Inhalt:

 

1. IHS

2. Josefslitanei

3. Jungfrau der Armen

4. Judas Iskarioth

5. Jenseits

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1. IHS

 

Die drei bekannten Schriftzeichen I H S sind noch oft in unseren Kirchen, auf Friedhöfen oder auf frommen Bildern in unseren Wohnungen zu sehen. Manchmal ist über dem H noch ein Kreuz und unter ihm das heiligste Herz Jesu mit der Dornenkrone. Es sollte auch über unserem ganzen Leben, auf der „Tür unseres Herzens“ stehen. Dieses Namen-Jesus-Zeichen stammt übrigens vom heiligen Bernhardin von Siena, der die Andacht zum Namen Jesus mächtig gefördert hat. Oft wird die Abkürzung I H S mit „Jesus, Heiland, Seligmacher“ gedeutet. Aber man kann diese Schriftzeichen auf verschiedene Weise deuten. Jede Erklärung ist schön und hat einen guten Sinn:

 

Die erste Bedeutung ist: „In Hoc Signo, in diesem Zeichen“. Zu ergänzen ist: „wirst du siegen.“ Mit diesem Zeichen ist eben Jesus selbst gemeint und natürlich das heilige Kreuz, das Zeichen unserer Erlösung und das Zeichen der großen Liebe Gottes zu uns Menschen und zur ganzen Schöpfung.

 

Die zweite Bedeutung der drei Buchstaben ist die: „Iesum Habemus Socium, wir haben Jesus zum Verbündeten“. Das ist nicht nur tröstlich, das ist wunderbar! Denn wer Jesus an seiner Seite hat, der hat einen guten, mächtigen und zuverlässigen Freund bei sich. Er braucht sich auf dem Weg durch sein Leben nicht mehr zu fürchten. Möge dieses Wort an uns allen wahr werden und Jesus mit dem Segen seines Kreuzes und mit der Liebe seines Herzens uns auf Schritt und Tritt begleiten. Jesus soll unser Weg sein, dem wir sicher und ohne Ängstlichkeit folgen können, er soll die Wahrheit sein, die uns erleuchtet und allen Irrtum vertreibt, und er soll unser Leben sein, von dem Lust und Kraft zu allem Guten kommt. Aber auch wir sollten Jesus treu begleiten, wo immer er uns hinführt. Jeder Tag soll uns enger mit ihm verbinden und alles, was wir in diesem Jahr denken, tun und ertragen, soll zu seiner Ehre geschehen.

 

Die dritte Bedeutung der Buchstaben I H S heißt: „Iesus Hominum Salvator, Jesus, Erlöser der Menschen“ und die vierte: „In Hoc Salus, hierin (d.h. im Kreuz oder im Herzen Jesu) ist Heil“. Diese beiden Erklärungen sagen so ziemlich dasselbe, denn Jesus hat die Welt erlöst durch sein Kreuz und durch das Blut seines Herzens.

 

Keine Kirche, kein Bischof und kein Priester, ja niemand kann uns versprechen, dass wir ohne Kreuz und ohne Leid sein werden. Aber wir können dem Herrn in Freude und auch Leiden mutig nachgehen und den Trost dort suchen, wo er allein zu finden ist: bei unserem Herrn Jesus Christus, an seinem liebevollen Herzen! Die Jahre vergehen, eins nach dem anderen, so wie die Wellen im Meer, aber unveränderlich wie ein Fels mitten in den Wellen bleibt die Treue und die Liebe unseres „Verbündeten“, unseres Herrn Jesus Christus.

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2. Josefslitanei

 

Ein bedeutungsvoller Fortschritt in der Verehrung des heiligen Josef

 

Durch Dekret der heiligen Ritenkongregation vom 18. März 1909 hat der Heilige Vater Papst Pius X. die nachstehende Litanei vom heiligen Josef zum öffentlichen und privaten Gebrauch approbiert und mit einem Teilablass versehen, der einmal täglich zu gewinnen und den Armen Seelen zuwendbar ist. In dem betreffenden Erlass spricht er den Wunsch aus, „es möchten alle Christgläubigen, welchem Geschlecht, Stand und Beruf immer sie angehören, voll kindlichen und frommen Sinnes und voll festen, wohlbegründeten Vertrauens die herrlichen Tugenden des Ernährers und Beschützers der Heiligen Familie von Nazareth oft betrachten und eifrig nachahmen; ebenso seine mächtige Hilfe, deren wir in den gegenwärtigen Verhältnissen für die menschliche Familie und Gesellschaft so sehr bedürfen, durch wiederholte Anrufung erflehen.“

 

Herr, erbarme dich.

Christus, erbarme dich.

Herr, erbarme dich.

 

Christus, höre uns.

Christus, erhöre uns.

 

Gott Vater vom Himmel, erbarme dich unser.

Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme dich unser.

Gott, Heiliger Geist, erbarme dich unser.

Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme dich unser.

 

Heilige Maria, bitte für uns.

Heiliger Josef, bitte für uns.

Du erlauchter Spross Davids, bitte für uns.

Du Leuchte unter den Patriarchen, bitte für uns.

Du Bräutigam der Gottesmutter, bitte für uns.

Du Beschützer der reinsten Jungfrau, bitte für uns.

Du Nährvater des Sohnes Gottes, bitte für uns.

Du sorgsamer Beschirmer Christi, bitte für uns.

Du Haupt der Heiligen Familie, bitte für uns.

Josef, du gerechter Mann, bitte für uns.

Josef, strahlend im Glanz der Keuschheit, bitte für uns.

Josef, du Muster der Klugheit, bitte für uns.

Josef, du starker Held, bitte für uns.

Josef, du Beispiel des Gehorsams, bitte für uns.

Josef, du Vorbild der Treue, bitte für uns.

Du Spiegel der Geduld, bitte für uns.

Du Freund der Armut, bitte für uns.

Du Vorbild der Arbeiter, bitte für uns.

Du Zierde des häuslichen Lebens, bitte für uns.

Du Beschützer der Jungfrauen, bitte für uns.

Du Stütze der Familie, bitte für uns.

Du Trost der Leidenden, bitte für uns.

Du Hoffnung der Kranken, bitte für uns.

Du Patron der Sterbenden, bitte für uns.

Du Schrecken der bösen Geister, bitte für uns.

Du Schutzherr der heiligen Kirche, bitte für uns.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, verschone uns, o Herr.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erhöre uns, o Herr.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.

 

Er machte ihn zum Herrn seines Hauses.

Und zum Beherrscher seines ganzen Besitzes.

 

Lasset uns beten:

Gott, du hast den heiligen Josef in deiner unaussprechlichen Vorsehung huldvoll zum Bräutigam deiner heiligsten Gebärerin erwählt: wir bitten dich um die Gnade, dass wir ihn im Himmel als Fürsprecher zu haben verdienen, da wir ihn auf Erden als Beschützer verehren. Der du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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3. Jungfrau der Armen

       

Ein Titel, der uns tröstet

 

Jedes der zahlreichen marianischen Heiligtümer auf der Welt hat etwas Besonderes. Was mich beim ersten Mal, als ich von Banneux hörte, faszinierte, war der Name Jungfrau der Armen! Welch genialer Einfall hätte ich gesagt, wenn die Menschen ihn aufgebracht hätten. So selbstverständlich und notwendig und doch hier ganz neu. Wie aktuell in unserer Zeit und Situation. Die Jungfrau der Armen steht mitten unter uns. Keine Sterne, keine Strahlen, nicht einmal eine Königskrone, ohne die es bei ihr jahrhundertelang nicht ging. Mensch wie wir, ausgesetzt, getrieben, geängstigt, gequält . . . und doch in der Gnade Gottes stehend. Das ist eine unerhört wichtige Botschaft, die wir wohl bedenken müssen.

 

Es gibt natürlich auch in unserer Zeit des steigenden Lebensstandards, der totalen Versicherung, im Sozialstaat noch immer Arme. Die Armut wandelt die Form. Früher dachte man nur an Hunger, wenn man Armut sagte. Heute sehen wir, dass die Not versteckter und gefährlicher wird.

 

Armut ist vor allem ein innerer Zustand. Arm ist, wem etwas Notwendiges fehlt, es braucht nicht an Speise und Trank gedacht zu werden. Wie arm ist unsere Generation an geistigen Gütern! Man hat gesagt, dass die Menschen unserer Zeit die Mitte verloren hätten, damit ist gemeint der Glaube und die Gottverbundenheit. Der moderne Mensch lebt in einer schrecklichen Einsamkeit, über deren Not uns auch die Masse, in die wir hineingestellt sind, nicht hinweghilft. Die Einsamkeit ist nur erträglich, wenn man Gott bei sich hat . . . Die größte Not und Armut ist, wenn man Gott nicht hat.

 

Dass Maria, die Mutter aller Menschen, da Erbarmen hat und eingreifen will, verwundert uns nicht. Uns verwundert auch nicht, dass Maria in einer ihrer letzten Erscheinungen geweint hat.

 

Wir Gläubige sind machtlos geworden und vielfach auch ratlos . . . Wir sind arm, weil wir keinen Einfluss auf die großen Weltereignisse haben . . . Was uns aber noch mehr lähmt und unsere ganze Not zeigt, ist der Mangel an großer und tiefer Frömmigkeit. Wie reich waren andere Zeiten an führenden Gottesmännern, wie arm sind wir daran!

 

Und wie fragwürdig ist unser ganzes Leben. Über kleine Ansätze kommen wir nicht hinaus. Wir werden hin- und hergeworfen und beherrschen die Situation in keiner Weise. Wir haben nicht das Format, das Christen in einer so entscheidungsvollen Zeit haben müssten. Wir sind Versager.

 

In dieser Not, in dieser Armut auf allen Bereichen strecken wir die Hände nach einem Wesen aus, das in einer größeren Fülle lebt und das uns helfen könnte. Wir wenden uns zu unserer himmlischen Mutter Maria. Sie ermuntert uns, zu ihr zu kommen. Sie ist da für uns, versteht uns und will uns helfen. Sie gibt sich selbst einen Titel, der uns tröstet: sie lässt sich Jungfrau und Mutter der Armen nennen. Sie war auf der Erde arm, sie ist im Himmel reich geworden. Sie kann auch unsere Not wenden und in der Wüste unserer Zeit die ewigen Quellen wecken und sprudeln lassen.

 

Jungfrau der Armen, bitte für uns!

 

F. Jantsch in: „Jungfrau der Armen“, Nr. 3/1956

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4. Judas Iskarioth

 

Das Rätsel des Judas Iskarioth

 

Die rätselhafte Gestalt des Judas hat zu allen Zeiten Probleme der Theologie und Psychologie aufgeworfen. Judas war ein freiwilliges Mitglied der kleinen Schar um Jesus gewesen, ein Mann mit geschäftlichen Talenten, ein Jude aus Kerioth (daher sein Name Iskarioth, d.h. Mann aus Kerioth), einem Ort südlich der Stadt Hebron. Die anderen elf Jünger dagegen waren Galiläer, stammten also aus dem nördlichen Teil Palästinas. Judas war von unserem Herrn oder, was wahrscheinlicher ist, von den übrigen Aposteln zum Geldverwalter der kleinen Schar ernannt worden.

 

Es ist überraschend, dass nicht Matthäus, der Zöllner gewesen war, diesen Posten erhielt. Vielleicht lehnte dieser ab, weil er glaubte, diese Aufgabe gleiche zu sehr seinem früheren Beruf. Vielleicht dachte man auch, dass Judas sich noch mehr dafür eignete. Wie dem auch sei, Judas hatte jedenfalls die Möglichkeit, seine geschäftlichen Talente zu verwenden. Das war eine Aufgabe, die sicherlich auch häufig Besprechungen mit dem Meister notwendig machte, für den er wohl bei manchen Wohltätigkeitsaufträgen eine Art Privatsekretär war.

 

Da ging nun in Judas eine geheimnisvolle Änderung vor sich. Wir lesen, wie Petrus bei manchen Anlässen aufbrauste, und erfahren von dem Ehrgeiz des Jakobus und Johannes. Die übrigen Apostel sprachen offen von ihren irdischen Erwartungen, aber Judas scheint seine Gesinnung nie verraten zu haben. Selbst als er einmal gegen die „Verschwendung“ Marias protestierte, tarnte er seinen wahren Beweggrund mit dem Mantel der Nächstenliebe. Bis zum Schluss hegten seine Mitapostel keinen Verdacht gegen ihn, nicht einmal beim letzten Abendmahl. Erst nach der Tragödie auf dem Kalvarienberg kamen sie dahinter, dass er Geld veruntreut hatte. Aber sicherlich gab es nicht viel zu veruntreuen. Es waren nur kleine Beträge, die er nach und nach an sich brachte. Er selbst hat diese Beträge vielleicht als eine ihm zustehende Vergütung für seine wertvollen Dienste betrachtet. Wahrscheinlicher ist, dass er sich nur eine Summe für Tage der Not, die er kommen sah, beiseitelegen wollte.

 

Der Geiz allein erklärt seinen Sturz nicht. Hätte er seinen Glauben und sein Vertrauen in den Meister behalten, dann hätte er zwar vielleicht seine Unterschlagungen fortgesetzt, aber er hätte den Meister nie verkauft und verraten. Wie für jeden Menschen, lag auch für ihn die Hauptversuchung gerade in seinen Talenten. Als Kassier kam er sich wichtig vor. Er wusste, dass er in geschäftlichen Dingen gewandter war als die galiläischen Fischer und Bauern. Er war auch der Ansicht, dass das Geschäftsgebaren der kleinen Gruppe schlecht war: zu viel Verschwendung und nicht genug Sparen und gewinnbringendes Geldanlegen. Immer mehr kam er dazu, die Abhebungen als sein eigenes Geld zu betrachten. Die wachsende Geldgier aber vergiftete seine Seele. Der Gedanke, dass er manches verbergen musste, raubte ihm das Gleichgewicht und ließ ihn sich innerlich gegen den Meister auflehnen. Die Anspielungen und Verwarnungen Jesu verhärteten ihn noch mehr.

 

Das Unirdische, Außerweltliche des Auftretens Jesu fing an, ihn abzustoßen. Der Meister schlug die Gelegenheit, sich von der Menge zum König machen zu lassen, aus. Bald fing er auch an, von seinem Tod wie von dem eines Verbrechers zu sprechen. Anstatt der Führer der Nation zu werden, zog er mit einer kleinen Schar unbedeutender Männer umher.

 

Der Widerstand der jüdischen Behörden nahm zu, und Judas fragte sich, ob er nicht einen Fehler begangen habe. Wenn es schwerfällt, uns in seine Lage zu versetzen, müssen wir uns nur daran erinnern, dass er im Gegensatz zu uns das Ende der Geschichte noch nicht kannte. Vom Standpunkt eines rein irdischen gesunden Menschenverstandes lässt sich eine Menge Gründe für die Zweifel des Judas vorbringen.

 

So war er bereits durch seinen Ehrgeiz und seine Unzufriedenheit erschüttert, ein kleiner Anlass genügte, um ihn zum Ungläubigen zu machen. An der Verschwendung des kostbaren Salböls nahm er großes Ärgernis und wunderte sich darüber, dass der Herr ein solches Verhalten noch verteidigte. Auch ärgerte ihn das Gefühl, dass man Misstrauen gegen ihn hegte, oder wenigstens, dass er das Vertrauen des Meisters verloren hatte.

 

Wie andere, erfand auch er einen Vorwand zur Selbsttäuschung und hielt seine Tat vermutlich für eine Pflicht gegenüber den jüdischen Führern, die seinen Meister praktisch ausgeschlossen und einen Befehl herausgegeben hatten, Material gegen ihn zu liefern, vermutlich gegen eine ausgesetzte Belohnung. So verließ Judas das sinkende Schiff und sicherte sich gegen den kommenden Zusammenbruch.

 

Er verriet dem Sanhedrin, dem jüdischen Rat, wo und wie man den Nazarener in aller Stille gefangen nehmen könne, ohne die Aufmerksamkeit der zahlreichen Pilger aus Galiläa, die zum Osterfest gekommen waren, zu erregen. Er selbst trat fast gar nicht in Erscheinung, wie er es mit den Feinden Jesu ausgehandelt hatte. Er führte sie lediglich zum Garten Gethsemane und zeigte ihnen Jesus. Mehr tat er nicht. Offensichtlich lehnte er es ab, die Hauptfigur und den Hauptzeugen zu machen. Später lungerte er in der Nähe der Gerichtsstätte herum.

 

Was mögen seine Gedanken in dieser Zeit gewesen sein. Er hatte wohl erwartet, sich darüber erleichtert zu fühlen, dass er sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Aber weit gefehlt! Ein Mann, der so lange der Gefährte Jesu gewesen war, kann niemals wieder einfach der sein, der er vorher war. Im Herzen des Judas brannte eine schmerzende Lehre, ein merkwürdiges Gefühl des Verlorenseins.

 

Er erfuhr von einigen Dienern, dass man Christus verurteilt habe und ihn nun dem römischen Statthalter zur Hinrichtung ausliefere. Da erst erkannte er die ganze Ungeheuerlichkeit seines Verbrechens. Er eilte zum Tempel und schrie den anwesenden Priestern zu: „Ich habe gesündigt, indem ich unschuldiges Blut verriet!“ Welch eine Anerkennung und aus welcher Quelle! Hätte er auch nur eine schwache Seite in seinem Meister entdeckt, er hätte sie benutzt, um sein Gewissen rein zu waschen. Aber seine Sünde stand vor ihm, der Meister war unschuldig.

 

Und nun erwartete ihn eine neue Enttäuschung. Die Männer des Sanhedrin, denen er vertraut hatte, lachten zynisch über sein Schuldbekenntnis. Verzweiflung umkrallte das Herz des Judas. Er war allein, verhöhnt vom Sanhedrin, verachtet von den Jüngern. Was hatte er schließlich gewonnen? Geld? Die Münzen brannten in seiner Hand, sie hatten keine Bedeutung mehr für ihn. In einem Wutanfall schleuderte er sie in den Hof der Priester. Wenigstens dieses Blutgeld war dahin.

 

Der elende Mann irrte fern von der Stadt, in der sich die große Tragödie zugetragen hatte, zwischen den Gräbern im Hinnon-Tal in tiefster Einsamkeit umher. Diese Stunden seiner Verzweiflung und Gewissensbisse hatten keinen Zeugen. Hatte er keinen Blick mehr für die unendliche Barmherzigkeit des Erlösers? Kam ihm keine Bitte um Vergebung in seinen verstörten Geist? War sein „Ich habe gesündigt“ seine letzte klare Äußerung, bevor er in den Irrsinn sank und im Selbstmord endete?

 

(Zusammengefasst aus „Standard“, Pearse St., Dublin/Irland, 24.2.1950, von Alfred O´Rahilly)

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5. Jenseits

 

1. Auch eine Antwort auf die Jenseitsfrage.

 

Zwei große französische Zeitungen richteten einmal an eine Reihe von Gelehrten und Dichtern eine Rundfrage, ob sie an ein Jenseits glaubten. Die Zeitungen hatten allerdings nur solche Männer ausgesucht, von denen sie eine ihrer Geistesrichtung entsprechende Antwort erwarten konnten: Leute, die an keinen persönlichen Gott glaubten. Die Antworten waren auch danach. So schrieb der ungläubige spanische Dichter Blasco Ibáñez: Ich kann nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Leben, immer leben, eine ganze Ewigkeit hindurch umgeben von Leuten, die mich schon auf der Erde zu Tode gelangweilt haben, ein größeres Malheur könnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich ziehe den traumlosen Schlaf vor, das große Nichts des Todes. Ich gestehe jedoch offen, dass mich die Frage gar nicht interessiert. Gibt es ein Leben nach dem Tod, dann werden wir es schon rechtzeitig (?) erfahren.“ Die eigenartigste Antwort aber gab der französische Professor Charles Richet: „Manchmal glaube ich daran, manchmal nicht . . . Freilich ist diese Antwort alles eher als befriedigend. Indem ich jedoch beide Möglichkeiten offen lasse, glaube ich wenigstens die Genugtuung zu haben, nur einen halben Irrtum zu begehen.“

 

2. Es gibt eine andere Welt.

 

C.F. Gauß (1777-1855), bekanntlich einer der größten Mathematiker aller Zeiten, schreibt einmal: „Es gibt in dieser Welt einen Genuss des Herzens, der hauptsächlich darin besteht, dass die Menschen einander die Mühsale, die Beschwerden des Lebens sich gegenseitig erleichtern. Ist das aber die Aufgabe des höchsten Wesens, auf gesonderten Kugeln Geschöpfe zu erschaffen und sie, um ihnen solchen Genuss zu bereiten, achtzig oder neunzig Jahre existieren zu lassen, so wäre das ein erbärmlicher Plan. Ob die Seele achtzig Jahre oder achtzig Millionen Jahre lebt, wenn sie einmal untergehen soll, so ist dieser Zeitraum doch nur eine Galgenfrist: endlich würde es vorbei sein müssen. Man wird daher zu der Ansicht gedrängt, für die ohne eine streng wissenschaftliche Begründung so viel anderes spricht: dass neben dieser materiellen Welt noch eine rein geistige Weltordnung existiert, mit ebenso viel Mannigfaltigkeiten als die, in der wir leben; ihrer sollen wir teilhaftig werden.“

 

3. Warum es ein Fortleben nach dem Tod geben muss.

 

Der berühmte Prediger Monsabré sagt einmal: Gäbe es irgendwo in der trostlosen Welt nur einen glücklichen Sünder: seine gegenwärtige Straflosigkeit würde die Notwendigkeit einer künftigen Strafe mit voller Kraft beweisen. Gäbe es inmitten der frohlockenden Bösen nur einen unglücklichen Gerechten: die Notwendigkeit einer künftigen Belohnung würde mit der ganzen Kraft seines unverdienten Unglücks dargetan . . . Über das Leben des Gerechten wie des Gottlosen hat Gott ein Wort geschrieben, das mit Flammenschrift die Verheißung sowohl als die Drohung seiner Gerechtigkeit enthält, das Wort: Unsterblichkeit. – Rousseau schreibt im vierten Buch des „Emile“: „Ist die Seele unkörperlich, so kann sie den Leib überleben, und überlebt sie ihn, so ist die göttliche Vorsehung gerechtfertigt. Hätte ich auch keinen anderen Beweis als den Triumph des Bösen und die Unterdrückung der Gerechten in dieser Welt, so würde er allein mich gegen den Zweifel schützen. Ein so störender Misston in der allgemeinen Harmonie würde mich antreiben, dessen Auflösung zu suchen. Ich würde mir sagen: es ist nicht alles mit dem Leben zu Ende für uns, alles kommt nach dem Tod wieder in Ordnung.“

 

4. Ein Bekenntnis aus dem antiken Heidentum.

 

In Ciceros Schrift „Vom Alter“ tritt der ältere Cato der Annahme, dass mit dem Tod alles aus sei, mit folgenden schönen Worten entgegen: „Ich fühle mich gehoben durch die Sehnsucht, eure Väter, die ich schätzte und Liebte, einst wiederzusehen. Und wollte mir ein Gott die Gnade erzeigen, mich aus dem Greisenalter wieder in die Kindheit zu versetzen, so würde ich gar sehr mich weigern. Ich mag zwar das Leben nicht bejammern, wie es schon viele und selbst gelehrte Männer getan haben. Auch ist es mir nicht leid, gelebt zu haben, denn ich habe so gelebt, dass ich glaube, nicht umsonst geboren zu sein. Ich scheide aus dem Leben wie aus einer Gastherberge, nicht wie aus einem eigentlichen Wohnhaus. Denn nach der Bestimmung der Natur sollen wir hienieden nur eine Zeitlang Einkehr halten, nicht aber eine bleibende Wohnstätte haben.“ „O des herrlichen Tages“, fährt Cato fort, „an dem ich aus diesem Gewühl und Schlamm der Welt scheiden und in jene göttliche Gesellschaft der Geister übergehen werde! Denn ich komme dann nicht allein zu den Männern, die ich einst geachtet und geliebt, sondern auch zu meinem teuersten, zu früh verstorbenen Sohn. Sein Geist ist in jene Gefilde gewandert, wohin auch ich zu kommen hoffe. Wenn ich seinen Tod standhaft zu ertragen schien, so geschah es nicht so sehr aus eigentlicher Gelassenheit, sondern ich tröstete mich mit dem Glauben, dass diese Trennung nicht von langer Dauer sein werde.“

 

5. Der Schrei des Unglaubens.

 

Der ungläubige französische Schriftsteller Anatole France (+1923) hatte auch den Glauben an ein Wiedersehen nach dem Tod längst über Bord geworfen. Als der Sensenmann schon an seinem Lager stand, nahm er Abschied von seiner Frau mit den Worten: „Ich werde dich nie wiedersehen . . . Ich werde dich nie mehr sehen!“ Und doch, als es zum Letzten kam, hörte man von seinen sterbenden Lippen den klagenden Ruf der Sehnsucht: „Mutter, Mutter!“

 

6. Das Wort des Glaubens.

 

Bei dem großen Alsdorfer Grubenunglück wurde ein junger Bergmann tot aufgefunden, der im Angesicht des Todes folgende Worte an die Wand seines Kohlenwagens gekritzelt hatte: „20. Oktober 1930. Wenn ich hier nicht mehr lebend herauskomme, dann grüßt mir den lieben Vater, die Geschwister und auch meine lieben Verwandten und Bekannten. Ich gehe zur Mutter! Lebt wohl!“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 443)

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