Inhalt:

 

1. Dominikus 

2. Demut

3. Dasein Gottes

4. Dornenkrone

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1. Dominikus

 

Der heilige Dominikus und die Engel

 

Im Dominikanerorden werden bei Tisch die jüngsten Brüder zuerst bedient. Zu den Vorgesetzten kommt die Schüssel zuletzt. Diese Sitte wird zurückgeführt auf ein Ereignis aus dem Leben des heiligen Dominikus, das uns Frau Angelico in seiner lieblichen Art gemalt, und das uns die selige Schwester Cäcilia mit folgenden Worten schildert: Als die Brüder noch bei der Kirche San Sisto wohnten und ihre Zahl etwa hundert betrug, sandte Dominikus eines Tages die Brüder Johannes von Kalabrien und Albert von Rom in die Stadt, um Lebensmittel zu erbetteln. Sie gehen vom frühen Morgen bis drei Uhr nachmittags umher, aber sie erhielten nichts geschenkt. Auf dem Rückweg, als sie schon nahe bei der Kirche St. Anastasia waren, begegnete ihnen eine Frau, die dem Orden sehr zugetan war; da diese sah, dass die Brüder mit leeren Händen zurückkehren mussten, schenkte sie ihnen ein Brot. Etwas später begegnete ihnen ein Mann, der um ein Almosen bat. Sie schützten ihre eigene Armut vor, aber der Arme bat nur umso eindringlicher.

 

Da sprachen die Brüder: „Was kann uns ein einziges Brot helfen? Aus Liebe zu Gott wollen wir es diesem Bettler schenken.“ – Als sie zum Kloster kamen, stand Dominikus lächelnd an der Pforte und sprach: „Kinder, ihr bringt nichts mit?“

 

„Nein, Vater.“ Sie erzählten, dass sie das einzige Brot einem Armen gegeben hätten.

 

„Das war ein Engel Gottes“, antwortete Dominikus. „Der Herr wird wissen, für die Seinigen zu sorgen. Lasset uns gehen und beten.“

 

Er begab sich in die Kirche, kehrte nach kurzer Zeit zurück und befahl, die ganze Genossenschaft im Speisesaal zu versammeln.

 

„Aber, Vater“, sagten sie, „du befiehlst, die Brüder zu rufen und weißt doch, dass nichts vorhanden ist, was wir ihnen vorsetzen können.“

 

Absichtlich zögerten sie mit der Ausführung des Befehles. Da ließ der heilige Vater der Bruder Roger, den Kellermeister, kommen, und befahl ihm, die Brüder zum Mittagsmahl zu rufen, denn der Herr würde für alles sorgen. Auf ein gegebenes Zeichen trat die ganze Genossenschaft ein. Dominikus sprach den Segen, ein jeder setzte sich an seinen Platz und Bruder Heinrich begann die Tischlesung. Dominikus betete – und siehe! – plötzlich erschienen zwei liebliche Gestalten, die eine große Menge Brot in weißen, von den Schultern herabhängenden Tüchern trugen. Sie begannen das Brot zu verteilen, und zwar fingen sie bei den jüngsten Brüdern an, der eine rechts, der andere links. Jeder Bruder erhielt ein ganzes Brot. Als sie auch dem heiligen Dominikus ein Brot hingelegt hatten, machten sie eine leichte Verneigung und verschwanden, ohne dass bis heute jemand sagen könnte, woher sie gekommen, oder wohin sie gegangen seien. Dominikus aber sagte zu den Brüdern: „Meine Brüder, esset das Brot, das der Herr euch beschert hat.“

 

Sie aber aßen und tranken nach Bedürfnis an diesem und den zwei folgenden Tagen. Und der heilige Vater Dominikus hielt den Brüdern eine gar schöne und ernste Ermahnung, niemals, auch nicht in der größten Not, das Vertrauen auf die Güte Gottes zu verlieren. Die Brüder erzählten dieses Wunder der Schwester Cäcilia und den übrigen Schwestern, die damals noch in dem Kloster S. Maria jenseits der Tiber lebten; sie brachten ihnen auch von dem wunderbaren Brot, und die Schwestern bewahrten diese Gaben lange Zeit als kostbare Reliquien.

 

Dasselbe Wunder wird von Bologna und von S. Romanus berichtet. In gleich wunderbarer Weise diente der Engel dem heiligen Dominikus eines Nachts. Der Heilige war sehr spät nach S. Sisto gekommen, und es wurde fast Mitternacht, ehe alle Angelegenheiten besorgt waren. Alle Anwesenden wollten ihn nötigen, die Nacht in S. Sisto zu bleiben. Aber der Heilige sprach: „Der Herr ruft mich nach S. Sabina. Er will, dass ich gehe; er wird seinen Engel senden, uns zu geleiten.“

 

Dominikus wählte Tancred und Odo zu Begleitern und verließ das Haus. An der Tür wartete ein überaus lieblicher Jüngling, der wie zur Reise gerüstet schien. Der heilige Dominikus ließ seine Begleiter vorangehen, so dass der Jüngling an der Spitze schritt. Er selbst folgte zuletzt. So gelangten sie nach S. Sabina. Die Kirchtür war verschlossen. Der Jüngling lehnte sich dagegen, und sogleich sprang sie auf. Er trat selbst ein, nach ihm die Brüder, zuletzt der heilige Dominikus. Der Jüngling trat alsdann wieder hinaus, und die Tür war verschlossen wie vorher. Bruder Tancred aber fragte: „Vater, wer war der Jüngling, der uns begleitet hat?“

 

Und Dominikus antwortete: „Mein Sohn, es war ein Engel Gottes, den er zu unserem Schutz gesandt hatte.“

 

Dann erklang die Glocke zu den Metten, und die Brüder kamen in den Chor und wunderten sich sehr, dort den heiligen Dominikus und seine Begleiter zu finden, denn sie wussten, dass die Kirche verschlossen worden war. Auf diese Weise wurde der heilige Dominikus sehr oft von dem heiligen Engel geleitet.

 

Dass ein Engel ihm die Stunde des Hinscheidens vorhersagte, kann uns nicht verwundern. Der selige Johannes erzählt, dass, als der Heilige eines Abends in eifrigem Gebet versunken war, unversehens sich seiner ein heißes Verlangen, bei Gott zu sein, bemächtigte. Plötzlich sei dann ein Jüngling von himmlischer Schönheit erschienen und habe ihm zugerufen: „Dominikus, mein Geliebter, komm zur Hochzeit, komm!“

 

Dieser vertraute Verkehr des heiligen Dominikus mit den Engeln, wovon uns nur jene Züge, die von Augenzeugen wahrgenommen wurden, berichtet worden sind, der jedoch mit dem Heiligen allein noch viel inniger gewesen sein wird, kann uns nicht in Erstaunen versetzen. War doch Dominikus selbst ein Engel im Fleisch. Seine ganze Erscheinung trug den Stempel engelgleicher Reinheit. Er wird geschildert als von mittlerer Größe, leicht gebaut. Sein Antlitz war schön, wie rosige Blüten lag es auf seinen Wangen. Haupthaar und Bart glänzten goldgelb, seine Augen strahlten in sanftem, mildem Licht. Es war, als ob auf seiner reinen, hohen Stirn ein blendender Schimmer läge, der jeden, der ihn ansah, mit Ehrfurcht und Liebe erfüllte. Diese lieblich äußere Erscheinung war der Ausdruck der engelgleichen Unschuld, der seine Seele sich erfreute. Seine Lebensbeichte, die er öffentlich vor den Brüdern vom Sterbelager aus ablegte, war die Anklage eines Kindes, das die Sünde noch nicht kennt.

 

Dazu war der heilige Dominikus sein ganzes Leben von einer engelhaften Hingabe an den Willen Gottes und die Vorsehung erfüllt. Er glich wirklich den himmlischen Geistern, deren einzige Wonne es ist, Gottes Willen zu vollziehen, und die nie ermüden im Lob des Allerhöchsten. Obwohl der Orden des heiligen Dominikus bestimmt ist, am Heil der Seelen zu arbeiten, und obwohl diese Arbeit die Kraft der Brüder voll und ganz in Anspruch nimmt, wollte Dominikus doch stets das feierliche Chorgebet hochgehalten wissen. Kein Unwohlsein, keine Ermüdung hielt ihn jemals vom heiligen Offizium ab. Stets war er der erste im Chor. Einen Mann, der in dieser Weise schon hier auf Erden den Engeln des Himmels in Unschuld und heiligem Eifer für Gottes Ehre ähnlich geworden war, musste am Schluss der Erdenlaufbahn ein Himmelsbote abholen mit dem Zuruf: „Dominikus, komm zur Hochzeit, komm!“ 

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2. Demut

 

Bei all den Tugenden, bei allen aus Liebe zu Gott erduldeten Leiden und Mühen, bei all den glänzenden Erfolgen bei der Bekehrung der Menschen hielten sich die Heiligen für unwürdige Dienerinnen und Diener Gottes. Schöne Tugend der Demut, du bist

1. die Grundlage aller übrigen Tugenden,

2. die gottgefälligste Tugend,

3. die verdienstvollste Tugend.

 

1. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen!“ (Mt 18) Erkennen wir aus dieser Versicherung des Herrn, wie notwendig die Tugend der Demut ist. Die Demut ist das Fundament der übrigen Tugenden, die Wurzel der Bekehrung. Wir müssen klein werden, wie die Kinder. Betrachten wir die Unschuld, die Aufrichtigkeit, die Einfalt, die Gelehrigkeit, den Gehorsam eines Kindes! Es ist um Hoheit und Vorrang nicht bemüht, es macht für die Zukunft keine Pläne, es glaubt, was man ihm sagt, es geht, wohin man es führt, es tut, was man ihm sagt, es nimmt gerne Belehrung an. Lauter Züge der Demut, die auch wir uns aneignen müssen, wenn wir ins Himmelreich eingehen wollen. Die Bekehrung ist ein Akt der Demut. Sich als Sünder erkennen und dem Priester bekennen, sein bisheriges Leben ändern trotz dem Spott der Welt, ist ohne Verdemütigung nicht denkbar. Wie notwendig ist daher die Demut.

 

2. Die Demut ist eine Gott höchst wohlgefällige Tugend. Der Sohn Gottes hat in seinem Leben alle Tugenden geübt, aber eine hat er besonders und zu jeder Stunde geübt, die Demut. Was war sein ganzes Leben von der Krippe bis zum Kreuz, als Erniedrigung seiner selbst? Welche Tugend hat er mehr empfohlen, als die Demut? Können wir daran zweifeln, dass Gott ein besonderes Wohlgefallen an der Demut hat? Jesus rief ein Kind herbei, liebkoste und küsste es. Wie glücklich ist derjenige, der durch die Demut ein Kind geworden ist. Wenn auch die Welt ihn geringschätzt und zurücksetzt, Jesus liebt ihn und überhäuft ihn mit seinen Gnaden, wie die Jungfrau Maria besonders wegen ihrer Demut so hoch erhob.

 

3. Schon in diesem Leben belohnt Gott die Tugend der Demut, am meisten aber im Himmel. Der Herr sagt: „Wer immer sich verdemütigt, wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ „Wenn jemand der Erste sein will, so sei er der Letzte von allen und der Diener aller.“ (Mk 9,34) So ist die Demut der Maßstab für die Größe im Himmelreich. Je kleiner wir in unseren Augen und in den Augen der Welt zu sein uns bemühen, desto größer werden wir sein vor Gott im Himmel. Möchten wir unserem Ehrgeiz die Richtung zum Himmel geben. Groß sein wollen im Himmel ist ein edler, heiliger Ehrgeiz, zu dem uns Christus selbst auffordert: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Das Mittel zu dieser Vollkommenheit liegt in unserer Hand: Je demütiger, desto größer. Handeln wir nach diesem Grundsatz, so kann ein guter Erfolg nicht ausbleiben. „Wahrlich, ich sage euch: wer sich also verdemütigt, wie dieses Kind, wird der Größte im Himmelreich sein.“ Gibt es auch in der Welt ein so untrügliches Mittel, um groß zu werden? Warum lieben fast alle die Eitelkeit und gehen Trugbildern nach? „Lernt von mir, ruft Jesus, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“ Ja, Herr, dir wollen wir folgen und uns in diesem Leben recht erniedrigen, damit wir einst erhöht werden. Amen.

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3. Dasein Gottes

 

Es ist auffällig, dass heilige Frauen und Männer, die im Glanz und geselligen Leben aufgewachsen sind, sich manchmal in eine öde, unwirtliche und einsame Gegend zurückzogen. Aber wenn diese Einsiedler auch den Umgang mit der Welt gänzlich mieden, so fühlten sie sich doch nicht vereinsamt, denn Gott war ihnen nahe und mit ihm verkehrten sie unaufhörlich in Gebet und Betrachtung. In unseren Tagen glauben sehr viele nicht an Gottes Dasein. Darum verstehen sie auch nichts vom innigen und vertrauten Verkehr einer liebenden Seele mit Gott. Gibt es einen Gott? Ja, es gibt einen Gott. Dies sagt uns die Natur, die göttliche Offenbarung und die Stimme des Gewissens.

 

1. Der heilige Augustin ruft begeistert aus: „Mein Gott, dich habe ich gesucht, um deinetwillen durchwanderte ich den Erdkreis. Die Erde habe ich gefragt, ob sie mein Gott nicht sei, und sie erwiderte mir: „O nein!“ und dieselbe Antwort gab mir alles, was sich auf Erden befindet. Ich fragte das Meer und die Abgründe und die lebenden Wesen, die da wohnen und sie antworteten mir: „Auch wir sind dein Gott nicht, suche ihn über uns.“ Ich fragte daher die Luft, und sie erwiderte samt allen ihren Bewohnern: „Du täuschst dich, mein Sohn. Auch ich bin dein Gott nicht.“ Ich fragte den Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne, und sie alle sprachen: „Wir sind dein Gott nicht.“ Und ich sprach zu diesen allen: „Ihr habt mir erklärt, dass ihr mein Gott nicht seid, so erzählt mir doch wenigstens etwas von ihm.“ Da riefen alle mit mächtiger Stimme: „Er hat uns gemacht.“ Der Kreaturen Antwort ist ein lautes Zeugnis für Gottes Dasein, denn alle rufen mir zu wie aus einem Mund: „Gott hat uns gemacht.“ Darum sagt der Apostel (Röm 1,20): „Das Unsichtbare von ihm, seine ewige Kraft und Gottheit, wird in den erschaffenen Dingen erkannt.“ (St. Aug. Solilg. 31) Ein Gottesleugner kam einst zu dem berühmten Astronomen Athanasius Kirchner, sah dort einen schönen Himmelsglobus, und fragte, wer ihn denn gemacht habe? Kirchner antwortete, es habe ihn niemand gemacht und er müsse von ungefähr dorthin gekommen sein. „Das ist ja lächerlich“, erwiderte der Ungläubige. Kirchner blickte ihn ernst an und sprach: „Sie wollen nicht glauben, dass dieser kleine und schlechte Körper von sich selbst entstanden sei? Wie können Sie glauben, dass das viel größere Original von sich selbst durch Zufall so geworden sei, wie wir es jetzt sehen und bewundern?“ Da war sein Freund von seiner Torheit überführt und bemühte sich von nun an, immer mehr zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. – Als man einst den heiligen Einsiedler Antonius fragte, wie er denn ohne Bücher in einer solchen Abgeschiedenheit leben könne, entgegnete er: „Mein Buch ist die ganze Natur, Himmel und Erde mit allen erschaffenen Dingen. Die ganze Schöpfung ist eine Schrift Gottes und ich kann täglich darin von der Weisheit, Güte und Allmacht Gottes lesen. Die Sterne des Firmaments, wie die Blumen des Feldes, zeigen mir Gott in seiner Majestät und Liebe.“ In der Tat: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände.“ (Psalm 18,2) „Frag nur die Tiere, und sie lehren es dich; und die Vögel des Himmels, und sie zeigen es dir an. Rede mit der Erde, und sie antwortet dir, und es erzählen es die Fische des Meeres. Wer weiß nicht, dass dies alles die Hand des Herrn getan hat?“ (Hiob 12,7-9)

 

2. Noch kräftiger, als die Natur, überzeugt uns die Offenbarung vom Dasein Gottes. „Nur der Tor spricht in seinem Herzen: es ist kein Gott.“ Jede Zeile der Heiligen Schrift sagt uns: es ist ein Gott. Durch die Offenbarung haben wir erst den rechten Weg zu Gott gefunden, auf dem wir mit dem Licht der Vernunft nie gelangt wären. Viktorinus, dessen Bekehrungsgeschichte uns der große Kirchenlehrer Augustinus in seinen Bekenntnissen erzählt, stand unter den Gelehrten des heidnischen Altertums in höchstem Ansehen. Er war hochgelehrt, in allen freien Künsten erfahren und hatte sehr viele Werke der Weltweisen gelesen, durchdacht und erläutert. Er war der Lehrer sehr vieler edler Ratsherren, seiner Verdienste wegen errichtete man ihm zu Rom sogar eine Ehrensäule, und dennoch war er bei allem dem ein Götzendiener. Wie kam es, dass dieser große Mann sich nicht schämte, in Christus ein Kind zu werden, seinen Nacken unter das niedrige Joch des Evangeliums zu beugen und die Schmach des Kreuzes an der Stirn zu tragen? Antwort: Er las die Heilige Schrift, durchforschte alle Schriften der Christen mit größtem Fleiß, und dann gestand er dem heiligen Simplician, aber noch nicht öffentlich, sondern nur heimlich und im Vertrauen: „Ich weiß nun, dass ein Gott ist, ich bin ein Christ.“ Er las weiter in der der Heiligen Schrift in frommer, heilsbegieriger Gesinnung, und siehe da, er fand die Stelle: „Wer mich bekennen wird vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem Vater, der im Himmel ist.“ Ohne Säumen und Furcht sprach er von nun an frei und offen, überall und allezeit seinen Glauben an den einen wahren Gott aus und bekannte sich freudig und standhaft zur heiligen Lehre des Christentums. – Die Kirche Gottes ehrt ihn unter der Zahl der Heiligen. – In eines jeden Menschen Gewissen ist es geschrieben: es gibt einen Gott. Soll der Tor allein Recht behalten, der sagt: es ist kein Gott? Was würde man von einem Kind sagen, das behauptete: ich habe keinen Vater und niemand hat mich aufgezogen? – wir beugen demütig unseren Nacken und sprechen: „Ich glaube an dich, o Gott. Stärke meinen Glauben.“ Amen.

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4. Dornenkrone

 

Gegenstände, die mit dem Leiden unseres Herrn in Verbindung standen, haben die Wechselfälle von zwanzig Jahrhunderten überstanden und werden in den verschiedensten Teilen der Welt verehrt. Rom besitzt, wie man es nicht anders erwartet, viele von ihnen. Aber Paris rühmt sich, einen der kostbarsten dieser Gegenstände zu besitzen, die Dornenkrone.

 

Im Evangelium wird uns berichtet, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus Christus in der Gerichtsverhandlung fragte: „Bist du der König der Juden?“ Der göttliche Gefangene antwortete ihm indirekt und versicherte ihm sanft, aber bestimmt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Diese merkwürdige Antwort überraschte den Landpfleger, der ihn nochmals frug, diesmal aber in drängenderer Weise: „Bist du also ein König?“ Nun antwortete Christus direkt, dass er ein König sei, und erklärte die Art seines Königtums im Einzelnen: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“

 

Nach menschlichem Urteil war diese Behauptung Christi unter solchen Umständen der Gipfel der Torheit. Der, den man als den Sohn eines Handwerkers kannte, hatte von sich behauptet, dass er eine ganz außerordentliche Aufgabe zu erfüllen habe. Zwar hatte er erhabene Wahrheiten gepredigt und viele wunderbare Dinge vollbracht, aber gerade deshalb hatte er sich den Zorn der Juden und den Verdacht der Römer zugezogen, und sogar noch jetzt in seiner jämmerlichen Lage als einsamer und verlassener Gefangener fuhr er fort, seinen Königstitel zu verteidigen. Dies brachte seine römischen Wächter auf eine besondere Art der Verspottung. Sie schleppten ihn in ihre Kaserne und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Dann warfen sie einen zerrissenen purpurnen Mantel um seine Schultern, gaben ihm ein hohles Schilfrohr in die Hand, flochten von dicken, scharfen Dornen eine Krone und pressten sie ihm aufs Haupt. Als er so mit Königsgewand, Zepter und Krone versehen war, schritten sie einzeln an ihm vorüber, beugten unter lautem Spottgelächter ihre Knie vor ihm und riefen: „Sei gegrüßt, du König der Juden!“ Hierauf schlugen sie ihm ins Gesicht.

 

Nach der Auferstehung unseres Herrn sammelten seine Freunde in liebender Weise alle Gegenstände, die mit seinem Leiden und seinem Tod zu tun gehabt hatten. Die ersten drei Jahrhunderte wurden diese Gegenstände ängstlich von der Christengemeinde in Jerusalem behütet. Obwohl viele der frühen Schriftsteller die Dornenkrone nicht erwähnen, haben wir doch eine Kette von Zeugen, die uns verlässlich über sie berichten. Der heilige Paulinus von Nola (gest. 431) erwähnt sie in einem um das Jahr 400 geschriebenen Brief. Nach 500 werden die Zeugen zahlreicher. Der heilige Germanus von Autun (gest. 576) sagt, er habe auf einer Pilgerreise nach Jerusalem einen der Dornen von Kaiser Justinian als Geschenk erhalten. Der heilige Gregor von Tours (gest. 594) erzählt uns, dass die Dornen an verschiedenen Orten den Gläubigen zur Verehrung gezeigt wurden und dass man manchmal beobachtete, dass sie zu sprossen anfingen. Aus diesem Zeugnis kann man entnehmen, dass einige der Dornen um diese Zeit bereits losgelöst waren. 798 oder 802 sandte Kaiserin Irene Karl dem Großen mehrere Dornen, welche dieser dem Dom von Aachen schenkte. Als Papst Leo XIII. diese Kirche einweihte, wurden unter den Reliquienschätzen acht Dornen aufgeführt. Einige dieser Dornen wurden in der Folgezeit an die Herrscher verschiedener Länder verschenkt.

 

Die ursprüngliche Krone blieb in der Kalvarienbergkapelle bis 614, wo sie von den Persern, die in jenem Jahr Jerusalem eroberten, weggeschleppt wurde. Einige Zeit nachher wurde sie wieder zurückgegeben, und der Patriarch, der heilige Sophronius, der im Jahr 630 die heilige Stadt besuchte, berichtet, dass er die Krone zusammen mit anderen Reliquien dort sah. Sein Zeugnis wird durch den heiligen Johannes von Damaskus (gest. zwischen 754 und 787) bestätigt. In den folgenden 4 Jahrhunderten war Jerusalem im ungestörten Besitz des heiligen Schatzes. Im Jahr 1063 wurde die Dornenkrone nach Konstantinopel verbracht und in der Kapelle des kaiserlichen Palastes aufbewahrt. So lesen wir in einem Brief des Kaisers Alexius I. an Robert von Flandern im Jahr 1101. Als die Kreuzfahrer im Jahr 1204 Jerusalem einnahmen, fanden sie die Krone in dieser Kapelle, und Kaiser Balduin I. sandte einen der Dornen an König Philipp August von Frankreich. Als sein Nachfolger Balduin II. in große Geldverlegenheit kam, verpfändete er die kostbare Reliquie an die Republik Venedig, bot sie aber danach König Ludwig IX. von Frankreich an, um dafür Unterstützung für sein verfallendes Kaiserreich zu erlangen. König Ludwig kaufte die Krone um die gewaltige Summe von 160.000 Franc (ungefähr 4 Millionen Franc nach moderner Währung vor dem Euro) und ordnete ihre Verbringung nach Paris durch Dominikanermönche an. Unter den mit dieser heiligen Aufgabe betrauten Mönchen befand sich der selige Bartholomäus von Breganz, der einen der Dornen erhielt, für den er eine besondere Kapelle in Vicenza errichten ließ. Dort wird dieser heute noch fromm verehrt. Als die Prozession mit der Dornenkrone Villeneuve erreichte, ging ihr der König mit großem Gefolge entgegen und begleitete sie nach Paris hinein, wo die gesamte Einwohnerschaft sie begrüßte. Welch farbenprächtiges Bild muss es gewesen sein, den heiligmäßigen Monarchen zu sehen, wie er barfuß an der Spitze der Prozession dahinschritt und auf einem Kissen die Krone seines göttlichen Meisters trug!

 

Die Dornenkrone wurde vorübergehend in der St.-Nikolaus-Kapelle der Kathedrale von Notre Dame aufbewahrt, während der König den berühmten Baumeister Pierre de Montereau beauftragte, innerhalb seines Palastes – der später der Justizpalast wurde – eine Kapelle zu errichten, die würdig sei, diese Krone aufzunehmen. In ein paar Jahren wurde diese heilige Kapelle, die „Sainte Chapelle“, wie sie heute noch genannt wird, fertiggestellt. Der herrliche Bau gilt als eine vollkommene Perle der Gotik. Die Kapelle hatte eine wechselnde Geschichte in den einzelnen Jahrhunderten, besonders während der verschiedenen Revolutionen. Von 1249 bis 1791, als die Krone ununterbrochen dort aufbewahrt wurde, war sie der Mittelpunkt großer Frömmigkeit und Verehrung. Als Störungen der öffentlichen Ruhe zu befürchten waren, ordnete König Ludwig XVI. im Jahr 1791 die Verbringung der Krone in die Abtei St. Denis an. Zwei Jahre später vergriffen sich die Revolutionäre an der Krone und gaben sie nach Einschmelzung des kostbaren Schreines einem der Ihrigen zur Verwahrung, wobei sie sie spottend als „Mittel zur Aufrechterhaltung des Aberglaubens“ bezeichneten.

 

Während der ersten Jahre der Revolution ging sie durch viele Hände und kam schließlich in die Nationalbibliothek, wo sie, in drei Stücke zerbrochen, bis 1795 lag, als Abbé Cotterel in den Besitz eines der Stücke kam. Zehn Jahre später sicherte sich Herr von Astros die anderen Stücke, und man stellte die Krone wieder her. Ein von Kardinal de Belloy eingesetzter Ausschuss bestätigte ihre Echtheit, und im Jahr 1806 wurde sie wieder zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt. Im August dieses Jahres verließ sie zum letzten Mal die Sainte Chapelle und wurde in feierlicher Prozession nach Notre Dame verbracht, wo sie bis zum heutigen Tag ruht. Kaiser Napoleon I. ließ einen kostbaren Reliquienschrein für sie herstellen. Ein anderer Reliquienschrein wurde 1896 aus Bergkristall und mit Edelsteinen besetztem Silber verfertigt.

 

Die weitere Geschichte der Sainte Chapelle ist nicht ohne Interesse. Von den Revolutionären im Jahr 1791 verweltlicht, wurde sie zuerst als Klub, dann als Kornspeicher, noch viele Jahre nachher als sicherer Aufbewahrungsort für Gerichtsakten verwendet. Im Jahr 1837 beschloss König Louis Philippe, sie wieder in ihrer früheren Pracht erstehen zu lassen, und zog dazu die geschicktesten Handwerker heran. Die Aufwendungen betrugen etwa 2 Millionen Franc. Während der Orgien der Communards im Jahr 1871 blieb sie wie durch ein Wunder erhalten, während alle Gebäude rings um sie in Flammen aufgingen. Fast all ihrer religiösen Bedeutung entkleidet, ist die Kapelle heute ein Nationaldenkmal. Wie sie so inmitten des Betriebes des Gerichtsgebäudes steht, erhebt sie ihr Haupt noch gegen Himmel und ist eine traurige, aber ergreifende Erinnerung an die Tage, als der Glaube in Frankreich noch lebendig und stark war. 

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