er das wahre Licht gewesen, das da jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt, Jesus Christus.

 

Wer aber, liebe Andächtige, hat den Heiland uns geboren, wer hat dies Licht uns gebracht! – Maria, die allerseligste Jungfrau, die deshalb mit vollem Recht den Namen Lichtbringerin erhielt. Aus diesem Grund sagt der heilige Athanasius von ihr, dass sie in uns und um uns alles hell macht; aus diesem Grund können wir, liebe Christen, Maria am ersten Tag des Monat Mai begrüßen mit den Worten: Maria, mein Licht!

 

Erinnert euch an die Zeit der Kindheit, als man euch zur Kirche trug und rein wusch durch das Bad der Wiedergeburt von der Makel der Erbsünde, als ihr die größte aller Gnaden von Gott empfinget in der heiligen Taufe, den Glauben, symbolisiert durch die brennende Kerze, weil der Glaube gleich einem Licht das Innere des Menschen erhellt und erleuchtet. Dort konntet ihr die Größe dieses Glücks, den hohen Wert dieser Gnade noch nicht erfassen, wie ihr ihn jetzt in den reiferen Jahren zu schätzen wisst und ihn als die Perle erkennt, für die der Mensch alles hingeben soll. – Ihr seid überzeugt, dass ihr ohne den Glauben nicht selig werdet und dass in der Übung und Bewahrung des Glaubens euer zeitliches und ewiges Heil besteht. Darum drängt es euch naturnotwendig zu jener hin, die der heilige Methodius das Licht der Gläubigen nennt, zu Maria!

 

Durch sie wird der Glaube stark und lebendig.

 

Wunderbar stärkt das Beispiel. Frauen, Kinder, Alte, Junge traten unerschrocken vor den Richterstuhl und litten, Freudenlieder singend, die furchtbarsten Qualen und Peinen, weil sie der Scharen von Märtyrern gedachten, die Blut und Leben für ihren Glauben gegeben hatten, weil sie in der Arena standen, die noch gefärbt war vom Märtyrerblut!

Über allen Märtyrern aber steht ihre Königin, und wie ihre Leiden die aller Blutzeugen übertreffen, so ist auch ihr Beispiel unter allen das glänzendste und erhabenste, ein himmlischer Magnet, der alle Herzen unwiderstehlich an sich zieht. Maria ist daher auch im Glauben unser Beispiel. Die Kirche wendet auf sie die Worte aus dem Buch Sirach an: Ich bin die Mutter der Erkenntnis (24,24) des geoffenbarten Glaubens, wie Richard v. St. Viktor sagt; weshalb der heilige Bernhard von ihr spricht, dass sie die erste unter den reinen Kreaturen war, die die klare Erkenntnis von allen besonderen Umständen unserer Heilsordnung hatte und dass sie das Gefäß aller Geheimnisse Gottes war. Dieser Glaube aber war in ihr so stark, dass sie nicht zweifelte an des Engels Wort, Mutter des Allerhöchsten zu werden und Jungfrau zu bleiben; dass sie nicht zweifelte, das hilflose Kindlein im Stall von Bethlehem sei der Herr Himmels und der Erde und der ans Kreuz geheftete Mann sei Gottes Sohn. Dieser Glaube in ihr war so stark, dass sie unter dem Kreuz ihres Sohnes aufrecht stehen blieb. Daher kommt es auch, sagt der heilige Alphons, dass, wenn in der Kirche in der Karwoche die Metten gesungen werden, eine Kerze angezündet bleibt, während die übrigen alle ausgelöscht werden, um zu bezeichnen, dass Maria allein niemals im Glauben wankte. – Als am Samstag der Leichnam Jesu im Grab lag, da hatte sich der Glaube der katholischen Kirche in das Herz der allerseligsten Jungfrau geflüchtet; als selbst die Jünger Jesu zweifelten, da wankte und zweifelte sie allein nicht. Hell und klar brannte das Licht des Glaubens in ihrem Mutterherzen, was auch die Ursache sein mag, dass man an Samstagen ein Lampenlicht vor den Bildnissen der lieben Frau brennt.

Für diese unerschütterliche Glaubenstreue aber hat sie Gott wunderbar belohnt. Er hat ihr die Gnade verliehen, den Glauben in der allgemeinen Kirche, sowie in dem Herzen eines jeden einzelnen Christen zu stärken und mit dem heiligen Bonaventura haben es Tausend und Tausende erfahren, dass ein Gebet zu Maria, dass die Erinnerung an ihr erhabenes Beispiel den Glauben wunderbar kräftige und lebendig mache.

 

Wenn der heilige Paulinus den Glauben den Unterhalt und die Nahrung aller guten Handlungen nennt, so weist er dadurch schon hin auf das apostolische Wort, dass der Glaube allein nicht selig mache, sondern nur der in Liebe tätige, in guten Werken sich offenbarende, lebendige Glaube. Er ist zugleich eine Gabe Gottes, insofern er ein Licht ist, das Gott uns in der heiligen Taufe eingegossen hat, in dessen Strahlen wir klar die Wahrheit erkennen. Er ist aber auch eine Tugend, insofern die Seele sich darin übt, denselben in sich zu erwecken und lebendig zu machen. – Wer aber gibt ihr dazu die Gnade des Willens, des Mutes, der Begeisterung?

 

Die Nacht bricht heran, es wird immer dunkler im Zimmer, man kann nicht mehr lesen, schreiben, studieren; es wird immer dunkler in der Werkstatt, man sieht nicht mehr die Arbeit; alle Hände ruhen, ringsum wird es still und einsam, alles schweigt – auf einmal wird ein Licht gebracht und alles regt und bewegt sich wieder, alles rührt wieder die Hände, alles wird laut und lebendig! – Seht ihr die Macht des Lichtes!

 

Niedersinkt die Dämmerung auf die Flur, der Sonne letzte Strahlen färben purpurn die Gipfel der Berge, der Abendstern erscheint am Himmel, der sich allmählich in Dunkelheit kleidet. Es ist Nacht. Die Menschen schlummern, die Tiere schlafen, die Vögel ruhen, die Blumen sind geschlossen, die ganze Natur ist wie ohne Leben! - - - auf einmal zeigt sich ein Licht, das immer heller und heller wird, das mit rosigem Schimmer den ganzen Horizont erleuchtet, das den Tag heraufbringt und mit ihm neues Leben. Die Blumen öffnen ihre Kelche, die Vögel singen ihre Lieder, die Menschen gehen an die Arbeit! - - Seht ihr die Macht des Lichtes!

O Maria! Du himmlische Lichtbringerin, wenn du dich zeigst, brennt hell das Glaubenslicht im Kämmerlein des Herzens, wenn du erscheinst, da flammt empor das Glaubenslicht im großen Raum der heiligen Kirche! Das helle, glänzende Licht deines erhabenen Beispiels macht unsern Glauben stark und lebendig.

 

Es treibt uns an, die Geheimnisse des heiligen Glaubens gerne zu betrachten, um in ihrer Erkenntnis zuzunehmen; es ermuntert uns, bei der heiligen Messe und Kommunion oft Akte des Glaubens zu erwecken; es nötigt uns, jeden Zweifel an den christlichen Wahrheiten zu unterdrücken und gefährliche Grübeleien zu vermeiden; es begeistert uns, Gott oft für die Gnade zu danken, ein Kind der heiligen, katholischen Kirche zu sein; es gibt uns den Mut, insofern es in unserer Macht steht und wir Gelegenheit dazu haben, den Glauben gegen die Angriffe der Irr- und Ungläubigen zu verteidigen; es flößt uns ein, oft den Herrn durch die Fürbitte seiner heiligen Mutter anzuflehen, uns den Glauben zu vermehren, ihn zu stärken in uns und denen, die noch im Irrtum oder im Schatten der Finsternis und des Todes sitzen, das Licht des wahren Glaubens leuchten zu lassen.

 

Und dies, liebe Christen, ist die Lebendigkeit des Glaubens, eine Gabe, die uns zu wahren Jüngern Jesu macht, eine Gabe, die uns die ewige Seligkeit erlangt, eine Gabe, die uns Maria, die wir heute begeistert als Maria, mein Licht, begrüßen, erwirbt, wie wir es in folgendem Beispiel sehe werden.

 

Unter den heidnischen Völkern von Tonkin glänzte als einer der hervorragendsten Verbreiter des Glaubens der gottselige Missionar Caspar Ferreira. Er hatte seine schwere Arbeit ganz unter den kräftigen Schutz derjenigen gestellt, die der heilige Cyrillus das Licht des Glaubens nennt, - unter Maria. Er pflegte an allen Orten, wo er das Evangelium predigte, ein schönes Bild der Muttergottes auf einen Altar zu stellen und daneben zwei brennende Lichter, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer mehr auf seine Predigt hinzulenken. Das Bild stellte Maria vor, das Jesuskind auf dem Schoß und den kleinen Knaben Johannes neben sich. Einst hatte er in einer Stadt wieder sein liebes Bildnis aufgestellt, als plötzlich eine heidnische Frau voll Erstaunen ausrief, indem sie unverwandt ihren Blick auf das Bild richtete: Ja, dies sind die drei, die zu mir gekommen sind, ich habe sie schon gesehen! – Der Missionar ließ die Frau zu sich kommen und fragte sie nach der Ursache ihres Ausrufes. – Sie erzählte, dass sie dem Götzendienst bis in ihr hohes Alter von achtzig Jahren immer sehr zugetan gewesen war, dabei aber stets ein brennendes Verlangen nach dem Besitz der Seligkeit in sich gefühlt habe. Aus diesem Grund habe sie alle Armen mit der größten Freigebigkeit unterstützt, in der Hoffnung, durch Almosen sicher den Himmel zu erlangen.- Da erschien ihr in einer Nacht ein wunderbar helles Licht, aus dessen feurigem Glanz eine Frau von holdseliger Gestalt und Anmut hervortrat. Sie war von zwei nicht minder schönen Knaben begleitet und sprach zu ihr diese Worte: Folge mir nach, und du wirst die Seligkeit des ewigen Lebens gewinnen. Als sie erwachte, war das himmlische Bild ihren Sinnen lebendig eingedrückt, das glänzende Licht begleitete sie überallhin; wer jedoch diese Personen gewesen waren, wie und wohin sie ihnen folgen sollte, blieb ihr verborgen bis zum heutigen Tag, an dem sie zu ihrem größten Erstaunen auf diesem Bild genau diese Frau mit den zwei Knaben erblickt habe. Freudig bewegt über diese Gnade, die Maria dieser Frau erwiesen hatte, fing der eifrige Missionar sogleich an, sie im Glauben zu unterrichten. Er musste über die Gelehrigkeit dieser hochbetagten Frau staunen und konnte ihr bald die heilige Taufe erteilen. Nicht lange danach verschied sie selig im Herrn.

 

O Maria, die du auch mir den Glauben gebracht hast, fahre fort, ihn mir zu stärken und lebendig zu erhalten, dass ich im Licht des Glaubens wandelnd einst, wenn mich die Schatten des Todes bedecken, hell den Blick mir bewahre und auch dann noch dich freudig begrüße: Maria, mein Licht! Amen.

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2. Maiandacht - Maria, mein Stern

 

Robert, König von Frankreich, stiftete, wie die Geschichte erzählt, im Jahr 1022 zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, die er über alle Maßen liebte, einen Ritterorden. Die Ritter, die diesem Orden beitraten, und alle aus den ersten und vornehmsten Adelsgeschlechtern waren, trugen auf ihrem Mantel einen Stern und um den Hals eine goldene Kette, an deren Ende vorn an der Brust ebenfalls ein Stern glänzte.

 

Wählen wir uns, liebe Christen, auch diesen Stern als Zeichen unserer Liebe zu Maria, und heften wir ihn fest an unser Herz. Der Name Maria heißt im Hebräischen Stern des Meeres und sicherlich, sagt der heilige Bernhard, konnte die Mutter Gottes keinen passenderen Namen erhalten, noch einen solchen, der ihre Würde bezeichnender ausdrückte. Maria ist in der Tat jener glänzende und schöne Stern, der auf dem weiten und stürmischen Meer des Lebens glänzt.

 

Die Sterne zeigen sich nur im Dunkel der Nacht; je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne; wenn ein anderes Licht kommt, verschwinden sie, obwohl sie selbst den schönsten Glanz haben. So mahnt uns unwillkürlich die Natur der Sterne an die Tugend der Hoffnung, die auch die Nacht des Unglücks braucht, um recht hell zu glänzen und die leider nur zu bald verschwindet und vergessen wird, wenn die Sonne des Glücks scheint und der helle Tag der Freude anbricht.

 

Da wir aber in einem Tränental wohnen und Gottes weise Vorsehung durch Heimsuchungen aller Art uns oft daran erinnert, damit wir seiner und des Himmels nicht vergessen, so ist die Tugend der Hoffnung unumgänglich notwendig für uns. Auf wen sollen wir aber hoffen, als auf die, die nach Jesus Christus unsere einzige Hoffnung ist, wie der heilige Bernhard sagt, als auf Maria, die Zuflucht aller Sünder? – Ja, Maria ist im Dunkel des Lebens, in der Nacht des Unglücks, in der Finsternis des Todes unser Morgenstern und Abendstern, der uns den Tag verkündet, der uns die Nacht versüßt.

 

Der Morgenstern hat mit der Sonne die innigste Verbindung, er ruft wie eine andere Sonne den Tag herbei und entfernt sich unterhalb der Sonne wandelnd niemals von ihr. Du bist mein Morgenstern, auf den ich hoffe, ruft der heilige Thomas von Villanova begeistert aus, warum? – Weil wenn du dich zeigst und im Herzen erscheinst, der Tag nicht mehr fern ist, der Tag der Freude, der Liebe, der Gnade Gottes. Du bist mein Morgenstern, auf den ich hoffe, warum? – Weil gleichwie der Morgenstern immer nahe bei der Sonne ist, so ist auch Maria mit der Sonne der Gerechtigkeit, mit Jesus Christus, aufs Innigste vereint, niemals von ihm getrennt. Welch ein starker, unerschütterlicher Grund der Hoffnung, des Vertrauens und der Zuversicht auf Maria!

 

Nicht weit von Jerusalem ist ein Hügel, auf dem jene Frau dem göttlichen Heiland zurief: Selig ist der Leib, der dich getragen! – Dieser Hügel, sagt man, grüne im Winter, wie im Sommer, seine Oberfläche werde nie beschmutzt, weil aller Staub, den der Wind hin weht, also gleich sich wieder entferne. – Ein schönes Bild der Hoffnung auf Maria. Gleich dem Hügel, auf dem sie seliggepriesen wurde, blickt sie zu jeder Zeit im Winter der Leiden, wie im Sommer der Freuden, vertrauenerweckend auf uns herab; kein Staub des Undankes, des Zweifels und des Misstrauens bleibt auf ihrem Mutterherzen ruhen, das mit immer gleicher Liebe bereit ist, uns zu helfen und stets auf alle mögliche Weise sich bemüht, die zuversichtliche Hoffnung auf sie in uns zu stärken und zu bewahren.

 

Der Morgenstern ist für die Erde von außerordentlich wohltätigem Einfluss und überdies ist er noch ein Gestirn, das milde Witterung bringt, während andere große Kälte, andere große Hitze hervorrufen. – Was die Erde Wohltaten, Gnaden und Segen empfängt, wird ihr durch den Morgenstern Maria gespendet. Durch welche Hilfe können die Schiffe unter so vielen Gefahren sicher zum ersehnten Hafen gelangen, fragt der heilige Bonaventura und antwortet: Gewiss durch zwei, nämlich durch ein Holz und durch einen Stern, durch die Kraft des Kreuzes und durch die Macht des Lichtes, das uns Maria der Morgenstern gebar. – Darum, liebe Christen, ruft mit dem heiligen Alphons: Meine Königin, zu deinen Füßen will ich wohnen, weil ich auf dich meine ganze Hoffnung gesetzt habe. Also hinauf den Blick zu jenem lieblichen Morgenstern, der den Trost des Tages der betrübten Seele verkündet. In Leiden und Heimsuchungen, in Trübsal und Versuchungen schaue hinauf zum Stern und rufe zu Maria. Sie sagt uns dasselbe, was sie der heiligen Brigitta geoffenbart hat: Keiner ist so verworfen, dass ihm, so lange er lebt, meine Barmherzigkeit mangle; keiner ist so weit von Gott entfernt, dass er nicht heimkehrt zum Vater, wenn er zu mir ruft.

 

Servilius, einer der römischen Auguren, sah über dem Haupt des Kaisers Aurelius einen glänzenden Stern und wahrsagte ihm und seinem Heer deshalb einen günstigen Ausgang der Schlacht. So wird mit voller Gewissheit einem jeden Christen, über dessen Haupt Maria, der Morgenstern, glänzt, in dessen Brust die Hoffnung auf ihre mächtige Hilfe wohnt, Glück und Segen, Frieden und Freude, Schutz und Beistand zuteilwerden. Maria wird ihn nicht verlassen bis zu seinem Lebensende, wo sie gleich dem Abendstern Trost und Ruhe in die scheidende Seele bringt.

 

Wie es in der Natur Abend wird und Nacht, so neigt auch im menschlichen Leben sich die Sonne und wirft ihre Schatten über das Sterbebett; und wie der Anblick des Abendsterns bei der hereinbrechenden Dunkelheit einen wunderbaren Frieden in die Seele zaubert, so beruhigt Maria die Seele im Todeskampf, besänftigt das aufgeregte Gemüt, zerstreut die Wolken der Bangigkeit und Furcht, erfrischt mit dem Tau der Gnade, macht hell die Erbarmungen Gottes und gießt jene Zuversicht ins brechende Herz, die dem Tod seine Schrecken nimmt und dem Grab jeden Schauder.

 

Wenn daher unser ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tod sein soll, so dürfen wir dabei nie vergessen, oft und oft und immer wieder Maria zu bitten und anzurufen, dass sie wie ein milder Abendstern den Abend unseres Lebens erhelle und die Strahlen ihrer Barmherzigkeit auf unser Sterbebett werfe; dass sie uns wie dem heiligen Josef im Tod beistehe und uns gleich ihm in ihren Mutterarmen sterben lasse; denn, wie kann der zu Grunde gehen, ruft der heilige Athanasius, der in den Armen Mariens stirbt? - -

 

Carl VI., dieser so unglückliche und eines besseren Loses so würdige König von Frankreich, stiftete während der ersten Jahre seiner Regierung in Folge eines in Languedoc abgelegten Gelübdes einen Ritterorden zu Ehren der heiligen Jungfrau. Zur Zeit seines Aufenthaltes in Toulouse nämlich jagte er oft mit Olivier von Clisson, Peter von Navarra und einer Menge anderer Hofherren in dem alten Wald von Bouconne. Als er sich eines Tages in Verfolgung eines Wilds von seinem Gefolge getrennt hatte, überraschte ihn die Nacht, rings umgeben von weglosen Wildnissen und großen Wäldern voll Bären und Eber; die Gefahr seiner Lage wuchs, als die Nacht immer dunkler herabsank und ein nebeliger Himmel alle Sterne verbarg. Bestürzt über seine Einsamkeit, nicht wissend, welche Richtung er nehmen sollte, verlobt sich der Fürst feierlich zu Unserer Lieben Frau von der Hoffnung und stellt sich demütig unter ihren Schutz. Alsbald zerstreut ein leichter Wind die Wolken und ein glänzender Stern wirft seine Silberstrahlen auf einen Fußweg, der den jungen Monarchen aus dem Wald führt. Am anderen Tag kommt Carl an der Spitze seiner Barone, die mit Ausnahme des Hauptes in voller Rüstung waren, sein Gelübde in Mariens Kapelle zu lösen. Zum Andenken an das gefährliche Abenteuer, das er bestanden hatte, gründete er bald danach den Orden von Unserer Lieben Frau von der Hoffnung und verordnete, dass ein Stern dessen Sinnbild sein sollte. Diese Stiftung beweist noch ein altes Bild, das man auf der Klostermauer der Karmeliten von Toulouse sieht neben der Kapelle

 

Von Unserer Lieben Frau von der Hoffnung. Es stellt den König von Frankreich dar, umgeben von seinen Rittern, den Herzogen von Touraine und Bourbon, von Peter von Navarra, Heinrich von Bar und Olivier von Clisson, deren Namen unten stehen. Oben schwebt ein Engel mit Streifen, auf denen dreimal das Wort Hoffnung steht.

 

Liebe Christen, treten auch wir geistiger Weise diesem Ritterorden bei, umschlingen wir unser Herz mit dem Band, auf das wir nicht bloß dreimal, sondern oft und oft betend schreiben wollen: Maria, unsere Hoffnung! – Tragen wir den Stern auf unserer Brust zum Dank, dass Maria uns schon so oft aus der Nacht der Sünde, aus dem wilden Gehege der Laster, aus dem Rachen reißender Leidenschaften gerettet hat und wenn wir sie im Leben freudig als unseren Morgenstern begrüßen, so beten wir im Tod, wenn sie gleich dem Abendstern über unserem Sterbelager glänzt, vertrauensvoll: Maria, mein Stern! Amen.

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3. Maiandacht - Maria, meine Sonne

 

Nicht umsonst wird die Sonne das Herz des Himmels genannt, denn wie vom Herzen aus alle Lebenspulse strömen und sich im ganzen Körper verteilen, so geht auch von der Sonne alles Leben für die Natur aus und die ganze Erde empfängt von ihr Wachstum und Gedeihen. Ebenso tief gedacht, als wahr empfunden ist es daher, wenn die heilige Kirche Maria mit der Sonne vergleicht und die Worte des Hohen Liedes: „Du bist auserwählt wie die Sonne“, auf die Himmelskönigin bezieht.

 

Gleichwie die erste Himmelssphäre durch ihre Bewegung macht, dass alle anderen Himmelssphären sich bewegen, so bewirkt auch Maria, wenn sie für jemanden bittet, dass der ganze Himmel mit ihr Gott bittet. Ist sie daher nicht recht eigentlich das Herz des Himmels? - -

 

Siehe, es steigt die Sonne herauf, ganz allein und ohne jede Begleitung; und nun erhellt sich der Luftraum, die Erde öffnet ihren Mutterschoß, die Edelsteine erhalten ihren Glanz, die ganze Schöpfung ersteht wie neugeboren. Ihr erfasst ohne Zweifel, liebe Christen, was ich mit diesem Bild sagen will! Mögen gleichwohl die Heiligen gleich Sternen geleuchtet haben, Maria allein ist „auserkoren wie die Sonne“, bei ihrem Aufgang erbleichen und verschwinden die flimmernden Sterne. Sie ist daher die erste im Himmel, wie die Sonne das erste Gestirn am Himmel ist.

 

Wer aber hat sie dazu gemacht? – Der Herr. In der geheimen Offenbarung sah der heilige Johannes eine Frau, mit der Sonne bekleidet. Das ist Maria, die Gott mit der Sonne bekleidete, mit all der Schönheit und dem Glanz der Sonne, mit all den Eigenschaften und Wirkungen der Sonne. Ein schönes Bild dieser Wahrheit gibt uns Judith. Sie war überaus schön von Angesicht, sagt die Heilige Schrift, und sie erhöhte ihre Reize noch durch festliche Kleider, Schmuck und Kleinodien. Die allerseligste Jungfrau war von Natur aus das schönste Wesen, das je aus der schaffenden Hand der göttlichen Allmacht hervorgegangen ist. Diese natürliche Schönheit erhöhte sie aber noch durch den Schmuck der Heiligkeit und jeglicher Tugend. Wie aber die Heilige Schrift von Judith noch weiter sagt: Zu ihrer Schönheit verlieh ihr der Herr einen Glanz und vermehrte ihre Schönheit so, dass sie allen Augen in unvergleichlicher Zierde erschien, so gab auch Gott der heiligen Jungfrau noch einen Sonnenglanz, eine wunderbare Macht, eine überirdische Hoheit, die im Strahlenlicht der Welt sich zeigt und sich in erbarmender Liebe gegen die Menschen durch die drei Eigenschaften der Sonne offenbart, sie erhellt, erwärmt und zeitigt die christliche Seele, wie jene die Natur.

Auf den ersten Blick erkennen wir in diesen drei Wirkungen den innerlichen Gang der Rückkehr zu Gott, und weil Maria vorzüglich berufen ist, die armen Sünder heimzuführen ins Vaterhaus, so ist nichts natürlicher und gerechter, als sie mit der Sonne zu vergleichen.

Wenn die Sonne sich erhebt am Himmel, wenn sie heraussteigt aus dem Meer, wie ein glühender Feuerball, wenn ihre ersten Strahlen die Gipfel der Berge röten wie mit blühenden Rosen und dann vergolden, da weicht die Nacht, da flieht die Dämmerung, da zerreißen die Nebel und alles wird hell ringsum, licht und klar. – Der erste Schritt zur Besserung, sagt der heilige Thomas, ist die Selbsterkenntnis. Wenn der Sünder anfängt, sein Elend einzusehen, wenn er erkennt, wie tief er gefallen, wie weit er gekommen, wie unglücklich er geworden ist, wenn sein Verstand zu erfassen beginnt den Verlust der Gnade und die schrecklichen Folgen der Sünde, - - dann wird es in seinem Innern immer heller und heller, immer lichter und lichter und wer vertreibt diese Nacht? – Du, o himmlische Sonne, du, Maria, mit den Strahlen deiner Huld und Liebe, deiner Barmherzigkeit; denn dein Gebet macht hell die Nacht, ruft der heilige Bernhard, und deine Macht vertreibt die Finsternis! – Der Verstand des Sünders wird licht, die dunklen Leidenschaften, die unheimlichen Wünsche, die finsteren Gewohnheiten verschwinden, die Nebel der Verblendung fallen, die Dämmerung des Misstrauens auf Gottes Barmherzigkeit entflieht und der Sünder ist durch das Sonnenlicht der Fürbitte Mariens an dem Punkt angelangt, an dem er mit dem verlorenen Sohn im Evangelium spricht: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater heimkehren.

 

Die Nacht hat mit seltenen Ausnahmen immer etwas Kaltes, besonders in den Morgenstunden. Diese Kälte vertreibt die Sonne, denn wenn sie erscheint, wird es warm und diese Wärme steigert sich bis zur Glut. – Je tiefer der Mensch gesunken ist und je länger er im Sündenzustand dahinlebt, desto kälter wird sein Herz. Dasselbe umzieht dann gleichsam eine Rinde von Eis, es erstarrt bis zu einer solchen Unempfindlichkeit, dass weder die Drohungen des Vaters noch die Tränen der Mutter, weder die Trauer der Geschwister noch die Bitte eines Freundes, noch die Ermahnungen eines Seelsorgers, dass kein Unglück, keine Schande, kein Elend mehr einen Eindruck auf das Herz des Sünders machen. – Nur eine vermag diese Eisrinde zu schmelzen, jene, von der es in der Heiligen Schrift heißt, dass niemand sich verbergen kann vor ihrer Hitze; Maria, die Sonne der Barmherzigkeit, ist allein im Stande, das kalte Herz zu erwärmen. Sie ruft in dem Sünder wieder wach das Heimweh nach einem besseren Leben, sie facht den letzten Funken von Gottesliebe, der noch unter der Asche glimmt, zur Flamme an, sie erwirbt ihm von Gott den Schmerz einer gedemütigten und zerknirschten Seele, und gleichwie beim Aufgang der Sonne die Tauperlen an den Gräsern zittern und funkeln, so schmilzt die Sonnenglut ihrer Mutterliebe das kalte Herz des Sünders und löst es auf in Tränen der aufrichtigsten und bittersten Reue. Es wiederholt sich, was die Heilige Schrift von Petrus sagt: Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

 

Die dritte Eigenschaft der Sonne ist, dass sie Wachstum verleiht, Gedeihen bringt und alle Früchte zeitigt. In geistiger Hinsicht versinnbildet diese Wirkung die Stärkung des Willens, so dass sich der Sünder aufmacht, sein Gewissen zu reinigen, sich entschließt, allen angerichteten Schaden, jedes Ärgernis wieder gut zu machen, sich fest vornimmt die Gewohnheiten abzulegen, alle Mittel, um im Guten beharrlich zu bleiben, gewissenhaft anzuwenden, mit einem Wort, würdige Früchte der Buße zu bringen. – Und auch das ist das Werk derjenigen, durch deren Hand uns alle Gnaden zukommen, also auch die Gnade der Bekehrung; auch das ist die Gnadenwirkung der himmlischen Sonne Maria. An sie wandte sich Augustinus, als sein Verstand den Irrtum erkannte und sein Herz die Sünde bereute, im heißen Gebet um die Kraft, die Fesseln der Leidenschaften für immer zu brechen. Und Maria stärkte seinen Willen so, dass er nie mehr abwich von der Tugend und nun die Krone der Heiligkeit sein Haupt umglänzt.

 

Zu Venedig, der Königin des Meeres, wurde im Jahr 1481 aus einer altadeligen Familie Hieronymus Aemiliani geboren. Von einer frommen Mutter nur für Gott und den Himmel erzogen, verließ er doch schon als junger Mann von fünfzehn Jahren die Tugendbahn. Er fürchtete Gott nicht mehr, nur vor den Augen der Welt wollte er noch untadelig erscheinen. Er trat in den Kriegsdienst und ergab sich, nachdem auch sein Vater gestorben war, allen Ausschweifungen einer ungezügelten Leidenschaft. Im Krieg war er tapfer, überhaupt ein guter, tüchtiger Soldat, tat sich in vielen Schlachten rühmlich hervor; aber in den Augen Gottes war er ein armer, unglücklicher Sünder. So durchlebte er seine Jugend in allen möglichen Ausschweifungen bis in sein dreißigstes Jahr. – Als im Jahr 1511 die Festung Kastelnuova im Sturm eingenommen wurde, befand er sich gerade darin. Mit Heldenmut kämpfte er an der Spitze seiner Soldaten, doch die Feinde überwältigten ihn. An Händen und Füßen gefesselt, wurde er ins Gefängnis geworfen und hatte jeden Augenblick den Tod zu erwarten. In diesem Elend wachte er auf. Er erinnerte sich mit Wehmut an die Tage seiner Jugend, wo er so oft vor dem Gnadenbild Mariens von Treviso betete. Mit heißem Gebet verlobte er sich dorthin und sein Verstand wurde hell – er erkannte seine Sünden, und sein Herz wurde warm – er weinte bitterlich – wodurch, liebe Christen? – Ein ungewöhnlicher Glanz erleuchtete des Kerkers Dunkel, Maria erschien ihm vom Lichtglanz einer Sonne umflossen, so dass er von den Strahlen geblendet nicht in ihr Antlitz zu schauen vermochte, sie berührte ihn und die Fesseln fielen und sie führte ihn aus dem Gefängnis wunderbar und sicher mitten durch die Feinde bis hin nach Treviso. Dort dankte Hieronymus auf seinen Knien und in Reuetränen zerfließend seiner himmlischen Mutter für die Rettung des Lebens. Nun aber war er wie umgewandelt; bei einer Hungersnot im Jahr 1528 verkaufte er all seine Habe, um die Armen zu speisen; die Kirchen und die Spitäler der Kranken waren von nun an die Orte, wo er die schönsten Werke der Gottseligkeit übte. Sein heiliges Leben beschloss ein ebenso kostbarer Tod. Er verschied am 8. Februar 1537 mit den Worten: Maria, meine Sonne! Amen.

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4. Maiandacht - Maria, meine Blume

 

In der Natur ist unstreitig das Anmutigste die Blume, so dass es gewiss kein Menschenherz geben wird, das sich nicht an ihrer Gestalt erfreut und an ihrem Wohlgeruch ergötzt. Die Heiligen, deren Glaubenskraft nicht bloß Menschen und Tiere, sondern auch die Pflanzen gehorchten, pflegten den vertraulichsten Umgang mit den Blumen, den schönsten Kindern der Natur. Der heilige Ignatius war ganz begeistert bei ihrem Anblick und der heilige Franz von Assisi nannte sie seine lieben Schwestern. Beim Leichenbegängnis der heiligen Elisabeth von Portugal neigten auf dem Weg, wo der Zug vorüberging, alle Blumen ihr Haupt; und die heilige Rosa von Lima schmückte jeden Samstag des ganzen Jahres das Muttergottesbild mit schönen Blumen, die sie selbst in ihrem Gärtchen gezogen hatte. Wunderbar aber war es anzuschauen, dass das Gärtchen der lieben Rosa zu keiner Zeit leer von Blumen war. Es durfte die Witterung noch so rau und ungünstig sein, immer blühten dort Blumen zum Schmuck des geliebten Bildes.

 

Doch was sind die irdischen Blumen, die der Heilige Geist selbst mit dem menschlichen Leben wegen der seiner Kürze vergleicht: Der Mensch ist wie eine Blume, die am Morgen aufblüht und des Abends verwelkt, gegen jene, die ich heute mit euch allen, liebe Christen, als: Maria, meine Blume, begrüße? – Maria nennt sich selbst eine Blume: Ich bin eine Blume des Feldes. Jesaja sieht sie prophetisch als eine Blume aus der Wurzel Jesse aufblühen. Im Hohen Lied wird sie begrüßt als eine Lilie unter den Dornen und im Buch Sirach als eine Rosenstaude in Jericho. Der heilige Epiphanius preist sie als die schönste Blume im Garten Gottes, und der heilige Germanus sagt: Gerne will ich sterben, wenn ich in Wahrheit diese Blume mein nennen kann.

 

Lasst uns jetzt, liebe Christen, diese himmlische Blume näher betrachten; der gelehrte Hugo von St. Viktor gibt uns dazu die Anleitung. Er sagt: Eine vollkommene Blume muss drei Eigenschaften haben, sie muss sein schön, wohlriechend und heilsam, Bedingungen, die wir in Maria im höchsten Grad vereinigt finden.

 

Als der berühmte Maler des Altertums, Zeuxis, die Göttin Juno malen sollte, da suchte er fünf der schönsten Jungfrauen, die er nur finden konnte, sah sich von jeder das feinste und regelmäßigste ab, von diesen die Stirn und die Haare, von jenen den Mund und die Augen und brachte auf diese Weise ein Gemälde zusammen, das an erhabener Schönheit alles bisher Gesehene weit übertraf. – Ist dies auch ein schwaches Bild, weil es ein Bild dieser Erde ist, so lässt es euch doch wenigstens ahnen, liebe Christen, die namenlose, unaussprechliche Schönheit, die der allmächtige Gott in Maria erschuf, in deren Antlitz, wie in das ihres göttlichen Sohnes zu schauen, selbst die Engel gelüstet, in deren Zügen sich alle Schönheit der Frauen des alten Bundes zur höchsten Vollkommenheit vereinte, deren Stirn von himmlischer Anmut strahlte, aus deren Augen der ganze Himmel schaute und deren Gestalt göttlicher Liebreiz umfloss! – Etwas Schöneres, sagt der heilige Anselm von Maria, kann selbst die allmächtige Hand des Herrn nicht mehr erschaffen, und könnt ihr daran noch zweifeln, liebe Christen, wenn der göttliche Salomo selbst seine Braut mit den Worten schildert: Schön bist Du, meine Freundin, ganz schön und kein Makel ist an Dir! – Wie vor der Schönheit der Rose das reine Weiß der Lilie, das Goldgelb der Kaiserkrone, das Dunkelblau des Veilchens, das Violett der Aster und der Purpur der Georgine verschwindet, so verbleicht jede irdische Schönheit vor jener der allerseligsten Jungfrau Maria. Sie ist die vollkommenste Blume, weil sie die schönste ist und einen Duft ausatmet, der alle Wohlgerüche Indiens übertrifft.

 

Die Türken glauben, dass der Duft der Rose der Atem ihres Propheten Mohamed sei. Ein Mohamedaner wird darum nie eine Rose auf die Erde werfen, und wo er Rosenblätter liegen sieht, wird er sie aufheben. Was bei den Türken nur ein leerer Wahn ist, das ist bei uns Christen Wahrheit. Unsere Blume atmet den Wohlgeruch Christi, der Duft Mariens ist der Hauch des allmächtigen Gottes. Darum zieht es uns auch so unwiderstehlich zu ihr hin, sagt Gerson, weil von ihr Himmelsluft uns entgegenweht, weil Paradiesesduft von ihr ausströmt und in ihrer Nähe der Balsamgeruch der Heiligkeit uns umgibt.

 

Als in Jerusalem die furchtbare Verfolgung ausbrach, flüchtete sich Maria mit dem heiligen Johannes und Magdalena nach Ephesus. Über ihren dortigen Aufenthalt wissen wir nichts. Die Lücke ist leicht zu erklären durch die vorherrschenden Zeitereignisse. Die Apostel hielten nach der Auferstehung des Herrn alles für Nebensache, was für sie, einzig und allein mit der Verbreitung des Glaubens beschäftigt, nicht in unmittelbarem Zusammenhang stand mit diesem wichtigsten aller Gegenstände. Ganz erfüllt von ihrer hohen Sendung und völlig dem Heil der Seelen hingegeben, vergaßen sie sich selbst ganz und gar, und so haben sie uns kaum einige unvollständige Urkunden über die evangelischen Arbeiten hinterlassen, die das Geschick der Welt verwandelten. Auf diese Weise ist ihre Geschichte einer erhabenen Grabschrift vergleichbar, die, fast verwischt, weder Anfang noch Ende zeigt. Es ist begreiflich, dass die Mutter Jesu das Los der Apostel geteilt hat. Die letzten Jahre ihres Lebens verflossen fern von Jerusalem, im fremden Land, woselbst ihr Aufenthalt, durch kein auffallendes Ereignis bezeichnet, nichts als eine Fläche darbietet, worauf keine dauernde Spur im flüchtigen Gedächtnis der Menschen geblieben ist. Indessen deuten der blühende Zustand der Kirchen von Ephesus und das Lob, das der heilige Paulus ihrer Frömmigkeit erteilt, hinlänglich auf die erfolgreichen Bemühungen der heiligen Jungfrau und den göttlichen Segen, der ihr auf allen Wegen folgte. Die Blume von Jesse hinterließ von ihrem Duft, wo sie vorbeigegangen ist und diese leichte Spur verrät ihre köstliche Anwesenheit. Der Wohlgeruch Christi, den sie an sich trug, der Duft ihrer Tugenden, den sie ausatmete, zog alle Herzen an sich. – Und auch wir, liebe Christen, können nicht umhin, Maria mit den Worten des Hohen Liedes zuzurufen: Ziehe mich zu Dir, wir laufen dem Geruch Deiner Salben nach, worunter wir, nach dem heiligen Bernhard, nichts anderes zu verstehen haben, als den Duft ihres guten Beispiels, ihrer erhabenen Heiligkeit, ihrer Tugenden und guten Werke.

 

Die dritte Eigenschaft einer vollkommenen Blume ist selten und noch seltener im Verein mit den beiden anderen. Es gibt Blumen, schön und duftig, aber ohne Heilkraft, während es solche gibt, die Krankheiten heilen, aber denen Geruch und Schönheit fehlt. Nur in einer einzigen Blume finden wir auch die Heilkraft mit Duft und Pracht vereint im höchsten Maße, in Maria, die die heilige Kirche das Heil der Kranken nennt. Wie ihr göttlicher Sohn auf Erden so viele Leidende gesund gemacht und so viele Kranke geheilt hat, so nimmt auch Maria den Schmerz hinweg und es gibt kein Weh des Leibes und der Seele, wovon sie nicht den armen Menschen befreit. – Durchlese, o Christ, die Tausende von Büchern, in denen die Krankenheilungen durch Mariens Fürbitte aufgezeichnet sind; zähle, wenn du kannst, die Menge von Votivbildern, die an den Gnadenorten der heiligen Jungfrau aufgehängt sind und die Wunder ihrer Heilkraft dem christlichen Volk verkünden, - und du wirst zu den freudigsten Überzeugungen gelangen, dass du in Maria eine ganz vollkommene Blume verehrst.

 

Papst Klemens XI. brachte oft lange Zeit im Kapuzinerkloster am schönen See von Albano zu, weil in diesem der selige Crispin von Viterbo als Laienbruder lebte und alle durch den Glanz seiner Heiligkeit erbaute und erfreute. Einmal war der Heilige Vater wieder in dem Kloster und hörte die Messe, als Adriani, einer der päpstlichen Kämmerer, plötzlich von einer furchtbaren Kolik ergriffen wurde und die Kirche verlassen musste. Er begegnete dem Bruder Crispin, der gerührt von seinen heftigen Schmerzen und Leiden, ihn zu seinem Altar führte, eine von den der heiligen Jungfrau dargebrachten Blumen nehmen ließ und ihn von seiner Krankheit für immer befreite. Als der Leibarzt des Papstes von dieser Heilung hörte, sagte er zu Crispin: Deine Heilmittel haben mehr Kraft, als meine. Herr, entgegnete der Selige, Ihr seid ein geschickter Arzt und ganz Rom kennt Euch als solchen, aber die heilige Jungfrau ist noch geschickter als Ihr und alle Ärzte der Welt.

 

Ja, Du, o Maria, bist eine Blume, schöner als der Himmel, duftender als der Wohlgeruch des Paradieses und heilbringender als jede Arznei! – Nazareth, wo Du geboren, heißt eine Blume, und aus dem Grab, in dem man Deinen Leib vergebens suchte, blühten Blumen empor. So schmückten Blumen Deine Wiege, wie Dein Grab als sinnreiche Mahnung, dass die Christenheit Dich einst als der Blumen Schönste verehren wird. – O möchte ein jeder Christ von seiner Geburt bis zum Tod Dich glühend verehren und oft vom Herzensgrund Dich grüßen: Maria, meine Blume! Amen.

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5. Maiandacht - Maria, mein Ring

 

Zur Zeit der heidnischen Kaiser finden wir in Italien die Verehrung Mariens wenig erwähnt. Im Hintergrund der Katakomben rief man leise die Heiligen und Martyrer an, und ihre Gräber dienten als Altar, um die göttlichen Mysterien zu feiern. Die edlen Frauen von Rom trugen Ringe mit Smaragden, Korallen oder Saphiren, auf denen Marienbilder eingeprägt waren und hinterließen sie sterbend ihren Kindern als Symbole ihres Glaubens. Galla, die Witwe des Symmachus, ließ lange danach eine prächtige Kirche erbauen, um einen dieser Ringe, die Reliquie einer Glaubensverfolgung, darin aufzubewahren. Das Bild daran war so schön, dass man glaubte, es sei aus den Händen eines überirdischen Künstlers hervorgegangen und es als ein Geschenk des Himmels verehrte.

 

Jene Zeiten der Furcht, jene Glaubensverfolgungen sind jetzt vorüber; die Prophezeiung der heiligen Jungfrau ist nun glänzend erfüllt: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Öffentlich prangt ihr Bild in unzähligen Kirchen und Kapellen, vor dem Tausende von Christen hilfesuchend knien. Doch wenn wir auch jetzt nicht mehr gezwungen sind, Mariens Bild auf Ringen zu tragen, um sie bei einer plötzlich einbrechenden Verfolgung schnell genug verbergen zu können, so sollen wir die allerseligste Jungfrau zum Zeichen unserer innigsten Liebe oft und oft mit dem heiligen Johannes Damaszenus: Maria, mein Ring, begrüßen, und warum? – Weil der Ring das Zeichen einer Verbindung ist, die nur der Tod auflösen kann, einer Liebe, die bis zum Grab treu bleibt und unsere Vereinigung mit Maria eben so fest, unerschütterlich und dauerhaft sein soll. Maria ist unser Gnadenring, Liebesring, dies zeige uns die heutige Betrachtung!

 

Dem berühmten Gnadenbild der Muttergottes auf Montserrat in Spanien schickte Franz I., König von Frankreich, aus der Gefangenschaft seinen goldenen Ring mit den Worten: dies sei das einzige Geschenk, das ein gefangener König der Himmelskönigin machen könne. Er erhielt bald darauf die Freiheit. Der König gab ihr den Ring, die Königin ihm die Gnade; Franz wandte sich durch die einzige Gabe, die ihm geblieben war, an Mariens Hilfe und Maria erwarb ihm dafür von Gott die Erledigung aus seinen Fesseln. Ein wahrer Gnadenring! Was hier nur Sinnbild, ist in Maria Wirklichkeit. Wenn nach dem Ausspruch des heiligen Leo des Großen jeder Sünder ein gefangener König ist, so wende er sich bittend, hilfeflehend an die Himmelskönigin, und Maria befreit ihn von den Fesseln der Sünde und der Versuchung, frei von den Ketten der Krankheit und Armut, frei von den Fesseln des Unglücks und der Verfolgung, denn sie ist jener himmlische Gnadenring, den Gott der Herr um die Menschheit gezogen, wie der heilige Athanasius sagt. Du bist voll der Gnade, begrüßte sie der Erzengel, und diese Gnadenfülle empfing sie nicht bloß für sich, sondern auch für uns. Es ist eine Lehre der Kirche, dass wir alle Gnaden von Gott durch Maria erlangen. Von ihrer Fülle haben wir alle empfangen und empfangen immer noch, denn wie ein Ring rund ist ohne Anfang und ohne Ende, so sind auch die Gnaden, die wir durch Maria erhalten, unermesslich, unzählig, endlos. Die heilige Brigitta, diese große Verehrerin Mariens, hatte einmal ein Gesicht, in dem sie die Himmelskönigin in unendlicher Huld und Liebe ihre beiden Arme um die ganze Welt schlingen sah. Ihr Mutterherz funkelte wie der feurigste Rubin und ihre Arme, rund wie ein Ring gebogen, glänzten wie strahlendes Gold. Siehst du, geliebte Tochter, sprach sie zu der Heiligen, so umfange ich wie ein Gnadenring erbarmungsreich die Welt! – Wohin wir uns daher auch begeben, liebe Christen, wohin wir uns auch wenden, wir sind eingeschlossen von dem Ring ihrer Gnaden, umgeben, umrungen, umspannt von zahllosen Gnaden, die sie uns von Gott erwirkt. Was wir an uns besitzen, was wir täglich empfangen, was wir in Zukunft noch empfangen werden, ist eine Gnadenwirkung Mariens, und während wir ihr für eine erhaltene Gnade danken, hält sie schon wieder eine neue bereit, uns damit zu belohnen.

Vor dem Gnadenbild der Muttergottes auf Montserrat knieten der König von Spanien Ferdinand der Katholische und seine Gemahlin Isabella, um Maria den Tribut des Dankes darzubringen für die Besiegung der Sarazenen und die Aufpflanzung des Kreuzes auf den Mauern von Granada. – Kaum hatten sie ihre Andacht vollendet, da erscheint in dem Hafen von Barcelona ein Schiff, das berühmteste vielleicht, das je die Wogen des Weltmeeres durchfahren hat. Es ist das Schiff des großen und frommen Kolumbus, der die neue Welt unter dem Schutz des Kreuzes und der Gottesmutter entdeckt hatte, und der nun dem königlichen Paar ankündigt, dass es Gebieter eines neuen Reiches jenseits des Meeres geworden ist.

 

In dieser Geschichte, liebe Christen, spiegelt sich das Leben eines wahren Verehrers Mariens ab. Während er für den Sieg, den er mit Hilfe der heiligen Jungfrau über den bösen Feind, über seine Leidenschaften errungen hat, während er für den Glauben, den er durch den Beistand der Himmelskönigin innerhalb der Mauern seines Herzens und seiner Familie bewahrt hat, hienieden dankt, hält Maria eine neue Gnade für ihn bereit und kündigt ihm an, dass er durch ihre Fürbitte jenseits der Welt ein neues Reich sich erworben hat, das Reich der ewigen Seligkeit.

 

Wenn sich zwei Herzen am Altar auf ewig verbinden, so geben sie sich zum Unterpfand ihrer Liebe einen Ring. Dieser Ring wird an den vierten Finger der linken Hand gesteckt, weil nach alter Überlieferung von diesem aus eine Ader gerade zum Herzen gehen soll, zu dem Herzen, das der Sitz der Liebe ist. – Maria ist unser Liebesring, weil von ihrem Mutterherzen aus nicht bloß eine Ader der Liebe zu uns fließt, sondern ein ganzer Strom von Huld und Neigung sich über uns ergießt; weil wir von ihrer Mutterliebe rings wie ein Ring umschlungen sind, so dass wir die Worte des Apostels, die er von Gott spricht, auch auf sie anwenden können: In ihr leben, schweben und sind wir. Ihre Mutterliebe umfängt uns, wie des Regenbogens siebenfarbiges Licht nach der Sündflut die Erde umspannte zum Zeichen des Friedens und der Versöhnung. Ihre Mutterliebe umgibt uns, so dass wir mit dem heiligen Sänger sagen können: Stiege ich in den Himmel hinauf, so wärst du da, stiege ich in die Hölle hinab, so wärst du da; nähme ich die Flügel der Morgenröte, um am äußersten Ende des Meeres zu wohnen, so würde auch dort deine Rechte mich halten und deine Hand mich führen! – Wo, liebe Christen, finden wir in unserem ganzen Leben in der Jugend und im Alter eine Zeit, einen Tag, eine Stunde, wo wir sagen können, dass wir außer diesem marianischen Liebesring gestanden sind? Wo wir nicht deutlich fühlten, dass sie unsere Mutter ist, eine mächtige Mutter, die uns helfen kann, eine gütige Mutter, die uns helfen will? – Wo wir nicht die Wahrheit des Anspruches empfanden, den der heilige Andreas von Kreta getan: Glücklich ist die Seele, die mit Maria eine unauflösliche Verbindung eingeht, da ihre Liebe selbst der Ring ist, der unser Herz mit ihrem Mutterherzen vereint?

 

Die herzliche Liebe, die die Heiligen zur Muttergottes hegten, wurde öfters auf ganz besondere, wunderbare Weise belohnt. Es ließ sich die hohe Himmelskönigin herab zum Zeichen ihrer Liebe mit ihnen in die innigste geistliche Verbindung zu treten, gleichsam mit ihnen, wie mit dem heiligen Josef, ihrem keuschesten Bräutigam, eine himmlische Ehre einzugehen und diese geheimnisvolle Verbindung durch einen Ring zu bekräftigen.

Der selige Alanus de Rupe aus dem Orden des heiligen Dominikus, war einer der vorzüglichsten Verteidiger der Verehrung der allerseligsten Jungfrau und einer der eifrigsten Beförderer der Rosenkranzandacht. Er selbst betete täglich den ganzen Psalter des Rosenkranzes. Vor seinem Eintritt in das Kloster war er Soldat. In einer Schlacht sah er sich einmal von Feinden rings umgeben. Sein Tod war unvermeidlich. Da rief er Maria an und mit mächtiger Hand führte sie ihn unversehrt durch die Reihen der Feinde. Ein anderes Mal entriss sie ihn dem sicheren Tod in Wassergefahr. Darum hatte er sich Maria von Herzen ergeben, sein ganzes Leben ihrem Dienst geweiht und da er ein wahrhaft heiliges Leben führte, so hatte sie auch das größte Wohlgefallen an ihm. Sie erschien ihm eines Tages, zog einen Ring vom Finger, der aus ihren Haaren geflochten war, steckte ihn zum Unterpfand der geistlichen Vermählung mit ihm an seinen Finger und verließ ihn in einem solch seligen Entzücken, das bis zu seinem Tod 1475 nicht mehr von ihm wich. Nach seinem Tod leuchtete sein Mund und seine Hand wegen des vielen Rosenkranzbetens wie der reinste Kristall.

 

Was hier die Legende fromm erzählt, das, liebe Christen, wiederholt sich im innerlichen Leben bei jeder Seele, die Maria liebt. Sie ist und bleibt für sie der Ring, der mit dem Goldreif ihrer Gnaden, der mit dem Rubin ihrer Liebe und dem Diamant ihrer Huld das christliche Herz umschlingt und weil ihr Erbarmen Erde und Himmel umfasst, so wird die Seele dort oben erst recht erfassen, dass sie hienieden nicht umsonst so oftmals gerufen: Maria, mein Ring! Amen.

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6. Maiandacht - Maria, mein Bild

 

Ein Bild ist mir ins Herz gegraben, ein Bild so schön und wundermild, ein Sinnbild aller guten Gaben, es ist der Gottesmutter Bild! In guten und in bösen Tagen will ich dies Bild im Herzen tragen! – O möchten diese Worte eines schönen Liedes in unserem Leben zur Wahrheit werden, liebe Christen, und das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria das Sinnbild unserer Liebe und das Vorbild unseres Lebens sein, um in guten und in bösen Tagen, in Freude wie in Schmerz zu ihr rufen zu können, wie wir sie heute begrüßen: Maria, mein Bild!

 

Einst ließ sich der göttliche Heiland eine Münze zeigen und fragte: Wessen ist dieses Bild und die Umschrift? Und als man ihm antwortete: des Kaisers, so sagte er: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. – Und wenn er an uns vor einem Marienbild dieselbe Frage stellte und wir ihm erwiderten: das ist Maria mit der Umschrift: Muttergottes, so würde er, der Maria vom Kreuz herab dem ganzen Menschengeschlecht zur Mutter gegeben hat, ohne Zweifel sagen: So gebt ihr, was ihr gebührt, Liebe, Dank und Verehrung! Warum? – Weil sie ist, wie es im Buch der Weisheit heißt, der Glanz des ewigen Lichtes und der makellose Spiegel der Herrlichkeit Gottes und das Bild seiner Güte.

Wenn wir jemand recht lieb haben, dessen Bild umschwebt uns überall und weilt stets vor uns im Geist. Da wir aber die Liebe zu Maria gleichsam mit auf die Welt gebracht haben, da sie nach den schönen Worten Fenelons so zu sagen mit uns geboren wurde, da uns die Augenblicke, in denen uns eine gute Mutter das erste Ave Maria gelehrt, das erste Marienbild erklärt, in die erste Muttergotteskirche geführt hatte, unvergesslich sind, so unvergesslich, dass sie nach langen Jahren des Leichtsinns und der Sünde gleich Sternen sich erheben und die Nacht unseres Herzens erleuchten, so umschwebt das Bild Mariens uns überall und ist nach dem des göttlichen Heilandes der Gegenstand unserer höchsten Freude, unseres süßesten Trostes und unserer größten Ehrfurcht.

 

Wer recht liebt, beweist auch die Liebe durch die Nachahmung des geliebten Gegenstandes. Darin besteht auch ein Teil der Marienverehrung. Je mehr du Maria liebst, sagt der heilige Ephräm, desto ähnlicher wirst du ihr zu werden versuchen.

 

Maria soll daher sein mein Bild;

O möchte ich werden ihr Bild!

 

Diese zwei Gedanken wollen wir heute näher betrachten!

 

Das Verständnis des Grußes: Maria, mein Bild, wird klar durch den Ausspruch des heiligen Eutychius: das Bild, das ich am liebsten im Geist betrachte und das ich am öftesten in Wirklichkeit anschaue, ist das Bild der heiligen Jungfrau. Durch die glühende Liebe und durch das oft wiederholte Anschauen wird es mein Bild; und mein Bild ist es in zweifacher Gestalt, ein geistiges durch die Betrachtung, ein materielles durch Menschenhand. Weil leider die Welt um uns so viel Lärmen macht und unser geistiges Auge trübt, weil wir leider keine Heiligen sind und unser Inneres nicht beständig im Himmel weilt, haben wir ein Bild von irdischen Formen nötig, um uns zur Betrachtung unserer himmlischen Mutter emporzuschwingen; ein gemaltes oder geschnitztes Bild, ein Gemälde oder eine Statue.

Dass das christliche Volk in seinen Nöten die Zuflucht zu einem marianischen Gnadenbild nimmt, ist der Heiligen Schrift ganz gemäß und sowohl von Gott im Alten Testament bestätigt als von Jesus Christus im Neuen Bund gutgeheißen. – Als die Welt in der Sündflut unterging, wohin nahmen diejenigen, die ihr Leben retteten und davonkamen, ihre Zuflucht? Zu dieser Arche, die nichts anderes war, als ein Vorbild Mariens. – Als das israelitische Volk aus Ägypten ins gelobte Land zog und in der großen Wüste den Weg nicht kannte, wer half ihm aus der Not? – Gott und ein Marienbild, weil jene Säule, die vor ihm herging und bei Tag eine Wolkensäule und bei Nacht eine Feuersäule bildete, nichts anderes war, als ein Vorbild Mariens! – Als jener liebreiche Samariter sich des Unglücklichen am Weg annahm, Öl und Wein in seine Wunden goss und sie verband, so war dieser Verwundete der arme Sünder, der barmherzige Samariter Jesus Christus, das Öl aber, das die Schmerzen linderte und die Binden, womit er die Wunden verband, ein Bild der Milde und mütterlichen Barmherzigkeit Mariens. – Als Lazarus gestorben war, wer hielt um seine Wiedererweckung an, wer weinte und bat für ihn? – Maria und Martha, zwei Vorbilder der heiligen Jungfrau. – Was hier, ehe Maria noch geboren, ehe Maria noch gestorben war, durch Vorbilder auf sie hinwies, das stellten wirkliche Bilder nach dem glückseligen Hinscheiden Mariens dar und diese Bilderverehrung ist von der heiligen Kirche durch verschiedene Konzilsbeschlüsse gutgeheißen und gebilligt worden. Wie jetzt Tausende von Christen jährlich zu den Gnadenbildern von Loretto, Einsiedeln, Altötting und Mariazell pilgern, so hat gewiss noch jeder fromme Christ ein Bild der Muttergottes in seinem Haus oder trägt eines auf einer Medaille an seiner Brust. Durch öfteres Gebet vor demselben, durch stets wiederholtes Anschauen, durch beständig erneuerte Betrachtung desselben drückt er die schönen Züge der Himmelskönigin so tief in seine Seele, so lebendig in sein Gedächtnis, dass Mariens Bild stets vor seinem Innern schwebt und ihn überallhin begleitet und er in Wahrheit sagen kann: Maria, mein Bild! – Auf diese Weise kam der heilige Leonhard von Portu Maurizio so weit, dass er oft auf der Kanzel sagte: Wenn ich bedenke, wie viele und große Gnaden ich von Maria empfangen habe, so oft ich vor ihrem Bild betend kniete, so komme ich mir selbst nicht anders vor als eine Kirche mit einem Gnadenbild der seligsten Jungfrau, wo die Mauern überall mit Gelübdetafeln überdeckt sind und wo man nichts anderes liest, als: Wegen einer von Maria erhaltenen Gnade. So scheint es mir, eben diese Worte seien überall an mir zu lesen. – Als die gottselige Maria Viktoria von Sarntheim im Jahr 1722 krank im Bett lag und vor Schmerzen kein Glied rühren konnte, wurde ihr aus weiter Ferne ein schönes Muttergottesbild zugesendet, dem sie bereits im Innern des Klosters eine kleine Kapelle erbaut hatte. Die Klosterfrauen erschienen an der Pforte, das Bild zu übernehmen, in festlichem Schmuck und brennende Kerzen in der Hand. Sie stimmten nach Übernahme des Bildes das herrliche Lied an: Sei gegrüßt du Stern des Meeres! – Der Schall davon drang auch zur kranken Maria Viktoria, sie berührend mit Himmelskraft. Sogleich sprang sie leicht aus ihrem Bett. Auf den Knien rutschte sie dem Bild entgegen, einstimmend in das Jubellied, ganz überströmend von der Andachtsglut und begrüßte die Königin des Himmels in ihrem Bild. Alsdann legte sie sich wieder geduldig auf ihr Schmerzenslager. So sollen auch wir, liebe Christen, in Freuden und Schmerzen, in Wohl und Weh unsere Zuflucht zum Bild Mariens nehmen und es geistigerweise in unserem Herzen tragen, wie es in Wirklichkeit der große Johannes Sobiesky auf allen seinen Feldzügen mit sich hatte und König Ludwig I. im Jahr 1363 in der Schlacht gegen die Ungläubigen bei sich trug.

 

Als einst die Mutter Carl VIII., Königs von Frankreich, mit dem Beinamen: der Schöne, ihren Sohn wegen seiner hübschen Leibesgestalt lobte, antwortete er mit kindlichem Dank: Ich bin ja dein Bild, o Mutter! – Liebe Christen, o dass auch wir zu Maria in Wahrheit sagen könnten: Wir sind dein Bild, unser Lebenswandel ist der Abglanz deines Lebens und unsere Tugenden sind der Widerschein deiner Tugenden! So lange wir nicht streben, nicht bloß vor deinem Bild betend zu knien, sondern auch dein Tugendbild nachzuahmen, es auszuprägen in unserem Leben, kannst du uns unmöglich ganz und vollkommen lieben! – Von dem seligen Bettler Benedikt Labre erzählt seine Lebensgeschichte: Er zeigte nicht bloß seine innige Liebe zur allerseligsten Jungfrau durch seine inbrünstige Andacht vor ihren Bildern und durch seine vielen Wallfahrten zu ihren Gnadenorten, sondern ganz besonders durch Nachahmung ihrer schönen Tugenden. Dies war ihm die Hauptsache und sollte es für jeden Diener Mariens sein. – Sein untadeliges Leben, seine engelgleiche Reinheit, die Betrachtung der Welt und seiner selbst, seine Geduld und Sanftmut und die anderen Tugenden, wodurch er sich auszeichnete, hatte er sich von Maria, seiner lieben Mutter abgelernt. – Er versuchte, so viel es ihm möglich war, ein lebendiges Abbild der Tugenden Mariens zu sein und die Worte des heiligen Hieronymus zu erfüllen: Mein Lieber, ehre Maria aus Liebe, die du zu ihr hast, aber dann zeigst du wahrhaft deine Liebe, wenn du die, die du liebst, nachzuahmen versuchst.

Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Italien auf einem Schloss eine adelige Familie mit zwei Kindern. Die Eltern starben früh und die beiden Waisen kamen unter die Vormundschaft eines Onkels. Der war ein gottloser Mann, der das Verderben der Kleinen beschloss, um sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Die Kinder gingen täglich vom Schloss aus in eine benachbarte Kirche zur heiligen Messe und mussten auf diesem Weg an furchtbaren Felsenschluchten vorüber. Dahinab wollte sie der Bösewicht stürzen und lauerte ihnen deshalb auf. Die sterbende Mutter hatte aber den Kindern ein Kästchen übergeben mit dem Auftrag, es nicht eher zu öffnen, als bis sie einmal eine große Angst empfänden. Dieses Gefühl aber beschlich sie auf diesem Weg so stark, dass es sich bis zum Entsetzen steigerte und in dieser Not öffneten die Kinder das Kästchen, das sie stets bei sich trugen. Es war das Bild ihrer Mutter darin, mit einem Kranz von Brillanten eingefasst. Die Strahlen der eben aufgehenden Sonne fielen auf die Edelsteine, dass sie im wunderbaren Glanz schimmerten und funkelten. Dieses rätselhafte Licht aber, das von den Kindern ausstrahlte, erschreckte den Bösewicht hinter dem Baum so sehr, dass er ganz außer sich geriet und in wilder Verzweiflung sich eben dahinab stürzte, wohin er die Kinder dem Tod überliefern wollte. Die beiden Waisen aber waren gerettet. – Seht ihr die Kraft des Mutterbildes! – Darum verehrt es mit inniger Andacht, darum bildet es nach in eurem Leben, darum ruft recht oft von Herzen: Maria, mein Bild! Dann werdet ihr sie einst nicht mehr im Bild, sondern von Angesicht zu Angesicht schauen im Himmel. Amen.

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7. Maiandacht - Maria, meine Waffe

 

Im Jahr 1212 besiegte Alphons IX., mit dem Beinamen der Adelige, der bis dahin in seinem Wappen nur die Türme von Kastilien und den Löwen von Lyon trug, die Feinde in einer großen Schlacht. Diesen Sieg schrieb man in ganz Spanien dem Schutz der heiligen Jungfrau zu. Schon flohen die Spanier, der Halbmond hatte die Oberhand - - da wird die Fahne mit dem Bild der schmerzhaften Muttergottes entfaltet und der Tag gehört den Christen. Du warst meine Waffe, o Maria, rief der siegreiche Held, darum gehöre auch dir mein ganzer Dank!

 

So sollen auch wir, liebe Christen, sprechen und wir müssen es, wenn wir unsere Erfahrung befragen, die uns belehrt, dass wir so oft durch die Fürbitte Mariens, durch ein Gebet zu ihr, durch die Anrufung ihres Namens über unsere Feinde gesiegt haben. Maria, dein Name ist meine Waffe, ruft der heilige Alphonsus, und der heilige Petrus Chrysologus sagt: Maria ist eine Waffe, mit der wir immer siegen.

 

Welch ein Mut soll uns daher begeistern, liebe Christen, und wie furchtlos sollen wir den Weg der Tugend gehen, da wir in Maria, der allerseligsten Jungfrau, eine alles besiegende Waffe haben, in Maria, die deshalb die heilige Kirche als die Helferin der Christenheit verehrt! Auch von der Himmelskönigin können wir getrost sagen, wie von ihrem göttlichen Sohn: Wenn Maria für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? – Aus diesem Grund sagt auch der heilige Germanus: Wer, o Mutter der Barmherzigkeit, trägt wohl nach deinem Sohn größere Sorge für unser Wohl, als du! – Wer verteidigt uns wohl in den Widerwärtigkeiten dieses Lebens gleichwie du? Wer schützt die Sünder, wer kämpft so zu sagen für sie gleichwie du? Dein Beistand ist kräftiger und siegreicher, als jede irdische Waffe!

 

Ja, Maria ist meine Waffe und zwar im Krieg und im Frieden!

 

Nicht umsonst sagt Hiob: Des Menschen Leben ist ein Kampf auf Erden, ein Kriegsdienst, denn jeder von uns weiß es nur zu gut, dass das Himmelreich Gewalt leidet und nur die Gewalt brauchen, es an sich reißen. Wir haben verschiedene Feinde, die uns unaufhörlich bekriegen und niemals in Frieden lassen. In uns selbst ruht ein feindseliger Stoff, der als Folge der Erbsünde auch nach der heiligen Taufe noch in uns zurückgeblieben ist, ein gewisser Hang zum Bösen, der immer gegen das Gute ankämpft, so dass selbst der Apostel sagte, obwohl ich ein anderes Gesetz in mir fühle, so treibt es mich dennoch immer wieder an, das Böse zu tun. – Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens stehen immer in geordneter Schlachtreihe gegen uns und sind jeden Augenblick bereit, uns anzugreifen und zum Fall zu bringen. – Böse Menschen peinigen uns durch Verfolgungen und Verleumdungen aller Art und treten aus Zulassung Gottes wahrhaft feindlich gegen uns auf. – Auch haben wir es nicht bloß mit den Menschen zu tun, sondern nach des Apostels Wort mit den unsichtbaren Geistern der Lüfte. Endlich erhebt sich der Herr gleichsam wie ein Feind gegen uns und stellt uns auf die Probe durch vielfache Prüfungen und schwere Heimsuchungen, damit es offenbar werde, wie es in der Heiligen Schrift heißt, ob wir ihn lieben oder nicht.

 

Mitten in diesem heißen und schweren Kampf, rings von inneren und äußeren Feinden umgeben, von Versuchungen aller Art umdroht, in diesem immerwährenden Streit auf Leben und Tod steht der Christ während seines ganzen Lebens bis hin zu jenem Augenblick, wo man über seiner Leiche betet: Herr, gib ihm die ewige Ruhe! Er steht jedoch nicht wehrlos, hilflos, nicht ohne Waffe da! – Jene ist seine Waffe, deren Name den schwachen Willen stärkt, die Bosheit böser Menschen vernichtet und den Teufel vertreibt; jene, deren Kraft alle Versuchungen zerstreut, alle Geister der Lüfte verjagt und alle Heimsuchungen gottergeben ertragen lässt; jene, von der es im Hohenlied heißt: Wer ist die, die wie die aufsteigende Morgenröte hervorkommt, schön wie der Mond, auserkoren wie die Sonne, und furchtbarer wie ein geordnetes Heerlager, wie ein in Schlachtreihe aufgestelltes Heer? – Maria! – Darum ruft auch der heilige Epiphanius: Wenn die Hölle Maria in deinem Herzen sieht und ihren Namen von deinen Lippen hört, so schließt sie ihren Flammenabgrund und alle Teufel, die sie zu deinem Verderben absendete, kehren beschämt zurück. – Darum ermahnt uns ein großer Verehrer Mariens, P. Segneri, indem er die Worte des Apostels erklärt: Kämpfe wie ein guter Soldat Jesu Christi: Ein solcher trägt keine andere Waffe als die Andacht zu Maria, ein solcher führt kein anderes Schwert, als das Ave Maria, weil er sich nur dann einen Soldaten Jesu Christi nennen kann, wenn er dessen Mutter hochverehrt und liebt. Sein Helm ist der Name Maria, sein Panzer ist die Liebe Mariens, sein Schild ist die Fürbitte Mariens; so bewaffnet wird er jeden Feind besiegen und in keinem Streit unterliegen und am Ende seines Lebens mit seligem Bewusstsein sagen können: Ich habe einen guten Kampf gekämpft, darum ist mir hinterlegt die Krone der Gerechtigkeit.

 

Willst du den Frieden, so rüste dich zum Krieg, heißt ein sehr kluger Lebensgrundsatz, der beweist, dass man, um Ruhe zu genießen, nicht die Waffen ablegen darf, sondern immer gerüstet dastehen muss. Dann nur erhält man den Feind stets in gehöriger Achtung und er wagt keinen Angriff. Dies gilt auch auf dem Gebiet des geistigen Lebens; denn die Seele wäre verloren, die erst dann die Waffen suchen und ergreifen wollte, wenn der Feind sie überfällt. Auch zur Zeit des Friedens, auch zur Zeit, wo die Leidenschaften ruhen, die Versuchungen schweigen und der Teufel sich zurückzieht, darf man die Waffen nicht aus den Händen legen. Denn immer bleibt es wahr, wie es in der Heiligen Schrift heißt: Mein Sohn, willst du Gott lieben, so mache deine Seele auf Versuchungen gefasst und gerade je ruhiger es vorher ist, desto heftiger und heißer wird der Kampf, wenn er losbricht.

 

Als der tapfere Kriegsheld Sigwart, Herog von Northumberland, im Jahr 1505 in eine schwere Krankheit fiel, hielt er es mit seinem so oft bewiesenen Mut nicht für verträglich, den herannahenden Tod im weichen Bett zu erwarten; er wollte mit den Waffen in der Hand sterben. Er ließ sich demnach im Vorgefühl seiner letzten Stunde von seinen Leuten mit all den Waffenstücken ausrüsten, welche er sonst in der Schlacht zu tragen gewohnt war, setzte sich in einen Lehnstuhl, zog sein Schwert – und gab seinen Geist auf.

 

So soll ein jeder Christ den Feind, der seiner Seele den Tod bringen will, kampfgerüstet erwarten; auch er soll zur Zeit des Friedens und der Ruhe nicht im weichen Bett des Leichtsinns, der Trägheit und Lauigkeit liegen bleiben, sondern im beständigen Vorgefühl, dass der Feind umso heftiger angreift, die Versuchungen umso heißer und die Kämpfe umso schwieriger werden, je länger die Seele zuvor unversucht blieb, sich im Kampf üben, für den Angriff gerüstet halten und die Waffen nicht aus den Händen lassen.

 

Wie der Todesengel an jenen Häusern vorüberging, deren Türen mit dem Blut des Lammes bezeichnet waren, so wird auch der böse Feind jene Herzen verschonen, in denen er die Liebe zur Mutter des göttlichen Lammes erblickt. Maria ist die Waffe, die den Feind besiegt, der wirklich angreift; Maria ist die Waffe, die den Feind abhält und zurückschreckt, der angreifen will. Ehre deine Mutter alle Tage deines Lebens, heißt es in der Heiligen Schrift, also auch an jenen Tagen, in denen du in keiner Versuchung und Not, in keiner Prüfung und Heimsuchung bist und ihrer besonderen Hilfe nicht bedarfst, auch in den Tagen der Gewissensruhe und des Herzensfriedens. Warum? – Weil du gerade da deinen Glauben an die allmächtige Fürbitte Mariens befestigen, deine zuversichtliche Hoffnung, dein unerschütterliches Vertrauen auf sie bestärken musst durch fleißiges Gebet, durch Besuch ihrer Kirchen und Wallfahrtsorte, durch Lesen ihrer wunderbaren Gnadenwirkungen, durch Einschreiben in ihre Bruderschaften, durch Tragen ihrer geweihten Medaillen, durch besondere Feiern und Feste. So wird dein Herz durch Maria im Frieden bewaffnet sein, wie es im Krieg durch sie immerdar siegt, denn niemand grüßt sie umsonst und vergebens: Maria, meine Waffe!

 

Im Jahr 1388 drang eine Armee von Brabantern in das Herzogtum Geldern und verheerte dort alles mit Feuer und Schwert. Der Herzog hatte weder Leute noch Geld, den Feind zurückzutreiben. Seine Räte waren der Meinung, er solle sich in eine seiner Festungen einschließen. Unwillig verwarf er dieses feige Ansinnen. Nicht in Stadt noch Schloss will ich mich einschließen und mein Land brennen lassen, sagte er; lieber sterbe ich auf dem Feld. Nach dieser ritterlichen Antwort wappnete sich der junge Herzog zum Kampf. Bevor er aber Nymwegen verlässt, betet er noch andächtig vor dem Bild der heiligen Jungfrau, zu der er großes Vertrauen hat und lässt seine und seiner Ritter Waffen von ihr segnen. Nach geendigtem Gebet besteigt er sein Ross, um mit viertausend Lanzen einem Heer von viertausend Mann entgegen zu gehen. Im Angesicht des Feindes suchen die Räte des flämischen Fürsten, erschrocken über das Missverhältnis der Zahl, noch immer ihn vom Kampf zurückzuhalten. Aber der Herzog, die Hand aufs Herz gelegt, spricht: Hier sagt mir etwas, dass der Tag mein ist. Auf denn, lasst mein Banner wehen und wer Ritter sein will, trete vor: ich mache ihn dazu zur Ehre Gottes und Unserer Lieben Frau. Ihr überlasse und übertrage ich meine Sache. Sie ist meine Waffe! Vorwärts, vorwärts! –

 

Und der tapfere, junge Herzog sprengte in den Feind mit dem Ruf: Unsere Liebe Frau! Geldern! – Die Brabanter, aufs Haupt geschlagen, verloren siebzehn Fahnen, „Ihr könnt sie finden, sagt Froissard, vor dem Bild Mariens von Nymwegen, damit es zum ewigen Gedächtnis sei.“ Nach der Schlacht sagte der Herzog: „Ich habe heute vor dem Kampf Unserer Lieben Frau von Nymwegen gelobt, dass unsere erste Sorge sein soll der Dank, den wir ihr für den Sieg schuldig sind“, und er sprengte mit seinen Rittern fort, um der Mutter Gottes seinen Dank abzustatten und seine schartigen Waffen und die zerbrochene Rüstung in ihrer Kapelle aufzuhängen. Amen.

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8. Maiandacht - Maria, mein Lied

 

Dante, jener größte aller italienischen Dichter, schloss seine herrliche Kanzone an die heilige Jungfrau mit den Worten: Geendet bist du nun, mein Lied, und jene, die dich singen, die dich lesen, und jene, die dich hören, sollen dich mit mir preisen, o Himmelskönigin! Geschlossen ist mein Lied, doch nicht für mich, immer und immer klingst du wieder in meiner Seele, in nie erlöschenden Tönen dem Ohr meines Herzens vernehmbar: Maria, mein Lied!

 

Wie hier der fromme Dichter begeistert von Maria gesungen hat, so soll eine jede christliche Seele sie oft mit dem schönen Titel begrüßen: Maria, mein Lied! – Dein Name, Maria, ruft der heilige Antonius von Padua aus, ist Honig im Mund und Wohlklang im Ohr! Und der heilige Bonaventura sagt: Es gibt keine Harmonie so rein, keinen Gesang so schön, keinen Wohllaut so süß, als Maria!

 

Folgen wir, liebe Christen, den Heiligen nach; all ihr Tun und Handeln ist uns ein Muster und Vorbild, weil es immer fromm und tugendhaft war. Wir wissen aber von den Heiligen, dass sie oft und gerne Loblieder zu Ehren Mariens gesungen haben, z.B. der heilige Alphons, der heilige Vinzenz von Paul. Der heilige Franz von Solan sang oft mit größter Herzensfreude das Lob der Gottesmutter; der gottselige Jakob von Guzmann pflegte auf seinen Reisen immer Lieder zu Ehren der heiligen Jungfrau zu singen. Doch, liebe Christen, wir sollen nicht bloß nach dem Beispiel der Heiligen marianische Lieder singen, auch uns soll, gleichwie ihnen, Maria der Inhalt und Gegenstand jeden Liedes sein, die Liebe und Andacht zu ihr soll in uns wirken wie ein Lied, das gut macht, denn es heißt mit Recht: Wo man singt, da lass dich freudig nieder, böse Menschen haben keine Lieder; wie ein Lied, das beruhigt und erhebt, das der Seele zur Sprache ihrer Freude, ihrer Reue und ihrer Andacht dient. Darum soll Maria unser Lied sein zum Harfenspiel und Orgelklang.

 

David spielte die Harfe und sang in seiner Jugend dazu Lieder, die die Schwermut des Königs Saul vertrieben, und in seinem Alter solche, die seine Seele zur Reue und Buße bewegten. Hier ist die zweifache Wirkung des Liedes. Es verscheucht die Sorgen, zerstreut den Kummer, beruhigt und besänftigt das Herz. Wenn das einfache Lied solch eine Kraft besitzt, um wie viel mehr, wenn Maria der Gegenstand desselben ist, wenn Maria selbst unser Lied ist! – Wirst du genannt, kehrt die Freude wieder, sagt der heilige Antonin, und erklingt dein süßer Name, fliehet jeder Schmerz. Nennt nicht die heilige Kirche Maria die Ursache unserer Freude und die Morgenröte, die nach Nacht und Nebel den sonnigen Tag uns verkündet?

 

War der heilige Franziskus Solanus betrübt und von Versuchungen und Kämpfen niedergebeugt, pflegte er ein gewisses Lied zu Ehren der heiligen Jungfrau zu singen und alsbald kehrte Herzensfreude und Seelenfrieden in seine Brust zurück und zwar in solchem Maß, dass er aufjubelte und jauchzte und alle, die ihn hörten und sahen, zur Begeisterung hinriss. Maria belohnte ihn aber nicht nur auf diese Weise, sondern sie schickte ihm vor seinem Tod einige Vögel, die vor seinem Fenster bis zu seinem letzten Augenblick in solch wunderbarer Weise sangen, dass alle Anwesenden bis zu Tränen gerührt wurden.

 

Tief war David gefallen; doch so groß seine Sünde war, ebenso groß war seine Reue. Zur Harfe sang er jene Psalmen, die der Ausdruck eines gedemütigten und zerknirschten Herzens waren, jener Lieder, die wahr und deutlich den bußfertigen Sünder bewiesen. Auch wir, liebe Christen, haben gesündigt oft und schwer; stimmen wir unsere Seele zur Reue und Buße durch Maria. Sie, der Quell der Tränen, wird auch unsere Tränenquelle öffnen; sie, die Zuflucht aller Sünder, wird auch uns den Weg der Buße führen; sie, die von Gott uns die Gnade der Bekehrung erfleht hat, wird uns auch jenen Reueschmerz und Bußgeist erbitten, der sich wie ein roter Faden in einem weißen Linnengewebe hindurchzieht alle Tage unseres Lebens bis hin zum Tod. – Der gottselige Joseph Anchieta aus der Gesellschaft Jesu wurde als Missionar nach Brasilien gesendet, wo er 47 Jahre unermüdet unter den Ureinwohnern arbeitete. Diese taten ihm nie etwas zu Leide. Während er bei ihnen war, gelobte er seiner allerliebsten Mutter Maria ein Lobgedicht zu machen. Er hatte dazu weder Papier, noch Tinte und Feder. Er prägte daher das Gedicht seinem Gedächtnis ein, in dem er das ganze Leben der gebenedeiten Jungfrau und alle ihre Geheimnisse in den schönsten lateinischen Versen besang. Maria belohnte ihn deshalb, indem sie ihn vor den vielen Angriffen bewahrte. Als er aus Brasilien zurückkehrte, schrieb er sein Gedicht nieder, das aus 2086 Versen bestand und weihte es der Gottesmutter.

 

Ist Maria auch unser Lied, liebe Christen, bildet die Liebe zu ihr und die Nachfolge ihrer Tugenden die Harmonie unseres Lebenswandels, die kein Misston einer Sünde stört, dann wird sie auch uns auf dem Weg der Rückkehr zu Gott, der Reue und Buße vor den wilden Leidenschaften beschützen und bewahren, dass sie unsere Seele nicht mehr zu Fall bringen und töten.

 

Die Orgel ist ein kirchliches Instrument, das schon im Alten Bund erwähnt wird und seit den ältesten Zeiten des Christentums in allen Kirchen im Gebrauch ist. Zu den Tönen der Orgel werden dem Allerhöchsten und seinen Heiligen Lieder des Lobes und Preises gesungen; durch ihre Klänge wird der Gottesdienst verherrlicht und ihre Harmonien erheben beim Opfer der heiligen Messe die Seele auf den Flügeln der Andacht zu Gott empor und rufen in dem Herzen das Heimweh nach dem ewigen Vaterland, dem Himmel, wach. Von der Orgel begleitet wird das Lied zum Lied der Sehnsucht und zum Lied des Preises; da aber Maria all unsere Sehnsucht stillt und des höchsten Preises würdig ist, so soll sie unser Lied sein und der Wunsch des heiligen Philipp Neri für uns Befehl: Ich wünsche, dass, wenn du singst, du nur von Maria singst.

 

Als das Schiff, auf dem der heilige Vinzenz von Paul nach Marseille fahren wollte, von Seeräubern angefallen wurde, wurde er als Sklave nach Tunis verkauft. Er kam auf das Landgut eines Renegaten, wo er unter sehr harter Behandlung das Feld bebauen musste. Der Heilige gedenkend seiner eigenen Verbannung sang oft jenes rührende Lied, das König David den in der babylonischen Gefangenschaft weilenden Juden in den Mund gelegt hatte: An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, da wir an Sion gedachten; wir hatten die Harfen an die Weiden gehängt, und bei dem Vers: Wie könnten wir singen im fremden Land? warf Vinzenz einen sehnsüchtigen Blick nach Frankreich hin und konnte sich der Tränen nicht erwehren. Doch diesem Lied fügte er sogleich das der heiligen Kirche bei: Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, zu dir schreien wir verbannte Kinder Evas, - und als Maria sein Lied wurde, versiegten die Tränen, verstummte der Schmerz und Ruhe kehrte wieder zurück in seine Seele. Aber nicht bloß auf diese Weise stillte Maria seine Sehnsucht; die türkische Frau des Renegaten, gerührt von den Liedern des Heiligen, machte ihrem Mann Vorwürfe, dass er eine so herrliche Religion verlassen habe, und er ging in sich, schwor aufs Neue seinem Gott Treue und entfloh mit Vinzenz aus Tunis. Bald hatten sie Frankreichs schöne Ufer erreicht und Maria hatte wirklich die Sehnsucht des Heiligen gestillt.

 

Welch ein Antrieb für uns Christen, Maria oft und oft im Lied zu bitten und sie im Salve Regina anzurufen, dass sie, wenn wir uns so recht verlassen fühlen auf dieser Erde, wenn wir recht bitter empfinden die Verbannung in diesem Tränental, wenn die Sehnsucht nach dem Himmel, das Verlangen nach der ewigen Heimat, recht lebendig in uns erwacht, unsere Sehnsucht stillen und uns sicher und gewiss zu ihrem göttlichen Sohn in die ewige Seligkeit bringen möge!

 

Die Orgel ist ganz geeignet, das Lied des Lobes und Preises zu begleiten. Wer aber verdient nach Gott mehr geehrt und verherrlicht zu werden, als diejenige, die von sich selbst singen konnte: Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter! als diejenige, von der der heilige Anselmus sagt: Auch das größte Lob ist zu schwach, um Maria genügend zu preisen? – Je mehr die Seele durchdrungen ist von der Größe und Majestät der heiligen Jungfrau, von dem Reichtum ihrer Gnaden und dem Schatz ihrer Mutterliebe, desto mehr fühlt sie sich angetrieben zu ihrem Lob und Preis, zu singen mit dem seligen Heinrich Suso: In Ewigkeit will ich die Erbarmungen Mariens besingen, zu sagen mit dem Bernhardin von Siena: Unser ganzes Leben soll ein hohes Lied der Lobpreisung auf Maria sein! – Um sie nach dem Verlangen seines Herzens loben und preisen zu können, verfasste der heilige Anselmus zu ihrer Ehre Lobgesänge für alle Stunden des Tages und der Nacht, denn er wollte, dass zu jeder Zeit Lieder des Dankes und Preises zum Thron der Himmelskönigin emporstiegen. – Die fromme Frau des französischen Generals Bergé hatte ihm empfohlen, durch ein besonderes Gelübde um die Fürbitte der Mutter Christi zu flehen. Er machte ein solches unmittelbar vor der Erstürmung des grünen Hügels vor Sebastopol, zu welcher Zeit er gerade jenen Brief seiner Frau erhalten hatte. Nachdem er diesen mörderischen Sturm glücklich ohne irgend eine Verwundung überstanden hatte, löste er seine Gelübde – das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens laut und öffentlich anzuerkennen, - durch ein herrliches Sonett, dessen letzte Worte heißen:

 

So lass mich jetzt, was ich gelobt, erfüllen,

Als mitten in dem Schlachtgewühl ich stund:

Dass sündlos du, nach Gottes heilgem Willen,

Empfangen bist, bekennt mein Herz, mein Mund!

 

Ja, du hast mich beschützt im heißen Kampfe,

Dass stark mein Mut blieb und dabei besonnen

Im Kugelregen und im Pulverdampfe.

 

Dir dank ich diesen Sieg, den wir gewonnen;

Drum sei des Sieges Ruhm auch dir geweiht,

Marias Name sei gebenedeit!

Amen.

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9. Maiandacht - Maria, mein Anker

 

Havanna, eine der größten und reichsten Handelsstädte der Welt, ist die Hauptstadt von Kuba, der größten unter den westindischen Inseln, die im Golf von Mexiko liegen. Diese Insel wird auch die Perle der Antillen genannt, weil der Reichtum an kostbaren Produkten aller Art, den sie hervorbringt, alles übertrifft, was man in jenen Gegenden bewundert. Was aber die Insel und die Stadt Havanna den Reisenden mehr wert macht, als eine Perle, ist das Gnadenbild der lieben Frau, das sich auf der Festung der Stadt, dem sogenannten Moro befindet, der den Seehafen von Havanna beherrscht.

 

So oft ein Schiff von diesem Hafen ausfuhr, die weite Reise über das Weltmeer nach Europa zu machen, wurde oben auf der Höhe der Burg von den Festungsbewohnern mit dem hochverehrten Muttergottesbild eine Prozession um die Mauern gehalten, um eine glückliche Seefahrt zu erflehen. Zugleich zeigte man denen im Schiff unten das Gnadenbild herab, damit auch sie ihre Gebete und Gelöbnisse mit denen oben vereinigen konnten.

 

Wenn der heilige Augustin mit Recht sagt, dass dieses Leben nichts anderes sei, als ein beständig stürmisch, aufgeregtes Meer, auf dem wir uns zu Schiffe befinden, keinen Augenblick sicher, von den Wogen verschlungen zu werden, wohin sollen wir hilfesuchend uns wenden, wohin vertrauensvoll blicken? – Wohin anders, liebe Christen, als auf Maria, die nach Jesus unsere einzige Hilfe ist, als auf Maria, die der heilige Andreas von Kreta: Einen festen, unerschütterlichen Anker nennt, und die wir deshalb heute und immer freudig begrüßen: Maria, mein Anker!

 

Ja, die heilige Jungfrau ist mein Anker und zwar: in den Stürmen der Zeit und im Hafen der Ewigkeit!

 

Lieber Christ, du magst betreten das Heiligtum von Roc-Amadour, in dem Mariens Hand eine Glocke ohne Seil bewegt, wenn die Schiffe auf dem Ozean von den Stürmen Not leiden; du magst besuchen die Muttergottes von Lampadusa, die wie ein Leuchtturm auf einer wüsten Insel zwischen Malta und Afrika wohnt und deren Lampe abwechselnd von Christen und Muslimen unterhalten wird und unausgesetzt Jahrhunderte lang fortbrannte; du magst beten vor der Muttergottes von Monte Nero, die Livorno beherrscht und deren von unzählbaren Pilgern besuchte Kirche die Gestade des tuscischen Meeres weit überragt; du magst niederknien vor der Muttergottes von Lavasina in Korsika, die im Angesicht der blauen Gewässer des mittelländischen Meeres ihren Pilgern und den Schiffen, deren Segel sich fern am Horizont blähen, den Duft ihrer Orangenwälder zuführt, gleich einer lieblichen Offenbarung ihrer Nähe; du magst wallfahren zur Muttergottes von der Hut, deren auf der Spitze eines steilen Felsens im 13. Jahrhundert erbaute Kapelle die letzten Gedanken und den letzten Blick des von der Heimat scheidenden provenzalischen Seemannes empfängt; allüberall, in all diesen Gnadenorten und Kapellen wirst du Anker aufbewahrt finden, als Zeichen dankbarer Liebe für die Hilfe Mariens in Meeresstürmen.

 

Wie aber Maria denen so oft geholfen, die sie im Sturm der entfesselten Elemente angerufen haben, so ist sie uns auch in allen jenen Stürmen ein mächtiger Anker, der unser Lebensschifflein nicht untergehen lässt, welche der böse Feind, böse Menschen und unsere eigene böse Lust gegen uns erregen. Wenn der Himmel düster wird und immer dunkler, wenn das Meer unruhig zu werden anfängt, die Seevögel kreischend über das Schiff flattern, der Wind fürchterlich tobt, dass der Mastbaum kracht, wenn die Wogen immer höher und höher steigen und der rasende Orkan schäumend und zischend die Wellen peitscht, wenn das Schiff in Blitzesschnelle turmhoch hinaufgeschleudert wird, um im nächsten Augenblick in einen ebenso tiefen und grausigen Abgrund hinabgetrieben zu werden, - im Sturm, da wirft man den Anker aus, aber, wenn Gott nicht ein Wunder wirkt, meistens vergebens und umsonst; er fasst nicht mehr oder wird, kaum er den Grund durchbohrt, wieder losgerissen von der Gewalt des Orkans.

 

Doch unser Anker, Maria, täuscht uns nie, er hält uns immer fest und lässt uns nicht untersinken. Rufe Maria an, sagt der heilige Ephräm, und du wirst nie untergehen! – Nimm deine Zuflucht zu Maria, ermahnt uns der heilige Joseph Calasanz, wenn die Stürme der Leidenschaften dich umtoben, wenn boshafte Menschen oder dein ärgster Seelenfeind, der Teufel, gegen dich anstürmen; sie wird dich retten, weil sie der Schlange den Kopf zertreten hat, weil sie die Mutter desjenigen ist, der dem Wind und den Wellen gebietet! – Als der allmächtige Gott die sündhafte Welt durch die Sündflut vertilgte, als er die Schleusen des Himmels öffnete und in Strömen der Regen niederfiel, so dass die ganze Erde zum Meer ohne Ufer und Grenzen wurde, da blieben allein die gerettet, die sich in die Arche geflüchtet, die ein Sinnbild Mariens ist. – Noch immer aber, liebe Christen, ist ihr Mutterherz unser Rettungsschiff, noch immer ist ihre Mutterhand der Anker, der uns aufrecht hält in den Stürmen der Zeit und uns sicher und glücklich geleitet bis zum Hafen der Ewigkeit.

Kommt man dem Land nahe, das man erreichen will und das man vielleicht schon lange und heiß ersehnt hat, so wirft man einen Anker aus, um das Schiff festzuhalten oder man befestigt es an einem schon auf dem Grund liegenden Anker.

 

Ist die Lebensreise vorüber, das stürmische Meer dieser Welt glücklich überschifft, ist die Meerenge zwischen Diesseits und Jenseits durchfahren und der Hafen der Ewigkeit erreicht, welchen Anker, liebe Christen, bedarf wohl dann die Seele, um sich festzuhalten an den Ufern der seligen Heimat, am Bord der himmlischen Ewigkeit?

 

Keinen anderen, als Maria! Durch ihre Hilfe, durch ihre mächtige Fürbitte bei Gott werden wir sicher in das Paradies gelangen. Der Kardinal Hugo sagt: Durch Mariens Fürbitte sind viele Heilige im Paradies, die ohne sie nicht darin sein würden, und der heilige Antonin tut den Ausspruch: So wie es unmöglich ist, dass jene selig werden, von denen Maria den Blick ihrer Barmherzigkeit abwendet, so ist es gewiss, dass die, welche Maria liebt und für sie fürbittet, die Rechtfertigung und die ewige Glorie erhalten werden. Ja, sie ritt hin vor den Richterstuhl Gottes und verteidigt die Seele, die verlassen und hilflos, eingedenk ihrer geistigen Armut, zitternd den Urteilsspruch aus dem Mund des Richters der Lebendigen und der Toten erwartet; sie spricht für sie und zählt das wenige Gute auf, das die Seele auf Erden ihr zu Liebe und zu ihrer Ehre getan und in ihrem Mund wird es vollgewichtig und zieht die Schale der Wage hinab, deren Inhalt sonst zu gering und leicht befunden worden wäre. Und der göttliche Heiland, der keine Bitte seiner Mutter abschlagen kann, wie der heilige Athanasius sagt, nimmt die Seele auf in die ewigen Freuden seines Himmels und zur vollen Wahrheit ist im Hafen der Ewigkeit geworden der Gruß, womit sie so oft und vertrauensvoll die heilige Jungfrau in den Stürmen der Zeit begrüßte: Maria, mein Anker!

 

Die Kaiserin Mathilde, eine Enkelin Wilhelm des Eroberers, sah sich während des Krieges, den sie für ihren Sohn Heinrich gegen Stephan von Blois führte, bei zweifelhaftem Wetter, das bald in einen Sturm überging, zur Überfahrt über den Kanal gezwungen. Die empörten Wogen brachen sich schäumend an der Küste; schwarz verhing den Horizont ein unermesslicher Wolkenvorhang und die Masten des Schiffes neigten sich wie Schilf, das der Nordwind durchfährt, auf die Wellen nieder. Die englischen Ritter, die damals gute Katholiken waren, empfahlen sich andächtig Gott und seinen Heiligen. Mathilde befand sich auf dem Verdeck und ihre festen, wenngleich blassen Züge, verleugneten das starke Geschlecht nicht, dem sie entsprossen. Habt gute Hoffnung, meine Freunde, sagte die Prinzessin zu den Matrosen, unsere liebe Frau ist gut und mächtig, sie, der festeste Anker im Sturm, wird uns retten. Steige einer von euch auf den Mastbaum und sobald er das Land entdeckt, will ich einen Lobgesang zur heiligen Jungfrau singen und ich gelobe, ihr am Gestade, wo wir landen, eine Kapelle zu erbauen.

 

Kaum hatte die Fürstin ihr Gelübde ausgesprochen, als die Wellen sich glätteten; der Wind sprang um und ein frischer Ost trieb das Schiff schnell den Küsten der Normandie zu. Plötzlich lässt die Stimme des Piloten von der Höhe des großen Mastes die sehnsuchtsvoll erwartenden Worte vernehmen: Singt, Frau Königin, hier ist Land! Und die Tochter Heinrichs I. stimmte in sanften, gehaltenen Tönen einen Lobgesang auf die heilige Jungfrau an, den die englischen Barone freudig mit gefalteten Händen und entblößtem Haupt wiederholten. – Bald warf das vor dem Schiffbruch wunderbar bewahrte Schiff in der kleinen Bucht von Equeurdreville in der Nieder-Normandie die Anker aus. Als die Fürstin ausgeschifft, war sie vor allen Dingen bedacht, die Stätte, wo ihre Kapelle sich erheben sollte, zu bezeichnen und ehe sie diese Ufer verließ, legte sie selbst den ersten Stein zu dem Gebäude.

 

So werden auch wir, liebe Christen, hier im Sturm nicht untergehen und dort im Hafen der ewigen Ruhe landen, wenn wir in unserem Herzen Maria eine Kapelle erbauen und darin oft mit zuversichtlicher Hoffnung und unerschütterlichem Vertrauen beten: Maria, mein Anker! Amen.

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10. Maiandacht - Maria, meine Zuflucht

 

Im Mittelalter, als Böhmen noch ein selbstständiger Staat war unter eigenen Landesfürsten, hat es in der Gerichtsverfassung drei Schutzorte oder Asyle gegeben, wo ein von der Justiz Verfolgter vollkommene Sicherheit seiner Person fand. Unter diesen war auch eine Zuflucht: die unmittelbare Nähe der Königin von Böhmen.

 

Wo aber, liebe Christen, findet die Seele Schutz, wenn sie durch eine schwere Sünde den Herrn gemordet? Welches Asyl gibt es für den Christen, der verfolgt von den Vorwürfen seines Gewissens umherirrt? Wo ist seine Zuflucht? Bei Maria; ihr Mutterherz, die Nähe der Königin des Himmels, sie ist sein Schutzort, sein Asyl, sie, die die heilige Kirche die Zuflucht aller Sünder nennt und die wir heute mit unendlichem Trost begrüßen: Maria, meine Zuflucht!

Dieser Gruß ist auch fest begründet und durch Vernunft, Glaube und Erfahrung in einer Weise bestätigt, dass kein Christ an der Wahrheit desselben zweifeln kann. Die allerseligste Jungfrau Maria ist unsere Zuflucht nach Gottes Willen, nach ihrem Willen.

 

Der heilige Bonaventura kann die Barmherzigkeit Gottes nicht genug anstaunen und bewundern, die sich auch vorzüglich dadurch den Menschen geoffenbart hat, dass der Herr seine heiligste Mutter bestimmte, die christliche Seele erbarmend und liebevoll aufzunehmen, die sich ihrer Sünden wegen zu ihm selbst nicht hinwagt, ihr die Rückkehr zu ihm leichter zu machen, ihr Mut zur Buße einzuflößen, wenn sie Mariens Mutterherz voll Huld und Liebe erblickt. – Darum übergab der göttliche Heiland vom Kreuz herab dem Johannes Maria zur Mutter und die ganze heilige Kirche glaubt, was Augustinus lehrt: Unter dem Kreuz vertrat der Lieblingsjünger die Stelle des ganzen Menschengeschlechtes und der Herr wies ihm Maria zur Mutter an mit den Worten: Sohn, sieh hier deine Mutter! Ihre Stellung als Mutter der Menschen, als Zuflucht der Sünder, ist also eine göttliche Bestimmung, ein himmlischer Beruf! Aus dem Grunde wird es auch klar, warum der Herr seiner heilige Mutter so viele Leiden zuließ und sie in ein solch tiefes Meer von Schmerzen versenkte. Sie musste die ganze Bitterkeit dieses Tränentales erfahren und alles Weh dieser Erde empfinden, um ihr Herz zu jenem nie versiegenden Born des Erbarmens und Mitleidens heranzubilden, als das wir es verehren und anrufen. Sie fühlt unsere Schmerzen umso tiefer, als sie selbst alle Schmerzen empfunden, die es gibt, den einzigen Schmerz über die eigene Sünde ausgenommen, da sie selbst nie eine solche begangen hat. Umso wahrer aber empfand sie deshalb den Schmerz über unsere Sünden und eben die Kenntnis dieses bittersten aller Leiden machte sie zur Zuflucht der Sünder.

 

Der Herr redete zu Mose in den Ebenen Moabs am Jordan, Jericho gegenüber: Gebiete den Söhnen Israels, dass sie sechs Städte eigens zur Zuflucht der Flüchtlinge bestimmen, dass dahin fliehe, wer Blut vergossen hat. Hat dies Gott im alten Bund befohlen, so bestimmte der göttliche Heiland im Neuen Testament die Kirchen und Kapellen Mariens zu solchen Stätten, ihr Mutterherz zur Zuflucht für die Sünder, die ihn durch ihre Vergehen gemordet haben. Daher ruft uns Albert der Große zu: Maria ist die Stadt der Zuflucht; wer deshalb dem Tode entgehen will, fliehe zu Maria! – Wer zu ihr sich flüchtet, ist sicher, sagt der heilige Ephräm, weil aus den Armen dieser Mutter ihn keiner reißt.

 

Gott bestimmte Maria zur Zuflucht, weil sie eine Mutter ist, weil das Herz einer Mutter immer etwas Anziehendes hat, etwas, das die Furcht mindert und den Schrecken nimmt, das Mut macht und das Vertrauen wach ruft, dem Herzen Reue und den Augen Tränen entlockt und am allermeisten zum aufrichtigen Geständnis bewegt. Daher kommt es auch, dass die Kinder, wenn sie etwas begangen haben oder wenn irgendetwas ihr Herz bedrängt, viel eher sich zur Mutter flüchten, als zum Vater. Der Herr, der das menschliche Herz erschuf, kennt es auch am besten; und deshalb bestimmte er auch Maria zu unserer Mutter und wies uns durch sein eigenes hochheiliges Wort, wie durch den Mund der Kirche und der Heiligen an sie an. Armer Flüchtling, flüchte dich wie die Kinder zum Schoß der Mutter, ermuntert uns der heilige Antonius von Padua, und der selige Heinrich Suso sagt: O Maria, Stadt der Zuflucht, deine Mauern sind undurchdringlich und unbezwingbar; selbst Gott schont den Sünder, den sie umschließen! – Der Ausspruch es heiligen Bernhard, den wir eben bewiesen, aber heißt: Maria ist unsere Zuflucht nach Gottes Willen.

 

Doch auch Maria will unsere Zuflucht sein, auch nach ihrem Willen ist es, wenn wir unsere Zuflucht zu ihr nehmen. Wie sie es gerne sah, dass die Hochzeitsleute in ihrer Verlegenheit zu ihr sich flüchteten, weil sie so schnell und bereitwillig es wagte, ihren göttlichen Sohn zu seinem ersten Wunder zu veranlassen, so ist es noch immer ihr Wille, dass die Christen zu ihr fliehen, wie sie es selbst der heiligen Brigitta geoffenbart: Meine Tochter, sage den Menschen, dass ich ihre Zuflucht sein will! – Sie bewies auch auf Erden schon auf rührende Weise diesen Willen, in dem sie der jungaufblühenden Kirche mütterlich sich annahm, den Aposteln und Jüngern in all ihren Anliegen und Kämpfen eine feste Stütze war; namentlich aber Johannes und Magdalena, diesen Vorbildern der Gerechten und der Sünder, der reinen und der bußfertigen Seelen, als eine wahre und sichere Zuflucht sich erwies. Wie oft wendete sich der Lieblingsjünger Jesu an die göttliche Mutter um Rat und Trost, und wie gerne eilte die heilige Büßerin zu Maria, um an ihrem Herzen die Tränen ihrer Reue und ihrer Sehnsucht nach Jesus und dem Himmel auszuweinen! – War daher Maria auf Erden schon die Zuflucht der Christen, um wie viel mehr jetzt im Himmel, im Land der vollkommenen Liebe, an der Seite ihres göttlichen Sohnes, der sie zu dieser erhabenen Stellung bestimmte und ihr diesen hochheiligen Beruf anwies! Ihr Wille war hienieden schon mit dem ihres göttlichen Sohnes aufs Innigste vereinigt, wie wird es erst dort oben ihr freudigster Wunsch sein, denselben zu erfüllen und denen, die hilfesuchend an sie sich wenden, eine Zuflucht zu sein! – Darum ruft uns der heilige Justinus zu: Kommt alle in diese Stadt der Zuflucht, die ihr von wem immer verfolgt werdet, hier seid ihr in Sicherheit! – Darum sagt die heilige Gertrudis: Wem es ernst ist mit der Besserung seines Lebens und mag er auch der verworfenste Sünder sein, er wird aufgenommen und nicht verstoßen, wenn er zu Maria flüchtet und sie um Hilfe bittet.

Der heilige Franz von Sales erzählt, dass zu seiner Zeit unter den Studenten zu Padua die böse Sitte herrschte, dass sie bei Nacht bewaffnet durch die Straßen zogen und die Vorübergehenden mit einem „Wer da“ anriefen. Wer ihnen nun nicht nach ihrem Sinne antwortete, der war ihren Angriffen ausgesetzt.

 

Ein Student, der über die Straße ging und diesen Zuruf unerwidert ließ, wurde getötet. Der Mörder flüchtete sich in das Haus einer Witwe, deren Sohn sein Mitschüler und sein Freund war und bat die Frau, der er seine böse Tat bekannte, auf das dringendste, dass sie ihn doch in irgend einen Winkel ihres Hauses verbergen möchte. Die mitleidige Witwe schloss ihn in ein entferntes Kabinett ein und erfuhr nicht lange danach den Tod ihres Sohnes. Nun bedurfte es keiner langen Nachforschung, um zu erfahren, wer der Mörder sei. Laut aufschluchzend ging sie zu ihm und sagte: Ach, was hat Ihnen mein armer Sohn getan, dass Sie ihn so grausam ermordeten! Als der aber hörte, es sei sein geliebter Freund, da brach er in heiße Tränen aus, zerraufte sich die Haare, zerschlug sich die Brust und rang die Hände laut jammernd und weinend. Und statt die unglückliche Mutter um Verzeihung zu bitten, warf er sich ihr zu Füßen und beschwor sie, ihn den Händen der Gerechtigkeit auszuliefern, damit er eine so große Schuld öffentlich büßen könne.

 

Die betrübte Mutter, die eine überaus christliche und mitleidige Frau war, wurde von dem Schmerz des jungen Mannes so tief ergriffen, dass sie sprach, wofern er Gott um Verzeihung bitten und sein Leben bessern wolle, so würde sie ihn frei entlassen, was sie auch auf sein Versprechen hin tat.

 

Liebe Christen, in dieser wahren Geschichte spiegelt sich wie in dem herrlichsten Bild der erhabene Beruf der Gottesmutter als Zuflucht der Sünder ab. Wer erkennt nicht in dieser Mutter Maria, deren einzigen, vielgeliebten Sohn der Christ so oft und oft durch schwere Sünden ans Kreuz schlägt und mordet? – Jede Todsünde ist nach des Apostels Wort eine neue Kreuzigung Jesu Christi, ein Gottesmord. Wenn nun aber der Sünder sein Elend erkennt und seine Missetaten bereut, wohin soll er als Mörder vor der Gerechtigkeit Gottes fliehen? – Zu Maria, die ihn wie jene Mutter liebend aufnehmen und obwohl er ihren einzigen Sohn getötet, der ihm nichts Böses getan, sondern nur alles Gute erwiesen, ihm barmherzig verzeihen und von Gott die Versöhnung und die Wiederaufnahme erwirken wird. O wie gut ist doch Gott, der da will, dass seine Mutter unsere Zuflucht sei und wie gut ist doch Maria, deren eigener Wille es ist, dass wir zu ihr fliehen und dass wir sie oft liebend begrüßen: Maria, meine Zuflucht! Amen.

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11. Maiandacht - Maria, meine Wohnung

 

Als der Patriarch Jakob nach Mesopotamien reiste, wurde er einst ganz erschöpft und müde von der Nacht überfallen. Da er keine Herberge hatte, legte er sich auf die Erde nieder und sein Haupt auf einen Stein und schlief ein. Da hatte er einen wunderbaren Traum; er sah nämlich eine Leiter von der Erde bis zum Himmel reichen und auf ihr Engel auf und niedersteigen. Von heiliger Scheu ergriffen wachte er auf und rief: Wie schauerlich ist dieser Ort! Wahrhaftig, hier ist nichts anderes, als die Wohnung Gottes!

 

Liebe Christen, kennt ihr jene Wohnung Gottes, von der diese Himmelsleiter ein Sinnbild war? – Kennt ihr sie? – Es ist Maria, die wahre Wohnung des Allerhöchsten, das heilige Haus, in dem Gott selber wohnt. Der Erzengel Gabriel sagt es deutlich mit den Worten: Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir, du bist sein heiliger Tempel, sein reiner Tabernakel, sein auserwähltes Haus, seine freundliche Wohnung, in der er eingekehrt ist, als er als Fremdling vom Himmel auf die Erde kam, als er in sein Eigentum kam und die Seinigen ihn nicht aufnahmen; als er nirgends eine Herberge fand; als er wie die Taube Noahs in der Sündflut dieser Welt keinen Ort fand, wo sein Fuß ruhen konnte.

 

Der heilige Andreas von Jerusalem nennt Maria die Wohnung Himmels und der Erde; der heilige Gregor die Wohnung jeglicher Tugend. Wenn auch all dieses wahr und in Bezug auf Maria noch viel zu wenig gesagt ist, so übertrifft doch jene an Schönheit und Erhabenheit der Ausspruch des heiligen Bernhard: Du bist die Stätte, in der der Herr gewohnt, o Maria, welch eine Ehrfurcht! Du bist die Wohnung, in der ich weilen darf, welch eine Freude! – Der Herr hat in dir durch seine allmächtige Kraft gewohnt; ich aber darf in dir wohnen durch meine Andacht und Liebe, welch ein Glück, welch eine Seligkeit, ich darf Maria meine Wohnung nicht bloß nennen, nein, sie ist wirklich meine Wohnung prachtvoll und sicher!

 

Die ewige Weisheit hat sich ein Haus erbaut, heißt es in der heiligen Schrift. Wenn wir darunter Maria verstehen, wie über alle Maßen schön und prachtvoll muss es gewesen sein? – König Salomo ließ zwei Paläste erbauen, einen für sich und einen weitaus kostbareren für seine Gemahlin, die Königin, die die Tochter Potiphars, des Königs von Ägypten, war. An seinem Palast wurde dreizehn Jahre gebaut; von der Burg der Königin aber sagt die heilige Schrift, dass sie von lauter kostbaren und prachtvollen Steinen gewesen sei und dass selbst der Grund in der Erde, wozu man doch sonst das gewöhnlichste Material zu nehmen pflegt, von den vorzüglichsten Edelsteinen war. Wenn wir aber nach dem heiligen Paulus alle Dinge im alten Bund als den Schatten betrachten, den das Licht des Neuen Testamentes verursacht, so müssen wir in König Salomo denjenigen erkennen, der von sich selbst sagt: Siehe, hier ist mehr als Salomo (Mt 12,24). Jesus Christus, die ewige, unerschaffene Weisheit Gottes, der für sich den Himmel zum Palast erschuf und auf der Erde eine Wohnung in derjenigen, die selbst sagte: der mich erschaffen hat, der hat geruht in meinem Zelt; und von der die heilige Kirche singt: Den, den die Himmel nicht zu fassen vermochten, hat dein Schoß umschlossen, in der allerseligsten Jungfrau Maria. Sie ist die Wohnung Gottes und der Tempel des heiligen Geistes. – Wenn wir Erdenbewohner uns ein Haus, eine Wohnung gründen wollen, so bauen wir sie uns nach unserem Geschmack, richten sie nach Bequemlichkeit und nach unseren Bedürfnissen ein und ordnen alles so, dass der Aufenthalt darin angenehm und freundlich wird. Unser Geld und Gut, das Kostbarste und Wertvollste, was wir besitzen, bringen wir aber erst mit, wenn wir selbst einziehen. So hat die göttliche Majestät ihre irdische Wohnung Maria von ihrer Erschaffung und Empfängnis an prachtvoll und eines Gottes würdig mit zahllosen Gnaden und Tugenden ausgestattet, so dass der Erzengel sie schon im Mutterleib, in der Zeit ihrer Kindheit, in ihrer frühesten Jugend hätte begrüßen können: Du bist voll der Gnade! – Als aber bei der Menschwerdung Gott selbst in die ihm bereitete Wohnung einzog, als die Sonne der Gerechtigkeit selbst diesen Prachtbau erhellte und durchleuchtete, brachte Jesus zu der hinreichenden Gnadenfülle, die Maria vor der Menschwerdung besaß, noch die Gnadenfülle des Überflusses mit und Gottes Wohnung Maria wurde erfüllt mit einer Glorie und Herrlichkeit, die zu beschreiben einer menschlichen Zunge unmöglich ist und die der Ausspruch des heiligen Bonaventura nur schwach ausdrückt: Es gibt keinen Schimmer, keinen Glanz, keine Tugend, die nicht wiederstrahlen an der glorreichen Jungfrau Maria.

 

Während wir aber, liebe Christen, uns bemühen, die Pracht und Herrlichkeit der Wohnung Gottes auf Erden wenigstens ahnen zu können, überfällt uns heilige Scheu und eine Ehrfurcht, die uns mit dem Patriarchen Jakob zu dem Ausruf zwingt: Wie schauerlich ist dieser Ort! – Können und dürfen wir es wagen, Maria, die Wohnung des Allerhöchsten, auch unsere Wohnung zu nennen? – Ja Christ, Maria ist auch Deine Wohnung, denn sie trägt Dich, wie der heilige Bernhard sagt, wie eine Mutter in ihrem Herzen, wenn Du ihr mit ehrfurchtsvoller Liebe dienst und ihr mit ganzer Seele ergeben bist. O erkenne daher deinen Reichtum, wenn du auch arm an zeitlichen Gütern bist, wenn auch eine dürftige Wohnung, ein niedriges Haus dich umschließt, du darfst in Maria wohnen, in diesem Palast so prächtig, wie keiner auf dieser Welt, in dieser Burg so sicher, wie keine auf dieser Erde!

 

Was würde die prachtvolle Wohnung nützen, wenn wir darin nicht sicher wären; erst die Ruhe vor Angriffen und Einbrüchen, erst die Sicherheit vor Feinden macht den Aufenthalt vollkommen und beneidenswert. Dem aber kann kein Feind schaden, ruft der eilige Kasimir, der in Maria wohnt. Die unüberwindliche Burg Davids ist ein Sinnbild der Muttergottes. Die Worte des Bräutigams im hohen Lied, die er von seiner Braut sagt, beziehen sich auf Maria: Du bist wie ein Turm Davids, der mit Schutzwehren gebaut ist, tausend Schilde hängen daran, die ganze Rüstung der Starken. Der heilige Rupertus erklärt auf folgende Weise diese Stelle: Wie kann sich der fürchten, der innerhalb der Mauern dieses Turmes weilt; seine Schilde halten Tausende von Versuchungen von ihm ab; seine Schutzwehren verteidigen ihn gegen jeden Feind; seine Waffenrüstung vertreibt jede Bangigkeit und gibt dem Furchtsamen den Mut zurück. Darum begrüßt die heilige Kirche Maria in der lauretanischen Litanei mit dem Titel: Du Turm Davids; darum fordert sie die Gläubigen bei jeder Gelegenheit auf, in das Mutterherz Mariens zu fliehen und darin durch beharrliche Andacht und aufrichtige Liebe zu wohnen; darum ermuntert sie uns dazu durch unzählige Beispiele aus ihrer Geschichte.

Ein junges Mädchen, das ebenso schön dem Leibe, als der Seele nach war, wurde lange Zeit von einem Wüstling verfolgt, der ihrer Unschuld nachstrebte und sie zu Fall bringen wollte. Er ging ihr überall nach und so sehr sie ihm auch auszuweichen bestrebt war, so ließ er doch keineswegs nach, sie, wie er nur konnte, zu verfolgen.

 

Eines Tages musste das Mädchen eine Verwandte besuchen, die einige Stunden entfernt wohnte. Der Weg dahin führte durch einen Wald. Die junge Frau betete den heiligen Rosenkranz; sie war noch nicht lange gegangen, als sie ihren Verfolger, der ihre Reise erfahren hatte und dem diese Gelegenheit außerordentlich günstig schien, mit hastigen Schritten ihr nacheilen sah. Sie verdoppelte ihre Eile; doch immer näher und näher kam ihr der Mensch. In dieser höchsten Not und Seelenangst rief sie zu Maria um Hilfe und sie erreichte glücklich eine der heiligen Jungfrau geweihte Kapelle, die einsam im Wald lag. Dahinein flüchtete sie sich, kniete sich vor dem Altar der Muttergottes nieder und betete mit aufgehobenen Händen: O Maria, gib nicht zu, dass es heiße, ein Kind, das zu dir seine Zuflucht genommen, sei getäuscht worden. Ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst! O mache diese Kapelle zur festen Burg, die mich schützt, zur Wohnung, die mein Heil, meine jungfräuliche Ehre sichert! Dann will ich immer und ewig dein Erbarmen preisen, dann will ich mich nie mehr trennen von deinem Mutterherzen, es soll sein und bleiben auf ewig meine Wohnung! – Und sieh, der Sünder, der auch in die Kapelle trat, tat ihr nichts zu Leide. Waren es die Tränen, die das Mädchen weinte, war es das heiße Gebet, das die junge Frau mit einem überirdischen Glanz verklärte oder war es die Hand der Mutter Christi, die ihn zurückhielt, er blieb wie fest gebannt unbeweglich stehen. Plötzlich verließ er das Heiligtum Mariens, seine Seele zum Tod verwundet, aber nicht zum ewigen Tod, sondern zum Tod, der lebendig macht, der neues Leben gibt. Er ging in sich und wurde ein anderer, besserer Mensch.

 

Wie hier Maria sich diesem Mädchen als eine sichere Wohnung erwies, so, liebe Christen, wird sich auch an uns das Wort des Psalmisten erfüllen: Es sollen sich alle freuen, die auf dich hoffen; denn in Ewigkeit werden sie jubeln, weil du in ihnen wohnen wirst. – Macht daher den Ausspruch des Propheten zum Grundsatz eures Lebens: Hier will ich wohnen, weil ich es mir selbst gewählt habe, hier im Mutterherzen Mariens durch Andacht, Liebe und Vertrauen, in dieser prachtvollen, in dieser sicheren Wohnung, auf dass man auch von uns allen sagen könne, was die heilige Schrift spricht: Dann wohnt mein Volk in sicheren Hütten, in der Schönheit des Friedens und in überschwänglicher Ruhe (Jesaja 65). Amen.

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12. Maiandacht - Maria, meine Taube

 

Von den Opfern des alten Bundes heißt es ausdrücklich im Buch Levitikus, dass die Schlachttiere, Lämmer und Widder zerschnitten und zerteilt werden mussten und der eine Teil der Priesterschaft, der andere dem Opfernden gegeben, der dritte Teil aber verbrannt und die Asche an einem eigens bestimmten Ort aufbewahrt werden musste. Wurde aber eine Taube geopfert, so wurde sie zwar getötet, aber sie durfte nicht zerrissen, zerschnitten und verteilt, sondern musste ganz als Opfer dargebracht werden. Durch die anderen Tiere, sagt der heilige Bonaventura, werden jene frommen Christen bezeichnet, die sich Gott und seinem heiligen Dienst ergeben. An diesen wird, wenn sie sterben, das Wort der heiligen Schrift erfüllt: Der Staub kommt wieder zu seiner Erde, von der er war, und der Geist kehrt wieder zu Gott zurück, der ihn gegeben hat. Sie müssen zerteilt werden, Leib und Seele müssen sich scheiden, der Leib wird der Erde gegeben, die Seele aber kehrt zurück in den Himmel zu Gott. – Die Taube aber ist ein Sinnbild der allerseligsten Jungfrau Maria, die ihr gebenedeiter Sohn selbst aus dem Grab rief mit den Worten: Steh auf, eile, meine Taube, und komme zu mir; steh auf, du meine Taube, und komm aus den Felsenklüften deiner Gruft, aus der Mauerhöhlung deines Grabes, zeige mir dein Antlitz! – Nicht ohne tiefes Geheimnis heißt es in der heiligen Schrift, dass Noah die Taube, die er selbst ausfliegen ließ und die nirgends einen Ort zu ruhen fand, wieder hereinnahm in seine Arche: Und Noah streckte die Hand aus, ergriff sie und brachte sie in die Arche. Gen 8,9. Das ist ein Bild der Himmelfahrt Mariens, die die auserwählte Taube des Allerhöchsten ist. Er schickte sie in die Sündflut dieses Tränentales, und da sie hienieden keine Ruhe fand, sehnte sie sich nach ihrem Schöpfer und seiner himmlischen Wohnung zurück und Jesus streckte seine Hand aus, ergriff sie und nahm sie mit Leib und Seele in die Arche seines Paradieses auf.

 

Nach den göttlichen Worten und den Bildern der heiligen Schrift ist also Maria deutlich die Taube Gottes; sie ist aber auch die Taube der Menschen, was sich so leicht aus den Eigenschaften einer Taube beweisen lässt, dass wir sie mit allem Recht begrüßen können: Maria, meine Taube!

 

Der Herr liebt die Tauben. Die alten Heiden hielten diese Tiere für ein Symbol der Liebesgöttin und wenn die Bewohner Siziliens innerhalb acht oder neun Tagen keine Tauben mehr sahen, so meinten sie, die Göttin der Liebe wäre erzürnt aus ihrem Land geflohen und die Tauben wären mit ihr, sie zu begleiten, und sie waren deshalb tief betrübt. Ihre Freude aber war unbeschreiblich, kamen die Tauben wieder und zeigten ihnen durch ihre Ankunft an, dass die Liebesgöttin sich wieder mit ihnen versöhnt. – Wir Christen wissen und glauben noch mehr, dass nämlich der wahre Gott der Liebe, der die Liebe wesentlich ist, der heilige Geist, die Tauben so innig liebt, dass er stets die Taubengestalt wählte, wenn er sich auf dieser Welt sichtbar zeigen wollte; darum wird er auch überall in dieser Gestalt abgebildet. – Der heilige Ephräm schreibt, dass man am heiligen Karfreitag, am Tag, an dem Christus gelitten und starb, in Jerusalem gesehen habe, wie der heilige Geist in Gestalt einer Taube aus dem Tempel geflohen sei, zum Zeichen, dass er die jüdische Synagoge verlassen habe. – So wissen wir auch, dass die ewige Weisheit, der Sohn Gottes, uns die Tauben zu einem Beispiel der Redlichkeit und Aufrichtigkeit vorstellt, indem er sagte: Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Mt 10,16. Als er das Menschengeschlecht nach der Sündflut trösten und ihm seine Versöhnung anzeigen wollte, wählte er als Boten eine Taube mit dem Ölzweig des Friedens. Und sehr oft vergleicht er die bußfertigen und die ihn liebenden Seelen mit Tauben. Können wir uns daher wundern, wenn er diejenige, die ihm am teuersten ist, seine hochgebenedeite, geliebteste Mutter eine Taube nennt: Eine ist meine Taube, wenn er von ihr sagt: Deine Augen sind Taubenaugen und deine Wangen wie die der Turteltaube. – Der Herr liebt die Tauben, weil er seine Einziggeliebte seine Taube nennt und müssen wir nicht lieben, was und wie es der Herr geliebt hat? – Höret, was die Kirche am Himmelfahrtstag Mariens singt: Wir sahen dich heute wie eine wunderschöne Taube emporfliegen über die Wasserbäche, ein unaussprechlicher Geruch strömte aus von deinen Kleidern und wie die Tage des Frühlings umgaben dich die Rosen und die Lilien der Täler. Stimmen auch wir in diesen kirchlichen Lobgesang ein und nennen wir die Taube Gottes voll Andacht und Liebe auch unsere Taube, denn Maria hat in unaussprechlich höherem Maße alle guten Eigenschaften einer Taube und hat sie nach den Worten des heiligen Bernhard für uns, was unsere Liebe verdoppelt und unsere Freude vollkommen macht.

 

Die Taube ist gesellig; sie liebt den Umgang der Menschen, ist freundlich mit ihnen und wohnt gerne bei ihnen. Von Maria aber gilt in Wahrheit das Wort der heiligen Schrift: Meine Freude ist es, bei den Menschenkindern zu sein! Sie ruft voll Sehnsucht: Was klein ist, komme zu mir; sie ladet uns voll Verlangen ein, wie ihr göttlicher Sohn: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen, und ich will euch erquicken. Wer von uns hat nicht schon die Schriftstelle an sich erfahren: Ihr Umgang hat nichts Bitteres und ihre Gesellschaft nichts Widriges? – Seht ihr sie fliegen diese himmlische Taube auf Paläste und Strohhütten, in die Wohnungen des Glücks, um Seelen zu retten, in die Häuser der Armut, um Tränen zu trocknen; seht ihr sie freundlich verkehren mit den Kindern wie mit dem seligen Hermann Joseph und mit den Hirtenkindern von la Salette; seht ihr sie huldvoll erscheinen den Sündern, wie dem Juden Ratisbonne; seht ihr sie liebend umgehen mit den Frommen wie mit dem heiligen Alphons, dem sie auf der Kanzel und am Sterbebett erschien! – Und ihr müsst mit Freude bestätigen, dass sie wie die Taube gerne bei den Menschen ist.

 

Die Taube ist friedlich und ohne Galle; was hier mehr Sage ist, das ist bei unserer himmlischen Taube glänzende Wahrheit. Honig und Milch ist unter deiner Zunge, heißt es von ihr im hohen Lied und der kirchliche Hymnus nennt sie: Einzige Jungfrau, sanft vor allen. – Welch unendlicher Trost aber in dieser Eigenschaft Mariens für uns liegt, schildert in herrlichen Worten der heilige Bernhard: Warum soll sich die menschliche Gebrechlichkeit fürchten, sich Maria zu nahen? Nichts strenges ist an ihr, nichts furchterregendes; sanft und mild kommt sie allen entgegen. Schlage auf das Buch der heiligen Schrift und wenn du darin ein hartes Wort, einen Vorwurf oder nur irgend ein schwaches Zeichen eines Unwillens an Maria findest, so darfst du alles andere für verdächtig halten und dich fürchten, zu ihr zu gehen; wenn du aber im Gegenteil alles voll Güte und Liebe, alles voll Sanftmut und Erbarmen an ihr findest, dann danke jenem, der dir in seiner unaussprechlichen Barmherzigkeit eine solche Mittlerin geschenkt hat.

 

Die Tauben ziehen andere an sich und der heilige Kirchenlehrer Basilius gibt selbst die Art und Weise an, durch eine Taube viele andere zu fangen. Man ziehe ein schönes junges Täubchen auf, sagt er, und gewöhne es zum Ausfliegen und Wiederkommen; dann bestreiche man ihm die Flügel mit einem Wohlgeruch und lasse es unter die fremden, wilden Tauben fliegen, die angezogen von der Schönheit und dem lieblichen Geruch ihr sogleich nachfolgen. Auch diese Eigenschaft findet sich in Maria, von der es im hohen Lied heißt: Ziehe mich, so wollen wir dir nachlaufen dem Geruch deiner Salben nach! Diese Salben sind der Balsam ihrer Tugenden und Heiligkeit, womit sie die frommen Seelen anzieht und zur Vollkommenheit begeistert; diese Salben sind die Wohlgerüche ihrer Huld und Liebe, wodurch sie die armen Sünder fesselt und zur Heimkehr ins Vaterhaus bewegt. Im Jahr 1842 in der ersten Hälfte des Oktobers kam ein ehemaliger Militär und hierauf Beamter im höheren Staatsdienst nach Paris. Er reiste in Familienangelegenheiten 120 Meilen weit hierher; er hatte zwar noch ein wenig Religion in sich, war aber ganz gleichgültig gegen ihre heiligen Übungen und lebte viele Jahre von Gott entfernt dahin. Bei seiner Abreise bat ihn eine bekannte Dame dringend, ihr einen Dienst zu erweisen und in Paris in der Kirche U. L. Frau vom Sieg ein Vater unser und Ave Maria für sie zu beten. Nach einigem Sträuben sagte er es ihr lachend zu. Er ging auch in die Kirche, betete das Vater unser, das Ave Maria aber konnte er trotz aller Mühe nicht zusammenbringen. Er wurde ganz unruhig, dachte an Tod und Ewigkeit und erhob sich nach langer Zeit mit dem festen Vorsatz zu beichten. Als er den Pfarrer um den Grund seiner Unruhe fragte, antwortete ihm dieser: Weil Sie sich in einer Kirche befanden, wo die Sünder sich bekehren und vor einem Bild knieten, dass auch die härtesten Herzen erweicht und an sich zieht. – Er kehrte auch vollständig gebessert nach Hause.

 

Die Taube nährt sich am liebsten vom Samen der Sonnenblume und ihr ganzes Singen besteht in Seufzen. So wendete sich das Herz der himmlischen Taube stets wie die Sonnenblume nach der Sonne der Gerechtigkeit, ihr Willen war stets mit dem göttlichen Willen vereinigt, diesen zu erfüllen war ihre geistige Nahrung. Sie sprach immer: Ich gehöre meinem Geliebten und sein Verlangen geht nach mir. Darum war ihre Stimme nur ein Seufzen, wie Jesaja 59 sagt: Wir seufzen sehnsüchtig wie die Tauben. Maria seufzte, weil sie sich heimwärts sehnte und weil wir nicht seufzen wollen, die wir Gott täglich beleidigen.

Die Taube, besonders die weiße, war in hohem Wert bei den Assyrern. Sie durfte nicht einmal angerührt, viel weniger umgebracht werden. Und wir, liebe Christen, vergessen sooft darauf, dass, wenn wir Jesus beleidigen, wir auch Maria verwunden! Darum keine Sünde, keine schwere Sünde mehr! – Nie, himmlische Taube, sollst du mehr über uns klagend rufen wie der Prophet Hosea 7,11: Ephraim ist geworden wie eine verlockte, unverständige Taube! Wir wollen deine Tugenden nachahmen und angezogen von dem süßen Duft deines Beispiels dir nachfolgen, auf dass der heilige Paulus auch von uns sagen könne: Ihr seid ein guter Geruch Christi an allen Orten (2. Korinther 2,15). – O Maria, du hast nun im Himmel den Thron deiner Seligkeit gefunden, wie David gesagt: Die Turteltaube findet ihr Nest; mach einst an mir auch wahr, was der Psalmist hinzufügt: worein sie ihre Jungen legt (Psalm 83,4). Bringe mich, dein Kind, heim in deine ewige Friedenswohnung, o meine Mutter Maria, meine Taube! Amen.

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13. Maiandacht - Maria, meine Schwester

 

Als der Patriarch Abraham, der Vater aller Gläubigen, mit seiner Frau, wie Gott befohlen hatte, auszog aus seinem Vaterland, kam er in das Land Kanaan. Und er zog zu dem Berg, der morgenwärts von Bethel war und schlug daselbst sein Zelt auf, Bethel gegen Abend und Hai gegen Morgen, baute dort auch einen Altar dem Herrn und rief seinen Namen an. Und Abraham zog weiter und kam immer mehr gegen Mittag. Da entstand aber eine Hungersnot im Land und er zog hinab nach Ägypten, um da als Fremdling sich aufzuhalten; denn die Hungersnot nahm überhand im Land. Als er nun nahe war, nach Ägypten zu kommen, sprach er zu Sarah: Ich weiß, dass du schön bist und dass die Ägypter, wenn sie dich sehen, mich töten werden, dich aber leben lassen. So sage also, ich beschwöre dich, du seiest meine Schwester, damit es dir wohl gehe um deinetwillen und meine Seele lebe wegen deiner Gnade. – Und Abraham gelang auch dieser Vorschlag; er wurde, wie die heilige Schrift sagt, gut empfangen, sowohl beim König Pharao in hohen Gnaden aufgenommen, als auch von den übrigen Ägyptern als ein lieber Gast behandelt bloß deshalb, weil Sarah sich für seine Schwester ausgegeben hatte.

 

Wie nahe liegt der Vergleich unseres irdischen Lebens mit Abrahams Pilgerfahrt, liebe Christen? – Der Mensch wurde aus seinem ersten Vaterland, dem Paradies, geschafft und hat nun durch viele Orte voll Jammer und Hunger zu reisen; am Ende wird er unter Räuber und Mörder, den Tod und den Satan, fallen und gleich beim Eingang der anderen Welt einen strengen König, einen unerbittlichen Richter antreffen, das alles sagt uns klar und deutlich der Glaube. – Gibt es aber kein sicheres Mittel, den Tod und den Satan zu überwinden, in jenem Land von dem strengen Richter gnädig gehalten zu werden?

 

Ja, wenn diejenige, die der König selbst die schönste aller Frauen nennt, von deren Anmut der Herr sagt: Du bist ganz schön, meine Freundin, wenn die allerseligste Jungfrau Maria sich für unsere Schwester ausgibt.

 

Um diese Gnade von ihr zu erbitten, lasst uns die Verehrung und Liebe zu ihr dadurch entflammen, dass wir den Trost und Nutzen näher betrachten, den wir aus dieser himmlischen Schwesterschaft ziehen.

 

Die heilige Kirche rühmt im Brevier an den lieben Martyrern: Ihre wahre Bruderschaft hat niemals getrennt werden können. Das kann man von dem Band der kindlichen Liebe nicht sagen, das selbst ein göttliches Gebot trennt: Du sollst Vater und Mutter verlassen und deiner Frau anhängen. Es liegt aber doch noch ein anderes Geheimnis in diesen Worten, die wohl das Verlassen von Vater und Mutter befehlen, aber ein Scheiden von Bruder und Schwester nicht erwähnen; wie wir es auch an dem Beispiel Abrahams sehen, der auf seiner Reise nebst seiner Frau auch seinen Bruder Lot mitnimmt, während er seine ganze übrige Freundschaft zurücklässt.

 

Als Itaphernes, wie Plutarch erzählt, in die Hände des Perserkönigs Darius geriet, wurde auch seine Gemahlin und deren Bruder gefangen genommen, die beide mit Itaphernes in den Krieg gezogen waren. Hingerissen von der Schönheit der gefangenen Königin, erbarmte sich Darius und sprach, dass sie frei sei und die Erlaubnis habe, entweder den Gemahl oder den Bruder mit sich in die Freiheit zu nehmen. Nach hartem Kampf wählte die Königin den Bruder, und als Darius sie nach dem Grund fragte, antwortete sie: Weil ich wohl wieder einen Gemahl, aber keinen Bruder mehr erlangen kann.

 

Deswegen führen wir dir, o allerseligste Jungfrau, dies auch zu Herzen, dass deine Brüder, einmal verloren, ewig verloren bleiben; sag daher, wir beschwören dich, dass du unsere Schwester bist und lass uns als deine Brüder gelten! Du bist eine Tochter jenes himmlischen Vaters, sagt der heilige Ildephonsus, der allen, die an seinen heiligsten Namen glauben, die Macht gegeben hat, Kinder Gottes zu werden. Wir glauben an ihn, darum würdige dich, unsere Schwester zu heißen, da wir alle Gott zum Vater haben. Sage, dass du unsere Schwester bist, auf dass es uns wohl gehe, wie Abraham, und unsere Seele lebe durch deine Gnade.

 

Um der Schönheit Sarahs willen wurde Abraham vom König mit Gnaden überhäuft, und wenn Maria, in der, wie Richard v. St. Viktor sagt, alle geistige und körperliche Anmut vereint war, uns ihre Brüder nennt, wird der König Himmels und der Erde ihr die Macht verleihen, alle Gnaden uns zu spenden. Vor allem wird diese liebreichste Schwester uns ganz besonders in Liebe zugetan sein, weil sie ja das Gebot ihres göttlichen Sohnes kennt: Wir haben ein Gebot von Gott, dass wer Gott liebt, auch seine Brüder und Schwestern liebe. – Kein Geschöpf liebt aber Gott mehr und glühender als Maria, schließt nun auf die Glut der Liebe unserer Schwester, da die eine Liebe in dem Grad wächst, als die andere zunimmt! – Dann drängt sie diese Liebe, uns, ihre armen Brüder und Schwestern, Miterben ihrer Reichtümer und Schätze sein zu lassen. Bei den Arabern soll dies für ein Reichsgrundsatz gegolten haben, dass nicht die Kinder, sondern die Brüder im Reich und auch sonst geerbt haben. Bei den Äthiopiern und, wie Livius bezeugt, bei den Numidiern fiel die Krone des Reiches auf die Brüder und Bruderskinder. Im himmlischen Reich sowohl, als hienieden in der streitenden Kirche trifft auch das Erbrecht der Gnadenschätze Mariens ihre Brüder und Schwestern, uns arme Christen, und zwar im geistigen Sinn, wie der selige Humbertus sagt: Leibliche Geschwister teilen die Erbschaft in so viele Teile, als ihrer sind, so dass der eine umso weniger bekommt, je mehr ihrer sind. Bei jener geistigen Verbindung zwischen unserer Schwester Maria und uns aber geht es anders. Was hier jeder für sich bekommt, ist auch allen anderen zum Genuss und Nutzen.

 

Ein rührendes Beispiel von Geschwisterliebe hat der berühmte Kato von Utika gegeben. Als Kind wurde er gefragt, wer ihm auf der Welt der allerliebste sei? Kampio, sagte er, mein Bruder. Wer danach? Mein Bruder. – Wer noch? Mein Bruder; mehr konnte man aus ihm nicht herausbringen. Diese Liebe wuchs von Jahr zu Jahr und als er das Jünglingsalter erreicht hatte, konnte er nicht speisen, Kampio wäre denn sein Gast; nicht verreisen, ohne ihn als Gefährten zu haben; wo er nur immer sich zeigte, stets war sein Bruder an seiner Seite. Schließlich trennte der Tod das Brüderpaar; doch auch der vermochte sie nicht gänzlich zu scheiden; Kato verwendete alle mögliche Pracht auf das Leichenbegräbnis seines Bruders und opferte ungeheure Summen für dessen Grab. Er ließ es schmücken mit einem Denkmal aus tharsischem Marmor und wollte nicht das Geringste von der ihn treffenden Erbschaft seines Bruders annehmen, sondern verwendete alles für den Schmuck und die Zierde seiner Gruft.

 

Und könnten wir glauben, liebe Christen, dass unsere an Schätzen so reiche Schwester, die liebevollste Jungfrau, nicht was uns nur immer nötig im Leben und Tod reichlich beitragen, sondern alle Erbschaft allein für sich behalten werde? Nein, sie teilt uns im überschwänglichen Maße das ihrige mit. – Es liegt ein großer Trost in der Wahrheit, dass jeder einzelne Christ an dem Guten, das sein Mitbruder wirkt, der mit ihm in christlicher Liebe, besonders in Vereinen und Bruderschaften, verbunden ist, teilnimmt; wenn aber die gnadenreichste Jungfrau Maria sich für unsere Schwester erkennt und uns, ihren Brüdern und Schwestern, den Schatz ihrer Reichtümer beiträgt, dann werden uns nicht bloß tropfenweise, sondern in Strömen die Gnaden mitgeteilt; es wird uns wohl sei und gut ergehen vor dem erzürnten Gott um ihretwillen.

 

Noch eine Frage aber, liebe Christen, könntet ihr an mich stellen, nämlich: Was wird denn erfordert, ein rechter Bruder, eine rechte Schwester zu sein, und was muss man verrichten, damit sich Maria wirklich für unsere Schwester erkenne? – Ihr fragt dadurch mit dem göttlichen Bräutigam im hohen Lied: Was sollen wir mit unserer Schwester tun am Tag, wenn man sie anspricht? Hld 8 Wir müssen die Todsünde meiden, die uns das Leben und ihr die Liebe nimmt; wir müssen die lässlichen Sünden fliehen, die uns lau und sie traurig machen; wir müssen ihre Tugenden nachahmen – der Stolze ihre Demut, der Unkeusche ihre Reinheit, der Zornige ihre Sanftmut; wir müssen sie anrufen mit Eifer, mit Liebe, mit Vertrauen, oft, innig und beharrlich; wir müssen täglich beim Morgengebet wie der heilige Kasimir jene Frage an uns stellen: Was können wir heute wieder tun, um Maria zu gefallen und ihr Freude zu machen? – Dann dürfen wir aber auch ihres Trostes, ihrer Huld und Gnade versichert sein; sie wird uns mit den Worten des 90. Psalms erwidern: Ich will ihn beschützen, weil er meinen Namen erkannt hat; weil er mich für seine Schwester hält, so will ich ihn wie meinen Bruder beschirmen und lieben.

 

In dem Leben des heiligen Leander wird erzählt, es habe diesem um sein Seelenheil tief bekümmerten Bischof zum großen Trost gereicht, dass seine Schwester Florentia, eine sehr heilige Jungfrau, ohne Zweifel bei Gott in großen Gnaden stand. Er pflegte zu sagen, dass diese einen großen Teil an der Hoffnung habe, die er auf sein ewiges Heil setze; - Florentia werde ihm sicherlich an jenem erschrecklichen Gerichtstag deshalb zu großem Trost sein, weil sie, als eine liebe Braut des Richters selbst, ihn hoffentlich dahin vermögen werde, dass ihr Bruder nicht verdammt werde. Der Richter wird nicht zugeben, sprach er, dass der Bruder seiner Braut zu Grunde gehe. Was ist aber Florentia gegen unsere himmlische Schwester Maria? – Sie wird gewiss uns nicht vergessen, sie wird jetzt im Himmel für ihre Brüder und Schwestern beten, wie sie es in ihrem zeitlichen Leben auf Erden getan hat. Kurz bevor sie verschied, erhob sie betend ihre Hände über die Apostel, sagt der heilige Johannes Damaszenus, und sprach: O mein teuerster Sohn Jesus, überhäufe diejenigen, die du selbst Brüder genannt hast und die ich wie eine Schwester liebe, durch meinen letzten Segen mit neuer Kraft und Gnade. – Und nachdem sie diesen Segen gesprochen, hat sie ihr heiligstes Leben beschlossen. Amen.

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14. Maiandacht - Maria, mein Buch

 

Die ganze Welt ist nichts anderes, sagt der heilige Augustin, als ein großes Buch voll der göttlichen Wunder. Der Himmel, die Erde, das Wasser, die Luft sind die Blätter dieses Buches und alles, was in jenen sich regt und lebt, die Buchstaben desselben. Wer diese Buchstaben recht kennt und das Buch zu lesen versteht, der sieht sonnenklar, wie darin die göttliche Allmacht, Weisheit und Güte so herrlich erscheint. Der heilige Paulus wusste es zu lesen, darum schrieb er auch in seinem Brief an die Römer: Das Unsichtbare an Gott ist seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit. Röm 1,20. In diesem Buch war auch vortrefflich belesen und erfahren jener große Einsiedler Antonius. Als ihn einst ein Weltweiser fragte, woher er doch eine solche Weisheit, eine so tiefe Erkenntnis Gottes und seiner Geheimnisse empfangen, antwortete er: Obwohl ich sonst keinen anderen Buchstaben kenne und weder lesen, noch schreiben kann auf die Weise, wie die Welt es lehrt, so ist mir doch die ganze Welt ein Buch und alle Geschöpfe lauter Buchstaben, und darin kann ich mehr als genug lesen, meinen Gott und dessen Willen betrachten und erkennen.

 

Doch der gütige Gott stellt uns noch ein anderes prachtvolles Buch vor Augen, das alle anderen Bücher wie der Himmel die Erde übertrifft, weil er selbst darin mit unbegreiflichen Buchstaben geschrieben steht. Dieses Buch heißt Maria, von der geboren ist Jesus, der da genannt wird Christus. Begeistert ruft der heilige Thomas von Aquin: Du bist das goldene Buch des Herrn, o Maria, dessen Glanz die Finsternis der Welt erleuchtet! Und der heilige Ildephonsus singt: Immer muss ich wieder lesen in Mariens Mutterherz, denn kein Buch auf dieser Erde führt uns schneller himmelwärts!

 

Wir aber, liebe Christen, wollen heute die heilige Jungfrau begrüßen: Maria, mein Buch, und dieses Buch so kostbar und lehrreich näher betrachten.

 

Wenn Gott das Buch der Welt so schön erschuf, wie herrlich muss er erst das Buch Mariens gemacht haben, das denjenigen umschloss, den die Himmel nicht fassen konnten! – Der eingeborene Sohn Gottes ist dem Vater am allergleichsten, denn er ist sein wesentlichstes Ebenbild, wie Paulus sagt: Gott hat durch seinen Sohn geredet, der der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens ist. Hebr 1,3. Schließt daraus, liebe Christen, auf die Kostbarkeit des marianischen Buches, in das Gott diesen Sohn gesetzt hat! – Es war ein wahrhaft goldenes Buch, denn David singt: Die Königin steht zu deiner Rechten im goldenen Kleid, im bunten Gewand. Ps 44,10. Die bunten Farben, die das goldene Gewand zugleich trägt, deuten die heiligen Väter auf die verschiedenen Tugenden Mariens, die sich alle in der Liebe einigen. Der Prophet Ezechiel sagt vom schönsten Engel Luzifer, als er noch in Gnaden war: Du warst bedeckt mit allen kostbaren Steinen! Ezechiel 28,13. Doch was ist dieser Engel gegen Maria! Dies Buch war von Gott selbst mit Edelsteinen geschmückt; an diesem Buch glänzten der Achat jungfräulicher Reinigkeit und der Jaspis himmlischer Betrachtung, leuchteten der Hyacinth der Andacht und der Diamant der Starkmut, funkelten der Rubin der Liebe Gottes und des Nächsten, der Saphir der Demut und der Smaragd der Geduld. Welch ein kostbares Buch, dem nicht bloß Tugenden seinen Hochwert verleihen, sondern das auch Gnaden ohne Zahl und darunter die Gnade aller Gnaden: die unbefleckte Empfängnis, unschätzbar machen. – Einst war es mit dem berühmten Julius Cäsar so weit gekommen, dass er, um sich vor den Nachstellungen seiner Feinde zu retten, durch einen Fluss schwimmen musste. In dieser höchsten Gefahr lag ihm außer seinem Leben nichts so sehr am Herzen, als das Buch, in dem er selbst alle seine Heldentaten, seine ganze ruhmvolle Laufbahn, eingeschrieben hatte. Deshalb schwamm er nur mit dem einen Arm, mit dem andern hielt er das Buch über dem Wasser in die Höhe, damit es nicht von den Fluten benetzt werde und Schaden litte. – Das ist nur ein schwaches Bild von der unendlichen Liebe Gottes zu seinem Buch Maria, das all seine göttlichen Wunderwerke umfasste. Er ließ es nicht untergehen in der allgemeinen Sündflut, er ließ es nicht befleckt werden vom Strom des Verderbens, er erhielt es frei von der Erbsünde durch seinen allmächtigen Arm, den er zu dessen Schutz und Schirm ausgestreckt hat, wie es Maria selbst im Magnifikat andeutet: E hat Macht geübt mit seinem Arm. Lk 1,51. – Unsterbliches Lob bleibt den Schriften und Werken des englischen Lehrers, des heiligen Thomas von Aquin, denn die ewige Weisheit und Wahrheit Jesus Christus selbst soll ihm, wie die Legende seines Lebens erzählt, Zeugnis gegeben haben. Einst kniete der Heilige vor einem Kruzifixbild und betete inbrünstig; da redete ihn Christus an und sagte: Du hast gut von mir geschrieben, mein Thomas! – woraus man nicht ohne Grund schließt, das seine Lehre, ohne Irrtum und Fehler, untadelhaft sei. – Jeder Zweifel muss aber völlig aus unseren Herzen verschwinden, liebe Christen, wenn es uns nicht eine Legende erzählt, sondern die heilige Schrift selbst verkündet, dass dieselbe ewige Wahrheit und Weisheit zur allerseligsten Jungfrau Maria spricht: Kein Makel ist an dir, meine Freundin, du bist schön, ganz schön! – Keine Makel der Erbsünde, noch einer wirklichen Sünde, du bist ganz schön, denn nur die Sünde mindert und zerstört die Schönheit; - wenn der Herr spricht: Im Anfang des Buches steht nur von mir geschrieben, Ps 39,8; sein erstes Blatt enthält nur mich, ich stehe darauf geschrieben, nichts vom Teufel, nichts von irgend einer Sünde; wenn der Erzengel Gabriel im Namen der göttlichen Majestät zu Maria sagt: Du bist gebenedeit unter den Frauen, denn das, was in dir geboren ist, ist vom heiligen Geist. – Mit welcher Sicherheit, mit welcher Gewissheit können wir daher aus diesen Stellen schließen, dass unser Buch Maria kein unreines Blatt enthält, dass es nie sich der Hölle, dass es keinen Augenblick dem Satan sich geöffnet habe, dass es kostbarer sei, als die Sonne, denn die Sonne hat Flecken, Maria aber ist fleckenlos. – Wie ehrfurchtsvoll müssen wir demnach dies heiligste Buch behandeln, das von innerer und äußerer Schönheit wiederstrahlt und das Gott der Herr so sehr geehrt hat, dass er kein Stäubchen daran duldete, dass er keinen Schatten, keinen Schein, keinen Gedanken einer Sünde darauf ruhen ließ! – Wenn wir in diesem Buch lesen, wenn wir betend vor dem Mutterherzen Mariens knien, dann soll ein heiliger Schauer uns durchwehen, wie den Moses, als er vor dem brennenden Dornbusch stand; dann sollen wir gleich ihm die Schuhe ausziehen, d.h. alle Gedanken, die noch an der Erde heften, verdrängen, alle Wünsche, Neigungen und Begierden, die noch diese Welt zum Ziel haben, verbannen und unser Herz mit den Banden der Liebe, der Andacht und des Vertrauens aufwärts heben zum Thron der Gnade und der Barmherzigkeit, zu Maria; wenn wir dies Buch im Bild erblicken, sollen wir es ehrfurchtsvoll begrüßen und wenn wir seinen Namen Maria aussprechen, das Haupt entblößen und es andächtig neigen.

 

Kaum hatte der göttliche Heiland vom Kreuz herab zum heiligen Johannes gesagt: Sohn, sieh hier deine Mutter! so nahm der Lieblingsjünger sie auch wirklich zu sich, wie es in der heiligen Schrift heißt: Und von derselben Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Er entschuldigte sich nicht durch seine Unwürdigkeit, diejenige, die die Engel als Königin verehren, seine Mutter zu nennen; er zögerte nicht durch ein Wort seine Demut zu erkennen, wie unwert er sich fühle, dass die hochgeehrte Mutter des Herrn unter sein Dach eingehe. Doch der heilige Cyprian löst uns dieses Rätsel, indem er sagt: So unwürdig sich auch der Apostel dieser unaussprechlichen Gnade schätzte, so nahm er das Geschenk doch begierig und freudig an im Hinblick auf den unendlichen Nutzen, der ihm daraus folgen werde. Der liebe Apostel erkannte, dass ihm Jesus, sein Seligmacher, ein Buch übergab, das ihn zum gelehrtesten Theologen bilden konnte. Indem der heilige Augustin die vier Evangelisten miteinander vergleicht, sagt er: Johannes erhob sich in seinem Evangelium mit dem Flug eines Adlers. Während die übrigen drei mit dem Gottmenschen auf Erden wandeln, schwebt dieser, gleichsam als sei ihm das Wandeln auf Erden zum Ekel, nicht allein über die Erde und den Himmel, sondern über die ganze Schar der Engel und himmlischen Geister hinauf bis zum Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit, dort holt er den Anfang seines Evangeliums herab: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort! – Woher nahm Johannes die Erleuchtung und den Mut, also zu schreiben? – O, er hatte die Bibliothek der himmlischen Geheimnisse im Haus bei sich, die Mutter-Gottes war nunmehr auch seine Mutter; einer Mutter aber gebührt, ihre Kinder im Guten zu unterrichten und zu unterweisen; das tat sie an Johannes; das tat sie auch an den ersten Christen, denen sie gleichfalls ein lehrreiches Buch der göttlichen Geheimnisse war, aus welchem sie in den Lehren unseres Glaubens unterrichtet, erleuchtet und befestigt wurden zum unaussprechlich großen Nutzen der christlichen Welt; denn was sie von unserer lieben Frau lernten, das lehrten sie hernach in ihren Büchern schriftlich und mündlich auf den Kanzeln. – In der heiligen Schrift wird Christus der Sonne verglichen und Maria dem Mond aus dem Grund, weil beide Lichter von Gott erschaffen und bestimmt sind, die Welt zu erleuchten, die Sonne am Tag, der Mond bei der Nacht, wenn die Sonne untergegangen ist. So lange also Christus auf der Welt wandelte, war er der Welt Sonne, wie er selbst sagt: So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Joh 9,5. – Nachdem er aber in den Himmel gefahren, war Maria das größte Licht der Welt, die Apostel und ersten Christen in den notwendigsten Glaubensgeheimnissen zu erleuchten, die jungen Pflanzen des neuaufgehenden Christentums, die damals noch gar zu schwach waren, zu stärken; sonst hätten sie das große Ungewitter der Verfolgungen nicht zu überstehen vermocht; sie konnten es nur durch den Unterricht und die Glaubenskraft derjenigen, von welcher es schon im Paradies heißt, sie werde der Schlange den Kopf zertreten, und von der die heilige Kirche singt: Freue dich, Jungfrau Maria, alle Irrtümer hast du allein in der ganzen Welt vertilgt.

 

Aber auch uns ist Maria noch ein lehrreiches Buch, das uns im Glauben unterrichtet und in der Tugend unterweist; ein Buch, das Blatt für Blatt uns gute Lehren gibt. Steht nicht auf dem einen: Tut alles, was Jesus euch sagt; auf dem anderen: Komm, mein Sohn, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele! – kurz mit großen goldenen Buchstaben steht in diesem Buch geschrieben die Art, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, die Ermahnung, unser Leben nach dem ihrigen einzurichten! – Unsere Gewissen sind auch Bücher, in die wir alles, Gutes und Böses, hineinschreiben, all unser Tun, Gedanken, Worte und Werke kommen da hinein. Am Tag des Gerichts werden diese Bücher aufgeschlagen, und wir nach ihnen gerichtet. Wollen wir dort bestehen, so ist es ratsam, dass wir es jetzt wie diejenigen machen, die ein gar nützliches und kostbares Buch abschreiben. Diese legen das Buch vor ihre Augen hin, schauen es oft und wohl an, und schreiben das, was darin steht, mit großem Fleiß ab. Weil man aber oft bei der größten Mühe und Vorsicht etwas übersieht, so vergleichen sie öfter ihre Schrift mit dem Original und wo sie einen Fehler finden, nehmen sie geschwind das Messer und kratzen den Fehler heraus und verbessern ihn so viel als möglich. – Also müssen wir das kostbare und lehrreiche Buch Maria vor unsere geistigen Augen legen, und unser Leben dem Leben der heiligen Jungfrau ähnlich zu machen suchen; weil wir aber auch manchmal fehlen, so müssen wir unser Gewissensbuch oft – je öfter desto besser – durchgehen und jeden Fehler mit dem scharfen Messer der Reue und des Vorsatzes ausbessern, bis wir endlich mit dem fleckenlosen Buch eines gereinigten Gewissens in den Himmel kommen zu Jesus und Maria, die wir auf Erden so oft begrüßten: Maria, mein Buch! Amen.

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15. Maiandacht - Maria, mein Garten

 

Es war am Auferstehungsmorgen, als Magdalena in aller Frühe hinauseilte in den Garten, um den Herrn im Grab zu besuchen. Sie fand aber das Grab leer. So groß nun früher ihre Sehnsucht und ihr Verlangen war, Jesus zu finden, ebenso groß war ihr Schmerz und ihre Betrübnis, als sie ihn nicht fand. Laut weinend durcheilte sie die Räume des Gartens, ihr Jammer war unbeschreiblich, ihr Herzensleid namenlos. Umsonst sangen die Vögel für sie auf den Zweigen der Bäume ihr fröhliches Morgenlied; umsonst funkelten für sie im wunderbaren Glanz die Tauperlen auf den Blumen und ihre Kelche hauchten balsamische Düfte; sie war unempfindlich geworden für jede Schönheit des Gartens, für alle Reize der Natur, nur ein Gedanke beherrschte sie ganz und erfüllte ihre Seele mit unendlichem Schmerz: Wo ist mein Heiland, rief sie, wo haben sie meinen Herrn hingelegt! – Da stand der Herr vor ihr, sie aber erkannte ihn nicht und meinte, es wäre der Gärtner. Doch Jesus sprach: Maria! – Sie blickte auf und erkannte ihn. Mit dem Freudenschrei: Meister, fiel sie vor ihm nieder und küsste seine Füße. Ganz außer sich vor Freude, kannte ihre Wonne keine Grenzen; aller Schmerz war vorbei, jedes Leid vorüber, aller Kummer vergangen. Nun war für sie der Garten ein wahrer Freudengarten geworden!

 

Beim Andenken an diesen Garten, der die Bitterkeit des Verlustes durch die Freude des Wiedersehens versüßte, fällt mir, liebe Christen, ein anderer Garten ein, der an Pracht und Schönheit, an Wohlgeruch und Duft alle Gärten der Welt, ja selbst das Paradies übertrifft. Maria, sagt der heilige Hieronymus, ist ein Garten aller Wohlriechenden Tugenden, und der heilige Evodius nennt sie den Lustgarten Gottes und der Menschen. Darum wollen wir sie heute begrüßen: Maria, mein Garten, und sie bitten, uns darin eine Biene sein zu lassen.

Garten, Biene, dies sei der doppelte Gegenstand unserer frommen Betrachtung!

 

Maria ist der Garten Gottes. Alle Großen und Mächtigen der Erde bauen sich Paläste zur Wohnung und legen sich daneben Gärten zum Vergnügen an. Dies finden wir so von unserer Zeit an bis hinauf zum König Salomo, von dem es in der heiligen Schrift heißt: Ich unternahm große Werke, ich baute mir Paläste, legte Lustgärten an und pflanzte darin Bäume von allerlei Art. Auch der allerreichste Gott machte es so; nachdem er die Welt erschaffen, spricht die heilige Schrift, hatte sich Gott der Herr einen Lustgarten gepflanzt und er setzte hinein den Menschen, den er gebildet hatte. – Der himmlische Bräutigam Jesus Christus und seine Braut, worunter die christliche Seele zu verstehen ist, haben auch ihren Lustgarten, wohin sie sich gegenseitig einladen. So ruft der Bräutigam: Komm in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut, und sie ladet ihn ebenfalls ein: Es komme mein Geliebter in seinen Garten. Hld 1. Was muss das für ein herrlicher Garten sein, in dem Christus die liebende Seele so gerne hat und sich auch so gerne von ihr finden lässt? - - Die Geisteslehrer nennen vorzüglich drei: diese sichtbare Welt, die wie ein Garten so wunderschön dasteht und so prächtig erblüht, und deren Wiesen, Fluren und Auen, deren Wälder, Seen und Berge uns laut die Allmacht und Güte Gottes verkünden; die heilige Schrift, in der ebenso viele prachtvolle Bäume und duftige Blumen stehen, als sie Sprüche und Worte enthält und worin der betrachtende Christ leicht fühlen kann, was David sagt: Verkostet und seht, wie überaus süß der Herr ist; endlich das Paradies, aber vor seinen Pforten steht ein Cherub mit flammendem Schwert, der keinen vor dem Tod hineinlässt und darum sagt der heilige Paulus, kein Auge hat die Blumen dieses Gartens gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, welche Herrlichkeit und Pracht darin der Herr denen bereitet hat, die ihn lieben.

 

Doch all diese drei Gärten sind eigentlich keine Gärten Gottes; denn was kann diese irdische Welt dem Herrn für eine Freude sein, das Vergängliche dem Unvergänglichen! die Erde kann nur dem Erdenkind ein Garten der Lust und Wonne sein. Auch die heilige Schrift ist nicht für ihn, sondern für unsere unsterbliche Seele ein Lustgarten, solange sie im Kerker dieses Leibes gefangen liegt, findet sie darin Licht für den Verstand, Kraft für den Willen und Trost für das Herz. Das Paradies schließlich hat Gott auch nicht für sich selbst zugerichtet, denn wie er von Ewigkeit hat ohne Himmel sein können und nur in sich selbst die vollkommenste Freude findet, so bedarf er auch in Zukunft des Himmels nicht, um selig zu sein, er hat ihn nur allein denen bereitet, welche ihn lieben, wie Jesaja und Paulus sagen.

 

Und doch hat Gott, dessen Freude es ist, bei den Menschenkindern zu sein, sich nicht vergessen; er hat sich auch einen Lustgarten gepflanzt, den er selbst beschreibt mit den Worten: Ein verschlossener Garten bist du, Schwester, meine Braut, ein verschlossener Garten! Und der heilige Bernhard, der diese göttlichen Worte betrachtet, lässt den Herrn also sagen: Maria, meine geliebteste Braut, diese ist mein einziger und eigener Garten, Maria, das alleredelste Geschöpf, sie habe ich mir von Ewigkeit her zu meiner Wonne erwählt und in der Zeit zu meinem Lustgarten bereitet, der mir gehört, alle anderen schenke ich euch, die Welt, die Schrift, der Himmel gehören euch, sie stehen euch offen, lustwandelt darin und macht sie euch zu Nutzen; aber Maria ist mein Garten, und all seine Blüten und Blumen gehören mir!

 

Was für Früchte aber bringt dieser Garten Gottes? Diese Frage beantwortet der himmlische Bräutigam selbst: Dein Gewächs ist ein Paradies von Granatäpfelbäumen mit der Frucht ihrer Äpfel, mit Cypern, Narden und Safran, mit Casien und Zimmet, mit allen Bäumen des Libanon, mit Myrrhe und Aloe und allen königlichen Salben. Diese Frage beantwortet Maria, indem sie ihre Früchte nennt, aber jeder eine solche Eigenschaft beifügt, die alle Erdengewächse weit übertrifft: Ich trage Cedern, doch nicht gewöhnliche, sondern wie sie stehen auf der Höhe des Libanon; ich trage Cypressen, aber keine gemeinen, sondern wie sie wachsen auf dem Berge Sion. Ich trage Palmen, aber wie die zu Cades; ich trage Rosenstauden, aber wie die zu Jericho; ich trage Ölbäume, aber schöne auf dem Feld. Ich gebe einen Geruch von mir, aber wie der lieblich riechende Zimt und Balsam. Meine Äste habe ich weit ausgebreitet wie die Terebinthe, aber sie sind Zweige der Ehre und der Gnade. Ich habe süße, wohlriechende Früchte hervorgebracht wie der Weinstock, aber meine Blüten sind Früchte der Zucht und Ehrbarkeit. – Diese Frage beantwortet der heilige Geist durch den Mund der Elisabeth: Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus Christus! – Nun ist´s genug, liebe Christen, einen herrlicheren Garten kann es auf der Erde und im Himmel nicht mehr geben. Ein Garten, den Gott hervorgebracht, ist wahrhaftig ein Garten Gottes, dessen Erdreich niemals der allgemeine Fluch getroffen: Nur Disteln und Dornen soll es dir tragen, sondern von dem ewig des Psalmisten Wort gilt: Du, o Herr, hast dein Erdreich gesegnet und gebenedeit!

 

Doch, liebe Christen, steigt euch bei der Betrachtung dieses göttlichen Gartens nicht ein Zweifel auf, weil ihn der Herr seinen verschlossenen Garten nennt und der Prophet Ezechiel von der Tür desselben sagt: Diese Pforte soll geschlossen und nicht geöffnet sein und niemand soll durch sie gehen, weil der Herr Gott Israels durch sie eintrat, so soll sie wegen des Fürsten geschlossen bleiben? Ez 44,1. Nein, denn der gütige Gott selbst nimmt uns diese Furcht, indem er jenem reichen Patrizier gleicht, der sich zu Rom einen wundervollen Garten herrichten, mit einer hohen Mauer umgeben und das Tor verschließen ließ. Über dem Tor aber standen mit großen goldenen Buchstaben die Worte: Für mich und meine Freunde!

Maria ist zwar der Garten Gottes, aber jeder Christ, der Jesus und Maria liebt, kann mit Recht sagen: Maria ist auch mein Garten, über den der Herr dieselbe Aufschrift gesetzt hat: Für mich und für jene, die meine und meiner Mutter Freunde sind! – Sie selbst ruft uns zu: Kommt her zu mir alle, die ihr mein begehret, und sättigt euch an meinen Früchten, denn mein Geist ist süßer als Honig und mein Besitz über den süßesten Honigseim!

Eilen wir daher hin, liebe Christen, in unseren Garten wie die himmlische Taube, der heilige Geist, von dem Jesaja 11,1 sagt: Ein Reis wird hervorkommen aus der Wurzel Jesse und eine Blume aufgehen aus seiner Wurzel und der Geist des Herrn wird darauf ruhen, gehen wir hin, wie der Sohn Gottes, der aus diesem Garten zu Nazareth, das eine blühende Blume heißt, seine menschliche Natur angenommen; fliegen wir hin gleich der Biene in den Blumengarten, um Honig zu holen und Wachs zu bereiten.

 

Die heilige Kirche spricht zu Christus von der heiligen Jungfrau und Märtyrin Cäcilia diese schönen Worte: Deine Dienerin Cäcilia dient dir wie eine fleißige Biene; wohl aus dem Grund, weil diese Heilige eine so große Liebhaberin der geistigen Blumen der Tugenden war. O möchten auch wir alle diesen Anspruch verdienen und auch uns die Stelle der heiligen Schrift gelten: Die Biene ist zwar schwach und klein, aber ihre Frucht hat den Vorzug unter den Süßigkeiten. Wer zeigt der Biene den Weg in den Garten, fragt der heilige Bernhard und antwortet: Ein doppelter Wegweiser, die Schönheit des Gartens ruft sie, das eigene Verlangen treibt sie. – Maria, mein Garten, ist von Himmelsduft durchweht und schöner, als das Paradies, denn dort blüht die Cypresse der Gottesfurcht und die Narde der Liebe, dort wächst der Balsam der Reinigkeit und die Cinamone heiliger Betrachtung, dort grünt die Myrrhe der Abtötung und die Aloe eines vollkommenen Lebens!

 

O eile hin in diesen Garten, christliche Seele, wie die Biene fliege von einer Blume der Tugend zur anderen und sauge den Honig daraus, um deine Seele zu nähren und dein Leben dem der allerseligsten Jungfrau ähnlich zu machen. – Der heilige Anselmus erzählt, dass ein Diener Mariens die fromme Sitte hatte, täglich unsere liebe Frau durch ein Gebet an die fünf Freuden zu erinnern, die sie auf Erden gehabt. Er meinte dadurch ihr die Schmerzen zu versüßen, die ihr die fünf Wunden ihres Sohnes unter dem Kreuz gemacht. Als dieser Mensch dem Tod nahe war, fürchtete er sich sehr zu sterben, da erschien ihm Maria und sagte zu ihm: Du hast so oft meine Freuden betrachtet, nun sollst du auch ohne Schmerzen sterben! Und überfließend von Trost schlief er ein, wie ein Kind im Arm seiner Mutter. Das war eine liebe Biene, die im Leben ihrem König Christus nachflog in seinen Lustgarten und sich dort durch oftmalige andächtige Betrachtung auf die Blumen der Schmerzen, der Freuden, der Tugenden Mariens setzte, aber dafür auch im Tod einer solch großen Gnade gewürdigt wurde.

 

Die Biene ist reinlich und befleckt und beschmutzt die Blume nicht, aus der sie saugt; daher ist auch die Furcht ihrer Mühe und Arbeit ein reines Wachs. Auch in dieser Hinsicht sollen wir den Bienen gleichen und die unbefleckten Blumen unseres jungfräulichen Gartens Maria durch keine freiwillig lässlichen Sünden, noch viel wenige aber durch Todsünden verunreinigen. Wenn wir mit schuldlosem Gewissen Maria dienen, wenn wir mit aufrichtigem Herzen, reiner Meinung und edler Absicht sie verehren, dann wird auch die Frucht unserer Andacht und Liebe ein reines Leben sein und unsere Herzen werden gleich Wachskerzen zur Ehre der heiligen Jungfrau brennen und sich verzehren im Dienst derjenigen, die wir jetzt und immer mit Freude begrüßen: Maria, mein Garten! – Amen.

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16. Maiandacht - Maria, meine Arznei

 

Stelle dir, lieber Christ, im Geist einen Menschen vor, der niedergedrückt durch die Last seiner Jahre und durch eine schwere Krankheit dem Tod nahe gebracht auf dem Schmerzenslager ruht. Sein Übel ist von der Art, dass ihn die Ärzte aufgegeben haben; er liegt bleich und abgezehrt, elend und verlassen in seinem Bett; der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn, er ächzt und stöhnt; sein Blick ist zum verscheiden, sein Atem zum auslöschen, Hände und Füße sind erkaltet, das Herz hat alle Empfindung verloren, kaum gibt er mehr ein Lebenszeichen von sich. – Wenn du nun einen Menschen in einem solch hilflosen, armseligen Zustand erblicken und dann sehen würdest, wie er plötzlich frei von aller Krankheit sich erhebt, wie er mit einem mal jugendlich frisch, heiter und gesund sein Schmerzenslager verlässt, könntest du da nicht denken, es wäre ein Engel aus dem irdischen Paradies gekommen und hätte ihm die Frucht vom Baum des Lebens gebracht, die Gesundheit, Stärke und Jugend wiedergibt? – Wer die Welt gesehen, die seit viertausend Jahren jenem alten, in den letzten Zügen liegenden Mann glich, wie sie auf einmal sich in frischer Kraft verjüngte, der könnte auch mit Recht die Frage stellen, ob ihr nicht vom Himmel herab eine unverhoffte Hilfe und Arznei gekommen sei, die in so kurzer Zeit so heilsam gewirkt habe. Fragst du mich, lieber Christ, wer der Welt diese heilsame Arznei gegeben habe, so antworte ich: das hat Maria getan. Der heilige Andreas von Jerusalem bezeugt es in seiner Rede über die Verkündigung Mariens. An diesem Tag, schreibt er, hat der göttliche Werkmeister aller Dinge sein Werk, das er von Ewigkeit in seinen Gedanken gehabt, vollkommen gemacht und vollendet; am heutigen Tag nimmt die Welt eine neue Gestalt an; die altersschwache, ohnmächtige Welt fängt wieder an, geistlicher Weise jung zu werden und ihr sündhaftes Alter zu verlieren.

 

Wie dortmals Maria die Welt verjüngte, so ist sie jetzt immer noch eine Arznei für alle Krankheiten des Leibes und der Seele, was die heilige Kirche durch den Titel bestätigt, den sie ihr vertrauensvoll gibt: Heil der Kranken!

 

Maria ist eine Mutter der Barmherzigkeit nach göttlicher Bestimmung und nach ihrem eigenen Willen. Um barmherzig zu sein, bedarf sie aber ein Elend. Gibt es aber eine Lage, die trauriger wäre, und ein Weh, das bitterer schmerze, als die Krankheit? Eines der größten Güter des menschlichen Lebens ist die Gesundheit und den Verlust derselben vermögen weder ein Königsthron noch Indiens Schätze zu ersetzen. Deshalb zieht es das erbarmungsreiche Herz der Muttergottes wie ein Magnet an die Kranken und es gibt keinen Leidenden, der sich an sie in seinen Schmerzen wendet, ohne Linderung und Heilung zu empfangen. – Maria stand am Krankenbett ihrer Eltern Joachim und Anna und drückte ihnen beiden liebend die Augen im Tod zu. Maria stand am Schmerzenslager des heiligen Joseph, und gepflegt von ihrer Hand und bewacht von ihrer Liebe ging er hinüber in die Ewigkeit. Maria stand am Totenbett ihres Kindes, am Kreuz Jesu Christi und ließ den Sohn nicht ohne seine Mutter sterben. – In jenen Augenblicken, die ihren Augen die bittersten Tränen entpressten und ihrem Herzen die tiefsten Wunden schlugen, wurde sie zum Heil der Kranken, zur heilsamsten Arznei herangezogen, wie die laue Luft des Lenzes und warmer Frühlingsregen die Blumen und Blüten aus der Erde rufen. Ebenso schön, als wahr sind die Worte des heiligen Philipp Neri: Gebet den Kranken als Arznei die Liebe zu Maria ein und ihr siecher Leib wird wunderbar gesunden. – Was hilft eine irdische Arznei, wenn Maria sie nicht segnet, ruft der heilige Vinzenz von Paul, und wie traurig ist ein Krankenbett, an dem das Vertrauen zu Maria nicht zu finden ist! Dies Vertrauen aber kann, ja muss den Kranken geben die Lehre der Kirche, die Aussprüche der heiligen Väter und besonders die zahllosen Beispiele von Heilungen der Kranken durch die Fürbitte Mariens.

 

Als der heilige Alphonsus durch übermäßige Anstrengung im Predigen sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und dem Tod nahe war, brachte man ihm die heilige Wegzehrung. Nachdem er Jesus in der heiligen Kommunion empfangen, wollte er auch die Mutter besitzen und so in den Armen Jesu und Mariens sterben. Er bat, dass man vor seinem Bett das Bild der Muttergottes von der Erlösung, bei deren Altar er sein Gelübde gemacht und seinen Degen aufgehangen hatte, aufstellen möge. Man brachte ohne Verzug das wunderbare Bild. So wie er es sah, konnte er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten. So groß war seine Freude, dass man hätte sagen mögen, er sähe gleichsam um sich herum bereits in Erfüllung gehen, was er für die Ewigkeit hoffte. Er überließ sich den Ausbrüchen seiner Liebe und Zärtlichkeit, sein Herz schien sich zu erweitern, sein Gesicht strahlte, es freute ihn, jetzt beim Hingang aus diesem Leben von derjenigen, die ihn berufen und aus dem Weltgetümmel geleitet, empfangen zu werden. Aber nachdem ihn Maria getröstet, erhielt sie ihn. Man sah von diesem Augenblick an alle Anzeichen des Übels verschwinden und bald war er wieder hergestellt. – Wie hier Maria die Krankheit hinweggenommen, so ist sie allen, die sie vertrauensvoll anrufen, eine Arznei, die stets heilsam ist, eine Arznei, die immer wirkt. So verschieden die Angesichte der Menschen sind, so dass man selten oder nie eine vollständige Ähnlichkeit findet, ebenso verschieden sind auch die menschlichen Krankheiten. Und doch gibt es keine Art eines Übels, keine Gattung von Krankheit, die nicht schon durch die Fürbitte Mariens hinweggenommen worden wäre. Durch sie erlangten Blinde ihr Gesicht und Stumme die Sprache wieder; durch sie bekamen Lahme den Gebrauch ihrer Glieder und Taube das Gehör. Verwundete und Aussätzige, Fieberkranke und Gichtbrüchige fanden in ihr die heilende Arznei. Mehr als zweitausend Menschen sahen vom Berg aus, auf dem das Kloster Horta in Spanien lag, wie man dem seligen Franziskaner Salvator einen von Geburt aus stummen Menschen vorstellte. Salvator befahl ihm vom Mitleid bewegt, das Ave Maria zu beten. Der versuchte es ein und zwei Mal, aber seine Zunge bewegte sich nicht. Beim dritten Mal steckte Salvator seine Finger in den Mund des Stummen, ergriff die Zunge und sprach: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes sage Ave Maria. Sogleich antwortete der Stumme: Ave Maria und betete nun den englischen Gruß ohne Anstand zu Ende; der Unglückliche konnte von dieser Stunde an sprechen. Unaussprechlich war sein Dank an Maria und von einem solch tausendfachen Dank geben Zeugnis die zahllosen Weihegeschenke und Votivbilder an den Gnadenorten der Muttergottes. Jedes Weh des Körpers, jeder Schmerz des Leibes findet dort einen Ausdruck des Dankes für eine wunderbare Heilung. Doch nicht bloß einzelnen Christen, auch ganzen Städten, Ländern und Gegenden ist Maria von jeher eine heilsame Arznei in Pestkrankheiten und allgemeinen Seuchen gewesen. Davon wissen unter tausend anderen Beispielen die Städte Soissons und Chartres und Rom zu erzählen, die alle wunderbar auf Mariens Fürbitte von der verheerenden Pest befreit wurden.

 

Umso erhabener die Seele über den Leib ist, umso schmerzlicher sind die Leiden des Geistes, als die des Körpers. Außer Gott weiß aber niemand die Seele besser zu schätzen, kennt niemand mehr ihren Wert, als die Mutter desjenigen, der durch sein ganzes Leben auf Erden sein Wort am Kreuz bewahrheitete: Mich dürstet nach dem Heil der Menschen, mich verlangt, die Seelen zu retten! – Maria wird daher vom heiligen Johannes Damaszenus mit Recht die Arznei für alle Schmerzen des Herzens genannt. Sie ist es, die durch ihren Trost jedes Seelenleiden lindert oder es durch ihre Fürbitte hinwegnimmt; sie ist es, von der der heilige Vinzenz Ferrerius sagt, dass sie keines ihrer Kinder weinen sehen kann; sie ist es, die nach dem Ausspruch des heiligen Bernhard die Seelenleiden am liebsten heilt, weil sie selbst an der Seele am meisten gelitten hat.

 

Die selige Margaretha, eine Jungfrau aus dem dritten Orden des heiligen Dominikus, war auch ein geliebtes Kind der gebenedeiten Gottesmutter. Sie hatte ihre Taufunschuld durch keine Sünde befleckt, desungeachtet wurde sie mit dem Gedanken gepeinigt, dass sie der Gnade Gottes ganz unwürdig und beraubt sei. Sie hatte Tag und Nacht keine Ruhe, ihre Seele geängstigt bis zum Tod war der Verzweiflung nahe. Sie konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen; ihr Körper zehrte bis zum Skelett ab und all ihre Glieder zitterten. Sie äußerte selbst oft, die Peinen der Hölle könnten nicht furchtbarer sein. Da warf sie sich einst in der Nacht auf ihre Knie und rief unter einem Strom von Tränen die Muttergottes an, das Heil der Kranken. Und siehe, ihre Tränen rührten Maria, sie erschien ihr und sprach: Ich heile dich, meine Tochter, an Leib und Seele, und gebe dir die Versicherung, dass mein Sohn dir alle Sünden deines Lebens vergeben hat. Und als sie verschwunden, war Margarethens Geist völlig gesund. Ihre tiefbetrübte Seele fühlte keinen Kummer mehr; alle Unruhe, Sorge und Angst war vorüber und ein solch seliger Frieden, eine solch himmlische Ruhe kehrte in ihrer Brust ein, dass sie mehr einem Engel glich, der die Freuden des Paradieses genießt, als einer Pilgerin, die durch dieses Tränental zieht.

 

Nicht immer aber nimmt Maria die Krankheiten des Leibes und der Seele hinweg, wenn man sich bittend an sie wendet; und doch ist sie auch in diesem Fall, wenn es Gottes Wille nicht ist, dass wir gesund werden, unsere Arznei, lindernd durch die Süßigkeit ihres Trostes, heilsam durch die Entstehung der Geduld, kräftig durch die Vermehrung der Verdienste, segensreich durch die Erwerbung einer glücklichen Sterbestunde, so dass wir alle mit dem heiligen Bernhardin von Siena sagen können: Maria ist immer und überall meine Arznei!

Der selige Joachim Piccolomini aus dem Servitenorden litt an einem furchtbar schmerzlichen Übel viele Jahre mit wahrhaft heldenmütiger Geduld. Endlich wollte Maria, die in dem langen Leiden stets sein Trost gewesen, ihren Diener nicht länger mehr unbelohnt lassen. Sie erschien ihm in einer Nacht in wunderbarer Schönheit und reichte ihm zwei Kränze dar; einen von purpurroten Rosen zum Lohn der durch lange Krankheit und vieles Leiden ausgestandenen Marter, den anderen von blendend weißen Lilien, seine durch das ganze Leben unversehrt bewahrte Reinigkeit zu schmücken. Sie sprach zu ihm: Nun sollst du auf immer getröstet werden, komme in jene Herrlichkeit, die ich dir von meinem göttlichen Sohn erbeten habe und zwar darfst du sterben an dem Tag, an dem mein Jesus am Kreuz vollendete! – Und der selige Joachim schied vom himmlischen Lichtglanz umflossen am heiligen Karfreitag aus dieser Welt, eben als die Sänger in der Kirche die Worte sangen: Er neigte das Haupt und gab den Geist auf. Amen.

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17. Maiandacht - Maria, mein Weg

 

Wenn wir eine weite Reise zu machen haben, die uns durch einen dichten Wald führt und wenn wir plötzlich die Spur des Weges verlieren und nicht mehr wissen, wohin wir unsere Schritte lenken sollen, um wieder die rechte Bahn zu finden, überfällt uns große Angst und eine Verlegenheit, die sich von Minute zu Minute steigert und unsere Sinne gänzlich verwirrt. Tritt dann noch die Nacht ein, deren Dunkelheit uns jedes weitere Vorwärtsschreiten fast zur Unmöglichkeit macht, so erreicht unsere traurige Lage den höchsten Grad und bringt uns fast zur Verzweiflung. Wenn aber plötzlich mitten in der Qual eines peinlichen Suchens der Himmel sich erhellt und vom klaren Mondlicht beleuchtet auf einmal der rechte Weg sich zeigt, welch eine Freude in diesem Augenblick das Menschenherz durchzieht, ist zu beschreiben unmöglich. Alle Angst ist vergangen, alle Beklommenheit vorbei, alle Müdigkeit vorüber und, wie wenn nichts geschehen wäre, wird mit leichtem Herzen und frohem Gemüt der Weg betreten, der in das Vaterhaus führt und in die ersehnte Heimat bringt.

 

Ist dies, liebe Christen, nicht das Bild des menschlichen Lebens, dessen Straßen so oft sich kreuzen und im Dunkel der Versuchungen, in der Nacht des Unglücks sich verlieren? Ach, wie oft verirren wir uns vom rechten Weg und lenken ab von der Bahn der Tugend, verlieren die Spur des Pfades, der zur Seligkeit führt! – Wenn dann das himmlische Licht der göttlichen Vorsehung uns erleuchtet und uns den sicheren Weg zeigt, wie glücklich fühlen wir uns da und wie selig!

 

Als der fromme Gerson die Stelle betrachtet: Sohn, siehe hier deine Mutter! ruft er aus: Du, o Jesus, bist unser himmlischer Wegweiser, indem du uns deine Mutter zeigst, durch die wir zu dir nach Hause finden. Maria ist also der Weg, der sicherste, untrüglichste Weg zu Jesus und zum Himmel!

 

Der göttliche Heiland sagte einst: Niemand kommt zum Vater außer durch mich; und der heilige Bernhard fügt hinzu: Niemand kommt zum Sohn, außer durch Maria. Wie der Erlöser sagen konnte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, so kann auch Maria sagen: Ich bin der Weg, der zu Jesus führt.

 

Nur auf diesem Weg werdet ihr wieder zu eurem Feldherrn gelangen, sprach Robert von Hauteville zu den Soldaten des berühmten Tankred, des Helden der Kreuzzüge, als sie im Kampf gegen die Sarazenen von dem übrigen christlichen Heer getrennt wurden. Mit diesen Worten kann man den Soldaten Jesu Christi zurufen, die im Kampf für das ewige Heil so oft durch die Sünde von ihrem himmlischen Feldherrn abirren und geschieden werden: Nur auf diesem Weg könnt ihr wieder zu Jesus gelangen und dieser Weg ist kein anderer, als Maria, über die der heilige Bonaventura ganz entzückt ausruft: Sie ist der Weg, der uns zu Jesus Christus führt.

 

Den Weg gehen wir am öftesten, den wir am meisten lieben; ihn suchen wir immer wieder auf und gehen ihn stets mit neuem Vergnügen und nie wird er uns überdrüssig. – Wenn wir mit aufrichtigem Herzen die allerseligste Jungfrau verehren, so werden wir ihr stets nachgehen und auf dem Pfad ihrer Liebe wandeln. Dadurch wird aber unsere Liebe und Andacht zu Maria so stark werden, dass sich an uns der Ausspruch des heiligen Anselmus erfüllt: Wer die Mutter liebt, den liebt auch der Sohn, und wir werden in dem Maße uns Jesus nähern, als die Verehrung zu Maria in uns wächst und zunimmt.

 

Worte bewegen, Beispiele reißen hin; kann es aber außer Gott ein erhabeneres Beispiel der Tugend geben, als Maria? Wenn uns nun die Betrachtung ihrer Heiligkeit zu ihr hinzieht und uns mit unwiderstehlicher Gewalt hinreißt, ihrem Beispiel nachzufolgen, so werden wir täglich tugendhafter, vollkommener, Gott ähnlicher werden. Dies aber ist der Magnet, der Jesu Herz anzieht und wir kommen so auf diesem Weg zu Jesus.

 

Ein wahres Sprichwort heißt: Der gerade Weg ist der beste. Die Liebe zur Muttergottes ist der Weg, der ohne Seitenwege, ohne Nebenstraßen, ganz gerade zu seinem Ziel, zu Jesus führt. Dieses Ziel ist eine göttliche Bestimmung, darum bleibt es unverrückt, unveränderlich und ewig. Der gerade Weg ist aber immer auch der kürzeste und darum kommt man durch Maria am schnellsten zu Gott. Verehre die heilige Jungfrau, sagt der heilige Bernhard, und in kurzer Zeit wirst du der Freund Jesu Christi sein. Nichts bringt schneller zu Jesus, spricht der heilige Ephräm, als die Liebe zu seiner gebenedeiten Mutter.

 

Durch die im Jahr 44 nach Christus ausgebrochene Verfolgung wurde die heilige Jungfrau gezwungen, mit ihrem Pflegesohn Johannes nach Ephesus zu fliehen. Die Küsten von Kleinasien, mit reichen Städten besät, im Schmuck einer üppigen Vegetation und ringsum mit einem von zahllosen Schiffen nach allen Richtungen durchfurchten Meer umgeben, hätten wohl gewöhnlichen Verbannten eine reichliche Entschädigung dargeboten für die hohen, steilen Berge von Palästina; aber es ist sehr zu bezweifeln, dass sie der heiligen Jungfrau so erschienen: die Schritte des Gottmenschen hatten dieses Zauberland nicht geheiligt und hier waren nicht die Gräber ihrer Väter. Wie oft folgten Maria und Magdalena unter einer Platane am Gestade des schönen Ikarischen Meeres sitzend, dessen Wellen über einen schmalen sandigen Uferrand hin die Myrrthengebüsche um sich her bespülten, mit sehnsüchtigen Blicken einer griechischen Galeere, deren Kiel gegen Syrien hin gerichtet war, und gedachten des Heimatlandes! – Sie erinnerten einander an die reinen Schneegipfel des Libanon, an die bläulichen Höhen des Karmel, an die frischen Gewässer des Sees Tiberias; die Gegenden des fernen Vaterlandes gingen, verschönert durch die Abwesenheit, an ihrer Seele vorüber und schienen ihnen tausendmal vorzüglicher, als das reiche, heitere Ionien.

Auch wir, liebe Christen, sehnen uns als verbannte Kinder Evas nach unserem wahren Vaterland, dem Himmel; und unser Verlangen ist umso heißer, je größer das Feuer der göttlichen Liebe in unserem Herzen brennt und mit seinem Licht das Elend der Welt und die Schönheit des Himmels uns beleuchtet. – Aber gerade das ist der Grund, warum es uns hindrängt zu Maria, die nach den Worten des heiligen Athanasius jede Sehnsucht stillt. Sie ist der Weg, der nicht bloß zu Jesus bringt, sondern auch in den Himmel führt, der nicht allein auf Erden die Seele mit ihrem Heiland verbindet, sondern sie auch im Jenseits mit ihm auf ewig vereint. Gleichwie die heilige Jungfrau bald darauf aus dem Land der Fremde wieder in die Heimat nach Jerusalem kam und von einem Engel über ihren Tod benachrichtigt einging in die ewige Freude des Himmels, so wird sie auch unser Engel sein, der uns in den Himmel führt, wenn wir sie andächtig verehren und mit beharrlicher Liebe ihr dienen, wenn wir den Weg ihres Beispiels gehen und uns wie sie nach der himmlischen Heimat sehnen. Merkwürdig ist der Ausspruch des heiligen Gregor von Nikomedien, den wir uns tief ins Herz prägen sollen: Willst du selig werden? Liebe Maria. Willst du ewig leben? Liebe Maria. Willst du in den Himmel kommen? Liebe Maria. Sie ist der Weg, der in den Himmel führt.

O wie glücklich sind wir Christen daher zu preisen, dass wir in Maria einen Weg zu Jesus haben, einen Weg in den Himmel wissen und unser Dank gegen Gott dafür soll nur mit unserem Leben enden! – Maria hat ihr göttliches Kind aus dem Land Ägypten glücklich und unversehrt wieder in das heimatliche Nazareth zurückgeführt; Maria hat ihren Sohn Jesus, nachdem sie ihn zu Jerusalem drei Tage lang verloren hatte, wieder nach Hause zurückgebracht, ebenso führt sie uns, ihre geistigen Kinder, aus dem fremden Land der Sünde zu Jesus, aus der Verbannung dieser Welt in das Vaterland des Himmels. Wie ruhig starb Magdalena, wie kostbar war ihr Ende, welch ein heiliger Tod schloss ihr die Augen, um sie auf ewig dem Licht des Himmels zu öffnen, in dem wir sie nun als ebenso große Heilige verehren, wie sie auf Erden ein Muster der Reue und Buße gewesen! – Und warum? – Weil sie Maria, gleichwie Ruth ihre Schwiegermutter Noemi, nicht verließ, ihr nachging Schritt für Schritt, nur ihre Wege ging, nur ihre Straßen zog. Und dieser Weg führte sie zu Jesus und in den Himmel, wie er auch jetzt noch alle Sünder dahin führen wird, die mit aufrichtiger Reue und festem Vertrauen sie erkennen und begrüßen: Maria, mein Weg!

 

In einer großen Stadt Frankreichs lebte ein Mann vierzehn Jahre lang in den schwersten Sünden und führte ein gottloses Leben. Da begegnete er eines Tages auf der Straße einer Frau von reizender Gestalt und hingerissen von ihrer Schönheit folgte er ihr in die Kirche nach, in die sie eintrat. Sie war ihm bald unter der Menge, die die Kirche füllte, aus den Augen verschwunden, er sah nichts mehr, aber er hörte, wie eben der Prediger von der Kanzel die Worte sprach: Wirf, o Mutter Maria, einen Blick des Erbarmens auf diese Herde und befindet sich ein verirrtes Schäflein darunter, ach, so beschwöre ich dich, sei ihm du der Weg, der es wieder zu Jesus führt und in den Himmel bringt!

 

Diese Worte drangen wie ein feuriger Pfeil tief in die Seele des armen Sünders. Wie verzweifelt verließ er die Kirche, seine fürchterliche Lage trat grauenhaft vor sein geistiges Auge, er hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr und nach einem wochenlangen Kampf eilte er zu dem Priester, um aufrichtig zu beichten und sein Leben für immer zu bessern. Amen.

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18. Maiandacht - Maria, meine Speise

 

Der griechische Kaiser Andronikus II. trug gewöhnlich ein Marienbild am Hals- Es war von Gold und so klein, dass er es in den Mund nahm, als er vom Tod überrascht wurde, weil er keine andere Wegzehrung erhalten konnte. In herrlicher Weise sinnbildet uns diese Geschichte den Gruß, womit wir heute Maria voll Andacht und Liebe begrüßen: Maria, meine Speise!

 

Der Mensch besteht aus Leib und Seele; beide bedürfen der Nahrung, um sich zu erhalten; wenn dem Körper die Speise fehlt, so verliert er seine Kraft, er wird ohnmächtig und schwach; ebenso wenn dem Geist die Nahrung mangelt, verschwindet seine Lebendigkeit und Frische, er wird träge und erlahmt. Für beide ist daher die Speise unumgänglich notwendig, so notwendig, dass sie ohne Nahrung gar nicht sein können. Es gibt aber auch keine innigere und unauflöslichere Verbindung als diejenige, die zwischen der Speise und dem, der sie isst, stattfindet. Die Speise vermischt sich so mit dem Menschen, dass sie alle Teile seines Körpers durchdringt, in Fleisch und Blut übergeht und seine Kräfte stärkt und vermehrt. Es kommt daher alles darauf an, welche Nahrung der Mensch wählt, da sie sowohl auf seine Seele, als auf seinen Leib den größten Einfluss übt.

 

Um euch diese Wahl zu erleichtern, liebe Christen, will ich euch heute Maria als leibliche und geistige Speise schildern, die Seele und Leib gleich kräftig nährt und stark macht, ohne zu sinken, den weiten Weg durch dieses Leben in die Ewigkeit zu gehen.

 

Wenn man den heiligen Bruder Klaus von der Flüe fragte, von was er sich nähre, antwortete er: Von der heiligen Kommunion. Und es war in der Tat so, volle zwanzig Jahre genoss er keine andere Speise. Aus diesem und so vielen anderen Beispielen, eines heiligen Gerasimus, einer heiligen Katharina von Siena und anderer sehen wir deutlich, dass die heilige Kommunion nicht bloß eine Nahrung für die Seele, sondern auch eine Speise für den Leib ist, indem sie ihn nährt, stärkt und kräftigt. Wenn der heilige Apostel Paulus viele Krankheiten und Schwachheiten des Leibes dem unwürdigen Genuss dieses Gnadenbrotes zuschreibt, so kann daraus mit Sicherheit geschlossen werden, dass der würdige Empfang desselben dem Leib lebensfrische Kraft verleiht und die Stärke der Gesundheit. – Klemens, Bischof von Alexandria, schreibt in seinen apostolischen Satzungen, dass diese hochheiligste Speise zum Heil und Nutzen der Seele und des Leibes dargereicht werde; und Thomas von Kempis spricht in seiner Nachfolge Christi: So groß ist zuweilen die Gnade dieses hochwürdigsten Geheimnisses, dass nach dem Maß der Andacht des Empfängers nicht bloß der Geist, sondern auch der schwache Leib empfindet, dass seine Kräfte bedeutend zugenommen haben. – Das Manna in der Wüste ist ein Vorbild des allerheiligsten Sakramentes; wie jenes die Leiber der Israeliten bewahrte, sagt Tostatus, dass keine Krankheit sie ergriff, so dient dieses gesegnete Brot zum Heil und Leben des ganzen Menschen und ist zugleich ein Heilmittel und ein Sühnopfer für die leiblichen und geistigen Krankheiten.

 

Das heiligste Altarsakrament aber ist das wahre Fleisch und Blut Jesu Christi; und was ist es noch? – das wahre Fleisch und Blut Mariens, aus der der göttliche Heiland seine menschliche Natur angenommen hat. – Als Laban hörte, dass Jakob der Sohn seiner Schwester gekommen, lief er ihm entgegen und umarmte ihn und küsste ihn und sagte: Du bist mein Gebein und Fleisch! – Mit mehr Recht kann die jungfräuliche Mutter Maria zu Christus sagen: Du bist mein Gebein und Fleisch! – Du bist derjenige, sagt der heilige Ambrosius von Jesus, der du von deinen heiligen, gebenedeiten Fleisch der Welt das Leben gibst, welches Fleisch aus dem heiligen und glorwürdigen Leib der allerseligsten Jungfrau Maria genommen worden. Und der heilige Augustin sagt: Das Fleisch Jesu ist das Fleisch Mariens und es ist, obwohl es durch die glorreiche Auferstehung groß gemacht worden, doch eben jenes Fleisch verblieben, das aus Maria empfangen worden ist. Noch deutlicher aber spricht dieser heilige Kirchenlehrer in seiner Erklärung des 98. Psalms: Christus hat von dem Fleisch Mariens sein Fleisch angenommen und dieses Fleisch hat er, uns zum Nutzen, zu essen gegeben. – Es ist daher die Ermahnung des heiligen Ignatius ganz richtig: Bedenke, o Christ, dass, so oft du kommunizierst, du mit dem Leib des Herrn auch das Fleisch seiner heiligen Mutter genießt und vereinige demnach mit dem Dank an Jesus auch den an Maria. – Das Blut, das nach der heiligen Kommunion in deinen Adern fließt, ist also nicht bloß das Blut dessen, der es am Stamm des heiligen Kreuzes für dich dahingegeben hat, es ist auch das Blut Mariens, von der es Jesus empfangen hat. Das Fleisch, das du in der heiligen Kommunion empfängst, ist also nicht allein das Fleisch Christi, der aus Liebe zu dir Fleisch geworden ist, sondern auch das Fleisch derjenigen, von der es Jesus angenommen hat. Mithin ist Maria wahrhaft und wirklich deine Speise, deine leibliche Speise, deine Speise, die den Leib kräftigt und stärkt. Wenn daher Liebe zur heiligen Jungfrau in deinem Herzen wohnt, o Christ, wenn du ihr aufrichtig und wahrhaft ergeben bist, dann muss es dich oft und oft hintreiben zu Gottes Tisch, weil du ja weißt, dass du dort auf eine solch innige Weise dich mit Maria vereinigen kannst, wie die Speise mit dem sich verbindet, der sie genießt. Jede wahre Liebe strebt nach Vereinigung; beweise daher die Echtheit der Liebe zu Maria durch oftmaligen, würdigen Empfang der heiligen Sakramente; zeige sie während dieser Maiandacht, in der die heilige Kirche allen denen, die reumütig beichten und andächtig kommunizieren, einen vollkommenen Ablass verleiht.

 

Wenn der heilige Bernhard das betrachtende Gebet die Speise der Seele nennt, so ist die andächtige Betrachtung des Lebens der heiligen Jungfrau, ihrer Freuden und Schmerzen, ihrer Liebe und Barmherzigkeit, ihrer Gnaden und Wunder eine geistige Speise. Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt, sprach Christus, und deutete mit dieser Rede an, dass auch die Seele einer Nahrung bedarf. Diese Seelennahrung aber ist die Betrachtung, diese nährt den Geist, stärkt das Gemüt, kräftigt die Seele. Nach Gott aber findet die christliche Biene, sagt die heilige Brigitta so schön, in keiner Blume so viel und so süßen Honig, als in der Himmelsblume Maria. Wer sie mit inniger Liebe betrachtet und die Worte und Handlungen ihres heiligen Lebens durchgeht, der wird mit dem Bräutigam im hohen Lied sagen müssen: Ich kam in meinen Garten, meine Braut, um den Honig deiner Rede zu essen, um den Wein deiner Liebe zu trinken; der wird gleich ihm allen christlichen Seelen zurufen müssen: Esst, Freunde, und trinkt und berauscht euch, ihr Lieben! – Die Muttergottes lädt uns mit folgenden Worten ein: Kommt her zu mir alle, die ihr mich begehrt und sättigt euch von meinen Früchten! Ihre Früchte aber beschreibt sie selbst, indem sie sagt: Bei mir ist alle Gnade des Wandels und der Wahrheit, bei mir alle Hoffnung des Lebens und der Tugend. Wie reich wird daher die Seele, die bittend sich an Maria wendet, wie gesättigt der Geist, der sich auf den Schwingen der Andacht und Liebe zu ihr erhebt, wie kräftig genährt das Gemüt, das oft im Gebet sie betrachtet! – Darum betrachteten auch die Heiligen Tag und Nacht die allerseligste Jungfrau und nährten durch diese geistige Speise ihre Seele. Und gerade die erleuchtetsten und gelehrtesten unter ihnen taten dies am meisten, woraus wir mit Recht schließen können, dass Maria wahrhaft die Seele nährt und stärkt, dass sie wahrhaft eine geistige Speise sei. – Das große Licht unserer Kirche, der heilige Bonaventura, hatte immer Maria im Herzen; sie war sein erster Gedanke, wenn er aufstand, an sie dachte er bei seinen Studien und Beschäftigungen, mit ihr begab er sich zur Ruhe. Was er selbst tat, das riet er auch andern. Alle Augenblicke, das sind seine Worte, gedenkt der allerseligsten Jungfrau. Das riet auch ein anderer ebenso gelehrter Diener der Muttergottes, der heilige Johannes Damaszenus, mit den Worten: Lasst uns unser Gedächtnis zu einer Wohnung der Jungfrau machen! Auch der ehrwürdige Bernhardin de Bustis sagt: Das Andenken an die Jungfrau habe immer in deinem Herzen und bei deinen Werken.

 

Wie schmerzend der Hunger ist, das wissen jene am besten, die mit Nahrungssorgen zu kämpfen haben und denen oft das Notwendigste fehlt. Aber auch wir können auf die Größe dieses Schmerzes schließen, wenn wir bedenken, dass viele aus Hunger gestorben sind und aus Mangel an Nahrungsmitteln den Tod gefunden haben. Bei der Belagerung Jerusalems, erzählt Flavius Josephus, soll eine Mutter aus Hunger ihr eigenes Kind geschlachtet und verzehrt haben. Was ist aber stärker, als das Gefühl der Mutterliebe, und dennoch wurde es von der Macht des Hungers, von dem Verlangen nach Speise überwunden. – O wie glücklich sind daher wir, liebe Christen, dass wir stets, wenn wir auch noch so arm und bedürftig sind, in Maria eine Nahrung haben, eine Speise, die den Leib stärkt und dem Körper immer frische Kraft verleiht! Wie die Seelenleiden stets peinlicher sind, als die des Körpers, so leidet auch der Geist mehr, wenn ihm die Nahrung gebricht, als der Leib. Und auch in dieser Hinsicht stillt Maria unseren Hunger, indem die Betrachtung ihrer Schönheit, Liebe und Macht eine immerwährende Speise für unseren Geist ist.

 

Als einst der heilige Dominikus mit vierzig Brüdern im Kloster zu Bologna wohnte, geschah es, dass die Almosen sammelnden Brüder nur zwei Brote heimbrachten. Es war also große Not vorhanden. Doch der Heilige verlor den Mut nicht und nahm zu seinem gewöhnlichen Hilfsmittel die Zuflucht; er betete inbrünstig zur göttlichen Mutter Maria und befahl darauf den Brüdern, sich zu Tisch zu setzen. Die zwei Brote lagen auf dem Tisch; er nahm sie, schnitt und verteilte die Stücke und siehe, jeder Bruder erhielt so viel, dass er sich sättigen konnte und danach blieb noch mehr Brot übrig, als anfangs dagewesen.

 

Diese zwei wunderbaren Brote vereinigen sich in Maria, die eine leibliche und geistige Speise, eine Nahrung für den Leib durch die heilige Kommunion, eine Nahrung für die Seele durch die Betrachtung ist. Diese Speise vermehrt sich immer und geht niemals aus, so dass jeder Christ, der Maria von Herzen liebt, stets sie mit den Worten begrüßen kann: Maria, meine Speise! Amen.

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19. Maiandacht - Maria, mein Schild

 

Wenn man bei den Juden einen König krönte und salbte, so hat man auch zugleich dessen Schild gesalbt, um anzuzeigen, dass gleichwie der Schild der König unter den Waffen ist, ebenso ein König auch für seine Untertanen ein Schild sein soll. Als David von seinem Sohn Salomo redet, nennt er ihn einen Schirmer seines Volkes und einen Schild seiner Untertanen und sagt, dass er durch seinen Schirm die Seinigen trösten und mit Heil und Glück erfüllen, dass er besonders ein Schild derjenigen sein werde, die sonst von allen verlassen sind, und ein mächtiger, starker Schutz der Elenden und Schwachen. Hier sind die drei königlichen Eigenschaften ausgesprochen und weil der König der Gerechtigkeit, wie der heilige Anselmus sagt, Maria zur Königin der Barmherzigkeit bestimmte, weil nach dem Ausspruch des heiligen Chrysostomus der König Himmels und der Erde Maria zur königlichen Schirmfrau der Christenheit bestellte, so finden wir in ihr diese Eigenschaften in einer Weise, dass wir sie mit dem heiligen Johannes Damaszenus mit vollem Recht begrüßen können: Maria, mein Schild!

 

In dem silbernen Schild des Königs Alphons von Aragonien befanden sich drei goldene Rosen und in dem Schild, womit die Himmelskönigin ihre Untertanen mütterlich beschützt, leuchten im wunderbaren Glanz drei Tugenden, die Liebe, Sorgfalt, Macht, drei königliche Eigenschaften, eine große Liebe zu denen, die sie beschirmt, eine unermüdete Sorgfalt für die, die ihr vertraut sind und eine starke Macht gegen die Widersacher ihrer Schutzbefohlenen.

 

In der geheimen Offenbarung wird eine Stadt beschrieben, die nach der Anschauung mancher Geisteslehrer ein Sinnbild der triumphierenden und streitenden Kirche zugleich ist. Sie wird erleuchtet durch das Licht der heilsamen Lehre unseres Erlösers und umgeben von den Ringmauern des festen Glaubens der christlichen Kirche. Die zwölf Pforten bedeuten die Hirten und Lehrer, die uns auf den rechten Weg des wahren Glaubens führen; die zwölf Grundfesten der Mauern sind die zwölf Apostel. Das Gold, womit die Stadt gepflastert ist, sinnbildet die gegenseitige Liebe der Christen; die Quelle frischen Wassers, die die Stadt durchfließt, die heiligen Sakramente; die Bäume, die das ganze Jahr blühen und Früchte tragen, die gottseligen Christen, die durch ihre Tugend stets die Kirche erbauen. Der heilige Johannes sah aber auch eine erhabene majestätische Frau, die ihre Augen unverwandt auf die Stadt und ihre Bewohner richtete und deren Antlitz einen Lichtglanz ausstrahlte, dessen Lieblichkeit die Augen aller Tag und Nacht unwiderstehlich fesselte. Sie ist das Bild der hochgebenedeiten Mutter des Herrn und ihrer unaussprechlichen Liebe, die sie zur Kirche hat. – Nicht umsonst heißt es: In den Augen ruht das Herz, denn die Liebe des Herzens kann man aus nichts besser erkennen, als aus den Augen. Wenn wir daher die Augen der hochgebenedeiten Gottesmutter sehen, wie sie diese unverwandt auf die christliche Kirche gerichtet hält, so müssen wir erkennen, dass sie in ihrem Herzen eine große Liebe zur Kirche trägt. Sie liebt die Kirche auch, weil sie eine Mutter dessen ist, der das Haupt der Kirche ist; weil sie eine Mutter aller Kinder ist, die durch die Kirche zur Seligkeit berufen sind; weil sie die tugendhaften Seelen, die sich durch die Gnade ihres Sohnes und durch ihre Fürbitte in der christlichen Kirche befinden, viel besser erkennt und weiß. Aus diesen Gründen liebt Maria die Kirche mit einer Liebe, die mit nichts auf Erden zu vergleichen ist, so dass der heilige Petrus Damiani sagt: Es wäre der größte Wahn zu glauben, dass Maria, obgleich sie nun ganz und gar in Gott versunken und gleichsam göttlich geworden ist, deshalb das Wohl der christlichen Kirche auf Erden vergessen habe. Ihre Liebe, die sie in Erhaltung, Aufsuchung und Förderung des Heils derselben offenbart, ist wunderbar und unaussprechlich. Keine Lage und Bedrängnis, kein Rang und Stand, keine Ordnung der Kirche ist von ihrer mütterlichen Liebe ausgeschlossen. Dieser Trost gründet sich auf das Verhältnis der Liebe, die Maria für Jesus fühlt. Der Sohn bewilligt alles aus Liebe zu seiner Mutter, die Mutter begehrt alles aus Liebe zu ihrem Sohn; der Sohn will, dass alle Gnaden, die er seinen Kindern erteilt, ihnen wegen seiner Mutter zugesagt und gegeben werden, die Mutter liebt ihre Kinder wegen ihres vielgeliebten Sohnes, der sie mit seinem kostbaren Blut erkauft hat; der Sohn übergibt seiner Mutter alle Gewalt über seine christliche Kirche, die Mutter trägt, um ihrem vielgeliebten Sohn wohlzugefallen, die zärtlichste Liebe zur christlichen Kirche. O wunderbares Band! O goldener Schild, der mit Mutterliebe die Kirche schirmt, schützt und bedeckt!

 

Die Arche Noahs, die der allmächtige Gott zu bauen befahl und die dortmals sowohl die einzige Kirche, als das erste Schiff war, ist immer für ein Sinnbild der Kirche gehalten worden, in der die Rettung, während außerhalb von ihr das Verderben ist, gleichwie es bei der Arche der Fall war. Deshalb befahl auch der heilige Papst Clemens in seinen apostolischen Satzungen, dass alle Kirchen in der ganzen Christenheit in Gestalt eines Schiffes erbaut werden sollten. Deshalb findet man in den Schriften der heiligen Väter sehr häufig den Vergleich der Kirche mit einem Schiff und der heilige Gregor der Große führt dieses Bild weiter aus. Die Kirche, sagt er, ist jenes Schiff, dessen Steuerruder der heilige Petrus und seine Nachfolger regieren. Die zahllose Menschenmenge, die von allen Ständen und Würden auf dem Schiff sich befindet, bedeutet das ganze christliche Volk. Über dem Schiff sieht man in einer leuchtenden Wolke den himmlischen Vater, umgeben von Millionen englischer Geister. Bei dem Mastbaum steht der Erlöser; zu seiner Site der heilige Geist, der durch sein sanftes Wehen das Schiff in Bewegung setzt. Auf dem Kiel weilt die Mutter Gottes, immer wachsam das Schiff vor jeder Gefahr, vor jedem Unfall zu beschützen. – Es ließen sich wohl noch mehr Ähnlichkeiten zwischen der Kirche und einem Schiff finden, aber es reicht hin zu sagen, dass kein Schiff auf dem Meer größeren Gefahren und Stürmen ausgesetzt sei, als die christliche Kirche auf dem wildbewegte Ozean dieser Welt. Die Stürme, die ihr den Untergang drohen, sind die bösen Geister der Lüfte; die Wogen, die sie zu verschlingen trachten, sind die zehn Verfolgungen der Kirche, unter denen die letzte die furchtbarste war, gleichwie nach der Schiffer Meinung immer die zehnte Woge die gewaltigste und gefährlichste ist; die Klippen sind die Irrgläubigen, die durch geheime Anschläge den Frieder der Kirche zu erschüttern suchen; die Seeräuber sind die Ungläubigen, die so viele herrliche Länder dem Licht des Evangeliums geraubt haben und sie mit dem Schatten des Todes bedecken; die Sandbänke sind die Strafen Gottes: Krieg, Pest, Hunger und Not, die oft lange Zeit die Ausbreitung des Christentums verhindern.

Nur Gott weiß es, wie oft das Schiff der Kirche auf Sand aufgefahren und von den Stürmen verschlagen worden; wie oft es in den Wogen untergegangen und an den Klippen zerschellt; wie oft es von den Seeräubern geplündert worden wäre, wenn die heilige Jungfrau das Schiff nicht erhalten und durch ihre Fürbitte bei Gott aus allen Gefahren errettet hätte! – Sie ist das Auge, das immer wacht; ihre Sorgfalt ruht niemals; ihrer Sorgfalt entgeht nichts; ihre Sorgfalt beobachtet alles. Darum begrüßt sie auch der heilige Johannes Damaszenus als den heiligen Anker, an den wir alle Hoffnungen unseres angefochtenen Schiffes hängen, und der heilige Ephräm als den sicheren Hafen derjenigen, die Schiffbruch zu leiden in Gefahr sind.

Es war am 7. Oktober 1571, als die Seeschlacht bei Lepanto, im ehemaligen Meerbusen von Korinth, geschlagen wurde. Die Seemacht der Türken ruderte stolz gegen die weit geringere Flotte der christlichen Fürsten heran in der Absicht, sie zu umzingeln und zu vernichten. Die Christen hatten einen harten Stand, denn ihnen war der Wind entgegen und die ihnen zugewandten Sonnenstrahlen blendeten und hinderten sie, die Bewegungen der Türken zu beobachten. Kaum aber hatten die Gläubigen durch eifrige Gebete zu Maria den Beistand des Himmels angefleht, so nahm der Wind plötzlich eine andere, den christlichen Schiffen günstige Richtung; eine Wolke, die gleichzeitig aufstieg, verbarg die Strahlen der Sonne und so wurde es möglich, die feindlichen Bewegungen und Pläne genauer zu erspähen. Das Gefecht begann und die Christen vernichteten die türkische Flotte gänzlich. Wie hier Maria den Schild ihrer mütterlichen Sorgfalt vor das christliche Heer gehalten, so hält sie ihn beständig über das Schiff der heiligen Kirche, das umso sicherer die Fluten der Welt durchsegelt, als ihr Schild auch ein Schild der Macht und unüberwindlichen Stärke ist.

Der ehrwürdige Abt Rupertus sagt, dass der Turm Davids ein Bild der großen Gewalt und Stärke der Mutter Gottes sei, die sie in der Beschützung der christlichen Kirche beweist. Es hat auch dieser Turm in geistiger Beziehung ungemein viele Ähnlichkeit mit der heiligen Jungfrau. David hat ihn erbaut, nachdem er die Jebusäer überwunden hatte und der Erlöser hat seine geliebte Mutter zum Schild der christlichen Kirche erhoben, nachdem er den alten Feind besiegt und unter seine und ihre Füße gebracht hatte. David hat alles aufgewendet, um diesen Turm zum vollendeten Kunstwerk zu machen; der Herr hat nach den Worten des heiligen Bernhard Maria zu einem Wunder Himmels und der Erde gebildet; David hat seinen Turm auf einen hohen Felsen gebaut und stark befestigt, und der göttliche Heiland hat Maria also erhöht, dass sie von allen Engeln und Menschen betrachtet werden kann und ihr solche Macht und Stärke verliehen, dass sie allen Feinden der christlichen Kirche Furcht und Schrecken einzujagen vermag. David hat in seinem Turm eine Rüstkammer von allerlei Waffen und Wehren aufgerichtet und der Erlöser machte aus seiner Mutter einen Turm zur Beschirmung der christlichen Kirche, eine starke Schutzwehr gegen jeden Angriff, ein unüberwindliches Bollwerk gegen alle Feinde.

 

Es kann daher die heilige Kirche mit vollem Recht von Maria sagen, was der Bräutigam im Hohenlied von seiner Braut sagt: Du bist wie ein Turm Davids, der mit Schutzwehren gebaut ist; tausend Schilde hängen daran, die ganze Rüstung der Starken; und voll Zuversicht und Vertrauen mit dem heiligen Bonaventura beten: Seitdem ich die Liebe, die Sorgfalt und die Macht der heiligen Jungfrau kenne, ist mir für das Schifflein der Kirche nicht mehr bange. Wenn auch die Stürme der Verfolgungen noch so heftig sind und die Zahl der Feinde noch so bedeutend ist, Maria ist der undurchdringliche Schild, der die Kirche deckt und schirmt, Maria ist nicht bloß die Hilfe der ganzen Christenheit, sie ist auch der Schutz jedes einzelnen Christen, Maria ist mein Schild! Amen.

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20. Maiandacht - Maria, meine Perle

 

Einst sprach der göttliche Heiland zu seinen Jüngern: Das Himmelreich ist gleich einem Kaufmann, der gute Perlen sucht. Wenn er eine kostbare Perle gefunden hat, geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft sie. Wie nah, liebe Christen, liegt der Vergleich dieser kostbaren Perle mit Maria, für die der Herr selbst den Thron seiner Glorie und die Rechte seines Vaters, den schönen Himmel mit all seinen Herrlichkeiten verlassen hat, um sie für sich als Wohnung auf Erden zu erwerben, als irdische Mutter zu gewinnen!

 

Es gibt nicht leicht etwas Kostbareres und Wertvolleres als eine echte Perle und auch aus diesem Grund gleicht sie der Muttergottes, deren Preis unschätzbar und deren Wert unermesslich ist. Der heilige Methodius nennt sie daher eine himmlische Perle und jeder Christ, der die heilige Jungfrau liebt und verehrt, hat wie er das Recht, sie zu begrüßen: Maria, meine Perle!

 

Diesen Titel zu unserem Trost und zu unserer Freude tiefer zu begründen, lasst uns heute, liebe Christen, die Perle näher betrachten und zwar ihr Werden und ihren Wert, indem wir diese zwei Eigenschaften auf die allerseligste Jungfrau Maria beziehen.

 

Die Perlen entstehen und nähren sich vom Tau, wie die alten Naturforscher meinten, weshalb die Perlmütter ihre Schalen himmelwärts öffnen, als wollten sie von dort die Tautropfen erflehen, die die kühle Luft zur Zeit der Morgenröte hinabsenkt. Was hier die Ansicht früherer Zeiten war, das ist Wahrheit bei dem Werden der heiligen Jungfrau, bei der Empfängnis Mariens, die so rein und unbefleckt war, wie der kristallene Tau des Himmels. Derjenige, der die Engel des Himmels vor dem Unglück bewahrte, in den Sturz ihrer empörten Brüder verwickelt zu werden, hat gleicherweise die Königin der Engel vor dem allgemeinen Verderben der Menschen geschützt und zu Maria gesagt, wie Ahasverus zu Esther: Dies Gesetz, das jedermann halten soll, ist nicht für dich gemacht. Derjenige, der aus Maria seine menschliche Natur annahm, konnte unmöglich zugeben, dass seine Mutter jemals unter der Knechtschaft der Sünde stand. Derjenige, der Maria schon im Paradies bestimmte, dass sie der Schlange den Kopf zertrete, musste sie vor der Erbsünde bewahren, damit der Teufel niemals sagen konnte, sie sei auch nur einen Augenblick ihm unterworfen gewesen. Darum scheinen die Worte Salomos ganz von dem Werden unserer himmlischen Perle gesprochen zu sein und passen ewig schön für die unbefleckte Empfängnis Mariens: Der Herr hat mich besessen im Anfang seiner Wege, ehedenn er etwas gemacht hat, von Anbeginn. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von alters her, ehedenn die Erde geworden. Die Tiefen waren noch nicht, und ich war schon empfangen; die Wasserquellen brachen noch nicht hervor, der Berge gewaltige Last stand noch nicht und vor den Hügeln wurde ich geboren. Darum sprechen alle heiligen Väter einstimmig und ausdrücklich von dem fleckenlosen Werden der heiligen Jungfrau. Ephräm sagt: Maria stammt aus Adams Geblüt. Wohl! Folgt aber daraus, dass sie mit dem Blut auch dessen Krankheit geerbt hat? – Sie leitet von ihm ihr Leben ab, aber darum nicht auch den Tod. Justin der Martyrer nennt Maria die reinste Vermittlerin der menschlichen Erlösung; der heilige Irenäus heißt sie: ein neues Geschlecht in der neuen Weltordnung; der heilige Hippolyt rühmt sie als die unbefleckte Sachwalterin zwischen Gott und den Menschen; zu Gunsten der unbefleckten Empfängnis Mariens lehrt ein Origenes; ein Cyprian steht hierfür ein; ein Athanasius verteidigt sie; für sie erhebt Leo seine Kraftstimme und erglüht Basilius; sie nimmt Epiphanius in Schutz und beweist Augustinus; sie erklärt Hieronymus und erläutert Ildephonsus; von ihr redet Ambrosius und über sie ergießt sich des Chrysostomus goldener Mund; von ihr schreibt des Bernhardus in Honig getauchte Feder und für sie bemüht sich Idiota und für sie tritt Anselmus in die Schranken und triumphiert Hugo von St. Viktor; sie behandelt Thomas von Aquin und für sie ist Duns Scotus ganz begeistert. – Derjenige, der haben wollte, dass sein Leib in eine reine Leinwand gewickelt, dass sein Leichnam in ein neues Grab gelegt werde, in dem noch niemand ruhte, wird gewiss auch nur eine reine, niemals von der Sünde befleckte Stätte zu seiner Wohnung gewählt haben. Überhaupt ist der Glaube von der unbefleckten Empfängnis Mariens von jeher so allgemein und so tief ins Herz des christlichen Volkes gedrungen gewesen, dass die Erhebung dieses Geheimnisses zum Glaubenssatz durch Papst Pius IX. den Glauben daran nur bestätigen, aber nicht mehr vermehren konnte. Es heißt: Die Stimme des Volkes, die Stimme Gottes und der heilige Apostel Paulus sagt zu den Korinthern: Ihr seid ein offen daliegender Brief Christi, gefertigt von uns, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern in fleischerne Tafeln des Herzens. – Und von diesem Buch oder Brief der christlichen Herzen redet auch die göttliche Majestät selbst beim Propheten Jeremias: Ich will geben mein Gesetz in ihr Inneres und in ihr Herz will ich es schreiben. Ja darin, liebe Christen, darin stand und steht es ewig eingeschrieben, in dem Herzen des christlichen Volkes: das Privilegium Mariens, das Geheimnis ihrer unbefleckten Empfängnis! – Und ich bin fest überzeugt, dass ihr, wenn ich eine Schreibtafel herumreichte, wie einst zu Zeiten des Zacharias, um euch zu fragen, wie ihr die Gottesmutter am Tag ihrer Empfängnis genannt haben wollt, alle miteinander ausrufen würdet: Gnade ist ihr Name, wenn auch niemand in eurer Verwandtschaft ist, der im Augenblick seiner Empfängnis diesen Namen getragen. Also aus dem kristallhellen Tau des Himmels, unberührt von der Erbschuld, unbefleckt von jeder Sünde entstand diese himmlische Perle und darum ist ihr Wert unschätzbar.

 

Der Wert der Perlen, besonders der größeren, war schon im Altertum sehr bedeutend. Die Perle, die Kleopatra in Essig auflöste und trank, soll zwölf Millionen Sesterzien wert gewesen sein. Einst soll man im persischen Meerbusen eine Perle aufgefunden haben, die man auf 460 tausend Reichstaler schätzte. Die Republik Venedig schenkte dem türkischen Kaiser eine von hunderttausend Reichstaler Wert; in der Krone des Kaisers Rudolf II. war eine Perle so groß, wie eine Birne. Doch was ist jeder, auch der größte Wert irdischer Perlen, gegen den jener himmlischen Perle, für deren Besitz auch wir alles hingeben müssen, wie der Kaufmann im Evangelium? – Ihr Wert ist so groß, dass wir ihn nur zu ahnen, aber nicht auszudrücken vermögen, ihr Wert liegt in den Worten: Maria ist Muttergottes. Der himmlische Bote selbst nannte sie so, indem er sprach: Das Heilige, das aus dir geboren werden soll, wird Gottes Sohn genannt werden. Auch der heilige Geist nannte sie so durch den Mund der heiligen Elisabeth, als sie zu Maria sprach: Wie geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Maria selbst nannte Jesus ihren Sohn; und die Apostel nennen sie mit Vorliebe die Mutter Jesu, und so nannte sie die Kirche von ihrem Anbeginn. Der heilige Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther, dass nur der bewährt ist, den der Herr lobt. Wie bewährt musste die Vortrefflichkeit der allerseligsten Jungfrau sein, da ihr Lob von Gott in nichts Geringerem bestand, als dass er sie unter allen Erdentöchtern als die einzige und vollkommenste auserkor, die Mutter seines eingeborenen Sohnes zu sein. Um Maria zu dieser Höhe zu erheben, bedurfte es des Armes des Allmächtigen, und um sie für die Erhabenheit einer so hohen Würde auszustatten, der Kraft des Allerhöchsten. Der himmlische Vater musste ihr so viele Reichtümer an Vollkommenheit geben, als einer solchen Würde angemessen war; der Sohn, die ewige Weisheit, seiner Mutter so viele Weisheit verleihen, als sich für das innige Verhältnis zwischen ihm und ihr geziemte; der heilige Geist ihr so viele Schätze der Heiligkeit mitteilen, um sie würdig zu machen, dem Heiligsten der Heiligen in ihrem Schoß aufzunehmen. Welch einen namenlosen, unaussprechlichen Wert, liebe Christen, müssen aber solche Schätze der Vollkommenheit, Weisheit und Heiligkeit verleihen! Darum ruft der heilige Bonaventura aus, Gott hätte eine größere Welt und einen geräumigeren Himmel erschaffen können; unmöglich aber war es ihm, ein Geschöpf höher zu erheben, als dass er es zu seiner Mutter machte. Dadurch allein sagt der heilige Epiphanius, dass von der allerseligsten Jungfrau gesagt wird, sie sei Muttergottes, wird alle Erhabenheit übertroffen, die nach Gott ausgesprochen oder gedacht werden kann. Und mit vollem Recht redet der heilige Basilius von Seleucia sie an: Man mag von dir, hochheilige Jungfrau, alles Erhabene und Rühmliche lobend und treffend sagen, so wird man doch niemals das Ziel der Wahrheit überschreiten, und keine Rede wird jemals die Größe deiner Würde, deinen Wert, erreichen.

 

Da wir nun das reine, fleckenlose Werden unserer himmlischen Perle geschaut und ihren unbegreiflichen Wert betrachtet haben, so lasst uns nun durch ein Beispiel aus der Kirchengeschichte begeistern, für den Ruhm und die Ehre Mariens alles zu tun und nichts zu scheuen. Im Jahr 431 war das Conzilium zu Ephesus, das die Häresie des Nestorius verdammte, der die göttliche Mutterschaft Mariens leugnete. Das Volk drängte sich am Tag, an dem der Ausspruch geschehen sollte, in unruhiger Bewegung in den Straßen und um den prachtvollen Tempel, den die Frömmigkeit der Bewohner des Küstenlandes am ikarischen Meer unter Anrufung der heiligen Jungfrau erbaut. Zweihundert Bischöfe untersuchten daselbst die Sätze des Nestorius, der nicht wagte, ihre Verteidigung selbst zu führen, so wenig traute er der Gerechtigkeit seiner Sache und der Güte seiner Beweise. Die Volksmassen, die sich dicht gedrängt in den Vorhöfen der Basilika und den nahen Straßen befanden, beobachteten ein tiefes Stillschweigen. Da erscheint ein Bischof; er verkündet der schweigenden, tief ergriffenen Menge das Anathem, das die Versammlung über den Neuerer ausgesprochen und dass die heilige Jungfrau glorreiche Anerkennung ihres erhabenen Vorrechts gefunden. Nun brach auf allen Seiten ein Freudengeschrei und Jubelsturm aus. Die Epheser und die Fremdlinge, die aus allen Städten Asiens herbeigekommen, umringten die Väter des Conziliums, küssten ihnen Hände und Kleider und verbrannten in den Straßen, durch die sie ziehen mussten, wohlriechende Kräuter. Man beleuchtete die Stadt und nie war die Freude des Volkes reiner und allgemeiner. Man glaubt, dass auf diesem Conzilium von Ephesus der heilige Cyrillus im Einverständnis mit der heiligen Versammlung, in der er den Vorsitz führte, jenes schöne und rührende Gebet an die Mutter Gottes entworfen, das die Kirche aufgenommen und womit wir zum Schluss auch unsere himmlische Perle begrüßen wollen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.

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21. Maiandacht - Maria, mein Wort

 

Aus dem im Innersten der Brust geschöpften Atem entspringt die Stimme, das Wort. Dies aber wird umso sanfter und eindringlicher sein, je besser der uns innewohnende Geist ist. Welch vortreffliche Worte wird demgemäß die Mutter des ewigen Wortes aus jener Seele hervorgebracht haben, die da voll des heiligen Geistes gewesen! Wir kennen aus der heiligen Schrift nur sieben Gelegenheiten, bei denen Maria ihren Mund zum Reden geöffnet; aber jederzeit waren es Worte des Heiles, gesprochen mit der gehobenen Stimme der Freude und der innigen Sprache der Liebe.

 

O seligste Jungfrau, das erste Mal hast du durch ein einziges sanftes Wort das Bangen der gesamten Schöpfung verscheucht; durch dein einziges: Mir geschehe, hast du jene Welt neubelebt, die Gott durch ein siebenmaliges: Es werde, ins Dasein gerufen. Und wieder war es ein Wort, das den Spiegel deiner reinen Seele im hellsten Licht zeigte: Wie soll dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? – Jene Tugend aber, die den Herrn vom Himmel in deinen Schoß zog, die Demut, bewiesest du durch das Wort: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn! – Und die Dankbarkeit entjubelte deiner Brust in den Worten: Hoch preist meine Seele den Herrn! – Einmal schlug deiner volltönenden Stimme lauter Schall an Elisabeths Ohr, es war ein Wort der Liebe und siehe, der Täufer Johannes, der getreue Wiederhall deiner Stimme und des ewigen Wortes in dir – er erwachte auf die Löwenstimme deines Sohnes zum Leben der Gnade, nachdem ihn seine Mutter im Tod der Sünde empfangen hatte. O wie liebevoll und tiefempfunden war das Wort deines Schmerzes: Sohn, warum hast du uns das getan? und wie so ganz für uns gesprochen das Wort der Belehrung: Was er euch sagen wird, das tut! Endlich hast du, damit der Wein nicht ausginge, hindeutend auf jenen Wein, von dem die Welt nachmals aus Liebe zu ihrem ewigen Heil in der heiligen Eucharistie kosten sollte, mittelst eines einzigen Fürwortes bei deinem Sohn: Sie haben keinen Wein mehr, das erste Wunder erwirkt!

 

Sei daher du, o Lehrmeisterin im Reden, Maria, mein Wort, und zwar mein Fürwort und mein Sprichwort, denn dein Name ist wirksam bei Gott, den du erbittest, und holdselig der Welt, für die du bittest!

 

Groß ist die Macht des Wortes. Auf das einzige Wort eines Königs stürzen ganze Kriegsheere in den Tod. Durch die Mannigfaltigkeit der Stimme des Redners werden auch die Gemüter der Zuhörer verschieden gestimmt. Durch den einzigen Befehl des Mose vertrocknen Meere, erweichen Felsen. Auf Josuas Geheiß bleibt das schnelle Sonnenrad augenblicklich stehen. Wie Elias seinen Mund auf- oder zumacht, öffnet sich der Himmel und schließt sich. Durch des Priesters Wort wird die Gnade, ja Gott selbst vom Himmel auf die Erde herabgezogen. Doch wenn Maria ihre Stimme erhebt, wenn ihr Wort für uns spricht, dann wird der Unüberwindliche überwunden, dann wird der Unbesiegbare besiegt. Maria ist das kräftigste Fürwort bei Gott; ihre Stimme wird stets gehört, ihre Bitte wird nie abgeschlagen; ihr Flehen wird immer erfüllt und ihre Fürsprache findet allzeit Erhörung. Daher lässt uns die heilige Kirche im Salve Regina rufen: Du bist unsere Fürsprecherin bei Gott! Daher weist sie uns hin zu Maria, wenn wir uns um unserer Sünden willen nicht zu Jesus, dem Richter der Lebendigen und der Toten, hingetrauen. – Hiob sprach einst: Gottes Zorn kann niemand widerstehen und unter ihm beugen sich, die den Erdkreis tragen. Und nun, was bin erst ich, dass ich ihm zur Rede stehe und mit meinem Mund mit ihm rede? Hätte ich auch irgendein Recht, ich würde nicht Worte wechseln. – Liebe Christen, wenn Hiob also spricht, von dem Gott selbst das Zeugnis gibt, dass zu seiner Zeit keiner auf Erden war, der ihm an Tugend und Heiligkeit ähnlich war, was müssen wir sagen, die wir so wenig Tugend und so viele Laster haben, wohin sollen wir uns flüchten, zu welchem Vertreter, zu welchem Anwalt? – Zu der Mutter, die für die Kinder beim Vater spricht; zu Maria, von der die heilige Kirche in der Himmelfahrtsmesse sagt: Deshalb, o Gott, hast du sie aus diesem Leben abberufen, damit sie bei dir für unsere Sünden vertrauensvoll bitte. Maria ist und bleibt daher unser lebendiges Fürwort am Thron Gottes, dessen Kraft die heiligen Väter uns mit den herrlichsten Worten beschreiben. Was kann wohl, fragt der heilige Bernhardin von Siena, mit der mütterlichen Fürbitte Mariens verglichen werden? Sie steht für uns flehend zur Rechten ihres Sohnes als Königin; sie ist die Tochter des Königs durch glorreiche Annahme und die Braut des höchsten Königs durch glorreiche Aufnahme und so steht sie da, um Fürbitte einzulegen gegen den Zorn des Richters. Der heilige Ephräm sagt: Maria ist gnädig denen, die sie anflehen; zu ihrem erzürnten Sohn spricht sie süße Worte, und dieser, davon gerührt, wird besänftigt. – Mit welchem Vertrauen sollen wir uns daher an Maria wenden, wenn die Sünde uns besiegt, die Leidenschaft uns überwunden und eine böse Gewohnheit zum Fall uns gebracht hat! – Wie Maria es war, die uns bisher vor dem Zorn des Allmächtigen und vor der nur zu sehr verdienten Strafe beschützte und bewahrte, so wird sie auch ferner uns mit Jesus versöhnen und unser Fürwort bei ihm sein, wenn wir reuevoll zu ihr kommen, wenn die Liebe und Andacht zu ihr uns zur Gewohnheit, zur zweiten Natur und ihr süßer Name unser Sprichwort wird.

 

Herzog Heinrich von Österreich war so ganz in den göttlichen Willen ergeben, dass er diese fromme Gesinnung auch beständig äußerte und von seinem Sprichwort den Namen Heinrich Jasomirgott in der Geschichte erhielt. – Ludwig der Reiche, Herzog von Bayern, führte immer das Sprichwort im Mund: Jesus, du freust mich! und schrieb dasselbe in allen Erlassen und Urkunden unter seinen Namen. – So sollen auch wir, liebe Christen, wenn wir wahre Kinder Mariens sein wollen, ihren Namen beständig im Mund führen; ihn auszusprechen soll uns eine heilige Gewohnheit, ihn zu nennen eine süße Pflicht der Liebe sein. Rede, damit ich dich kennen lerne, heißt es; reden wir deshalb oft von Maria, damit unsere Neigung und Gesinnung offenbar werde. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, heißt es; zeigen wir daher durch wiederholtes Sprechen von ihrer Liebe, Macht und Barmherzigkeit, durch oftmaliges Anrufen ihres heiligen Namens, dass Andacht und Verehrung zu Maria unser Inneres erfüllt.

 

Nie sprichst du umsonst den Namen Maria aus, sagt der heilige Bernhard, denn sie antwortet dir jedes Mal mit einer Gnade. Ihre Stimme durchdringt die Himmel und gleicht dem Stab des Mose, der dem Felsen Wasser entlockte. Wenn sie redet, öffnet sich aus den Wolken eine Gnadenquelle und wären sie verschlossen wie Felsenstein.

Heilige Jungfrau, vor dir sang schon Maria, die Schwester des Mose; es betete und weinte Anna, Samuels Mutter; es seufzte Esther, des Assuerus Gemahlin; es rief Judith, Bethuliens Heldin; aber deine Stimme, Maria, sie ist im Chor aller Frauen die erste und übertrifft alle anderen, wie der Gesang der Nachtigall das Gezwitscher der übrigen Vögel.

 

Vor den alttestamentlichen Altären brüllten Rinder und blökten Schafherden; es erschallten dort die Cymbeln der Jungfrauen, die kriegerischen Pauken, die Posaunen der Priester, der Festjubel des Volkes, um den Herrn zu bewegen, die Himmel zu durchbrechen und auf die Erde niederzusteigen. Aber Gott willfahrte nicht eher und ließ sich nicht früher bewegen, herniederzusteigen, als bis deine Stimme ertönte, die lauteste und ans Herz dringendste von allen.

 

Ist ja doch jene Huld auf deinen Lippen ausgegossen, mit der du Gott dem Sünder geneigt machst, mit der du den Frommen hinreißt, mit der du die Sitze der Himmelsbürger besetzt und jene der Unterwelt entleerst. – Der Hohepriester Onias hat viel für sein Volk gebetet, mehr noch Abraham für Sodoms Bewohner, die Lippen beider träufelten süß wie Honigseim, aber sie vermochten kein vollständiges Heil zu bringen, wie Maria. Ihre Stimme wird durch Bitten niemals heiser, vom Überdruss nie besiegt, von der Furcht einer abschlägigen Antwort nie geschreckt, durch die Menge der Vergehen nie aufgebracht, fährt sie fort, täglich Gnaden uns zu erbitten, wenn wir sie dadurch, dass wir sie oft rufen und andächtig nennen, zum Reden bringen und zu einer Antwort bewegen.

 

Wie die Kinder nicht oft genug den Namen Mutter aussprechen können, wie die irdische Liebe nie ermüdet, den Namen ihres geliebten Gegenstandes stets zu wiederholen, so sollen auch wir den Namen Maria zu unserem frommen Sprichwort machen, und das beste Mittel hierzu ist die fleißige Abbetung des heiligen Rosenkranzes, in dem der Name unserer hochgebenedeiten Himmelsmutter so oft vorkommt. Durch dieses Gebet werden wir den Engeln ähnlich, die unaufhörlich ihr Heilig, Heilig durch die Himmelsräume rufen, während wir auf Erden beständig Maria, Maria beten und dieses Gebet wird bewirken, dass uns die andächtige Aussprechung ihres heiligen Namens zur süßen Gewohnheit wird, die unsere Liebe und Verehrung zur heiligen Jungfrau jedes Mal vermehrt und immer neue Gnaden uns erwirbt. Der heilige Eduard, König von England, schlug nichts ab, um was man ihn im Namen Mariens bat; ebenso wenig wird der König Himmels und der Erde etwas versagen, das man im Namen seiner göttlichen Mutter erfleht. Das ist auch der Grund von der unendlichen Kraft des heiligen Rosenkranzgebetes, das die Kirche mit so vielen Ablässen bereichert und die Heiligen so oft und gerne gebetet haben.

 

Der heilige Klemens Hofbauer betete immerfort, wenn er auf der Gasse ging, in der Stille den Rosenkranz, den er zwischen den Fingern hielt. Er nannte ihn seine Bibliothek und sein kräftigstes Mittel zur Bekehrung der Sünder und besonders der Sterbenden. Wenn ich zu einem Kranken gerufen werde, sagt er, wo ich zum Voraus weiß, dass er zur Beicht nicht vorbereitet ist oder durchaus von der Beicht nichts wissen will, und bete unterwegs den Rosenkranz, so geht alles nach Wunsch und Willen, sobald ich dahin komme. Glaubt mir, die Mutter Gottes macht alles und niemand wird verlassen, der sie wahrhaft um ihre Fürbitte anruft. Einst kam er ganz ermattet aus einer Vorstadt Wiens nach Hause und erzählte, er sei bei einem Kranken gewesen, der seit siebzehn Jahren nicht mehr gebeichtet habe, aber doch sehr reuevoll gestorben sei. Ja, sagte er, da geht es schon gut, wenn einer weit in der Vorstadt wohnt, denn da habe ich unterwegs Zeit, den Rosenkranz zu beten und ich wüsste nicht, dass ein Sünder sich nicht bekehrt hätte, wenn ich vorher Zeit gehabt, den Rosenkranz zu beten.

 

O heilige Jungfrau, dein Name sei daher mein Fürwort bei deinem göttlichen Sohn und mein Sprichwort im Leben. Wie der heilige Alphonsus will ich dir versprechen, so lange ich lebe, deinen süßen Namen wenigstens jede Stunde andächtig auszusprechen, damit man auch von mir einst sagen könne, was von der heiligen Hyacintha Marescotti gesagt wurde: Der ganze Trost ihres Herzens bestand im Hören, im Anschauen und im Aussprechen dieses heiligen Namens. Amen.

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22. Maiandacht - Maria, mein Edelstein

 

Ismenias von Thebis hatte einst, wie uns Plinius erzählt, in Cypern einen wunderbar schönen Smaragd angetroffen, auf dem das Bild der schönen Amymone, der Tochter des Königs Danaus, gestochen war. Hocherfreut darüber fragte er den Kaufmann um den Preis des Edelsteines und als dieser tausend Goldstücke angab, zahlte er sie ihm sogleich. Kaum war er aber fort, als ihn der Kaufmann wieder zurückrief. Der machte sich nämlich ein Gewissen daraus, so viel für einen einzigen Edelstein begehrt zu haben und gab ihm die Hälfte der Summe wieder zurück. Darüber höchst unzufrieden, sagte Ismenias zu dem Kaufmann: Ich habe keinen guten Handel mit dir gemacht; denn das Gold, das du mir zurückgibst, wird Ursache sein, dass der gekaufte Edelstein um viel weniger geschätzt und geachtet wird.

Sollten nicht auch wir, liebe Christen, fürchten, dass die heilige Jungfrau, dieser köstliche Edelstein, dies Kleinod Himmels und der Erde, dies Bild der erhabensten Fürstin der ganzen Welt, diese erstgeborene Tochter des himmlischen Königs, nicht genug nach ihrem Wert geehrt und geachtet werde? – Ach, wie vieler Gnaden werden die Menschen beraubt, weil sie die Vortrefflichkeit dieses kostbaren Kleinodes nicht erkennen! Ach, wie große und besondere Gnaden würden uns zukommen, wenn wir uns die heilige Jungfrau in größeren Ehren zu halten befleißen und über die Güte und Allmacht Gottes, der so große Wunder in ihr und durch sie vollbracht hat, uns mehr erstaunen und verwundern würden!

Glückselig ist derjenige, der den Preis dieses göttlichen Kleinodes erkennt, ruft der heilige Bernhard aus; glückseliger derjenige, der diesen Juwel nach dem Preis, den er wert ist, ehrt; der Allerglücklichste aber derjenige, der diesen Edelstein, als seinen größten Schatz und sein einziges Gut nach Gott, besitzen kann!

 

Lasst uns daher heute, liebe Christen, die heilige Jungfrau begrüßen: Maria, mein Edelstein, und um ihren Wert immer mehr zu erkennen, mit ihr alle Edelsteine vergleichen.

Wenn wir in den Adern der Erde graben und allen Eigenschaften der Edelsteine, von der Erde gesäubert und gereinigt, nachforschen würden, so würden wir keinen einzigen kostbaren Stein finden, der nicht irgendetwas von einer Vollkommenheit der heiligen Jungfrau an sich trüge. Wenn es wahr wäre, dass die Edelsteine durch besondere himmlische Einflüsse gebildet werden, wie die Alten meinten, oder wie Sokrates bei Plato sagt, dass sie kostbare Teile, von den ewigen Felsen des Paradieses abgebrochen, seien, wer könnte dann leugnen, dass die heilige Jungfrau, die von der himmlischen Gnade gebildet worden, die Vollkommenheiten und Eigenschaften aller Edelsteine im ausgezeichnetsten Maße besitze? Wenn die Heiligen und Auserwählten Gottes, wie der heilige Johannes in seiner Offenbarung gesehen, herrliche Edelsteine sind, mit dem die heilige Stadt Jerusalem erbaut wurde, welch unaussprechlichen Wert muss dann diejenige haben, die nach ihrem Sohn den ersten und vornehmsten Platz in derselben einnimmt, und die mit mehr Gnade und Herrlichkeit als alle Auserwählten Gottes erfüllt und begabt ist?

 

Wunderbares haben die alten Naturforscher wie Plinius, Dioscorides, Albert der Große und andere von den Eigenschaften und Kräften der Edelsteine geschrieben. Wenn man auch dasselbe nicht durch die neueren Erfahrungen der Wissenschaft begründen kann, so lässt es sich doch wunderschön auf Maria beziehen und die Eigenschaften aller irdischen Edelsteine mit den Tugenden unseres himmlischen Edelsteines vergleichen; dieser Vergleich aber wird die Herrlichkeit Mariens im hellsten Glanz zeigen und unsere Liebe und Verehrung zu ihr in einer Weise steigern, dass wir außer Gott nichts für so wertvoll und kostbar halten, als die heilige Jungfrau.

 

Der himmelfarbige Hyacinth hat die Kraft, Lust und Freude zu bringen, weshalb ihn auch die Alten stets auf der Brust trugen und ihn den Herzenserleichterer nannten. Wie ist doch dieser Edelstein Maria so ähnlich, deren himmelblauer Mantel die ganze Welt liebend umfängt und deren Mutterherz alle christliche Herzen erleichtert und froh macht! – Als sich die heilige Jungfrau ihrer Base Elisabeth näherte, erfüllte Freude deren Herz, und Magdalena, untröstlich über den Verlust ihres göttlichen Meisters, hörte beim Anblick Mariens zu weinen auf und fand in der Nähe dieses Mutterherzens den verlorenen Frieden und die Freude am Leben wieder. Darum nennt der heilige Epiphanius Maria die wahre Freudenbringerin. Als sich zum heiligen Vinzenz von Paul einst einer seiner Schüler weinend flüchtete, weil ein herbes Weh seine Brust beklemmte und tiefer Schmerz seine Seele durchdrang, so führte ihn der Heilige, ohne ein Wort zu sagen, in die Kirche zum Muttergottesaltar und ließ ihn niederknien vor ihrem heiligen Bild. Wenn dich die nicht wieder froh macht, sagte er, dann wirst du es nicht mehr. Und kaum hatte der Betrübte gebetet, so war er heiter, wie nie in seinem Leben.

 

Der glänzende Diamant ist gut wider das Gift, weshalb ihn die Alten zur Zeit ansteckender Krankheiten und pestartiger Seuchen häufig gebrauchten. Es gibt aber kein tödlicheres Gift, als die Sünde, besonders die Unkeuschheit, die Leib und Seele zugleich mordet. Hier aber ist Maria der heilkräftige Diamant, dessen reiner, fleckenloser Glanz Liebe zur heiligen Reinigkeit einflößt und dessen feurige Strahlen den Teufel der Unzucht vertreiben. Daher stimmen alle Geisteslehrer überein, dass es kein kräftigeres Mittel gegen die unreinen Versuchungen gibt, als die Verehrung der heiligen Jungfrau und besonders jene drei Ave Maria am Morgen und am Abend zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariens gebetet. Das Andenken an die Jungfrau aller Jungfrauen erweckt jungfräulichen Sinn; die Anrufung der Unbefleckten vertreibt die bösen Begierden und sie, die selbst rein war von jedem Schein einer Sünde, erwirbt uns die standesmäßige Keuschheit und bewahrt sie uns.

 

Der lichte Karfunkel besitzt die Eigenschaft, die Nacht und Finsternis zu erleuchten, aber nur die irdische; die geistige Nacht erhellt Maria, als die Mutter des wahren Lichtes, das da jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt. Der heilige Ildephons begrüßt sie als die Leuchte der Völker und der heilige Anselmus als das Licht der Irrenden und Ungläubigen. Die heilige Gertrudis sah in einem Gesicht, wie Maria, als man sie in der Litanei als die weiseste Jungfrau anrief, ein himmlisches Licht über alle ausgoss, besonders aber über jene, die, wie es im Lobgesang des Zacharias heißt, in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Für sie ist Maria ein lichtstrahlender Karfunkel, der sie wunderbar erleuchtet und die Dunkelheit des Irrtums und Zweifels vertreibt. So ließ sich einst ein lutherischer Kavalier zum Schein oder aus Vorwitz in die Bruderschaft Mariataferl in Österreich unter der Enns eintragen und schrieb mit eigener Hand seinen Namen in das Register. Aber von dieser Stunde an hatte er keine Ruhe in seinem Gewissen mehr, bis er zum heiligen katholischen Glauben zurückgekehrt war. Sein leiblicher Bruder kam später an den Wallfahrtsort, erzählte den ganzen Verlauf der Bekehrung seines Bruders und unterzeichnete die Urkunde zum Zeugnis seiner Aussage.

 

Der grüne Jaspis hat die Macht, die bösen Geister zu vertreiben. Vor wem aber, liebe Christen, hat der Teufel mehr Furcht, als vor Maria, von der es im Paradies schon hieß, sie werde der Schlange den Kopf zertreten? Sie ist also für uns der hoffnungsgrüne, vertrauenerweckende Jaspis, der den bösen Feind in die Flucht jagt und all seine listigen Anschläge vereitelt. Darum ruft der heilige Alphonsus: Selig der, der immer im Kampf mit der Hölle den schönen Namen Maria anruft! –

 

Im blauen Saphir wohnt die Eigenschaft, die Andacht zu vermehren. Man pflegte ihn daher den heiligen Stein zu nennen und noch jetzt tragen die Päpste solche Steine; wird ein neuer Kardinal erwählt, so schickt ihm der heilige Vater einen Saphir, um ihn dadurch zu jener Tugend und Heiligkeit zu ermahnen, die sich für seine hohe Würde geziemen. Willst du in der Vollkommenheit von Stufe zu Stufe steigen, so liebe Maria, die der heilige Bernhard die Leiter zum Himmel nennt und die für uns der geistige Saphir ist, der die Tugend in uns kräftigt und vermehrt. Wer von uns fühlt sich nicht im Andenken an Maria, kniend vor ihrem Bild, betend vor ihrem Altar andächtiger, versammelter, ergriffener, als irgendwo; wer fühlt im Gebet zu Maria nicht die Andacht, Liebe und Verehrung zu ihr mächtig wachsen und zunehmen? – Das lehrt uns die Erfahrung und das bestätigen uns die Heiligen, unter denen der heilige Antonius sagt: Maria ist sowohl die Quelle, als die Vermehrerin der Andacht.

 

Der feurige Amethyst flößt Liebe ein und hat die Gabe, dass der, der ihn trägt, sich den Fürsten und Königen angenehm macht. Das Mutterherz Mariens ist ein Feuer, das alle erwärmt, die sich ihm nahen; ich bin die Mutter der schönen Liebe, heißt es von ihr in der heiligen Schrift; sie bringt also in der Seele ihres Verehrers die Liebe hervor, sie ruft im Herzen ihres Dieners die Liebe wach, sie flößt sie ein, weshalb es wahr ist, was der heilige Augustin sagt: Verlangst du nach Liebe, dann gehe zu Maria! Gleichwie der göttliche Heiland den toten Jüngling von Naim wieder erweckte, weil dessen Mutter bei ihm war, so empfängt der Herr liebreich die Seele und gewährt gerne ihre Bitten, bei der er Liebe und Andacht zu seiner göttlichen Mutter bemerkt.

 

Der funkelnde Smaragd besitzt die Eigenschaft, den Menschen keusch zu machen. Ja, man sagt sogar, dass dieser Edelstein in Stücke zerspringt, wenn man gegen die Reinigkeit fehlt. Er soll auch zu großem Reichtum verhelfen. Auch hierin gleicht dieser Edelstein ganz Maria, denn wer sie liebt, bleibt rein und ein reines Herz ist selig, weil es Gott anschauen wird; ein reines Gewissen ist glücklich, weil es kein größeres Glück auf Erden gibt; ein reines Gemüt ist reich, weil sein Frieden der größte Schatz auf Erden ist. Als die heilige Hedwig von Polen, die die Muttergottes auf ganz besondere Weise ehrte und liebte, freiwillige Armut sich wählte, von allen irdischen Dingen sich los machte, Not und Entbehrung ertrug, da wurde sie einst wegen ihrer Dürftigkeit bedauert. Sie sprach aber mit heiliger Begeisterung, indem sie auf ein Marienbild zeigte: Warum bemitleidet ihr mich, der größte Reichtum ist mir geblieben, ich kann und darf ja Maria lieben! –

 

Ja du, o allerseligste Jungfrau Maria, bist mein Edelstein, dessen Feuer der Liebe nie erlöscht, dessen Glanz der Herrlichkeit nie vergeht und dessen Farbe der Heiligkeit ewig nie matt wird! Himmelfarbiger Hyacinth bringe Lust und Freude in mein Herz und halte fern von mir jedes Gift, du glänzender Diamant! Vertreibe die Nacht ringsum, du lichter Karfunkel, und jage den Satan von mir, du grüner Jaspis! Vermehre die Andacht, blauer Saphir, mache mich angenehm deinem göttlichen Sohn, feuriger Amethyst, und erwirb mir, funkelnder Smaragd, die standesmäßige Keuschheit! Amen.

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23. Maiandacht - Maria, mein Gebet

 

Eine fromme Legende erzählt, dass ein heiliger Einsiedler in seiner Klause ein Vöglein hatte, das er herzlich liebte und dem er die Worte: Ave Maria lehrte, weil er die Himmelskönigin besonders verehrte. Einst flog das Vöglein aus, und als es sich in die Lüfte erhob, sah es ein Geier, der wütend darauf losstürzte. Das geängstigte Vöglein schrie aber aus voller Kehle: Ave Maria! Und siehe, der Geier entfloh und das Vöglein war gerettet.

 

In dieser Sage liegt eine tiefe Wahrheit, liebe Christen; der höllische Geier, der böse Feind, flieht die Seele, die zu Maria betet. Die ganze Macht der Hölle entkräftet ein einziges Ave Maria, sagt der heilige Bonaventura, und der Teufel nimmt eiliger die Flucht, wenn er den Namen Maria hört, als wie der Blitz aus den Wolken herniederfährt, spricht der heilige Hieronymus. Es liegt dies in der Natur der Sache, da dem unreinen Geist nichts verhasster sein kann als die reinste der Jungfrauen, und dem Satan die Erinnerung an Maria ein Gräuel sein muss, die gleich ihrem göttlichen Sohn sein Reich zu zerstören berufen ist. Im Gegenteil aber geht daraus klar hervor, wie angenehm den Engeln und Gott das Ave Maria sein müsse, da es diejenige begrüßt, die die Freude des Himmels ist.

 

Welche Aufmunterung für uns liegt hierin, liebe Christen, wenn wir beten, Maria zum Gegenstand unseres Gebetes zu machen! Ein solches Gebet durchdringt die Wolken des Himmels, während es die Pforten der Hölle verschließt; ein solches Gebet bringt uns nahe zu Gott, während es uns vom Satan entfernt. Darum wollen wir heute die allerseligste Jungfrau begrüßen: Maria, mein Gebet, und uns dadurch ermuntern, recht oft diesen Gruß zu verwirklichen, dass wir das Ave Maria näher betrachten.

 

Auf seinem Thron saß Edwin, König von Northumbrien, als sein langjähriger Gegner, Hengist, der Dänenfürst, den er nach heißem Kampf besiegt hatte, gefesselt hereingeführt wurde. Er warf sich dem Sieger demütig zu Füßen, mit tränenvollem Auge bat er um Leben und Freiheit, - Edwin schwieg. Da erinnerte ihn Hengist an seine Mutter und beschwor ihn bei der Liebe, die er zu ihr getragen, und kaum hatte der König den Namen seiner Mutter gehört, als sein Antlitz freudig sich verklärte und er großmütig den Fürsten fei entließ. – Wenn der König Himmels und der Erde uns arme Sünder Maria rufen hört, wenn wir im Ave Maria ihn an seine geliebte Mutter erinnern, dann reicht auch er uns versöhnt die Hand, dann verzeiht er gnädig wieder uns die Sünden, womit wir ihn beleidigt, denn diesem Ton kann er nicht widerstehen, wie der heilige Ephräm sagt, der Muttername hält den Arm zurück, der uns von sich stoßen, der Muttername verschließt den Mund, der unser Urteil aussprechen will. Das ist die wunderbare Kraft des Ave-Maria-Gebetes, das aus dem Himmel stammt. Von dort hat es der Erzengel Gabriel auf die Erde gebracht, im heiligen Haus zu Nazareth hat es dieser himmlische Geist zum ersten Mal ausgesprochen und die heiligen Apostel haben es der Nachwelt überliefert. Der Erzengel Gabriel war es, der die unbefleckte Jungfrau mit den Worten begrüßte: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir! Und als Maria aus des Engels Mund vernommen, dass sie Mutter des Sohnes des Allerhöchsten werden solle und als sie nach geschehener Einwilligung vom heiligen Geist den Heiligsten empfangen hatte, da eilte sie über das Gebirge zu ihrer Base Elisabeth. Und kaum hatte sie dieselbe begrüßt, da wurde Elisabeth vom heiligen Geist erfüllt und sie rief mit lauter Stimme: Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Auch diese Worte stammen vom Himmel; der heilige Geist, gleicher Gott mit dem Vater und dem Sohn, hat sie der heiligen Elisabeth auf die Zunge gelegt. – Das Wort: Jesus Christus, das wir noch hinzusetzen, unterließ Elisabeth auszusprechen; denn erst nach der Geburt des Heilandes sollte die Welt diesen hochheiligen Namen hören, vor dem sich alle Knie beugen im Himmel, auf Erden und unter der Erde. – Fromme Geschichtsschreiber stimmen darin überein, dass auf dem heiligen Concilium zu Ephesus, bei dem der heilige Cyrillus von Alexandrien den Vorsitz führte, der folgende Zusatz verfasst wurde: Heilige Maria, Mutter Gottes! bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Somit stammen auch diese Worte vom Himmel; denn sie sind Worte des heiligen Geistes, der die versammelten Väter des Konzils geleitet hat.

 

Die wunderbare Kraft des Ave-Maria-Gebetes beweist auch die heilige Jungfrau selbst, die in einer Erscheinung der heiligen Mechtildis geoffenbart hat: Kein Mensch kann mich kräftiger grüßen, als der, der mich grüßt mit jener Ehrerbietung, in der mich Gott der Vater gegrüßt hat durch das Wort: Ave, indem er mich durch seine Allmacht erwählte, dass ich frei von allem Wehe der Schuld und Strafe sein sollte. Auch hat mich die Weisheit des Sohnes Gottes so durchleuchtet, dass ich ein glänzender Stern bin, durch den Himmel und Erde erleuchtet wird; solches ist bezeichnet durch den Namen Maria, das ist: Stern des Meeres. Auch der heilige Geist hat mich mit seiner göttlichen Gnade so reich gemacht, dass ein jeder, der durch mich Gnade sucht, sie findet; das bedeuten die Worte: Du Gnadenvolle. In den Worten: Der Herr ist mit dir, werde ich an die unaussprechliche Vereinigung Gottes gemahnt und an das Geheimnis, das in mir die heiligste Dreifaltigkeit vollbracht hat, da sie die Wesenheit meines Fleisches mit der göttlichen Natur in einer Person vereinigte und Gott Mensch geworden ist. Welche Freude und Seligkeit ich in dieser Stunde empfunden, vermag kein Mensch vollkommen zu erfahren. Durch das Wort: Du bist gebenedeit unter den Frauen, erkennt und bezeugt alle Kreatur mit Verwunderung, dass ich gesegnet und erhöht bin über alle Geschöpfe, über himmlische und irdische. Durch die Worte: Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, wird gepriesen und erhoben die hochherrliche Frucht meines Leibes, die lebendig macht, heiligt und in Ewigkeit segnet alle Kreaturen.

 

Von der wunderbaren Kraft des Ave-Maria-Gebetes waren alle Heiligen überzeugt und bewiesen dies durch ihr Beispiel und ihre Aussprüche. Der selige Petrus betete täglich hundert, die selige Aszelina täglich dreihundert, der selige Franziskus täglich fünfhundert und die selige Benvenuta von Forli täglich tausend Ave Maria. – Der heilige Bonaventura tut den Ausspruch: Maria grüßt uns gerne mit Gnaden, wenn wir sie gerne mit den Worten begrüßen: Gegrüßet seist du, Maria! und er fügt hinzu, dass der Gegengruß allzeit in einer gewissen Gnade bestehe. Der heilige Bernhard sagt: Der Himmel lacht, die Engel freuen sich, die Erde frohlockt, die Hölle zittert, die Teufel fliehen, so oft diese Worte gehört werden: Gegrüßet seist du, Maria!

 

Der gottselige Herkules von Reggio aus dem Orden des heiligen Franziskus, der gar oft das Ave betete, lag an einer tödlichen Krankheit darnieder. Da erschien ihm einmal unsere liebe Frau und sprach zu ihm: Wenn du Gnade erlangen willst, so bete das Ave Maria. Allein der Todkranke vermochte dieses Gebet nicht zu verrichten. Da hob er sein Haupt ein wenig empor, sah die Umstehenden freundlich an und bat sie mit schwacher Stimme, für ihn ein Ave Maria zu beten. Jedermann war der Meinung, er wolle um eine glückselige Sterbestunde bitten und in dieser Meinung verrichteten alle das Gebet. Allein die Mutter Gottes wollte ihren treuen Diener am Leben erhalten. Kaum war das Gebet geendet, als der Todkranke gesund und frisch sich von seinem Bett erhob.

 

Nicht bloß Kraft, sondern auch wunderbarer Trost liegt in dem Ave-Maria-Gebet, das zum Himmel führt. Wenn du, lieber Christ, recht oft in diesem Tränental Maria mit diesem Gebet begrüßt, dann kennt sie deine Stimme, wenn du an der Pforte der Ewigkeit stehst, und lässt dich ein; wenn du recht oft auf Erden durch das Ave Maria an ihr Mutterherz klopfst, dann kennt sie dein Pochen einst am Tor des Paradieses und bittet ihren göttlichen Sohn, diese ihr wohlbekannte Seele in den Himmel einzulassen.

 

Darum hat der gottselige Thomas von Kempis seinen Schülern im Kloster so oft zugerufen: Grüßt Maria mit dem englischen Gruß, denn diese Stimme hört sie gerne. Sobald ich die seligste Jungfrau mit den Worten des Engels anrede und sage: Gegrüßet seist du, Maria! so weicht die Traurigkeit und die Freude kehrt wieder, das Herz zerschmilzt in Liebe und heilige Andacht durchglüht es. Ja, ich fühle einen solchen Trost in meinem Herzen, dass ich nicht imstande bin, dies mit Worten auszudrücken. Und wer von uns, liebe Christen, hat dies nicht auch schon gefühlt, wenn Maria sein Gebet war, die Trösterin der Betrübten, wenn er mit voller Andacht und Liebe das Ave Maria gebetet?

 

Eine besonders andächtige und liebliche Weise, das Ave Maria zu beten, lehrt uns ein frommer Diener Mariens, der den Trost, den er bei diesem Gebet empfand, durch Blumen ausdrückte, die er am Schluss der heiligen Jungfrau zum Strauß band: Gegrüßet seist du Maria mit deinem Kind je länger, je lieber, du bist voll der Gnade an Leib und Seele Tausendschön! Der Herr ist mit dir, dein und mein Augentrost; du bist gebenedeit unter den Frauen, wie die reine Lilie unter den Blumen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus Christus, von dem all dein Ehrenpreis; heilige Maria, meine brennende Liebe, Muttergottes, meiner Seele Wohlgemut, bitte für uns arme Sünder, besonders Vergissmeinnicht jetzt bei Tag und Nacht und vorzüglich in der Stunde unseres wermutvollen Absterbens. Amen.

 

Welcher Trost liegt in dem Gedanken, dass wir durch das Ave Maria die heilige Jungfrau mit denselben Worten begrüßen, wie der Erzengel Gabriel sie begrüßte; dass wir dieselbe Freude in ihrem Mutterherzen wieder erwecken, die sie empfand, als ihr diese freudigste aller Botschaften gebracht worden war; dass dieses Gebet schon vom Anfang unserer Kirche bis auf diese Zeit von so vielen Heiligen, von Millionen von Christen gebetet wurde; dass die Kraft und der Trost dieses Gebetes sich an so vielen Tausenden in wunderbarer Weise schon erwies!

 

Unter anderen wichtigen Dingen, welche der heilige Apostel Paulus seinen neubekehrten Römern ans Herz legt, empfiehlt er ihnen auch eine gottselige Frau, die der jungen Kirche viele Wohltaten erwiesen, mit den Worten: Grüßet Maria, die sich viel Mühe um euch machte! – Was aber, liebe Christen, sind wir unserer himmlischen Frau, der allerseligsten Jungfrau Maria für einen Dank schuldig? Soll die Erinnerung an ihre zahllosen Gnaden und Wohltaten jemals aus unserem dankbaren Herzen entweichen? Können wir nicht mit dem dankbaren jungen Tobias sagen: Welchen Lohn sollen wir ihr geben oder womit können ihre Wohltaten nach Verdienst vergolten werden? Mit allem Guten sind wir von ihr überhäuft worden, was werden wir Würdiges ihr dafür geben können? – Wenn wir das tun, wozu die Dankbarkeit den heiligen Paulus antrieb: Grüßet Maria! – Ja, grüßen will ich sie mit dem Ave Maria bei Tagesanbruch und am Schluss des Tages, wenn die Uhr schlägt, vor und nach jedem Geschäft, wenn das Herz pocht vor Freude und wenn es schlägt vor Schmerz, im Augenblick der Versuchung, in der Stunde der Verlassenheit, in den Tagen der Gesundheit und der Krankheit, immer, immer sei Maria mein Gebet! Amen.

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24. Maiandacht - Maria, mein Baum

 

Der heilige Gregor der Große vergleicht die Heiligen und Auserwählten Gottes auf dieser Erde mit einem Baumgarten. – In diesem Baumgarten nennt er die Heiligsten: Zedernbäume, weil sie, allzeit beständig in der Liebe Gottes, sich durch nichts Irdisches davon abwendig machen lassen. Der Dornstrauch, der in Palästina einen besonders lieblichen Geruch von sich gibt, sind die gottseligen Christen, die sich bemühen, die Sünder zu bekehren, ihr Herz von der Sünde zu entfernen und sie mit dem lieblichen Geruch der Tugenden zu erfreuen. Die Myrrhen sind jene, die den Kummer der Betrübten stillen und herzliches Mitleiden für sie empfinden. Die Ölbäume sind die Barmherzigen, die mit dem Öl der christlichen Liebe die Wunden ihrer Mitmenschen heilen. Die hohen Tannenbäume sind jene, die sich in diesem Leben ganz und gar der Betrachtung der göttlichen Dinge weihen. Die Buchsbäume sind jene, die sich, wenn sie auch in der Heiligkeit nicht hoch aufwachsen und viele Früchte bringen, doch in der Grüne ihrer Unschuld und im rechten Glauben, den sie einmal in der heiligen Taufe empfangen haben, erhalten. Hugo von St. Viktor vervollständigte diese Auslegung noch, indem nach seiner Meinung die Wurzel des Baumes der Glaube ist, der Stamm die Hoffnung, die Äste die Liebe, das Mark die reine Meinung, die Rinde die Wachsamkeit, die Blätter die guten Beispiele, die Blüte der gute Namen und die Früchte die gottseligen Werke.

 

Nur einen Baum aber gibt es, der die guten Eigenschaften all jener Bäume in sich vereinigt, ja sie in unaussprechlichem Maße übertrifft, das ist Maria, die der heilige Basilius den Baum des Lebens nennt und Hesychius den überaus gesegneten, dreimalgebenedeiten Baum des Paradieses. Aus diesem Grund können wir auch, liebe Christen, die allerseligste Jungfrau mit den Worten begrüßen: Maria, mein Baum, dessen Frucht und Schatten wir heute näher betrachten wollen.

 

O göttlicher Lebensbaum, redet der heilige Andreas von Jerusalem Maria an, dessen Frucht den süßen Honig aus dem Felsen gezogen und dem Wasser Mara die Bitterkeit genommen! Baum des Paradieses, sagt der heilige Bernhard, der du uns die Frucht des Lebens hervorgebracht, die denen, die sie essen, das ewige Leben gibt. – Und was ist das für eine Frucht, liebe Christen? – Jesus Christus, denn es heißt in der heiligen Schrift: Maria, von der geboren ist Jesus, der genannt wird Christus; das Heilige, das aus dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden; dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten heißen. – Wenn wir nun die evangelische Regel auf Maria anwenden: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen, in welch erhabener Größe erscheint uns die heilige Jungfrau! – Wahrhaftig, sie ist jener himmlische Baum, von dem der Prophet Jesaja verkündet: An jenem Tag wird er herrlich und ruhmvoll sein und seine Frucht hochgepriesen und zum Frohlocken für die Geretteten in Israel Jes 4,2; von dem König David singt, dass er gepflanzt ist an Wasserbächen und seine Frucht bringt zu seiner Zeit. – Und was hat er für eine Frucht uns gebracht? – Diejenige, die wir im englischen Gruß so oft nennen: Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus Christus! – Maria war wie ein schöner Ölbaum auf dem Feld, an dem eine Frucht gewachsen ist, deren Namen ist wie ausgegossenes Öl. Die allerseligste Jungfrau sagt von sich selbst: Wie ein Weinstock trug ich wohlriechende, liebliche Früchte und meine Blüten sind ein herrliches und ehrenvolles Gewächs. Gleichwie der Ölbaum und der Weinstock keinen so großartigen Anblick gewähren, wie die Tannen, Buchen und Eichen, die ihre Äste und Zweige weithin ausstrecken, aber wegen der Kostbarkeit ihrer Früchte, die man zum Dienst Gottes und der Menschen braucht, doch sehr angesehen sind, so übertraf Maria, obwohl sie auf Erden vor den Augen der Welt nicht in hohen Würden stand und auch nicht danach verlangte, doch wegen der Frucht, die sie der Welt gebar und die Gott und Mensch zugleich gewesen, doch wegen der Früchte so vieler Gnaden und Verdienste, so vieler Tugend und Heiligkeit, alle anderen Geschöpfe im namenlosen Maße.

 

Die Demut Mariens, die der eigentliche Magnet war, der den Allmächtigen erbarmend zu ihr zog, glich dem Senfkörnlein, von dem das Evangelium sagt, dass es zwar das kleinste ist unter allen Samenkörnern; ist es aber aufgewachsen, so ist es das größte unter allen Gartengewächsen und wird ein Baum, so dass die Vögel der Luft kommen und auf seinen Ästen ruhen. – Maria führte auf Erden ein still verborgenes Leben, glanzlos und unscheinbar flossen ihre irdischen Tage dahin, ohne Aufsehen und Geräusch brachte sie ihre Pilgerzeit auf Erden zu; aber nach diesem Leben ging es anders. Da der himmlische Gärtner diesen edlen und kostbaren Baum durch den zeitlichen Tod aus dem irdischen Lustgarten der Welt in das himmlische Paradies übersetzte, so ist er dergestalt gewachsen und hat sich also ausgebreitet, dass ich ihn keinem anderen Baum passender zu vergleichen weiß, als jenem hehren, gewaltigen Baum, den Gott dem König Nabuchodonosor zeigte und den die heilige Schrift also beschreibt: Ich schaute, und siehe, da war ein Baum mitten auf Erden, überaus hoch, groß und stark; seine Höhe reichte bis an den Himmel und man sah ihn bis an die Grenzen der ganzen Erde; sein Laub war so schön und seine Früchte waren sehr viel; Nahrung gab er allen; unter ihm wohnten die zahmen und wilden Tiere; auf seinen Ästen hielten sich die Vögel des Himmels auf und alles Fleisch aß von ihm. Im buchstäblichen Sinn bedeutet dieser Baum den mächtigen König Nabuchodonosor und sein großes Reich, wie es der Prophet Daniel ausgelegt. Warum aber sollen wir ihn nicht auch auf Maria deuten können, da sich alles auf sie so herrlich anwenden lässt? – Die Himmelskönigin war im Garten dieser Welt ein verborgenes, schwaches Bäumchen, darum setzte sie Gott, weil die Erde ihrer nicht wert war, in sein himmlisches Paradies; da steht sie nun mitten an dem herrlichsten Ort wie der erhabenste, prachtvollste Baum; ihre Höhe reicht hinauf bis zu dem Thron der göttlichen Majestät; mit ihrer Macht und Herrlichkeit breitet sie sich aus von einem Ende des Himmels, ja der ganzen Welt, bis zum andern; ihr Laub ist unaussprechlich schön, doch über alles ist die gebenedeite Frucht ihres Leibes, Jesus Christus; von ihrem Trost und ihren Gnaden leben alle zahmen und wilden Tiere, alle Seelen, die Gerechten wie die Sünder; unter diesem Schatten finden alle Ruhe, wie die Kirche singt: Alle fühlen deine Hilfe, die nur immer dein Gedächtnis feiern; alle Vögel des Himmels, die heiligen Engel und die Auserwählten Gottes, die bereits von der Erde in das himmlische Vaterland sich aufgeschwungen haben, erfreuen sich in den Zweigen dieses Marienbaumes; alle vernünftigen Geschöpfe im Himmel und auf Erden genießen sie.

 

Nur ein Unterschied ist zwischen dem Baum Nabuchodonosors und unserem Marienbaum, dass nämlich jener keinen langen Bestand hatte, denn während der König daran seine größte Freude zu haben vermeinte, erging das göttliche Urteil: Fällt den Baum und haut ab seine Äste; reißt ab sein Laub und streut auseinander seine Früchte; es fliehe alles, was unter ihm ist und die Vögel von seinen Zweigen. – Das, liebe Christen, findet bei unserem himmlischen Baum nicht statt; dies Urteil berührt Maria nicht, wohl aber jenes, das der Erzengel Gabriel aussprach von ihrem Sohn und dessen Reich und das auch auf die Mutter sich bezieht: Sie werden miteinander ewig herrschen und ihres Reiches wird kein Ende sein. – Daraus folgt, dass wir Christen alle, die wir in den Schatten dieses Baumes flüchten, nie mehr daraus verjagt werden und immer und ewiglich darunter jenen Schutz finden und jene Ruhe genießen, die die Welt nicht geben kann. Das Blätterdach dieses Baumes versengt uns keine Sonnenglut und zernagt uns kein Wurm, so dass wir ewig nie mit Jonas über den Verlust dieses schirmenden und kühlen Schattens klagen dürfen.

 

Die alten Naturforscher behaupteten, dass der Lorbeerbaum die Eigenschaft habe, vor Blitz und Donner zu bewahren; wer sich daher während eines Gewitters unter einen solchen Baum stelle, der sei sicher, von dem Blitz nicht erschlagen zu werden. Ist dies auch nur eine bloße Meinung, so ist doch in Wahrheit Maria ein solcher Baum, dessen Schatten nicht bloß die Hitze der Leidenschaft fühlt und im heißen Lebenskampf Ruhe gewährt, sondern auch vor dem Donner des Zornes Gottes bewahrt und vor dem Blitz der Hölle beschützt. Unter seinem Schatten finden die Gerechten Ruhe und Frieden, gleichwie der heilige Franz von Sales wunderbar von jener schrecklichsten Versuchung der Verzweiflung befreit wurde, als er unter den Schatten dieses Marienbaumes sich flüchtete. Unter ihm finden die Sünder ihren Gott und den verlorenen Frieden wieder. Im Jahr 1856 fasste ein junger Mensch, der durch einen Prozess all sein Vermögen verloren hatte, aus Verzweiflung den Entschluss, sich in dem Innstrom bei Neuötting zu ertränken. Ganz außer sich auf der Straße von Burghausen nach Neuötting fortrennend hatte er jedoch noch einen schrecklichen Kampf mit seinem Gewissen zu bestehen. Bald folterte ihn der Gedanke an die Hölle, bald vernahm er die teuflische Eingebung: Es gibt keine Hölle und wenn es eine gibt, so wird dich Gott nicht hineinstürzen, denn du springst ja nicht aus Bosheit, sondern aus Not ins Wasser. Endlich aber entschloss er sich fest, sich das Leben zu nehmen; doch wie er dem Strom sich nahte, wie er sich über das Geländer schwingen wollte, hörte er das Glöcklein von der Gnadenkapelle von Altötting läuten. Unwiderstehlich trieb es ihn hin zum Heiligtum Mariens, um dort noch einmal zu beten. Kaum hatte ihn aber der Schatten der Kapelle bedeckt, kaum hatte er dieselbe betreten, als der sündhafte Entschluss aus ihm entwich, sein beruhigtes Herz zu beten anfing und er durch eine reumütige Beichte den Grund zu einem besseren Leben legte. Er gelobte sein ganzes Leben hindurch den Schutz Mariens zu loben und zu preisen.

 

Liebe Christen, wenn wir aber einen solchen Schatz an diesem Marienbaum, an seiner Frucht und an seinem Schatten haben, so ist es notwendig, dass wir ihn stets in unserer Nähe haben und nie weit davon sind. Wir müssen daher den Baum durch Andacht und Liebe in unsere Herzen pflanzen. Im irdischen Paradies standen zwei Bäume, an denen alles gelegen war. Der eine war der Baum des Lebens, der uns das Heil gebracht hätte. Wenn unsere Stammeltern nur von seiner Frucht genossen hätten; der andere war der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, durch den uns Adam und Eva ins Verderben stürzten. Uns steht es jetzt frei, welchen von diesen Bäumen wir in unseren Seelengarten einpflanzen wollen und seine Früchte genießen. Maria und ihr Sohn und ihre herrlichen Tugenden sind der Baum und die Früchte des Lebens; die Sünde und all ihre traurigen Folgen sind der verbotene Baum mit seinen Früchten. Reißen wir diesen samt seiner Wurzel aus dem Herzen und halten wir uns fest an den Marienbaum, dessen göttliche Frucht Jesus uns selig macht und dessen Tugendfrüchte uns den Himmel erwerben. Dann können wir mit der Braut im Hohenlied singen: Unter seinem Schatten, wonach ich verlangt habe, ruhe ich und seine Früchte sind süß meinem Gaumen, und mit der heiligen Kirche in Wahrheit beten: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin, verschmähe nicht unser Gebet, sondern erlöse uns jederzeit von aller Gefährlichkeit! Amen.

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25. Maiandacht - Maria, meine Quelle

 

Zu Cordoba in Spanien lebte der Wollspinner Gonzales Garcia in fürchterlicher Not und im höchsten Elend. Seine Frau lag an der Gicht krank und konnte nichts verdienen; seine Tochter war ebenfalls kränklich. Obwohl die Lage Garcias zum Verzweifeln war, verlor er doch sein Gottvertrauen nicht und besonders suchte und fand er Trost im Gebet zu Maria. Müde vom Weinen und Beten, schlief er einst ein und im Traum sah er die Himmelskönigin, die ihm eine Quelle zeigte, deren Wasser seiner Frau Gesundheit und ihm zeitlichen Wohlstand bringen werde, wenn er ihr Bild ausgraben würde, das dort unter einem alten Feigenbaum verborgen liege. Als er erwachte, suchte er die Quelle und fand sie bald, und als er und die Seinigen davon getrunken, kehrte Gesundheit und Gottes reichster Segen in die arme Familie zurück. Nun machte Garcia beim Bischof die Anzeige, worauf nach dessen Befehl unter dem Feigenbaum nachgegraben und richtig ein wunderliebliches Muttergottesbild gefunden wurde. Hocherfreut darüber bauten die Bewohner Cordobas eine Kirche an dieser Stätte und stellten das Bildnis darin auf, zu dem alljährlich Tausende pilgern und aus der Quelle Gesundheit des Leibes und der Seele trinken.

Zu diesem Wunderquell pilgerte auch einst ein Jüngling. Er wollte aufgenommen werden in den Orden des heiligen Ignatius, wurde aber abgewiesen, weil er mit der Zunge stotterte. Traurig begab er sich zu unserer lieben Frau von der Quelle und rief: Ich werde nicht von diesem Platz weichen, bist du mich erhört hast, o Maria! dann trank er von der Quelle und siehe – er wurde wunderbar geheilt und fand sogleich die gesuchte Aufnahme. Er wurde einer der beredtesten Männer seiner Zeit, der berühmte Gottesgelehrte Thomas Sanchez, der durch Wort und Schrift die Ehre Mariens verherrlichte.

 

Trinken auch wir, liebe Christen, geistiger Weise aus dieser Gnadenquelle, um mit beredten Worten zu schildern und mit glühender Liebe zu betrachten den Titel, mit dem wir heute Maria grüßen wollen: Maria, meine Quelle! Eine Quelle der Gnade und des Trostes!

Denke dir, lieber Christ, den schönsten Garten der Welt, in dem alle Blumen durch eine große und andauernde Hitze verwelkt und verdorrt sind; wie dauern dich die erstorbenen Blumen und besonders der Gärtner, der traurig und betrübt sehen muss, wie all seine Mühe und Arbeit vergebens gewesen! Würdest du aber diesen Gärtner des andern Morgens früh im Garten sehen in der Absicht, alle verwelkten Blumen auszureißen, während er alle Gewächse und Blüten wieder ganz frisch, lebendig und duftend findet, würdest du da nicht glauben, ein Engel hätte unsichtbarer Weise die Hand angelegt! Dieser ausgedorrte Blumengarten ist ein Bild der armen Welt, wie sie gewesen, ehe Gott der Allmächtige, ihr seine Hilfe zugesendet und diese Hilfe, die gleich einer Quelle frischen Wassers neues Leben der Erstorbenen gab, ist keine andere, als Maria. Die allerseligste Jungfrau, sagt der heilige Petrus Damian, ist jener Brunnquell gewesen, der sich in die vier Ströme geteilt und nicht allein das himmlische Paradies, sondern auch den weiten Erdkreis erfrischte, das arme Menschengeschlecht, das durch die Sünde viel stärker, als die Blumen jenes Gartens durch die Sonnenhitze, ausgedorrt war, wieder neu belebte.

 

Maria ist die Quelle der Gnaden, weshalb die heilige Kirche lehrt, dass wir keine Gnade von Gott empfangen, außer durch Maria, von der der Erzengel sagte: Du hast Gnade gefunden bei Gott, und die er begrüßte mit den Worten: Du bist voll der Gnaden! – Der göttliche Bräutigam nennt sie selbst im Hohenlied 4,15: Du bist eine Quelle der Gärten, ein Brunnen lebendiger Wasser, die ungestüm vom Libanon fließen, die sich mit dem sehnsuchtsvollen Drang, sich mitzuteilen, vom Thron des Allmächtigen, vom Herzen des himmlischen Vaters in die arme Menschheit ergießen. Der heilige Bonaventura sagt: Unsere himmlische Mutter hat alle Gaben und Gnaden Gottes, die in den anderen Heiligen verteilt sind; weshalb sie spricht: In der Fülle der Heiligen ist mein Aufenthalt! – Der heilige Bernhard lehrt: Gott hat die Fülle all seiner Gnaden in Maria ausgegossen, damit wir, insofern irgend eine Hoffnung, irgend eine Gnade, ein Heil in uns ist, erkennen, dass alles von ihr herkomme. Darum können wir von ihr, wie von Jesus mit des Apostels Worten sagen: Von ihrer Fülle haben wir alle empfangen und deshalb kann sie mit Recht uns zurufen: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke, ich bin die Quelle der Gnaden, die euch neues Leben gibt und zwar überfließend und gerne gibt.

Zwei Dinge werden aber erfordert, dass wir von dieser heiligen Quelle Nutzen ziehen können. Vor allem muss die Quelle so beschaffen sein, dass man dazu kommen und das Wasser erreichen und schöpfen kann, dass es die Quelle reichlich und gerne spendet. Eine irdische Quelle versiegt leicht, wenn ihr der Zufluss fehlt; unerschöpflich würde sie aber sein, wenn sie ihren Boden und Grund in der Tiefe des Meeres hätte. Die hochgebenedeite Mutter des Herrn aber schöpft ihren Reichtum an Gnaden aus der Tiefe des Meeres nicht allein der Menschheit Christi, sondern sogar der Gottheit selbst, wie es heißt in der heiligen Schrift: Die Tiefe des Abgrundes habe ich durchdrungen, wie könnte sie daher jemals versiegen oder karg und spärlich die Wasser der Gnaden mitteilen? – Dass sie aber auch willig und gerne mitteilt, daran ist nicht mehr zu zweifeln, da es ihr Amt ist, zu dem sie Gott erwählt und bestimmt, die Ausspenderin seiner Gaben und Gnaden zu sein; da sie sich selbst eine Mutter der schönen Liebe nennt. Als eine Mutter aber weiß sie schon, was ihr gebührt, dass sie ihre Kinder herzlich liebe, ihnen manchen Kuss gebe, sie mit aller Sorgfalt pflege, kurz die Liebe ihres Herzens im Werk zeige, wie der heilige Gregor sagt: Der Beweis der Liebe ist die Tat. Darum nennt der heilige Kasimir Maria eine Quelle des Trostes und der heilige Ephräm eine Quelle aller Seligkeit, weil niemand, der zu ihr sich flüchtet, ungetröstet von ihr geht.

Es ist daher leicht für uns, die zweite Forderung zu erfüllen, nämlich zu dieser Quelle, die so reichlich fließt, hinzueilen und voll Sehnsucht und Verlangen das Wasser zu schöpfen. Wer von uns, liebe Christen, bedürfte nicht des Trostes in einer Welt, die so wenig Tröstliches bietet? – Darum ist es gleichsam ein Bedürfnis für uns, eine Art Notwendigkeit für unser armes Herz, zu dieser Trösterin der Betrübten zu gehen und mit dem frommen König David zu seufzen: Wie der Hirsch sich sehnt nach der Wasserquelle, also verlangt meine Seele nach dir! – Maria aber ruft uns zu: Schöpft mit Freude Wasser aus der Quelle, die mein göttlicher Sohn in meinem Mutterherzen eröffnet, die in Liebe und Erbarmen für euch fließt und eure Seele mit einem Trost erfrischt, wie ihn niemand auf dieser Erde euch zu geben vermag!

 

An dem äußersten Ende des Departements der Isere und auf der Grenze des Departements der oberen Alpen in Frankreich liegt auf einer Plattform in einem Winkel des Gebirges die Stadt Corps mit 8500 Einwohnern. Hoch über Corps in einer Entfernung von drei bis vier Stunden befindet sich der Berg Salette, auf dessen Oberfläche zehn kleine Weiler in unregelmäßigen Zwischenräumen zerstreut liegen und mit der Pfarrkirche in der Mitte die kleine Pfarrgemeinde Salette bilden. Vom Weiler Salette höher hinauf wachsen keine Bäume mehr; man bemerkt nur mehr einige kränklich aussehende Buchen und kleine alte und knorrige Eschen. Mühsam ansteigend gelangt man in ein kleines Tal, das links und rechts in der Richtung von Morgen gegen Abend von kleinen Hügeln umgeben und in gleicher Richtung von einem kleinen Bach namens Rigiard durchflossen ist. Von da aus bis zum Gipfel der umliegenden Berge ist alles mit einem herrlichen Grün und mit einem Schmelz blauer Blumen bedeckt. Dieses Gebirgstal, gegen 6000 Fuß hoch über der Meeresfläche, ist der Ort, wohin seit dem Jahr 1846 eine ungeheure Zahl von Pilgern aus allen Teilen der Welt hinströmt; hier in diesem einsamen Alpental würdigte sich die Himmelskönigin zwei kleinen Hirtenkindern in freundlicher Majestät zu erscheinen, ihnen die Zukunft zu offenbaren und sie, so jung und ungebildet sie auch waren, zu ihren wahren und glaubwürdigen Aposteln an ihr geliebtes Volk zu machen.

 

An dem Platz der Erscheinung befand sich eine ausgetrocknete Quelle, die nun reichlich zu fließen anfing und deren Wasser seit dieser Zeit nie aufhörte hervorzuquellen. Es ist schön und klar, fällt in der Breite von etwa 3 Schuh über schmale Felsen herab und die Quelle ist jetzt mit einer sehr schönen und offenen Kapelle aus Marmor bedeckt. Die Nachricht von dieser Quelle verbreitete sich schnell und setzte zahllose Scharen nach dem Berg in Bewegung, die nicht bloß kamen, die Quelle zu sehen, sondern auch von ihrem Wasser zu trinken und davon mit nach Hause zu nehmen. Bald erfolgten wunderbare Dinge. Das Wasser heilte verschiedene Krankheiten und befreite Presshafte von ihren Leiden; ja die Wirkung des wunderbaren Wassers erstreckte sich auch auf die Seele der Trinkenden. Hier zeigt sich also Maria wahrhaft als die Quelle der Gnaden und des Trostes, als welche sie mit dem heiligen Johannes Damaszenus die ganze Kirche vertrauensvoll begrüßt. Was die in Kraft dieser Quelle von La Salette gewirkten Wunder anbelangt, so ist deren Zahl so groß, dass sie gar nicht mehr beschrieben werden können. Nur ein einziges soll hier Platz finden, um den Titel fester zu begründen, mit dem wir heute die allerseligste Jungfrau angerufen haben: Maria, meine Quelle! –

 

Einer Schar von Wallfahrern, die aus einer benachbarten Pfarrei kam, schloss sich eine jener liederlichen Dirnen an, die die Schande ihrer Familie, das Ärgernis der Gläubigen sind. Das verirrte Mädchen, mit welchen Gewissensbissen hatte sie sich den Genuss ihrer Schande erkauft! Wie viel Elend hatte sie erduldet, sich die Freiheit ihres Lasters zu bewahren! Sie wird auch heute von den Wallfahrern ausgestoßen, aber schweigend folgt sie ihnen, so nahe sie kann. Es treibt und drängt sie etwas. Wie die übrigen will sie aus der Wunderquelle trinken; aber als sie sich ihr nähert und das Glas an ihre Lippen setzen will, bemerkt sie im Wasser schwimmend eine taube Ähre. Sie ergreift sie und steckt sie schnell in ihr Kleid. Niemand bemerkt etwas; nun aber entfallen große Tropfen ihrem Auge. Ja, sie bricht in Weinen und Schluchzen aus; sie bekennt sich schuldvoll und unglücklich; sie verlangt zu beichten, denn gereinigt will sie vom Berg hinabsteigen und eine würdige Magd Mariens werden. Sie tat es unter dem Zeichen der aufrichtigsten Zerknirschung. Heimgekehrt verließ sie die Sünde für immer und führte einen Lebenswandel, der alle, die sie kannten, aufs Höchste erbaute. Die taube Ähre ist fruchtbar gewesen! Amen.

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26. Maiandacht - Maria, meine Freude

 

So oft ich an Maria denke, sagt der heilige Bernhard, so empfinde ich eine Freude, die alle irdischen Freuden weit übertrifft und alle Schmerzen der Erde versüßt. Es gibt daher, liebe Christen, kein besseres Mittel, den Trübsinn zu verscheuchen und die Traurigkeit zu verbannen, als die Erinnerung an Maria, die die Kirche in der lauretanischen Litanei die Ursache unserer Freude nennt und der heilige Johannes Damaszenus ein unerschöpfliches Meer der Freuden heißt. In der heiligen Schrift steht geschrieben, dass Gott einen fröhlichen Geber liebt; da aber das Leben der heiligen Jungfrau auf Erden nichts anderes war, als eine einzig große Hingabe an Gott, ein unwiderrufliches Geschenk für den Herrn, ein beständiges Opferleben, so können wir nicht mehr zweifeln, dass Maria stets heiter und froh gewesen, weil sie als die getreueste Befolgerin des göttlichen Willens ihre Gaben und Opfer mit freudigem Herzen dargebracht hat. Aus diesem Grunde behaupten auch einige Väter, dass die Freude, die Maria unter dem Kreuz über die Vollendung des Opfertodes Christi für das Heil der Welt empfand, ebenso groß gewesen sei, als der Schmerz, der dortmals ihre Seele durchdrang. Die Freude des Herzens, die Maria ihr ganzes Leben hindurch beseelte, drückte sie am deutlichsten in jenem Danklied aus, das bei dem Besuch Elisabeths ihrer Seele entjubelte; in jenem Magnifikat, das die heilige Kirche in so hohen Ehren hält und das die heilige Theresia mit vollem Recht einmal einer tiefbetrübten und niedergeschlagenen Mitschwester zum Singen aufgab mit den Worten: Sei fest überzeugt, dies Lied wird dir gewiss die Freude wieder bringen! – In diesem Lied heißt es: Mein Geist frohlockt in Gott meinem Heil; der Herr war also der Grund der Freude Mariens und die Ursache unserer Freude ist Maria; deshalb wollen wir ihre Freude und unsere Freude näher betrachten.

Als König Saul seine Tochter dem David zur Gemahlin zu geben versprach, schätzte dieser es so hoch, dass er zum König sagte: Wer bin ich, oder was ist mein Leben oder was ist mein Geschlecht in Israel, dass ich der Schwiegersohn des Königs werden soll? Zu den Herren des Hofes aber sprach er: Glaubt ihr etwa, dass es nur ein Geringes sei, des Königs Eidam zu sein? – Wenn nun David die Verwandtschaft mit den Großen dieser Erde, die denn doch nur sterbliche Menschen sind, so hoch achtete, wie soll Maria sich nicht gefreut haben, dass sie durch die Gnade des Allerhöchsten zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählt wurde? Der Herr war der Grund ihrer Freude.

 

Der heilige Geist kam am Pfingstfest nicht bloß über die Apostel, sondern auch auf Maria herab, die mitten unter ihnen war. Da aber nach den Worten des heiligen Paulus auch die Freude eine Frucht des heiligen Geistes ist, wie wird Maria, der Tempel des heiligen Geistes, so voll der Freude gewesen sein, da sie voll des heiligen Geistes war! Astiages, König von Medien, träumte, dass aus seiner Tochter ein Weinstock hervorgewachsen, dessen Reben ganz Asien umfingen. Seine Weisen, die er um die Auslegung des Traumes befragte, erklärten, der Sohn seiner Tochter werde Herr über ganz Asien sein, was auch geschah, denn sie wurde Mutter des Cyrus, der ganz Asien unter sein Zepter brachte. Die allerseligste Jungfrau Maria aber wusste nicht aus einem Traum, sondern aus dem Mund des Erzengels Gabriel, dass sie einen Sohn gebären werde, der von sich selbst sagt: Ich bin der wahre Weinstock, der mit seinen Reben nicht bloß ein Volk, ein Land, ein Königreich, sondern die ganze Welt, ja Himmel und Erde umfangen und dessen Reich kein Ende nehmen wird. Sollte dies nicht Ursache genug sein, das zarte, jungfräuliche Herz Mariens mit Freude zu erfüllen und ihren Geist in Gott frohlocken zu machen, da sie außerdem wusste, dass sie noch eine unberührte Jungfrau war, obwohl sie Mutter geworden, dass sie jenen unter ihrem Herzen trug, der das Ziel hatte, die Welt von Sünden zu erlösen und alle Menschen selig zu machen? Darum jubelte sie und frohlockte, darum freute sie sich in Gott, weil der Herr die Ursache ihrer Freude war.

 

Und wer von uns, liebe Christen, diese Freude der Muttergottes andächtig betrachtet, der wird sie gewiss auch empfinden und ihrer teilhaftig werden, der wird gewiss auch die Wahrheit des Ausspruchs des heiligen Bonaventura fühlen: Maria ist nach Gott unsere einzige Freude! Die Heiligen waren von dieser Wahrheit ganz durchdrungen und der selige Zisterzienser Arnulph betrachtete täglich die Freuden, die Maria auf Erden während ihres Lebens hatte. Zum ersten die Freude, die sie empfand, als der Engel ihr die Menschwerdung Christi verkündigte und sie vom heiligen Geist empfangen hat; zweitens die Freude, die sie beim Gruß der heiligen Elisabeth hatte; drittens die Freude, als sie ohne Schmerzen ihr göttliches Kind, unsern Heiland, geboren hat und Jungfrau vor, bei und nach der Geburt geblieben ist; viertens die Freude, als die drei Könige kamen und ihren Sohn anbeteten; fünftens die Freude, als sie ihren Jesus im Tempel aufopferte und der Greis Simeon ihn in seine Arme nahm und weissagte; sechstens die Freude, als sie ihren Sohn vom Tod auferstanden sah; siebtens die Freude, als sie ihn erblickte, wie er in den Himmel auffuhr. – Diese sieben Freuden betrachtete er täglich und fand darin seine eigene übergroße Freude. – Die allerseligste Jungfrau aber wollte diese Freude ihres Dieners noch erhöhen. Einmal, als er sich in der Krankenstube befand, erschien sie ihm und sprach: Warum, mein Geliebter, betrachtest du täglich die Freuden, die ich auf Erden so überaus schön empfand? Gedenke auch jener, die ich im Himmel habe und die ungleich größer sind. Hierauf belehrte sie ihn und sagte: Zum ersten freue ich mich, dass mir, als ich in den Himmel aufgenommen wurde, eine größere Glorie bereitet worden, als ich nur hoffen oder denken konnte, ja sagen oder würdigen kann. Zweitens freue ich mich darüber, dass wie der Tag von der Sonne, so der himmlische Hof von meiner Herrlichkeit beleuchtet, sich noch weit mehr erfreut. Drittens freue ich mich, dass die Himmelsbürger mir gehorchen und mich als die Mutter ihres Königs ehren. Viertens freue ich mich, dass der Wille der höchsten Majestät Gottes und der meinige ganz eins sind und in allem, was meinem Willen gefällt, die heiligste Dreifaltigkeit mit gütigster Huld mit mir einverstanden ist. Fünftens freue ich mich, dass meinen Dienern, nach meinem Wunsch, in diesem und in dem anderen Leben vergolten wird. Sechstens freue ich mich, dass ich über alle Engel erhoben und durch ein besonderes Vorrecht die Nächste am Thron des dreieinigen Gottes bin und die selige Gesellschaft aller Heiligen genieße. Siebentens freue ich mich, dass ich in voller Gewissheit bin, dass meine Glorie niemals mehr abnimmt.

Es ist die Eigenschaft eines guten Herzens, dass es sich freue an der Freude anderer; wenn unser Herz daher Maria aufrichtig liebt, so muss es ihre Freude mitempfinden und ihre Wonne mitfühlen, so muss Maria selbst, die der heilige Johannes Damaszenus ein unerschöpfliches Meer der Freude nennt, der Gegenstand unserer Freude sein, wie sie ihr Grund und ihre Ursache ist. Um nur einige Tropfen aus dem Freudenmeer zu schöpfen, so verursacht uns die Wahrheit, dass Maria uns das Heil der Welt geboren, Jesus Christus, ohne den wir gar nicht selig werden könnten, so verursacht uns der Gedanke, dass Maria von Gott uns zur Mutter bestimmt worden, so verursacht uns die Tatsache, dass Maria ein Geschöpf wie wir, all unsere Schwachheiten, Nöte und Hilflosigkeiten kennt, so verursacht uns die Erinnerung, dass Maria ein Herz voll Liebe und Erbarmen habe und selbst alle Leiden und Schmerzen dieses Tränentales erfahren und daher mehr Mitleiden mit ihren armen Kindern fühle, eine Freude, die uns hinreißen, eine Freude, die uns begeistern muss, die uns immer und immer wieder drängt aus dem Grund unseres Herzens zu rufen: Maria, meine Freude!

 

Nur einmal war der göttliche Heiland bei einem öffentlichen Fest, auf der Hochzeit zu Kana; er hatte aber seine Mutter bei sich, um zu zeigen, wie der heilige Alphonsus so schön sagt, dass sie die Ursache unserer Freude sei. Mit Maria Lust und Wonne, ruft der selige Heinrich Suso aus, ohne sie Trauer und Schmerz! Rufe die heilige Jungfrau zu deinen Festen, dann werden sie wahre Freudenfeste im Herrn; denn sie heiligt und verklärt nicht bloß die Freude, sie macht sie auch vollkommen. Es ist wunderbar, wie die bloße Erinnerung an Maria, sagt der heilige Ignatius, schon das Herz zur Freude bewegt; der innere Grund davon liegt in den zahllosen Freuden, womit Jesus das Herz seiner Mutter erfreute, so dass gleichsam eine Freudensonne ihr heiliges Antlitz umstrahlt, deren Glanz sich auch uns mitteilt und jede Nacht des Trübsinns und der Trauer verbannt. Wer wollte die Wonnen zählen, mit denen das heilige Herz deiner glorwürdigen Mutter, o göttlicher Heiland, ohne Unterlass übergossen worden! – Das freundliche Liebkosen zwischen dieser heiligen Mutter und ihrem vielgeliebten Sohn, die Freude dieser heiligen Mutter und ihrem vielgeliebten Sohn, die Freude dieser hochgebenedeiten Mutter, da Jesus als Kind auf ihrem Schoß ruhte und sie ihn mit tausend Küssen der Liebe bedeckte, zur Zeit da er als Knabe mit ihr gebetet und gearbeitet; als er im Mannesalter sie belehrte und teilnehmen ließ an seinen segensreichen Wanderungen durch Palästina; als sie sich zu Nazareth und Bethlehem, in Ägypten und zu Jerusalem aufgehalten, wer wollte diese Freuden alle genügend aussprechen und beschreiben! Ich sage unverhohlen, wenn einer die geringste unter allen Freuden, die die heilige Jungfrau zu jener Zeit gehabt, empfinden würde, ihm alle anderen Freuden und Genüsse vergehen würden! – Darum ist Maria eine zweite Sarah, die da sagte: Mein Gott hat mir eine Freude gemacht, wer es nur immer hören wird, wird sich mit mir erfreuen!

 

Der heilige Franziskus Solan pflegte die Kranken in den Spitälern. Waren sie traurig, verzagt und niedergeschlagen, so hatte er ein besonderes Mittel, um sie zu erheitern. Er zog seine Geige hervor und sang ihnen mit lieblicher Stimme die schönsten Marienlieder; und immer wurde dabei ihr Herz mit dem größten Trost erfüllt. Als einst sein Oberer krank darniederlag und in einer Nacht von sehr traurigen Gedanken gequält wurde, da trat um zehn Uhr nachts Franziskus in seine Zelle und fragte den Leidenden, was ihn so schmerze? Der Kranke schwieg. Franz aber sagte: Ich weiß alles! Ich will singen! – Und alsbald ergriff er die Geige und begann vor dem Bild der allerseligsten Jungfrau mit gar süßer Stimme zu singen: Maria, meine Freude! – Nachdem er geendet, schlich er sich still fort. Von dem Kranken aber war alle Trauer gewichen und Friede und Freude in sein Herz eingekehrt. Amen.

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27. Maiandacht - Maria, mein Spiegel

 

Der allmächtige Gott hat zwei Spiegel gebildet, die an Schönheit, Größe und Klarheit alles übertreffen. Der erste ist der Sohn Gottes, der die menschliche Natur angenommen und den der heilige Laurentius Justiniani einen Spiegel der Vollkommenheit nennt und Salomo im Buch der Weisheit einen makellosen Spiegel der Herrlichkeit Gottes und das Bild seiner Güte. Der andere ist die glorwürdige Mutter Gottes; denn sie selbst hat einst der heiligen Brigitta geoffenbart: Wisse, meine Tochter, dass mein Leib und meine Seele reiner sind als die Sonne und klarer als das schönste Glas eines Spiegels. Wer mich anschaut, sieht in mir die drei Personen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, die in mir auf eine unaussprechliche Weise ruhen und mich also mit Gnaden erfüllen, dass deren gesamte Vortrefflichkeit in mir gefunden wird.

 

Daher nennt auch der heilige Petrus von Alkantara Maria einen Spiegel der Jungfräulichkeit; der heilige Athanasius nennt sie einen Spiegel ohne Makel und die heilige Kirche in der lauretanischen Litanei einen Spiegel der Gerechtigkeit. Wir aber, liebe Christen, die wir heute Maria unter dem Titel: Maria, mein Spiegel anrufen, wollen in denselben blicken und darin die Gottesliebe und Nächstenliebe betrachten, um diese in unserem Leben nachzubilden.

Maria ist ein klarer Spiegel, weil sie ein Hauch der Kraft Gottes ist und ein reiner Ausfluss der Klarheit des allmächtigen Gottes; nichts Unreines trübt ihren Glanz, weil er vom ewigen Licht kommt; und darum kann man nirgends reiner, klarer und deutlicher erschauen, was man sehen will, als in diesem Spiegel der Liebe Gottes und des Nächsten, wie die heilige Magdalena von Pazzis Maria nennt.

 

Ein Pharisäer fragte einst den Herrn: Meister, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Jesus sprach zu ihm: Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüt. Dies ist das größte und das erste Gebot. Das andere aber ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. – Der heilige Bernhardin von Siena sagt, dass Maria mit der Tugend der göttliche Liebe von Gott so begnadigt und begabt gewesen sei, dass sie dieses evangelische Gebot von der Liebe vollkommen gehalten und erfüllt habe. Sie liebte Gott von ganzem Herzen, über alle zeitliche und vergängliche Dinge dieser Welt; sie liebte ihn von ganzer Seele mehr als Leib und Leben, mehr als ihr eigenes Fleisch und Blut; sie liebte ihn aus ganzem Gemüt mehr als alle himmlischen und geistigen Dinge. Ja sie brannte von solcher Liebe zu Gott, sagt dieser Heilige, dass sie mit David hätte sagen können: Mein Herz ist entflammt vor Liebe; selbst wenn sie schlief, wachte ihr Herz und liebte Gott mehr, vollkommener und verdienstlicher als jeder andere Heilige im wachsten Zustand. Es konnte auch nicht anders sein, da Maria Gott, die wesentliche und unendliche Liebe selbst, in ihrem Schoß empfangen, mit ihrer Menschheit bekleidet, gepflegt und bedient hat.

 

Der heilige Evangelist Johannes hat beim letzten Abendmahl an der Brust des Herrn geruht. Diese Ruhe des Jüngers schätzt die heilige Kirche so hoch, dass sie diese im Offizium des Heiligen mit folgenden Worten erwähnt: Dies ist jener Johannes, der beim Abendmahl an der Brust des Herrn ruhte; wohl ein seliger Apostel, dem solch erhabene Geheimnisse geoffenbart wurden; den Strom des Evangeliums hat er getrunken aus der Quelle der göttlichen Brust selbst. – Dieser Apostel nun ist so voll der Liebe gewesen, dass er ein glühender Ofen zu sein schien. Was er danach geredet und geschrieben, war nur lauter Liebe. Liest man sein Evangelium, so handelt es von der Liebe; liest man seine Briefe, so handeln sie von der Liebe. Sprach er und predigte er, so waren seine Worte Liebe. Bis in sein höchstes Greisenalter floss sein Mund über von Liebe. – Wenn nun Johannes eine solche Liebe aus dem Herzen Jesu, die kurze Zeit, die ihm darauf zu ruhen vergönnt war, gesogen, welch ein Meer von Liebesgluten muss erst das Herz Mariens durchströmt haben, unter welchem die wesentliche Liebe selbst neun Monate lang geruht hat?

 

Das Zeichen, woran man erkennt, dass ein Mensch Gott von ganzem Herzen liebe, gibt der untrügliche Mund der ewigen Wahrheit selbst an: Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist´s, der mich liebt. Joh 14,21. Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie auch ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Joh 15,10. Wenn man nun aus der Haltung der Gebote auf die Liebe schließen kann, so hat Maria Beweise ihrer Liebe genug gegeben, was ihre Antwort hinlänglich bezeigt, die sie dem Erzengel Gabriel gegeben: Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort! Sie war dem Willen und den Befehlen der göttlichen Majestät so untergeben und zugetan, dass sie denselben nicht einmal in ihrem ganzen Leben, auch nicht im geringsten, entgegen, sondern allzeit im höchsten, vollkommensten Grad gehorsam war.

 

Der Herr selbst gibt dem König David das Zeugnis: Ich habe David, den Sohn des Jesse, als einen Mann nach meinem Herzen erfunden, der allen meinen Willen tun wird. Apg 13,22. Welches Lob hätte Gott, dem alle Herzen und Willen am besten bekannt sind, erst Maria geben müssen, der Tochter Jesses, der hochgebenedeiten Mutter seines Sohnes!

Den Berg Olymp hielten die Alten für den höchsten Berg, dessen Gipfel bis über die Wolken reiche, vom steten Sonnenschein erfreut und nie von einem Ungewitter betrübt werde; wenn daher die Wanderer ihren Namen mit dem Finger in den Sand schrieben oder ihren Fuß in denselben drückten, so fanden sie diesen Namen und den Fußtritt nach langen Jahren noch so unversehrt und neu, als wären sie erst gemacht worden. – Maria wird in der heiligen Schrift und von den Vätern oft mit einem Berg verglichen. Ihre Grundfesten sind auf den heiligen Bergen, sagt David, und Jesaja spricht: Und der Berg wird auf dem Gipfel der Berge stehen und sich erheben über alle Hügel. Alle Heiligen nämlich sind ebenfalls lauter Berge gegen uns sündhafte Menschen, aber gegen die Hoheit Mariens verschwinden sie zu Hügeln; wo der höchste Grad ihrer Vollkommenheit ist, da beginnt die erste Stufe der Heiligkeit Mariens. Dieser höchste Berg aber ist vom schönen Wetter der himmlischen Gnade und vom Sonnenschein der göttlichen Liebe so beglückt, dass kein Ungewitter, keine Trübsal, keine Widerwärtigkeit, dass weder eine menschliche, noch teuflische Versuchung sie dahin vermögen konnten, auch nur im Geringsten von dem Willen des Allerhöchsten abzuweichen. Das Gesetz, das Gott selbst mit dem Finger seiner Allmacht in ihre Seele, in ihr Herz, in ihren Willen eingeschrieben hatte, war so unauslöschlich in ihr befestigt, dass der heilige Geist mit Recht von ihr sagen konnte: Viele Wasser vermögen die Liebe nicht auszulöschen. – Willst du wissen, sagt daher der heilige Thomas von Villanova, wie man Gott lieben soll, so schaue in den Spiegel des heiligsten Herzens Maria!

 

Dieser Spiegel lässt uns aber auch, liebe Christen, hell und klar die Nächstenliebe sehen, die in dem Mutterherzen Mariens für uns wohnt. Wir erblicken darin die kindliche Liebe, wie Maria ihren beiden Eltern Joachim und Anna mit der innigsten Zärtlichkeit ergeben ist und sie verehrt und pflegt bis zu ihrem letzten Atemzug; die eheliche Liebe, wie sie ihrem keuschen Bräutigam Joseph mit heiliger Zärtlichkeit bis zu seinem Tod anhängt; die Freundesliebe, wie sie Johannes und Magdalena, diese beiden Vorbilder der reinen und bußfertigen Seelen, in ihr Herz eingeschlossen hat und ihnen mit Rat und Tat jederzeit zur Seite stand. Wie hell leuchtet ihre Nächstenliebe, als sie eilig über das Gebirge ging, um das Herz ihrer Base Elisabeth mit der frohesten Botschaft zu erfreuen! Wie sonnenklar erschien ihre Nächstenliebe, als sie mit ebenso zarter Schonung, als mütterlicher Besorgtheit den Hochzeitsleuten zu Kana aus ihrer Verlegenheit half! – Wahrlich mit vollem Recht preisen die heiligen Väter einstimmig Maria als das herrlichste Ideal, als das vollkommenste Vorbild der Nächstenliebe! Außer Gott, sagt der heilige Germanus, hat niemand eine größere Liebe zu uns, als Maria, Sie übertrifft an Liebe alle Geschöpfe, spricht der heilige Hieronymus, wie der Himmel die Erde an Seligkeit übertrifft. Wen gibt es wohl, fragt der heilige Bonaventura, über den die Sonne nicht leuchtet, und wer ist, über den das Erbarmen Mariens nicht strahlt?

An einem schönen Frühlingstag im Jahr 1854 bestieg ein junger Offizier vom Generalstab den Berg La Salette. Ein frommer Gedanke war es nicht, der ihn herführte; denn seit langer Zeit war er nur noch dem Namen nach ein Christ. Aber als er durch die Stadt Corps kam, hörte er von der Wallfahrt reden, sah die vielen Pilger vorüberziehen und entschloss sich, gleichfalls hinzugehen. Als der Offizier auf der Hochebene angekommen war, fand er in dieser Einöde durchaus nichts, was ihn irgendwie anziehen konnte und schon schickte er sich an, aus Langeweile wieder den Berg herabzusteigen, als er den Superior der Missionare P. Burnous traf, der uns diese Geschichte erzählt. Wir sprachen eine Zeit lang von gleichgültigen Dingen; endlich fragte ich ihn, ob er die Wunderquelle Mariens schon gesehen? Nein, erwiderte er. O verlassen sie nicht diesen Berg, sagte ich, ohne diesen kleinen Brunnen besucht zu haben. Tun sie mir auch noch den Gefallen, ein Glas von diesem wunderbaren Wasser zu trinken, es hat noch niemanden geschadet, vielen aber sehr wohl bekommen. – Wenn ihnen dies Vergnügen machen kann, so will ich es tun, antwortete der junge Mann und verabschiedete sich. Ich dachte schon gar nicht mehr daran, als mir gegen Abend jemand meldete: Ein Stabsoffizier, der seit diesem Morgen wider seinen Willen auf dem Berg zurückgehalten werde, wo er nur eine Stunde hat bleiben wollen, liege in Tränen zerflossen auf den Knien vor dem Bild der Muttergottes und verlange, von der Gnade besiegt, dass ich ihn Beicht hören sollte. Man kann sich denken, welche Freude mein Herz überströmte und welche Antwort ich gab, als ich diesen armen, verlorenen Sohn bei mir eintreten sah. Mein Vater, sagte er, sie sehen einen großen Sünder vor sich. Ach, wie schwer ist die Last, die mich drückt, ich muss sie ablegen; denn jenes Glas Wasser, das ich an der Quelle getrunken, hat mein ganzes Wesen umgewandelt und ich habe keine Ruhe mehr, bis ich Frieden mit Gott geschlossen habe! Die demütigste, von den aufrichtigsten Reuetränen begleitete Beicht beschloss diesen herrlichen Tag. Am folgenden Morgen sah ich meinen jungen Stabsoffizier, auf dessen Brust das Ehrenkreuz glänzte, am heiligen Tisch knien und Liebestränen flossen über seine Wangen herab, als meine vor Rührung zitternden Hände den Leib des Herrn auf seine Zunge legten. Einige Stunden später reiste er ab, das Herz voll Frieden und Dankbarkeit. Seine Bekehrung war ebenso dauerhaft, als sie aufrichtig gewesen. Zu tapfer, um menschliche Rücksichten zu scheuen, bekannte er sie ohne Furcht, als er bei seinem Regiment ankam, dessen Apostel er wurde.

 

Aus diesem Beispiel sehen wir wieder glänzend die Nächstenliebe Mariens, die sich dieser unglücklichen Seele erbarmt und liebend sie wieder zu Gott zurückgeführt hat. Blicken wir daher recht oft, liebe Christen, in das hochheilige Mutterherz Mariens, um aus diesem Spiegel Gott und den Nächsten lieben zu lernen! Amen.

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28. Maiandacht - Maria, meine Braut

 

Der Brautring, den der heilige Joseph bei seiner Vermählung von der reinsten und unbefleckten Jungfrau erhielt und den er am Finger trug, wird in der Stadt Perugia in Italien in einem prachtvollen, goldenen Behältnis auf dem Altar einer Kapelle der Hauptkirche des heiligen Laurentius aufbewahrt. Im fünfzehnten Jahrhundert kam dieser Ring durch eine Fügung Gottes aus der Stadt Chiugi nach Perugia. Hierüber entstand ein Streit und großer Zwist zwischen den Bewohnern beider Städte, bis Papst Sixtus IV. beschloss, dass diese heilige Reliquie nach Rom, der Hauptstadt der Christenheit, gebracht werden sollte. Endlich im Jahr 1486 unter Papst Innozenz VIII. erneuerten die Perugianer ihre Bitte und erhielten den Ring wieder unter großem Jubel des Volkes.

 

Können auch wir, liebe Christen, diesen Ring nicht sehen und verehren, so erweckt doch die Erinnerung daran den heißen Wunsch in unserer Seele, nach einer innigen Verbindung mit Maria, nach einer Vereinigung unseres Herzens mit ihrem Herzen. Es geht uns da, wie dem heiligen Bernhardin von Siena, der bei der Betrachtung des Festes Mariä Vermählung sehnsuchtsvoll ausrief: O glücklicher Joseph, könnte ich Maria, gleich wie du, auch meine Braut nennen! – Das Wesen des bräutlichen Verhältnisses ist die Liebe und in Kraft dieser Liebe können und dürfen wir sie heute und immer begrüßen: Maria, meine Braut! – Diese Liebe muss aber eine einer solch erhabenen himmlischen Braut würdige Liebe sein wenigstens dem Willen nach, denn in der Tat können wir sündhafte Menschen dies nie erreichen; wir müssen Maria lieben rein, wahr, ewig!

 

Als einst der Weltweise Aristoteles gefragt wurde, warum man die Schönheit liebe und ihr so nachlaufe, antwortete er, das wäre die Frage eines Blinden. Die Schönheit nämlich hat einen solchen Reiz, dass wer sie nur immer sieht, sich davon angezogen fühlt. Maria war aber, wie die heiligen Väter einstimmig sagen, das schönste Geschöpf, das je aus der schaffenden Hand der göttlichen Allmacht hervorgegangen, weil in ihr Leibesschönheit mit der Schönheit der Seele aufs Innigste vereinigt war; weshalb sie auch der heilige Geist im Hohenlied die Schönste unter den Frauen nennt. Daher kommt es, liebe Christen, dass wir uns so angezogen fühlen von Maria, mögen wir sie nun im Bild erblicken oder durch die Betrachtung vor unserem geistigen Auge erscheinen lassen; daher kommt es, dass wir ganz hingerissen werden von ihrer Schönheit, dass selbst in dem Herzen des versunkensten Menschen oft noch ein Funken der Liebe sich für sie regt, dass selbst das kleinste Kind beim Anblick eines Muttergottesbildes oder beim Nennen ihres heiligen Namens Freude und Lust empfindet. Fromme Schriftsteller haben uns die Nachricht hinterlassen, dass wer immer die jungfräuliche Erscheinung Mariens, so lange sie auf Erden wandelte, erblickte, sich von einer solchen Liebe zur heiligen Reinigkeit durchdrungen fühlte, dass jede irdische Regung, jede sündige Neigung augenblicklich verschwand. Dieselbe Erfahrung können wir auch jetzt noch machen, wenn wir an ihren Gnadenorten beten und vor ihren heiligen Bildern knien; nur keusche Gefühle durchziehen unsere Seele und wir empfinden deutlich, dass unsere jungfräuliche Braut nur eine reine Liebe wohl gefalle. Der heilige Ambrosius sagt: Maria stand mitten unter den Soldaten und Henkersknechten standhaft bei dem Kreuz, ohne von deren Frechheit etwas zu befürchten, weil sie eine so wunderbare Gnade hatte, dass nicht allein ihre Keuschheit unter den frechen Soldaten ganz sicher war, sondern auch ihr heiliges Antlitz schon denen, die sie betrachteten, Liebe zur Reinigkeit eingeflößt habe. – Der ehrwürdige Bruder Gerard Majella hatte die jungfräuliche Reinigkeit bis zu seinem Tod bewahrt und das Kleid der Unschuld seit seiner Taufe nie durch eine schwere Sünde befleckt. Warum? – Weil er die allerseligste Jungfrau mit reiner Liebe liebte und oft sagte: Maria hat mein Herz bezaubert und ich habe es ihr hingegeben. Wurde ein Fest Mariens gefeiert, so konnte er sich den ganzen Tag über nicht mehr von ihrem Altar trennen. Einst sah man ihn an einem solchen Fest ganz entflammt vor vielem Volk an den Altar eilen und einen Ring hinauflegen. Darüber befragt, sagte er, er habe seine Reinigkeit mit der Reinheit Mariens vermählen wollen. Und in seiner Begeisterung sprach er dann, wenn von ihr die Rede war: Maria ist meine Braut! Wollen auch wir es wagen, liebe Christen, die allerseligste Jungfrau unsere Braut zu nennen, so müssen wir mit keuschem Leib, mit schuldloser Seele ihr dienen und sie mit reiner Liebe lieben.

 

Das sicherste Zeichen der wahren Liebe, sagt der heilige Augustin, ist die Opferwilligkeit. Der echten Liebe ist keine Mühe zu viel, keine Beschwerde zu hart, kein Opfer zu groß; sie gibt für den Geliebten alles mit Freuden hin; darum ist die Liebe Jesu Christi zu uns eine wahre Liebe, weil er sein Blut und Leben für uns dahingegeben; darum ist die Liebe unserer himmlischen Braut Maria zu uns eine echte Liebe, weil sie ihren einzigen, geliebtesten Sohn für uns geopfert hat; und auch wir können nur dadurch die Wahrheit unserer Liebe beweisen, dass wir Opfer bringen für Maria. – Der Vater des heiligen Bernhard, keinen Widerspruch ertragend, wollte seinen Sohn als den Stammhalter seines Adels und als den Erben seiner reichen Güter, zur Verehelichung zwingen und hatte schon längst Margaretha, die Tochter des Grafen von Miolans, für ihn als Braut bestimmt. In dieser Bedrängnis keinen Ausweg findend zog sich Bernhard am Vorabend der Trauung betrübt in sein Zimmer zurück, warf sich vor dem Bild der Gottesmutter auf seine Knie und rief: Ich will keine andere Braut, als dich, o Maria! Gerne opfere ich deiner Liebe jede irdische Liebe, die Hand dieses jungen Mädchens, den Adel meiner Geburt, den Reichtum meines Erbes, alles! Und er entfloh noch in dieser Nacht aus seinem väterlichen Schloss für immer. Das war wirklich eine wahre Liebe; doch, liebe Christen, wenn auch wir nicht in der Lage sind, solche Opfer zu bringen und sie in solcher Weise auch nicht von uns verlangt werden, so können wir doch immer die Wahrheit unserer Liebe beweisen. Es gibt so viele Gelegenheiten, Maria auf irgend eine Art ein Opfer zu bringen und ihr zu lieb etwas zu ertragen, zu entbehren, sich zu versagen, im Essen und Trinken, im Reden, Sehen und Hören, durch Fasten, Almosen und Selbstverleugnung, dass fast kein Tag, ja keine Stunde vorübergeht, ohne ihr ein kleines Opfer zu Füßen legen zu können. Der gottselige Jüngling Abulcher Bisciarah in Ägypten schmückte schon als Knabe täglich das Bild Mariens mit Blumen aus dem väterlichen Garten; auch legte er dort gewisse Gaben nieder, die zugleich Geschenk und Opfer waren; denn am Samstag brachte er einige Datteln, die er sich von seinem Frühstück abgespart hatte, bald waren es einige Äpfel oder ein Brot; gegen Abend nahm er sie wieder weg, um sie dem ersten Armen zu geben, der ihm begegnete. Seine Mutter fand ihn oft, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, ganz in Andacht versunken und hörte ihn zur Gottesmutter rufen: O wie gerne, Maria, möchte ich dir meine Liebe durch größere Opfer beweisen!

 

Wenn der Priester am Altar steht, ein Brautpaar zum ehelichen Bund einzusegnen, so fragt er dreimal: Wollt ihr euch lieben, bis euch der Tod scheidet? Und wenn ich euch, liebe Christen, fragen würde: Wollt ihr Maria bis in den Tod lieben, was würdet ihr mir antworten? – Ja ich will Maria, die ich mir zur Braut erwählt habe, treu lieben, ich will sie nicht bloß bis zum Tod, sondern ewig lieben. – Eine Liebe, die aufhören kann, sagt der heilige Augustin, ist nie eine Liebe gewesen, und eine Braut von solcher Hoheit und Majestät, eine Braut von solcher Anmut und Liebenswürdigkeit, eine Braut von solchen Schätzen und Reichtümern, verdient eine ewige Liebe. Eine Braut, die uns von Ewigkeit her, die uns wegen der Ewigkeit, die uns bis in die Ewigkeit liebt, ist nur einer ewigen Liebe wert. – Sie zu lieben, auch wenn sie uns nicht zu erhören scheint; sie zu lieben, auch wenn kein Gefühl der Andacht sich in unserem Herzen regt; sie zu lieben, auch wenn Unglück, Trübsal und Verfolgung über uns kommt, das allein ist das Zeichen einer Liebe, die uns das Anrecht verleiht, Maria unsere Braut zu nennen.

 

Als den sterbenden Jüngling Johannes Berchmanns, der Maria über alles liebte, ein Mitbruder fragte, welcher Dienst wohl der allerseligsten Jungfrau am wohlgefälligsten sei, gab er zur Antwort: Auch der kleinste, nur muss er beharrlich sein! – Ähnliches sagt auch ein anderer frommer Diener der Muttergottes, Richard: Die sich beharrlich an Maria halten und ihr unausgesetzt anhängen, werden selig sein in der Hoffnung und in Zukunft selig werden in der Tat. – Auch der heilige Bonaventura fordert zu dieser beharrlichen Liebe auf, indem er spricht: Du kannst sicher deine Sache der heiligen Jungfrau anvertrauen, weil sie eine Mutter des Erbarmens ist, aber täglich musst du ihr Ehre erweisen. Unterlasst also, liebe Christen, keinen Tag Maria eure Liebe zu beweisen. Wenn auch viele Geschäfte euch drängen, wenn ihr ermüdet von der Arbeit seid, wenn Unlust euer Herz befällt oder wenn Versuchung euch abhalten will, unterlasst eure Übungen, Andachten und Gebete nicht. Selig, ruft Maria, wer täglich wacht an meiner Tür! Spr 8.

 

Wenn nun unsere Liebe zu Maria rein, wahr und ewig ist, dann können wir mit den Worten der heiligen Schrift rufen: Sie habe ich geliebt und auserwählt von meiner Jugend auf und sie suchte ich mir als Braut zu nehmen und wurde ein Liebhaber ihrer Schönheit, Weisheit 8; dann treten wir mit Maria in jenes bräutliche Verhältnis, das uns nach dem Ausspruch des heiligen Alphonsus schon hienieden den Himmel ahnen lässt. O welches Glück, o welche Seligkeit! von der durchdrungen so viele fromme und heilige Seelen auch äußerlich jene süße Verbindung mit Maria auszudrücken suchten, die innerlich ihre Herzen mit jener himmlischen Braut verband.

 

Der fromme Kurfürst Maximilian I. von Bayern hatte sein Herz ganz der Liebe zu Maria geweiht. Er ließ für das Gnadenbild von Altötting einen kostbaren silbernen Tabernakel verfertigen und brachte ihn im Jahr 1645 der allerseligsten Jungfrau zum Opfer. Nach seinem Tod wurde, wie er es befohlen hatte, sein Herz in ein silbernes Herz eingeschlossen, nach Altötting gebracht und dort in der heiligen Kapelle beigesetzt. Nach der feierlichen Beisetzung befahl seine Gemahlin Maria Anna in dem silbernen Tabernakel des Gnadenbildes nachzusuchen, weil die Sage ging, es liege hier eine Handschrift des verstorbenen Kurfürsten Maximilian verborgen. Wirklich fand man auch unter den Füßen des Gnadenbildes eine mit dem kurfürstlichen Siegel zweimal verschlossene Handschrift, die eine von dem frommen Kurfürsten mit eigener Hand und seinem eigenen Blut geschriebene Aufopferung enthielt, die also lautet: Ich schenke und weihe mich dir, o Jungfrau Maria! Dies bezeuge ich mit meinem Blut und meiner Handschrift. Maximilian, der größte Sünder.

Der heilige Edmund legte als blühender Jüngling vor dem Bild der heiligen Jungfrau das Gelübde der Keuschheit ab und wählte Maria zu seiner Braut. Zum Unterpfand seiner Treue tat er an den Finger des Bildes einen goldenen Ring, worauf der englische Gruß geschrieben stand. – Amen.

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29. Maiandacht - Maria, meine Krone

 

Zweimal wurde der Klarenberg, auf dem sich das berühmte Gnadenbild Mariens zu Czenstochau in Polen befindet, von den feindlichen Schweden im Jahr 1656 und 1657 belagert. Aber die Himmelskönigin beschützte immer auf wunderbare Weise den heiligen Ort. Die beiden Könige von Polen Kasimir und August II. berichteten diese wunderbare Rettung durch Maria nach Rom an den Papst und Klemens XI. befahl zur Danksagung, das Gnadenbild feierlich zu krönen. Diese Festlichkeit ging am 8. September 1717 vor sich. Ungeheuer war der Zudrang des Volkes, so dass sich während acht Tagen die Zahl der Kommunikanten auf 143.300 belaufen hat und noch immer währt der Zug des polnischen Volkes dahin.

 

Dies ist ein schwaches, weil ein irdisches, Bild von der wirklichen Krönung Mariens im Himmel, von jener Krone, die in der Ewigkeit ihr Haupt umglänzt und die sie sich von Gott und uns erwarb. Aus diesem Grund wohl lässt nicht nur der heilige Bernhard in seiner Predigt am Himmelfahrtsfest Mariens den Herrn der heiligen Jungfrau zurufen: Mit Ruhm und Ehre habe ich dich gekrönt, sondern es gibt ihr der heilige Methodius auch denselben Ehrentitel, womit wir sie heute begrüßen wollen: Maria, meine Krone!

 

Ein sinnreicher Maler wollte einst einem Mächtigen dieser Erde eine Ehre erweisen und malte auf sein Bild eine Menge Kronen mit der Unterschrift: Dem Himmel bleibt die letzte! Er gab ihm dadurch zu verstehen: All diese Kronen haben Eure Majestät jetzt in den Händen und auf dem Haupt, die herrlichste aber haben Sie erst in der künftigen Welt zu erwarten. – Fast dasselbe Bild ist in dem Brief zu finden, den der heilige Paulus an seinen vertrauten Jünger Timotheus geschrieben: Ich habe einen guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt, im übrigen ist mir hinterlegt die Krone der Gerechtigkeit, die mir geben wird der Herr an jenem Tag, der gerechte Richter! 2 Tim 4.

 

Wie herrlich muss erst die Krone sein, mit der Gott Maria gekrönt hat am Tag ihrer Himmelfahrt, am Tag der Freude ihres Herzens, da sie auf Erden schon in diesem sterblichen Leben nicht eine, sondern viele Kronen sich verdiente! – Was hat sie anders durch ihre jungfräuliche Reinigkeit verdient von jenem Gott, der einen Trunk kalten Wassers ihm zulieb gegeben, nicht unbelohnt lässt, als eine Ehrenkrone von schneeweißen Lilien! Was gebührte ihr für das lebenslange, schmerzhafte Martertum, als ein Kranz von purpurnen Rosen! – Durch ihren Eifer in der Sorge und Bewahrung der jungaufblühenden Kirche erwarb sie sich die Krone der Bekenner und ein Lorbeerkranz geziemte ihr für die vielen Siege, die sie in Verteidigung des menschlichen Geschlechts und der christlichen Kirche errang! Was gebührte ihr als einer von Gott selbst erwählten Königin? Die goldene Krone. Was als einer Mutter der Barmherzigkeit? Ein Kranz von Ölzweigen. Was als einer gnädigen Schutzfrau aller Auserwählten? Eine Krone von Perlen und Edelsteinen. Aber neben all diesen Kronen erwartete sie noch eine Herrlichkeitskrone im Himmel, die ihr Gott mit den Worten verlieh: Komm vom Libanon, meine Braut, du sollst gekrönt werden!

 

Diese Krone der Herrlichkeit aber ist nicht von Lilien und Rosen, nicht von Ölzweigen und Lorbeerblättern gemacht und nicht von Gold und Edelsteinen, sondern sie ist eine Krone von zwölf Sternen, mit welcher Krone sie ihr Pflegesohn, der heilige Johannes, in seiner geheimen Offenbarung wirklich gekrönt sah: Ein großes Zeichen erschien am Himmel, eine Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Diese Krone setzte ihr der allmächtige Gott selbst auf das Haupt.

Es ist wunderbar, wie vielerlei Kronen der menschliche Ehrgeiz ersann, um die Häupter der Fürsten zu ehren und zu krönen. Die Römer bedienten sich anfänglich der Myrten und Eichen, der Lorbeer- und Ölzweige. Die Fürsten Babylons nahmen Rosen und Lilien; die Armenier trugen künstlich gemachte Binden. Die Inder waren die ersten, die ihre Kronen von Gold machten. Amasis tat zu dem Gold auch Edelsteine hinzu. Sapor, König von Persien, hielt sich für keinen Menschen, wie die anderen, sondern er meinte, er wäre vom Himmel herabgekommen, weshalb er sich selbst den Titel gab: König der Könige, Bruder der Sonne und des Mondes, Fürst der Sterne. Er ließ sich daher eine Krone von lauter goldenen Sternen und glänzenden Strahlen machen. Die Ägypter zierten ihre Kronen mit Drachen, Nattern und Schlangen. – Doch auch im Himmel gibt es verschiedene Kronen für die, die regelmäßig kämpfen, sowie auch verschiedene Throne und Plätze dort sind. In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, sagt Jesus Christus, und der ehrwürdige Beda spricht von den Heiligen: Sie bekommen ihre Kronen nach Beschaffenheit ihrer Würdigkeit und Verdienste, teils weiße wegen der Jungfräulichkeit, teils rote wegen des Martyriums.

Das Haupt der Himmelskönigin aber schmücken all diese Kronen, weil sie die Krone der Auserwählten ist. Sie hat die Krone der Römer und Babylonier, weil von ihr die heilige Kirche singt: Es umgaben sie die Rosen und die Lilien der Täler. Sie besitzt die Krone der Inder, denn der weise Sirach spricht: Eine goldene Krone war auf ihrem Haupt, worauf das Zeichen der Heiligkeit und die Herrlichkeit ihrer Würde. Es fehlt ihr nicht die Krone von Edelsteinen, denn diese zeigt uns David in seinen Psalmen: Du hast gesetzt auf ihr Haupt eine Krone von Edelsteinen und weil sie sich mit mehr Wahrheit, als Sapor, die Königin aller Könige, die Gebieterin der Sonne und des Mondes, ja schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, eine Fürstin der Himmelsgestirne nennen konnte, entbehrt sie auch nicht die Krone Persiens mit den zwölf Sternen. Unter den Drachen, Nattern und Schlangen verstehen die heiligen Väter den Teufel, weshalb die Heiligen gekrönt werden, weil sie dessen Haupt in den Versuchungen zertreten. Wer aber hat den Satan mehr zertreten und erdrückt, als de Himmelskönigin, von der Gott selbst sagt: Sie wird der Schlange den Kopf zertreten? – Und somit besitzt Maria auch die ägyptische Krone. Sie hat demnach alle Kronen, die der menschliche Verstand ersonnen, es bleibt nur noch die letzte im Himmel; was nun dies für unvergängliche Kronen der Herrlichkeit seien, die die unergründliche Weisheit der göttlichen Majestät erdacht, um das heiligste Haupt der Mutter seines Sohnes damit zu ehren und zu krönen, das auszudrücken ist unmöglich, weil der Prophet Jesaja und der heilige Paulus sagen: Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Und wer hat je ihn mehr geliebt, als seine heilige Mutter?

 

Kaiser Karl der Große hat sich mit drei Kronen krönen lassen; mit einer silbernen zu Aachen als König der Deutschen und zu Mailand mit der eisernen als König von Italien. Endlich hat ihn Papst Leo III. im Jahr 801 zu Rom mit der goldenen Krone als römischer Kaiser gekrönt. Nicht bloß mit drei, sondern mit vielen Kronen wurde Maria von Gott gekrönt wegen ihrer erhabenen Stellung im Himmel und auf Erden; zwei Kronen jedoch leuchten und glänzen auf ihrem heiligen Haupt, die sie sich von uns erwarb.

 

David singt von Maria: Gott, der dich gekrönt hat mit Liebe und Erbarmen, weil du mütterlich liebst die Gerechten und mitleidsvoll dich erbarmst der Sünder! – Cölius Rodiginus erzählt, Alexander der Große habe, als Lysimachus im Krieg an der Stirn eine Wunde empfing, sich selbst die kostbare Binde, die zu jener Zeit die Könige anstatt der Kronen zu tragen pflegten, vom Haupt genommen und sie zum Verbinden des Verwundeten hergegeben. O wie verschwindet jedoch dieser Zug königlicher Liebe gegen die Mutterliebe Mariens, mit der sie für ihre Kinder sorgt und wacht! Wahrhaftig, liebe Christen, wir, die wir sie lieben und verehren und nach Kräften uns bestreben, sie nicht zu betrüben, sind nach des Apostels Wort ihre Ehrenkrone. Ist es denn nicht, als setzte sie gleichsam ihre Ehre darein, uns mit ihrer Liebe und Huld zu umfassen, uns mit Gnaden und Wohltaten zu umfangen, uns mit dem goldenen Reif des königlichen Diadems ihrer Sorgfalt und Barmherzigkeit zu umgeben? – Der trete kühn hervor, ruft der heilige Bernhard, und höre auf sie zu lieben, der behaupten kann, er habe Maria angerufen und sei von ihr verlassen worden, denn immer und ewig bleibt sie die Hilfe der Christen, das Heil der Kranken und die Trösterin der Betrübten, denn immer und ewig bleibt es wahr, dass es keine Wunde gibt, die ihre Liebe nicht verbindet und keine Träne, die ihr Mitleid nicht stillt, aber auch keinen Sünder, den ihr Erbarmen nicht wieder zu Gott führt, wenn er zu ihr flieht!

 

Gonsalvus von Barcelona wurde vom Ehrgeiz und Durst nach hohen Taten nach Amerika getrieben, um dort in der damals neu entdeckten Welt sich zu bereichern und zu einer hohen Stellung hinaufzuschwingen. Als Gonzalez Pizarro den Versuch machte, das spanische Amerika dem Kaiser Carl V. zu entreißen, hielt er es mit diesem Rebellen, und kämpfte gegen seinen rechtmäßigen Fürsten. Er wurde General, wurde aber in einer Hauptschlacht mit Pizarro im Jahr 1548 geschlagen und konnte nur durch schnelle Flucht sein Leben retten. Er hielt sich einige Tage verkleidet in Wäldern auf und fristete mit genauer Not sein Leben. Da vernahm er an einem Sonntag Morgens die Glockentöne einer ziemlich nahen Kirche und fühlte sich davon so ergriffen, dass er es sich nicht versagen konnte, dem heiligen Messopfer beizuwohnen. Doch wie groß war seine Bestürzung, als von der Kanzel herab eine Verordnung des Vizekönigs verlesen wurde, welche allen Rebellen gegen den Kaiser Verzeihung verhieß, nur ihm allein nicht. Er wurde für vogelfrei erklärt und dem Tod verfallen. Voll der Sorge, dass etwa die Angst und der Schrecken, die ihn erfassten, und die Blässe seines Gesichtes ihn verraten könnten, zog er sich in eine kleine Kapelle zurück, wo ein der allerseligsten Jungfrau geweihter Altar stand. Dort warf er sich vor dem Bild Mariens nieder und flehte in der Stille, aber aus der Tiefe des Herzens, zur Mutter der Gnade, der Zuflucht aller Sünder, um Rettung aus der selbstverschuldeten Not. Da kam ihm plötzlich ein lichter Gedanke, ein großartiger Entschluss stieg auf in seiner Seele. Er verließ die Kirche, wanderte durch dichte Wälder und unbewohnte Täler und erreichte endlich glücklich die Hochgebirge der Kordilleras. Dort wählte er sich eine Felsenhöhle zur Wohnung, wo er mit Waldfrüchten sein Leben fristend in den Übungen der Reue und Buße seine bisherigen und künftigen Wege bedachte. Er verkündete dann den einheimischen Indianern, in deren Sprache er schon geübt war, das Evangelium und weihte sich diesem Werk mit solchem Mut und Erfolge, dass in kurzer Zeit die Nachricht davon bis in die Hauptstadt von Peru, nach Lima gelangte. Nun beeilte sich der Vizekönig ihn zu begnadigen und zurückzurufen. Doch Gonsalvus blieb bei seinen Indianern, ihnen den Weg zum Heil zu zeigen und ihre Kranken zu pflegen, bis er gottselig sein Leben beschloss.

 

Das, liebe Christen, ist eine einzige unter den Millionen Seelen, die Maria gerettet; wenn aber der heilige Simeon Salus, als er den Geist aufgeben wollte, von dem Engel Gottes eingeladen wurde, nicht nur eine einzige Krone, sondern so viele Kronen von Gott dem Allmächtigen zu empfangen, als er Seelen auf den Weg der Seligkeit gebracht hatte, welche Freudenkrone, welche vielfache Herrlichkeitskrone wird erst auf dem Haupt derjenigen glänzen, die wir heute begrüßen: Maria, meine Krone?

 

Umleuchtet von diesem Glanz lasst uns demütig jener schönen Worte gedenken, die der heilige Papst und Martyrer Klemens kurz vor seinem seligen Ende zu vielen anderen Christen sagte, die bereits die Martern litten: Nicht durch meine Verdienste hat mich Gott der Herr zu euch gesendet, um eurer Kronen und Verdienste teilhaftig zu werden, - und bitten wir die allerseligste Jungfrau Maria, die Krone der Auserwählten, die Liebeskrone der Gerechten und die Barmherzigkeitskrone der Sünder, dass sie uns, wenn auch nicht wegen unserer eigenen Verdienste, doch wenigstens wegen ihrer und ihres Sohnes Verdienste, teilhaftig werden lasse der unvergänglichen Kronen ihrer Herrlichkeit. Amen.

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30. Maiandacht - Maria, mein Himmel

 

Auf dem mit Asche bestreuten Boden liegend, erwartete der heilige Martin, Bischof von Tours, die Augen und Hände zum Himmel erhoben, betend seine Auflösung. Als die Priester, die sich um ihn versammelt hatten, ihn baten, es zu gestatten, dass man ihn ein wenig auf die Seite lege, sagte er: Lasst mich doch lieber den Himmel anschauen, als die Erde!

Auch wir, liebe Christen, wollen dem Beispiel des heiligen Martin folgen und unsere Augen wegwenden und unsere Herzen losreißen von der Erde und hinrichten auf den Himmel; aber auf jenen geistigen Himmel, durch den wir am sichersten in den wirklichen Himmel kommen, auf Maria, von der der heilige Chrysostomus sagt: Sei gegrüßt du Himmel, in dem der Herr sich seinen Thron bereitet hat. Der ewige Vater schickte seinen Gesandten Gabriel mit dem Befehl an Maria ab: Gehe zu dem anderen Himmel, der auf Erden ist!

 

Der Himmel ist der Inbegriff aller Freude, Wonne und Seligkeit; ist der Ort, der jede Sehnsucht stillt und nichts zu wünschen übrig lässt, weshalb es auch schon hienieden für den höchstmöglichen Ausdruck der Liebe gilt zu sagen: Du bist mein Himmel! Wenn daher Maria ganz unser Herz erfüllt, wenn sie nach Gott der einzige Gegenstand unserer heißesten Liebe ist, so wird es uns drängen, sie zu begrüßen: Maria, mein Himmel, und zwar umso mehr, als wir in ihr wirklich alles finden, was der Himmel verleiht, als sie den Himmel zum Himmel macht!

 

In diesem Weltall hat Gottes Wunderhand sich vier Wohnungen zubereitet: Die Bundeslade, den Tempel, die Erde und den Himmel; die Bundeslade als den Sitz seiner Barmherzigkeit; den Tempel als den Palast seiner Heiligkeit; die Erde als den Schauplatz seiner Allmacht und den Himmel als den Thron seiner Gerechtigkeit. Diese Wunderwerke wiederholen sich in der heiligen Jungfrau. In Maria ist, wie in der Bundeslade Aarons wunderbarer Stab zu schauen, aber jener, der nie in eine Schlange verwandelt worden; in ihr sind die Gesetzestafeln des Mose zu lesen, aber jene, die nie an einen Fels zerschellten; in ihr wird das Manna aufbewahrt, aber jenes, das die Verwesung nicht berührte. – In der seligsten Jungfrau erhebt sich wie im Tempel das heilige Gezelt des Allerhöchsten, aber ohne das Pochen des höllischen Hammers; in ihr wohnt der Herr, aber ohne die Nebelhülle; in ihr opfert der Hohepriester, aber der Unbefleckte. In dir, o Gottesbraut, erblüht wie auf der Erde das Paradies, aber ohne die Schlange und ohne die Bosheit der Sünde; in dir wandelt die Gottheit, aber ohne Rache; in dir sprudeln die Quellen, aber jene der Gnaden! – An dir flimmern, wie am Himmel die Sterne, aber unwandelbare; an dir leuchtet der Mond, aber zu deinen Füßen und keiner Verfinsterung unterworfen; an dir strahlt die Sonne, aber ohne Flecken! – Darum nennt dich der heilige Rupert das himmlische Paradies; darum heißt dich der heilige Gregor von Nyssa den Himmel der Seligkeit; darum begrüßt dich der heilige Hieronymus als den Himmel der Liebe! – Wenn der heilige Bernhard den Ausspruch tut: Auf wen du blickst, o Maria, der wird gerettet und von wem du deine Augen abwendest, der geht zu Grunde, können wir da nicht zu dir, o heilige Jungfrau, sagen: Ein ganzer Himmel liegt in deinen Augen? – Wenn die heiligen Väter glauben, dass an der Bekehrung des rechten Schächers, dem der Herr noch im Todesaugenblick das Paradies versprochen, die Nähe Mariens Schuld war, können wir da nicht zu dir sagen: Bei dir sein ist so viel, als im Himmel sein?

 

Es ist gerade als ob die Heiligen für Maria kein treffenderes Bild, keinen passenderen Vergleich fänden, als den Himmel, weil sie denselben in ihren Schriften und Aussprüchen fast so oft gebrauchen, als sie von der allerseligsten Jungfrau Erwähnung tun. Den einen ist sie eine Himmelsblume, den anderen eine Himmelsleiter. Der heilige Augustin sagt: Maria ist ein Himmelsfenster geworden, weil durch sie das wahre Licht der Welt eingegossen wird, durch sie Gott auf die Erde herabstieg und durch sie die Menschen würdig gemacht worden, in den Himmel zu steigen. -–Nachdem die Apostel auf dem Berg Tabor der Verklärung Christi beigewohnt, fühlten sie dort schon ihr Herz von Sehnsucht nach dem Himmel durchdrungen, dass sie nimmer zur Erde niedersteigen wollten; und als erst Jesus Christus wirklich vor ihren Augen auf dem Ölberg sich in den Himmel erhoben, sahen sie ihm lange nach und ihr Herz wäre gewiss vor Heimweh nach dem Himmel gestorben, wenn nicht, wie der heilige Vinzenz Ferrerius so schön sagt, ein anderer Himmel auf Erden bei ihnen geblieben wäre, die allerseligste Jungfrau Maria. – Nur dieser Himmel vermochte das Herz des Liebesjüngers Johannes zu beruhigen und zu trösten, nachdem er in den Himmel verzückt die Wunder seiner Herrlichkeit geschaut hatte.

 

Worin besteht der Himmel? Im Genuss und Besitz Gottes, in der Gesellschaft der Engel und Heiligen. Es ist aber eine unleugbare Tatsache, dass wir durch Maria zu Jesus kommen und dass wir uns an Maria wenden müssen, wenn wir den Herrn besitzen und genießen wollen. Nie komme ich allein zu dir, sprach Maria zur heiligen Brigitta, wie ich auf Erden nie ohne Jesus war, so bin ich auch jetzt nie ohne ihn. Wir sind beisammen, wenn du zu mir flehst und meine Liebe betrachtest, gerade so, wie du, wenn du kommunizierst, mit dem Fleisch und Blut Jesu Christi, auch mein Fleisch und Blut genießt, das er von mir empfangen hat. – Da ferner Maria die Königin der Engel und Heiligen ist und die Untertanen stets bei ihrem Oberhaupt sind, so bewegst du dich im Dienst Mariens immer in der Gesellschaft der himmlischen Geister und Auserwählten Gottes.

 

Worin besteht der Himmel? In Freuden ohne Schmerz und in einer Seligkeit ohne Ende. Dann, heilige Jungfrau, bist du mein Himmel auf Erden; denn wer dich von Herzen liebt und dir aufrichtig und wahrhaft dient, der empfindet deutlich, dass dein Umgang nichts Bitteres und deine Gesellschaft nichts Widriges hat, dass ein Tag zugebracht in deinen Vorhöfen, zu Füßen deiner Altäre und heiligen Bilder, besser und süßer sei, als tausend andere; der fühlt wahrhaft mit dem heiligen Alphonsus, dass es keinen größeren Trost, keine süßere Freude, keinen seligeren Genuss geben kann, als zu dir seine Zuflucht zu nehmen und sich ganz in dein erbarmungsreiches Herz zu versenken. Da schwinden die Stunden wie Augenblicke, da fallen die Nebel vergänglicher Liebe, da zerreißen die Schleier irdischer Sorgen, da geht eine Sonne im Herzen auf, die tageshell es erleuchtet und liebeswarm es durchglüht. – In der heiligen Schrift heißt es vom Himmel: Dort wird kein Kummer und keine Sorge mehr sein und jede Träne von den Augen getrocknet werden. Wer aber weiß noch von Kummer zu sagen, der zu Maria, der Trösterin aller Betrübten, sich flüchtet? – Ist nicht sie die barmherzige Samaritanin, die in die verwundete Seele den Wein der Liebe und das Öl der Barmherzigkeit gießt? – Da flieht die Sorge und weicht der Kummer, da flieht und verschwindet ein jeglicher Schmerz und immer wird die Klage da stummer, fliehst du zu Mariens Mutterherz! – Eher kannst du die Sterne des Himmels zählen, sagt der heilige Ignatius, als die Tränen, die Maria schon getrocknet, denn noch niemand hat der heiligen Jungfrau seine Tränen umsonst geweint. – In der heiligen Schrift heißt es vom Himmel: Dort wird kein Tod mehr sein, denn alles Frühere ist vergangen. Wer mich findet, heißt es von Maria, der findet das Leben! Wer immer, und wäre es auch der größte Sünder, vertrauensvoll zu ihr zurückkehrt und seine Sünden aufrichtig bereut, der findet durch sie das Leben; wer immer in der Liebe und Andacht zu Maria treu und beharrlich bleibt, für den wird kein Tod der Seele mehr sein und seine früheren Sünden werden ihm durch die Fürbitte Mariens hinweggenommen! – Die Seligkeit des Himmels dauert ewig und auch die Liebe unseres marianischen Himmels nimmt kein Ende. Ihre Liebe begleitet uns von der Wiege bis zum Grab; kein Undank und Misstrauen, keine Kälte und Gleichgültigkeit, nichts ist im Stande, sie aufhören zu machen. Himmel und Erde werden eher vergehen, als Maria eine Seele verlässt, ruft der selige Heinrich Suso; weshalb Maria ewig lieben so viel heißt, als ewig selig sein! – Aus diesem Grund kann ich dich, o heilige Jungfrau, mit dem Himmel vergleichen. In der Tat bist du ja nichts anderes als die Wohnung Gottes. Lieblich fällt das funkelnde Siebengestirn am Himmel in unser Auge, aber du strahlst herrlicher in den sieben Gaben des heiligen Geistes. Der Himmel hat Sterne ohne Ende, du, o Maria, Tugenden ohne Zahl! Der Himmel bewegt sich in wunderbarer Weise, du schreitest immer höher, ohne jemals fehl zu gehen. Dort wohnt Gott und seine Heiligen, dich Maria, verehren diese sogar!

 

Abgenommen hat Maria dem Himmel die Sonne, um sich darein zu hüllen; den Mond, um ihn als Schemel ihrer Füße zu gebrauchen; die Sterne, um ihr Haupt damit zu krönen; sie geht nicht in den Himmel ein, sie trägt ihn um sich wie einen Schmuck, nein, sie selbst ist ein Himmel, die Wohnung Gottes, der Aufenthalt der Engel, das Paradies der Heiligen, der Ort ewiger Freude und Seligkeit!

 

Als die ehrwürdige Maria Klotildis, Königin von Sardinien, auf dem Sterbebett lag, brachte ihr der Beichtvater die heiß erwartete Nachricht, dass der König ihr Gemahl, endlich nach langem Kampf sich in Gottes Willen ergeben habe, der sie von dieser Welt abrief. Da sprach sie: O welche Freude, mein Vater! Nun, da ich dies weiß, habe ich nichts mehr zu verlangen, als das Paradies! – So, liebe Christen, sollen auch wir sprechen: Nun da ich weiß, dass Maria mein Himmel ist, habe ich kein anderes Verlangen mehr als nach diesem Himmel. Ihr zu dienen sei mein einziges Sehnen, ihr wohlzugefallen, sie nachzuahmen mein einziges Streben, ihre Liebe, Huld und Gnade mein einziger Wunsch! Zwei Dinge sollen mich dazu begeistern. Je größer deine Sehnsucht nach dem Himmel ist, sagt die heilige Theresia, desto sicherer erreichst du ihn. Maria wird also desto eher mein Himmel, je mehr ich mich danach sehne und verlange. Dann spricht der heilige Laurentius Justiniani: Wenn du auf Erden nicht ohne Maria sein kannst, will sie auch im Himmel nicht ohne dich sein! Die Liebe zu Maria ist also das sicherste Mittel, selig zu werden und in den Himmel zu kommen. Welch heißes Verlangen, welch beständige Sehnsucht nach Maria soll daher aus diesen Gründen unsere Brust durchglühen; wie oft sollen wir im Leben nach diesem Himmel seufzen und im Tod jenem gottseligen Jüngling Alexander Bertius aus Florenz gleichen! Er lag auf dem Sterbebett und je näher er dem Himmel kam, desto größer schien die Wonne seines Herzens zu werden. Als die glühende Abendröte noch einmal sein Marienbild beleuchtete, erhob er mit aller Anstrengung seinen geschwächten Leib, setzte sich auf und nachdem er lange geschwiegen, rief er: Zum Himmel, zum Himmel! Amen.

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31. Maiandacht - Maria, mein Alles

 

Nun stehen wir am Schluss unserer lieben Maiandacht und sehen mit wehmutsvollen Blicken auf die schönen Tage zurück, die wir vor dem blumengeschmückten und lichtumstrahlten Marienbild betend und singend zugebracht haben und die leider nur zu schnell vergangen sind. Doch, liebe Christen, wir wollen die Wehmut dieser Stunde durch den höchsten Grad dankbarer Liebe überwinden, wir wollen die Andacht zu Maria in uns zu einer Flamme anfachen, deren Glut uns das ganze Jahr erwärmt und unvergesslich bleibt.

Wenn die Sonne untergeht, hinabsinkt und vor unseren Augen verschwindet, wenn die Erde noch glänzt und die letzten Strahlen der Sonne purpurn sie verklären, da flammt sie, ehe sie gänzlich schwindet, noch einmal empor, nimmt gleichsam all ihre Strahlen zusammen, blitzt auf in einem Flammenmeer, in einem Glutenstrom, in einem Feuerball und – geht unter! – Gleich der irdischen Sonne wollen wir, bevor wir diese heilige Stätte verlassen, alle Strahlen der Huld und Liebe Mariens zusammenfassen und noch einmal vereinigt beschauen. Was die heiligen Väter Herrliches von Maria gesagt, was das eigene Herz lobend und dankend von ihr spricht, was die ganze Welt Wunderbares von ihr verkündet, das spreche unser letzter Gruß aus: Maria, mein Alles!

 

Als jener berühmte Maler Carlo Dolce, der seinen Pinsel der heiligen Jungfrau geweiht hatte, wieder einmal nach seiner Vaterstadt Siena kam, begab er sich mit seinen Freunden auf den Friedhof. Dort blieb er vor einem Grab stehen und weinte bitterlich. Als ihn seine Gefährten, erschüttert von seinem Schmerz, fragten, wer denn in dieser Gruft ruhe, antwortete er: Mein Alles! – Es war das Grab seiner Mutter! – Ihm war seine irdische Mutter Alles und uns, liebe Christen, ist Maria Alles, weil sie unsere himmlische Mutter ist; und wohlgemerkt Maria bleibt uns Alles, weil sie nie stirbt und ihre Mutterliebe keine Trennung kennt und kein Grab.

Der fromme Ludwig von Granada schreibt: Wünschst du Alles, was wir über die brüderliche Liebe gelehrt haben, in einen einzigen Satz zusammenzufassen, so bestrebe dich gegen deinen Nächsten ein Mutterherz zu haben und du wirst Alles in seinem ganzen Umfang erfüllen, was über die Liebe gesagt worden ist. Alle Eigenschaften, Arten und Wirkungen der Liebe also sind in einer Mutter vereint, weshalb der heilige Stanislaus Kostka auf die wiederholte Frage, warum er Maria so sehr liebe, stets dieselbe Antwort gab: Sie ist ja meine Mutter! Und ebendeshalb mein Alles!

 

Eine gute Mutter ist unser Alles, darum haben Kinder Recht, wenn sie zu ihrer lebenden Mutter sagen: Du bist mein Alles, und über dem Grab der Verstorbenen weinend ausrufen: Ich habe mein Alles verloren. Maria aber ist nicht bloß die beste Mutter, sondern auch unsere Mutter, die gleich dem heiligen Paulus uns allen Alles geworden ist. Alles, was wir bedürfen und brauchen, was wir ersehnen und wünschen, was wir bitten und hoffen; Alles, was dem Leibe nötig, was dem Geist zuträglich, was die Seele bedürftig ist: Alles, Ruhe und Reichtum, Trost, Liebe und Leben, Alles, Alles!

 

Siehst du das Kind, das erschöpft vom Spielen oder müde vom Weinen, sanft einschläft auf seiner Mutter Schoß; wie es die Ärmchen um ihre Brust geschlungen so friedlich schlummert und so süß träumt! Ein natürlicher Zug seines Herzens zieht es hin zur Mutter, eine innere Stimme sagt ihm, dort findest du Ruhe! – Seitdem das Kindlein von Bethlehem ruhte auf Mariens Schoß; seitdem der Leichnam Jesu ruhte in dem Schoß der heiligen Jungfrau, gibt es auch für den Christen keine bessere Ruhestätte im Leben und im Tod, als Mariens Mutterschoß. Wie oft sind wir müde von dem ernsten Spiel des Lebens, wie oft ist unser Auge rot verweint von den Sorgen und Kümmernissen dieser Erde, wo werden wir Ruhe finden? – Bei Maria, sagt Thomas von Kempis, die unsere müden Glieder stärkt und die bittersten Tränen trocknet, weil sie uns Alles geworden ist!

 

Als der berühmte Seefahrer Harrington Schiffbruch litt und sein ganzes Vermögen, all sein Hab und Gut mit dem Schiff zu Grunde ging, rief er dennoch aus: Ich habe Alles gerettet! Warum? – Er hatte seine Mutter gerettet und kam mit ihr glücklich ans Ufer. Seine Mutter war sein ganzer Reichtum, wenn er auch an zeitlichen Gütern arm wie ein Bettler geworden! – Wenn der heilige Bernhard sagt: Maria ist unser größter Schatz, so sind wir reich, wenn wir auch dürftig sind, so haben wir Alles, wenn wir auch nichts besitzen. Bei mir sind Reichtümer und überschwängliche Güter und ich bereichere die, die mich lieben, heißt es in der heiligen Schrift von Maria. Sie ist die Schatzmeisterin aller Gnaden, sagt der heilige Johannes Damaszenus, alle Schätze der Barmherzigkeit Gottes sind in ihren Händen und sie allein ist auserwählt worden, die Schlüssel zu denselben zu verwahren und sie unter den Menschen nach ihrem Gutdünken auszuteilen. Wenn du also, lieber Christ, aus dem Schiffbruch dieses Lebens einzig nur die Liebe zu Maria gerettet hast, so hast du Alles gerettet, wenn du auch Alles verloren hast, einen Reichtum an Gnaden, Hoffnungen und Seligkeit dir bewahrt, der alle irdischen Schätze, auch die unermesslichen eines Krösus, unendlich übertrifft.

Wie ihr göttlicher Sohn ruft auch Maria: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen, ich will euch erquicken; denn aus meinem Herzen fließt ein Quell des Trostes, der nie versiegt. Es liegt schon in der Natur, dass Kinder immer zur Mutter fliehen, wenn sie betrübt sind und wenn ein Schmerz ihre Seele beschwert; noch mehr aber drängt uns der Glaube zu jenem heiligen Mutterherzen hin, welches von Gott die Bestimmung erhielt, die Trösterin der Betrübten zu sein. Darum musste sie auf Erden die Schule der Leiden durchmachen bis zum Lebensende, darum versenkte sie der Herr ins tiefste Meer der Schmerzen, damit sie aus eigener Erfahrung jedes irdische Weh kennen lerne und vom Himmel herab eine liebende Mutter aller Leidenden sei. Die Tränen Mariens versiegen die unsrigen, sagt der heilige Thomas von Villanova, und die Seufzer Mariens hemmen die unsrigen. Lass nur fließen, heilige Jungfrau, den Strom deiner Zähren, ruft der heilige Bonaventura aus, als er die Schmerzen Mariens unter dem Kreuz betrachtete, denn je reichlicher dieser Strom sich ergießt, desto kräftiger wird dein Trost für die leidende Menschheit. Wisst ihr, liebe Christen, fragt der heilige Germanus, warum Maria der Welt Alles geworden ist? Weil sie der Trost aller Betrübten ist, und wer auf der Welt war noch nie betrübt? – Wenn man einen wahrhaft guten Menschen kennen lernen will, dann darf man nur sehen, zu wem die Armen und Dürftigen Vertrauen haben. Dann hast du, Maria, das beste Mutterherz, weil es stets von Leidenden, Betrübten, Traurigen und Kummervollen umrungen ist, die alle zu dir fliehen und denen du Alles bist! Hat geholfen, tönt es aus tausend dankbaren Herzen, hat geholfen, kannst du auf tausend und tausend Bilden an ihren Gnadenorten lesen und wenn jede Träne, die Maria getrocknet und jeder Schmerz, den Maria gestillt, zum Stein würde, um damit der Trösterin der Betrübten ein Heiligtum zu erbauen, so würde dies ein Tempel werden, dessen Zinnen in die Wolken ragten und dessen Türme die Sterne berührten. – Eine Mutter begleitete mit ihrem halbjährigen, todkranken Kind den Wallfahrerzug der Erzbruderschaft des heiligen Rosenkranzes von Wien nach Mariataferl. Aber ihr Gebet um Genesung ihres Kindes fand keine Erhörung. Das Kind verschied in ihren Armen. Grenzenlos war ihr Herzeleid. Vergebens versuchte sie der Wallfahrtspriester zu trösten. Nun setzte sie sich mit ihrem toten Kind im Schoß auf einen Seitenstuhl im Angesicht des Gnadenbildes und rief voll Vertrauen: Mein Kind muss ich wieder haben, mein Kind muss ich wieder nach Hause bringen; die schmerzhafte Muttergottes wird meine Bitte nicht unerhört lassen, meine Tränen ansehen und mich nicht ungetröstet scheiden lassen. Dies wiederholte die arme Mutter, ehe der Zug abgeht, so oft und so jammervoll, dass alle, die sie sahen, in Tränen zerflossen vor Mitleid und ihr Gebet mit dem Gebet der trostlosen Mutter vereinigten. Plötzlich wurde die unglückliche Mutter innerlich angetrieben, sie nahm das tote Kind und trug es dreimal voll des lebendigsten Vertrauens auf Mariens Macht und Hilfe um die Gnadenkapelle und legte es dann auf den Altar. Und siehe, als der Wallfahrtszug abgehen will und der letzte Segen mit dem Allerheiligsten gegeben wird, schreit das Kind laut nach seiner Mutter. Alles erstaunt, alles jubelt, alles preist die Liebe und Macht der Himmelskönigin Maria!

 

Das menschliche Herz ist zum Lieben erschaffen. Liebe ist sein Bedürfnis; wohl ihm, wenn ein reiner und edler Gegenstand seine Sehnsucht erfüllt; tausendmal glücklich aber das Herz, das Maria zum Gegenstand seiner Liebe macht! Während jede irdische Liebe das Herz unbefriedigt lässt, erfüllt es die Liebe zu Maria ganz und vollkommen, weil die heilige Jungfrau auch in dieser Hinsicht uns Alles ist. So sehr hat Maria die Welt geliebt, dass sie ihres eingeborenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn hingegeben hat für das Leben der Welt. Wer dies betrachtet, der wird den Ausspruch des heiligen Alphonsus bestätigen: Weil nie ein Geschöpf gelebt hat, noch leben wird, das Gott mehr geliebt hätte, als Maria, so hat es auch nie jemanden gegeben und wird nie jemanden geben, der die Menschen mehr geliebt hätte als Maria! – Wer, o gebenedeite Frau, könnte je den Umfang, die Größe, die Erhabenheit, die Tiefe deiner Liebe bemessen? Ihren Umfang: sie kommt allen denen zu Hilfe, welche sie anrufen; ihre Größe: sie erfüllt das Weltall; ihre Erhabenheit: sie reicht bis in die Stadt Gottes; ihre Tiefe: sie steigt zu denen herab, die im Finstern schlummern und ruft sie zum Licht zurück. Deshalb erschloss sich das Herz des gottseligen Bruders Paul Granger schon als Kind der Liebe der gebenedeiten Mutter des Herrn. Du liebst mich recht innig, sagte er einst zu seiner Mutter; doch eine andere Mutter habe ich im Himmel, die mich noch mehr liebt, als du.

 

Die heilige Kirche wendet auf Maria die Schriftstelle an: Wer mich findet, findet das Leben, und lässt uns im Salve Regina zu Maria beten: Du unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung sei gegrüßt! Darauf gründet sich der Ausspruch des seligen Amadeus: Maria, du bist mein Leben! Es ist dies der Ausdruck der höchsten Liebe, die den Geliebten wie ihr eigenes Leben liebt und sein Leben als den Grund des ihrigen betrachtet, so dass sie ohne ihn sterben müsste. Die Seele ist das eigentliche Leben im Menschen und die Gnade ist das Leben der Seele; da wir aber ohne Maria keine Gnade empfangen, so hat der selige Heinrich Suso recht: Mit Maria das Leben, ohne sie der Tod!

 

O Maria, du meine Ruhe und mein Reichtum, du mein Trost, meine Liebe und mein Leben, mit einem Wort du meine Mutter, denn damit habe ich gesagt, dass du mein Alles bist! Zum letzten Mal im schönen Mai knie ich vor deinem Bild mit einer großen Schar deiner Kinder, die heute alle mit mir es schmerzlich fühlen, dass unsere Sprache viel zu arm ist, um dich zu loben, unsere Herzen viel zu kalt sind, um dich zu lieben, unser Verstand viel zu schwach ist, um deine Herrlichkeit zu erfassen! – Was wir auch immer zu deinem Preis und Ruhm in diesem Monat gesagt und getan, ach, wie wenig ist es gegen die Unendlichkeit deiner Mutterliebe und Majestät! – Doch wie dein göttlicher Sohn die zwei Pfennige der armen Witwe lobte und segnete, so wirst auch du, seine heilige Mutter, die schwachen Blüten unserer Liebe, die geringen Gaben unseres Dankes huldvoll ansehen und dadurch segnen, dass du uns von Gott die Gnade erbittest, alle guten Vorsätze, die wir in der diesjährigen Maiandacht gefasst, zu halten und beharrlich auszuführen. – Und nun, o heilige Jungfrau, sei noch einmal gegrüßt, mit allen jenen 31 Grüßen, die wir nach der frommen Weise unserer heiligen Väter und nach dem Drang unserer liebenden Herzen dir in diesem Maimonat zugerufen haben, und ihr heiligen Engel, wir bitten euch, reiht sie wie Perlen und Edelsteine aneinander zu einer Krone für die Himmelskönigin, von armen Menschenkindern ihr fromm geweiht, von Kindern ihrer Mutter, ihrer besten Mutter, die nach Gott ihr Ein und Alles ist und bleiben möge in alle Ewigkeit! Amen.

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Preislied für die Maienkönigin

 

Kommt, Christen, kommt, zu loben,

Der Mai ist neu erwacht;

Singt froh des Lobes Lieder

Zu seiner Blütenpracht.

 

Kommt, singt mit reichstem Schalle

Tief aus des Herzens Grund;

Stimmt ein, ihr Vöglein, alle,

Ihr Blüten reich und bunt!

 

Ihr Blümlein, die zum Feste

Hat die Dreieinigkeit

Der Tochter, Braut und Mutter

In Tau und Duft geweiht!

 

O pflückt, o pflückt, ihr Kinder,

Die Blümlein auf der Au,

Und schmückt und schmückt die hohe,

Die königliche Frau.

 

Die auf dem Mutterarme

Des Himmels König trägt,

Dem als das reinste Opfer

Ihr Herz entgegenschlägt.

 

O blicke liebend nieder,

Du Maienkönigin!

Nimm hin die frischen Lieder,

Nimm all die Blüten hin!

 

O mach auch uns zu Blüten,

So reich an Gnadentau,

Zum Himmelsmaienfeste,

Du unbefleckte Frau!