Inhalt:

 

1. Grabschriften

2. Gottesdienst

3. Geistliche Werke der Barmherzigkeit

4. Gott allein

5. Gewissen

6. Geiz

7. Gotteshaus

8. Gottes Gericht

9. Gaben des Heiligen Geistes

10. Gefängnis

11. Gregor der Große

12. Gewänder des Priesters

13. Güte

14. Grab

15. Glaubenszweifel

16. Götzendienst

17. Gericht

18. Geisterglaube (Spiritismus)

19. Gräueltaten der Calvinisten und Geusen

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1. Grabschriften

 

Die Grabschriften spiegeln in großer Vielfältigkeit und sich verändernder Gestaltung die Anschauungs-, Denk- und Gefühlsweise der Menschen innerhalb eines ziemlich großen Zeitraumes wieder. Sie sind eine wahre Fundgrube für die Beurteilung des jeweiligen Volkscharakters.

 

Gerade die Alpenregionen mit ihren etwas zum Mystizismus neigenden Bewohnern sind reich an derartigen Denkmalen, so dass es sich sicher lohnt, einen Blick hinein zu tun.

 

Der Inhalt der Grabschriften ist entweder allgemeiner Natur und behandelt in allen nur denkbaren Spielarten das Kapitel von Tod und Ewigkeit, daneben Schmerz über den Verlust teurer Angehöriger mit der Hoffnung auf Wiedersehen im Himmel bei Gott. Manche dieser Verse sind von einer unerwarteten Tiefe und Innigkeit. Manchmal kommt auch eine Ursprünglichkeit der Auffassung zum Durchbruch, die uns sogar schmunzeln lässt. Dies trifft besonders bei den Grabschriften zu, die den Stand des Verstorbenen, seinen Beruf oder seine Todesart zum Inhalt haben.

 

Eine ganz eigene Art von Denkzeichen Verstorbener sind die sogenannten „Leichen- oder Totenbretter“. In früheren Zeiten waren es die wirklichen „Rechbretter“ (Von Re = Leiche), auf denen die Leichen im Haus aufgebahrt waren und die dann, mit Namenszug des Verstorbenen und Jahreszahl versehen, an häufig begangenen Wegen, besonders Kirchwegen, aufgestellt oder sogar auf dem Weg niedergelegt wurden. Später waren es meistens nachträglich vom Schreiner gemachte Bretter von einfacher Form, auf denen Bilder und Kreuze mit Inschriften gemalt sind.

 

Weitere Grabschriften finden wir in den sogenannten Totenkapellen und Totenrasten. Totenrasten sind kleinere Kapellen außerhalb des Ortes, die den Leichen, die von den weit entfernten Berghöfen herabgeschafft werden, als zeitweilige Ruhestätte dienen, bis sie der Ortsgeistliche zur Bestattung auf dem Dorffriedhof abholt. An den Wänden hat gläubiger Sinn und Pietät verschiedene Erinnerungstafeln an die Verstorbenen aufgehängt, die fast immer ähnlich den Grabkreuzen mit passenden Versen und Sprüchen versehen sind. Meist finden auch hier sogenannte Armeseelentafeln ihre Heimstätte, kleine Bilder, die oft nackte Gestalten mit flehenden Gesten und Mienen und zum Himmel erhobenen Händen darstellen, während unten züngelnde Flammen eine drastische Darstellung ihrer „heißen Pein“ im Fegfeuer geben. Die Verse dabei schildern die Qual dieser „abgestorbenen Büßer“. Dabei appellieren diese Bilder in rührender eindringlichster Weise an das Mitleid der Vorübergehenden um ein Vaterunser oder Ave Maria.

 

Eine weitere Art der Erinnerungspoesie bilden schließlich die Inschriften auf Votivtafeln, Bildstöckeln und Feldkreuzen. Sie haben oft Lebenswahrheiten zum Inhalt und Erinnerungszeichen an wunderbare Rettungen aus Lebensgefahr oder an sonstige Hilfe im Unglück, die dankbarer Sinn zur Erbauung der Mitwelt am Tatort oder in Wallfahrtskirchen aufgehängt hat. Gewöhnlich erläutert ein Bild die Verse, die oft in bemerkenswerter Anschaulichkeit und Kürze den Fall erzählen. Einfacher dagegen sind die Sprüche und Reime auf Bildstöckeln und Feldkreuzen, beeindrucken aber oft durch Innigkeit und Gemütstiefe und durch rührende Herzenseinfalt.

 

Verwandt mit den Votivtafeln sind die sogenannten Marterlen. Unter „Marter“ schlechthin versteht man jedes gemauerte oder hölzerne Denkzeichen am Weg, sei es eine kleine Stationenkapelle oder eine Bildsäule mit Christus am Marterpfahl oder ein Denkzeichen an irgendein trauriges Ereignis. Im engeren Sinn bezeichnet jedoch besonders die Verkleinerungsform „Marterl“ ein Täfelchen, das zum Andenken an einen hier stattgefundenen Unglücksfall errichtet wurde und gewöhnlich mit haarsträubendem Bild und Text den traurigen Fall darstellt. Solche „Marterln“ sind im ganzen Alpengebiet zu finden und geben einen reichhaltigen Überblick über die Gefahren, denen der Mensch durch die Naturgewalten und bei seiner Berufsarbeit ausgesetzt ist.

 

 

Des Menschen Tod ist unbestimmt

Wie alles hier auf Erden;

Wenn Gott der Herr die Seele nimmt,

Kann nicht ermittelt werden.

Drum zittre, Mensch, und sei bereit,

Denn nachher kommt die Ewigkeit.

 

(Kufstein)

 

 

Das Sterben ist schon eine alte Sache,

Noch keinen hat der Tod verschont,

Dem Laster folget Gottes Rache,

Die Tugend nur wird dort belohnt.

Drum macht´s dem Sünder tausend Sorgen,

Der täglich sich vorm Tode scheut,

Dem Frommen macht er frohe Morgen,

Der täglich auf den Tod sich freut.

 

(Axams)

 

 

Hier lieg ich im Rosengarten

Und thu auf Vater und Mutter warten.

(Kindergrab in Lungau)

 

 

Im Rosengarten

Will ich auf meine Eltern warten,

Für sie beten alle Zeit

Wie der Kinder Schuldigkeit.

 

(Kindergrab im Ötztal)

 

 

Der bösen Welt, der bösen Zeit

Bin ich Gottlob davon geeilt,

Ich sterb in Jesu, es ist vollbracht,

Und wünsch der Welt ein gute Nacht.

 

(Kindergrab in Brixen)

 

 

Mein Leiblein liegt im Grab,

Die Seele ist bei Gott,

Die Freuden, die ich hab,

Sind unaussprechlich groß.

 

(Kirchberg im Brixental)

 

 

Wenn junge Himmelserben

In ihrer Unschuld sterben,

So büßt man sie nicht ein;

Sie werden vom Vater oben

Im Himmel aufgehoben

Und nicht verlassen sein.

 

(Ötztal 1875)

 

 

Mein Kind das war ein Rosenknopf (Knospe),

Wollt eine Rosen werden,

Da kam der Tod und roch daran,

Da wars nicht mehr auf Erden.

 

(Leichenbret im bayerischen Wald)

 

 

Frühverwelkte Blümlein blühen dort

Schöner nun im Himmelsgarten fort,

Und vergeßt, verklärt im ew´gen Licht,

Eure Eltern und Geschwister nicht.

Reichet kindlich ihnen eure Hand,

Zieht auch sie zu euch ins Himmelsland.

 

(Pillersee)

 

 

Ich liege jetzt im Rosengarten

Und muß auf meine Eltern warten;

Ich liege hier als ein ledig Kind (uneheliches Kind),

Weil ich auf der Welt verachtet bin,

Aber dort im Himmelreich

Dort sind wir alle gleich.

 

(Kirchberg im Brixental 1870)

 

 

Kaum hat mein Leben angefangen,

Fallen schon die Blätter ab,

Kaum bin ich in die Welt eingegangen,

Trägt man mich schon zu Grab.

 

(Kirchberg im Brixental)

 

 

Meine Eltern schücken mich in ew´gen Rosengarten,

Wo ich zuerst soll auf meine Freunschaft (Verwandtschaft) warten,

Bis der Posaunen Thon uns rufen wird mit Nam,

Dann führ uns Gott freudenvoll ewig bei ihm zusam.

Was Knospe war auf Erden

Läßt Gott dort Blume werden.

 

(Friesach Kärnten)

 

 

Stolzes Mechten (Mädchen) o beschaue

Hier in diesem Spiegel dich,

Nicht zu viel auf Schönheit baue,

Du zerfällst einst sicherlich.

 

(Lanersbach in Dux)

 

 

Hier liege ich und muss verwesen; -

Was du jetzt bist, das bin ich einst gewesen,

Und was ich bin, wirst du einst sein,

Stehe still und bet` um mein!

 

 

Was Gott thut das ist wohlgethan,

Greift es uns auch schmerzlich an;

Dulden ist der Menschen Pflicht,

Drum, o Kind, nimm zur Ruh

Unsern Segen noch dazu,

Ewig trennt der Tod uns nicht.

 

(Eben)

 

 

Zu gut war er für diese Pilgerwelt,

Drum eilte er zum Thor der Engel,

Sanft verwelkend, wie vom zarten Stengel

In der Sense Schwung ein Blümchen fällt.

 

(Lienz im Pustertal)

 

 

Lieber Vater und Geschwister

Lebet wol hier noch einmal;

Hier in diesem Weltgezitter

Seh`n wir uns das letztemal.

Spiegelt Euch an meiner Leiche,

Denkt, es dauert nur eine kurze Zeit,

Sind wir auch im Todenreiche

Selbst ein Kind der Ewigkeit.

Und wenn Euch schwere Leiden quälen,

Nehmt sie nur geduldig an,

Denkt wie viele fromme Seelen

Flechten sich die Marterkron`.

 

(Navis)

 

 

Alhier Ruhet in Gottes Hand

Maria Magdalena Mainachtin hab ich mich genannt,

ich kam nicht in die Welt zu sähen,

ob es hier wie in Himmel Thut zugehen,

ich ruhe hier in Gottes reich

und will bitten fihr meine Eltern und fihr Euch,

fihr meine gottel (Taufpatin), die euch bekannt,

und fihr`s ganze Vaterlant.

geb. am 21./4.1804 gest. am 22./4.1804.

 

(Am Lueg, alte Kirche vor dem Brenner)

 

 

Hier ruht die selige N.N.

Und thut in diesem Rosengarten

Auf Ihre Eltern warten,

Nicht auf Ihre Eltern allein,

Auch auf die ganze Pfarr-G`mein.

 

(Marein bei Neumarkt)

 

 

Unvermuthet und ungefähr

Kommt der kalte Tod daher,

Und streicht (dich) mit seinem Sensenschnit

In schönster Blüth zum Grabe mit.

 

(Ötztal)

 

 

Siehst du hier wol einen Unterschied

Ob arm ob reich?

Der Tod macht`s gleich,

Heut rot,

Morgen todt.

 

(Tannheim bei Grühn)

 

 

Hier liegt begraben die ehrsame Jungfrau N.N.

Gestorben ist sie im siebzehnten Jahr

Just als sie zu brauchen war.

 

(Oberinthal)

 

 

O Jugend fleh` bei Anna`s Grabe still

Und horch, was ich dir sagen will:

Ich warne dich, bau` nicht auf deine Kraft,

Ich war wie du in schönster Blüh` und Saft,

Ein Baum zerstört mein junges Leben

Und hat durch seinen Fall mir den Tod gegeben.

Drum habe Gott vor Augen, flieh` die Sünde,

Damit der Tod dich gutzubereitet finde.

 

(Hall)

 

 

In einem Beinhaus Oberbayerns sind drei Totenköpfe gemalt.

Darunter steht:

 

Kannst du raten, wer unter diesen drei

Edelmann, Bürger und Bauer sei?

 

 

Einem Küster zu Wiesing (Tirol) wurde folgender Nachruf gewidmet:

 

Hier liegt der Meßner Krug,

der Kinder, Weib und Orgel schlug.

 

 

Auf dem Grab eines Bierbrauers zu München aber liest man:

 

Hier liegt Herr Bartholomäus Mayer,

In seinem Lenen war er ein Bräuer;

Gott nahm sein Leben, er schuf es,

Er starb als Opfer seines Berufes.

 

 

Zu Prien am Chiemsee steht auf dem Grab eines wackeren Soldaten:

 

Hier ruht Herr Joseph Schinabeck,

Im Frieden sanft, im Kriege keck;

Ein Engel war er auf Erden schon

Und G`freiter im 6. Jägerbataillon.

 

 

Eine Grabinschrift in Wien lautet:

 

Hier ruht Frau Anna Wunibald,

War 67 Jahre alt;

Sie lebte in Tugend und Zucht

Und starb an der Wassersucht.

 

 

Bei Ulm findet sich an einer Unglücksstelle ein Kreuz mit der Inschrift:

 

Brucka ganga, Brucka brocha,

Abigfalla, nau versoffa!

 

 

In Brixen trägt ein Grabstein die Inschrift:

 

Im Leben rot wie Zinnober,

Im Tode wie Kreide so bleich,

Gestorben am 12. Oktober,

Am 14. war die Leich!

 

 

Die Grabschrift eines Kindes in Eschalkam (bayr. Wald) aber lautet:

 

Hier ruht das junge Öchselein,

Vom alten Ochs das Söhnelein;

Der liebe Gott hat nicht gewollt,

Daß er ein Ochse werden sollt`.

Der Vater Ochs hat mit Bedacht

Den Vers und Grabstein selbst gemacht.

 

 

Eine Grabschrift im Bayrischen Wald schildert in anschaulicher Klarheit den Todesfall:

 

Hier ruht Theresia Pfeil,

Sie starb in aller Eil`;

Von Heustocks Höh fiel sie herab

Und fiel in eine Gabel;

Zum großen Lamentabel

Fand sie darin ihr Grab.

 

 

Der Unfall eines Mannes zu Zirl in Tirol wird in lakonischer Kürze dargestellt:

 

Hier fiel Jakob Hosenknopf vom Hausdach in die Ewigkeit.

 

 

Eine Inschrift aus dem Salzkammergut:

 

Hier liegt Herr Johann Gottfried Lamm.

Er starb durch einen Sturz vom Damm,

Eigentlich heißet er Leim,

Aber es geht nicht wegen dem Reim.

 

 

Hier lieg ich Blum darnieder

In schönster Blüth schon welch (welk),

Hab aber nichts darwider,

Weils Gott ist sein Befelch (Befehl).

 

(Jerzens im Pitztal)

 

 

Gatte, Kinder weinet nicht,

ich hab ausgelitten.

Sterben das ist Menschenpflicht,

ach da hilfts kein Bitten!

Lebet wohl, beim Aufersteen

werden wir uns wiedersehen.

 

(Leichenbret im bayr. Wald)

 

 

Hier ruhet die ehr- und tugensame

Jungfrau Rosina Baumgartner.

Liebe Rosina!

Wie so manche Nacht

Haben wir mitsammen zugebracht,

Bis der liebe Heiland kam

Und dich wieder zu sich nahm.

(Tulfes bei Rinn)

 

 

Im letzten Jahr da starb mein Mann,

Wie that ich ihn bewein`

Und jetz ach starb mein einzigs Kind -

Nun bin ich ganz allein!

 

(Leichenbret im bayrischen Wald)

 

 

Denket meiner im Gebet,

sprecht an meiner Grabesstätt:

Mutter ruh` in Frieden hier,

und der Himmel leuchte dir.

 

(Leichenbret im bayr. Wald)

 

 

Bei Bludenz mordeten sie ihren Mann

Und dieser Schlag erschlug auch sie,

Was eine Sterbliche nur leiden kann

Litt die Verklärte und verzieh.

 

(Innsbruck

Grabstein der Witwe des Oberamtsrathes v. Franzin, den die Bauern im Kriegsjahre 1796 zu Bludenz unschuldig ermordeten.)

 

 

Du unerbittlig grausamer Tot

Was machst du uns vir Schmertz und Not.

Ach könnten wir ganz in Schmerz zerfließen

Die gute Mutter hast du uns entrißen.

Da sank, die uns so liebete hinab

Auf ewig in das kille Grab.

 

(Leichenbret im bayr. Wald)

 

 

Ach es thaurt nur kurze Zeit,

Du wirst auch dein Leben schließen,

Dann bin ich jede Stund bereit,

Dich aufs neue zu begrüßen.

 

(Schluss eines Dialoges zwischen der gestorbenen Gattin und dem lebenden Gatten.)

 

 

Hier liegt in Gottes Handen,

Der 95 Jahr gestanden;

Ein Ehrer Mariä u. Gottes zusamm

Ließe allda sein Namen u. Stamm

Der hochwolgeborne Christ Joseph Mayrhofer von Koburg u. Anger gestorben zu Innsbruck den 16. Aug. 1775.

 

(Gufidaun, Eisaktal)

 

 

Gott erheb auf Hoffnungs Schwingen

Uns im Geist zu deinen Höhn,

Bis auch wir das Ziel erringen

Und die Theure wiedersehn.

 

(Pinzgau 1872 - Leichenbret an einem Stadel)

 

 

Höre, der das lest

Frage nit wer ich gewest.

Hab zwai geborn In Das Leben

Aber Das VerLoren, was ICh geben,

EIn große SIInDerIn.

Doch denk an mich

Und ich an dich

Hie zeitlich und dort ewiglich.

 

(Zwei vom Wind entblätterte Rosen; darunter auf einem Band: perij dum peperi; 1711; Stadtpfarrkirche zu Wels; Chronogramm)

 

 

Gott, welche Trauer!

Achtundachtzig in Einem Grab!

 

(Obergesselen, Schweiz, Grabschrift der am 18. Februar 1720 durch eine Schlaglawine Verschütteten)

 

 

Unter diesem Stein

Liegen die Gebein

Einer Mutter, die ihr Leben

Für das Kind hat hergegeben.

Es liegt nemblich hierin

Frau Margaretha Fischerin

Geborne Wengerin,

Geweste Pflegerin,

Der Freiherrschaft Landskron,

Gott ewig ihrer Seel verschon.

 

(St. Ruprecht bei Villach)

 

 

Jos. Ant. Lachberger Bürgermeister + 1763.

. . . . . . . am Schluss:

Seine tugendvolle Gemalin Susanna Regina eine geborne Baumannin, vormals verwittwete Stengelin, mit welcher ihme Gott in ihrem 39 jährigen Hausstand 20 Kinder geschenkt, hat den 15. Juni 1780 und im 79. Jahr ihres Alters angefangen ihme in der glücklichen Ewigkeit neuerdings Gesellschaft zu leisten.

 

(Wels (Aussenwand der Kirche, Gegend des Hochaltars)

 

 

Traget mich zu meinem Grabe

In den sichern Ruheport,

Den ich längst gewünschet habe,

Traget mich nun eilenz fort.

Vielmals hab ich meine Glieder

Zu der Arbeit ausgestreckt,

Nun leg ich mich fröhlich nieder,

Bis mich einst mein Jesus weckt.

 

(86 Jahre alte ehrsame Radegund Regensburger von Umhausen 1874 - Ötz)

 

 

Allzufrüh den Seinigen mähte der Herr den Lebensstengel dieses Mannes ab.

 

(Axams)

 

 

Geliebter Mann, du siehst

Die Zeit zum Scheiden ist vorhanden,

Drum lebe wohl, ich bin befreit

Von meinen schweren Banden.

Sei Vater für die Weislein,

Pflanz ihnen Tugend ein,

Ich werde auch nicht minder

Mutter in den Himmel sein.

 

(Ötz, 1874)

 

 

Hin geht die Zeit, her kommt der Tod

Mensch gedenk, thu recht und fürchte Gott.

 

(Buschelsdorf in der Steiermark

Grabstein des Pfarrers Golly, gest. am 29. Juli 1578)

 

 

Mein Mutter und Kinder muß ich verlassen,

Weil ich sie nicht mehr sehen kann;

Ich werde reisen die Himmelsstraßen

Dort bekomm ich meinen Lohn.

Ja es muß ein jeder sterben

Wie die Blume auf dem Feld,

Er mag sein arm oder reich,

Dort bei Gott sind alle gleich.

 

(Fügen)

 

 

Gleichwie jede Pluem auch einst muß fallen ab,

So wird eine jede Menschengestalt wie ich im Grab.

 

(Lauersbach in Dux)

 

 

Hier ligt Katharina Geizkoflerin,

hat zehn Kinder geboren,

die haben ihre Mutter zu früh verlohren.

den Suinen (den Ihrigen) viel Gutes geton,

dafür geb ihr Gott den ewige Lohn,

das wünscht Wilhelm Hohenhauser ihr Ehemon. 1619.

 

(Untermais b. Meran)

 

 

Kein Zeit, Ort ist uns bekannt,

Wo sieh das Leben endet

Die gerechte Gotteshand

Hat uns den Tod gesendet.

Wir schlafen alle sanft,

Bis spät um Mitternacht

Wo mir im Hauß vermurrt

Und nimmermehr erwacht.

 

Ein Vater und sein Weib,

3 Kinder auch darzu

Deckt nun den 2. August

Im Hauß die Muhre (Erdlawine) zu.

Der Tod kommt unverhofft

Bey dunkler Nacht herein,

Sie werden alle beysamm

Jetzt in den Himmel sein.

 

(Ötz - 1851)

 

 

Das ist eine harte Reis,

Wenn man den rechten Weg nicht weiß;

Frag die drei heiligen Leut,

(Jesus, Maria und Joseph)

Die zeigen dir den Weg zur Ewigkeit.

 

(Häufiger Friedhofvers, bes. im Unterinntal)

 

 

Sie litten vieles hier auf Erden

Doch das thut noth zum selig werden

Denn wer dafür nicht leiden will

Der schweige nur vom Himmel still.

 

(Wildermieming)

 

 

O Vatter wir vergessen nie

Dein Leben, deine Müh.

 

(Buchboden Friedhof)

 

 

Was Job über die Menschen hat geschrieben

Ist in der That nicht übertrieben,

Der Mensch vom Weibe kömmt,

Ist arg mit Elend überschwemmt,

Er weilet hier nur kurze Zeit

Und wandert dann in die Ewigkeit.

 

(Inzing)

 

 

Alle Menschen sind mir gleich,

Sind sie arm oder reich,

Jung oder Alt

Alle bekommen meine Gestalt.

 

(Lanersbach)

(Der Tod, die Sense in der Hand, stützt nachdenkend die Hand auf einen Stein, worauf eine Kerze verlöscht.)

 

 

Das längste Ziel von Lebenstagen

Ist siebenzig bis 80 Jahr,

Ein Inbegriff von tausend Plagen,

Auch wenn es noch so glücklich war.

Geflügelt eilt mit uns die Zeit

Zu einer langen Ewigkeit.

 

(Ötz - Grab eines 80 jähr. Bauern)

 

 

Ob die ganze Welt dich nennt,

Oder blos dein Nachbar kennt,

Ob du arm bist oder reich,

Ob du roth bist oder bleich,

Dieses ist zuletzt ganz gleich.

Jeder Mensch auf Erden

Muß zu Staube werden.

 

(Leichenbret im Bayr. Wald)

 

 

Du Freund es wird dein Ende kommen,

Doch weißt du nicht wo, wann und wie,

Vielleicht wirst du der Welt entnommen

Heut Abend oder morgen früh,

Vielleicht ist auch dein Ziel bestimmt

Eh diese Stund ein Ende nimmt.

 

(Leichenbret in Pinzgau)

 

 

Szepter Kron und Bauernkappen

Thut man hier zusammenpappen.

 

(Über dem Friedhofseingang in Jerzens - Pitztal)

 

 

Ich lieg im Grab und muß verwesen

Was du jetzt bist, bin ich gewesen!

Was ich jetzt bin, das wirst auch du! -

Drumm fleh und bett für meine Ruh.

 

(Leichenbret im bayr. Wald)

 

 

Du hast vollbracht; in deine Kammer

Dringt keine Lebensplage mehr,

Es bleibt zurück der stille Jammer

Und Gottes Frieden weht umher.

Geendet ist der Pilgerpfad

Wohl dem der überwunden hat.

 

(Vorarlberg, Viktorsberg außen a. d. Kirche)

 

 

Wolfgang Wisenecker war er genannt,

An allen Orten wohlbekannt.

Geboren in der Grafschaft Tyrol,

Kärnthen hat ihn erzogen wohl.

Im Ertzstift hat er bezahlt

Die Schuld der Natur, als er war alt

70 und 1 Jahr fürwahr.

Hat Wirthschaft gehalten 25 Jahr

An den Tauern mit Treu und Fleiß,

Daraus ihm ward Lob, Ehr und Preis.

Den letzten December er allda begraben war

Nach Christi Geburth im 1582 Jahr.

 

(Friedhof auf dem Radstädter Tauern)

 

 

O Gott was wird das werden

Wenn Erden in Erden gelegt wird werden?

Und Erden mit Erden bedeckt wird werden?

Und hat Erden auf Erden nichts guts gethan

Wie wird vor Gott d Erden bestehen als dann?

 

(Stuhlfelden in Oberpinzgau)

 

 

Hier lieg ich im kühlen Grab

Wen kümmert das?

Ich werd schon aufstehn, wenns mich freut,

Zur ewigen Glückseligkeit.

 

(Pinzgau - Jägergrab)

 

 

Was die Erde gab, begehrt sie wieder

Und was Staub gewesen, wird zu Staub,

Doch die Seele stieg vom Himmel nieder

Wohl der Gottheit, keines Todes Raub.

Unsere Thränen fallen auf den HügelDer geliebte Ueberreste deckt,

Doch des Glaubens goldbeschwingter Flügel

Trägt uns aufwärts, wo kein Grab mehr schreckt.

 

(Velden - Kärnten)

 

 

Gehe nit vorüber

Bett für mich,

Thue meiner doch gedenkhen

Mit Weichwasser spreng auch Mich und dich,

Den Ablaß thue mir schenken.

 

(1698 - Hall)

 

 

Hör lieber Christ geh nicht vorbei,

Bett mir 1 Vater Unser oder auch 2

Bedenke, es vergelts dirs Gott!

Dieß ist an dich mein letzt Geboth.

Und zum Schluß, gieb ich dir den Gruß:

Gelobt sei Jesus Christus.

 

(Leichenbret im bayr. Wald)

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2. Gottesdienst

 

Der kirchliche Gottesdienst

 

Wer ist nicht schon an einem Sommertag durch einen schönen Wald gewandert. Wie ist es da so feierlich still ringsum, als ob sich alles zum Gottesdienst bereitet hätte. Ernst streben die mächtigen Baumstämme nach oben und breiten weit ihre dunklen, schweren Äste aus. Über den Wipfeln der Bäume brütet die Sonne, und wo das grüne Laubgewölbe sich öffnet, schaut der Himmel mit seinem großen, blauen Auge herein. Von einem Baum zum anderen winden sich Schlinggewächse und schaukeln im sanften Luftzug und am Boden blühen bescheiden und doch so duftig und frisch Moose und Blumen aller Art – eine ganz kleine Welt für sich.

 

Einem prächtigen Wald, dessen Wipfel nie den Blätterschmuck abwerfen und stets in ewiger Schönheit sich verjüngen, kann man unsere heilige Kirche vergleichen. Die Säulen und Stämme dieses Waldes stellen die großen kirchlichen Andachtsübungen dar, während wir all die Zeremonien, mit denen sie ihren Gottesdienst umgibt, das kleinere junge Volk der Blumen und der übrigen Pflanzen nennen dürfen, die sich am Fuß der Waldriesen in immer neuem Wechsel entfalten, die Strenge und Eintönigkeit unterbrechen und das entzückendste Allerlei in die Waldeinsamkeit hineinzaubern.

 

An diesen reichen Zeremonien unserer heiligen Kirche haben Andersgläubige und auch manche oberflächliche Katholiken schon oft Anstoß genommen. Sie werfen uns vor, wir gehen ganz auf in leerem Formelkram und vernachlässigen darüber das, was doch eigentlich vor Gott allein Wert hat: den inneren Geist. Auch Christus der Herr habe einst den Juden Vorwürfe gemacht wegen ihrer Äußerlichkeiten und gesagt, man solle Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. – Wer sich auch nur einigermaßen in der Heiligen Schrift auskennt, weiß, was der Heiland mit seinem Tadel wollte. Nicht die Zeremonien selbst erregten seinen Unwillen, denn sie waren ja von seinem himmlischen Vater angeordnet, sondern nur die Art und Weise, wie die Israeliten sie beobachteten. Sie erfüllten die Gebräuche ihrer Religion nämlich mit ängstlicher Genauigkeit, ohne sich viel um die weit wichtigeren Gebote der Nächstenliebe zu kümmern. Ja, während sie um keinen Preis sich die Unterlassung einer Waschung oder einer anderen ähnlichen Vorschrift hätten zuschulden kommen lassen, machten sie sich kein Gewissen daraus, Witwen und Waisen zu berauben oder ihre Mitmenschen zu bedrücken. Gegen solche Auffassungen sprach der Erlöser sein gerechtes Missfallen aus und er würde es ebenso noch gegen jeden Christen äußern, der glaubte, er dürfe ungestraft ein lasterhaftes Leben führen, wenn er nur den Schein der Frömmigkeit und Heiligkeit wahre.

 

Im Gegenteil sollen die Zeremonien, deren wir uns beim Gebet bedienen, wie das heilige Kreuzzeichen, das Verneigen des Hauptes usw. gerade unsere Herzensgesinnung offenbaren. Denn der Mensch besteht nicht nur aus einer Seele, sondern besitzt auch einen Leib und ist in seinem ganzen Handel und Wandel an die Sinnenwelt gebunden. Deshalb entspricht es seiner Natur, dass er seine Gedanken und Gefühle auch äußerlich kundgibt. Ja, wenn seine Gesinnungen echt und wahr sind, so hängt es bisweilen nicht einmal von ihm ab, sie zu verbergen. Ein Verzweifelnder z.B. ringt von selbst seine Hände und rauft sich die Haare. Ein Schuldbewusster klopft unaufgefordert an seine Brust. So sinkt auch der Ehrfurchtsvolle von selbst auf die Knie und der Andächtige faltet von selbst seine Hände.

 

Weit entfernt mit ihren Zeremonien etwas Widersinniges zu tun oder von uns zu verlangen, zeigt die Kirche also eben dadurch, dass sie das Menschenherz versteht und sich unseren Neigungen und Bedürfnissen anzupassen weiß. – Einige von ihren gottesdienstlichen Gebräuchen hat schon Christus der Herr eingesetzt. So hat er selbst verordnet, dass die Reinigung von der Erbsünde durch die Taufe, somit durch eine äußere Abwaschung mit Wasser vorgenommen werde. Beim letzten Abendmahl segnete er das Brot, dankte, erhob seinen Blick zum Himmel, so wie es noch jetzt vom Priester bei der Wandlung in der Heiligen Messe geschieht. Andere Zeremonien rühren von den Aposteln her, die nach dem Zeugnis des heiligen Völkerapostels dafür sorgten, dass beim Gottesdienst „alles geziemend und nach Ordnung geschehe“ (1Kor 14,40). Die meisten wurden jedoch vom Papst und den Bischöfen eingeführt, als die Kirche nach den traurigen Zeiten der blutigen Verfolgungen aus den unterirdischen Katakomben ans Tageslicht treten und ihren Gottesdienst ungestört ausbilden konnte.

 

Dass die Kirche dabei nicht willkürlich und gedankenlos voranging, sondern sich vom Geist Gottes leiten ließ, zeigt schon die wunderbare Schönheit und Mannigfaltigkeit unserer Liturgie, in der sich die Schönheit und Herrlichkeit Gottes noch deutlicher widerspiegelt als in der sichtbaren Natur. „Wirklich nichts Schöneres außer dem Himmel als unsere Liturgie!“ ruft ein Schriftsteller aus. „Ein herrliches Gewebe ist sie, zusammengestellt von der Kirche aus tiefen, unergründlichen Wahrheiten, himmlischen Gedanken, seligen Gefühlen und Empfindungen und sinnreichen, symbolischen Gebärden und Handlungen, dessen Blüten unter den wechselnden Farben des Kirchenjahres bald im lichthellen Weiß der Freude, bald in der dunklen Glut der Liebe und des Leidens, bald im stillen Grün und Violett der Hoffnung und Sehnsucht, bald im ernsten Dunkel der Trauer und des Leids erglänzen. Ein wundersames Gedicht des Heiligen Geistes ist sie, gewoben aus Licht und Farben und Duft und Ton, ein Pracht- und Wunderwerk der göttlichen Weisheit, die ja auch aus der kleinsten Auswahl der einfachsten Stoffe das unermessliche Weltall in der mannigfaltigsten und großartigsten Herrlichkeit hervorgehen, sich gestalten und mächtig sich ausranken ließ.“

 

Damit der kirchliche Gottesdienst seinen Zweck der Erbauung erreiche, ist freilich ein Doppeltes nötig: einmal muss der amtierende Priester die Zeremonien würdig und andächtig verrichten, sonst wird das Heilige in den Augen der Menschen verzerrt und ins Lächerliche gezogen. Sodann müssen die Gläubigen in die Bedeutung der kirchlichen Gebräuche eingeweiht sein, sonst gleichen sie einem Menschen, der ein schönes Buch in einer Sprache lesen soll, die er nicht versteht.

 

Leider fehlt es aber bei den meisten Christen in diesem Punkt sehr stark. Wenn es gut geht, so erfreuen sie sich wohl an einem schönen Gottesdienst, ohne sich indes Rechenschaft geben zu können, warum dies und jenes geschieht. Vielen aber erscheint ein Gottesdienst, den sie nicht verstehen, geradezu langweilig. Das ist umso mehr zu bedauern, als sie dadurch auf ein überaus wirksames Mittel verzichten müssen, um ihre religiösen Kenntnisse zu vermehren oder wenigstens aufzufrischen. Denn das ganze Leben Christi und die hauptsächlichsten Geheimnisse unserer Religion werden uns in der Bildersprache der Zeremonien immer wieder vor Augen geführt, und da für gewöhnlich das Gesehene und Gehörte viel leichter und tiefer im Gedächtnis haftet, als was wir nur mit dem Verstand erkennen, so ist es gar nicht anders möglich, als dass wir durch die verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienst in unserem Glauben bestärkt werden.

 

Es ist deshalb wahrhaftig der Mühe wert, auch dafür zu beten, dass die Katholiken unsere herrliche Liturgie wieder mehr schätzen lernen. Vor allem aber müssen wir suchen, selbst durch Anhörung des Wortes Gottes und durch Lesung geeigneter Bücher immer mehr in ihre Geheimnisse einzudringen.

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3. Geistliche Werke der Barmherzigkeit

 

Was bewog so manchen Heiligen, seine teure Heimat zu verlassen, auf alle Vorteile und alle Annehmlichkeiten zu verzichten? Was trieb sie hinaus in ein fremdes Land? Was erleichterte alle Entbehrungen und Beschwerden und machte sie sogar köstlich zum Beispiel bei der Missionsarbeit? Das heiße Verlangen, die Seelen zu retten. Auch wir haben die Pflicht, für das Seelenheil des Nächsten zu sorgen, und dies geschieht besonders durch die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit.

 

Das erste und höchste Gebot Gottes ist die Liebe. Gott sollen wir lieben über alles, den Nächsten wie uns selbst. Da nun die Seele höher steht, als der Leib, so sollen wir unser und des Nächsten geistiges Wohlergehen vor allem befördern. Dies geschieht durch Belehrung und gutes Beispiel, durch Ermahnung und geschwisterliche Zurechtweisung, durch Strafe, durch Rat und Trost, durch Geduld und Versöhnlichkeit und durch christliche Fürbitte.

 

1. Die Unwissenden belehren, ist das erste geistliche Werk der Barmherzigkeit. Wer den Weg zum Himmel nicht kennt, kann ihn auch nicht gehen. Was das Licht dem Auge, das ist die Wahrheit dem Geist. Deshalb unterrichtete Gott selbst die ersten Menschen, und ließ später durch seine Propheten sein Volk unterrichten und bilden. Der göttliche Heiland ging drei Jahre lehrend umher, bekämpfte die Irrtümer der jüdischen Gesetzeslehrer und stiftete eine lehrende Kirche, damit sie alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit führe. Deshalb hat die Kirche durch alle Jahrhunderte ihre Missionare bis zu den entferntesten Ländern und Inseln gesandt, um mit dem Licht des Glaubens die Unwissenheit und den Irrtum zu verscheuchen. Mehrere Orden sind im Lauf der christlichen Jahrhunderte entstanden, die es sich zur Hauptaufgabe stellten, die Unwissenden zu belehren.

 

2. Die Sünder bestrafen. Den Eltern und Erziehern, der geistlichen und weltlichen Obrigkeit steht das Recht und die Pflicht zu, das Böse zu bestrafen, um sowohl den Übeltäter als andere abzuschrecken. Die Züchtigung ist ein bitteres, aber wirksames Arzneimittel. Wo eine liebevolle Zurechtweisung, ein gerechter Tadel nicht fruchtet, darf die Strafe nicht fehlen. Im Buch der Sprichwörter (28,29) heißt es: „Wer einen Menschen bestraft, wird einst bei ihm mehr Dank haben, als der glattzüngige Schmeichler.“ Der göttliche Heiland selbst trieb mit einem Strick die Käufer und Verkäufer zum Tempel hinaus.

 

3. Den Zweifelnden recht raten. Ein guter Rat ist Goldes wert. Der weise Sirach sagt (5,14): „Hast du Verstand und Einsicht, so antworte deinem Nächsten; wo nicht, so lege die Hand auf den Mund, damit du dich nicht in ungeschickte Reden verwickelst und zu schanden werdest.“ Einen guten Rat gab Josef dem Pharao, um die drohende Hungersnot abzuwenden. Als die Zuhörer am Pfingstfest voll Gewissensangst fragten: „Was sollen wir tun?“ erteilte ihnen Petrus den Rat: „Tut Buße und lasst euch taufen.“ Der göttliche Heiland gab dem Jüngling den Rat: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen und komm und folge mir nach!“ Wie viele fromme Seelen haben diesen Rat befolgt und damit den Himmel erworben!

 

4. Die Betrübten trösten. Wie viele Menschen hat die Trauer in Verzweiflung gestürzt! „Wie die Motte dem Kleid und der Wurm dem Holz, so schadet die Traurigkeit dem Herzen des Menschen.“ (Sirach 25,20) Darum ist es ein Werk der Barmherzigkeit, das traurige Herz zu trösten und aufzuheitern. So tröstete Jonathas den verfolgten David; so richteten die Propheten den gesunkenen Mut des heimgesuchten Volkes wieder auf. Jesus ladet alle Trauernden und Leidenden so liebevoll zu sich: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Wohltun, Heilen und Erlösen war sein Tagewerk. Und als er zum Vater zurückkehrte, sandte er den Heiligen Geist, den Tröster, dass er immer in seiner Kirche bleibe. Auch uns ruft der Apostel zu: „Tröstet die Kleinmütigen!“

 

5. Das Unrecht mit Geduld leiden. Es scheint dem Menschen schwer, aber es ist ein edles, hochherziges Werk der geistlichen Barmherzigkeit, auf das Recht der Verteidigung und Entschädigung Verzicht zu leisten und das widerfahrene Unrecht vergessen. Der heilige Petrus weist uns auf das Beispiel Jesu: „Wenn ihr Gutes tut und geduldig leidet, so bringt dies Gnade bei Gott; denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußspuren nachfolgt. Er hatte nichts Böses getan, und keine Unwahrheit war aus seinem Mund gekommen, und doch lästerte er nicht wieder, da er gelästert wurde, drohte nicht, da er litt, sondern überließ sich willig der Vollziehung des ungerechten Urteils. (1 Petr 2) Wenn indes durch Duldung die Bosheit und der Mutwille der Beleidiger nur vermehrt wird, oder wenn höhere Rücksichten darunter leiden, so rät die christliche Klugheit, dem Unrecht entgegen zu treten.

 

6. Den Beleidigern gern verzeihen. „Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, betet für diejenigen, die euch verfolgen und lästern.“ So befiehlt der Heiland, der noch sterbend seinen Mördern verzieh. So handelte der heilige Stephanus, der unter einem Steinhagel für seine Feinde betete: „Herr, rechne es ihnen nicht zur Sünde!“ Der heilige Paulus schreibt (Röm 12,21): „Wenn dein Feind Hunger hat, speise ihn; wenn er Durst hat, tränke ihn! Tust du dies, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Wie viele Ausbrüche des Zorns und der Rachsucht könnten wir durch Versöhnlichkeit verhüten!

 

7. Für die Lebendigen und Toten Gott bitten. Kannst du deinem Nächsten nichts anderes Gutes erweisen, so kannst du wenigstens für ihn beten. Bete für deine Eltern, Vorgesetzte, Verwandte und Freunde, bete für die Irrenden und Ungläubigen, besonders für die Bekehrung der Sünder, bete vor allem für die armen Seelen im Fegfeuer, damit sie, aus ihren Qualen befreit, deine Fürbitter am Thron der Gnade werden! Das Gebet und Beispiel Jesu und unserer Kirche, das Beispiel der Heiligen, so wie die vielen wunderbaren Bekehrungen, die auf die Fürbitte der Heiligen gewirkt worden sind, fordern uns dazu auf. Willst du, o Mensch, dass sich Gott deiner erbarme, so erbarme auch du dich deiner leidenden Brüder und Schwestern! 

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4. Gott allein

 

Das Sinnen und Trachten der Heiligen war einzig auf Gott gerichtet. Ihm hingen sie an in lebendigem Glauben, in heiliger Hoffnung, in flammender Liebe. Ihm weihten sie ihren erleuchteten Geist, ihr glühendes Herz, ihre himmelwärts gerichteten Handlungen. Erwecken wir ähnliche Vorsätze!

 

1. Gott allein in meinem Geist. Ihm habe ich alle Kräfte und Anlagen meines Geistes zu verdanken, auf ihn sollen sie auch zurückgehen. Sehr oft lenken die beruflichen Aufgaben, die Vergnügungen und Zerstreuungen die Gedanken von Gott ab, aber da will ich bald das Andenken an meinen liebevollsten Herrn in mir erneuern, will ihn zurückrufen, wenn er mir entschwunden ist, will mich mit den Heiligen vereinigen, die ihn im Himmel unaufhörlich anschauen und anbeten. Dann werde ich schon in diesem Leben einen Vorgeschmack erhalten von dem Glück, dessen sich die Verklärten im Himmel erfreuen.

 

2. Gott allein in meinem Herzen. Alles Übrige verwirrt es nur. Oder wäre mein Herz zu groß für dich? Vermagst du es nicht ganz auszufüllen? Außer dir gibt es nur Unruhe und Bitterkeit, in dir dagegen lauter Friede und Freude. Deshalb übergebe ich dir, mein Gott, mein ganzes Herz. Du allein sollst darin wohnen. Wie glücklich werde ich dann sein, wenn du die Herrschaft deiner Gnade und Liebe darin aufgeschlagen hast. Du in mir und ich in dir. Könnte ich eine unverzeihlichere Dummheit begehen, als wenn ich dir mein Herz versage? Wie oft war ich so ein Dummkopf! Aber von nun an sollst du, mein Herr, mein ganzes Herz auf ewig besitzen.

 

3. Gott allein in allen meinen Handlungen. Sollte ich das Verdienst meiner Werke verlieren wollen, indem ich sie nur aus irdischen Beweggründen vollführe? Ach, wie muss ich beklagen, dass ich so viele Gnaden verloren, so viele Zeit unnütz vergeudet, so wenig für die Ewigkeit getan habe! „Gott allein“ soll fortan mein Wahlspruch sein! Gott in meinem Geist, um ihn aufzuklären. Gott in meinem Herzen, um es zu besitzen. Gott in meinen Handlungen, um sie zu heiligen. „Mein Gott und mein alles!“

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5. Gewissen

 

Die Qual des schlechten Gewissens

 

Wie ein schwaches Schiff, das der Sturm erfasst und die wilden Meereswogen schäumend und zischend bald hoch hinauf schleudernd, bald in die dunkle Tiefe hinabstoßen, während die Seeleute tausendfache Todesangst ausstehen, so erscheint das schlechte Gewissen, dem die begangenen bösen Taten keine Ruhe lassen und oft der Verzweiflung ausliefern. Zeugen dieser Wahrheit sind die Mörder der heiligen Märtyrer. Viele von ihnen sind angesichts dieser begangenen Verbrechen in Verzweiflung und oft sogar Wahnsinn gefallen. Die Qual des schlechten Gewissens ist in der Tat

 

1. eine furchtbare,

2. eine fortdauernde Qual.

 

1. Wie es für eine gute Handlung keinen schöneren Lohn gibt, als das frohe Bewusstsein eines guten Gewissens, so lässt sich für eine böse Handlung keine empfindlichere Strafe denken, als die Vorwürfe eines schlechten Gewissens. Denk dir einen zum Tod verurteilten Verbrecher. Man setzt ihm die besten Speisen und Getränke vor, man redet ihm Mut ein und spricht ihm freundlich zu, aber von ihm weicht die Ruhe, der Schlaf und die Fröhlichkeit, nur das Schafott steht vor seinen Augen und der Tod grinst ihn hohnlachend an. So erinnert den Sünder jeder Augenblick an seine Schuld, an den unbestechlichen Richter, an die ewige Verdammnis. Was ist unverschuldete Armut, was langwierige Krankheit, was Verfolgung und Kränkung von Seiten boshafter Menschen gegen die Folter des schlechten Gewissens? Alles lässt sich leichter ertragen, als das Schuldbewusstsein. Das schlechte Gewissen begleitet den Verbrecher im Lärm der Welt, wie in der Einsamkeit, es gönnt ihm keinen Frieden bei Tag, keine Ruhe in der Nacht. Er erschrickt vor dem Lispeln des Blattes, wie vor dem eigenen Schatten. Die Schönheit der Natur erfreut ihn nicht, der Kreis der Fröhlichen erfreut ihn nicht. Der dumpfe Ton der Sterbeglocke erschüttert ihn, ein plötzlicher Todesfall dringt ihm bis ins Mark. Überall schwebt das Bild seiner bösen Tat ihm vor Augen. David klagt nach seinem Sündenfall: „Kein Frieden ist in meinen Gebeinen. Ich bin elend geworden und gebeugt. Den ganzen Tag gehe ich traurig umher.“ „Gleich einer schweren Bürde ruhen meine Missetaten auf mir.“ Seht den blutbefleckten Mörder, wie er hinausflieht in den dunklen Wald voll Nacht und Grauen, aber der dunkle Wald hebt die dunkle Tat nicht auf, die Hölle begleitet ihn. Seht den Wucherer, den Ruhmsüchtigen, den Geizhals, das Brandmal der Bosheit ruht auf ihrer Stirn, ihre Sünden schreien zum Himmel hinauf und rufen die Strafgerichte des Allgerechten auf sie herab. Oft steigt die innere Qual so hoch, dass sie sich der Verzweiflung überlassen oder sich selbst dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit ausliefern.

 

2. Die Qual des schlechten Gewissens ist nicht allein eine furchtbare, sondern auch eine fortdauernde. Der Fluch der bösen Tat klebt an der Ferse und begleitet den Sünder zu allen Stunden und an allen Orten. Kaum hatten die ersten Eltern der verlockenden Stimme der Schlange Gehör gegeben, da überfiel sie Scham und Bestürzung und sie versteckten sich vor dem Herrn. Der Brudermörder Kain floh unstet umher. Überall trat ihm die blutige Gestalt des erschlagenen Abel vor die Seele. Josephs Brüder bekannten zitternd: „Wir haben an unserem Bruder Joseph verschuldet, was wir leiden.“ Kaum hatte Judas das Blutgeld des Verrats empfangen, da ließ ihm das schlechte Gewissen keine Ruhe mehr, er warf die Silberlinge den Hohenpriestern vor die Füße und wurde sein eigener Richter. Es ist entsetzlich, die Qual eines schuldbeladenen Gewissens immer mit sich umherzutragen. Schaut der Sünder zum Himmel hinauf, so muss er sich sagen: dort wohnt dein Richter, dort ist kein Platz für dich. Fällt sein Blick zur Erde, so muss ihm unwillkürlich einfallen, dass bald das Grab seinen Leib und die Hölle seine Seele verschlingt. Findet er Trost im Lärm der Welt, in Ausschweifungen und Genüssen? Umsonst stürzt er sich in den betäubenden Strudel. Die Ernüchterung folgt bald und hält ihm wieder den Spiegel seiner bösen Taten vor Augen. Überall hängt das Damoklesschwert über seinem Haupt und vergällt ihm alle Genüsse. Ein rechtschaffener Mensch mag noch so arm, noch so geplagt und verlassen sein, er ist dennoch zufrieden, weil er Gott zum Freund hat und die Hoffnung auf die ewige Glückseligkeit ihn tröstet. Aber was hat der unbekehrte Sünder nach einem qualvollen Leben zu erwarten? Die ewige Verdammnis.

 

Gibt es denn kein Mittel, um die grässlichen Gewissensqualen zu beseitigen? Ja, er kann Rettung finden, der arme, vielgequälte Sünder. Wie der verlorene Sohn muss er zum Vater zurückkehren und sagen: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und gegen dich. Ich bin nicht wert, dein Sohn zu heißen. Nimm mich nur an als einen deiner geringsten Knechte!“ Und der Vater wird ihn in seine liebevollen Arme schließen. Der Beichtvater wird den reumütigen Sünder voll Freude aufnehmen und ihm sagen: „Sei getrost, mein Sohn! Deine Sünden sind dir vergeben. Gehe hin in Frieden Gottes und sündige nicht mehr!“ In demselben Augenblick kehrt Ruhe und Freude in das lange geängstigte Herz zurück.

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6. Geiz

     

Manch Elend und Schmerz unter den Menschen wird verursacht durch den Geiz schändlicher und ungerechter Egoisten. Wir erkennen dabei die Abscheulichkeit dieses Lasters in seinem Wesen und seinen Wirkungen.

 

1. Der Geizige ist zu jeder Sünde fähig, er ist hartherzig gegenüber den Armen und Unglücklichen, lügenhaft, meineidig, diebisch, betrügerisch, voll Sorge für das Zeitliche, voll Verrat und Mord. „Keine Spur von Rechtsgefühl ist in einem Herzen, in dem der Geiz sich eingenistet hat“, sagt der heilige Leo. Der heilige Paulus versichert: „Die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in die Fallstricke des Teufels und in viele unnütze und schädliche Begierden, die di Menschen in Untergang und Verderben stürzen.“ (1 Tim 6,9) Giezi betrog, um schöne Kleider und Geld zu bekommen, den Feldobersten Naaman und belog den Propheten. – Der König Achab und seine gottlose Frau Jezabel ließen en unschuldigen Naboth, dessen Weinberg sie begehrten, fälschlich anklagen, zum Tod verurteilen und steinigen. Judas verriet um Geld seinen Herrn und Meister. Die Wächter am Grab ließen sich durch Geld bestechen, die Unwahrheit zu sagen.

 

2. Der Geizhals führt ein unglückliches Leben. Tag und Nacht quält ihn die Geldgier, er gönnt weder sich noch anderen etwas und wird nutzlos für die Welt und für den Himmel. Wenn alle anderen Leidenschaften mit dem Menschen altern und schwach werden, nimmt der Geiz mit dem Alter zu und wird stärker. Der Geizhals ist verhasst seinen Verwandten, lästig seinen Dienstboten, unnütz seinen Freunden, unzugänglich den hilfsbedürftigen Fremden, schädlich seinen Nachbarn, ein Tyrann für seine Frau, ein schlechter Erzieher seiner Kinder und ein steter Quälgeist seiner selbst. Der Volksmund zeichnet das Unglück des Geizigen mit sehr bezeichnenden Sprichwörtern: „Einem Armen Mann mangelt vieles, einem geizigen alles. Der Geizige gleicht einem Ross, das Wein trägt und Wasser säuft. Der Geiz sucht seinen Himmel im Kot. Der Geiz ist sein eigener Stiefvater.“ Der heilige Bonaventura sagt: „Der Geizige gleicht einem Schwein, das, so lange es lebt, zu nichts taugt, sondern erst, wenn es stirbt, dann nehmen die Teufel dem Geizigen die Seele, die Würmer den Leib, und die lachenden Erben die Reichtümer.“

 

3. Die Geizigen sterben zumeist eines unseligen Todes, denn ihre Leidenschaft pflegt sie selbst in den letzten Stunden nicht zu verlassen. Ein Priester bemerkte bei einem Todkranken, wie er einen großen, vollen Geldbeutel fest in der rechten Hand hielt und einen Geldsack sich an den linken Arm gebunden hatte, wobei er von Zeit zu Zeit nachfühlte, ob etwa nichts wegkomme. Der Priester ermahnte ihn, die Liebe zum Geld abzulegen, erhielt aber zur Antwort: „Ich kann nicht anders.“ Und so starb der Geizhals dahin. Wer erinnert sich nicht ähnlicher Fälle im täglichen Leben?

 

Wir müssen dem heiligen Basilius Recht geben, wenn er sagt: „Die Geldbegierde füllt den Wald mit Räubern, die Häuser mit Dieben, die Familie mit Unfrieden, die Jahrmärkte mit Betrug, die Gerichtsstuben mit falschen Eiden, die Hütte der Unschuld mit Not und Elend, die Augen der Waisen mit Tränen, das Herz der Witwe mit Seufzern, die Gefängnisse mit Verbrechern und die Hölle mit Verdammten.“ Verabscheue den Geiz, der eine so hervorragende Stelle unter den sieben Hauptsünden einnimmt und selten geheilt wird!

 

Du barmherziger Bruder Konrad, bitte für uns!

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7. Gotteshaus

 

Wenn schon Salomo den Tempel zu Jerusalem mit außerordentlichen Feierlichkeiten einweihen ließ, in dem sich nur die Bundeslade mit Mannakörnern, mit den Gesetzestafeln des Mose und der Rute Aarons befand, so kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn die christlichen Tempel unter bedeutungsvollen Zeremonien zum Dienst des Allerhöchsten feierlich eingeweiht werden, denn in diesen befindet sich unendlich mehr, als im Heiligtum auf Sion. Betrachten wir die Kirche als Gotteshaus.

 

1. Die Kirche ist ein Ort göttlicher Gnaden,

2. deshalb müssen wir sie in Ehren halten.

 

1. Im Gotteshaus werden uns die ewigen Wahrheiten in der Predigt und Christenlehre verkündigt. Der Reichtum der Weisheit und Liebe Gottes wird uns geoffenbart, so dass die Nebel des Zweifels verschwinden und die Seele im Licht des Glaubens ihr hohes Lebensziel erkennt und die Mittel, um die ewige Bestimmung zu erreichen. Welch ein Balsam für die Wunden, welch ein Trost für die Betrübten, welch eine Kraft für den Schwachen, welch eine gute Lehre liegt in dem Wort der ewigen Wahrheit, die uns im Gotteshaus eingeschärft wird. – Vom Altar aus ergießt sich der siebenfache Strom der heiligen Sakramente in die Herzen der Gläubigen. Schon das unmündige Kind, ehe es die Gnaden Gottes erkennt und dafür danken kann, empfängt im Bad der Wiedergeburt die heiligmachende Gnade, die Kindschaft Gottes, das Erbrecht auf den Himmel. Und wenn später die Seele strauchelt auf den dornigen Lebenswegen, wenn sie verwundet ist von den giftigen Pfeilen und in Todesängsten seufzt, dann öffnet der beste Arzt, der liebevollste Vater seine Arme und ruft dem Reuigen durch den Mund des Priesters zu: „Sei getrost mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben!“ Der Gott der Erbarmungen will das zerknickte Rohr nicht ganz zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen. „Ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wird Gott nicht verwerfen.“ – Die maßlose Liebe geht noch weiter. In der Heiligen Messe opfert sich unser Erlöser täglich von neuem, wie er sich einst auf Golgotha für die sündige Menschheit dargebracht hat. Ja er bietet sein heiligstes Fleisch und Blut in der heiligen Kommunion uns zur Seelenspeise und ladet uns so freundlich ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ „Wer mein Fleisch isst, wird leben in Ewigkeit.“ Wer kann diese Liebe Jesu in ihrer ganzen Tiefe und Höhe ermessen? In unserer Mitte wohnt er immerwährend im Tabernakel, um unsere Bitten zu erhören, unsere Leiden zu mildern, in der Trübsal zu rösten, in den Gefahren und Nöten uns beizustehen, und uns mit Gnade, Frieden und Freude zu erfüllen.

 

2. Da die Kirche ein Ort der Gnade ist, so müssen wir sie in Ehren halten. Gern sollen wir das Gotteshaus besuchen, um zu schmecken, wie süß der Herr ist. Möchten wir alle mit dem Psalmisten sprechen: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses, den Ort, wo deine Ehre wohnt.“ „Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn, mein Leib und meine Seele freuen sich im lebendigen Gott, der Sonne und Schild in der Versammlung seiner Gläubigen auf Erden ist.“ – Die Kirche ist ein Ort der Gnade. Deshalb müssen wir mit frommer Andacht und heiliger Ehrfurcht dort erscheinen. Würden wir vor einem irdischen Herrscher jedes anstößige Benehmen, jedes ungeziemende Wort vermeiden, um wieviel mehr müssen wir den König Himmels und der Erde verehren, vor dem die Cherubim ihr Antlitz verhüllen. „Wahrhaftig, hier ist nichts anderes, als Gottes Haus und die Pforte des Himmels.“ Wie könnten wir uns genug demütigen vor der Majestät des Allmächtigen? Werft euch mit den Engeln des Himmels in den Staub und betet voll Ehrfurcht den gegenwärtigen Gott an. – Dankt dem Herrn für alle Gnaden, die euch im Gotteshaus zufließen. Dankt ihm, dass er euch zu Kindern aufgenommen, dass er die drückende Sündenschuld von euch nimmt, dass er euch zum Mahl seiner Liebe einladet, und euch täglich Beweise seines Wohlwollens gibt. Möge eure Seele ein lebendiger Opferaltar sein, vor dem täglich Preis und Dank gen Himmel steigt. – Die Kirche ist ein Bethaus. Deshalb sollen wir unsere Gebete vor allem an der geheiligten Stätte verrichten. Erscheinen wir vor dem Angesicht unseres liebevollsten Vaters mit kindlichem Vertrauen, dann wird sich erfüllen, was der liebe Heiland versichert: „Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen bitten werdet, wird er euch geben.“ Hegt einen lebendigen Glauben, eine flammende Liebe, eine demütige Hingabe an Gott, so werdet ihr vom Fuß des Altars getröstet, gestärkt, neu belebt in eure Wohnungen zurückkehren.

 

O Gott, die Stätte, wo du unter Brotsgestalt verborgen thronst, wo du die Fülle deiner Gnaden und Segnungen über deine Kinder ausgießt und auch den verlorenen Sohn mit offenen Vaterarmen wieder aufnimmst, soll uns immer heilig sein. Alle weltlichen Gedanken und Sorgen sollen draußen bleiben, während wir mit dir reden. In Andacht wollen wir dem Geheimnis deiner unendlichen Liebe beiwohnen und neue Kraft schöpfen zur Erfüllung unseres Berufs, alle Unandacht und Gleichgültigkeit soll uns fern bleiben, dann werden wir immer mehr erfahren, dass dein Haus, o Gott, ein Haus der Gnade ist. Amen.

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8. Gottes Gericht

 

 

Zu dem heiligen Entschluss, die Welt zu verlassen und in stiller Abgeschiedenheit ein strenges Bußleben zu führen, trugen bei vielen Heiligen Erlebnisse bei, die sie bis in das tiefste Innere hinein erschüttert haben. Beim großen heiligen Bruno zum Beispiel, dem Stifter des Kartäuserordens, war es ein ganz schauerliches Ereignis, dessen er in Paris Augen- und Ohrenzeuge wurde. Dort starb ein berühmter und wegen eines tadellosen Lebens geschätzter Prediger, namens Raymund, der seine Zuhörer oft bis zu Tränen rührte. Als vor seiner Beerdigung die Geistlichen mit den versammelten Leidtragenden am offenen Sarg die kirchlichen Tagzeiten sangen und der Lektor die Worte Hiobs las: „Antworte mir: Wie große Missetaten habe ich denn?“ da richtete sich der Tote auf und rief mit lauter Stimme: „Ich bin angeklagt“ und sank wieder leblos zurück. Entsetzt ließ man die Leiche bis zum anderen Tag stehen. Wieder wurden vor zahlreichem Volk die Tagzeiten gesungen, und bei derselben Stelle richtete sich der Tote abermals auf und rief jammervoll: „Ich bin gerichtet.“ Die Anwesenden flohen zitternd aus der Kirche. Am dritten Morgen strömte die ganze Stadt zusammen. Während der Kirchengebete erhob sich der Tote wieder und schrie im Ton der Verzweiflung: „Durch das gerechte Urteil Gottes bin ich verdammt“ und sank für immer zurück. Man begrub die Leiche, aber das schauerliche Ereignis vergaß man nicht.

 

Jeder Mensch muss gleich nach dem Tod vor Gottes Gericht erscheinen, um sein Endurteil zu vernehmen. Wie bestürzt wird da mancher erscheinen, verlassen von der Welt und ihren Geschöpfen, verlassen von Eltern, Geschwistern und Freunden, verlassen von allem, woran das Herz im Leben hing, von allen Gütern und Genüssen. Während des irdischen Treibens wurde das Gewissen nur zu oft eingeschläfert, jetzt erwacht es, um sein ganzes Elend zu sehen. Aber noch entsetzlicher ist es, statt eines gütigen Vaters einen erzürnten und allgerechten Richter vor sich zu sehen. Stelle dir lebhaft dieses Gericht vor Augen. Der Allwissende schlägt das Buch der Vergeltung auf, in dem alle deine sündhaften Gedanken und Begierden, alle, auch deine geheimsten Gedanken und die Unterlassungen des Guten verzeichnet stehen. Ach, wie werden dir die Augen aufgehen. Wie vieles wirst du da als schreckliche Sünde erkennen, was du im Leben für nichts hieltest. Wie in einem Spiegel wirst du die ganze Hässlichkeit deiner Seele, die Folgen der Sünden, die Größe und Dauer ihrer Strafe wahrnehmen. Du siehst dein Schicksal unwiderruflich für die ganze Ewigkeit. Wehe, wehe, wenn die Waagschale deiner Sünden tief nach unten sinkt. Ewige Qualen sind dein Los im Feuerpfuhl, wo ewiges Heulen und Zähneknirschen sein wird. Ach, noch ehe der Körper ins Grab gesenkt ist, liegt die Seele schon in der Hölle begraben. – Heilige Kirche, du kleidest dich in Trauer beim Tod deiner Kinder, du betest noch für sie und die Totenglocke mahnt zur Teilnahme, deine Diener bringen für den Verstorbenen das heilige Messopfer dar. Ach, Gebete, Tränen, Opfer – alles ist unnütz für die Seele des Verdammten, die Gerechtigkeit hat begonnen, um nimmer zu enden. – Wie schrecklich, wie niederschlagend muss die Verzweiflung für eine Seele sein, die hätte ewig glücklich sein können, nun aber unwiderruflich verdammt ist. Der Feuerschlund hat sich geöffnet, um die Seele ewig zu verschlingen. Das Höllentor lässt niemand wieder zurück. Gottes Finger hat über die Pforte mit Flammenzügen die Worte geschrieben: „Ewigkeit, Ewigkeit, Ewigkeit.“ 

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9. Gaben des Heiligen Geistes

 

Wie einst der König Salomo als kostbarste Gabe die Weisheit erflehte und in so reichlichem Maß erhielt, dass er die Bewunderung aller Zeitgenossen und der späten Nachwelt hervorrief, so bestürmten auch viele Heilige den Himmel mit frommen und beharrlichen Gebeten, um Weisheit und Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht zu empfangen, und ihr Gebet wurde erhört. Glücklich jeder, dem der Heilige Geist seine sieben Gaben spendet, den Geist der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, der Wissenschaft und Frömmigkeit und Furcht Gottes.

 

1. Die wahre Weisheit beurteilt alle Dinge nach ihrem letzten Endzweck, nach ihrer Beziehung zu Gott. Voll dieser Weisheit sprach der Apostel: „Ich halte alles für Schaden wegen der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn, um dessen willen ich auf alles verzichtet habe und es für Kot achte, damit ich Christus gewinne.“ (Phil 3,8) In diesem Geist sprach der heilige Ignatius von Loyola: „Wie ekelt mich die Erde an, wenn ich den Himmel anschaue!“ „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“ (1 Kor 3,19)

 

2. Die Gabe des Verstandes macht den Menschen bereit und fähig, unter dem Einfluss des Heiligen Geistes göttliche Dinge zu erfassen. Durch diese Gabe werden wir befähigt, tiefer in die Religionswahrheiten einzudringen und die Überzeugung von der Göttlichkeit unserer Religion fester zu begründen. Um diese Gabe flehte der Psalmist: „Gib mir Verstand, dass ich lerne deine Gebote!“ Der heilige Leopold, die heilige Katharina von Siena und andere fromme Seelen wurden mit bewunderungswürdiger Einsicht in die Geheimnisse unserer Religion begnadet.

 

3. Die Gabe des Rates befähigt den Menschen, in schwierigen Angelegenheiten das für das Seelenheil und die Ehre Gottes Ersprießliche zu wählen, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die Förderungsmittel zum Heil anzugeben. Christus verhieß diese Gabe seinen Aposteln mit den Worten: „Wenn man euch in die Synagoge führt, und vor die Obrigkeiten und Mächtigen, dann sorgt nicht, wie oder was ihr antworten oder reden sollt, denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollt.“ (Lk 12) Den Heiligen Geist sollen wir zu Rate ziehen in allen wichtigen Angelegenheiten, besonders bei der Standeswahl.

 

4. Durch die Gabe der Stärke erfüllt uns der Heilige Geist mit Kraft und Zuversicht, das für Gott unternommene zu vollenden und die entgegenstehenden Hindernisse zu überwinden. Mit dieser Gabe ausgerüstet gingen selbst schwache Frauen und zarte Kinder dem grausamsten Martertod entgegen. Mit ihr schreiten auch wir über Schlangen und Basilisken unserem Ziel unverzagt zu und überwinden alle Schmerzen, alle Versuchungen und Prüfungen dieses irdischen Jammertales. Um diese Gnade soll der Christ besonders beten, weil er sie am meisten braucht.

 

5. Durch die Gabe der Wissenschaft wird der Mensch geeignet, das Wahre vom Falschen und das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Diese Gabe waffnet uns gegen die mannigfaltigen Täuschungen, die bald in den Einflüsterungen Satans, bald in den falschen Grundsätzen der Welt, bald in unserer verderbten Natur eine nie versiegende Quelle haben. Im Licht der göttlichen Wissenschaft schätzen wir das Irdische gering und streben nach dem Himmlischen. Mit dem heiligen Aloysius fragen wir bei allen Dingen und Unternehmungen: „Welchen Wert hat dies für die Ewigkeit?“

 

6. Die Gabe der Frömmigkeit regt zu einer kindlichen Gesinnung gegenüber Gott an. Aus diesem Geist entspringt auch die Liebe gegenüber allen Menschen als Kinder Gottes, die Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden, die innige Andacht im Gebet, die schöne Gabe der Tränen. Dieses Blut der Seele, dieses Herzwasser strömte aus den Augen der Heiligen. Für ihre schlichten, frommen Gemüter waren Tränen eine Art von Gebetsformel, eine tiefinnerliche, ausdrucksvolle Andacht, ein zartes, schweigsames Opfer, durch das sie sich allen Leiden und Verdiensten Christi und seiner Heiligen anschlossen.

 

7. Die Gabe der Gottesfurcht bewirkt, dass wir uns scheuen, Gott zu missfallen und uns von ihm zu trennen. Die knechtische Furcht denkt nur an Strafe, aber die kindliche Furcht vermeidet jede Beleidigung des Allerhöchsten aus Ehrfurcht und Liebe zu ihm. Sie verabscheut jede Selbstüberhebung, jede Saumseligkeit im Guten, jede Sünde. – Rufen wir recht oft und innig unsere Heiligen und Patrone an, dass sie auch uns die sieben Gaben des Heiligen Geistes erbitten. Amen. 

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10. Gefängnis

 

Christus im Bagno - Das schwerste Opfer

 

Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. (Mt 25,36b)

 

von Leo Wolpert

aus „Der Weg unterm Stern“

Echter Verlag, Würzburg, 1949

 

Im Jahr 1850 erschien in Würzburg eine eigenartige, aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte Schrift unter dem Titel „Die Jesuiten im Bagno“. Wer diese Schrift liest, wird sich mehr als einmal ergriffen fühlen, selbst wenn er „aus zäherem Holz geschnitzt“ ist als der Durchschnitt der Menschen. Denn die Schrift berichtet von Triumphen der Liebe Christi in hasserfüllten Menschenherzen.

 

Das „Bagno“ (Zuchthaus), von dem in dem Büchlein erzählt ist, besteht heute nicht mehr in dieser Form. Unweit Toulon liegt eine kleine Insel im Meer, ein kahler Felsen. Ein weitläufiges Gebäude auf der Insel, das fast nur aus langen Sälen bestand, und ein paar abgetakelte Schiffe nebenan im Meer bildeten eine Art Zuchthaus für Schwerverbrecher aus Frankreich – ungefähr viertausend an der Zahl. Das war das Bagno von Toulon.

 

Jeden Morgen um 6 Uhr, im Winter um halb sieben Uhr, gab im Bagno ein Kanonenschuss das Zeichen zur Arbeit, die bis mittags 3 Uhr dauerte. Die übrige Zeit gehörte den Sträflingen. Als Nahrung gab es Schwarzbrot und Bohnensuppe und für Schwerarbeiter eine kleine Menge Wein. Ein Kanonenschuss am Abend war das Zeichen zur Nachtruhe. Die eisernen Gitter der Zugänge wurden geschlossen; Schildwachen zogen innen und außen auf; die Männer legten sich auf ihre Betten in langer Reihe. Dann kam ein Wächter, steckte durch den letzten Ring der Kette, die jeder Gefangene Tag und Nacht am Fuß trug, eine eiserne Stange, die durch den ganzen Saal ging, und befestigte sie mit Haken und Schlössern an dem eisernen Boden. In jedem Saal lagen zwischen hundert und zweihundertfünfzig Menschen, die alle so aneinander gekettet waren.

 

Man kann sich denken, wie sehr sich in die ohnehin von Sünden verdorbenen Herzen der Männer der Hass einfrass; der Hass gegen die Aufseher und Vorgesetzten, die eiserne Ordnung halten mussten; der Hass gegen jene, durch die sie hierher gebracht worden waren; der Hass gegen die ganze Menschheit, von der sie sich ausgestoßen sahen und verachtet fühlten. Und umso leichter und gründlicher konnte der Hass sein Zerstörungswerk in diesen armen Herzen verrichten, da diese Menschen nie etwas von Gott und seiner Liebe hörten.

 

Als am 25. Oktober 1849 früh um sechs Uhr wieder der Kanonenschuss erdröhnte, betraten neun Jesuiten das Bagno, um hier einen Monat lang Mission zu halten. Wie das kam, wollen wir hier unerwähnt lassen, weil es zu weit führen würde. Die neun Jesuiten verteilten sich sofort auf die fünf Säle und vier Schiffe und begannen die religiöse Belehrung; es war an jedem Tag nur morgens und abends je eine halbe Stunde dafür frei gelassen; nur sonntags wurde einige Zeit zugegeben. Zuerst waren die Männer neugierig. Dann staunten sie über das, was sie da hörten; denn die meisten wussten von religiösen Dingen nicht das Geringste, weil sie entweder noch nie etwas davon gehört oder das in der Jugend gehörte wieder längst vergessen hatten. Am ersten Sonntag wurde an dem Platz, wo sonst die Unverbesserlichen hingerichtet wurden, ein Altar errichtet und eine Messe gehalten; viele wohnten hier zum ersten Mal einem Gottesdienst bei. Am Allerseelentag las einer der Missionare morgens vor der Arbeit eine heilige Messe für die verstorbenen Verwandten der Sträflinge und erinnerte in einer Ansprache auch an ihre lebenden Angehörigen. Da ging eine merkliche Bewegung durch die Scharen; man sah sogar Tränen fließen.

 

Allmählich fühlten die armen Gefangenen immer deutlicher, dass die Patres ihnen wohlwollten. Obwohl die Cholera im Bagno ausgebrochen war, blieben die Missionare bei ihnen; und sie behandelten die Gefangenen nicht wie Ausgestoßene, sondern wie Brüder.

 

Als diese Erkenntnis sich durchgesetzt hatte, wuchs in den Herzen der Sträflinge nicht nur ein grenzenloses Vertrauen, sondern auch eine Freundschaft und Liebe, die sich oft auf ergreifende Art äußerte. Als ein Pater krank geworden war, knieten während der Mittagspause auf der Werft mehrere Sträflinge nieder und beteten für ihn; nie zuvor hatte man im Bagno jemanden offen beten sehen. Von der geringen Löhnung, die sie erhielten, hatten die Sträflinge mehrere hundert Francs für die Missionare gesammelt. Die Patres nahmen die gutgemeinte Spende jedoch nicht an; sie erklärten vielmehr: „Wollt ihr uns die einzige Belohnung geben, die wir wünschen, so seid euren Vorgesetzten gehorsam“. Am andern Tag geschah etwas im Bagno, was man noch nie erlebt hatte: unter viertausend Mann hatte kein einziger eine Strafe verdient.

 

Da sich die Männer nicht nur in Scharen zur Beichte drängten, sondern auch viele Nichtkatholiken Unterricht begehrten, mussten noch elf andere Jesuiten zu Hilfe kommen. Am 21. November wurden fünf Heiden, darunter ein Chinese, sowie zwei Israeliten und siebzehn Mohammedaner getauft; acht Andersgläubige verschiedener Sekten legten das katholische Glaubensbekenntnis ab. Am Schluss der Mission knieten zweihundertfünfzig Sträflinge um den Altar, jeder eine brennende Kerze in der Hand, und gingen zur ersten heiligen Kommunion; eintausendzweihundert erhielten am Nachmittag die heilige Firmung.

 

Den schwersten Kampf kostete es diese Männer aber, als die Missionare ihnen sagten, dass sie ihren Hass besiegen und allen verzeihen müssten. Am 18. November, während des Sonntagsgottesdienstes, wandte sich der Obere der Missionare in seiner Predigt an die Sträflinge und sagte: „Verzeiht ihr euren Feinden, euren Anklägern, euren Richtern und all denen, die schuldigerweise oder unschuldigerweise zu euren Leiden beitrugen?“ Da riefen tausend Stimmen zu gleicher Zeit: „Ja, wir verzeihen!“ Und dabei klirrten die Ketten, die diese unglücklichen Menschen trugen. Viele, deren Seele der Hass noch in Fesseln hielt, brachten ihr letztes Opfer und vollendeten ihre Bekehrung.

 

Am Abend dieses Tages ging der Priester zu der Zeit, da die Sträflinge für die Nacht angeschlossen wurden, durch die Säle. Da fühlte er plötzlich, wie einer der Männer nach seiner Hand griff und sie küsste. Dabei flüsterte der Gefangene dem Missionar zu: „Sie haben diesen Morgen viel bewirkt . . . Ich hatte noch einen Mann zu töten; es ist vorüber, ich verzeihe ihm.“ Es war ein Korse; all die Jahre her hatte er darauf gewartet, eine Blutrache zu vollenden, wenn er je aus dem Bagno käme – heute hatte die Gnade sein Herz bezwungen.

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11. Gregor der Große

 

Der Fels Petri

Von H. van Boven

Gekürzt aus „Egmondiana“

St. Adelberts-Priorij,

Edmond-Binnen, Niederlande

 

Etwa in der Mitte eines stürmischen Jahrhunderts, kurz vor 540, wurde der Mann geboren, der nach den Plänen der Vorsehung dazu bestimmt war, auf dem Schutthaufen der alten römischen Kultur die Grundlagen für die neue christliche Gesellschaft zu legen. Hohe christliche Tugend hielt mit dem letzten Schimmer der Glorie Roms an seiner Wiege Wacht. Mehr als drei Geschlechter schon hatte seine Familie den Päpsten treu gedient. Sein Vater, der Senator Gordianus, war mit der Verwaltung eines der sieben Stadtteile Roms betraut. Er besaß große Domänen in mehreren Provinzen Italiens. Seine Mutter, die fromme, sanftmütige Sylvia, zog sich in den letzten Jahren ihres Lebens in ein kleines Oratorium nahe bei der Sankt Paulus-Basilika zurück, um ihre Tage in Übungen der Frömmigkeit und Nächstenliebe zu beschließen. Zwei Tanten erreichten gleichfalls einen hohen Grad von Heiligkeit, und Gregor selbst hat uns in seinen „Dialogen“ deren heiliges Leben und Sterben beschrieben.

 

Sein mehr praktischer Verstand fühlte sich stärker von der Rechtswissenschaft angezogen. Aber der Einfluss des elterlichen Hauses, der seine Jugend vor der Verdorbenheit der Welt bewahrte, trug vor allem dazu bei, seine religiösen Gefühle zu entwickeln. Bereits als Junge las er regelmäßig die Heilige Schrift. Er trat in den Dienst der Stadt Rom, und hier zeigte sich sein außerordentliches Talent auf verwaltungstechnischem Gebiet. Wir sehen ihn zum Präfekten aufsteigen, dem höchsten Rang, den das Rom seiner Tage kannte. Damit war die gesamte Verwaltung Roms in seine Hände gelegt.

 

Doch konnte ihn dieses Leben nicht befriedigen. Er zögerte noch, nicht weil sein Herz am Vergänglichen hing, sondern weil er sah, wie groß die Not seiner Mitbürger war, und er sie nicht in diesen schweren Zeiten im Stich lassen wollte. Endlich überwältigte ihn die Gnade, und er konnte sich langsam von allem losmachen, um in den sicheren Hafen des Klosters zu flüchten. Er begann, nach dem Vorbild der Wüstenväter sein Eigentum zu verkaufen – Gordianus, sein Vater, war inzwischen gestorben -, um mit dem Erlös die Armen zu unterstützen und sieben Klöster zu bauen, sechs auf seinen Ländereien in Sizilien und eins in Rom in seinem eigenen Palast auf dem jetzigen Monte Celio.

 

Er selbst trat in das Kloster zu Rom ein – es wird etwa im Jahr 575 gewesen sein – um dort, nach dem feurigsten Wunsch seines Herzens Gott in Einsamkeit und Beschaulichkeit, in Armut und Stillschweigen, in Gehorsam und Demut zu dienen.

 

Es ist nicht schwer, sich ein Bild von dem Mönch Gregor zu machen. In seinen Briefen und Schriften lässt er uns in seiner Seele lesen, und wir dürfen einen bewundernden Blick in sein stets auf Gott gerichtetes Streben tun. „Im Kloster“, bezeugt er später, „konnte ich meiner Zunge alle unnötigen Worte ersparen und meinen Willen fortwährend auf das Gebet richten“. Das Kloster nennt er „die tiefe Freude, den Gipfel meiner Ruhe“.

 

Doch darf man nicht denken, dass das Klosterleben für ihn nur die süße Ruhe einer in Gott versunkenen Seele darstellte, die nicht mehr der Prüfung und Schwachheit des alten Menschen unterworfen war. Es ist uns bekannt, dass er fortwährend gegen seine schwache Gesundheit und eine ihn behindernde Magenkrankheit zu kämpfen hatte. Manchmal war der Schmerz so heftig, dass er sich dem Tod nahe wähnte. Und doch übte er schweres Fasten, gönnte sich keine Erleichterung, bewahrte seinen guten Humor und seine aufopfernde Nächstenliebe.

 

Jedoch durfte er dieses Leben nicht lange genießen. Jemand, der so deutliche Beweise seiner besonderen Führungstalente gegeben hatte, konnte der kirchlichen Obrigkeit nicht verborgen bleiben. Papst Pelagius II. nahm ihn, wahrscheinlich schon 579, in seinen Dienst. Er ließ ihn zum Diakon weihen und sandte ihn als Vertreter des Heiligen Stuhles nach Konstantinopel. Dort hatte er die Aufgabe, den Kaiser für die Sache des Westens, der mehr und mehr durch die Barbaren bedroht wurde, zu interessieren. Man hatte jedoch in Konstantinopel wenig Lust, wegen Italien in einen Krieg verwickelt zu werden.

 

In Konstantinopel schloss Gregor eine Freundschaft für das Leben mit dem heiligen Leander, dem Bischof von Sevilla, der mit einem ähnlichen Auftrag nach dem Osten gesandt worden war. Die Freundschaft mit Leander bedeutete nach seinen eigenen Worten eine herrliche Ruhe inmitten der vielen Sorgen.

 

Seine diplomatische Sendung am kaiserlichen Hof hatte von vornherein keine Aussicht auf Erfolg. Der Papst drang in ihn, das Unmögliche zu versuchen und Truppen für Italien zu erwirken; der Kaiser aber sah ihn als lästigen Mann an, der unerwünschte Ansinnen stellte. So wird seine Lage langsam unmöglich. 586 wird er dann auch nach Rom zurückgerufen.

 

Im Januar 590 stirbt Papst Pelagius II. an der Pest, die in diesem Jahr Rom außergewöhnlich stark heimsuchte. Selten ließ ein Papst die Kirche in trüberen Umständen zurück. Italien war das Opfer von Hungersnot, Pest und Überschwemmungen; die Langobarden verwüsteten das Land mit Feuer und Schwert, die Kirchenprovinz Mailand verharrte im Schisma, im Osten wuchs die Gefahr des Cäsaro-Papismus der byzantinischen Kaiser, der auch den Papst in seine Netze verstricken wollte. Rom hatte einen tatkräftigen, weisen und vorsichtigen Papst nötig, ja alle diese Eigenschaften genügten noch nicht, der Gewählte musste überdies auch ein Heiliger sein.

 

Einmütig fällt die Wahl auf Gregor, den Mann, der als Präfekt der Stadt und als Gesandter des Papstes in Konstantinopel so viel Arbeit geleistet hatte. Und er? Seine empfindliche Gesundheit, sein Hang zum zurückgezogenen Leben lassen ihn die Wahl als die Zerstörung seines ganzen Lebensplanes ansehen. Die Verantwortung, die man ihm auf die Schultern legt, geht über seine Kräfte; seine Wahl kann nur ein Unglück für die Kirche sein, denkt er selbst.

 

Aber die Römer hatten Recht: Gregor war der Mann der Stunde. Kein anderer hätte zu diesem Zeitpunkt mit so viel Sorgfalt das Schiff des heiligen Petrus durch die wütenden Wogen steuern können.

 

Gregor ist jedoch nicht der Mann, um zu seufzen und zu wehklagen. Sein ganzes Leben lang bewahrt er zwar das wehmütige Verlangen nach klösterlicher Einsamkeit, aber seine Arbeitslust und Kraft werden dadurch nicht gelähmt. Vom ersten Tag seines Pontifikates an ist er der tatkräftige Lenker, der weiß, was er will.

 

Er beginnt sein Amt mit dem Aufruf zu einer großen Bußprozession, um Gottes Zorn abzuwenden. An drei aufeinanderfolgenden Tagen zieht die Prozession durch die ganze Stadt, während die Pest auf das heftigste wütet und man unterwegs die Pestopfer niederfallen und ihren letzten Atem aushauchen sieht. Gregor selbst zieht mit und macht dem armen Volk wieder Mut.

 

Aber neben den übernatürlichen Mitteln vernachlässigte er die natürlichen nicht. Die Auflösung der öffentlichen Gewalt, die Einfälle der Langobarden, die Überschwemmungen des Tibers brachten neben der Pest auch Hungersnot mit sich. Rom litt mehr als jede andere Stadt unter diesem traurigen Zustand, der den Zeitgenossen das Ende der Welt anzukündigen schien. Es war eine Fügung der Vorsehung, dass die römische Kirche in jener Zeit überall reiche Ländereien besaß. Die Unsicherheit, verursacht durch die wiederholten Kriege, hatte viele Christen die Eitelkeit der Welt und des Besitzes einsehen gelehrt und sie bewogen, ihre Güter der Kirche zu schenken. Wie ein zweiter Joseph von Ägypten öffnete Gregor die Vorratskammern, um das hungrige Volk zu sättigen. Der geborene Verwaltungsmann, der echte Römer, der auf Ordnung hielt, bewährte sich auch hier. Nichts entging seinem wachsamen Auge, und seine Sorge erstreckte sich auch auf Kleinigkeiten. Wir finden in seinen Briefen treffende Beweise für diese ins Einzelne gehende Sorge. Für ganz Italien wurde er zur personifizierten Vorsehung. Gott schien ihn dazu gesandt zu haben, das namenlose Elend zu erleichtern, unter dem das Land seufzte.

 

Der Umfang seines Pontifikates bekommt aber erst seine volle Bedeutung, wenn man es im Rahmen der tragischen Lage betrachtet, in der sich Rom auch auf politischem Gebiet befand. 593 erschienen die Langobarden vor den Mauern der Stadt. Das Volk zitterte und hatte Furcht vor dem, was nun kommen sollte. Aber Gregor organisierte von der Terrasse des Laterans aus die Verteidigung der Stadt. Ja, der Papst tat noch mehr: Um sein Volk zu schonen, knüpfte er Unterhandlungen mit dem Langobardenfürsten an, und dieser, „ganz unter dem Eindruck der Gebete, der Weisheit, des religiösen Ernstes eines solch großen Mannes, sah davon ab, die Stadt zu belagern.“ So hat es uns die Chronik von 649 aufbewahrt. Papst und König begegneten einander auf den Stufen der Basilika von St. Peter: Das war eine Anerkennung des Ansehens des apostolischen Stuhles durch die „Barbaren“, aber auch eine Huldigung an die Person Gregors, der der wahre „defensor civitatis“, der Verteidiger der Stadt war.

 

Sein Blick blieb jedoch nicht auf Rom und Italien beschränkt, so sehr er sich auch als Römer fühlte. Er sah die jungen, kräftigen Völker aus dem Norden die Rolle Roms übernehmen und erkannte, dass es die Sendung der Kirche war, auch diesen das Evangelium zu verkünden. Ohne es vielleicht selbst zu wissen, hat er den Blick des Papsttums nach Norden zu den germanischen Völkern gelenkt, ganz besonders zu den Angelsachsen, zu denen er St. Augustinus mit Mönchen aus seinem Kloster vom Monte Celio sandte. Dabei wusste er jedoch das Band mit dem Osten durch seine wendige und doch feste Haltung zu bewahren.

 

Unsere Bewunderung für Gregor steigt noch, wenn wir bedenken, dass er trotz seiner eigenen Leiden und vielen Krankheiten, trotz seiner sich überstürzenden Tätigkeit auf politischem, caritativem und rein kirchlichem Gebiet die Zeit fand, in Predigten seinem Volk auch das geistige Brot zu reichen und in zahlreichen Schriften der ganzen Kirche von Nutzen zu sein. Gregor wusste den römischen Messritus zu einer solchen Formvollendung zu bringen, dass er noch heute, nach 1300 Jahren, im ganzen Westen gebräuchlich ist (nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils: gebräuchlich war). Unsterblich war auch sein Verdienst auf dem Gebiet der Kirchenmusik, die von ihm ihren Namen „Gregorianischer Gesang“ hat. Nicht dadurch, dass er selbst persönlich Komponist gewesen ist, sondern als Begründer der kirchlichen Musikschule in Rom bleibt sein Name für alle Zeiten mit der Kirchenmusik verbunden.

 

Sein ruhmvolles Arbeiten zum Heil der Kirche konnte ihn jedoch seine kurzen Klosterjahre nicht vergessen lassen. Um so viel wie möglich die Atmosphäre mönchischen Lebens zu bewahren, führte er eine Veränderung in der Hofhaltung ein. Er umgab sich mit „Klerikern von besonderer Umsicht und Mönchen von hervorragender Heiligkeit“. Es schien, als ob der päpstliche Palast in ein Kloster umgewandelt sei.

 

Und wenn es Gregor auch dann noch manchmal wegen der vielen Besucher in seiner Umgebung zu unruhig wurde, flüchtete er nach seinem geliebten Andreaskloster. Obschon er in seiner tiefen Demut meinte, wie sich aus seinen wiederholten Klagen ergibt, dass seine Erhebung zum Papst ihm für immer den Weg zum beschaulichen Leben abschneiden würde, zeigt uns sein Leben das Gegenteil.

 

Unbewusst hat er uns in seiner „Regula pastoralis“, der Lebensregel für alle Seelenführer, sein eigenes Portrait gezeichnet. Vom Hirten, Bischof oder Priester verlangt er zwei Eigenschaften als Garanten für ein erfolgreiches Apostolat: Betrachtung und Mitleid im Sinne mitfühlender Teilnahme für alles, was seine Herde angeht. Der wahre Seelenhirte muss zu allen freundlich und herzlich sein, zugleich aber durch die Betrachtung der ewigen unsichtbaren Dinge über allem Irdischen und Geschaffenen stehen. Damit ist der Geist der Heiligkeit Gregors gekennzeichnet. Sein ganzes Leben bezeugt, dass sein Apostolat nichts anderes war als die Ausstrahlung einer Seele, die ganz vom Göttlichen erfüllt war.

 

Mit den Jahren nehmen seine Krankheiten noch zu, oft muss er tagelang das Bett hüten; aber all dies hindert ihn nicht, seinem Nehmen Gregorius, d.i. der Wachsame, alle Ehre anzutun. Durch eine große Korrespondenz bleibt er mit der ganzen Welt in Verbindung. Von Papst Benedikt XIV. abgesehen, hat wohl kein Papst so viel geschrieben wie er; wir sehen es aus seinen Briefen an Freunde in Konstantinopel, Sevilla, Alexandrien und Canterbury, in denen er voll herzlicher Besorgtheit mit ihnen in Liebe und Leid mitlebt.

 

Der Tod konnte einen Mann wie Gregor nicht überraschen. Seit langem hatte er sich bei seinen vielen körperlichen Gebrechen an den Gedanken des Sterbens gewöhnt. Kein Augenzeuge hat uns den Eingang des heiligen Papstes ins wahre Leben, die höchste Erfüllung seines Lebensideals, erzählt. Am 12. März 604 starb er und wurde im Portal der St. Peters-Basilika, neben dem Eingang der Sakristei, dicht bei seinen beiden großen Vorgängern, dem heiligen Leo I. und dem heiligen Gelasius, beigesetzt. Zwei Jahrhunderte später wurden seine Gebeine durch Gregor IV. in die Basilika selbst überführt.

 

Demütig und verborgen noch in seinem Sterben, wie er es für sein Leben gewünscht hatte, lebt sein Name unsterblich in der Geschichte der Kirche, die er in einem der schwierigsten Augenblicke leitete, weiter. Viele große Päpste hat Petri Stuhl schon gekannt, aber wenige so treue Jünger des Menschensohnes, der in diese Welt kam, um zu dienen, wie Gregor, „den Knecht Gottes“.

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12. Gewänder des Priesters

 

I. Das Humerale (Schultertuch)

 

Tust als Priester Haupt und Schultern

Du nach Kirchenvorschrift kleiden,

Möge „Schutz und Helm des Heiles“

Dir das Humeral bedeuten!

 

Mag dies Kleid dich stets erinnern,

Wie den Herrn die Henker schlugen,

Und sein Antlitz ihm verhüllten,

Spottend: „Ob er Gott sei“, frugen.

 

Mag es dir als Mahnung dienen:

Deine Sinne streng zu wahren;

Mit Gebet dich zu umhüllen.

Gott dich schütze in Gefahren.

 

II. Die Albe

 

Einst verklärt auf Tabors Höhen

Trug der Herr ein weißes Kleid

Als ein Sinnbild seiner Würde

Und auch seiner Herrlichkeit.

 

Er, der Sohn des ewigen Vaters,

Hat in seinen Leidenstagen,

Gar zum Spott und Hohn der Sünder,

Solch ein weißes Kleid getragen.

 

Mag dies Kleid dich stets erinnern,

Wie der Herr nach Schmach und Leiden

Glorreich aus dem Grab erstanden

Thront im Kleid der Herrlichkeiten.

 

Mag zum Opfer am Altare

Dies Gewand den Priester kleiden,

Makelloser, reiner Wandel

Stets ihn dessen würdig zeigen.

 

III. Das Cingulum (Gürtel)

 

Gottes Sohn, den Welterlöser

Hat mit Stricken man gebunden,

Dem Unschuldgen schlugen Sünder

Noch mit Geißeln schwere Wunden.

 

Zur Erinnerung soll der Priester

Opfernd sich die Lenden gürten;

Mag der Gürtel ihn ermahnen,

Stets zu zügeln die Begierden.

 

Mög er stets in voller Reinheit

Am Altar zum Dienst erscheinen,

Heilig, seines Amtes würdig,

Sich mit Gott dem Herrn vereinen.

 

IV. Der Manipel (Armbinde)

 

Um der Sünder Schuld zu sühnen,

Ließ der Herr sich willig binden

Mögen wahre Reuetränen

Stets auch unsere Herzen finden!

 

An die Säule einst gebunden,

Will der Herr den Diener mahnen,

Dass ob Sorge, Müh und Arbeit,

Nie im Dienst er darf erlahmen.

 

Wohl ist schwer des Priesters Bürde,

Schwer die Arbeit, klein der Lohn,

Doch unendlich Gottes Gnade,

Ewig auch lohnt Gottes Sohn.

 

V. Die Stola

 

Nimm die Stola als ein Zeichen

Der Gewalt, die Gott gegeben;

Seinen Priester zu umgürten,

Rein und heilig sei dein Leben.

 

Und mit Gottes mächtger Gnade

Sei du „Vorbild“ – „führe“ – „leite“!

Die dir anvertraute Herde

Stets nur auf des Herren Weide.

 

Dann erst wird am Feierabend,

Wenn das Tagewerk vollbracht,

Der Herr den treuen Diener lohnen;

Unendlich ist des Herren Macht.

 

VI. Die Casula (Messgewand)

 

Zu dem Opfer am Altare

Soll dies Messgewand geweiht

Den Priester bei der heiligen Handlung

Würdig kleiden jederzeit.

 

Es soll an jenes Kleid erinnern,

Das Maria gab dem Sohne,

Das dem Herrn vom Leib gerissen,

Ausgespielt durchs Los zum Hohne.

 

Wie dies Kleid die andern Teile

Überstrahlt, vollendet, kleidet,

So soll auch die Tugend: „Liebe“

Endzweck sein, der alles leitet.

 

Wie das Kleid ein „Königsmantel“

Für den Priester bis zum Grabe,

Möge er auch Christi Liebe,

Der Gebete fromme Gabe

 

Täglich opfern am Altare

Vor des höchsten Gottes Throne

Ewiges Heil damit erwirken,

Von dem ewigen Gottessohne.

 

Mögst zu dem geweihten Kleide

Du als Führer bis zum Throne

Samt der dir vertrauten Herde

Empfangen einst die ewige Krone.

 

 

Wandlung

 

Die Erde hält den Atem an

Und alle Himmel fromm sich neigen.

Der Wunder höchstes sich erneut.

Ein Glöcklein bebt ins tiefe Schweigen.

 

Die weiße Hostie schwebt empor,

Die Engel jauchzen Jubellieder,

Im Staube kniet das treue Volk,

Gott, deine Menschheit hat dich wieder!

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13. Güte

 

Nur die Gütigen sind groß – Heilmittel gegen die Einsamkeit

 

Von Margaret Susan O´Gara

Zusammenfassung aus „Your Life“, 227 E. 44th St., New York City

17. Januar 1948

 

Wir aßen neulich zusammen zu Mittag, ein Geschäftsfreund und ich. Eine auffallend schöne, elegante Frau ging an unserem Tisch vorbei und nickte meinem Freund zu.

 

„Das ist Mary Blanc“, sagte er, „eine der begabtesten Frauen, die ich kenne.“

 

„Manchen Leuten ist alles gegeben“, antwortete ich. „So schön und dazu noch so begabt!“

 

Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete mein Freund: „Mary könnte eine wirklich große, wunderbare Frau sein, wenn sie nicht so hartherzig wäre. Doch sie weiß leider nicht, was Herzensgüte bedeutet.“

 

„Aber ist es nicht eine allgemein anerkannte Tatsache“, fragte ich, „dass man hart sein muss, um erfolgreich oder groß zu sein, besonders als Frau?“

 

„Um groß zu sein?“ fragte mein Freund. „Es gibt eine Gedichtzeile, an die ich oft denken muss: „Nur die mit Herzensgüte sind wirklich groß.“ Härte hat nie wahre Größe zustande gebracht.“

 

Ich hatte einmal sagen hören, dass „das Herz alles Leuchtende aufzeichnet und es wie Musik durch alle Jahre nachklingen lässt.“ Ich dachte an alle glücklichen und erfolgreichen Leute, die ich kenne. Sie ragten durch ihr gütiges Wesen, das ihnen eine besondere Prägung verlieh, aus der Menge heraus.

 

Da war eine junge Krankenschwester, die ich kannte, deren Gegenwart im Krankenzimmer so beruhigend war wie die Berührung einer kühlen Hand. Zwei Jahre war sie während des Krieges in Übersee gewesen. Bombenangriffe, Hunger, Krankheiten, alles hatte sie mitgemacht. Aber nie habe ich sie etwas Hartes sagen hören oder tun sehen. Sie nimmt die Leute, wie sie sind. „Das Leben ist zu kurz für Garstigkeit, Hass oder Furcht“, sagt sie, und jedermann spürt ihre Güte und den persönlichen Zauber, der von ihr ausgeht.

 

Ich dachte an Jerry, den Kriegsteilnehmer, der regelmäßig Medizin und Vitamine an ein Waisenhaus in Europa sendet, weil er mit seinem guten Herzen die armen und verlassenen Kleinen, die er dort sah, nicht vergessen kann.

 

Güte ist nicht ein oberflächlicher Liebreiz, den man nach Belieben zeigen und verschwinden lassen kann. Sie ist auch keine bloße Stimmung, die einen überkommt, wenn man gute Musik hört oder ein ausgezeichnetes Gedicht liest. Herzensgüte geht auch über die Umarmung Liebender und die Zärtlichkeit zwischen Eltern und Kind hinaus. Sie ist keine Erscheinung, die plötzlich unser Leben verherrlicht.

 

Die Güte zeigt sich vielmehr darin, wie wir die Alltagsdinge vollbringen und hinnehmen. Sie ist der gemeine Gedanke, den wir verjagen, das stolze oder hässliche Wort, das wir nicht sprechen. Sie ist die Zartheit, mit der die Mutter das schmutzige Gesicht ihres kleinen Kindes abwäscht, die besondere Rücksicht, die wir Kindern und Greisen erweisen, die aufrichtige Freundlichkeit, die wir allen zeigen, die uns in den Weg kommen.

 

Ich kenne einen jungen Burschen, der nach der Schule Krämerwaren austrägt. Er ist ein kluger, feinfühliger Junge und kann ganz großartig erzählen. Es macht mir oft Freude, ihm zuzuhören, wenn er von seinen Tageserlebnissen spricht. Eines Abends war er besonders still, und ich fragte ihn, ob ihn etwas bedrücke. „Nein“, sagte er, „ich dachte nur an eine Frau, die ich heute traf. Sie hatte eben eine Todesnachricht erhalten. Ihr Sohn war gefallen. Sie weinte nicht, aber sie brauchte jemanden, und so habe ich ihr einfach für eine halbe Stunde zugehört, wie sie mir von ihm erzählte.“ Mein Herz schlug höher, als ich dadurch erfuhr, dass ein Junge so früh schon gelernt hatte, was Herzensgüte bedeutet.

 

Durch gütiges Verständnis kann man Wunder wirken. Die Methode Father Flanagans, des Leiters der berühmten Jungenstadt, beruhte auf diesem Grundsatz. Der große Heilige Franz von Sales schrieb „Nichts ist so stark wie Güte, nichts so gütig wie wirkliche Strenge.“

 

Mit Güte kann man einem Menschen die Selbstachtung zurückgeben, vergangene Träume wieder beleben, ein gebrochenes Herz heilen und den Himmel auf die Erde bringen. Und wenn wir dies tun, werden wir groß sein; denn nur die Gütigen sind wirklich groß.

 

In unserer Hast, die materiellen Dinge zu erlangen, sehen wir das Leben nur trübe wie durch mattes Glas. Wir sperren uns selbst innerhalb der Mauern unserer eigenen kleinlichen Wünsche und Begierden ein. Wir leiden an Herzkrankheiten, für die es keine medizinischen Heilkuren gibt. Dies ruhelose, suchende, schreiende Bedürfnis, das wir spüren, kann nur durch lebendige Güte beantwortet und erfüllt werden.

 

Wir mögen die Sprache des anderen nicht verstehen, nicht das gleiche Gesicht oder die gleiche Musik wie er gerne haben; Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen mögen verschieden sein, aber Güte ist eine allgemeine Sprache, die von allen verstanden wird. Wir bringen uns selbst um den schönsten Reichtum und die tiefsten Freuden des Lebens, wenn wir anderen unser Herz verschließen. Schon die Güte gegenüber ein paar uns nahestehenden Menschen, unseren Familienmitgliedern, den Freunden und Bekannten, dem Geschäftsteilhaber genügt dazu. Denn mit dieser Güte umfassen wir die ganze Welt.

 

Güte bedeutet nicht ein passives Hinnehmen von Unrecht und Dummheit. Sie bedeutet, dass wir Hass mit Liebe und Gier mit Gebefreudigkeit erwidern. Sie besteht darin, dass wir an Stelle von Furcht Vertrauen, von Widerstand Zusammenarbeit, von Unwissen Einsicht und von Ärger Segen setzen.

 

Ich fragte den berühmten Psychologen David Seabury über Herzensgüte. „Es scheint merkwürdig“, sagte er, „dass so wenig Leute wissen, dass Güte das einzige Heilmittel gegen die Einsamkeit ist. Man wird einsam geboren, stirbt einsam, und selbst in den großen Augenblicken des Lebens können wir nicht vollständig an den Erlebnissen anderer teilnehmen. Nur wenn Mitgefühl und Güte die Augen der Seele öffnen, erkennen wir einander vollständig und verstehen das Geheimnis des Herzens des andern. Das ist der Grund, warum alle Schönheit der menschlichen Beziehungen von der Herzensgüte abhängt.“

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14. Grab

 

Das Grab des Herrn - des Christen Hoffnungsstern

       

Wenn die welken Blätter von den Bäumen fallen und die verödete Natur von der Vergänglichkeit alles Irdischen erzählt, dann überlässt sich das fromme Christenherz gerne der Pietätvollen Erinnerung an seine Lieben, die bereits den Erdenschweiß von ihrer Stirn gewischt und in den stillen Gräbern einer seligen Auferstehung entgegenschauen. Im herzlichen Gebet bittet der Gläubige in dieser Zeit, mehr als sonst für die Entschlafenen um Gnade und Erbarmen: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!“ und voll christlicher Liebe ruft er ihnen den altehrwürdigen Friedenswunsch nach: „Sie mögen ruhen in Frieden.“ Und wenn auch bei dieser Erinnerung manche Herzenswunde von neuem schmerzlich bluten will, die christliche Hoffnung weiß den herben Schmerz der Trennung zu mildern und zu verklären.

 

Wir denken an die Grablegung Christi. Nicht unpassend werden wir da an das Grab hingeführt, an dem der Christ in jeglicher Bedrängnis Trost und Stärkung findet, besonders aber in seiner Trauer und seinem Schmerz über den Verlust manch treuer Angehörigen. Wenn es beim Tod mit dem Menschen aus und vorbei wäre, wenn wir keine Hoffnung hätten, unsere Lieben einmal wieder zu sehen, dann freilich wären wir berechtigt, uns der Trostlosigkeit und Verzweiflung hinzugeben. Ja mancher Sterbefall müsste uns wahnsinnig machen oder in den gewaltsamen Tod treiben. Aber – Gott sei gedankt für die Wohltat unseres heiligen Glaubens, freudig darf ein jeder von uns mit dem frommen Hiob ausrufen: „Ich glaube, dass mein Erlöser lebt“: am jüngsten Tag werde ich auferstehen aus der Erde und mit mir alle meine Teuren. Das Grab wird uns nicht behalten. So gewiss Christus siegreich von den Toten auferstanden ist, so gewiss werden auch wir durch Gottes Kraft aus den Gräbern hervorgehen, und so gewiss werden jene unserer Zeitgenossen zuschanden werden, die ihren Mitmenschen und besonders den armen Arbeitern zurufen:

 

„Macht euch das Leben hier auf Erden schön, es gibt kein Jenseits, es gibt kein Wiedersehn.“

 

Ja, es gibt ein Jenseits, es gibt ein Wiedersehn! Der gesagt hat: „Am dritten Tag werde ich wieder auferstehen“ (Mk10,34), der hat auch gesagt: „Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden. Und es werden vorhergehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens; die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes“ (Joh 5,28-29). Die Auferstehung Christi ist also die sichere Bürgschaft für unsere eigene Auferstehung.

 

Darum ziemt es uns nicht nach der Mahnung des Apostels (1 Thess 4,12), übermäßig zu trauern über das Hinscheiden unserer christlichen Mitbrüder gleich den Ungläubigen, die auf keine Auferstehung hoffen. Wohl aber ist es ein heiliger und heilsamer Gedanke, durch Gebet und Opfer den Verstorbenen zu Hilfe zu kommen, auf dass sie recht bald ganz rein befunden und zur ewigen Glorie zugelassen werden. Wir glauben ja an eine Gemeinschaft der Heiligen und diese Gemeinschaft versichert uns, dass wir den Entschlafenen auch im Jenseits noch Trost und Hilfe bringen können. Lassen wir sie nicht vergebens warten.

 

P. Dotzler, O.S.Fr.

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15. Glaubenszweifel

    

1. Eine Hauptquelle vieler Glaubenszweifel.

 

Ein Mann, dessen leichtfertiges Leben ein offenes Geheimnis war, plauderte einmal mit einem geistlichen Herrn: „Nun, Hochwürden, die Religion an sich ist ja wirklich eine schöne und edle Sache, aber Sie müssen doch selbst zugeben, dass es in der Heiligen Schrift Stellen gibt, die nicht deutlich, nicht klar genug sind, z.B. die Wunderberichte. Wie soll man das alles glauben!“ „Sie haben recht, es kommen in der Heiligen Schrift manche Stellen vor, die der Erklärung bedürfen. Das sechste Gebot aber ist z.B. außerordentlich deutlich. Denn es steht geschrieben: Täuschet euch nicht, weder Unzüchtige . . ., noch Ehebrecher werden das Reich Gottes besitzen!“ (1 Kor 6,9)

 

2. Ein Hauptmittel gegen Glaubenszweifel.

 

An einem vielbesuchten Kurort, so erzählt ein bekannter Volksmissionar, wurde in einer großen Gesellschaft von Herren einmal über religiöse Fragen gesprochen. Auch ein Priester befand sich in der Gesellschaft. Diesem erklärte ein Herr, der dem Namen nach Katholik war, dass er einfach nicht glauben könne, er sei an allem irre geworden. In seinem Innern woge es von Zweifeln und Einwänden gegen die katholischen Lehren. Alles Zureden und Beweisen von Seiten anderer habe nichts genützt. Auch die Bücher, die man ihm gab, hätten ihm nicht geholfen. Der Priester antwortete: „Zum Glauben gehört auch ein guter Wille. Ich will Ihnen ein Mittel sagen, das Ihnen sicher hilft: Beten sie täglich einige Ave Maria, um den rechten Weg zu erkennen.“ Der Herr war über diese Worte verblüfft, er hatte sich ohne Zweifel einen anderen Rat erwartet. Nach einigen Tagen aber entschloss er sich wirklich, das einfache Mittel anzuwenden. Und siehe, es half! Nach einem halben Jahr teilte er dem Priester brieflich mit vielem Dank mit, dass er durch Maria den vollen Glauben wiedergefunden habe.

 

3. Ein Rat für jugendliche Zweifler.

 

Tolstoi sagt einmal dem reifenden Menschen: „Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“

 

4. Das letzte Wort des Skeptikers.

 

Rabelais, der berühmte französische Skeptiker und Satiriker, soll kurz vor seinem Tod an seinen Gönner, den Kardinal Bellay, die Botschaft geschickt haben, er stehe eben im Begriff, „das große Vielleicht“ (le grand peut-être) auszuprobieren.

 

5. Die Mahnung eines Heiligen.

 

König Ludwig der Heilige mahnte seine Umgebung wiederholt – wie sein Vertrauter, der Ritter Joinville, berichtet -, besonders in der Stunde des Todes vor Versuchungen gegen den Glauben auf der Hut zu sein, da sich der Satan ganz besonders Mühe gebe, dass der Christ mit irgendeinem Glaubenszweifel aus dem Leben scheide. „Der böse Feind“, sagte er, „weiß genau, dass er dem Menschen die guten Werke nicht entreißen kann. Er sieht auch, dass er keinen Anteil an dem Sterbenden hat, wenn dieser seinen Glauben treu bis zum Ende bewahrt. Darum sei man auf alles gefasst und sage dem Versucher: Hinweg mit dir! Du wirst mich nie und nimmer dazu bringen, dass ich nicht fest und standhaft alles glaube, was der Glaube lehrt. Und würdest du mir alle Glieder einzeln abschneiden, so würde ich trotzdem in dieser Lehre leben und sterben! Wer so handelt, besiegt den Feind mit eben den Waffen, womit er ihn verderben wollte.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 11)

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16. Götzendienst

 

1. Ihr Abgott.

 

Eine Frau hatte im Krieg ihren Mann verloren. Geblieben war ihr ein Sohn, der nun ihres Lebens ganzer Inhalt wurde. Das Kind wurde krank und starb. Die Frau gebärdete sich wie irrsinnig, sie weinte, sie fluchte, sie lästerte. Noch lange nachher drehte sich jedes Gespräch um das Kind, und immer wieder sagte sie: „Es war mein Abgott!“ Die Frau redete damit wahrer als sie selber wusste. Jeder Gott, den wir uns selber schaffen, mag er nun aus Geldgier oder Ehrgeiz oder Mutterliebe oder Familientrieb oder künstlerischem Feingefühl heraus gebildet sein, ist ein Abgott, der den wirklichen, den lebendigen Gott hindert, uns in Besitz zu nehmen.

 

2. Im Tod versinken die selbstgeschaffenen Trugbilder.

 

Im Herbst 1831 wurde Hegel, einer der größten deutschen Philosophen (1770-1831), von der Cholera ergriffen. Ein Menschenalter hatte er studiert und gelehrt. Der Gedanke der „Entwicklung“ war sein Gott gewesen. Als er aber den Tod nahen fühlte, kam es furchtbar schwer über ihn, dass er nicht dem wahren Gott die Ehre gegeben hatte. „Ah“, rief er in seinen letzten Stunden aus (so berichtet seine Gattin), „wenn ich wieder gesund würde, wie wollte ich laut und öffentlich das Evangelium verkündigen!“ Er verurteilte die religiösen Irrtümer, denen er in seinen zahlreichen Schriften gehuldigt hatte. Er ließ sich die Bibel vorlesen und bis zum Tod wiederholte er immer wieder: „Lieber Jesus, Weg des Lebens! Mache doch, dass ich dir ganz ergeben sei, dass dein heiliges Bild in mir sich widerspiegle! Durchdringe mich ganz mit deinem Geist, dass ich reiche Früchte des Glaubens bringe, und dass ich bereit sei für dein himmlisches Reich!“

 

3. Die Wende von den Götzen zu Gott.

 

Als Bischof Remigius von Reims König Chlodwig zur Taufe vorbereitete, ermahnte er ihn, er müsse den Götzen den Abschied geben. Der König hatte Sorge, sein Volk werde es nicht zulassen, dass er die angestammten Götter verlasse. Als er aber mit dem Volk darüber redete, rief das ganze Volk wie aus einem Mund: „Die sterblichen Götter tun wir ab, dem Gott, den Remigius uns als den unsterblichen verkündet, sind wir bereit zu folgen.“ So stand der Taufe nichts mehr im Weg. Es war ein denkwürdiger Tag im Leben des Frankenkönigs, der Weihnachtstag des Jahres 496, als er sich endlich zu Reims vom Bischof Remigius taufen ließ. Alle Bischöfe des Reiches waren zu der Feier erschienen. Mit vielem Gepränge wurde der König zum Gotteshaus geleitet. Die Straßen waren mit buntgewirkten Teppichen geschmückt. Im hohen Dom flimmerten viele hundert Kerzen, der Duft von köstlichem Rauchwerk stieg empor, aus tausend Kehlen erschallten frohe Kirchengesänge. Tief ergriffen fragte der König den heiligen Remigius, ob es im Himmel auch so schön sei. Als der Bischof am Taufbrunnen stand, bereit, den Verehrer der germanischen Götter zu einem Bekenner Christi umzuschaffen, sprach er zu ihm die bedeutungsvollen Worte: „Beuge dein Haupt, stolzer Sugambrer, bete an, was du früher verbrannt, verbrenne, was du früher angebetet hast!“

 

4. Recedant vetera!

 

Ein Missionar, der 18 Jahre lang unter den Kanaken gewirkt hatte, musste wegen Krankheit nach Europa zurückkehren. Da brachten die Eingeborenen kurz vor seiner Abreise zu Hunderten unaufgefordert ihre alten Götterbilder und verbrannten sie vor seinen Augen. Sie sagten: „Pater, das Alte ist vorbei, jetzt bricht die neue Zeit an.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 20)

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17. Gericht

 

Das persönliche Gericht

 

1. Ein Erlebnis als Vorspiel des Gerichts.

 

Ein Überlebender des schweren Eisenbahnunglücks bei Leiferde (Arthur Kummerow) erzählt: „Ich hatte einen Eckplatz am Gang, stieß die Tür auf und setzte meinen rechten Fuß hinaus. In diesem Augenblick war es mir, als ob der Himmel bersten wollte und sich mit dem Brüllen stürzender Gebirge der rasende Donner der Stürme und Meere mischte. Ein Krachen, von dem ich nur den Einsatz hörte, erschütterte die Luft, und mit ihm brachen Dunkelheit, Finsternis und Grauen über mich herein. Mein ganzes Leben floss plötzlich noch einmal an mir vorüber. Aber nicht etwa mit seinen allgemeinen Umrissen, sondern mit den geringfügigsten Einzelheiten. Und jeder Vorfall war von einem Gefühl des Guten oder Bösen begleitet. Es war als ob das Buch des Gerichts vor mir aufgeschlagen worden wäre. Aber langsam versanken alle Vorstellungen. Als ich dann wie aus einem schweren, totenähnlichen Schlaf erwachte, war um mich herum Finsternis. Nun erst vernahm ich, dass Menschen schrien, kreischten und wimmerten. Da wurde es mir klar, was geschehen war: dass ich bei diesem furchtbaren Eisenbahnattentat verschont geblieben war.“ (Anm.: Das Eisenbahn-Attentat bei Leiferde im Landkreis Gifhorn wurde am 19. August 1926 gegen 02:10 Uhr verübt. 21 Tote waren die Folge. Dies war bis heute der folgenreichste Anschlag auf den Eisenbahnverkehr in Deutschland.)

 

2. Der große Augenblick.

 

Als der Einsiedler Pambo hochbetagt starb, waren seine letzten Worte an die versammelten Brüder: „Seit ich hierher an diese einsame Stätte kam und meine Zelle baute, habe ich nie mein Brot umsonst gegessen (vgl. 2 Thess 3,8), sondern nur, was ich mir mit meiner Hände Arbeit erworben habe. Es reut mich kein Wort, das ich geredet habe bis zu dieser Stunde. Jetzt aber muss ich vor Gott hintreten und bin ein Mensch, der nie auch nur angefangen hat, Gott zu dienen.“ (Anm.: Eventuell ist hier der heilige Pambo der Große gemeint, der Vorsteher einer Mönchsgemeinschaft in einer ägyptischen Wüste war. Bei seinem Tod stand auch die heilige Melania an seinem Sterbebett. Um 386 ist der heilige Pambo gestorben und sein Gedenktag ist der 1. Juli.)

 

3. „Dort wird sehr fein gesponnen.“

 

Die selige Josepha Maria von der hl. Agnes aus dem Augustinerinnenorden (+ 21.1.1696) hatte ein Leben voll heiliger Strenge und Frömmigkeit hinter sich, als sie in eine schwere Krankheit fiel. Man hatte ihr bereits die heilige Ölung gegeben, da geriet sie in eine Entzückung. Man hielt sie schon für tot, ihr aber war, als stünde sie vor dem ewigen Richter, der alle ihre Fehler und Mängel mit großer Strenge rügte. Sie kam dann wieder zu sich und lebte sogar noch einige Jahre. Aber sie hatte von da an eine große Furcht vor dem Gericht nach dem Tod und pflegte zu sich zu sagen: „Gib wohl acht, dass du gut lebst und handelst, denn dort wird sehr fein gesponnen.“ Sie hat auch nach dieser heilsamen Erkenntnis gehandelt und wurde darum, als ihr wenige Monate vor ihrem Heimgang die Todesstunde offenbart wurde, von heiliger Freude erfüllt, die noch aus ihren Worten sprach, wenn sie anderen die ihr gewordene frohe Kunde mitteilte. Am Fest der hl. Agnes des Jahres 1696 entschlief sie selig im Herrn. Im Jahr 1888 wurde sie von Papst Leo XIII. seliggesprochen, ihre Heiligsprechung steht bevor.

 

4. Die Entscheidung.

 

In dem berühmten althochdeutschen Muspilli-Lied wird der Übergang der Seele in das andere Leben hochpoetisch also geschildert: „Gleich, wenn sich die Seele auf den Weg erhebt / und sie den Leichnam liegen lässt / dann kommt ein Heer von den Himmelsgestirnen / das andere von der Hölle – da fechten sie darum. / Sorgen mag die Seele, solang das Gericht ergeht / zu welchem der beiden Heere sie gehören wird. / Denn wenn sie zu Satans Gesinde stößt / das leitet sie gleich dorthin, wo ihr Leid geschieht. In Feuer und Finsternis – das ist ein schrecklich Ding. / Wenn sie aber holen, die da vom Himmel kommen / und sie der Engel Eigen wird / die bringen sie sogleich hinauf ins Himmelreich. / Da ist Leben ohne Tod, Licht ohne Finsternis / Wohnung ohne Sorgen, da ist niemand siech. / Wenn der Mensch im Paradies Wohnung nimmt / dem Haus im Himmel, da ist ihm geholfen genug.“

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 447)

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18. Geisterglaube (Spiritismus)

 

 

1. Heidnischer Geisterglaube und seine Opfer.

 

Ein Missionar schreibt aus dem Land der Ibos: „Da ist eine Mutter, der der Tod schon mehrere Kinder geraubt hat. Ihr letzter Sprössling wird ebenfalls krank. Die unglückliche Mutter bricht in laute Klagerufe aus. Die Geister ihrer verstorbenen Kinder verfolgen sie und wollen ihr auch den letzten Spross rauben. Es herrscht der Wahn, der Geist des verstorbenen Bruders verfolge die anderen noch lebenden Brüder. Um die Rache zu verhüten, brechen sie dem kranken Kind alle Glieder und werfen es ins Feuer. Ist es durch Feuer gestorben, so wird die Mutter die anderen Kinder behalten. Zwillingskinder werden in ein Gefäß gesetzt, das man mit Steinen und Gras verstopft, um sie so zu ersticken. Man trägt die kleinen hinaus in den Wald oder zu einem Ort, an dem ein Götze wohnt, da werden sie die Beute der Tiere.“

 

2. Die Tragikomödie des Spiritismus.

 

Ein geradezu erschütterndes Beispiel einer „Geisterbeschwörung“, das er selbst erlebt hat, erzählt Emil Sandt in seinem Buch „Spiritismus“. Alfred, der Sohn einer frommen Frau, war in den Bergen tödlich abgestürzt. Anstatt Trost in der Religion zu suchen, wollte die Mutter durch eine spiritistische Sitzung Näheres über das Los ihres Kindes im Jenseits erfahren. Das Medium war in Trance versetzt, ein Zucken ging durch seinen Körper. Der Hypnotiseur sagte: „Er ist da. Was soll ich fragen?“ Die Mutter zitterte an allen Gliedern, beugte sich vor und sprach: „Alfred, du mein Junge! Bist du denn wirklich hier?“ Das Medium schwieg. Da erbot sich der Hypnotiseur, anstelle der Mutter zu fragen. „Du weißt ja,“ sprach er, „deine Mutter ist hier. Sage uns doch, woher du jetzt kommst und wie es dir geht.“ Da zeigte sich auf dem Gesicht des Mediums eine gewisse Vergnügtheit, und alsbald hörten alle Teilnehmer klar und deutlich von einer festen Männerstimme gesprochen die Worte: „Der Papagei schreit Kuckuck.“ Das Medium aber war ein Mädchen von 17 Jahren. Während die Anwesenden über die Bedeutung dieser zynischen Worte nachdachten, saß die arme Mutter wie von Sinnen da. „Hatte er in seinem Leben etwas mit einem Papagei zu tun?“ fragte der Impresario die niedergeschlagene Mutter. „Nein, nie“, brachte sie kurz hervor. „Oder vielleicht mit einem Kuckuck?“ „Nein, auch nicht!“ „Aber es war doch wenigstens seine Stimme?“ Da plötzlich schreckte alles zusammen, fährt Emil Sandt wörtlich fort. Einige sprangen auf, andere griffen unwillkürlich nach ihren Ohren und kniffen wie im Schmerz die Augen zu. Vom Medium klang ganz unvermittelt und wie ein zischender Stoß ein ganz fürchterliches Lachen in den Raum, so außerordentlich misstönend, dass ich es für schwer halte, einen solchen Ton aus einer menschlichen Kehle überhaupt wiederzugeben. Der Hypnotiseur fuhr herum. Das Medium reckte sich etwas, und der Hypnotiseur sagte gleich darauf: „Er ist schon wieder fort.“ Die arme Mutter hat sich von diesem traurigen Erlebnis nicht wieder erholt. Noch vor ihrem Tod sprach sie mit einem Bekannten darüber. Mochte auch, so meinte sie, die Stimme der ihres Sohnes ähnlich gewesen sein, aber niemals hätte ihr Kind sie ausgelacht und zum Narren gehalten.

 

3. Ein Opfer des Tischklopfens.

 

Aus Gelsenkirchen meldeten die Tagesblätter vor Jahren folgenden Fall: Ein 19jähriges Mädchen gehörte einer Sekte an, die sich mit Tischklopfen beschäftigte. Bei einer solchen Sitzung soll dem Mädchen angekündigt worden sein, dass sie im Laufe des Dezembers sterben würde, ihre Schwester im Januar. Von der Wahnvorstellung gepeinigt, hat sich das Mädchen, da bis zum 31. Dezember der angekündigte Tod sich noch nicht eingestellt hatte, in seiner Dachstube am letzten Tag des Jahres mit Petroleum übergossen und sich dann selbst angezündet. An den erlittenen Brandwunden starb die Unglückliche bald darauf eines furchtbaren Todes.

 

4. Durch Okkultismus zum Wahnsinn.

 

Zu welchen Verirrungen der spiritistische Wahn führen kann, zeigt ein Fall, der in der Kriminalgeschichte wohl einzig dasteht. Ein Mann, der sich viel mit spiritistischen Dingen abgegeben hatte und einem Verein für okkulte Forschung angehörte, war von seinen Ideen derart beherrscht, dass er seine verstorbene 22jährige Tochter zwei Jahre in seiner Wohnung als Leiche aufbewahrte in dem festen Glauben, dass sie eines Tages zu neuem Leben erwachen würde. Die Untersuchung fand ein halbverwestes Knochengerippe. Durch den Wust abergläubischer Ideen waren der unglückliche Mann und seine nächsten Angehörigen völlig verwirrt worden und lebten in einer Gedankenwelt, die sie dem Wahnsinn nahebrachte.

 

5. Ein Kreuzzeichen macht dem Spuk ein Ende.

 

Bischof Anzer von Südschantung in China erzählte dem ehemaligen Domprediger Max Steigenberger in Augsburg, wie er einst bei einem heidnischen Mandarin zum Tee geladen war. Sie setzten sich an die niedrigen Tischchen, auf denen die Tassen standen. Der Mandarin sprach: „Meine Tasse steigt von selbst zu mir herauf.“ Und die Tasse hob sich tatsächlich vom Tisch aufwärts. Der Mandarin trank, ohne sie mit der Hand zu berühren. Die Tasse glitt von selbst wieder durch die Luft herunter auf den Tisch zurück. Das geschah einige Male. Bischof Anzer, der dem Mandarin gegenübersaß, konnte keinerlei Mechanik entdecken, obwohl er ganz scharf aufpasste und die Tasse ihre Bewegung öfter wiederholte. Da dachte er an eine okkulte Gaukelei. Als die Tasse wieder zum Mund des Mandarins emporstieg und bereits wieder auf der Mitte ihres Weges war, machte Bischof Anzer das Zeichen des heiligen Kreuzes über sie. Sofort fiel die Tasse auf den Tisch zurück und ging klirrend in Scherben.

 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 25)

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19. Die Gräueltaten der Calvinisten und Geusen

    

(„Calvinisten“ sind Mitglieder einer theologischen Bewegung, die auf den Lehren des französischen und in Genf arbeitenden „Reformators“ Johannes Calvin beruht. Er lebte von 1509 bis 1564.

„Geusen“, niederländisch geuzen, ist der Name, den sich die niederländischen „Freiheitskämpfer“ während des „Achtzigjährigen Krieges“ (1568-1648) gaben. Das Wort „Geusen“ leitet sich aus dem französischen Begriff „gueux“ (Bettler) ab.)

 

Die Niederlande standen im 16. Jahrhundert unter spanischer Herrschaft. Allerdings hat das Luthertum aus Deutschland und später der Calvinismus aus Frankreich vielen Menschen im Land den Glauben verdorben. Dem Abfall von der Kirche folgte die Empörung gegen den König. Nachdem König Philipp II., der dem katholischen Glauben unerschütterlich treu ergeben war, die Regierung seiner „Erblande“ angetreten hatte, übertrug er die Verwaltung der Niederlande seiner tugendreichen Schwester Margareta, gab ihr ausgezeichnete Männer als Räte an die Seite und ließ ihr zur Sicherung des inneren und äußeren Friedens 3000 Mann spanische Truppen im Land zurück. Das Land war wohlgeordnet, aber es sollte sich des Friedens nicht lange erfreuen. Der Adel, von dem viele verarmt waren und in Schulden steckten, war mit der Regentschaft unzufrieden, weil er selbst gern die Verwaltung des Landes in die Hände genommen hätte, und bildete nun eine geheime feindliche Partei. Als nun der König, um die katholische Kirche gegen die Fortschritte der religiösen Neuerer wirksamer zu beschützen, im Einverständnis mit dem Papst die Zahl der Bischöfe, diese natürlichen Stützen und Wächter des heiligen Glaubens, von fünf auf siebzehn zu vermehren beschlossen hatte, und zugleich die Gesetze seines Vaters gegen die Ketzer in Anwendung bringen ließ, so vereinigten sich die verwegensten Edelleute zu einem Eidbund, dem bald Hunderte beitraten. Als sie einmal mit dem Spottnamen Geusen, d.i. „Bettler“, benannt wurden, so nahmen sie diesen Schimpfnamen als Ehrentitel an. Später bezeichnete man damit überhaupt alle vom katholischen Glauben Abgefallenen. Das geheime Haupt des Bundes gegen den König war Wilhelm, Prinz von Oranien. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr protestantisch erzogen, heuchelte er im Dienst des Kaisers Karl V., der ihn eines großen Vertrauens würdigte, eine gute katholische Gesinnung, während er heimlich doch dem Protestantismus anhing. Mit einem durchdringenden Geist und ruhigem Charakter verband er ein berechnetes Schweigen und eine unbeugsame Beharrlichkeit zum erreichen seiner Zwecke. Heuchelei und List dienten ihm als Mittel, seine Feinde zu täuschen und sich seiner Freunde als Werkzeug bei Ausführung seiner Pläne zu bedienen. Er war der verschlagenste und fürchterlichste Feind des Königs und der Kirche, obgleich er milde und gerecht zu sein sich den Anschein gab. Er wollte die Herrschaft beider in den Niederlanden brechen, um für sich ein unabhängiges Reich zu gründen. – Sobald die Kunde von dem Bündnis des Adels sich verbreitet hatte, erhoben die Anhänger der neuen Lehre kühn das Haupt. Unter dem Schutz der vornehmsten Herren des Landes glaubten die Neuerer sich sicher, und steckten daher ihrer Keckheit keine Grenze mehr. Sie predigten fast in allen Städten öffentlich gegen den katholischen Glauben und lockten viel Volk zu ihren Versammlungen. Anfangs wollten die Obrigkeiten der Stadt es verwehren, aber die Anhänger der neuen Lehre begaben sich bewaffnet zu dem Gottesdienst, und man sah sich gezwungen, um Blutvergießen zu vermeiden, sie ungehindert gewähren zu lassen. – Ihr Hass gegen alles Katholische steigerte sich. Im Monat August 1566 begannen einige Calvinisten, von französischen Landstreichern unterstützt, die Heiligen- Statuen und Bilder längs der Heerstraße umzureißen und zu zerstören. Bald darauf erkühnten sie sich, die Kapellen abzubrechen und alle Zeichen des katholischen Gottesdienstes darin zu vernichten. Diese Kirchenschändung war ein Ruf, der in allen Städten der Niederlande einen abscheulichen Widerhall fand. Der wilde Pöbel, den man gegen die katholischen Gottesdienste aufgehetzt hatte, vereinigte sich mit unzüchtigen Frauen und Männern, brach Kirchen und Klöster auf, verjagte und misshandelte die Priester und Ordensleute, riss die Bilder des Erlösers und der Heiligen um, raubte Gold und Edelsteine, trat die geweihten Gegenstände mit Füßen und trieb solche Schandtaten selbst auf den Treppen der zertrümmerten Altäre, dass es jedem redlichen Menschen Abscheu einflößte. – Wie ein verheerendes Feuer verbreitete sich die Bilderstürmerei. In wenigen Tagen waren die meisten Kirchen, Klöster und Abteien Belgiens durch verwüstende Banden geplündert und geschändet. Die Liebfrauenkirche zu Antwerpen, so reich an schönen Altären und unschätzbaren Meisterwerken früherer Kunst, war der Gegenstand ihrer besonderen Wut. Hier ließen sie nichts unzerstört, mit unzüchtigem Spott warfen sie das Marienbild um, rissen die Gemälde in Stücke, zertrümmerten die Statuen, streuten die heiligen Hostien auf den Boden, schmierten die Schuhe mit den heiligen Ölen, schleppten die Fahnen und priesterlichen Gewänder durch den Kot und füllten so an einem Tag das Maß der losgelassenen Bosheit bis an den Rand. Der Schrecken der Bürger und der Obrigkeiten war so groß, dass niemand auf den Gedanken kam, der Bilderstürmerei mit Gewalt Einhalt zu tun. Ein jeder fürchtete für sein eigenes Leben und Gut, und ehe die allgemeine Bestürzung abnahm, gab es in den überfallenen Städten schon kein einziges äußeres Zeichen der katholischen Gottesverehrung mehr. –

 

Als König Philipp die Nachricht von so unerhörten Gräueln empfing, konnte er, der gewöhnlich so ruhig war, sich nicht bezwingen. Bebend vor Zorn, rief er, indem er sich den Bart ausraufte: „O es soll ihnen schwer zu stehen kommen, ich schwöre es bei der Seele meines Vaters.“ Er ergriff strenge Maßregeln zur Ausrottung einer so verderbenbringenden Saat, und wurde dabei von den echt katholischen Bürgern und vielen Edelleuten unterstützt. Allein er konnte über das tiefwurzelnde Übel nicht vollständig Meister werden, weil die Geusen, die der Eidesverbindung angehörten, beschlossen, gegen den König die Waffen zu ergreifen, und führten diesen Plan auch eiligst aus. Unterstützt von reichen Kaufleuten und vom Ausland warben sie Truppen und führten Krieg zu Wasser und zu Land als Wasser- und als Buschgeusen. Es war ein Krieg nicht nur gegen den rechtmäßigen König, sondern auch gegen die wahre Kirche Jesu Christi. Das zeigten in erschreckendster Weise die verwegenen Wassergeusen, die nicht nur mit ihren Raubschiffen den Spaniern unermesslichen Schaden zufügten, sondern auch durch ihre unmenschliche Grausamkeit der Schrecken aller Katholiken wurden. Ihr Anführer war Wilhelm, Graf von der Mark, der auch der Mörder eines Heiligen wurde (hl. Johannes von Köln). Von katholischen Eltern geboren, hatte Wilhelm als Knabe schon von seinem Erzieher, einem abtrünnigen Mönch, das Gift der calvinischen Irrlehre und einen rasenden Hass gegen alles Katholische eingesogen. Ein Verächter alles Heiligen schnaubte er, wie ein anderer Saulus, Mord und Wut gegen Priester und Ordensleute. O wie viele Geistliche hat er ungerecht ermorden lassen! Als es ihm und seinen aus Seeräubern und Verbrechern bestehenden Banden gelungen war, im Frühling des Jahres 1572 das an der Seeküste liegende Städtchen Brielle zu erobern, und von da allmählich weiter in das Innere Hollands vorzudringen, so erwies er sich überall als geschworenen Todfeind der Kirche und ihrer Diener. Durch die Knechte seines Willens ließ er Heiligtümer entweihen, Altäre umstürzen, Bildnisse Christi und seiner Heiligen zertrümmern, heilige Gefäße rauben, das allerheiligste Sakrament mit Füßen treten und Klöster von Grund aus zerstören. Dürstend nach Mönchs- und Priesterblut ergötzte er sich, wenn er das Henkergeschäft an ihnen ausüben konnte. Einige ließ er schändlich misshandeln und mit vielen Wunden töten, andere an Bäume und Segelstangen hängen und erdrosseln, wieder andere an den Schweif seines Pferdes binden und unter dem Jammer aller Zuschauer weite Strecken schleifen. Solche Untaten verursachten nun Schrecken und Entsetzen an den Orten, wo sie geschahen. Das Gerücht davon aber ging durchs ganze Land, und machte einen Eindruck, wie das grimmige Brüllen eines nahenden Raubtieres. Selbst die Mutigsten wurden verzagt und kleinlaut. Bange Furcht ob der Dinge, die da kommen konnten, lagerten wie eine schwere, schwüle Gewitterwolke über jedem gläubigen Herzen, dem Religion, Kirche und Priestertum noch teuer waren. –

 

(Aus: "Die hundert und zwölf glorreichen Martyrer aus der Ordensfamilie des hl. Dominikus",

von P. Fr. Pius Schweighofer, Graz 1868)

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