Maiandachten V

 

Zum Monat Mai

 

Der liebliche Mai mit seinen fröhlichen Liedern, seiner rein glänzenden und mildwarmen Sonne ist wiederum ins Land eingezogen. Kein Wunder also, dass die fromme Andacht der katholischen Gläubigen diese Blüten und Blumen der erhabenen, engelreinen Jungfrau und Mutter widmet, die da ist „die Lilie des Feldes“, schöner wie der Mond und glänzender als die Sonne. Doch in den Tagen des wonnevollen Maimonats steigen nicht bloß die Wohlgerüche und Düfte der Blumen, sondern auch die Wohlgerüche des gläubigen Gebetes und die herrlichsten Lieder aus zahllosen Herzen zur seligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria empor. Und die liebe Mutter des göttlichen Heilandes hält große Audienz den ganzen Monat lang und ladet alle ihr Kinder freundlich ein, ihre Bitten und Anliegen vorzubringen, um sie am Thron Gottes durch ihre Fürsprache unterstützen zu können. Bei ihr findet der Schwache Kraft, der Kranke Linderung, der Verängstigte Ruhe, der Traurige Trost, der Verlassene eine Stütze, der Arme Geborgenheit, der Sünder eine Vermittlerin. Kein Alter, kein Stand, kein Geschlecht entbehrt ihrer Hilfe. „Es ist noch nie erhört worden,“ ruft der heilige Bernhard aus, „dass jemand verlassen wurde, der zu dir seine Zuflucht nahm, o Maria!“ Ja, die seligste Jungfrau ist die beste aller Mütter und mehr bereit, uns Gnade mitzuteilen, als wir sind, sie zu empfangen. Wie liebevoll und großherzig sie aber erst gegenüber denjenigen sein, die sie einen ganzen Monat hindurch in besonderer Weise verehren!

 

Zeigen wir uns also im Monat Mai als wahrhaft fromme Verehrer und Kinder Mariens. Wetteifern wir, ihr unsere Huldigung darzubringen durch fleißige Beteiligung an der öffentlichen Maiandacht oder, wenn wir verhindert sind oder in unserer Kirche keine Maiandacht gebetet wird, durch unsere Privatandacht, besonders aber durch mutige und entschlossene Nachfolge ihres Tugendbeispiels. Christus, ihr göttlicher Sohn, wird in seiner Huld und Barmherzigkeit kein „Ave“ unbelohnt lassen, das mit kindlichem Vertrauen und reinem, aufrichtigem Herzen zum Lob seiner Mutter gesprochen wird. Sehr schön sagt der heilige Bonaventura: „Maria grüßt dich allezeit mit einer Gnade, wenn du sie mit einem „Ave“ begrüßt, das heißt, Maria wird dir durch ihre Fürbitte alles erlangen, was du zu deinem Heil begehrst und dich schließlich zur ewigen Seligkeit führen.“ Und der heilige Ignatius fügt hinzu: Niemals wird derjenige ein böses Ende nehmen, der sich als eifriger Verehrer der Gottesmutter erwiesen hat.“

 

Die Maiandacht

Betrachtungen und Gebete zur Verehrung

der allerseligsten Jungfrau Maria

 

In diesen Maiandachten sind den Betrachtungen die wichtigsten Glaubens- und Sittenlehren zugrunde gelegt. Und zwar in der Anordnung, für die das asketische Meisterwerk, das Exerzitienbüchlein des heiligen Ignatius von Loyola, den Weg zeigt:

 

Der erste Tag – Von der Pilgerfahrt auf Erden

 

Der zweite Tag – Vom Tod

 

Der dritte Tag – Vom Gericht nach dem Tod

 

Der vierte Tag – Von der Todsünde

 

Der fünfte Tag – Von der Hölle

 

Der sechste Tag – Von der lässlichen Sünde

 

Der siebente Tag – Vom Fegefeuer

 

Der achte Tag – Vom Himmel

 

Der neunte Tag – Von der göttlichen Gnade

 

Der zehnte Tag – Vom Gebet

 

Der elfte Tag – Von der heiligen Beichte

 

Der zwölfte Tag – Von der heiligen Eucharistie

 

Der dreizehnte Tag – Vom Anhören des Wortes Gottes

 

Der vierzehnte Tag – Von der Sonntagsheiligung

 

Der fünfzehnte Tag – Von der Arbeit

 

Der sechzehnte Tag – Vom christlichen Familienleben

 

Der siebzehnte Tag – Von den Leiden und Freuden dieses Lebens

 

Der achtzehnte Tag – Von den Versuchungen

 

Der neunzehnte Tag – Von den guten Werken

 

Der zwanzigste Tag – Vom Glauben

 

Der einundzwanzigste Tag – Von der Hoffnung

 

Der zweiundzwanzigste Tag – Von der Liebe Gottes

 

Der dreiundzwanzigste Tag – Von der Nächstenliebe

 

Der vierundzwanzigste Tag – Von der christlichen Klugheit

 

Der fünfundzwanzigste Tag – Von der Gerechtigkeit

 

Der sechsundzwanzigste Tag – Vom Starkmut

 

Der siebenundzwanzigste Tag – Von der Mäßigung

 

Der achtundzwanzigste Tag – Von der Demut

 

Der neunundzwanzigste Tag – Vom Gehorsam

 

Der dreißigste Tag – Von der Herzensreinheit

 

Der einunddreißigste Tag – Von der Vollkommenheit

 

 

Für die Maiandacht empfiehlt sich folgende Ordnung:

1. das längere oder das kürzere Vorbereitungsgebet,

2. die Betrachtung des betreffenden Tages,

3. die Lauretanische Litanei.

 

Eröffnungsgebet am ersten Tag der Maiandacht

 

Nun ist der schöne, gnadenreiche Monat wiedergekehrt, den die Kirche der Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht hat. Als treue Kinder sind wir erschienen, um unsere himmlische Mutter in Ehrfurcht und Liebe zu begrüßen, um in der Verehrung Mariä Gott dem Herrn selber unsere Huldigung darzubringen.

 

So wenden wir uns zunächst zu dir, heiliger dreieiniger Gott, dem alle Ehre im letzten Grund allein gebührt. Anbetend werfen wir uns nieder vor deinem Angesicht und preisen dich für all das Große, was du an der allerseligsten Jungfrau Maria getan hast. Du hast sie von Ewigkeit erwählt zur Mutter des göttlichen Sohnes, du hast sie bewahrt vor jeder Makel der Sünde und geschmückt mit der Fülle der Gnaden und mit der vollkommensten Tugend, du hast sie erhöht über alle anderen Geschöpfe und sie gekrönt als Königin der Engel und Heiligen. Wenn wir Maria verehren, so loben wir dich, den himmlischen Vater, dessen liebste Tochter sie ist, so loben wir dich, den ewigen Sohn, dessen jungfräuliche Mutter sie ist, so loben wir dich, den Heiligen Geist, dessen gnadenreiche Braut sie ist. Wir loben dich, heiliger dreieiniger Gott, und danken dir von ganzem Herzen für die kostbaren Gnaden und Gaben, mit denen du unsere geliebte Mutter Maria überreich beschenkt hast.

 

Und nun wenden wir uns zu dir, Jungfrau und Gottesmutter, hohe Himmelskönigin, du Ehre des menschlichen Geschlechts, du Morgenröte des Heils, die du uns den Erlöser gebracht hast, der uns von alten Fluch befreien wollte. Wir freuen uns deiner Würde und Herrlichkeit, wir bewundern deine Tugend und Vollkommenheit, wir loben und preisen deine Güte und Milde. Der Glanz deiner Krone erschreckt uns nicht, denn wir wissen, dass du ein mütterliches Herz hast und dich deiner Kinder in Gnaden annimmst. So sieh uns denn vor deinem Thron versammelt an diesem ersten Tag deines heiligen Monats und lass dir unsere Verehrung wohlgefallen. Segne diese Andacht, die wir dir mit kindlichem Herzen weihen, und erbitte uns den Beistand der göttlichen Gnade, dass wir jeden Tag mit neuem Eifer wiederkehren und treu ausharren, bis die Zeit erfüllt ist. Erbitte uns den Beistand der göttlichen Gnade, dass wir durch die treue, beharrliche Übung dieser Andacht fortschreiten auf dem rechten Weg, und dass wir niemals von diesem Weg abweichen, bis wir dorthin gelangen, wo wir mit dir und mit allen Engeln und Seligen des Himmels den heiligen dreieinigen Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und in alle Ewigkeit loben und preisen werden. Diese Gnade erbitte uns bei deinem Sohn, unserem Herrn und Heiland, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist als gleicher Gott lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Tägliches Vorbereitungsgebet

 

Herr, eröffne unseren Mund und reinige unsere Herzen, dass wir dich in der Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria würdig loben. Wir opfern dir diese Andacht auf zur Ehre deines göttlichen Namens und zum Lob der hehren Himmelskönigin Maria, die du durch deine Gnade so hoch erhoben hast. Wir bitten dich, halte fern von uns alles, was unsere Andacht mindern und unser Gebet stören könnte. Erfülle unser Herz mit festem Vertrauen und entzünde in uns das Feuer deiner heiligen Liebe, damit unser Flehen dir wohlgefalle und dein gnadenreicher Segen auf uns niedersteige. Segne uns und alle, für die wir zu beten schuldig sind, insbesondere unsere Eltern, Verwandten, Freunde und Wohltäter; segne unseren Heiligen Vater und unseren Bischof; erbarme dich der armen Sünder und der Sterbenden und sei gnädig den armen Seelen im Fegefeuer.

 

Heilige Maria, reinste Jungfrau, Mutter Gottes und unsere Mutter, blicke huldreich auf deine Kinder herab! Verschmähe nicht unser schwaches, armseliges Lob und unterstütze unser Flehen mit deiner mächtigen Fürbitte, die alles von Gott zu erlangen vermag. Du hast uns den Erlöser gebracht, so erbitte uns auch die Gnade, dass sein kostbares Blut an uns nicht verlorengehe. Dich hat der Heiland am Kreuz zu unserer Mutter bestellt, so nimm dich denn in Liebe deiner Kinder an, die voll Vertrauen in deine mütterlichen Arme fliehen. Breite um uns den Mantel deines mächtigen Schutzes, du unüberwindliche, siegreiche Feindin der Schlange, und wenn der böse Widersacher unserer Seele nachstellt, so hebe die Hand auf und scheuche ihn von uns in den Abgrund der Hölle. Komm uns zu Hilfe in allen Nöten und besonders in der letzten und schwersten Stunde unseres Lebens, wenn unsere ganze Ewigkeit sich entscheidet. O Maria, Mutter der Barmherzigkeit, steh uns bei im letzten Streit! Amen.

 

Kürzeres Vorbereitungsgebet

 

Gott himmlischer Vater, nimm gnädig auf unsere Gebete zu Ehren deiner geliebtesten Tochter, der allerseligsten Jungfrau Maria. Gott Sohn, Erlöser der Welt, lass dir das Lob wohlgefallen, das wir dir in deiner reinsten Mutter darbringen. Gott Heiliger Geist, segne unsere Andacht, dass wir deine gnadenreiche Braut würdig preisen. Heiliger, dreieiniger Gott, lass dein Antlitz leuchten über uns und segne uns und alle, die wir in unsere Gebete einschließen.

 

Unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria, wir grüßen dich in treuer Liebe. Wir bitten dich, nimm unsere Verehrung huldvoll auf und erflehe uns von Gott Kraft und Gnade, Licht und Trost, ein seliges Sterbestündlein und ein gnädiges Gericht. O Mutter, reich uns deine Hand und hilf uns zu dir in den Himmel! Amen.

 

Gebet nach der letzten Maiandacht

 

Zum letzten Mal in diesem Monat haben wir uns vor dir versammelt, allerseligste Jungfrau und liebreichste Mutter Maria, um dir unsere Huldigung darzubringen. Wenn wir zurückschauen auf die Andachtsstunden, die wir deiner Verwehrung geweiht haben, so müssen wir voll Beschämung gestehen, dass unsere Gebete vielfach zerstreut und armselig gewesen sind. Du kennst die Schwachheit deiner Kinder, du weißt aber auch, dass unser Herz dir in aufrichtiger Liebe ergeben ist; du wirst die kleine Gabe nicht verschmähen, die wir vor deinem Thron opfern. Wir vereinigen mit unserer geringen Huldigung all die inbrünstigen Gebete, die dir jemals von heiligen Seelen dargebracht worden sind, und die jubelnden Lobgesänge, mit denen die Engel des Himmels dich unablässig verherrlichen. „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.“ So hast du selbst gesagt, und diesen ganzen wunderbaren Lobpreis, der dir zu Ehren in alle Ewigkeit den Himmel erfüllt und bis ans Ende der Zeiten auf Erden widerklingt, fassen wir im Geist zusammen und bringen ihn vor deinen Thron, heute, am letzten Tag deines Monats.

 

Du Königin des Himmels,

alle Engel und Erzengel, alle neun Chöre der seligen Geister –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Mutter unseres Heilandes,

die unzähligen Scharen der erlösten Menschheit –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Sitz der Weisheit und Braut des Heiligen Geistes,

alle Patriarchen und Propheten, alle Apostel und Evangelisten –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Schmerzensmutter und Königin der Märtyrer, alle Blutzeugen und Bekenner des heiligen Glaubens –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Jungfrau der Jungfrauen,

alle reinen Seelen, die dem Lamm folgen und das wunderbare Lied singen –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Mutter der Barmherzigkeit und Zuflucht der Sünder,

alle Büßer und Büßerinnen, alle reumütigen Seelen –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Morgenstern des Heils,

alle Gestirne, die das Firmament mit ihrem Glanz schmücken –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Du Lilie unter den Dornen, du Rose von Saron,

alle Blumen, die auf der Erde blühen –

sollen dich loben und preisen, o Maria!

 

Alle Geschöpfe, groß und klein, die zur Ehre Gottes erschaffen sind und seine Herrlichkeit verkünden, sollen auch dich loben und preisen, die du von Gott über alle Geschöpfe erhöht worden bist zur höchsten Würde der Gottesmutter und zur höchsten Schönheit der Gnade und Tugend.

 

Unsere liebe Mutter, heute, da wir zum letzten Mal in deinem Monat uns deiner Herrlichkeit freuen, wollen wir auch noch einmal unsere Hände bittend zu dir erheben. Du vermagst so viel bei Gott und hast für uns ein liebevoll mütterliches Herz. So erhöre uns denn und stehe uns hilfreich zur Seite!

 

In allen Gefahren und Versuchungen des Lebens –

bitte für uns, o Mutter Maria!

 

In allen unseren Arbeiten und Gebeten –

bitte für uns, o Mutter Maria!

 

In allen Zweifeln, Sorgen und Leiden –

bitte für uns, o Mutter Maria!

 

Besonders aber in der letzten Stunde, wenn unsere Ewigkeit sich entscheidet –

bitte für uns, o Mutter Maria!

 

Ja, bitte für uns, o Mutter Maria, dass wir frei von Schuld und gestärkt durch die heiligen Sakramente, getröstet durch Gottes Gnade, voll Vertrauen hinübergehen in die Ewigkeit und dort ein gnädiges Gericht finden.

 

Wir bitten aber nicht allein für uns,

wir bitten auch für unsere Eltern und Großeltern,

Verwandten, Wohltäter und Freunde –

segne sie, o Maria!

 

Für den Heiligen Vater, für unseren Bischof,

für die ganze geistliche und weltliche

Obrigkeit –

segne sie, o Maria!

 

Für die Sünder, dass sie sich bekehren,

für die Ungläubigen, dass sie das Licht des Glaubens finden,

für die Irrenden, dass sie auf den rechten Weg kommen,

für die Sterbenden, dass sie im Herrn sterben,

und für die armen Seelen, dass sie bald erlöst werden –

segne sie, o Maria!

 

Segne sie und segne uns alle, o mächtige und gütige Mutter! Segne uns alle, o mächtige und gütige Mutter! Segne uns mit dem göttlichen Kind, das du auf deinen mütterlichen Armen trägst! Und dieser Segen möge uns begleiten und bei uns bleiben mit seiner Kraft und Gnade. Amen.

 

(Verfasser der Texte: Pfarrer Dr. Augustin Wibbelt)