Inhalt:

 

1. Waldgebet

2. Weihe der Kräuter

3. Weltabgeschiedenheit

4. Wunderglaube

5. Wahrheitsliebe

6. Waffen des Christen

7. Wiederkunft Christi

8. Weihnachtskrippen

9. Wege zum Unglauben

10. Wallfahrt

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1. Waldgebet

       

Wir brauchen nicht in die Kirche zu gehen,

um zu beten, wir können auch in den Wald gehen…

 

Mit dieser Ausrede entschuldigen sich viele, die am Sonntag nicht in die Kirche gehen wollen. Sie haben Recht, sie können im Wald beten; dagegen ist nicht das Mindeste einzuwenden. Je mehr, desto besser. Ob sie es allerdings tun, ist wohl eine andere Frage. Auch Katholiken, die sonntags in die Kirche gehen, beten im Wald. Manch einer geht im Wald spazieren und betet still seinen Rosenkranz.

 

Es ist also nichts dagegen einzuwenden, dass jemand im Wald betet und singt. Es ist sogar sehr wünschenswert, das zu tun. Aber das sagt gar nichts gegen den Kirchgang.

 

In der Kirche wohnt der eucharistische Herr, und wer daran glaubt, wird nicht an ihm vorbei gehen. Haben wir die ganze Woche keine Zeit dazu, wird er sich freuen, wenigstens am Sonntag einmal ihn aufzusuchen. Sicher ist Gott im Wald zugegen, so wie er überall ist. Aber der eucharistische Herr ist nur in der Kirche.

 

In der Kirche wird am Sonntag die heilige Messe gefeiert, die wir nach dem Willen Gottes und dem Gebot der Kirche mitfeiern sollen. Im Wald aber kann man das nicht tun.

 

Unser Arbeiten, Essen, unser Vergnügen, das bürgerliche Leben überhaupt vollzieht sich zum größten Teil in Gemeinschaft. Da ist es wohl angebracht, dass die Gemeinschaft auch zum Gebet sich zusammenfindet, wenigstens einmal in der Woche. Der Sonntagsgottesdienst bindet die Gemeinde zusammen, und zwar mehr als alles andere. Menschen, die am Sonntag zusammen gebetet, zusammen geopfert, zusammen den Herrn empfangen und mitgenommen haben ins Leben, fühlen sich zu einer Gemeinschaft verbunden. Die Menschen, die vor Gott in Liebe vereint sind, werden auch im bürgerlichen Leben unter sich vereint sein.

 

Hier gilt wohl das Wort des heiligen Aloysius: „Man soll das eine tun und das andere nicht unterlassen.“ Jeder kann im Wald beten, soviel er will. Aber deshalb darf keiner den Besuch der gemeinschaftlichen heiligen Messe am Sonntag unterlassen. Das eine muss man tun, das andere aber darf man tun.

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2. Weihe der Kräuter

       

Mariä Krönung

 

O Menschenkind, sieh deinesgleichen

Auf ew`gem Thron im Königskleid!

O sieh der Engel Glanz erbleichen

Vor ihrer Wunderherrlichkeit!

 

O sieh, eine Frau, aus Staub geboren,

Beherrschend jetzt den Cherubim!

Eine Frau, die einst die Welt verloren,

Jetzt – aller Himmel Königin!

 

Eine sinnige Feier

 

Am 15. August kann man in manchen katholischen Kirchen ein eigentümliches Bild beobachten. Im Rauchmantel steht der Priester an den Stufen des Hochaltars und betet. Vor ihm liegen Dutzende von Blumenbüscheln, die die Gläubigen, besonders die Kinder, in Feld und Wald gesammelt, in die Kirche gebracht und hier niedergelegt haben. Ist der Priester mit dem Gebet zu Ende, so segnet er die Blumen, besprengt sie noch mit Weihwasser und beräuchert sie mit Weihrauch.

 

Woher stammt diese Sitte, und was will die Kirche mit ihren Zeremonien und Gebeten bezwecken?

 

Eine alte Legende sagt, dass der heilige Leib Marias nach ihrem Hinscheiden in ein Felsengrab gelegt worden sei. Am dritten Tag sei noch der Apostel Thomas angekommen und habe den Wunsch ausgesprochen, den heiligen Leichnam der Mutter seines göttlichen Meisters zu sehen. Dann sei das Grab zwar geöffnet worden, aber statt des Leichnams der Gottesmutter habe man darin frische Blumen gefunden. Somit könne die Weihe der Kräuter und Blumen am Fest Mariä Himmelfahrt als eine Feier der Erinnerung angesehen werden.

Tiefer noch ist der Zweck der sinnigen Zeremonien in dem Gebet ausgesprochen, das der Priester bei der heiligen Weihe spricht. Kurz zusammengefasst ist sein Wortlaut:

 

„Allmächtiger, der du Himmel und Erde geschaffen und fort und fort mit Macht erhältst, segne durch die Fürbitte Marias diese Kräuter, wie du gesegnet hast die fünf Brote und die zwei Fische, segne alle Menschen, die davon Gebrauch machen, damit sie ihnen gedeihen zur Gesundheit der Seele und des Leibes; halte ab vom Vieh, welches davon kostet, jeden Unfall, jede Krankheit, jede schädliche Einwirkung.“

 

Wenn dann, wie es Sitte ist, eine sorgsame Mutter einen Teil der gesegneten Kräuter im Stall aufhängt und von Zeit zu Zeit etwas davon in das Futter für das Vieh mischt, oder wenn sie beim Gewitter etliche Blätter ins Herdfeuer wirft, so ist das kein Aberglaube, sondern nur eine Kundgebung wohlbegründeten Vertrauens auf das Gebet der Kirche, dessen sich niemand, auch der Gebildetste nicht, zu schämen braucht.

 

Der geweihte Büschel soll aber nicht bloß vor Schaden in irdischen Dingen schützen, sondern auch „gedeihen zur Gesundheit der Seele“, und das kann insbesondere dadurch geschehen, dass wir uns beim Anblick des geweihten Büschels beständig erinnern lassen, dass an Gottes Segen alles gelegen ist.

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3. Weltabgeschiedenheit

       

Zum Himmel führen verschiedene Wege, aber in den Wogen der Welt sind zahllose Seelen zu Grunde gegangen. Darum haben viele die gefahrvolle Welt verlassen und haben sich in die Einöde oder in die Stille eines Klosters zurückgezogen, um Gott allein zu dienen. Zu diesen gehören viele Heilige.

 

1. Sie gingen in die Einsamkeit, um den Gefahren der Welt zu entgehen. Alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit des Fleisches, Begierlichkeit der Augen und Hoffart des Lebens. Und diese Gefahren dauern an, so lange der Mensch atmet, sie erwachen mit der Vernunft und bestürmen noch den greisen Menschen. So manch ein heiliger Mensch verließ die Welt, um Gott vollkommen zu dienen. Auch in der Welt kann man seine Christenpflichten erfüllen und eine hohe Stufe der Vollkommenheit erklimmen, aber in der Einsamkeit spricht der Geist Gottes vertrauter zum Menschenherzen. „Ich will sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden“, spricht der Herr beim Propheten Hosea (2,14). In der Einsamkeit bietet sich die beste Gelegenheit zu heldenmütigen Akten der Abtötung. Viele wenden ein: Was geht das uns an? Wir können die Welt nicht verlassen, nicht von der Familie und den Berufsarbeiten Abschied nehmen, um in die Einsamkeit zu ziehen. Wohl wahr. Dennoch können wir mitten in der Welt wie in der Einsamkeit leben. Gehe nach vollbrachter Tagesarbeit in dein Kämmerlein, gehe an Sonntagnachmittagen an ein einsames Plätzchen im Gotteshaus, gehe an schönen Feierabenden allein hinaus in Gottes herrliche Schöpfung! Da findest du die Einsamkeit. Und jedes Stündchen, das du in der Abgeschiedenheit Gott schenkst, wird von deinem Engel in das Buch des Lebens verzeichnet. Schön sagt der gottselige Thomas von Kempen: „Das kluge Bienlein sammelt Honig aus den Blumen, fliegt aber mit seiner Beute sogleich wieder heim in die einsame Zelle und verbirgt dort den Vorrat, sonst würde es draußen beim langen Umherirren die Frucht seiner Arbeit verlieren. Ach, dass wir nicht so lange in der Einsamkeit verbleiben, bis wir ihr eine reiche Frucht entnehmen!

 

2. In der Weltabgeschiedenheit fanden viele Heilige den wahren Frieden. Nicht im Weltgeräusch geht der Seele die Friedenssonne auf, nicht an den Ufern des Weltstromes blüht die entzückende Blume des Friedens. So versichert der heilige Augustinus: „Ich habe meinen Geist und mein Herz in allen Weltgenüssen gewälzt, aber nie den Frieden gefunden.“ So fühlte sich mancher Heilige in der Einsamkeit einer Klosterzelle glücklicher, als auf dem Thron im herzoglichen Palast. Auch du wirst im stillen Kämmerlein größeren Frieden finden, als im Geräusch, in den Genüssen und Freuden der Welt. In der Einsamkeit finden wir auch die wahre Weisheit. Da spricht die Stimme Gottes lauter und eindringlicher, da erwachen fromme Gedanken und heilige Entschlüsse, da dringt der Geist tiefer ein in die ewigen Wahrheiten. Ziehe dich darum öfters in die Einsamkeit zurück, und du wirst darin mehr Friede, Freude und Weisheit finden, als sie dir die Welt jemals bieten kann.

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4. Wunderglaube

       

In unseren Tagen der Aufklärung und des Fortschritts, des Unglaubens und der Irrmeinungen sträubt man sich gewaltig gegen den Glauben an Wunder. Die einen wollen sie erklären als Lüge und Betrug, die anderen als leere Phantasiegebilde, und wieder andere als verborgene Kräfte der Natur. Von einer übernatürlichen, göttlichen Macht wollen sie nichts wissen. Woher rührt diese Scheu vor Wundern? Sie rührt aus den verkehrten Vorstellungen über Gott, über seine Kirche und über die Ewigkeit.

 

1. Manche Menschen leugnen das Dasein Gottes, folgerichtig auch die Wunder, denn die Wunder sind solche Werke, die kein Mensch mit seinen natürlichen Kräften verrichten kann, sondern nur durch die Allmacht Gottes verrichtet werden können. Sie wollen nur die Naturgesetze gelten lassen, während der gläubige Christ eine höhere Weltordnung anerkennt und glaubt, dass der allmächtige Schöpfer noch immer das Recht und die Kraft habe, außerordentliche Werke zu vollbringen. Räumt der Ungläubige Wunder ein, dann fällt sein ganzes Lehrgebäude des Unglaubens in sich selbst zusammen. Deshalb bestreitet er lieber das Wunder. Indes kann er keinen stichhaltigen Grund für seine Behauptung anführen. Wenn man etwa einwendet, die Kräfte der Natur seien noch zu wenig in ihrem ganzen Umfang erforscht, so ist das bis zu einer gewissen Grenze zuzugeben, aber wir können bestimmt behaupten, wie weit sie nicht reichen. Wo das natürliche Gebiet aufhört, das beginnt das übernatürliche. Wenn Christus einen schon in Verwesung übergegangenen Leichnam wieder zum Leben erweckt und zwar in Gegenwart vieler Anwesenden, so wird niemand behaupten wollen, dass dies Täuschung sei und dem Naturgesetz gemäß. Hier zeigt Jesus seine göttliche Allmacht.

 

2. Viele Menschen leugnen die Wunder, weil sie die Göttlichkeit der katholischen Kirche nicht anerkennen wollen. Die einen sind gleichgültig ihr gegenüber, die anderen hassen und bekämpfen sie. Sobald sie die Wunder der Kirche anerkennen, müssen sie die katholische Kirche notwendig als Gotteswerk anerkennen, und das wollen sie um keinen Preis. Bei all ihrem Ingrimm müssen sie doch zugestehen, dass Jesus den Seinen die Gabe der Wunder ausdrücklich verliehen hat, indem er sagt: „Denen, die da glauben, werden diese Wunder folgen: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, in neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden. Kranken werden sie die Hände auflegen und sie Werden gesund werden.“ (Mk 16) „Sie aber gingen hin“, heißt es weiter, „und predigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die darauf folgenden Wunder.“ Und als Jesus die 72 Jünger aussandte sprach er zu ihnen: „“Macht die Kranken gesund!“ „Und sie kehrten mit Freude zurück und sprachen: Herr, auch die Teufel sind uns untertan in deinem Namen.“ Weder Juden noch Heiden wagten diese Tatsachen zu leugnen. Wenn das etwas Natürliches ist, warum tut ihr Ungläubigen es nicht? Die leidende Menschheit würde euch doch recht dankbar sein. – Es steht ferner als geschichtliche Tatsache fest, dass die Gabe der Wunder bis auf den heutigen Tag in der katholischen Kirche verblieben ist, wie das Leben der Heiligen ausweist. Dagegen kann sich weder die schismatische Kirche des Orients, noch irgendeine von der katholischen Kirche abgefallene Sekte eines in ihrem Schoß gewirkten Wunders rühmen. Deshalb ist ihnen auch jedes Wunder in der katholischen Kirche verhasst, weil solche außerordentliche Tatsachen für die Wahrheit und Göttlichkeit der Kirche Zeugnis geben.

 

3. Der Gedanke an die Ewigkeit, verscheucht nur zu oft den Wunderglauben. Man leugnet die Gottheit Christi, die Göttlichkeit seiner Kirche, weil man durch beide an die Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tod, an Himmel und Hölle erinnert wird. Den Himmel ließ man noch gern gelten, aber gegen die ewige Verdammnis in der Hölle sträubt sich der irdisch gesinnte Geist. Deshalb schlagen solche Menschen einen Höllenlärm an, wenn sie von Erscheinungen Verstorbener, von Wundern und außerordentlichen Zeichen hören. Sie leugnen, was sie nicht verstehen, und verspotten, was über ihren beschränkten Gesichtskreis geht. Die täglichen Wunder der Gottesnatur können sie nicht wegdisputieren, wie auf demselben Grund eine Giftpflanze neben dem Heilkraut gedeiht, warum die eine Blume eine gelbe, die andere eine rote oder weiße Farbe annimmt, können sie nicht erklären, und doch maßen sie sich ein Urteil über Dinge an, die über ihren niederen Gesichtskreis hinausgehen. Sie scheuen die Wahrheit, darum verlegen sie sich aufs Leugnen, sie fürchten das Jenseits, darum bestreiten sie es, sie verschließen ihre Augen, darum nennen sie das Licht Finsternis. Aber darum hören die unbestreitbaren Wunder doch nicht auf, Wunder zu sein. – Lasst euch darum durch das törichte Geschwätz solcher Gottesleugner und Feinde der Wahrheit nicht irre machen! Der Arm Gotte ist noch nicht verkürzt und noch immer lebt er in seiner Kirche, die „eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist.“ Amen.

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5. Wahrheitsliebe

       

Unbekümmert um Lob oder Tadel verteidigten die Heiligen Wahrheit und Recht gegen unbefugte Angriffe, mochten sie selbst vom Kaiserthron oder von Königen und Fürsten ausgehen. Träten alle Menschen so entschieden für die Wahrheit ein, es würde vieles in der Welt besser sein, aber viele Menschen folgen dem Vater der Lüge und verletzen die schöne Tugend der Wahrheit. Liebe die Wahrheit.

 

1. Es ist eine heilige Pflicht, die Wahrheit zu reden, denn Gott hat geboten: „Liebt die Wahrheit.“ (Sach 8,19) „Legt ab die Lüge; redet die Wahrheit ein jeder mit seinem Nächsten.“ (Eph 4,25) Schafft die Wahrheitsliebe aus der Welt, und alle Ordnung löst sich auf, alles Vertrauen schwindet, alle Gesetze sind nutzlos, die Welt verwandelt sich in eine Räuberhöhle. In jedes Menschenherz hat der Schöpfer, der Allwahrhaftige, das Gefühl für die Wahrheit gelegt und wir lieben die Wahrheit an jedem Menschen. Darum bedeckt Schamröte die Wange des Lügners, wenn er noch nicht ganz verhärtet ist. Gott selbst ist die ewige Wahrheit. Wer die Wahrheit liebt und spricht, handelt nach Gottes Vorbild. Die Wahrheitsliebe bringt reichen Segen. Ehrt jede treue Pflichterfüllung den Menschen, dann besonders die Wahrhaftigkeit. Einen aufrichtigen Menschen schätzt man hoch und verkehrt gern mit ihm, selbst der Lügner kann einer Nathanaelsseele seine stille Bewunderung nicht versagen. Aber noch mehr freut sich der Himmel über die Wahrheit. Die Engel und Heiligen blicken mit Entzücken auf eine wahrheitsliebende Seele herab, und Gott selbst hat an einer aufrichtigen Seele ein solches Wohlgefallen, dass er ihr den Himmel erschließt. „Herr, wer wird wohnen in deinem Zelt oder wer wird ruhen auf deinem heiligen Berg? Der ohne Makel einhergeht und Gerechtigkeit übt, der Wahrheit spricht in seinem Herzen, der nicht Falschheit übt mit seiner Zunge.“ (Ps 14) Welch eine segensreiche Pflicht ist es also, die Wahrheit zu reden!

 

2. Verletze niemals die Wahrheitsliebe, denn die Lüge ist ein Gräuel vor dem Allwahrhaftigen. Die Lüge, eine Erfindung des Teufels, kann sich mit dem Allwahrhaftigen nie vertragen, fordert vielmehr seine Strafgerechtigkeit heraus. „Das Betragen lügenhafter Menschen ist ehrlos und die Schande unaufhörlich bei ihnen.“ Selbst die heidnischen Römer hielten jede Lüge und Falschheit eines freien und edlen Mannes unwürdig und pflegten daher dem Lügenden mit einem glühenden Eisen ein Schandmal auf die Stirn zu brennen. Bei den alten Franken und Schwaben wurden überführte Lügner dazu verurteilt, einen räudigen Hund als Schandzeichen ihrer Unverschämtheit auf öffentlichem Markt herumzutragen. Die alten Priester Ägyptens hängten ihrem Fürsten einen Saphir als Sinnbild der Wahrheit an den Hals, um ihn zu erinnern, wie sehr er die Wahrheit lieben und die Lüge verabscheuen solle. Auch jenseits erwartet den Lügner strenge Strafe. „Ein Mund, der Lügen redet, tötet die Seele.“ „Allen Lügnern wird ihr Anteil sein im Pfuhl, der von Feuer und Schwefel brennt.“ (Off 21,8) – Verletze die Wahrheit unter keiner Bedingung. Mag dir ein noch so großer Vorteil in Aussicht stehen, dennoch sollst du die Wahrheit nicht schädigen. Selbst wenn das Heil der ganzen Welt zu gewinnen wäre, darf man doch nicht lügen. Und wenn alle anderen lügen, so darfst du doch ihrem beklagenswerten Beispiel nicht folgen. Du würdest sonst dem Teufel ähnlich, dem Vater der Lüge. Und wenn du vom Bekenntnis der Wahrheit die empfindlichsten Nachteile zu befürchten hättest, so ist es besser, diese zu erleiden, als dein Gewissen zu beschweren. Lüge auch nicht im Scherz, denn auch die ist eine Sünde, und mit der Sünde, dem größten Übel in der Welt, darf man keinen Scherz treiben. Bleibe darum immer der Wahrheit treu, wenn es dir auch noch so schwer werden sollte, sie zu reden! Verschließe deine Ohren vor den lügenhaften Lippen! Duldet, ihr Eltern, besonders bei euren Kindern niemals eine Lüge, pflegt vielmehr mit aller Sorge die große, schöne und segensreiche Wahrheitsliebe, so werdet ihr Gott und den Menschen und Engeln gut gefallen! Amen.

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6. Waffen des Christen

       

„Ziehet an die Rüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die Nachstellungen des Teufels! Steht, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, beschuht an den Füßen mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem ergreift den Schild des Glaubens!“ (Eph 6) Dieser apostolischen Aufforderung führten viele Heilige einen siegreichen Kampf gegen den Geist der Lüge und Arglist, der Bosheit und Ungerechtigkeit. Möchten wir ihm hierin folgen, denn auch wir haben diesen Kampf zu kämpfen und dürfen nur als Sieger die Krone der Vergeltung erwarten. Gebrauchen wir darum treu die Waffen des Christen:

 

1. stete Wachsamkeit,

2. lebendigen Glauben,

3. die Gnadenmittel.

 

1. „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt!“ mahnt der göttliche Heiland. „Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne“, so spricht der heilige Petrus. „Während die Leute schliefen, kam der Feind und säte Unkraut unter den Weizen.“ Der Teufel benutzt die Stunden träger Ruhe und gleichgültiger Sorglosigkeit, um sich in den Geist des Menschen einzuschleichen und dort sein Unwesen anzurichten. Als David müssig seine Augen umherschweifen ließ, entzündete der böse Feind in ihm das Feuer der Sinnenlust. Er folgte seiner bösen Begierde und beging ein Verbrechen, für das er sein Leben lang büßen musste. Wenn ein David fiel, dann haben wir umso mehr Grund, besonders über unsere Augen und Ohren zu wachen.

 

2. Haltet dem anstürmenden Feind den Schild des Glaubens entgegen! Wer im Glauben fest gegründet ist, überwindet den Versucher leicht. Kommt der Geist des Stolzes, um mit Ehren und Auszeichnungen, mit eitler Pracht und Lobeserhebungen zu blenden, so zeigt ihm der Glaube, dass es Höheres und Ehrenvolleres gibt, als der Glanz dieser Welt. Kommt der Geist der Unreinigkeit, um die Seele in ihren Schlingen zu fangen, so zeigt der Glaube die Abgründe der Hölle und ihre Peinen, die den Unzüchtigen erwarten. „Wisse“, ruft er ihm zu, „dass kein Unzüchtiger das Reich Gottes besitzen wird.“ Lockt der Geist der Habsucht, um das Menschenherz an die Güter der Erde zu fesseln und in die Sünden des Geizes, des Diebstahls und Betruges zu verwickeln, so lenkt der Glaube das Auge auf jene Güter, „die Rost und Motten nicht verzehren und die Diebe nicht ausgraben können.“ Deshalb drangen viele Heilige so sehr auf die geistliche Armut in den Klöstern, die nach deren Überzeugung das beste Mittel war, um den Geist im Glauben und im höheren Streben zu befestigen. Es schwebte ihnen dabei der Ausspruch der ewigen Wahrheit vor: „Alle, die reich werden wollen, fallen in viele Versuchungen und in die Fallstricke des Teufels.“

 

3. Eine vorzügliche, ja die mächtigste Waffe des Christen im Kampf mit den Mächten der Finsternis ist der würdige und fleißige Gebrauch der Gnadenmittel. Der Teufel weiß recht gut um diese Wirksamkeit der Gnaden, insbesondere der heiligen Sakramente. Deshalb versucht er die Christen vom Gebrauch dieser Heilsmittel zurückzuhalten. O lasst euch nicht umgarnen durch die Arglist des Teufels! Reinigt euer Gewissen im Bußgericht, so oft ihr das Unglück gehabt, in schwere Sünden zu fallen, erquickt eure schwache Seele mit dem Brot des Lebens, zu dem euch der liebe Heiland so freundlich einlädt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ – Nehmt eure Zuflucht zum Gebet und zu frommen Betrachtungen! Dann steigen Gottes Engel zu euch nieder und stehen euch bei im Kampf. Bezeichnet euch mit dem heiligen Kreuzzeichen, besprengt euch mit Weihwasser, so kann euch der Feind nicht schaden. Ist auch der böse Feind gefährlich und arglistig, so können wir ihn doch besiegen, wenn wir nur wollen, denn auf unserer Seite steht der Sieger über Tod und Hölle. Amen.

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7. Wiederkunft Christi

       

Ephräms Rede über das Jüngste Gericht

 

Unter den Reden, die vom heiligen Ephräm uns überliefert sind, befindet sich eine über die Wiederkunft Jesu Christi zum Weltgericht. Sie gibt uns einen Begriff von der Art und Weise, auf die damals im vierten Jahrhundert die Prediger sich über die wichtigsten Fragen mit ihren Zuhörern unterhielten. Er zeigt den Gläubigen den König der Könige auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und die ganze versammelte Menschheit vor ihm. „Bei der bloßen Vorstellung dieser Wahrheit“, sagt er, „ist mir, als sollte ich in Ohnmacht sinken, die Glieder meines Leibes werden erschüttert, Tränen füllen meine Augen, die Stimme stockt mir, die Lippen beben, die Zunge stammelt, meine Gedanken verwirren sich . . . Ein Donner erschreckt uns; wie werden wir den Schall jener Posaunen ertragen, welche die Toten erwecken wird?“

 

In schnellen, starken Zügen schildert er die Gebeine der ganzen entschlafenen Menschheit, die im Schoß der Erde von dieser Posaune aufgerufen werden, gesammelt belebt werden; wie die erschütterte Erde und das Meer ihre Toten wiedergeben werden; er zeigt die flammende Erde, die von Engeln geschiedenen Gerechten und Ungerechten, die lobsingenden Engel, die geöffneten Himmel, den Herrn der Herrlichkeit, das aufgeschlagene, furchtbare Buch, das auch die Gedanken jedes Menschen enthält . . . Mehrere Male wurde seine Stimme von Tränen und Schluchzen unterbrochen. Dann rief die Gemeinde: „Fahre fort, uns von diesen furchtbaren Dingen zu unterrichten. Rede, Knecht des Herrn!“ Dann begann er wieder zu reden. Dies geschah während dieser einen Rede mehrmals.

 

Der heilige Ephräm der Syrier, Diakon von Edessa, Kirchenlehrer,

+ 9.7.379 – Fest: 9. Juli

 

Dieser große Kirchenvater führte ein außerordentlich heiliges Leben und hat durch Wort, Beispiel und Schriften sehr Großes in der Christenheit gewirkt. Obwohl er in seiner großen Demut ausdrücklich verboten hatte, ihm eine Leichenrede zu halten, hielt dennoch der heilige Gregor von Nyssa eine Lobrede auf ihn. Gregor sagt unter anderem darin: „Zur gegenwärtigen Rede erregt mich der Spruch des Evangeliums: „Man zündet kein Licht an, um es unter den Scheffel zu stellen, sondern man setzt es auf den Leuchter, damit es allen im Hause leuchte.“ Gott hat aber das Leben des heiligen Ephräm wie eine helle und die Sonne überstrahlende Lampe angezündet und will nicht, dass sie unter den Scheffel des Schweigens verborgen, sondern auf die Spitze der Kirche gestellt werde. Wir müssen daher das Gebot des Herrn dem Verbot des hl. Vaters vorziehen.“

 

Der heilige Hieronymus sagt, die Schriften des heiligen Ephräm seien so verehrt, dass sie in manchen Kirchen nach der Heiligen Schrift öffentlich vorgelesen würden. Der Kirchenvater Theodoret nennt ihn die Leier des Heiligen Geistes und den Kanal, der alle Bewohner von Syrien mit dem Wasser der Gnade bewässere.

 

Ephräm stammte aus einer Bauernfamilie in Mesopotamien und führte von Jugend an ein christliches Leben. Nur kamen ihm bisweilen Zweifel darüber, ob Gott alles in der Welt regiere. Vieles wollte ihm nur wie ein Zufall vorkommen. Darüber belehrte ihn nun die Vorsehung Gottes selbst eines Besseren. Der heilige Ephräm erzählt:

 

„Ich kam einst auf einer Reise zu einem Schafhirten, der mich fragte, wohin ich reise. Ich gab ihm zur Antwort: „Wohin mich der Zufall führt.“ Er hieß mich bei ihm bleiben, weil es schon Abend war. Plötzlich um Mitternacht brachen Wölfe in die Herde ein und zerrissen oder verscheuchten die Schafe. Der Hirte merkte vom ganzen Unglück nichts, weil er wegen eines Rausches in tiefen Schlaf versunken war. Als nun die Eigentümer der Schafe kamen und keines mehr fanden, schrieben sie auch mir einen Teil der Schuld zu und schleppte mich vor Gericht. Unterdessen wurde gleich nach mir ein Mann herbeigeführt, welcher des Ehebruchs beschuldigt wurde; die Frau aber hatte sich geflüchtet. Der Richter verschob die Untersuchung mit uns beiden und ließ uns ins Gefängnis führen. Dort fanden wir noch einen Bauern, der wegen eines Mordes eingesperrt war. Indessen war weder jener Mann ein Ehebrecher, noch dieser Bauer ein Mörder, so wenig ich ein Schafdieb war.

 

Schon hatte ich sieben volle Tage im Gefängnis zugebracht, als mir am achten Tag ein Mann im Traum erschien und sagte: „Harre mit gottesfürchtigem Sinn und du wirst die Vorsehung kennen lernen. Denke nur nach über deine Gedanken und Werke und frage auch die anderen Gefangenen über die ihrigen, dann wirst du von selbst einsehen, dass euch nicht Unrecht geschehe.“ Nachdem ich erwacht war und über meine Jugendsünden nachdachte, da fand ich, dass ich einst auf dem Feld die Kuh eines armen Mannes aus Mutwillen von ihrem Ruheplatz nachts weggejagt hatte. Sie wurde hernach, weil sie wegen ihrer Trächtigkeit und vor Kälte nicht mehr weiter konnte, von einem wilden Tier zerrissen. Ich erzählte nun meinen Mitgefangenen den Traum und meine Schuld. Das machte sie aufmerksam, ergriff sie, und sie fingen an, auch ihre geheimen Vergehen zu bekennen. Der Bauer erzählte, er habe einst jemanden im Fluss ertrinken gesehen, hätte ihm helfen können und habe es doch nicht getan. Der Bürger aber hatte einst Anteil genommen an der falschen Anklage gegen eine Witwe, die ihre Brüder des väterlichen Vermögens berauben wollten durch die Beschuldigung, sie treibe Buhlerei; für das falsche Zeugnis bekam dann der Bürger einen bedungenen Lohn.

 

Wäre ich allein gewesen, so hätte ich mein Geschick dem Zufall zugeschrieben, so aber waren wir alle drei Eingesperrte eines früheren Vergehens schuldig. Als wir dem Richter vorgeführt wurden, bekamen meine zwei Mitgefangenen viele Schläge und wurden dann in den Kerker zurückgeführt; ich aber musste bleiben. Nun wurden noch zwei andere Angeklagte vorgeführt; das waren gerade die Brüder, welche ihre verwitwete Schwester durch die falsche Anklage um ihr Vermögen gebracht hatten. Der eine war eines Mordes, der andere eines Ehebruches angeklagt. Sie wurden beide gefoltert, um sie zu zwingen, alles zu gestehen; darauf folgte ein offenes Geständnis, aus dem sich ergab, dass der eine gerade den Mord und der andere den Ehebruch begangen hatte, welcher Vergehen der gefangene Bauer und Bürger angeklagt waren.“

 

Das Ende des ganzen war, dass letztere freigegeben wurden, desgleichen auch Ephräm; hingegen die zwei schlechten Brüder wurden verurteilt, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden.

 

„In der Nacht auf diese Befreiung sah ich noch einmal den Mann, der mir früher erschienen war. Er sprach: „Geh nun in deine Heimat und tue Buße für dein Vergehen! Sei überzeugt, es gibt ein Auge, das alles überschaut.“

 

Von nun an hatte Ephräm lebenslänglich eine außerordentliche Furcht vor dem letzten Gericht. Der Gedanke daran schwebte ihm unaufhörlich vor der Seele und brachte ihn dazu, dass er die Welt verließ und in der Einöde ein höchst strenges Leben führte in Fasten, Wachen und vollständiger Armut. Früher war Ephräm sehr zum Zorn geneigt; von nun an wurde er so sanft und mild, dass man ihn bis ans Ende seines Lebens nie mehr zornig sah. Da er einmal durch eine Stadt ging, machte ihm eine schlechte Person eine schändliche Zumutung, um ihn, wenn auch nicht zum Laster, so doch wenigstens zum Zorn zu reizen. Ephräm hieß sie mit sich gehen; als sie auf den Marktplatz kamen, sagte er: „Hier will ich tun, was du begehrst.“ Die Frau sprach: „Vor so vielen Menschen wäre es eine Schande.“ Da erwiderte Ephräm: „Wenn du dich schämst, in Gegenwart von Menschen zu sündigen, um wieviel mehr sollst du dich schämen in Gegenwart Gottes zu sündigen, der bis in den tiefsten Abgrund sieht und beim letzten Gericht jedem Menschen nach seinen Werken vergelten wird.“ Diese Worte übten mit Hilfe der Gnade Gottes eine solche Wirkung auf die Person aus, dass sie, von Reue durchdrungen, von Ephräm zur Buße und in ein Kloster gebracht wurde.

 

Ephräm war unendlich demütig; er wollte nur als großer Sünder gelten; es war ihm eine Pein, dass ihn die Welt für einen Heiligen ansah. In einer Stadt hatte man ihn zum Bischof erwählt und man wollte ihn zwingen, sich weihen zu lassen. Als er es hörte, ging er an einen öffentlichen Platz der Stadt und nahm einen Gang an, wie wenn er verrückt wäre, so dass man das Vorhaben aufgab.

 

Er weinte und seufzte fast unaufhörlich, bald über die Sünden der Menschen, bald, wie er sagte, über die seinigen. Nach einiger Zeit fühlte sich Ephräm durch den Geist Gottes aufgefordert, in der Stadt Edessa für das Reich Gottes zu wirken; denn obschon er niemals mit Wissenschaften sich abgegeben hatte, so war er mit ungewöhnlicher Erleuchtung und mächtiger Beredsamkeit begnadet. Hier wechselte seine Beschäftigung unaufhörlich zwischen Gebet und Predigt oder Unterricht. Einmal ging Ephräm mit zwei Schülern während der Nacht über Feld. Die Klarheit der Sterne erinnerte ihn an die Herrlichkeit der Heiligen, die am Jüngsten Tag mit dem Herrn erscheinen werden. Dieser Gedanke machte einen tiefen Eindruck auf ihn und erfüllte seine Seele mit solchem Schrecken, dass er am ganzen Leib zitterte und in heftiges Weinen ausbrach. Die Schüler fragten ihn, was ihm sei. Er antwortete: „Ich fürchte sehr, liebe Kinder, dass ich an jenem furchtbaren Tag einst auf die linke Seite gestellt werde, und dass die, welche jetzt meine Frömmigkeit und guten Werke rühmen, einst über mich spotten werden, wenn sie mich im Ewigen Feuer sehen; denn ich weiß zu sehr, wie groß meine Lauheit und Nachlässigkeit ist.“ Dieses, nämlich das Letzte Gericht, war aber auch der Hauptgegenstand, welchen er mündlich und schriftlich mit höchster Lebendigkeit und Kraft den Menschen ans Herz legte. Der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Man kann nicht lesen, was der selige Ephräm geschrieben hat über das Gericht und die zweite Ankunft Jesu Christi, ohne zu weinen, man stehe vor jenem schrecklichen Richterstuhl, ohne zu zittern, wie wenn einem jetzt das letzte Urteil gesprochen würde.“

 

Von diesen Reden des heiligen Ephräm sind noch viele übrig und aus der syrischen Sprache übersetzt (Schriften des hl. Kirchenvaters Ephräm, übersetzt von P. Pius Zingerle); ich will nun einiges daraus anführen:

 

„Bei der bloßen Erinnerung an jene Stunde bebe ich, von heftigem Schrecken ergriffen, im Gedanken an die furchtbare Zukunft, die sich dann erfüllen wird. Wer kann es ohne Schrecken anhören, was dann geschehen wird, wenn der König der Könige vom Thron seiner Glorie sich erhebt und herabkommt, um alle Bewohner der Erde um sich zu versammeln und Rechenschaft von ihnen zu verlangen. Bei der bloßen Vorstellung dieser Wahrheit zittern die Glieder meines Leibes und mir ist, als müsste ich in Ohnmacht fallen; meine Augen füllen sich mit Tränen, die Stimme stockt mir, die Lippen beben, die Zunge stammelt und meine Gedanken verwirren sich. Denn so große und schreckliche Wunderdinge, wie am Jüngsten Tag, sind nie geschehen seit dem Anfang der Welt und werden in alle Ewigkeit nie mehr geschehen. Ein heftiger Donner erschreckt jetzt schon jeden Menschen, und wir beugen uns dabei unwillkürlich nieder; wie werden wir es aber dann aushalten, wenn wir den Schall jener Posaune vom Himmel herab hören, die gewaltiger als jeder Donner tönt und die alle Toten von Beginn der Welt an, Gerechte und Ungerechte, erweckt? Der große König, der da Gewalt hat über alle Menschen, gebietet, und sogleich gibt die Erde mit banger Eile ihre Toten heraus, ebenso auch das Meer. Der Tod speit seine Beute aus und lässt keinen Verstorbenen an seinem Ort, den er nicht zum Gericht brächte. Seien sie von Tieren zerrissen, oder von Fischen verschlungen, oder eine Beute der Vögel geworden: alle werden in einem Augenblick auferstehen, ohne dass ein Haar an ihnen fehlt. Wie werden wir es dann aushalten, Brüder, wenn wir von der Höhe des Himmels jenes schreckliche Geschrei erschallen hören: Seht, der Bräutigam kommt! Seht, es naht der Richter! Seht, es kommt der Gott des Alls, um die Lebendigen und Toten zu richten. Dieses Geschrei erschüttert die Grundfesten und Nerven der Erde von einem Ende bis zum andern, das Meer und alle Abgründe. Wir sehen erscheinen das Zeichen des Kreuzes, an dem Christus freiwillig für uns starb – es ist das furchtbare und heilige Zepter des großen Königs; in jener Stunde denkt jeder an die Worte: „Das Zeichen des Menschensohnes wird am Himmel erscheinen.“ Angst, Schrecken und Entsetzen überfällt dann jeden Menschen. Alsbald erscheinen die Engel, die Chöre der Erzengel, die Cherubim und Seraphim versammeln sich, und jene Wesen voll Augen rufen mit Kraft und Gewalt: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, der da ist, der war und der sein wird, der Allmächtige! – Jetzt öffnen sich die Himmel, es erscheint der König der Könige, unser unbegreiflicher und glorreicher Gott, ein schrecklicher Anblick mit großer Macht und unvergleichlicher Herrlichkeit, wie der Evangelist Johannes verkündet: „Seht, Er kommt auf den Wolken des Himmels und schauen werden Ihn alle Geschlechter der Erde.“ Welche Seele mag dies aushalten? Dann geht die Weissagung Daniels in Erfüllung, der da sagt: „Ich sah, dass Throne gestellt wurden und ein betagter Greis setzte sich. Sein Kleid war weiß wie der Schnee, und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle. Sein Thron war helle Flamme, und die Räder des Thrones waren loderndes Feuer. Ein Feuerstrom floss und ging von ihm aus. Tausend mal tausend bedienten ihn, und hunderttausendmal Tausende standen vor Ihm. Das Gericht setzte sich, und die Bücher wurden geöffnet.“ Großer Schrecken, o Brüder, und Schauer und Entsetzen werden sich in jener Stunde unserer bemächtigen, wenn jene furchtbaren Bücher aufgetan werden, in denen unsere Werke, Reden und Handlungen aufgeschrieben sind, die wir in diesem Leben gesprochen und ausgeübt haben. Selbst die Gerechten und Heiligen würden mit den Bösen durch die Gewalt jener Flammen verzehrt, wenn sie nicht von der Gnade beschützt würden. Wo werden die Gottlosen und Sünder dann hingeraten? Die feurigen Geisterheere wagen es nicht zu flehen, sondern sie stehen beim Anblick des flammenden Strafgerichtes erschreckt und zitternd und stumm wie tot. Die Heiligen bitten auch nicht um Gnade, denn der Rauch seines Zornes steigt empor, und sie schaudern vor Furcht, mit den Sündern ins Feuer zu kommen.

 

Dann, Freunde Christi, steht die ganze Menschheit zwischen Himmel und Hölle, zwischen Leben und Tod, alle voll banger Erwartung der schrecklichen Stunde des Gerichtes, ohne dass einer dem andern beistehen könnte – und Er wird die Menschen voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Die, die gute Werke getan haben, werden von den Sündern geschieden. Es sind jene, die hier die Gebote des Herrn beobachten, die Barmherzigen, die Freunde der Armen und Weisen, die Gastfreundlichen, die Bekleider der Nackten, die Besucher der Gefangenen, die Helfer der Bedrängten, die Pfleger der Kranken; die jetzt trauern, die jetzt arm sind wegen des Schatzes, der ihnen im Himmel aufbewahrt liegt, die ihren Brüdern die Fehler verzeihen, die das Siegel des Glaubens unbefleckt von jeder Irrlehre bewahren, diese wird Er zu seiner Rechten stellen; die Böcke aber stellt er zu seiner Linken. Diese sind die, die keine guten Werke aufzuweisen haben, die Stolzen, die Ausschweifenden, die die Zeit der Buße mutwillig verscherzen, die Sorglosen, die Trunkenbolde, die Neidischen und Missgünstigen. Wehe allen, die an jenem schrecklichen Tag auf der linken Seite stehen, wenn sie hören werden: „Fort von mir, ihr Verfluchten, ins Feuer.“

 

Ach, da werden in jener Schreckensstunde die Menschen auf eine herzzerreißende Art von einander geschieden, und jeder geht seinen Weg, den er nie wieder zurückgeht! Wessen Herz ist so felsenhart, dass ihn nicht schon hier der Gedanke an jene Stunde, in der die Bischöfe, die Priester von ihren Amtsbrüdern getrennt werden, bis zu Tränen rührt? Dann werden auch die ehemaligen Könige voneinander geschieden, und wehklagend wie Sklaven fortgetrieben. Dann werden die unbarmherzigen Fürsten und Reichen seufzen und angstvoll rings nach Hilfe sich umsehen, niemand aber kann ihnen helfen. Dann werden die Eltern von ihren Kindern, Freunde von Freunden getrennt. Dann scheiden mit tiefsten Schmerzen Gatten voneinander, dann müssen auch jene zur Verdammung gehen, die dem Leib nach zwar jungfräulich, im Übrigen aber gefühllos und hart waren; denn ein unbarmherziges Gericht wartet jener, die keine Barmherzigkeit ausüben. Dann erschallt nur eine Stimme von den Oberen und Unteren: „Gerecht bist du, o Herr, und gerecht sind deine Gerichte!“ . . . Wenn sie dann, fortgetrieben an den Ort ihrer Qual, jeder Hoffnung beraubt und ohne Helfer und Fürbitter sind, dann brechen sie in bittere Wehklagen aus: „O, wie viel Zeit haben wir aus Sorglosigkeit verloren! O, wie sind wir betrogen worden! O, wie spotteten wir beim Anhören des Wortes Gottes! Was hilft uns nun die ganze Welt? Wo ist nun der Vater, dem wir das Leben verdanken, wo die Mutter, die uns gebar? Wo sind die Brüder, wo die Kinder, wo die Freunde, wo die Güter, wo die Unruhen dafür, wo alle irdischen Vorzüge? Wo sind nun die Könige und Gewaltigen? Wie, kann uns keiner von diesen allen retten und uns selbst können wir auch nicht helfen? Gänzlich verlassen sind wir von Gott und allen Heiligen. Es ist keine Zeit zur Buße mehr, keine Fürbitte vermag etwas, fruchtlos sind alle Tränen. Ohne Rettung sind wir Elende und finden kein Erbarmen; denn wir verdienen keines . . . Lebt wohl, alle Gerechte! Lebt wohl, ihr Apostel, ihr Propheten und Märtyrer! Lebe wohl, Chor der Patriarchen! Lebe wohl, du Schar der Mönche! Lebe wohl, du kostbares und Leben spendendes Kreuz! Lebe wohl, o Himmelreich! Lebe wohl, Paradies der Wonne! Auch du lebe wohl, liebe Frau und Gottesgebärerin! Lebt wohl, Vater und Mutter, Söhne und Töchter! Nie mehr werden wir jemanden von euch sehen! – Dort aber stirbt der Wurm nicht und das Feuer erlischt nicht.

 

O meine gebenedeiten Lieben! Ehe jener Tag anbricht, ehe Gott erscheint und uns unvorbereitet antrifft: kommen wir ihm zuvor mit Beicht und Buße, mit Gebeten und Fasten, mit Tränen und Liebeswerken gegen Fremde. Nährt eure Seelen mit dem Wort Gottes, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern, mit anhaltendem Lesen der Hl. Schrift, mit Fasten und Nachtwachen, mit Gebeten und Tränen, mit Hoffnung und Betrachtung der künftigen Güter. Diese und dergleichen Übungen sind die Nahrung und das Leben der Seele. Verlassen wir die breite Straße, die zum Verderben führt, strengen wir uns eine kurze Zeit an, damit wir unendliche Ewigkeiten lang herrschen können. Heil dem, der auf dem engen Weg geht, der ein erhabenes Leben führt und doch demütig bleibt, der vielen Armen Wohltaten erweist, der mit Gewalt sich zu allem Guten antreibt. Drängen wir uns also, Brüder, mit Gewalt zu jedem guten Werk, ermuntern und ermahnen wir uns; erbauen wir einander. Über das Gericht sollt ihr oft miteinander reden; bei allem, was ihr tut, sei allezeit das Gericht und die Ankunft des Richters eure Sorge; führt es euch oft zu Gemüte und redet davon. Es sage ja niemand: Ich habe zu viel gesündigt, ich kann keine Verzeihung mehr erlangen. Gott ist ja ein Gott der Büßer und er hat gesagt, im Himmel sei Freude über einen Sünder, der sich bekehrt; er nimmt den wahrhaft Bekehrten mit größter Freude auf. Für ihn ist alle Ungerechtigkeit der Welt nur ein Dunst, den der Hauch seiner Erbarmung verschwinden lässt, wenn wir uns wahrhaft bekehren. Hütet euch aber ebenso sehr, eure Sünden leugnen zu wollen. Wer sich für sündenrein ausgibt, ist verblendet, ist kurzsichtig, der betrügt sich selbst und erkennt nicht, wie der Satan ihn täuscht. Ganz und gar ohne Sünde und Schuld ist kein Mensch, nur der ist ohne alle Sünde, der die Sünden der Welt hinwegnimmt, der alle Menschen selig machen will, der kein Gefallen hat am Tod der Sünder, der Menschenfreundliche, überaus Mildreiche, Barmherzige, Liebevolle gegenüber den Seelen, der Allmächtige, der Heiland aller Menschen, der Vater der Waisen, der Gott der Büßer, der Arzt für Seele und Leib, die Hoffnung der Hoffnungslosen, die Hilfe der Hilflosen, der alle zur Buße ruft und niemanden, der sich bekehrt, von sich stößt. Zu dem wollen auch wir unsere Zuflucht nehmen; denn alle Sünder, die je zu ihm ihre Zuflucht nahmen, erlangten Gnade und Heil.“

 

Der gleichen Predigten, Ermahnungen und Gebete, die sich auf das letzte Gericht beziehen, finden sich in den Schriften des heiligen Ephräm in reicher Anzahl. Das letzte Jahr seines Lebens wurde noch mit einem großen Liebeswerk gekrönt, zu dem Gott diesem heiligen Mann Gelegenheit gab. Es kam nämlich eine schwere Hungersnot über Edessa und die die Umgegend. Ephräm hatte großes Mitleid, konnte aber den Notleidenden selbst nichts geben, weil er schon früher alles Eigentum verschenkt hatte. Da wandte er seine außerordentliche Beredsamkeit an, um den Reichen so sehr ins Herz zu reden, dass er wie mit einem übernatürlichen Schlüssel ihre Schätze öffnete. Viele Reiche erklärten, sie wollten ihr Geld hergeben, wenn er sich der Verteilung unterziehen wolle; den anderen trauten sie nicht. Auf diese Weise wurde er nicht nur der Prediger der Barmherzigkeit, sondern er übte die Barmherzigkeit auch selbst aus. Nachdem Ephräm ein Jahr lang mit der Versorgung der Armen sich beschäftigt hatte, und die Hungersnot zu Ende war, kehrte er wieder in seine Zelle zurück, in der er einen Monat später nach kurzer Krankheit starb. Beim Herannahen seines Todes hatte sich eine große Menge Einwohner von Edessa um ihn versammelt; auch diese Gelegenheit benützte der Sterbende noch zu einem guten Werk. Eine vornehme Frau warf sich vor dem Heiligen nieder und flehte ihn um die Erlaubnis an, für seinen Leichnam einen Sarg anschaffen zu dürfen. Ephräm gab ihr diese Erlaubnis, aber nur unter der Bedingung, dass der Sarg ganz einfach sein müsse, dass sie künftig allem eitlen Wesen entsage – und aus Bußfertigkeit auf alle Dinge verzichte, die nicht die Notwendigkeit erforderte. Desgleichen beschwor er alle die mit verschiedenen kostbaren Zurüstungen sein Leichenbegängnis verherrlichen wollten, alles, was sie dafür aufzuwenden gedachten, den Armen zu geben.

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8. Weihnachtskrippen

 

Weihnachtskrippen - älter als der Christbaum

von Erich Strohmer,

aus Wochenpost, Steyler Missionsdruckerei, Steyl, 1948

 

Wenn am Weihnachtsabend die Tür sich zum Gabenzimmer öffnet, aus dem in hellem Lichterglanz der Christbaum leuchtet, da gleitet gar mancher Blick suchend durch den Raum. Das gläubige Auge sucht die Weihnachtskrippe. Denn ein schöner alter Brauch ist auch heute noch bei vielen die Übung, das Fest noch bedeutender zu gestalten durch Zurschaustellung des hehren Wunders, das uns die Weihnachtszeit bietet, und mag es auch nur ein einfaches Kripperl sein, in dem das Jesuskindlein auf Stroh gebettet liegt.

 

Schon in alter Zeit gab es Weihnachtskrippen. In Italien veranstaltete der heilige Franz von Assisi schon 1223 eine Krippenfeier. Auch in deutschen Landen werden im 13. Jahrhundert Krippen erwähnt. Das Mittelalter zeigt in den gotischen Altären sehr oft Krippendarstellungen. Sowohl im Schrein als auch in der Predella sehen wir Szenen, die uns die Geburt des Kindes zeigen, die Gottesmutter, den heiligen Joseph; und ringsherum knien und stehen staunend die Hirten. Ochs und Esel sehen verwundert nach dem Kind, dem aus der Höhe Engel zujubeln. Berge, Häuser und Burgen erheben sich im Hintergrund. So baut sich in die Tiefe des Altarschreines das wunderbare Geschehen in einfachen Szenen auf.

 

Eine andere Zeit kommt heran. Die Gegenreformation hat den Sieg errungen. Das kleine Bild der Weihnachtskrippe weitet sich. Große Landschaften, prächtige Bauten erstehen vor unserem Blick. Da sehen wir gar eine Krippe, in deren Hintergrund der Vesuv mächtige Rauchwolken gegen den Himmel speit. So wie die Landschaft weit und reich wird, so ist es auch mit den Personen. Der Stall ist zur Palastruine geworden, in deren hohem Raum in prächtiger Krippe das Jesuskind liegt. Zahlreiche Zuschauer umgeben die Heilige Familie. Es nahen die heiligen Dreikönige. Ein unendlicher Zug, eine große Karawane rückt durch die Wüste an. Mächtige Elefanten, hochbeladene Kamele und ein fast unübersehbarer Tross nahen dem Neugeborenen, um ihm zu huldigen, um das Kind zu verehren. Vom 17. Jahrhundert an entstehen diese Krippen, die mit ihrem Reichtum unseren Blick stundenlang fesseln. Ein Menschenalter musste wohl fast vergehen, bis so ein Werk vollendet war.

 

Zu jener Zeit begann man auch, die Krippenfiguren aus Wachs zu machen und mit Perücken zu versehen. Stoffkleider zog man den kleinen Figürchen an, gab ihnen auch reichen Schmuck und manchen Tand. Wir staunen über all die Kostbarkeit, die da beisammen ist: Silber- und Goldschmuck, Edelsteine und Diamanten, zierlichste Goldschmiedearbeit.

 

Das 19. Jahrhundert wird dann wieder einfacher. Die Figuren sind weder aus Holz geschnitzt noch aus Wachs bossiert, sondern wurden auf Papier gemalt, auf Karton geklebt und dann ausgeschnitten. Doch auch diese einfache Art hatte ihren Reiz. Sie gab den Kindern Gelegenheit, sich selbst eine Krippe zusammenzustellen.

 

Die Krippenkunst ist von Haus aus eine volkstümliche Kunst. Der einsame Bergbauer hoch oben in den Bergen schnitzt, wenn um das Haus herum tiefer Schnee liegt, emsig an den kleinen Figürchen, die seine lebhafte Phantasie ihm vorgaukelt. Ein Stück der alten Zirbel hat ihn dazu verlockt, und nun wird daraus das Jesuskindlein, und mit Inbrunst sucht er die Mutter Gottes recht schön darzustellen. In der Stadt sitzt nach des Tages Mühe der Handwerker in seiner Stube. Eine Freude hat auch er. Er nimmt ein Stück Holz zur Hand, und langsam formt er daraus den neugierigen Esel, der im Stall des Christkindleins noch fehlt. Der Bürger versucht es gar mit dem Wachsbossieren. Ein liebliches Gesichtchen ziert die Mutter Gottes, die voll Stolz auf den Kleinen sieht. So sind Jung und Alt, Städter und Bauer in gleicher Weise tätig. Es ist die Kunst, die aus dem Innern kommt. Dies wunderbare Geschehen der heiligen Nacht klingt so mächtig in des Menschen Herzen wider, dass es Gestalt werden muss; und so entsteht Figur um Figur, und bald ist alles in Glanz und Farbe vollendet.

 

Überall in den Landen entstehen Krippen. Wir erkennen jedoch gar bald, woher sie sind. Der Italiener hat seine großartigen Ruinen, der Tiroler kann von seinen Bergen nicht lassen, und norddeutsches Können zeigt sich in den Fachwerkbauten der Ebene.

 

Wenn dann aber ein großer Künstler kommt und mit zauberhaftem Können die reiche Fülle hoher Kunst in dieses Geschehen hineingeheimnisst, dann erfasst uns Höchstes und Tiefstes, und aus dem einfachen Ereignis wird das große Weltgeschehen: Christus ist geboren!

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9. Wege zum Unglauben

       

1. Zwei Hauptquellen des Unglaubens.

 

„Es ist noch nicht allzu lange her“, schreibt L. Schwarz, „dass dem Schreiber dieser Zeilen gelegentlich eines Besuches in einem Krankenhaus ein unglücklicher Patient – noch ehe er an seinem Bett angekommen war – zornig und abweisend entgegenrief: „Mit mir brauchen Sie sich nicht zu unterhalten, ich habe für Ihren Besuch kein Interesse, weil mir die ganze Religion nichts wert ist! Ich bin seit dreißig Jahren in keine Kirche mehr gegangen, und weil ich von dieser Anstalt keinen Gebrauch mehr machen wollte, bin ich auch gleich ausgetreten. Wenn ich gestorben bin, können Sie meine Knochen verbrennen oder auf den Misthaufen werfen lassen, denn der Mensch ist ja doch nichts anderes!“ Wie es aber doch dazu kam, dass dieser Kranke, ein armer Arbeiter, acht Wochen später im Frieden Christi starb, das möge auf Erden Geheimnis bleiben, bis er es vielleicht selbst einmal drüben im Jubel der Glorie erzählt. Einen Satz aber, den er beim letzten Besuch gesprochen hat, will ich hier niederschreiben: „Hochwürden, die ganze Glaubenslosigkeit kommt schließlich von nichts anderem als vom schlechten Leben oder vom Nichtsdenken.“

 

2. Unwissenheit. Irgendwo war eine große Versammlung.

 

Die Leute drängten und stießen sich, um in die Nähe des Redners zu kommen. Dieser führte eben einen Spruch aus der Heiligen Schrift an. Mit gläubiger Ehrfurcht. Da tönte ihm plötzlich aus den Reihen der Zuhörer die freche Frage entgegen: „Wer glaubt denn heute noch an die Bibel? Ich jedenfalls nicht. Das ist doch längst alles überholt.“ Der Redner hielt inne. Seine Augen suchten nach dem Mann, der die Frage gestellt hatte. Dann holte er einen Zwanzigmarkschein aus der Tasche, hob ihn in die Höhe, dass alle ihn sehen konnten, und sagte zu dem, der ihn unterbrochen hatte: „Sie meinen, Sie könnten sich über die Heilige Schrift lustig machen und sie ablehnen. Wenn das ein Mann tut, der sich lange Jahre mit der Bibel beschäftigt hat und sie gut kennt, so ließe sich mit ihm reden. Aber ich bin überzeugt, dass Sie die Heilige Schrift ablehnen, ohne sie zu kennen. Hören Sie – und alle anderen sind Zeugen –, diese zwanzig Mark können Sie sich jetzt gleich verdienen, wenn Sie mir zwölf Aussprüche der Heiligen Schrift sagen.“ Langes Schweigen. Die Worte des Redners waren unter lautloser Stille in den Saal gerufen worden, und es war, als schwebten sie noch immer über der Menge. Man wartete atemlos auf die Antwort. Aber sie kam nicht. Der Frechling drehte und wendete sich und suchte sich hinter seinen Kameraden zu verbergen, von denen keiner ihn aus der kritischen Lage retten konnte. Alles schaute erwartungsvoll auf den Redner. In vollkommener Selbstbeherrschung, mit klarer Stimme fuhr er fort: „Vielleicht habe ich zu viel verlangt. Ich will ihnen noch mehr entgegenkommen. Sie erhalten die zwanzig Mark, wenn Sie auch nur sechs Aussprüche wissen.“ Wieder verlegenes Schweigen. Die Leute fingen schon an zu lächeln und warteten gespannt auf den Ausgang der Sache. „Nun gut“, fuhr der Redner fort, „Sie bekommen die zwanzig Mark auch schon, wenn Sie nur zwei Sprüche kennen. Weiter herunter kann ich nicht mehr gehen. Denn Sie werden wohl auch begreifen, dass man einen Mann, der über die Heilige Schrift aburteilen will, obwohl er nicht zwei Aussprüche aus ihr kennt, nicht ernst nehmen kann.“ Der Unruhestifter machte sich unter dem Gelächter des ganzen Saales aus dem Staub, und der Zwischenfall war erledigt.

 

3. Unkeuschheit.

 

Chateaubriand, der berühmte französische Schriftsteller, Apologet und Staatsmann, hatte einmal in seinem Salon zu Paris eine vornehme Gesellschaft von Gelehrten und Künstlern zu Gast. Es waren fast lauter Freigeister. Das zeigte sich auch unverhohlen durch ihren Spott über Glauben und Religion. Chateaubriand, der in seiner Jugend selbst nichts weniger als ein eifriger Katholik gewesen war und seine Pappenheimer wohl kannte, richtete auf einmal an sie die Frage: „“Meine Herren, Hand aufs Herz! Nicht wahr, Sie wären doch wohl alle gläubige Katholiken, wenn Sie die Kraft hätten, keusch zu sein?“ Viele der Herren lächelten, andere schwiegen, keiner sagte nein. Der Satz hatte ins Schwarze getroffen.

 

4. Schlechte Lektüre.

 

Ein Mädchen von noch nicht fünfzehn Jahren las gern schlechte Zeitschriften und Romane. Vater und Mutter waren häufig fort, so war das Mädchen ganz sich selbst überlassen. Als die Mutter eines Tages nach Hause kam, bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Die Tochter lag auf dem Boden, vergiftet durch den Dunst der Kohlen, die neben ihr noch im Ofen glimmten. Das Gesicht war zur Erde gewendet. Zugleich war sie durch ein Taschentuch, das um ihren Hals gewunden war, erdrosselt. Auf der Kommode fand die herbeigerufene Polizei alle irreligiösen und unsittlichen Schriften. Ein Paket schlechter Romane hatte sich das Mädchen als Kissen unter den Kopf geschoben, um so auf den Tod zu warten. Neben ihm fand man einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem die Worte standen: „Ich töte mich. Das einzige, was ich noch von Papa und Mama verlange, ist, dass mein Leichnam nicht über die Schwelle einer Kirche gebracht werde.“ Das arme Mädchen auf den sittenlosen Büchern, die ihm den geistigen und leiblichen Tod brachten: das erschütternde Bild einer durch schlechte Lektüre vergifteten Jugend.

 

5. Verstandesstolz.

 

Der hl. Augustinus wendet sich in seinem Werk „Vom Gottesstaat“ an die Platoniker seiner Zeit mit den Worten: „Ihr könntet Frieden finden in der Wahrheit, aber dazu bedarf es der Demut, die eurem starren Nacken so schwerfällt.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 10)

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10. Wallfahrt

 

 

Die Wallfahrten zu den Heiligtümern Mariens

 

Es machte in früheren Zeiten immer einen eigentümlich erhebenden Eindruck, wenn man im Sommer, oft bei glühender Sonnenhitze, auf der staubigen Landstraße einer Schar von Pilgern begegnete, die betend und singend ihres Weges zogen. Die Kinder schauten ihnen mit einer gewissen Ehrfurcht nach und schätzten sich glücklich, irgendein Andenken von ihnen zu erhalten. Dem langen Zug folgten gewöhnlich einige alte Mütterchen und Greise, die sich vor Müdigkeit nurmehr langsam weiterschleppten und dabei doch so freundlich und freudig dreinsahen: es leuchtete ihnen aus den Mienen der tröstliche Gedanke: „Wir ziehen zur Mutter der Gnade, zu ihrem hochheiligen Bild!“ – Heutzutage ist das Wallfahren bedeutend leichter geworden, denn die Verkehrsmittel: Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Auto usw. befördern unvergleichlich rascher und bequemer ans Ziel. Ohne Zweifel haben die Wallfahrten auf diese Weise viel von ihrer Verdienstlichkeit eingebüßt; aber es lässt sich doch nicht leugnen, dass sie auf der anderen Seite eben dadurch mächtig gefördert worden sind, weil sie geringere Anforderungen an die Kräfte stellen und kleinere Opfer an Zeit verlangen.

Wie so manches an unserer katholischen Religion sind auch die Wallfahrten und die Wallfahrtsorte ein Dorn im Auge und ein Angriffsgegenstand für jene, die zu schwer tragen an allen freiwilligen Werken der Frömmigkeit und sich nur mit dem Allernotwendigsten beladen möchten für die Reise nach der Ewigkeit. Und doch ist kaum eine andere Übung des Glaubens so tief in der menschlichen Natur begründet. Wir sind ja eigentlich alle insgesamt Pilger. „Wir sind“, sagt der heilige Völkerapostel, „Pilgrime, entfernt vom Herrn, solange wir im Leibe sind.“ (2 Kor. 5,6) „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern trachten nach der zukünftigen.“ (Hebr. 13,14) Ob wir wollen oder nicht, müssen wir an allem Geschaffenen eiligst vorüberwandern; die Erde ist und bleibt für uns eine Fremde: unsere wahre Heimat liegt im Himmel. Deshalb wohnt in unserer Brust ein unerklärliches Sehnen, das sich durch nichts Irdisches vollständig befriedigen lässt und uns immer wieder nach oben weist.

Der größten Beliebtheit haben sich von jeher beim guten katholischen Volk die Heiligtümer und Gnadenstätten der lieben Gottesmutter erfreut. Das ist leicht begreiflich. Denn man unternimmt ja eine Wallfahrt hauptsächlich dann, wenn man ein schweres Anliegen auf dem Herzen hat, und nirgends sucht das Kind lieber und mit mehr Hoffnung auf Erhörung Hilfe in der Not als bei der Mutter. Marias Mutterherz ist weit geöffnet für jedes Leid des Leibes und der Seele; sie ist wirklich das, was über dem Eingang zur großen Wallfahrtskirche von Maria Zell in Steiermark in goldenen Buchstaben geschrieben steht:

 

„Licht der Blinden – Red` der Stummen,

Heil der Kranken – Trost der Betrübten,

Gehör der Tauben – Kraft der Lahmen,

Zuflucht der Sünder – Hoffnung der Büßer.“

 

Ein Pater erzählt in seinem schönen Wanderbuch in die Ewigkeit, wie er einst in Maria-Zell einige große Pilgerzüge einziehen gesehen habe. Kaum hatte er nach seiner Ankunft eine Zeitlang in der Gnadenkapelle gebetet, so vernahm er von draußen und noch wie von weither die Stimmen vieler Menschen, von jung und alt. Als sie näher kamen, hörte man aus dem Gewirr einzelne rührende Worte heraus und eine starke Männerstimme rief: „Mutter, Mutter, dich zu grüßen, dich zu ehren sind wir da!“ Und alle, die um ihn waren, riefen es ihm nach und da und dort hoben sich Hände empor und streckten sich wie zum Willkommgruß der Kirche entgegen. Vor dieser angekommen, wurden viele von Freude überwältigt; einige weinten, dass ihnen die Tränen aus den Augen rannen, andere sanken an der Türschwelle nieder und küssten den steinernen Tritt. – So glücklich fühlten sie sich, dass sie nach langer, beschwerlicher Reise endlich bei der Mutter waren und ihr Herz vor ihr ausschütten durften.

Wie Österreich sein Maria-Zell so haben fast alle katholischen Länder ihre marianischen Landesheiligtümer: die Schweiz das liebliche Maria-Einsiedeln, „wo hoch im Schweizertale die heilige Kapelle steht“, Bayern sein ehrwürdiges Altötting, das katholische Rheinland sein herrliches Kevelaer usw.; ja fast in jeder katholischen Stadt findet sich das eine oder andere hochverehrte Marienbild, das Pilger von nah und fern anzieht. Das ist ganz in der Ordnung, wenn man so sagen darf. Denn wenn die Heiligen hienieden einen Wirkungskreis unter uns angewiesen bekommen je nach dem Grad ihrer Würde, ihrer Verdienste und Heiligkeit, wenn der eine über fünf, der andere über zehn Städte gesetzt wird (Luk. 19,17), so muss die Gottesmutter wohl überall gebieten. Sie ist die Königin der Welt, die Königin der Barmherzigkeit; deshalb geht sie uns überall nach, schlägt überall sichtbarer Weise den Thron ihrer Güte auf und übersät die ganze Erde mit den Denkmälern ihrer mütterlichen Liebe und Huld. – Es gibt ein schönes Bild, auf dem Maria dargestellt ist, wie sie als Maienkönigin durch die Natur zieht: auf ihrem Arm trägt sie das göttliche Kind, vor ihr her gehen Engel und streuen Blumen auf den Weg. Einen nie endenden Mai haben wir in unsern Wallfahrtsorten: dort sprießen unter Marias Tritten immer Blüten himmlischen Segens auf.

Wie die Vaterlandsliebe angeregt wird durch Nationalfeste und denkwürdige Stätten, so wird durch die Wallfahrtsorte der religiöse Geist neu belebt. Schon die Teilnahme an einem Pilgerzug ist ein Bekenntnis des Glaubens und ein Zeugnis der Frömmigkeit und zwar nicht selten ein sehr kräftiges, weil es mit einer herzhaften Überwindung der Menschenfurcht verbunden ist. Dazu kommt, dass in gar manchem armen Sünder bei dieser Gelegenheit der seit Jahren eingeschläferte Glaube wieder erwacht. An heiliger Stätte hat er Zeit, einen ernsten Einblick in sein Inneres zu tun; da ziehen die Erinnerungen an eine glücklichere Vergangenheit wie die Töne eines längst verklungenen Liedes durch seine Seele und lassen ihm keine Ruhe, bis er sich wieder mit Gott ausgesöhnt und ein neues christliches Leben begonnen hat. Wenn die Mauern der Gnadenkirchen von allen Umwandlungen der Herzen erzählen könnten, die sie geschaut, wahrhaftig, das gäbe einen Lobgesang auf die Barmherzigkeit Gottes und seiner heiligsten Mutter, wie er ergreifender nicht gedacht werden könnte!

 

Ferner sind die Wallfahrtsorte eine vortreffliche Schule des Gebetes. Was das Sprichwort vom Meer behauptet, kann man mit vollem Recht auch auf die Gnadenorte anwenden: „Wer beten lernen will, der gehe an einen gut besuchten Wallfahrtsort.“ Dort fühlt man sich dem Himmel näher und wird durch das Beispiel der anderen gleichsam zur Andacht fortgerissen. Dabei betet man mit viel mehr Vertrauen, weil man weiß, dass Gott der Herr an diesen Orten seine Gaben freigebiger auszuteilen pflegt und dass man mit seinen Bitten nicht auf seine eigene armselige Persönlichkeit angewiesen ist. Das Gebet des einzelnen wird gleichsam aufgenommen in den großen Gebetsstrom, der seit Jahrhunderten sich an diesen Brennpunkten der Frömmigkeit aufgestaut hat und mit gewaltigem Rauschen zum Himmel um Gnade ruft. Damit ist allein schon unendlich viel gewonnen. Denn ohne Gebet können wir selbst und kann die Welt nicht bestehen. Das Gebet hält das Gleichgewicht. Zwischen der Welt und dem Himmel, zwischen menschlichem Frevel und göttlichem Erbarmen.

 

Und was für eine reichlich fließende Quelle des Trostes ist für die trostbedürftigen Menschen jeder Wallfahrtsort! Vor dem Gnadenbild, das stumm auf den Beter zu seinen Füßen herabblickt, schweigt jedes Leid, und wäre es auch noch so groß; die Wogen legen sich und die Seele wird ruhig und klar wie ein stiller See, in dem sich die Sterne spiegeln. Freilich lassen nicht alle ihre Leiden bei der Gottesmutter zurück; viele tragen ihr Kreuz wieder mit sich in die Heimat. Aber weitaus die meisten werden gekräftigt und ermutigt, im Leid ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, Weisheit und Barmherzigkeit zu sehen und es geduldig, demütig und großmütig so lange zu tragen, als es Gott gefällt. Damit haben sie in gewisser Hinsicht noch mehr erreicht, als wenn sie geheilt worden wären. Denn es gibt nichts Verdienstlicheres für den Himmel und nichts Erhabeneres und Rührenderes als ein Leid, getragen im Geist des Glaubens, der Demut und Liebe.

 

Was ein Schriftsteller von Lourdes, dem großen marianischen Weltheiligtum in den Pyrenäen sagt, gilt deshalb mehr oder weniger von allen Wallfahrtsorten: „Ist es denn nun in Ansehung des unsäglich Guten, das Lourdes in der Welt nach allen Seiten wirkt, noch rücksichtsvoll, sei es gegen Gott, sei es gegen die Menschen, namentlich gegen die leidende Menschheit, diesen Gnadenort zu schmähen und das Vertrauen und die Freude, welche die Menschen zu ihm hegen, zu untergraben und zunichte zu machen? Da könnte man auch schmerzlich bewegt ausrufen: Was trachtest du, zu zerstören die Mutter in Israel? (2. Kön. 20,19) Verschone doch das Heil der Welt!“ Wir selbst tun ganz gut, wenn wir ein besonderes Vertrauen auf die Mutter Gottes an den Gnadenorten haben. Es ist höchst vernünftig, das Heil da zu suchen, wo Gott es augenscheinlich bereitet hat. Wir folgen hierin einfach nur unserer gläubigen Vernunft und dem Willen Gottes.

 

Der heilige Johannes von Kenty als Wallfahrer

 

Alt ist der Mann, der da im abgetragenen, zerfransten Priesterrock und in Schuhen, aus denen die Zehen vorwitzig hervorschauen, über die Berge der Alpen wandert auf Pilgerfahrt nach Rom. Mühsam zieht er Schritt für Schritt die Füße nach, als wären es Holzklötze. Es ist gut, dass der Pilger ins Träumen gerät, denn wenn er denkt und nachsinnt, merkt er nicht bei jedem Schritt, wie todmüde er ist.

 

Von weit her kommt er schon. Sechs Monate bereits dauert die Wanderung von Kenty bei Krakau in Polen, und weil er von Kenty kommt, nennen ihn die Lateiner Cantius, Johannes Cantius also. Sieben Paar Schuhe hat er bisher auf der Wallfahrt verbraucht, und für das achte Paar ist es längst an der Zeit. Aber wenn einer eine Pilgerreise macht, soll er, so meint der Alte, nicht allzu viel nach solchen Dingen fragen. Und bald ist er ja am Ziel, im Mittelpunkt der Welt, an Sankt Peters ruhmreichem und gnadenvollem Grab. Hell jubelt bei diesem Gedanken das Herz des Wallfahrers auf.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Johannes von Kenty nach Rom pilgert. Dreimal war er schon dort, zu viele Marienheiligtümern ist er gepilgert und einmal war er sogar im Heiligen Land. Viel ist er gewallfahrtet in Hunger und Durst, in Kälte und Hitze, unter mancherlei Mühen und Beschwerden, aber gerne hat er es immer getan und alle Härten der weiten Fußwanderungen auf sich genommen zur Sühne für seine Schuld und weiß dabei nicht – was übrigens alle Heiligen nicht wissen –, dass er ein Heiliger ist.

 

Zur Sühne für seine Schuld! Welche Schuld? Oh, die Heiligen haben scharfe Augen und bemerken das Stäubchen auf der Waage, wo andere in ihrer Blindheit schwere Steine übersehen. War er, Johannes von Kenty, nicht Pfarrer in der großen Gemeinde Ilkusi gewesen mit der schweren Verantwortung für tausend unsterbliche Seelen? Weit mehr jedoch bedrückten den ehrwürdigen Priestergreis die langen Jahre seiner Lehrtätigkeit am Seminar zu Krakau, wo er Hunderte und Hunderte von Seelsorgern herangebildet hat. Ob er da wohl voll und ganz seine Pflicht erfüllt hat? Wie gesagt, Heilige sehen das Stäubchen auf der Waage, und deshalb wollte der Alte für seine Pflichtverletzungen durch die neue und wohl letzte Pilgerfahrt seines Lebens büßen. So denken die Heiligen, und diese Gedanken sind durchaus ehrlich bei ihnen.

 

He! Johannes von Kenty, weißt du denn nicht, dass du als Seelsorger mehr als nur deine Pflicht getan hast? Übersiehst du, dass du den Schülern im Seminar nicht nur umfangreiches Wissen, sondern in Wort und Beispiel auch, echte, tiefe, hingebende Frömmigkeit lehrtest? Denkst du nicht mehr daran, dass du oft nicht einmal das Nötigste zum Leben hattest, weil du alles verschenkt hast? Sogar die Schuhe von den Füßen und die Hose unter dem langen Priesterrock hast du weggegeben, wenn dich ein Armer auf der Straße anbettelte. Nicht einmal, zehnmal, zwanzigmal hast du solche außergewöhnlichen Werke der Nächstenliebe vollbracht, du alter Mann im Lumpenrock, du hochedler Ritter im Heer des Christkönigs!

Nein, an all das denkt der Träumende nicht, sondern er liegt plötzlich der längelang auf dem Weg. Das waren sicher Kinder, die ihn ärgern wollten und das Seil über den Weg gezogen hatten, das er übersah! Doch wenn es nur übermütige Kinder gewesen wären! Etwas ganz anderes war es, denn da ertönt ein Pfiff, und aus dem Gebüsch rechts und links treten Räuber. Sie umzingeln den Pilgersmann und rauben ihm den letzten Pfennig aus der Tasche. Und bevor sie sich wieder verziehen, brüllt der Räuberhauptmann den Ausgeplünderten an, ob das auch wirklich alles sei, was er bei sich hat. „Ja, alles, alles, alles“, entgegnet verstört der Gefragte und denkt im Augenblick nicht daran, dass ihm seine Schwester in ihrer vorsorglich klugen Art fünf Goldstücke in den Kleidersaum eingenäht hatte. Und nun ist es für Johannes von Kenty wirklich ein wahres Glück, dass ihm dies wenige Augenblicke später einfällt, denn da konnte er noch die Räuber zurückrufen und sich entschuldigen, und sie sollten doch nicht meinen, dass er sie angelogen habe, er habe wirklich nicht an die Goldstücke gedacht. Mit diesen Worten öffnet der Heilige den Kleidersaum und übergibt den Banditen auch die fünf Goldstücke.

 

Da solltest du die Gesichter gesehen haben! Der Räuberhauptmann sagte tief beeindruckt zu Johannes von Kenty:

 

„Nun weiß ich wieder, dass es noch Gutes auf der Erde und einen Gott im Himmel gibt. Behalte dein Geld, und hier ist alles, was dir gehört, und bete für mich und für uns alle.“

Auf diese Worte musste natürlich Johannes von Kenty antworten, und so schmiedete er gleich das Eisen im Feuer, und zum Schluss der Rede folgten die Räuber dem Heiligen in die nächste Kirche, und da setzte sich der Mann Gottes in den Beichtstuhl, und die wilden Gesellen traten einer nach dem anderen hinzu. Was sie da in den Beichtstuhl brachten, das hatte wirklich Gewicht. Als Johannes von Kenty dann den letzten absolviert hatte und aufstand, sagte er leise, befriedigt und anerkennend vor sich hin:

„Wahrhaftig, das war eine Pilgerfahrt wert!“

 

Am 24. Dezember 1473 holte das Christkind seinen treuen Diener durch einen seligen Tod zur ewigen Belohnung heim, gerade recht zur Weihnachtsfeier im Himmel.

 

Gnadenorte

 

1. Wie feierlich und ergreifend ist es, wenn wir einer Wallfahrt begegnen, wenn wir sehen, wie Hunderte, ja vielleicht Tausende aus weiter Entfernung, unter Entbehrungen, im Staub der Straße dahinwallen, um den Ort zu erreichen, wo sie beten, bereuen und büßen, und durch eine heilige, geheimnisvolle Vermittlung mit Gott sich versöhnen wollen. Die Fahne mit dem Bild der heiligen Muttergottes wird dem Zug vorangetragen. Nach der Fahne wird das Kruzifix getragen. Es ruht fest in der Hand des Trägers, wie das Vertrauen, das alle beseelt, wenn ihr Auge sich darauf richtet. Und Gebete und Lieder umgeben die lange Wanderung, und wie eine Rosenkette begleitet der stete Gruß an die „geheimnisvolle Rose“ den Tag vom Aufgang bis zum Niedergang.

 

Überall tritt uns diese Erscheinung vor den Blick, in allen Weltteilen. Die Christen ziehen glaubensmutig und wegesfroh den Gnadenorten zu, auch wenn noch so große Gefahren auf sie warten.

 

Die Gnadenorte sind dem Gläubigen ehrwürdig und lieb, denn hier sind es die Gnaden, die durch freiwillig dargebrachte Opfer uns von besonders dazu befähigten Kräften vermittelt werden. Die ungläubige Welt sieht mit Geringschätzung darauf hin, sie kennt die Wallfahrt zum Gnadenort nicht und fällt darüber ihr verwerfendes Urteil. Eine scheinbar „tolerante“ Meinung der Öffentlichkeit hat sich wohl allenfalls herabgelassen, die Wallfahrten der Gläubigen als eine Art der Erholung anzusehen, die ihnen nach viel Arbeit und Alltag wohl zu gönnen sei, wie anderen eine Badereise nach Mallorca etwa.

 

Die Wallfahrten beruhen auf zwei wichtigen Momenten: die Verehrung Marias und der Heiligen und dem Opfergedanken. Die Verehrung der Heiligen gehört allein zur katholischen Kirche und der Opfergedanke zu fast allen christlichen Bekenntnissen. Die katholische Kirche aber stellt uns die Heiligen als religiös sittliche Vorbilder auf, die wir um ihre Fürbitte bei Gott anrufen dürfen und können, aber durchaus nicht anrufen müssen. Es wird uns als nützlich und heilsam anheimgestellt, aber nicht geboten. Ferner ist die Verehrung der Heiligen nicht mit Anbetung zu verwechseln, wie es fortwährend von Unwissenden behauptet wird. Die Verehrung verhält sich zur Anbetung wie die zwischen den Geschöpfen bestehende gegenseitige Beziehung zu dem Abhängigkeitsverhältnis aller zu ihrem gemeinschaftlichen Schöpfer und Herrn. Sollen wir Christus anbeten, so sind wir genötigt, Heilige zu verehren. Ihr Glanz ist nichts anderes, als eine Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und ein Beweis seiner unendlichen Macht, die aus Staub und Sünde, licht- und heildurchdrungene Geister hervorzurufen vermag. Wer Heilige verehrt, verherrlicht Christus, dessen wahrhafte Gottheit sie bezeugen. Und so mögen wir denn sagen, dass, gleich wie Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen sei, so auch Christus kein Gott eines im Todesschlaf verharrenden Geschlechtes, sondern eines wirklich geistig erweckten und zur Heiligung und Beseligung heranwachsenden Volkes.

 

Liegt es nun schon allgemein in der menschlichen Natur, dass sie sich dort hingezogen fühlt, wo irgendetwas Großes und Folgenreiches geschehen ist, oder wo selbst nur einmal ein bedeutender Mensch sich aufgehalten hat. Um wie viel mehr muss dies der Fall sein, wo es derselbe Zug der Seele ist, der so viele Tausende aus weiter Ferne versammelt, die Unbekannten durch dasselbe fromme Bedürfnis einander näher rückt, und mit einem Band der zu erhoffenden Gnade fest umschlingt, wo schließlich der Glaube die Gemüter lebendiger erfüllt, als dort, wo über dem traurigen Bestreben, die Religion gänzlich körperlich zu machen, alles Innere mehr und mehr sich verflüchtigt. –

 

2. Von allen auf dem weiten Erdkreis zerstreuten und mit Recht „Gnadenorte“ benannten Stätten sind die wichtigsten und schönsten diejenigen, wo die Bilder der „Königin aller Heiligen“, wie sie ja auch in der Lauretanischen Litanei genannt wird, die die Gottesmutter unter den erhabensten und schönsten Beinamen anruft, sich befinden. Und unter diesen ist es wieder das „Heilige Haus zu Loretto“, das nach jenen Stätten, wo sich unser Herr und Heiland Jesus Christus einst aufhielt, die Pilger anzieht.

 

Die Legende ist bekannt, wie das kleine Haus, in dem Maria zu Nazareth wohnte, an den jetzigen Ort gekommen ist. Niemand als die Engel selbst schafften es dahin. Es rührend zu betrachten, wie sorgsam die himmlischen Wächter und Hüter, denen das heilige Werk übertragen war, dabei verfuhren. Wie sie das Haus über das Meer trugen und dann von einem Ort zum anderen brachten, bis sie es für vollkommen gesichert hielten. In dem schönen Lorbeerhain fand es endlich seinen Platz, von dem nun das Haus und die Stadt, die bald darauf um das Haus herum entstand, den Namen „Loretto“ empfingen. Hier ist es, im Zentrum des Glaubens, seit Jahrhunderten ein Objekt tiefster Verehrung geworden, der Zielpunkt unermesslicher Pilgerfahrten, der ewige Springquell der Gnade für jegliches Leid und Gebrechen des Leibes und der Seele. Selbst wer nicht gläubig die Schwelle dieses Heiligtums betritt, wird angezogen, gerührt, in sich gekehrt, erhoben. Die Luft, die er hier atmet, ist von frommen Wünschen und Gebeten so sehr durchhaucht, dass er sich des Gefühls der Andacht nicht zu erwehren vermag, die ihn vor dem Göttlichen erfasst und hält.

Um dieses „heilige Haus“, gleichsam wie dessen Gehäuse, ist ein prachtvoller Bau von weißem Marmor aufgeführt, voll der schönsten Reliefs von Michel Angelo und Bramante. Das Bild der heiligen Jungfrau Maria mit dem Kind, der Sage nach vom heiligen Lukas, aus Zedernholz vom Libanon geschnitzt, ist mit den kostbarsten Edelsteinen bedeckt, die im Licht der vielen Ampeln und Kerzen ihre Strahlen entsenden.

 

Als die Franzosen Loretto in Besitz nahmen, plünderten sie den Schatz und nahmen auch das Gnadenbild mit sich fort, aber im Jahr 1801 wurde es an dem ihm gebührenden Ort zu allgemeiner Verehrung wieder aufgestellt. Es erhebt sich jetzt, tief geschwärzt durch die Zeit und den ununterbrochenen Dampf unzähliger Lampen und Opferkerzen, hinter einem reichen Gitter, hoch über die auf dem Boden dicht hingestreckten Beter. Zum Schutz der Andächtigen und, wie man sagt, der hier ausgestellten Schätze, halten an allen Seiten des die „Santa Casa“ umschließenden Marmorbaues päpstliche Grenadiere in voller Parade die Wache. –

 

Manchen Besuchern wurde es vergönnt, nach der Frühmesse in das Innere des Heiligtums einzutreten. Ein Priester langte dann eine Schale hervor, deren sich die allerseligste Jungfrau bediente, und nach der Sage soll sie daraus gegessen haben. In diese Schale legte man die mitgebrachten Rosenkränze hinein, um sie zu weihen. Dann wurde etwas von den Mauersteinen abgeschabt und in ein Papier gewickelt, ebenso ein Stückchen von dem Schleier des Muttergottesbildes und über all das ein Zertifikat angefertigt, das den Gläubigen als Andenken mitgegeben wurde. Hochbeglückt verließen sie dann mit diesen kostbaren Gaben die Kirche. –

 

Unter den Opfergaben, die von allen Nationen im „Heiligen Haus zu Loretto“ dargebracht wurden, verdient jedenfalls auch die prächtige Canzone erwähnt zu werden, die Torquato Tasso, im Jahr 1557 von Bologna nach Rom reisend, zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria an diesem Ort dichtete. Aus ihr entströmt die höchste Andacht, zu der die Religion jemals zu begeistern vermochte. Und diese Andacht ist wahrlich noch nicht erloschen. Das bezeugen auch in unseren Tagen der Not und des Elends die zahllosen Wallfahrer, die nach Loretto pilgern, um Fürsprache von Maria zu erflehen und auch wirklich der Segnungen des Allerhöchsten teilhaftig zu werden. Wie viele Mühselige und Beladene sind schwer gebeugt hierhergekommen zu der göttlichen Gnadenmutter, und sind stets froh und friedvoll, weil in ihrer Krankheit entlastet oder gar vollständig geheilt, in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Ratschlüsse Gottes sind ja unerforschlich.

 

3. Was von Loretto erzählt werden kann, wiederholt sich an allen Gnadenorten auf die gleiche Weise. Wie zu Loretto und Altötting, so ist es in dem hochbegnadeten Maria Einsiedeln, in den Karpaten wie in der spanischen Sierra, in Czenstochau wie in Antocha, bis in den kleinsten Gnadenkapellchen auf hohen Felsspitzen, die der Pilger nur mühsam erklimmt.

Ein Jahrtausend und noch mehr ist über diesen Stätten dahingerauscht, Geschlechter sind verstorben, die Erde hat ihre Oberfläche mehr als einmal verändert, die gepriesensten Systeme, Einrichtungen und Schöpfungen des Menschengeistes wechselten und versanken, um neuen Platz zu machen. Die Machtschritte vieler gewaltsamer Zeitgeister forderten unerbittlich ihre Opfer, aber nichts hemmt den Quell der Gnade, nichts die fromme Zuversicht der Menschen, ihn durch Opfer zu erreichen. Das Heilige Haus von Loretto, das uralte Bild von Altötting, die arme Zelle des heiligen Einsiedlers Meinrad in der Schweiz, der Lindenstumpf aus alter Heidenzeit im Preußenland an der Weichsel, die Waldrast in Tirol, Maria Taferl, Maria Zell – sie alle bedeuten und bezeugen, dass die Völkerschaften der Erde ihre Vertreter hierher senden, wie seit so vielen Jahrhunderten, , so noch jetzt in unverminderter Zahl. Wer jemals solche Orte besuchte, wurde wundersam von dieser Wahrheit berührt, wenn er hörte, wie in allen Sprachen Stoßseufzer und Gebete sich zum Himmel erhoben, und wenn, gleich nur im Kleinen, er ein Bild der ungemessenen völkervereinigenden und heiligenden Macht der katholischen Kirche erhielt. –

 

Es möge hier noch ein Wort des deutschen Dichters Goethe, eines Protestanten, angeführt werden, das er bei Gelegenheit eines Besuchs von Maria Einsiedeln äußerte: „Es musste ernste Betrachtungen erregen, dass ein einzelner Funke von Sittlichkeit und Gottesfurcht hier ein immerbrennendes leuchtendes Flämmchen angezündet hat, zu welchem gläubige Seelen mit großer Beschwerlichkeit heranpilgern sollten, um an dieser heiligen Flamme auch ihr Kerzlein anzuzünden. Wie dem auch sei, so deutet es auf ein grenzenloses Bedürfnis der Menschheit, nach gleichem Licht, gleicher Wärme, wie es jener Erste im tiefsten Gefühl und sicherster Überzeugung gehegt und genossen hat.“ – So hat denn ein Geist wie Goethe, trotz seinem „Wie dem auch sei!“ also in dem von ihm Unbegriffenen, das „grenzenlose Bedürfnis der Menschheit“, in der schönen Form von Wallfahrten sich Gnade von Oben zu erflehen, anerkennen müssen.

 

Wir bedürfen dieses Zeugnisses nicht, aber es ist immerhin interessant. Wir gehören zu jenen, die glauben, lieben, verehren, anbeten, abbüßen und alles in Demut tragen, was uns dadurch auferlegt wird. Uns gegenüber stehen die, die nicht glauben und dafür hassen, spotten und mehr Respekt vor der brutalen Gewalt haben, sie komme, woher sie wolle, als vor der Macht Gottes. Diesen mag die Äußerung Goethes an dieser Stelle etwas bedeuten. Uns lehrt sie, dass der katholische Glaube im Stande ist, Nationen wie Einzelne zu erleuchten, und die ihn durchströmende Wahrheit mindestens ahnen zu lassen. Wir müssen billig unterscheiden zwischen diesen und solchen, die sich dadurch berühmt zu machen suchten, dass sie gegen alle göttliche Wahrheit sich wendeten. –

Mit diesem Gefühl wollen wir von dem Gnadenort mit dem alten Lied scheiden, dass die Wallfahrer bei ihrem Abzug aus Altötting anzustimmen pflegten:

 

„Wir scheiden unter heißen Tränen

Von Deinem süßen Gnadenthron;

Maria, sieh‘, ach! unser Sehnen

Nach Dir und Deinem lieben Sohn!

Wir müssen fort, ach fort! Uns ruft die Pflicht:

Doch Du, Maria, Du verlass uns nicht;

Maria! Maria! nur Du verlass uns nicht!“

 

* * *

 

In der Zeitschrift "Ave Maria" vom Februar 1911 heißt es:

 

"Echte Wallfahrer.

Ein Abonnent schreibt dem "Ave Maria":

 

 

Die Fußreise von Wien nach Einsiedeln, welche seinerzeit im Ave Maria erwähnt worden ist, ist eine Kleinigkeit. Ich ging zu Fuß von Bosnien bis Mals an der Schweizergrenze, ohne Geld, ohne Sprachkenntnis, und kam auch fort. Ein Weiblein mit 72 Jahren ging von Vinstgau nach Einsiedeln auf bloßen Füßen mit einem Korb voll Lebensmitteln auf dem Rücken, kehrte nur in Bauernhäusern ein, um eine Suppe zu kochen, lag auf Stroh über Nacht und war in 14 Tagen zurück. Zwei Männer von Schlanders im Alter von 54 Jahren gingen auch zu Fuß dahin. Sie beteten täglich 12 Rosenkränze, schliefen nur auf Ofenbänken, kochten ihr Essen in Bauernhäusern und kamen nach 14 Tagen zurück. In der modernen Zeit des Dampfes und der Elektrizität sind solche echte Wallfahrten jetzt wohl schon selten."

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