Inhalt:

 

1. Ewige Herrlichkeit

2. Erinnerung an den Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten

3. Englische Märtyrer

4. Elisabeth - die königliche Bettlerin

5. Ewiges Leben

6. Engel

7. Elisabeth von Thüringen

8. Ende der Welt

9. Ewiges Leben (2)

10. Ewigkeit

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1. Ewige Herrlichkeit

       

1. Der Glaube des Märtyrers.

 

Als dem heiligen Märtyrer Arkadius während seines qualvollen Märtyriums die Arme und Beine stückweise abgehauen wurden, blickte er mit eiserner Selbstbeherrschung ruhig auf sie und sprach: „Ihr glücklichen Glieder, die ihr gewürdigt werdet, Gott zu dienen. So sehr habe ich euch nicht geliebt, da ihr noch mit meinem Leib verbunden wart, wie jetzt, da ihr von mir getrennt seid. Wir müssen in Gottes Namen kurze Zeit voneinander getrennt werden, damit ihr mir einst als unsterbliche Glieder zurückgegeben werden könnt!“

 

2. Die Hoffnung der Christen.

 

Auf dem St.-Johannes-Friedhof zu Nürnberg lesen wir auf einem Grabstein aus dem Jahr 1628: „Unter diesen Stein, in dieses Grab

einen schwachen Leib ich geleget hab`

bekomm am Jüngsten Tag dafür

einen klaren Leib mit Wonnezier.“

 

3. Morgenrot der kommenden Herrlichkeit.

 

Als Kierkegaard, der große Einsame, im Sterben lag, war sein Neffe, ein Knabe noch, bei ihm und nahm Abschied. Der Sterbende sagte nur: „Ich danke dir, dass du gekommen bist.“ Aber diese Worte, so erzählte der Neffe in späteren Jahren, wurden von einem Blick begleitet, wie er ihn nie gesehen hatte. Er strahlte in einem erhabenen, seligen, verklärten Glanz, so dass es schien, als werde das ganze Zimmer hell. Alles war in dem Lichtquell dieser Augen gesammelt: innige Liebe, selig aufgelöste Wehmut, durchschauende Klarheit und ein scherzendes Lächeln. Es war dem Knaben wie eine himmlische Offenbarung, ein Herausströmen von der einen Seele zu der anderen, ein Segen, der neuen Mut, neue Kraft und Verpflichtung einflößte.

 

4. Das unaussprechliche Wunder.

 

Der heiligen Katharina von Siena zeigte der Herr einmal in einer Entzückung nur einen Strahl der himmlischen Glorie. Als die Heilige wieder zu sich kam, rief sie aus: „Ich habe Wunder gesehen! Ich habe Wunder gesehen!“ Ihr Beichtvater drängte sie, die Wunder näher zu beschreiben. Sie aber sagte: „Menschliche Worte sind nicht imstande, die Schönheit der himmlischen Schätze auch nur einigermaßen zu schildern.“

 

5. Der Weg zur Herrlichkeit.

 

Als der Frankenkönig Chlodwich zu Reims vom heiligen Remigius getauft wurde, geriet er ob all der Pracht, die er rings im festlich geschmückten Gotteshaus sah, in freudiges Staunen. Er fragte den Heiligen: „Vater, ist dies das Reich, das du mir versprochen hast?“ „Fürst,“ sprach der Heilige, „das ist nur ein Schatten davon.“ Dann wies er auf den Taufstein hin und sagte zum König: „Siehe hier die Tür, die dich dahin führt.“

 

6. Der große Umschwung.

 

Ein Geistlicher tröstete eine alte Frau im Armenhaus. Während er über die Herrlichkeiten des kommenden Lebens sprach, kam ein heller Glanz über des Mütterleins abgehärmte Züge. Er fragte sie, was sie so glücklich mache. Da gab sie ihm zur Antwort: „O, ich dachte daran, wie anders es sein wird, wenn Christus mich aus diesem Armenhaus in sein Vaterhaus führen wird!“

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 454)

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2. Erinnerungen an den Aufenthalt

der heiligen Familie in Ägypten

       

Unzählige Reisende suchen alljährlich den wolkenlosen Sonnenschein, den stets ungetrübt heiteren Himmel Ägyptens auf, darunter auch viele Jerusalempilger, die auf dem Heimweg Nil und Pyramiden kennen lernen wollen. Was immer sie hergeführt haben mag, die wenigsten verlassen Kairo, ohne einen Ausflug nach Heliopolis, heute Matarieh, unternommen zu haben.

Denn Geschichte und Legende verleihen dem unscheinbaren Ort besondere Anziehungskraft: dem Altertumsforscher bietet sich ein interessanter Ausflug zum Tempel des alten Sonnengottes, andere können frommen Sinnes die Stätten besuchen, an denen die hl. Familie zur Zeit der Verbannung geweilt haben soll.

Einer alten Überlieferung zufolge hätten nämlich die heiligen Flüchtlinge in dem kleinen Dorf Aufenthalt genommen, das hart an dem schon damals verlassenen und fast zerstörten Heliopolis lag. Eine Quelle und ein Baum führen heute noch den Namen "Baum und Quelle der allerheiligsten Jungfrau".

 

Am weitesten lassen sich die Spuren der Marienquelle verfolgen. Die Pilger alter Zeit erwähnten sie häufig in ihren Aufzeichnungen. Die älteste Spur findet sich in den kirchlichen Büchern der Kopten, welche erzählen, dass der Heiland in Matarieh eine wunderbare Quelle entspringen ließ. Das gleiche sagt ein Schriftsteller der ersten christlichen Jahrhunderte in einer Erzählung über das Jugendleben des Herrn. Die ältesten Zeugen weisen auch hin auf die der Quelle stets von den Mohammedanern infolge der ihr innewohnenden Wunderkraft bezeugte Verehrung; dieselbe hatte zur Folge, dass man im 14. Jahrhundert einen nahen Ort, der zur Zeit des Propheten Jeremias "Beth-Schems", "Haus der Sonne", hieß, nun mehr "Ain-Schems", Quelle der Sonne", nannte.

 

Eine so weit zurückgehende Überlieferung macht es wahrscheinlich, dass die göttliche Allmacht in dieser Quelle auf besondere Weise tätig war. Übrigens müsste schon das bloße Vorhandensein einer wirklichen Quelle mitten im angeschwemmten Boden, weit von den Bergen als eine außergewöhnliche Tatsache bezeichnet werden, zumal wenn man bedenkt, dass es in dieser Gegend kaum acht- oder zehnmal im Jahr regnet.

 

Heutigen Tages lässt sich die Existenz der Quelle in keiner Weise mehr feststellen, denn das Wasser des Brunnens von Matarieh unterscheidet sich wenig von dem, welches die Wasserwerke im Umkreis von 2 Kilometern liefern, und sein Wasserspiegel steigt und fällt je nach dem Stand des Nil. Jedenfalls vermengt sich sein Wasser gänzlich mit demjenigen, das vom nahen Fluss her durch die Erde sickert. Wie man beim Obelisken von Heliopolis beobachten kann, haben sich nämlich das Bett des Nil sowie der Erdboden derartig gehoben, dass der Grund des Stromes jetzt ungefähr auf der Höhe der Erdoberfläche zur Zeit Jesu Christi steht.

 

Die Überlieferung meldet außerdem, dass die Quelle des Gartens von Matarieh infolge eines Bades des Jesuskindes in ihren Fluten wohlschmeckend und süß geworden sei. In der Tat ist das Wasser des Brunnens auch gegenwärtig erheblich weniger salzhaltig als das aller anderen Brunnen der Umgebung; in früheren Zeiten wurde es mit Vorliebe für die Tafel des Paschas geholt. Jetzt wird es durch zwei rohe Hebungswerke, welche von großen Ochsen getrieben werden, in ein gemauertes Behältnis geschöpft und von hier in den Garten geleitet. Einfache Tonkrüge an Stricken von Palmenfasern und unförmige hölzerne Räder besorgen dieses Geschäft. Pilger aus dem 15. Jahrhundert erwähnen ein großes Wasserbecken, von dem sich aber keine Überbleibsel mehr vorfinden.

 

Der Baum der Muttergottes steht ungefähr 40 m östlich von der Quelle, am Ende des den Pilgern zugänglichen Teiles des Gartens.

 

Das oben erwähnte Jugendevangelium des Heilandes berichtet, dass die hl. Familie "die Stadt der Götzen" (Heliopolis) verließ und sich bei der Sykomore (wilder Maulbeer-Feigenbaum) von Matarieh niederließ.

Daran knüpfen sich mancherlei Legenden, welche uns durch Pilgeraufzeichnungen überliefert worden sind. So heißt es z.B., der Stamm habe sich wunderbarer Weise geöffnet, um der hl. Familie Zuflucht vor Übeltätern, die sie verfolgten, zu gewähren, oder sie hätten nirgends Unterkunft gefunden, bis der Baum sich auftat und sie in seinem Inneren Wohnung nahmen.

 

Was immer an diesen Legenden sein mag, eines steht fest, dass nämlich schon im 2. Jahrhundert dem Baum Verehrung entgegengebracht wurde, weil Jesus und Maria in seinem Schatten geweilt. Er ist ohne Zweifel ein uraltes Exemplar und wäre noch recht stattlich, würden die Pilger nicht beständig Holz vom morschen Stamm herunterschnitzeln und Blätter von den herabhängenden Zweigen zupfen. Die arabischen Wächter des Gartens sind leider weit davon entfernt, diesen Unfug zu steuern, ja, ein entsprechendes Trinkgeld macht sie zu willigen Helfershelfern.

Hat die hl. Familie wirklich im Schatten eben dieses Baumes gerastet? Wir glauben es nicht, sondern halten es mit denen, welche die Anpflanzung des gegenwärtigen Stammes in das Jahr 1672 verlegen und meinen, sein Vorgänger sei mehrere Jahre später vollständig eingegangen. Doch sind wohl beide Schößlinge des ursprünglichen Wurzelstockes. Jedenfalls verehren wir vor allem den Ort selbst und nicht gerade den Baum. Dieser ist also nur ein Denkmal, ein Merkstein teurer Erinnerung. Nach der Schlacht von Heliopolis, am 20. März 1800, als 10.000 Franzosen 80.000 Türken geschlagen hatten, soll General Kleber hierher gekommen sein und mit der Säbelspitze seinen Namen in die Rinde des geheiligten Baumes geschnitten haben. Unter den Tausenden, welche den Stamm bedecken, wird sich die Inschrift wohl schwerlich auffinden lassen.

 

Doch verfolgen wir die Überlieferung hinsichtlich der Verbannung der hl. Familie in Ägypten noch etwas weiter zurück.

 

Mehrere geschichtliche Tatsachen, die sich in Heliopolis zugetragen haben, können als eine Art Vorspiel des Aufenthaltes Jesu im Land der Pharaonen aufgefasst werden.

Der Patriarch Josef, ein alttestamentliches Vorbild des Erlösers und auch seines heiligen Nährvaters, hat sich höchstwahrscheinlich in dieser Stadt aufgehalten, denn er vermählte sich mit der Tochter des Hohenpriesters daselbst. Ferner soll Mose, der leuchtende Vorläufer des Heilandes, den die hl. Schrift "in aller Weisheit Ägyptens unterrichtet" nennt (Apg. 7,22), nach einer verbreiteten Annahme in Heliopolis in die hohe Wissenschaft eingeweiht worden sein.

 

Auch die Propheten künden die Ankunft des Herrn vorher. So lesen wir bei Jesaja: "Siehe, der Herr setzt sich auf eine leichte Wolke und kommt nach Ägypten, da beben die Götzen Ägyptens von seinem Antlitz" (19,1). Diese Worte beziehen viele heilige Väter auf den alten Bericht, dass die Götzenbilder von Heliopolis beim Nahen Jesu von ihren Standorten herabgefallen seien. Einen anderen Beweis für das Verweilen des Herrn in der Nähe dieser Stadt fand der gelehrte Schriftausleger P. Patrizi aus der Gesellschaft Jesu, gestützt auf den hl. Hieronymus und den hl. Thomas von Aquin, in den Worten des Propheten Hosea (11,1): "Ich habe meinen Sohn aus Ägypten berufen." Die Weissagung könne, so meint er, wörtlich oder bildlich aufgefasst werden. Dem Wortsinn nach bezeichnen sie das auserwählte Volk, das zur Zeit des Mose aus Ägypten herausgeführt wurde, vorbildlich aber die Rückkehr Jesu ins Judenland nach dem Tod des Herodes. Der Evangelist Matthäus sagt ja ausdrücklich (2,15): "Und Josef blieb in Ägypten bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was von dem Herrn durch den Propheten gesagt worden ist, der da spricht: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen."

 

Das Land Ägypten, aus dem der Herr das israelische Volk rief, war die Gegend von Gessen, welche allein zur Zeit der Pharaonen von den Juden bewohnt wurde. Ja, "Ägypten" bezeichnet an allen Stellen der Bibel, welche auf die Gefangenschaft Israels Bezug haben, einzig das Land Gessen. Dasselbe ist also auch der Fall bei der Anwendung der Stelle des Hoseas auf den Heiland. Das Ägypten des Evangeliums steht für Gessen, welches 3 Hauptstädte hatte: Pithom, Ramesses und On oder Heliopolis. Überlieferung und Denkmäler machen es aber wahrscheinlich, dass wir in dem letzteren, genauer gesagt im nahen Matarieh, den ständigen Aufenthaltsort der hl. Familie während der Verbannung zu suchen haben.

Von den beiden ersten Wohnstätten des fleischgewordenen Wortes, dem Häuschen von Nazaret und der Grotte von Betlehem, kann sich die betrachtende Seele leicht ein wahrheitsgetreues Bild machen; aber wie mag das Heim des göttlichen Kindes in Ägypten ausgesehen haben? Mit voller Gewissheit es zu sagen, ist wohl schwer, da wir keinen Stein mehr davon besitzen. Es ist dies auch nicht zu verwundern. Denn im alten Ägypten galten Lehmhäuser als dauerhaft genug für dieses vergängliche Erdendasein; nur die "Unsterblichen", d.h. die Götter und die Verstorbenen, erhielten steinerne Bauten. Daher sind alle Denkmäler der staunenswerten ägyptischen Baukunst entweder Tempel oder Gräber, während selbst von den Palästen der ehemaligen Herrscher des Landes, der Pharaonen, so gut wie nichts erhalten geblieben ist.

 

Zur Zeit des Heilands waren also die ägyptischen Wohnhäuser durchgehend aus Ziegeln ausgeführt, die nicht gebrannt, sondern einfach an der Sonne getrocknet wurden. Regen, Hitze und Stürme vollbrachten da leicht ihr Zerstörungswerk. Trotzdem wollen wir versuchen, eine Vorstellung des Häuschens von Matarieh zu geben.

 

Wenn heutzutage eine arme ägyptische Familie ihre Heimstätte verlässt, um sich anderswo niederzulassen, so lagert sie zunächst auf einem herrenlosen Grund in der Nähe eines Dorfes, meist in der Wüste, falls der Ort, wie Matarieh, hart an derselben liegt. Dann schreitet man zur Errichtung der Wohnstätte, die gar bald fix und fertig dasteht. Die Mauern führt man aus Erde auf, Tür und Dach aus Gestrüpp, welches Schilf und einige Holzstücke festhalten. Diese Art und Weise zu bauen, ist offenbar sehr billig; will man eines Tages weiterziehen, so verliert man wenig oder nichts. Wir meinen nun, der hl. Josef wird es ähnlich gemacht haben. Nachdem er nach Matarieh gekommen war und am Rand der Wüste im Schatten eines wilden Maulbeer-Feigenbaumes eine Lagerstätte gefunden, wird er daran gegangen sein, ein ärmliches Häuschen zu bauen. Vielleicht half ihm dabei ein barmherziger Glaubensgenosse aus Matarieh, der mit den Landessitten vertraut war. Das Gotteskindlein ließ indessen eine Quelle entspringen, wohl um seiner hl. Mutter die Mühe zu sparen, das nötige Wasser von Tür zu Tür betteln zu müssen.

 

Dieses heilige Plätzchen haben die Gläubigen in späteren Zeiten gehegt und mit Bäumen und Mauern zu einem Garten umgewandelt.

 

Über die Errichtung der Wohnung Jesu haben die Alten nichts aufgezeichnet. Kürzlich fand man jedoch in mehreren Tempeln und Gräbern einige kleine Tonmodelle von gewöhnlichen Wohnhäusern, vermutlich Opfergaben an die Götter. Diese Entdeckung lässt uns mit ziemlicher Sicherheit Schlüsse auf die Bauart des Hauses Jesu ziehen; denn obschon die Häuser offenbar vornehmen Leuten gehörten und im einzelnen kleine Verschiedenheiten aufweisen, so haben sie doch eine gemeinsame Anlage, die mehr oder weniger allen Häusern der Gegend eigen gewesen sein wird.

Das einfachste dieser Häuschen, dem das des Heilandes gewiss am ähnlichsten war, erscheint nach außen als ein Viereck aus Lehmwänden. In der Mitte der niedrigsten Mauer ist die Türöffnung. Durch sie dringt man zunächst in einen kleinen Hof; an die rückwärtige Mauer lehnt sich ein offener Schuppen aus Pfosten, mit Reisig gedeckt an. Dieses flache Reisigdach dient als Terrasse, welche von drei Seiten durch die etwas erhöhten Umfassungsmauern eine Brüstung erhält. Den Zugang zu ihr bildet eine schmale Stiege aus Reisig und getrockenetem Lehm, die an die linke Umfassungsmauer wie angeklebt erscheint. Der Raum unter der Treppe bildet einen geschlossenen Winkel, ebenso lässt sich ein Teil des Schuppens abschließen.

 

Um das Gesagte nochmals kurz zu wiederholen, haben wir gesehen, dass eine bis in die ersten christlichen Zeiten hinaufreichende Überlieferung Matarieh als Aufenthaltsort der hl. Familie bezeichnet und dass selbst mehrere Stellen der hl. Schrift dies anzudeuten scheinen. Wir können hinzufügen, dass kein einziges Denkmal gegen diese Behauptung ist. Die sechs Jahrhunderte vor den Kreuzzügen sind freilich für solche Forschungen fast unzugänglich; denn Religionskämpfe und Verfolgungen hüllen die Kirchengeschichte Ägyptens jener Zeit in ein fast undurchdringliches Dunkel. Wer immer die christliche Vergangenheit der Kopten, ihrer Kirchen und Klöster studiert, weiß dies zur Genüge.

 

Es ist aber sicher, dass die Kreuzfahrer bei Christen und Mohammedanern dieselbe Ansicht von Matarieh fanden, welche in den ersten christlichen Jahrhunderten herrschte, ja, sogar die Stelle des Wohnortes wusste man genau anzugeben: bei der Quelle und der Sykomore im Balsamgarten, wie man den Platz später nannte. Zur weiteren Erhaltung der Überlieferung bis auf unsere Tage trug bedeutend bei, dass die Paschas von Ägypten sich des hl. Ortes bemächtigten und ihm besondere Pflege angedeihen ließen. Dies setzte sich unter den Besitzern, den Khediven, den osmanischen Vizekönigen, fort.

 

Seit dem Jahr 1883 erhebt sich eine hübsche Muttergotteskapelle ganz nahe der Quelle und dem Baum über einem die Grotte von Lourdes nachbildenden Felswerk. Im Garten davor bemühte man sich, solche Pflanzen zu ziehen, deren Duft, Schönheit und Größe nach dem Sprachgebrauch der hl. Kirche und der hl. Schrift ein Bild der Vollkommenheiten Mariens sind. Im Innern der Kapelle gaben der reiche Schmuck und die Votivgaben Zeugnis von der Frömmigkeit der Gläubigen und von den Gnaden, die ihnen hier zuteil wurden. Das Altargemälde stellt die hl. Familie vor, wie sie unter dem Baum von Matarieh ruht; das göttliche Kind zeigt freudig seiner Mutter die Quelle, die es soeben hat hervorsprudeln lassen. Das hochverehrte Bild wurde im Auftrag des verstorbenen Jesuitengenerals P. Beckx von dem römischen Maler Gagliardi eigens für Matarieh gemalt. Die Klostergemeinden von Kairo, die dortigen Bruderschaften, zahlreiche Pilger verschiedenster Länder, in letzter Zeit namentlich die französischen "Buß-Pilgerzüge" der Patres Assumptionisten, besuchten alljährlich die heilige Stätte. Aber oft schon nötigte die große Zahl der Andächtigen zur Abhaltung des feierlichen Gottesdienstes unter freiem Himmel.

Der Bau einer geräumigeren Kapelle in Matarieh schien daher ein dringenden Bedürfnis. Aus den Beiträgen der Wallfahrer und milden Gaben christlicher Familien, welche den besonderen Segen des Gotteskindes ihren Kleinen sichern wollten, wurden die Mittel erbracht und im Sommer 1902 das Werk begonnen. Die ebenso ergreifende als einfache Inschrift über dem Eingang lautete:

 

"Der hl. Familie, die in Ägypten in Verbannung weilte."

 

 

Apokryphes Pseudo-Matthäusevangelium

Kap.16-24:

 

Die Magier aus dem Osten

und die Flucht nach Ägypten

 

16.1. Nach zwei Jahren kamen Magier aus dem Osten nach Jerusalem und brachten ansehnliche Geschenke. Sie befragten die Juden eindringlich und sagten: "Wo befindet sich der König, der euch geboren worden ist?

Wir haben nämlich seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, ihm Ehre zu erweisen."

Dieses Gerücht gelangte zum König Herodes. Und es erschreckte ihn derart,

dass er Boten zu den Schriftkundigen, den Pharisäern und den Lehrern des Volkes schickte, damit er herausbekomme, wo nach der Voraussage der Propheten Christus geboren werden sollte.

Sie sagten ihm: "In Betlehem in Judäa. So nämlich steht geschrieben:

Und du, Betlehem in Juda bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas. Denn aus dir wird hervorgehen der Führer, der mein Volk Israel regieren wird."

Da ließ Herodes die Magier kommen und forschte bei ihnen sorgfältig nach dem Termin, zu dem sie den Stern entdeckten.

Er schickte sie nach Betlehem und sagte: "Geht und fragt sorgfältig nach dem Knaben! Und wenn ihr ihn gefunden habt, macht mir Meldung, damit auch ich hingehe und ihm huldige!"

 

2. Als sich die Magier auf dem Weg befanden, erschien ihnen der Stern.

Er zog ihnen voraus, als wenn er ihnen als Herold diene, bis sie zu der Stelle kamen, wo sich der Knabe befand. Als sie aber den Stern erblickten, ergriff sie eine große Freude. Sie betraten das Haus und fanden das Jesuskind auf dem Schoss der Mutter sitzend.

Dann taten sie ihre Schätze auf, und mit ungeheuer wertvollen Gaben beschenkten sie Maria und Josef. Dem Kind selbst aber brachten sie jeder ein Goldstück dar. Danach überreichte einer Gold, der andere Weihrauch und der dritte Myrrhe.

Als sie zu Herodes zurückkehren wollten, wurden sie bei Nacht von einem Engel davor gewarnt, wieder zu Herodes zu gehen.Sie indessen erwiesen sie dem Kind Ehre in all ihrer Freude, und schließlich kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

 

17.1. Als Herodes sah, dass die Magier mit ihm ihr Spiel getrieben hatten,

entbrannte sein Herz vor Zorn. Er schickte Häscher auf alle Straßen, um sie zu verhaften und umzubringen. Als er sie überhaupt nicht ausfindig machen konnte, schickte er Schergen nach Betlehem und ließ alle Kinder von zwei Jahren und jünger ermorden, entsprechend der Zeit, die er von den Magiern erfragt hatte.

Einen Tag, bevor das geschehen sollte, wurde Josef im Schlaf von einem Engel des Herrn ermahnt, der ihm sagte: "Nimm Maria und das Kind, und zieh auf einer abgelegenen Straße nach Ägypten!"

Josef aber machte sich auf den Weg, wie ihm der Engel geboten hatte.

 

18.1. Als sie an eine Höhle kamen und in ihr rasten wollten, stieg Maria vom Lasttier, setzte sich nieder und nahm Jesus auf den Schoss. In der Begleitung Josefs waren drei Knaben und bei Maria ein Mädchen, die die Reise mitmachten.

Und siehe, plötzlich kamen aus der Höhle viele Drachen, vor deren Anblick die Kinder vor bangem Entsetzen laut aufschrien.

Da stieg Jesus vom Schoss seiner Mutter herab und stellte sich vor den Drachen auf seine Füße. Sie aber fielen huldigend vor ihm nieder, und nach dieser Huldigung entfernten sie sich. Da ging in Erfüllung, was der Prophet David voraussagte:

"Lobt den Herrn, ihr Drachen der Erde, Drachen und alle Abgründe!"

 

2. Das Jesuskind selbst aber ging vor den Drachen einher und gebot ihnen, dass sie keinem Menschen etwas antaten. Doch Maria und Josef befürchteten sehr, das Kind könnte von den Drachen verletzt werden.

Jesus sagte zu ihnen:

"Habt keine Furcht, und zieht nicht in Betracht, dass ich ein Kind bin!

Ich bin nämlich immer schon vollkommen gewesen und bin es;

alle wilden Tiere der Wälder müssen vor mir zahm werden."

 

19.1. Gleicherweise huldigten ihm Löwen und Panther und begleiteten ihn in der Wüste. Wohin Maria und Josef auch gingen, schritten sie ihnen voran,

zeigten den Weg und neigten wiederum die Köpfe zur Huldigung vor Jesus.

Am ersten Tag, da Maria die Löwen und die verschiedenen Arten wilder Tiere um sich herum laufen sah, hatte sie große Furcht.

Das Jesuskind schaute ihr mit frohem Blick ins Gesicht und sagte:

"Fürchte dich nicht, Mutter! Sie eilen nicht herbei, um dir Gewalt anzutun, sondern kommen, um ihre Gunst zu bezeigen."

Durch diese Worte nahm er die Furcht aus ihren Herzen.

 

2. Die Löwen aber schritten mit ihnen einher, zusammen mit Ochsen, Eseln und den Packtieren, die ihnen trugen, was sie benötigten. Und sie fügten niemand ein Leid zu, obgleich sie mit ihnen zusammenblieben. Vielmehr waren sie zahm unter den Schafen und Widdern, die sie aus Judäa mitgeführt hatten und bei sich behielten. Unter Wölfen gingen sie einher und hatten keine Furcht. Kein Tier wurde von einem anderen verletzt. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten gesagt worden war:

"Die Wölfe weiden mit den Lämmern. Löwe und Ochse fressen zusammen Stroh."

Sie hatten zwei Ochsen und einen Lastwagen, in dem sie das Notwendige transportierten. Die Löwen wiesen ihnen den Weg.

 

20.1. Am dritten Tag ihrer Reise geschah es, dass Maria von der allzu großen Sonnenglut in der Wüste müde wurde, und als sie einen Palmbaum sah, sprach sie zu Josef:

"Ich möchte in seinem Schatten ein wenig ausruhen."

Josef aber führte sie eilends zu der Palme und ließ sie von dem Lasttier absteigen. Als Maria sich niedergelassen hatte, schaute sie zur Krone der Palme hinauf und sah sie voller Früchte.

Sie sagte zu Josef:

"Wenn es möglich ist, möchte ich gern von den Früchten der Palme haben."

Josef sprach zu ihr:

"Es wundert mich, dass du dies sagst, weil du sehen kannst, wie hoch die Palme ist, und dass du trotzdem darüber nachdenkst, von den Palmfrüchten zu essen. Ich denke eher über unseren Wassermangel nach, da uns das Wasser in den Schläuchen zur Neige geht und wir nichts haben, womit wir uns und die Lasttiere erfrischen könnten."

 

2. Da sagte das Jesuskind, das mit fröhlicher Miene auf dem Schoss seiner Mutter saß, zu der Palme: "Neige dich, Baum, und erfrische meine Mutter mit deinen Früchten!"

Und sogleich auf diesen Ruf neigte die Palme ihre Krone bis zu den Füßen Marias, und man sammelte von ihr Früchte, an denen sich alle gütlich taten.

Als man alle Früchte von der Palme geerntet hatte, blieb sie in geneigter Stellung in der Erwartung, sich auf Befehl dessen wieder aufzurichten, auf dessen Geheiß sie sich geneigt hatte.

Da sprach Jesus zu ihr:

"Richte dich auf, Palme, und komm wieder zu Kräften! Sei Genossin meiner Bäume, die im Paradies meines Vaters stehen! Öffne aber unter deinen Wurzeln eine Wasserader die in der Erde verborgen ist, und aus ihr sollen Wasser fließen, um unseren Durst zu stillen!"

Sogleich richtete die Palme sich auf, und an ihren Wurzeln begannen ganz klare, frische und ganz süße Wasserquellen zu sprudeln.Als sie aber die Wasserquellen sahen, freuten sie sich ungemein. Sie löschten den Durst zusammen mit allen Lasttieren und Menschen und sagten Gott Dank.

 

21. Am nächsten Tag zogen sie von dort weiter, und zu der Stunde, als sie sich auf den Weg machten, wandte sich Jesus um und sagte zu der Palme:

"Dieses Vorrecht gebe ich dir, Palme, dass einer von deinen Zweigen von meinen Engeln weggetragen und im Paradies meines Vaters eingepflanzt wird. Diesen Segen will ich auf dich übertragen, dass alle, die in einem Wettstreit siegen, die Zusage erhalten: Ihr habt die Siegespalme erlangt."

Als er dies sagte, siehe, da erschien ein Engel des Herrn, blieb über dem Palmbaum stehen, nahm einen von seinen Zweigen und flog zum Himmel, den Zweig in seiner Hand haltend.

Als sie dies sahen, fielen sie auf ihr Angesicht und waren wie tot.

Jesus redete sie an und sagte: "Warum erfasst Furcht eure Herzen?Wisst ihr nicht, dass diese Palme, die ich ins Paradies tragen ließ, für alle Heiligen am Ort der Erfrischung bereitstehen wird, wie sie für uns in der Wüste bereitstand?"

Und sie erhoben sich alle, von Freude erfüllt.

 

22.1. Als sie weiterzogen, sagte Josef zu ihm:

"Herr, diese Hitze brät uns allzusehr. Wenn es dir recht. ist, wollen wir den Weg am Meer entlang nehmen. Dann konnten wir die Küstenstädte durchwandern und uns Ruhe gönnen."

Jesus sagte: "Hab keine Furcht, Josef! Ich werde den Weg für euch abkürzen;

dann könnt ihr den Weg, für den ihr dreißig Tage braucht, an diesem einen Tag zurücklegen."

Während sie so redeten, siehe, da erblickten sie schon die Berge Ägyptens und seine Städte.

 

2. Freudig und jubelnd kamen sie im Gebiet von Hermopolis an, und sie betraten eine der Städte Ägyptens mit Namen Sotinen. Und weil sich in ihr kein Bekannter fand, bei dem sie als Gäste hätten weilen können, gingen sie in einen Tempel, den man Kapitol Ägyptens nannte.In diesem Tempel waren 365 Götterbilder aufgestellt, denen an den einzelnen Tagen in götzendienerischer Weise göttliche Ehre erwiesen wurde.

 

23. Als die seligste Maria mit ihrem Kindlein den Tempel betreten hatte, geschah es, dass sämtliche Götterbilder zur Erde stürzten,so dass sie alle gänzlich umgestürzt und zerbrochen auf ihrem Angesicht lagen. Auf diese Weise erteilten sie klar die Lehre, dass sie nichts waren. Da wurde erfüllt, was der Prophet Jesaja gesagt hatte (Jes 19,1):

"Siehe, der Herr wird auf einer leichten Wolke kommen und in Ägypten Einzug halten; vor seinem Angesicht werden alle Machwerke der Ägypter zittern."

 

24. Als dies Afrodisius, dem Herzog dieser Stadt, gemeldet worden war, kam er mit seinem ganzen Heer zum Tempel. Als die Oberpriester des Tempels sahen, dass Afrodisius mit seinem ganzen Heer zum Tempel eilte,

machten sie sich darauf gefasst, die Rache an denen zu sehen, die den Sturz der Götter verursacht hatten.

Jener aber betrat den Tempel, und als er alle Götterbilder auf ihrem Angesicht danieder gestreckt liegen sah, trat er zu Maria hin und huldigte dem Kind, das sie an ihrem Busen trug.

Und als er es angebetet hatte, redete er das gesamte Heer sowie seine Freunde an und sprach:

"Wenn dieser nicht der Gott unserer Gottheiten wäre, so wären unsere Götter gewiss nicht vor ihm auf ihr Angesicht gefallen, und sie würden nicht in seiner Gegenwart niedergestreckt daliegen. So bekennen sie sich stillschweigend zu ihm als ihrem Herrn. Wenn wir aber nicht in weiser Vorsorge alle das tun, was wir unsere Götter tun sehen, laufen wir Gefahr, ihn zu erzürnen und dem allgemeinen Untergang zu verfallen, wie es Pharao, dem König der Ägypter, ergangen ist, der, weil er solchen Wundern nicht glaubte, mit seinem ganzen Heer im Meer unterging."

Da glaubte die ganze Bevölkerung dieser Stadt an Gott, den Herrn,

durch Jesus Chnstus.

 

Arabisches Kindheitsevangelium:

 

Die Flucht nach Ägypten

 

10.1. Während Josef überlegte, wie er seine Reise bewerkstelligen solle,

kam der Morgen über ihn; er war schon ein kleines Stück Weges gegangen

Er näherte sich bereits einer großen Stadt, in der es ein Götterbild gab,

dem die übrigen Götzen und göttlichen Wesen der Ägypter Gaben und Gelübde darbrachten. Bei diesem Götterbild war ein Priester, der ihm zu Diensten stand.

Jedesmal, wenn Satan aus dem Götterbild heraus redete, berichtete er den Bewohnern Ägyptens und seiner Gaue. Dieser Priester hatte einen dreijährigen Sohn, der von einigen Dämonen besessen war.

Er redete und erzählte viel, und wenn die Dämonen ihn überfielen, blieb er nackt zurück, weil seine Kleider zerrissen waren, und er bewarf die Leute mit Steinen.

 

2.Es befand sich aber in jener Stadt ein Krankenhaus, das jenem Götzen geweiht war. Dorthin kamen Josef und die Herrin Maria, und sie hielten sich in diesem Krankenhaus auf. Die Bürger der Stadt gerieten in Furcht,

und alle Fürsten und Götzenpriester kamen zu dem Götterbild und fragten:

"Woher kommt dieses Wanken und Beben in unserem Land?"

Das Götterbild gab zur Antwort:

"Hierher ist ein verborgener Gott gekommen, der wirklich Gott ist. Kein Gott außer ihm ist würdig, wie Gott verehrt zu werden, denn er ist wahrhaftig Gottes Sohn.

Als diese Erde ihn deutlich bemerkte, erbebte sie und wurde durch seine Ankunft geschüttelt und erschüttert, und wir sind in großer Furcht ob seiner gewaltigen Macht."

Zur selben Stunde stürzte dieses Götterbild in sich zusammen, und bei seiner Ruine strömten alle Bewohner von Ägypten und andere Menschen zusammen.

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3. Englische Märtyrer

 

Die englischen Märtyrer und das heiligste Altarsakrament

       

In zwei Hauptpunkten, in dem Hass gegen den Papst und dem Hass gegen die Heilige Messe, hat die englische Staatskirche ein volles Maß des lutherischen und calvinischen Geistes geerbt. Ihren Hass gegen die Heilige Messe bezeugen der berühmte 31. Artikel ihres Glaubensbekenntnisses und die grausamen Maßregeln, mit denen sie ber 200 Jahre alle verfolgte, die sich des Verbrechens schuldig gemacht hatten, die Heilige Messe gelesen oder angehört zu haben.

 

Schon zur Zeit Heinrichs VIII. wanderten alle goldenen und silbernen Kirchengeräte in den königlichen Schmelzofen. Alle wertvollen Paramente und kostbaren Altarstickereien gingen auf die Märkte von Antwerpen und anderen Städten der Niederlande. Hätte des Königs Tochter Elisabeth 20 Jahre später ihren Willen durchsetzen können, dann hätte es in England keine Heilige Messe mehr gegeben. Den Priestern war das Messelesen nach römischen Ritus verboten, hingegen sollten sie die Messe ab sofort in englischer Sprache feiern, nach den im neuen „Buch des gemeinsamen Gebetes“ vorgeschriebenen Zeremonien. Auch den Laien wurde es untersagt, einer nach dem alten Brauch gelesene Messe beizuwohnen. Mit Geldbußen, Einziehen des Vermögens und den schrecklichen Strafen, die für Hochverrat angesetzt waren, brachte man diese Vorschriften des Parlamentes zur Ausführung. Die ganze Reformation hindurch war es den Feinden des Glaubens hauptsächlich immer um die Heilige Messe zu tun.

 

Unsere Aufgabe soll es deshalb sein, den größten Ruhmestitel der englischen Märtyrer zu beleuchten: sie retteten ihrem Vaterland die Heilige Messe dadurch, dass sie für sie starben.

 

1. Zeitverhältnisse

 

Um die Größe und die Schwierigkeit der Aufgabe des englischen Klerus jener Zeit gebührend zu schätzen, müssen wir zuerst einen Blick auf die religiösen Zustände des Volkes werfen, unter dem diese Priester zu arbeiten hatten.

 

Sie selbst unterschieden immer drei Klassen in der Bevölkerung (damals 4-5 Millionen): Katholiken, Häretiker und Schismatiker. Von den zwei ersten Klassen gab es verhältnismäßig wenige. Die Mehrzahl des Volkes bildeten die Schismatiker. Sie waren der neuen Religion nicht zugetan, verwarfen die Verfolgungswut des Hofes, ja munterten sogar ihre Frauen und Kinder auf, am alten Glauben treu festzuhalten, und waren bereit, wenn es ohne zu große Gefahr geschehen konnte, einen fliehenden Priester zu beherbergen. Sie lebten in der Hoffnung auf bessere Zeiten – etwa einen politischen Umschwung, eine katholische Heirat für die Königin, einen katholischen Thronfolger – oder erwarteten doch die Tröstungen der Religion für sich selbst in ihrer Todesstunde. Mittlerweile aber, um ihre Börse und ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen, schwammen sie mit dem Strom und wohnten dann und wann dem protestantischen Gottesdienst bei. Unter diesen „halben“ Katholiken befanden sich, so befremdend und unentschuldbar es auch scheinen mag, sogar viele Geistliche. So schreibt z.B. ein Augenzeuge, Kardinal Allen: „Nicht nur Laien, die den Glauben im Herzen festhalten und zu Hause wenn möglich der Messe beiwohnen, besuchen die schismatischen Kirchen, sondern auch viele Priester lesen heimlich die Heilige Messe, in der Öffentlichkeit aber feiern sie den häretischen Gottesdienst und das Abendmahl.“

Solch äußerliches Mittun mit den Protestanten wurde vom Konzil von Trient und von Papst Pius V. verworfen. Aber desungeachtet bat Maria, Königin von Schottland, noch 1582 in Rom um die Erlaubnis – freilich vergebens – dass ihren Anhängern gestattet werden sollte, auf diese Weise dem protestantischen Gottesdienst beizuwohnen.

 

Doch nicht alle Priester waren dieser Art. Im Gegenteil standen ihrer viele, ganz auf sich allein angewiesen, 16 Jahre lang mutig auf ihrem Posten. Jeglichen Beistandes und aller kirchlichen Führung bar – denn die Bischöfe waren meistens vertrieben oder eingekerkert – ihrer Kirchen und Einkünfte beraubt, fuhren sie fort, in den Häusern der Gutsbesitzer die Heilige Messe zu feiern, den Sterbenden Beistand zu leisten und den Glauben in den Herzen des Volkes wachzuhalten. Ihre Namen sind leider verloren gegangen und es sind keine näheren Berichte über ihre Arbeiten und ihre Heldentaten auf uns gekommen. Aber ihre Zahl muss doch beträchtlich gewesen sein, denn noch 1596, nach 38 Jahren unerhörter Verfolgungen, waren etwa 40 bis 50 dieser „marianischen“ (von Maria Stuart) Priester in der englischen Mission tätig.

 

2. Die Seminarpriester

 

Königin Elisabeth hatte gehofft, dass die römisch-katholischen Priester allmählich aussterben würden und mit ihnen auch die Heilige Messe. Aber die Vorsehung hatte schon für einen Mann gesorgt, der ihre Hoffnungen vereiteln sollte. Er war der hochw. Dr. Allen, der Gründer des Kollegs von Douay. Wie mancher andere erwartete auch er die Bekehrung Englands von einer politischen Umwälzung. Seine Gründung bezweckte also, englische Priester heranzubilden, die dann im günstigen Augenblick in Bereitschaft wären. – Aber der sehnlichst erwartete Augenblick kam nie. Und als seine ersten Priester vor den Weihen standen, da wurde es ihm klar, was dem Land bevorstehe, und er sprach das mutige und erhabene Wort: „Wir dürfen nicht warten, bis die Dinge sich besser gestalten, sondern wir selber müssen sie besser machen.“

 

1574 betraten infolgedessen die ersten Seminarpriester das Arbeitsfeld. Jedes Jahr brachte fortan neuen Nachschub, so dass 1580 ihre Zahl bereits 160 betrug. 1596 waren es ihrer etwa 300, denen 40-50 aus der Zeit der Königin Maria zur Seite standen. Schon 100 hatten den Märtyrertod erlitten, andere 100 waren verbannt. 1634 berichtet Pauzani nach Rom, dass sich in dem ganzen Reich etwa 500 Weltpriester befänden, mehr als 160 Jesuiten, 100 Benediktiner, 20 Franziskaner, 7 Dominikaner, 2 Minoriten, 5 Karmeliter und 1 Kartäuser-Laienbruder. – Eine heroische Schar von Helden der Heiligen Messe.

 

Viele von ihnen legten eine unbeschreibliche Geduld, Seelengröße und Fröhlichkeit an den Tag, auch inmitten der Folterqualen. Die erste Frucht ihrer Arbeiten war eine wunderbare Erneuerung des katholischen Lebens unter dem Volk. In den Herzen der Schismatiker riefen sie Schamgefühl und Reue wach und den treugebliebenen Katholiken, die vor Erschöpfung fast den Mut verloren, brachten sie Hoffnung und Trost. Mit welcher Freude sie von den alten Priestern begrüßt wurden, die schon jahrelang unter beständiger Lebensgefahr für den Glauben in England gearbeitet hatten, kann man sich denken. Jetzt wussten diese, dass ihre Arbeit nicht umsonst gewesen war, denn jüngere und besser geschulte Kräfte wollten sich jetzt mit ihnen in die Arbeit teilen.

 

P. Parsons berichtet über den Aufschwung des religiösen Lebens, den er bei seiner Ankunft 1580 in England vorfand: „Ich staune über die Andacht bei der Heiligen Messe, die die Katholiken hier durch ihre Gebärden und ihr Betragen an den Tag legen. Sie sind so voll Ehrfurcht, dass sie an die Brust schlagen, wenn sie auch nur den Namen des Papstes im Offizium nennen hören, und bei der Emporhebung der heiligen Hostie fließen ihre Tränen so reichlich, dass auch ich bei ihrem Anblick meine Tränen nicht zurückhalten konnte.“

Ganz anders war freilich der Eindruck, den die Ankunft dieser Seminarienpriester auf die Hofpartei machte. Sie gewahrte wohl, dass sie dadurch in eine unangenehme Lage gedrängt wurde und zögerte nicht, die ganze Wut ihres Hasses gegen sie zu entfachen. Es wurde jetzt als Hochverrat erklärt, wenn ein Priester auch nur im Land zu atmen wagte, und als Verrat, wenn ein Laie einen Priester beherbergte. Damit war der Preis für eine Heilige Messe festgesetzt: mindestens der Bettelstab, oftmals Einkerkerung, Folter und ein schrecklicher Tod. Spione, angeeifert durch die Hoffnung auf reiche Belohnung, bewachten die Reichen wie die Armen und sorgten dafür, dass der Preis auch bezahlt wurde.

 

3. Das Leben eines Priesters zur Zeit der Verfolgung

 

Bei seiner Ankunft in England fand der junge, an eine kirchliche Organisation gewohnte Seminarpriester nur ein wirres Durcheinander: Es gab keine Bischöfe und Pfarreien und ebensowenig ein gesichertes Einkommen. Für seinen Unterhalt war er gänzlich auf die durch Geldstrafen schon ohnehin stark mitgenommenen adeligen und ländlichen Gutsbesitzer angewiesen. Zum Glück taten die Laien großherzig ihre Pflicht. Man hatte Listen zusammengestellt von Familien, die bereit waren, einen oder mehrere Priester zu unterhalten. Da lebten die Missionare verkleidet, manchmal als Gäste, manchmal als Lehrer, nicht selten als Diener. Die Familie des Gastgebers vergaß dabei aber keineswegs den priesterlichen Charakter des Fremden. Ja in mehreren Fällen wurde der Priester gerade durch die große Ehrfurcht, die man ihm erwies, verraten.

 

Der Sicherheit halber und auch um ihren priesterlichen Pflichten besser nachkommen zu können, hielten sich die Priester nicht immer am selben Ort auf, sondern wanderten von Haus zu Haus – gewöhnlich zur Nachtzeit. Zuverlässige Führer waren jederzeit bereit, ihnen das Geleit zu geben. Ja, Georg Gilbert hatte einen eigenen Verein von jungen katholischen Herren für eben diesen Zweck gegründet, ebenso der ehrw. Ralph Milner. Später, als die Jahre der Verfolgung sich ausdehnten und dadurch manche adelige Familie ruiniert wurde oder andere, schwächere, des Widerstandes überdrüssig, abfielen und wieder andere um des Glaubens willen auswanderten, mussten neue, ärmere Schlupfwinkel aufgesucht werden, die nur den wenigen Treugebliebenen bekannt waren. – So hatte z.B. der selige Nikolaus Postgate seine Dachkammerkapelle bei Egton Brücke. In Holywell hielten sich Weltpriester und Jesuiten als Gasthausbesitzer auf, bei denen die armen Katholiken jener Gegenden Erfrischung für die Seele wie für den Leib finden konnten. Schon früh führte man den Brauch ein, Betttücher auf die Hecken zu hängen zum Zeichen für die Eingeweihten, dass an einem verabredeten Ort die Messe gefeiert werde.

 

Öffentliche Kirchen gab es natürlich keine. Die Bitte des Kaisers Ferdinand an Elisabeth, sie möge ihren katholischen Untertanen wenigstens eine Kirche in jeder Stadt gewähren, wurde abschlägig beschieden. Nur in London besaßen die Gesandten der katholischen Mächte ihre Privatkapellen, in denen die Heilige Messe gefeiert wurde. Außerdem gestatte man dies in äußerst seltenen Fällen einigen Familien des höchsten Adels. Der gewöhnliche Platz für die Feier der heiligen Geheimnisse war eine jener verborgenen Kapellen mit geheimer Stiege und bequemem Versteck, wie man sie jetzt noch sehen kann. In Harvington Hall, wo einst Maria Yates den ehrwürdigen Franziskaner-Märtyrer Johannes Wall beherbergte, existieren bis heute drei solcher Kapellen. An dem Gebälk der einen Stiege finden sich noch die groben roten und schwarzen Zeichnungen von kirchlichen Gegenständen, die zweifelsohne dazu dienten, den Gläubigen als Wegweiser zur Kapelle zu dienen, die aber die Nichteingeweihten kaum beachten konnten.

 

Noch interessanter ist die Kapelle in Purshall Hall, einige Meilen von Harvington entfernt, die ebenfalls vom ehrw. P. Wall bedient wurde: sie ist unter dem Dach versteckt, ohne Fenster oder irgend eine Öffnung, durch die Licht hätte eindringen können. Man entdeckte sie ganz zufällig und erst vor einigen Jahren. Der zerfallene Altartisch mit den Resten der vermodernden Altartücher steht noch da, die Kniebänke sind noch gut erhalten und umgeben den Altar auf drei Seiten. Nirgends tritt einem das Schreckliche der Verfolgung mehr vor die Seele als in diesem dunklen Heiligtum, wo einst ein Häuflein von Gläubigen sich mit Lebensgefahr einfanden, um das Brot der Starken zu genießen, das es ihnen dann ermöglichte, auch Heldentaten zu vollbringen.

 

In jenen Tagen, wo es der Spione viele gab und wo sich nicht selten auch unter den Brüdern Verräter fanden, mussten die Altäre natürlich auf eine Weise gebaut werden, dass man sie möglichst schnell und leicht verstecken konnte. Oftmals hatten sie die Form eines Koffers oder eines Kleiderschrankes, in dem man dann auch die Altargeräte und die Messkleider verbarg. Den Altar des Märtyrers P. Kemble bildeten nichts als zwei breite eichene Bänke, die aufeinander gestellt wurden. Waren sie nicht im Gebrauch, so standen sie ganz unverdächtig an der Wand. Viele Altarsteine aus jener Zeit sind auf uns gekommen. Sie bestehen meistens aus Schiefer, sind sehr klein und fast durchwegs ohne Reliquien. Rom hatte zwar die Erlaubnis gegeben, im Notfall die Reliquien der englischen Märtyrer zu diesem Zweck zu verwenden: aber man konnte aus naheliegenden Gründen von dieser Erlaubnis keinen ausgedehnten Gebrauch machen.

 

Je ärmer die Kapellen und Altäre der Missionare in jenen traurigen Zeiten waren, um so größere Sorgfalt verwendete man auf die Messgewänder und die Altargeräte. Obwohl, wie gesagt, genötigt, den Gottesdienst in Kellern und auf Dachböden zu feiern, und obwohl infolge wiederholter Geldstrafen verarmt, ließen die Katholiken es sich doch nicht nehmen, in den Sachen, die bei der Feier der Heiligen Messe verwendet wurden, die möglichste Pracht zu entfalten. Ihre Kruzifixe, Leuchter, Lampen, Weihrauchfässer und besonders die Messgewänder waren staunenerregend schön und wertvoll. Hiervon zeugen schon die Verzeichnisse dieser Kostbarkeiten, die sich in den Staatsarchiven befinden. Im Jesuitenkolleg zu Stonyhurst bewahrt man kirchliche Gewänder auf, die ehemals in der geheimen Kapelle zu Purshall gebraucht wurden. Ein rotes Messgewand und ein roter Rauchmantel, beide für die Pfingstzeit, sind reich bedeckt mit gespaltenen Zungen aus Gold. Zur Verzierung dieser Paramente und einiger anderer von weißer Farbe wurden nicht weniger als 471 große Perlen verwendet. Am kostbarsten, freilich nicht wegen ihres künstlerischen Wertes, wohl aber wegen der rührenden Erinnerungen, die sich daran knüpfen, sind die Gegenstände, die sich in einer alten eichenen Kiste bei Chaigley Farm befinden. So lange die Verfolgung dauerte, wurde der Inhalt der Kiste als Geheimnis betrachtet und immer nur dem ältesten Sohn der Familie mitgeteilt. Zu Crommwell`s Zeiten wurde nämlich ein Priester am Altar vor den Augen seiner Mutter von rohen Soldaten ermordet. Trotz aller Bitten der armen Frau hieben die Henker ihm den Kopf ab, setzten ihn auf einen Spieß, warfen ihn dann der Mutter in den Schoß und gingen schließlich höhnend von dannen. Alles was bei dieser Heiligen Messe gebraucht worden war, legte man ehrfurchtsvoll in die Kiste zurück, in welcher der Priester selbst gewohnt war, es aufzubewahren: Kelch, Messbuch, ja sogar die Kerzen aus ungebleichtem Wachs, Albe, Gürtel – alles gerötet von Blut, die heiligen Gewänder und das Haupt des Märtyrers. Eine deutsche Inschrift im Messbuch bezeugt, dass diese Sachen dem Philipp Holden, „unserem Märtyrer“, gehörten. Mehrere andere Priester wurden in den Messgewändern vom Altar weggeschleppt und in den Kerker abgeführt, aber unseres Wissens war Philipp Holden der einzige, den man am Altar ermordete.

 

Die Verehrung der Reliquien war überhaupt außerordentlich groß zu einer Zeit, die so viele Martyrien sah und in der viele Katholiken selber nach der Märtyrerpalme sich sehnten. Reliquiarien sind seit alter Zeit der eigentliche Schmuck der Altäre. Heutzutage hat eine leidenschaftliche Vorliebe für Blumen die Reliquiarien fast ganz von ihrem Ehrenplatz verdrängt. Anders aber verhielt es sich zur Zeit der Verfolgung. Deshalb verzeichnen die Häscher auch viele prächtige silberne Reliquiarien von künstlerischer Ausführung, die in ihre Hände gefallen waren. Die Reliquien der englischen Märtyrer wurden freilich für gewöhnlich der Sicherheit halber in das Ausland gebracht. Aber es herrschte der schöne, sinnreiche Brauch, dass man mit ihrem Blut das Korporale tränkte, das sie bei ihrer letzten Messe gebraucht hatten. In Stonyhurst z.B. hat man ein Korporale, das fünf selige Märtyrer im Tower benützten, bevor sie zu Tyburn hingerichtet wurden. Ihre Namen sind mit roter Seide in das Korporale gestickt. Ebendaselbst befindet sich auch ein schönes kleines Reliquienkästchen, das P. Johannes Gerard anfertigen ließ zur Aufbewahrung des unversehrten Daumens des Stafforder Märtyrers, des ehrwürdigen Robert Sutton. – Wir dürfen hier im Vorübergehen bemerken, dass der konsekrierte Zeigefinger und Daumen von Märtyrerpriestern öfters unversehrt erhalten blieben – ein schöner Lohn für die edlen Männer, die mit Gefahr für das eigene Leben so getreu das Brot des Himmels austeilten.

 

4. Die Aufbewahrung des Allerheiligsten

 

In der Geschichte der englischen Verfolgung findet man nur selten und erst in späterer Zeit die Erwähnung von Tabernakeln oder anderen Vorkehrungen zur Aufbewahrung des Allerheiligsten. Diese Tatsache galt den katholischen Schriftstellern vormals als hinreichender Beweis dafür, dass eine Aufbewahrung überhaupt niemals stattgefunden habe. Aus folgenden Zeugnissen, die man im Leben der Donna Luisa de Carvajal liest, erkennen wir aber das Gegenteil.

 

Als Luise 1606 nach England kam, fand sie das heiligste Altarsakrament nirgends in London, nicht einmal in der Kapelle des spanischen Gesandten. Das verursachte der eifrigen Frau großen Schmerz. Es schien ihr, so erzählt ihr Biograph, dass man doch keinen vernünftigen Einwand hätte erheben können gegen die Aufbewahrung des Allerheiligsten in einem solchen Heiligtum und „gegen das Wohnungsrecht des göttlichen Heilandes in einer Stadt, in der so viele Jahrhunderte hindurch unzählige Gotteshäuser durch seine wirkliche Gegenwart geehrt gewesen waren“. Ihre Vorstellungen beim spanischen Gesandten fanden Gehör und dem Beispiel desselben folgten die Gesandtschaften von Frankreich und Venedig und jene der Niederlande. Ja, es dauerte nicht lange, so wagte Donna Luisa es, die heilige Eucharistie in ihrem eigenen Haus zu beherbergen. In einem Brief von 1611 an ihre Cousine, die Marquise de Caracena, schreibt sie: „Der Gesandte hatte dieses Jahr ein wunderschönes heiliges Grab in seiner Kapelle; auch wir hatten eins, das sich indes vielmehr auszeichnete durch sein zur Andacht stimmendes Äußere als durch seine Größe. Aber es war doch sehr nett und schön eingerichtet. Sie dürfen dies jedoch auf keinen Fall anderen erzählen, (eben deshalb, weil im heiligen Grab das heiligste Sakrament sich befand), nicht einmal Spaniern, denn es würden uns daraus hundert neue Schwierigkeiten erwachsen. Die Häuser der Katholiken sind die katholischen Kirchen Englands; aber kaum einer wagt es, das heiligste Altarsakrament aufzubewahren, es sei denn auf kurze Zeit, oder an Orten, die zufälligerweise aus irgend einem Grund größere Sicherheit gewähren.“

 

Durch diese Stellen gewinnt die Überlieferung an Kraft, dass in abgelegenen Ortschaften von Lancashire und Yorkshire das Ewige Licht nicht ausgelöscht worden war. Sicher ist, dass der ehrw. Nikolaus Postgate das heiligste Altarsakrament in der Dachkammerkapelle bei Egton-Brücke aufbewahrte; denn er hatte einen Tabernakel an die Wand anbringen lassen, der heute noch zu sehen ist. In Claugthon-on-Brock befindet sich ein kleines eichenes Kästchen, in dem der ehrw. Thomas Whittaker, der in dieser Gegend die Seelsorge ausübte, das Allerheiligste verbarg. Auch liest man von alten Monstranzen, die in den Verfolgungszeiten im Gebrauch waren. In der Regel scheinen die Priester freilich das Allerheiligste bei sich getragen zu haben, wie es die Missionare auch heute noch in manchen Ländern tun und wie es beim irischen Klerus bis ins neunzehnte Jahrhundert Sitte war. Der ehrw. Georg Napper hatte eben das Allerheiligste bei sich, als er 1610 in Kidlington ergriffen wurde. Man untersuchte ihn auf das genaueste, sogar seine Schuhe riss man ihm in Gegenwart des Richters ab. Der Gerichtsdiener berührte mehrmals mit der Hand die Hostienkapsel auf seiner Brust, ohne sie jedoch zu entdecken, was dem Märtyrer unbeschreibliche Freude verursachte.

 

Es ist überhaupt kein Fall bekannt, in dem das heiligste Altarsakrament verunehrt worden wäre.

 

5. Die Heilige Messe in den Gefängnissen

 

Wir müssen noch ein Wort hinzufügen über den Gottesdienst in den Gefängnissen, wo die englischen Katholiken jener Tage keinen geringen Teil ihres Lebens zubrachten. So übergroß war die Zahl der katholischen Gefangenen während der Regierung Elisabeths, dass die Obrigkeiten nicht mehr wussten, wo sie diese unterbringen sollten, und dass die Steuerzahler unter der Last ihrer Ernährung stöhnten. Bei einer Gerichtssitzung in Hampshire wurden nicht weniger als 400 Katholiken verurteilt, in Lancashire 600. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass die Gefängnisse damals ganz anders aussahen als unsere von heute. Dies hatte seine Nachteile, aber auch seine Vorteile. Entsetzlich war das Los der armen Opfer, wenn angesehene Gefangene dem Tower-Gefängnis zur strengen Haft überwiesen wurden, oder wenn ein Wüterich wie Topcliff seiner Bosheit freien Zügel lassen konnte. Dann wirkten geistliche und körperliche Aushungerung zusammen, um den Mut der Häftlinge zu brechen, und die geistliche Kommunion war ihr einziger Trost. Aber solche Zustände waren keineswegs allgemein oder auch nur häufig. Ja, man staunt förmlich über die Freiheiten, die man sich durch kluge und fortdauernde Bestechung erkaufen konnte. Einige Beispiele sollen dies beleuchten.

 

P. Worthington S.J. wurde 1615-1618 in dem Gatehouse-Kerker gefangen gehalten. Er beschreibt das System, das daselbst üblich war, also: „Für einen bequemen Platz im Gefängnis zahlt man so viel ... um frische Luft innerhalb der Gefängnisräume zu schöpfen, so viel ... um auf eine oder zwei Stunden in die Vorstädte hinauszugehen, so viel ... Ich erlaube mir also jede Woche für einen hohen Preis solche Rundgänge unter dem Vorwand der Gesundheitspflege, in Wirklichkeit aber, damit ich die Häuser der Katholiken besuchen kann und auch die der Protestanten, wenn Aussicht auf geistlichen Gewinn vorhanden ist.“ Die gleiche Ungebundenheit herrschte innerhalb der Kerkermauern. Die Beichtväter standen in beständigem Verkehr mit ihren Freunden; Altäre wurden errichtet, die Heilige Messe regelmäßig gefeiert, Beichten gehört, Konvertiten unterwiesen und mit der Kirche ausgesöhnt, Predigten gehalten, ja sogar die geistlichen Exerzitien gegeben, und dies alles so ungestraft, dass man die Kerker fast mit Recht als die ersten öffentlichen Kirchen der Städte nach der Reformation nennen könnte.

 

Bei ihrer Vorliebe für den „ganzen Gottesdienst“, die ihnen so eigen war, wurden die katholischen Gefangenen oft geradezu verwegen in der Ausnützung aller ihnen gebotenen Freiheiten. P. Worthington errichtete einen ständigen Muttergottesaltar, der mit Seide behangen war. Hier wurden täglich 2-3 Messen gelesen, manchmal 6-7, je nach der Zahl der eingekerkerten Priester; 50-60 Personen wohnten den monatlichen Predigten bei und von Zeit zu Zeit wagte der Priester es, „das Allerheiligste in einem kristallenen Kästchen, das mit Strahlen umgeben war, auszusetzen“. Für das Geld, das dieser Schatz gekostet hatte, ruft er den Segen Gottes auf seine Freunde in Spanien herab.

 

Es ist selbstverständlich, dass die letzte Messe eines Priesters, bevor er zum Martyrium geführt wurde, mit besonderen Feierlichkeiten ausgezeichnet war. Der ehrw. Ralph Corby S.J. und der ehrw. Johannes Duckett lasen ihre letzte Messe im Newgate-Kerker und teilten die heilige Kommunion an eine Menge von Katholiken aus, darunter an die Herzogin von Guise, den katholischen Gesandten und viele andere hervorragende Persönlichkeiten. Der ehrw. Stephan Ronsham hatte eine glühende Andacht zum heiligsten Altarsakrament und setzte einmal sein Leben aufs Spiel, um eine unfreiwillige Verunehrung desselben zu verhindern. Er las eben seine Heilige Messe im Gefängnis, als die Gerichtsdiener kamen, um ihn zum Martertod zu führen. Sie willigten ein, den Schluss der heiligen Handlung abzuwarten. Der Märtyrer beendigte die Messe, las noch seine Vesper, segnete, küsste und umarmte die Anwesenden und ging dann fröhlichen Herzens zur Richtstätte. – Ganz rührend ist auch die Geschichte eines anderen Weltpriesters, des ehrw. Wilhelm Davies, der am 27. Juli 1593 zu Beaumaris hingerichtet wurde. Schon zwei Jahre früher, als er eben Anstalten traf, drei junge Studenten, die er seine „Kinder“ nannte, nach Balladolid einzuschiffen, fiel er zugleich mit seinen Schutzbefohlenen in die Hände der Häscher. Von einem Gefängnis zum anderen geschleppt, wurde er auf viele Monate von seinen „Kindern“ getrennt. Aber das letzte halbe Jahr vereinigte sie wieder im Beaumaris-Schloss. Zu ihrer überaus großen Freude gestattete man ihnen hier, zusammen zu wohnen und ihre Zeit nach Belieben zuzubringen. Wie gewöhnlich gestaltete sich der Kerker zu einer Art Kloster, wo man bestimmte Stunden dem Gebet, dem Studium und den geistlichen Übungen widmete. P. Davies las täglich seine Messe auf einem Tisch in seiner Zelle. Gleich nach seiner Hinrichtung brachte der Henker die Kleider des Märtyrers, ganz triefend von warmem Blut, und warf sie auf den Tisch. Man verteilte sie unter die Katholiken, nur der mit Blut befleckte Talar wurde sorgsam aufbewahrt, damit die Priester ihn beim heiligen Opfer unter ihren priesterlichen Gewändern tragen könnten. –

 

In der Heiligen Schrift lesen wir: „Die Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes und nicht berührt sie des Todes Pein. Den Augen der Unweisen scheinen sie zu sterben und ihr Hingang wird für Leid geachtet und ihr Scheiden von uns für Vernichtung gehalten, sie aber sind im Frieden. Wenn sie auch vor den Menschen Qual erduldet haben, so ist doch ihre Hoffnung voll der Unsterblichkeit. Nachdem sie ein wenig gelitten haben, wird ihnen viel Gutes zuteil; denn Gott hat sie geprüft und seiner würdig erfunden. Wie Gold im Ofen hat er sie erprobt und wie ein Brandopfer hat er sie angenommen, zu seiner Zeit wird er sie heimsuchen.“ (Weisheit 3,1-6)

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4. Elisabeth - Die königliche Bettlerin

   

Im Jahr 2031 begeht die Kirche am 19. November die Achthundertjahrfeier des Todestages der heiligen Elisabeth von Thüringen. Besonders werden sicher die Städte Eisenach und Marburg ihrer größten Einwohnerin gedenken. Im Jahr 1231 erlosch in einer elenden Hütte Marburgs still das Lebensflämmchen der jungen heiligen Elisabeth, aufgezehrt und aufgesogen von übergroßer Liebe zu Gott und allen seinen leidgequälten Geschöpfen. Liederschall, Kerzenbrand und die Farbenglut frommer Bilder ehren besonders in Jubiläumsjahren eine Fürstin, die in ihrem Leben Pracht und Glanz der Welt verachtete, die ein hohes Lied seelischer Größe, eine Opferkerze, ein Bild der Frömmigkeit war.

 

Im Jahr 1211 wurde das liebliche Blümchen Elisabeth im zarten Alter von vier Jahren durch die Brautgesandtschaft des Landgrafen Hermann von Thüringen dem ungarischen Mutterboden entführt und in thüringisches Erdreich verpflanzt. Wer von den vielen edlen Damen und Herren des prächtigen Ehrengeleits hätte wohl geahnt, dass das Bild dieser Reisegefährtin ein Vierteljahrhundert später von den Altären ihrer Stadt grüßen und dass ihr Ruf den Glanz ihrer stolzen Adelsnamen weit in den Schatten stellen würde?

 

Der Steinhof zu Eisenach, in dem Landgraf Hermann residierte, beherbergte den kleinen Fremdling aus dem Ungarland während der ersten Jahre des Eisenacher Aufenthaltes, denn die Wartburg war damals als Wohnung noch nicht ausgebaut. Politische Absichten waren es, die die beiden Kinder Ludwig und Elisabeth zur Lebensgemeinschaft aneinanderschlossen. Landgraf Hermann wünschte durch diese Heirat ein Pfand für eine gute Verbindung mit Ungarn zu erhalten. Wenn auch nüchterne politische Berechnung den Ringwechsel in der Georgenkirche zu Eisenach im Jahr 1221 befahl, die jungen Brautleute taten mehr, als jede Staatskunst verlangen konnte, sie schenkten sich in tiefster Liebe ihre Herzen.

 

Vier Kinder entsprossen dem Ehebund des Fürstenpaares. 1223 schenkte Elisabeth ihrem ersten Kind Hermann auf dem zwei Wegstunden von Eisenach entfernten, im Werratal gelegenen Schloss Creuzburg das Leben. Die Creuzburg, auf der Elisabeth oft weilte, bot zu jener Zeit wahrscheinlich mehr Annehmlichkeiten für eine Wöchnerin als die hochgelegene kalte Wartburg. Im Jahr 1224 erfreute Landgräfin Elisabeth ihren Gemahl mit einem Töchterchen, das den Namen Sophie erhielt, 1225 gebar sie abermals eine Tochter, die ebenfalls nach der Schwiegermutter Sophie getauft wurde. Das jüngste Kind Gertrud kam 1227 zur Welt; wie seine beiden älteren Geschwister schaute es von der Höhe des Wartburgfelsens, der für frohe Ereignisse jetzt besser zugerüstet war, zum ersten Mal ins Thüringer Land.

 

Ihren Kindern eine vorbildliche Mutter zu sein, ließ sich die junge Fürstin nicht genügen, allen Schwachen und Elenden stand ihr Herz offen. Eine edlere Landesmutter hat das Waldland nie sein eigen nennen können. Wenn der Brauch der fürstlichen Hofhaltung festliche Gastmähler erforderte, so empfand Elisabeth Pein beim Genuss der Speisen, denn sie dachte an die da drunten im Tal, denen der Zugriff der rauen Verwalter die Gaben des Tisches abgepresst haben musste. Für solche Einstellung hatte die höfische Welt im 13. Jahrhundert wenig Verständnis. Die neue Thüringer Fürstin, die sich dem lauten, genussfreudigen Hoftreiben, wo immer es ging, zu entziehen suchte, erregte das Missfallen der adeligen Umgebung. Von Assisis Bergen strömte, durch Pilgermund getragen, der Geist des seraphischen Vaters Franziskus zum Hochsitz des Landgrafen. An Panzer und Prunkkleid prallte die Lehre von der Seligkeit der Armut ab, Elisabeth aber reifte in Stunden der Einsamkeit zur großen Jüngerin des fernen Meisters. Die Bäume tief unter dem Fenster ihrer Kemenate rauschten ihr Worte des Heiligen, dem sich alle Wesen erschlossen, und die Vögel kehrten aus Süden zurück und sangen ihr im Burggärtlein Franzisci Predigt. Elisabeths heimliches heiliges Bündnis mit dem Glutgeist im Süden kannten die Weltleute nicht, sie sahen nur das schlichte Gewand und das einfache Mahl bei ihrer Herrin, und sie schüttelten die Köpfe. Als Elisabeth sich aber nicht scheute, die Bedürftigen und Kranken ihrer Stadt aufzusuchen, ja sogar zerlumpte Bettler und mit Geschwüren bedeckte Sieche in den Hof ihres Bergschlosses lud, so dass man sich in acht nehmen musste, dass nicht der seidige Kleidersaum an die schmutzigen Gestalten streifte, da bestürmten die Höflinge den jungen Fürsten, seiner Gemahlin dieses ungeziemende und würdelose Verhalten zu untersagen. Man muss die Stellung der fürstlichen Frauen jener Tage betrachten, um zu verstehen, wie ungeheuerlich Elisabeths Wirken der hochadeligen Umgebung erscheinen musste. Die Frau war die leuchtende Zentralsonne des Hofes, sie nahm inmitten ihrer Damen die Huldigungen ritterlichen Saitenspiels entgegen. Ein Wink ihrer Augenwimpern war den edlen Gästen hohe Gnade. Und Elisabeth? Sie schenkt ihre Gunst nicht den Männern mit Schwert und Harfe, sie wendet sich den Frauen und Männern im Bettlergewand zu, ihre Hand, die nur Rosen pflücken sollte, verrichtet Dienste wie die der Mägde im Spital vor dem Georgentor, sie flieht den Lobgesang der Fahrenden und eilt dorthin, wo Elende jammern und stöhnen. Was galt dieser edlen Frau alle äußere Ehre? Elisabeth kannte nur die Würde eines guten, gottgefälligen Herzens. Schon als Kind hat ihr das goldene Hoheitszeichen auf dem Köpfchen gebrannt als sie in der Kirche Unserer Lieben Frauen zu Eisenach erschüttert die Krone der Qual auf dem Haupt des Erlösers erschaute. Landgraf Ludwig hatte Verständnis für den heißen Drang seiner lieben Frau, zu helfen und wohlzutun. Er schenkte auf Bitten Elisabeths den Franziskanern Boden in der Stadt Eisenach zum Bau eines Klosters und einer Kirche. Wie vielen Dürftigen mag da hinter dem Steinhof der Bruder Pförtner im Namen Elisabeths die rauchende Suppe gereicht haben! In den grässlichen Hunger- und Seuchejahren 1225 und 1226 baute sich die milde Fürstin ein eigenes Haus der Wohltätigkeit am Hang unterhalb der Wartburg. Achtundzwanzig Sieche betreute sie dort und Hunderte empfingen täglich das Notwendigste zur Erhaltung des Lebens just in dem Jahr, als der heilige Franziskus von Assisi im Herrn entschlief. Das Brünnlein, das Trank und Bad den Schutzbefohlenen der heiligen Frau spendete und dem wahrscheinlich das Hospital seine Lage verdankte, weiß heute noch dem andächtigen Wanderer an der Wartburgstraße von den sanften Händen der großen Burgherrin, die dort im Steintrog Linnen eintauchten, zu erzählen. Ein hohes Holzkreuz auf Steinsockel ragt an der heiligen Stelle, die noch einige Grundreste des Hospitals aufweist, seit kurzer Zeit empor. Die Mauern des kleinen, während einer Notzeit und in Abwesenheit des Landgrafen gebauten Hospitals konnten die bresthaften Menschen bald nicht mehr fassen, die das gütige Herz der Fürstin, das sich mit allen Sorgen der Armen Eisenachs belastete, zu Gast lud. Vor dem Georgentor der Stadt wurde ein größeres Haus zur Ausübung barmherziger Werke im Jahr 1226 der heiligen Anna geweiht. Auch Creuzburg durfte manche Wohltat seiner Burgherrin erfahren. – Auf dem Schlossberg dort stiftete Elisabeth im Jahr 1225 der heiligen Margareta eine Kapelle. Im Jahr 1227 schallt das Kreufahrerlosungswort: „Ins Heilige Land!“ durch Deutschland. Auch Landgraf Ludwig nimmt zu Elisabeths größtem Leid das schwarze Zeichen der Gottesstreiter. Von der Creuzburg aus bricht das thüringische Ritterkontingent ins Morgenland auf. Es ist rührend, wie Elisabeth voll inniger Liebe zu ihrem Lebensgefährten den Abschied immer weiter hinausschiebt, bis endlich in Schmalkalden die letzte bittere Station der tränengesättigten Geleitsreise erreicht ist. Ludwig sieht seine grüne Heimat nicht wieder, er erliegt bereits wenige Wochen nach seiner Ausfahrt in Otranto einer tückischen Fieberkrankheit. In einem Abgrund namenlosen Schmerzes versinkt Elisabeth, als ihr der Siegelring des Gatten von seinem Ableben kündet. „Weh, nun ist mir tot die Welt mit allen ihren Freuden“, klagt sie weinend. Sie verlässt die Stätten ihrer glücklichen Tage und siedelt nach Marburg über mit dem festen Entschluss, ihr Leben ganz dem Dienst des Herrn zu weihen. – Gar manches schwere Opfer verlangte die Zurüstung zu dieser ihrer Kreuzfahrt. Darunter war nicht das kleinste die Trennung von ihren Kindern. Am Karfreitag 1229 löste Elisabeth feierlich die äußeren Bande, die sie noch an die Welt knüpften, und reihte sich ein in die Schar des Meisters, den ihr Herz schon auf der Wartburg grüßte. Kutte und Strick des heiligen Franziskus wurden ihr Streitzeichen. Alle Habe, die ihr das Recht der Fürstenwitwe zuführte, verwendete sie für die Unglücklichen, die die Stadtgemeinschaft als eine Last betrachtete. Sie sammelte vom faulenden Stroh die Siechen in ein eigenes Hospital und füllte abgezehrte Bettlerhände in allen Winkeln der Stadt. Meister Konrad von Marburg, den bereits Ludwig als geistlichen Ratgeber für seine Gemahlin auf die Wartburg berufen hatte, leitete ihre Schritte auf dem Weg zur Vollendung.

 

Am 19. November 1231 ging die königliche Bettlerin zur ewigen Ruhe ein. Ihr Lehrmeister und Beichtvater Konrad sammelte alle wunderbaren Geschehnisse, die sich an Elisabeths Grab abspielten, und berichtete sie an das Oberhaupt der Kirche. Am 27. Mai 1235 erfolgte die Heiligsprechung durch Papst Gregor IX.

 

Im selben Jahr bereits, also schon vier Jahre nach ihrem Tod, künden neue Kirchen in Eisenach und Marburg das Lob der Gottesfreundin. In Marburg baute der Landgraf Konrad die herrliche Elisabethkirche, und in Eisenach entstand nach dem Willen des reumütigen Heinrich Raspe das Dominikanerkloster, dessen Kirche als erstes deutsches Gotteshaus der heiligen Landgräfin geweiht wurde.

 

Möchte doch das Lebensbild der mildtätigen Frau den vielen selbstbezogenen Geistern unserer Zeit, die oft ihren krassen Egoismus hinter den Titeln und Emblemen von Vereinigungen verstecken, die sich eitel und prunkvoll als „sozial“ bezeichnen, eine Mahnung und Predigt sein. „Aurum et argentum in igne probatur, homo vero in camino humilitationis, Gold und Silber werden im Feuer erprobt, der Mensch aber in Not und Niedrigkeit.“ Elisabeth, die wahrhaft soziale Natur, hat im Schmelztigel bitterer selbstgewählter Armut ihre Seele vorbereitet auf das göttliche Reich, das den Glanz anderer Throne zu verschenken hat, als das Land Thüringen seiner Fürstin verleihen konnte.

 

Gesegnet ist die Hand, die milde Gaben schenkt,

Gesegnet ist der Blick, der sich zur Armut senkt,

Gesegnet ist dein Herz, das nur an andre denkt!

Jetzt ruht dein heil’ger Leib schon fast achthundert Jahr,

Doch strahlt, Elisabeth, dein Bildnis uns so klar;

Dem der es fromm beschaut, erschließt sich ganz sein Sinn,

Er nimmt von deinem Bild die heil’ge Mahnung hin:

Gesegnet ist die Hand, die sich zum Geben streckt,

Gesegnet ist das Wort, das Trost und Hoffnung weckt!

Die Not ist groß wie einst, trüb ist der Zeiten Lauf,

Wo Nächstenliebe wirkt, blühn Gottesrosen auf! 

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5. Ewiges Leben

 

Welche Freude wird die gläubigen Seelen durchströmen, die hier auf der Erde durch den bitteren Tod voneinander getrennt wurden, dort im Himmel aber, im Land der ewigen Herrlichkeit sich wiederfinden und nie wieder trennen müssen. Der Gedanke an das ewige Leben lässt uns alle Leiden des sterblichen Lebens leicht ertragen und spornt uns an zu himmlischen Streben. Das Glück des ewigen Lebens liegt 1. In der Anschauung Gottes, 2. In unermesslichen Freuden und 3. In der ewigen Dauer dieser Seligkeit.

 

1. Der Herr ließ einst die heilige Theresia einen Blick in die Vorhöfe des ewigen Lebens tun und sie schildert ihre Anschauungen mit folgenden Worten: „Die Dinge, die ich sah, waren so groß und wunderbar, dass das Geringste davon hinreichen würde, eine Seele ganz in Erstaunen zu setzen und ihr eine überaus große Geringschätzung der Dinge und Güter dieses Erdenlebens einzuflößen. Kein menschlicher Geist kann sich davon eine Vorstellung machen, und diese Vision erfüllte mich mit einer so übermäßigen Freude, und berauschte sozusagen mein Gefühl mit einer so süßen Zufriedenheit, dass ich es unmöglich erklären konnte. Indem mich nun der Herr diese wunderbaren Dinge sehen ließ, sagte er zu mir: Sieh, meine Tochter, was diejenigen verlieren, die mich beleidigen! Der Eindruck aber, den diese Vision auf meine Seele machte, war eine sehr große Verachtung aller irdischen Dinge, so dass mir alle Güter und Freuden der Welt nichts anderes zu sein schienen, als Eitelkeit und Rauch und Lüge. Als ich eines Tages von meinem gewöhnlichen Herzübel ergriffen und sehr leidend war, wollte mich eine Dame von sehr hohem Rang etwas erheitern und zeigte mir ihre kostbaren Edelsteine und besonders einen sehr kostbaren Schmuck aus Diamanten. Ich aber musste bei mir selbst lachen und hatte zugleich ein großes Mitleid, indem ich sah, was für Dinge die Weltleute so hoch schätzen, und mich dabei erinnerte, was für ganz andere Schätze uns der Herr bereitet hat.“ Was könnte mit der Anschauung Gottes verglichen werden? Es ist ja der Inbegriff alles Großen, alles Schönen, alles Liebenswürdigen und Beglückenden. Gott besitzen, heißt alles Glück in unendlichem Maß besitzen.

 

2. Das ewige Leben bietet unermessliche Freuden der Sinne. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein.“ (Off 21,4) „Die Erlösten werden gen Sion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird über ihrem Haupt sein.“ (Jes 51,11) „Die Heiligen des Himmels werden ein ewig seliges Leben genießen, wo Freude ohne Leid, wo Ruhe ohne Arbeit, wo Ehre ohne Angst, wo Reichtum ohne Verlust, wo Überfluss ohne Mangel, wo Leben ohne Tod, wo Ewigkeit ohne Verwesung, wo Seligkeit ohne Trübsal ist.“ (St. Augustinus) Der heilige Ephrem schildert uns die Seligkeit der Auserwählten in folgenden begeisterten Worten: „Dort ist das unsterbliche Leben und das unaussprechliche, namenlose Gut; dort ist jene unnennbare Schönheit, das wahre Licht, der Quell aller Güte, die über alles erhabene Macht, das allein Liebenswürdige, endloser Jubel und ewige Wonne, das Licht ohne Abend und die Sonne, die nicht untergeht.“

 

3. Die Freuden des jenseitigen Lebens dauern ewig, wie der göttliche Heiland versichert: „Die Gerechten werden eingehen in das ewige Leben.“ (Mt 25,46) Wäre das Glück nicht von ewiger Dauer, so wäre es kein wahrhaftes Glück, denn der Gedanke, es wieder zu verlieren, würde den Genuss aller Güter verbittern. Im Himmel ist dies nicht mehr zu befürchten. Von dieser beseligenden Hoffnung begeistert, ruft der heilige Augustinus aus: „O Quelle des Lebens! Wann werde ich aus dieser unwirtlichen Wüste zu dem Ursprung deiner Süßigkeit gelangen, und meinen Durst aus dem Brunnquell deiner Barmherzigkeit löschen? Wann werde ich eingehen in die Freude meines Herrn, wohin kein Elender aufgenommen, woraus kein Glücklicher entfernt wird? O wahres, wunderbares, liebenswürdiges Leben! O seliges Leben ohne Ende! Dort ist die höchste Sicherheit, die sichere Ruhe, die ruhige Freudigkeit, die freudige Herrlichkeit, die herrliche Ewigkeit, die ewige Seligkeit.“

 

O ringe, meine Seele, unablässig, mit aller Entschiedenheit und Hingabe nach dem ewigen Leben im Reich der Liebe! Folge Jesus Christus, der dir dorthin vorangegangen ist und der dir freudig zuruft: „Komm und folge mir nach!“ Hänge dein Herz nicht an die Güter und Freuden dieser vergänglichen Welt! Zeichne deine Wege mit Guttaten, und reinige dein Herz im Feuerofen der Trübsal, erwecke Tag für Tag eine heilige Sehnsucht nach Vereinigung mit Gott und allen Engeln und Heiligen! Der Himmel ist des Kampfes und Duldens wert, denn „kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Amen.

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6. Engel

 

In dem alljährlich wiederkehrenden Fest der Engelweihe feiert das berühmte Kloster Einsiedeln die wunderbare Einweihung der Gnadenkapelle durch die Engel Gottes, die vor den Augen des erstaunten Bischofs Konrad alle Zeremonien vornahmen, die bei einer Gotteshausweihe vorgeschrieben sind (siehe: Der heilige Konrad von Konstanz, Bischof und Bekenner, + 26.11.976 - Fest: 26. November). Sehen wir hier die Engel im Dienst Gottes tätig, so hat sie unser himmlischer Vater auch bestimmt zum Dienst der Menschen, um sie auf dem Lebensweg zum Himmel zu führen, vor dem Bösen zu warnen, im Kampf zu stärken, damit sie die Krone der Unsterblichkeit empfangen. Was sind wir für diesen treuen Freundschaftsdienst den Schutzengeln schuldig?

 

1. Unserem Schutzengel sind wir Ehrfurcht schuldig, denn sie stehen vor dem Thron Gottes als seine auserwählten Diener und schauen sein Angesicht. Wenn nach den Worten des Heilandes einem Kind Achtung gebührt wegen der Nähe seines Schutzengels, welche Ehrfurcht sind wir nicht diesem selbst schuldig? Der heilige Bernhard ermahnt: „Wage nicht vor ihm, was du in meiner Gegenwart nicht wagen würdest!“ Auch vor dem Schutzengel des Nächsten sollen wir Ehrfurcht haben. Würdest du dich erkühnen, mit dem Schutzengel in offenen Kampf zu treten? Wenn du dem Nächsten Gelegenheit zur Sünde bietest, beginnst du diesen Kampf, du willst die Seele zum Verderben führen, während der Engel sie für den Himmel zu gewinnen strebt.

 

2. Dem Schutzengel gebührt inniger Dank. „Vater“, sprach der junge Tobias, „welchen Lohn sollen wir ihm geben oder womit können seine Wohltaten nach Verdienst vergolten werden. Er hat mich gesund hin und zurückgeführt, er hat mich vom Verschlingen des Fisches gerettet und dir hat er das Augenlicht wiedergeschenkt, mit allem Guten sind wir von ihm überhäuft worden. Was werden wir ihm Würdiges dafür wiedergeben können?“ Gleiche Gefühle der Dankbarkeit sollen wir hegen. Seitdem wir das Tageslicht zum ersten Mal erblickten, steht ein Engel schützend, warnend, ermahnend uns zur Seite. Er trägt unsere Bitten gen Himmel, unterstützt sie mit den seinigen und kehrt, wenn er Erhörung gefunden hat, freudig zu uns zurück. Mehr, als Jonathas seinem Freund, ist uns der Engel, denn jener konnte trotz seines guten Willens nicht immer die Gefahren vom verfolgten David abwenden, der himmlische Fürstensohn aber kann uns immer gegen die Pfeile des Nachstellers schützen.

 

3. Wir müssen unseren Schutzengel öfters anrufen. Als Diener des Allerhöchsten will er uns die himmlischen Wohltaten in derselben Weise zufließen lassen, wie der Herr selbst sie uns zu spenden pflegt. Gott will angerufen sein, also auch der Schutzengel. Schiene es nicht, wir verschmähten seinen Schutz, wenn wir uns nicht darum bewürben? Sooft wir also in Gefahr schweben, nehmen wir vertrauensvoll zu ihm unsere Zuflucht, aber stets mit reinem Herzen. „Wie der Rauch die Bienen vertreibt – sagt der heilige Basilius – und der üble Geruch die Tauben, ebenso vertreibt der üble Geruch der Sünde den Engel, dem wir vertraut sind.“

 

4. Schließlich schulden wir unserem Schutzengel willigen Gehorsam. Der Engel vertritt Gottes Stelle, deshalb müssen wir ihm folgen. Der Herr spricht: „Siehe, ich sende meinen Engel, dass er vor dir hergehe, und dich bewahre auf dem Weg und dich führe an den Ort, den ich bereitet habe. Habe Acht auf ihn und höre auf seine Stimme und gedenke nicht, ihn verschmähen zu dürfen.“ Aus lauter Güte sandte er uns den Engel. Dürfen wir uns seiner Leitung entziehen? Wenn der Sohn eines Fürsten persönlich für einen armen Landmann Sorge trüge oder schützend ihm zur Seite stände, mit welcher Freudigkeit würde dieser auf jeden Wink seines fürstlichen Beschützers achten. Wer möchte nicht dem himmlischen Fürstensohn, der die liebevollste Sorge für ihn trägt, bereitwillig folgen? Es handelt sich um unser eigenes Wohl und Wehe. Der Himmel ist uns beschieden, wenn wir uns seiner Leitung anheimgeben. Verschmähen wir sie, wer wird uns vor den Abgründen bewahren, denen wir blind und gefühllos zutaumeln? Wer wird uns schützen vor den feindlichen Scharen, die uns von allen Seiten umgeben?

 

Dann los, meine Seele, erweise deinem Schutzengel die schuldige Ehrfurcht, wie sie dem Gesandten des ewigen Königs zusteht. Danke ihm für den Schutz in tausend Gefahren, von denen du nicht einmal eine Ahnung hattest. Rufe ihn an in jeder Not, besonders wenn dein Seelenheil auf dem Spiel steht. Sei ihm stets gehorsam, mag er durch dein Gewissen oder durch gute Menschen zu dir reden. Dann wird er dich sicher geleiten zur seligen Gemeinschaft mit allen Engeln im Himmel. Amen. 

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7. Elisabeth von Thüringen

       

Es war im November 1945. Eben aus der Evakuierung zurückgekehrt, fanden wir Zerstörung und Ungefügtheit vor, soweit das Auge reichte. Der Wind blies zu Tür und Fensterhöhlen herein und trieb ein eisiges Spiel. In unserer zerstörten Kammer, der einzigen, die noch einigermaßen bewohnbar war, hockte das Gespenst der Verlassenheit. Der Schatten des Todes ging in jenen Tagen um. Menschen, die in den vergangenen Jahren die Bombentage und –Nächte unverwundet überstanden, fielen nun dem Hungertod zum Opfer. – Auch wir waren vom Hunger gezeichnet, aber wir waren wenigstens daheim.

 

Mit Mut und Entschlossenheit gingen meine kleinen Töchter und ich – soweit wir dies mit unseren geschwächten Kräften vermochten – an die Beseitigung der Trümmer. Nun kam mein Namenstag heran. Wir hofften an jenem kalten Novembertag auf den Aufruf einer stärkenden Lebensmittelzuteilung. Vergebens. Die Erinnerung an alle Vorjahre, da der 19. November in unserer Familie ein Festtag war, an dem wir bei Kaffee und Kuchen mit frohen Gästen an festgeschmückter Tafel saßen, quälte mich. Die Kinder waren seit wenigen Tagen so schwach, dass sie sich kaum von ihrem Notlager erheben wollten, der Zustand steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. In solchen Stunden der Ausweglosigkeit werden Worte des Gebetes inbrünstig. Um ihnen noch mehr Nachdruck zu verleihen, suchte ich eine unzerstörte, nahegelegene Klosterkirche auf.

 

Verwirrt und sprunghaft kreisten meine Bitten immer wieder im gleichen ermüdenden Rund: „Heilige Elisabeth, Namenspatronin, hilf!“ Mehr brachte ich nicht zustande. Sollte sie nicht vermögen, den Hunger weinender, verzweifelter Menschen zu stillen? In ihrer Großmut und Liebe zum Nächsten füllte sie damals den Schoß ihres Kleides mit Brot, um die Hungernden zu sättigen, und was sie damals tat, konnte sich doch nach mehr als 700 Jahren wiederholen! –

 

Mein Heimweg war seltsam beschwingt, meine Sorge war abgefallen: ich fühlte mich in Gott geborgen. Schon auf halber Treppe kamen mir die Kleinen entgegen, die eine hielt mir einen großen Laib Brot entgegen, die andere gab mir zwei Päckchen mit Butter und Speck. Die Freude über den Besitz dieser Köstlichkeiten war übergroß. Auf meine Fragen, wer der edle Spender war, wussten die Kinder keinen Bescheid zu geben. Eine schlicht gekleidete Frau habe, bei Beginn der Dämmerung, die Lebensmittel gebracht und auf Befragen, wer sie sei, geantwortet: „Ihr habt doch Hunger; sagt der Mutter einen Gruß, die heilige Elisabeth habe das geschickt.“

 

Wir fanden bis heute – trotz eingehender Nachforschung – keine natürliche Erklärung des Geschehenen. Wir standen also vor einem Rätsel, einem beseligenden Rätsel! Bedankt habe ich mich mit den Kindern bei meiner Namenspatronin, die uns in höchster Not so schnell und schwerelos half mit dem, was wir so lange quälend und schmerzlich entbehrt hatten.

 

Elisabeth Mendgen

„Rosenkranz“

 

Heft 11, November 1956, Limburg/L.

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8. Ende der Welt

 

Ein Roman vom Ende der Welt

 

Phantasie oder Prophezeiung?

 

Von Anton Koch SJ,

Gekürzt aus „Stimmen der Zeit“,

Verlag Herder, Freiburg/Breisgau,

4. November 1947

 

Was dieses jammervolle Jahrhundert (20.) noch alles bringen wird, ob es gar das letzte der Menschheitsgeschichte sein wird, wissen wir nicht. Prophezeiung und Aberglaube nach der Art „einmal tausend und nicht mehr tausend“ sind töricht. Eines aber ist sicher: Die Menschen haben heute Waffen erfunden, mit denen das Ende der Menschheit noch zu unseren Lebzeiten herbeigeführt werden könnte. Die Angst vor dieser Möglichkeit und das Bewusstsein dieser Möglichkeit ist das einzigartige und neuartige Kennzeichen unserer Zeit. Die Folgerungen daraus zieht ein soeben in England erschienenes Buch „Theologie und Atomzeitalter“ von D. R. Davies. In diesem eschatologischen (endzeitlichen) Licht ist es interessant, ein anderes weltberühmtes Buch zu studieren, das vor rund 40 Jahren (jetzt bereits ca. 110 Jahren) über das Ende der Welt erschien und uns heute geradezu als prophetisch vorkommt.

 

„Gegen Ende des Jahres 1907 erschien in London das Buch von Robert Hugh Benson „The Lord oft the World“. Im Jahr 1911 folgte die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Der Herr der Welt“ (die letzte Auflage erschien 1923 im Verlag Kösel und Pustet, München). Ein Zukunftsroman vom Weltuntergang um das Jahr 2000 – das musste in der damaligen friedlich-satten Vorkriegszeit wirken wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und so war es auch. Man war betroffen, erschrocken, empört über die Kühnheit, mit der Brenson, der Konvertit und Priesterdichter, in atemraubender Darstellung der sich überstürzenden Ereignisse die Vernichtung Roms, der „Ewigen Stadt“, des Papsttums und der Kirche durch den Antichrist in einer gar nicht mehr allzu fernen Zukunft zu entwerfen wagte.

 

Es ist das Schicksal aller Prophezeiungen, dass sie, den Mitlebenden unverständlich, erst mit wachsender Erfüllung mehr und mehr begreiflich werden. So geschah es auch hier. Es ist nicht ohne Reiz, aus einem Abstand von vier Jahrzehnten nachzulesen, was ein ungenannter Rezensent anfangs 1912 über den Roman schrieb: „Man mag über manche Nebensächlichkeiten in diesem merkwürdigen Buch lächeln, über einige allzu phantastische Stellen den Kopf schütteln, sogar über die Berechtigung, das Ende aller Zeiten in Form eines Romans zu behandeln, geteilter Meinung sein: Bensons Werk bleibt auf alle Fälle eine glänzende, ganz außergewöhnliche literarische Leistung. Die Sonderbarkeiten fallen eigentlich nur dann schwerer in die Waagschale, wenn das Buch als eine Art Prophezeiung aufgefasst wird, eine Auslegung, die offenbar falsch ist. . .“ Die Darstellung der treibenden Kräfte, die zum tödlichen Zusammenstoß zwischen Antichrist und Kirche führen, wird positiv gewürdigt. „Wenn dann aber geschildert wird, wie der Antichrist . . . mit einer Luftflotte von 200 Fahrzeugen das Rom des Papstes samt seinen Millionen Bewohnern in wenigen Minuten vernichtet, wie der neue Papst mittels drahtloser Telegraphie von Nazareth aus die Kirche Gottes von neuem organisiert und leitet. . ., oder wenn die Gedanken einer Selbstmörderin, die an einem modernen schmerzlosen Gift stirbt, bis zu ihrer Ankunft in der Ewigkeit . . . analysiert werden, dann vermag uns auch die Kunst eines Benson nicht mehr recht zu fesseln . . .“

 

Nun, vier Jahrzehnte haben genügt, den Dichter-Propheten selbst in diesen damals phantastisch scheinenden Einzelheiten zu rechtfertigen. Wir haben heute (1948) die „Beninscheinschen Explosivstoffe“, wie sie Benson nennt, die, „aus großer Höhe abgeworfen“, auch eine Millionenstadt in wenigen Minuten vom Erdboden austilgen; wir haben die „Silbervögel“, die die verheerende Bombenlast in wenigen Stunden nach jedem gewünschten Ziel tragen; wir kennen das Geheimnis, wie der letzte der Päpste von einer kleinen Fernschreibestation Nazareth-Damaskus aus die letzten Kardinäle zum letzten Konzil zusammenruft; wir kennen auch den „Freitod“, den Mabel, die Vertreterin des menschlich wachen Gewissens gegenüber dem unmenschlichen Kollektivmenschen für sich erwählt, und es fehlen uns – nur noch die freundlichen Euthanasiehäuser, „Heime des Friedens“ genannt, wo der Lebensmüde, im Schutz des Gesetzes geborgen, nach achttägiger Probezeit nur den kleinen Hebel an einem weiß emaillierten Tischapparat umzulegen braucht, um „in Frieden und Schönheit“ sterben zu können.

 

Doch nicht diese schließlich nicht übermäßig belangvollen Einzelheiten sind es, was an dem Roman so unheimlich prophetisch anmutet. Das ist vielmehr die Schilderung der Menschheitsentwicklung, die den Erdball im jähen Zusammenschluss aller gottfeindlichen Mächte der Endkatastrophe entgegentreibt. Schon die Ausgangslage des Romans – wie ganz anders verstehen wir sie im Jahr 1947 gegen 1907! Die Menschheit des Ostens und des Westens (wir würden heute sagen: die östliche und die westliche Halbkugel) stehen einander kampfbereit zu einer letzten, mörderischen Auseinandersetzung gegenüber – da taucht zum ersten Mal jener Geheimnisvolle auf, der, einzig durch den unfassbaren Zauber seiner Person, die furchtbare Bedrohung bannt und den Frieden der Welt besiegelt. In einem unbegreiflich raschen Siegeszug völlig friedlicher Art unterwirft sich Julian Felsenburg (gab es nicht schon einen Julian den Apostaten (Abtrünnigen), nicht einen „Felsenmann“ als ersten Papst?) den Osten wie den Westen und rückt gleichsam über Nach zum „Herrn der Welt“ auf. Gleichzeitig damit vollzieht sich in der Menschheit ein letztes Bewusstwerden ihrer selbst, dessen Zeuge und Ausdruck jener „Kult der Menschheit“ ist, der von nun an – nach dem Willen der Völker und ihres höchsten Herrn – die allein berechtigte Form der Zukunftsreligion sein wird. Wie sich an diesem Punkt die tödliche Feindschaft gegen die katholische Kirche als den letzten Hort des weltübersteigenden Glaubens und gegen den letzten Papst der Kirche entzündet, wie dieser Hass sich steigert, wie er sich endlich in grässlichen Ausbrüchen der „Volkswut“ entlädt, wie endlich Julian, der „Weltpräsident“, mit eisiger Ruhe im Namen der Menschlichkeit die Ausrottung der christlichen „Pest“ auf kaltem Weg beschließt – das muss man im Roman selbst nachlesen, es lässt sich nicht in wenigen Zeilen schildern.

 

Aber müssen wir – in unseren Tagen – all das erst nachlesen? Haben wir nicht gerade auf deutschem Boden das alles in bereits sehr ausgebildeten Vorformen erst jüngst erlebt? Das Auftauchen des „wahren“ Messias, die Huldigungen restlos ergebener, verzauberter Menschenmassen vor ihm, das Aufziehen einer neuen Zukunftsreligion, in deren Mittelpunkt die Apotheose der Zeugung, der Mutterschaft, kurz: das „Leben“ stand, die tödliche Feindschaft gegen die Kirche wegen ihres ehernen Nein gegen alle Menschen- und Menschheitsvergötzung, den Massenmenschen mit den wahnwitzigen Ausgeburten eines fanatisierten Trieblebens, die Liquidierungsversuche gegen Christentum und Kirche auf kaltem Weg? Der einzige Unterschied war, dass hier in einem Einzelvolk geschah, was dort im Weltmaßstab vorausverkündet wurde. Der „Herr der Welt“ zeigt zu klar, was am Ende einer „totalen Menschheit“ steht: die Vernichtung der menschlichen Freiheit und der Götze Mensch, der zum vernichtenden Schlag gegen den Glauben an den wahren Gott ausholt, genau in dem Augenblick, da eben dieser Gott ausholt zum vernichtenden Schlag gegen den Götzen Mensch: Am hohen Pfingsttag des Jahres . . ., um die neunte Stunde, da eben Julian Felsenburg an der Spitze der konzentrisch gegen Nazareth, den letzten Zufluchtsort des letzten Papstes, heranrückenden vereinigten Luftflotten als erster die Bombe lösen will, die Papst Silvester und die letzten im Gesang des „Pange lingua“ anbetend um den eucharistischen König gescharten Gläubigen vom Erdboden vertilgen soll – da überdröhnt ein Donnerschlag der bis zum Bersten aufgewühlten Natur das Donnern der Hunderte von todbringenden Flugzeugen – „und es versank die Welt und ihre Herrlichkeit“.

 

Diesen Satz, mit dem der Roman endet, wird keiner seiner Leser vergessen können. Er klingt nach dem wild dahinstürzenden Finale der Endereignisse und der ungeheuren Generalpause jenes letzten Hochamts zu Nazareth wie der erdzerschmetternde Paukenschlag, der die große Symphonie der Menschheitsgeschichte abschließt.

 

Und das ist vielleicht das Bedeutsamste, was sich von diesem vielumstrittenen und wenig verstandenen Roman heute, 40 Jahre (110 Jahre) nach seinem Erscheinen, sagen lässt: Er hatte, noch mitten in einer Zeit des gesichert scheinenden, behaglich-bürgerlichen Lebensgefühls, den Mut, die Christen vor die letzte Wirklichkeit zu stellen. Er war in der Tat, einer ersten Springwelle gleich, der Vorläufer jener stürmischen Wogengänge, die im Gefolge der kommenden schweren Jahrzehnte zu einer damals ungeahnten Höhe anschwellen sollten. Der letzte Bittruf des letzten Buches der Heiligen Schrift, der 1907 wie eine kaum mehr verständliche, veraltete Formel am Schluss der Geheimen Offenbarung (22,20) stand, ist durch die Wirren dieser vier Jahrzehnte wie von selbst in ungezählten Herzen zu neuem Leben erwacht, der Ruf „Komm, Herr Jesus“.“

 

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Unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, hat im Jahr 2016 auf seiner Reise nach Asien den mit ihm reisenden Journalisten mit Nachdruck den 1907 geschriebenen Roman „Der Herr der Welt“ von Robert H. Benson empfohlen und damit auch uns ans Herz gelegt. Der zur katholischen Kirche konvertierte Priester Msgr. Robert H. Benson gibt in seinem apokalyptischen Thriller einen Einblick in den Kampf der katholischen Kirche gegen eine modernistische, wissenschaftsgläubige, liberalistische und antikatholische Gesellschaft. Der Heilige Vater sagte: „Es gibt ein Buch, entschuldigen Sie, wenn ich etwas Werbung mache; ein Buch, dessen Stil zu Beginn vielleicht etwas schwerfällig ist, weil es 1907 in London geschrieben wurde . . . ich empfehle Ihnen, es zu lesen.“

 

 

„Der Herr der Welt“ von Robert Hugh Benson

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9. Ewiges Leben (2)

       

1. Die Ahnung der Vorzeit.

 

Wie Plato in seinem Dialog „Phaidon“ berichtet, hat sein Lehrer Sokrates seinem Glauben an ein Land der Herrlichkeit, dem er zuwanderte, bis in die Todesstunde hinein ergreifenden Ausdruck gegeben. Siebzig Jahre alt, wurde Sokrates schuldlos verurteilt, den Giftbecher zu trinken. Ihn, der bis zuletzt seinen Gottesglauben bekannte, hatte man wegen Gottlosigkeit angeklagt. In Wirklichkeit waren es seine Weisheit, seine Überlegenheit, seine Kritik der Gottlosigkeit in seiner Vaterstadt, die seine Verurteilung herbeigeführt haben. In den letzten Stunden vor seinem Tod versuchte Sokrates seine Freunde davon zu überzeugen, dass sein Leib, den man in die Erde legen werde, doch nicht er selbst sei. Man brauche sich also keine Sorge zu machen, was man mit seinem Leib anfange. Es sei durchaus genügend, wenn man ihn auf schickliche Art begrabe. Er selbst werde, nachdem er den Schierlingstrank genommen habe, nicht länger bei ihnen bleiben, sondern zu irgendwelchen Herrlichkeiten der Seligen fortgehen. Er sage dies nicht, um sie oder sich zu beruhigen. Er verbürge sich dafür, dass es nicht anders sei, als er sage. Und nachdem er dies gesagt hatte, setzte er an und trank den Giftbecher aus. Ein großes Weinen erhob sich. Sokrates aber sagte: „Was macht ihr doch, ihr wunderlichen Leute! Ich habe immer gehört, man müsse still sein, wenn einer stirbt!“ Plato schreibt, das sei der Tod eines Mannes gewesen, der von den damaligen Menschen der trefflichste und auch sonst der vernünftigste und gerechteste war.

 

2. Das Wissen des Christen.

 

Im Jahr 185 wurde zu Rom ein vornehmer, hochgebildeter Christ namens Apollonius wegen seines Glaubens vor Gericht geschleppt. Beim Verhör sprach er zum vorsitzenden Prokonsul die schönen Worte: „Du weißt, Gott hat über alle Menschen ohne Ausnahme den Tod verhängt, und nach dem Tod kommt das Gericht. Die Menschen sterben freilich ganz verschieden. Wir Christen sterben jeden Tag frohgemut, weil wir unsere Leidenschaften zügeln und nach dem Gesetz des Herrn leben. Ich lüge nicht, wenn ich sage: in unserem Leben ist keine Spur von Unlauterkeit. Wir wenden unsere Augen ab von aller Sinnlichkeit und gehen jeder Verführung aus dem Weg. Wir wollen unsere Seele rein erhalten. Darum sterben wir gerne für Gott, der uns erschaffen, und sind bereit zu jedem Opfer, um uns zu bewahren vor dem ewigen Tod. Im Leben und Sterben sind wir des Herrn.“ Der Richter fragte dazwischen: „Du liebst also den Tod?“ Apollonius versetzte: „Ich liebe das Leben. Das ist es, was mich den Tod nicht fürchten lässt. Es geht nichts über das ewige Leben, das den Guten nach diesem zeitlichen Leben sicher ist.“

 

3. Die große Erwartung.

 

Über die letzten Lebenstage der heiligen Monika schreibt ihr Sohn, der heilige Augustinus, unvergleichlich schön: „Als der Tag herannahte, da sie aus diesem Leben scheiden sollte, standen wir beide, ich und sie allein, ans Fenster gelehnt, von wo man in den inneren Garten unseres Hauses sah. Dort zu Ostia am Tiber war es, wo wir in Ruhe, fern vom Geräusch der Welt, nach langer, mühevoller Reise uns für die Meerfahrt neue Kräfte sammeln wollten. Da sprachen wir denn einsam miteinander, gar süß und lieb, vergessend des Vergangenen und hingewandt zu dem, was vor uns liegt (Phil 3,13). Und vor dir, o Gott, der du die Wahrheit bist, fragten wir uns so bei uns, wie wohl das ewige Leben deiner Heiligen sei, das da „kein Auge noch gesehen und kein Ohr gehört hat und das in keines Menschen Herz gedrungen ist“ (1 Kor 2,9). Und da erhoben wir unsere Seelen mit wachsend heißer Glut zum Ewigen selbst. Und da wir also davon sprachen und danach verlangten, berührten wir leise das Ewige . . . Fünf Tage später warf das Fieber sie aufs Krankenlager. Wir eilten herzu. Da sie bemerkte, dass wir ganz verstört von Trauer waren, sprach sie: „Ihr werdet eure Mutter hier begraben.““

 

4. Der große Trost.

 

Auf einem alten Grabstein im Friedhof einer englischen Stadt stehen folgende sinnige Verse:

„Wie lieblich ist der Ort, wo Christen ruh`n!

Wie süß die Au, wo Engel selig schweben!

Warum nur weinen, trauervoll und bang?

Sie starben nicht, sie geh`n voraus – ins Leben!“

 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 455)

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10. Ewigkeit

 

1. „Es gibt eine Ewigkeit!“

 

Ein Arbeiter, der mit Frau und Kindern aus der Kirche ausgetreten war – so erzählt der protestantische Pfarrer Iskraut (Bielefeld) – wurde schwer krank. „Frau“, sagte der Leidende plötzlich morgens um vier Uhr, „lass den Pfarrer holen!“ „Wie kann ich zum Pfarrer gehen“, antwortete die Frau, „wir sind ja alle ausgetreten.“ Der gequälte Mann ließ nicht nach, bis sie zum Pfarrer ging. Morgens um fünf Uhr stand der Pfarrer am Krankenbett. Der Kranke sprach wenig. „Beten Sie mit mir“, war seine einzige Bitte. Als wäre eine Zentnerlast von seinem Herzen genommen, so seufzte der Kranke nach dem Gebet erleichtert auf. Mit Augen, die die Finsternis des Todes zu durchdringen schienen, sah er den Geistlichen an, und tief erschüttert sagte er: „Herr Pfarrer, es gibt doch eine Ewigkeit. Die Gottesleugner haben mich belogen, der Tod aber hat mir die Wahrheit gesagt.“ Darauf wandte er sich an seinen Ältesten und beschwor ihn, von dem verkehrten Weg umzukehren. Der Junge schien das widerwillig zu hören. Da nahm der Kranke eine fast drohende Gebärde an, rief aber dabei im Ton inständigen Flehens: „Mein Sohn, lass dir von deinem sterbenden Vater sagen: es gibt eine Ewigkeit, kehr um und gehe Gottes Weg.“ Die kleineren Kinder und die Frau bat er aufs dringendste, was ihnen auch begegnen möge, was die Leute auch reden würden, sie sollten doch ja anders leben, als er ihnen vorgelebt habe, denn: Es gibt eine Ewigkeit! Gegen Mittag brachte die tiefgebeugte Frau dem Geistlichen die Todesanzeige, zugleich aber bat sie ihn herzlich, er möge sie mit allen ihren Kindern wieder in die Kirche aufnehmen.

 

2. Was ist die Ewigkeit?

 

Jakob Brydaine, ein berühmter Missionar und ausgezeichneter Volksredner, hielt einst auf freiem Feld vor Tausenden von Menschen eine Predigt über den Tod. Im Verlauf seines Vortrags rief er mit stärkster Stimme urplötzlich: „Wohlan, meine Brüder, worauf stützt ihr denn euren Glauben, dass euer letzter Tag noch fern sei? Etwa auf eure Jugend? Ja, antwortet ihr, ich bin erst zwanzig, erst dreißig Jahre alt. Welche Täuschung! Merkt ihr nicht, was ihr damit sagt? Das heißt doch: Der Tod hat schon zwanzig bis dreißig Jahre über euch voraus. Nehmt euch in Acht. Schon hat die Ewigkeit auf eurer Stirn den Augenblick eingezeichnet, wo sie für euch anfangen wird. Und wisst ihr, was die Ewigkeit ist? Die Ewigkeit ist eine Pendeluhr, an der der Pendel bei Grabesstille unaufhörlich nur die beiden Worte spricht: Immer! Nimmer! – Immer! Nimmer! Und wenn während dieser immer wiederkehrenden Zeit ein Verworfener in entsetzlicher, qualvoller Angst fragt: Wieviel Uhr ist es?, dann antwortet ihm die Stimme eines andern Elenden: Es ist – Ewigkeit.“

 

3. Der Ernst der Ewigkeit.

 

Auf P. Segneri SJ, den großen Prediger, machte der Gedanke an die Ewigkeit einst bei seinen Exerzitien einen solchen Eindruck, dass er mehrere Nächte lang nicht schlafen konnte. Seit ihm die eigene Ewigkeit in ihrer ganzen Größe und Tragweite aufging, wurde sein früher schon heiliges Leben ganz Gott zugewandt.

 

4. Der Trost des Ewigkeitsgedankens.

 

Ein Seelsorger stand am Sterbebett eines dreißigjährigen Arbeiters, der seine Schmerzen mit heroischem Starkmut trug. Als er ihn einmal fragte, was ihm die Kraft gebe, die schwere Krankheit so gefasst zu tragen, erhielt er zur Antwort: „Das ist mein Glaube an die Ewigkeit und an einen ewigen Ausgleich alles Durchlebten und Durchlittenen. Was wäre der Mensch in solcher Lage ohne den Glauben.“

 

5. Er hat es erfahren.

 

Julie Postel, die spätere heilige Ordensstifterin, hielt als junge Lehrerin zu Barfleur während der Wirren der Französischen Revolution die heiligen Gefäße ihrer Pfarrkirche in ihrem Haus verborgen. Eines Tages erschienen plötzlich Häscher und durchsuchten alles, fanden aber nichts. Aus Ärger darüber spottete einer der Häscher über ein Bild an der Wand, das die Ewigkeit der Seligen und der Verworfenen darstellte. „Bürgerin“, rief er, „was bedeutet das Bild?“ „Schauen sie doch hin“, erwiderte Julie mit der größten Ruhe, „und lesen Sie die Unterschrift!“ „Zum Teufel mit der Ewigkeit!“ fluchte der Wüterich und hieb das Bild in Stücke. Die Heilige sammelte die Trümmer auf und sprach leise: „Der Unglückliche, in 24 Stunden ist er vielleicht schon in seiner Ewigkeit!“ Noch am gleichen Abend wurde der Frevler von einem seiner Kameraden im Streit erschlagen.

 

6. Eine Umkehr in letzter Stunde.

 

Ein Priester wurde einmal zu einem sterbenden Rechtsanwalt gerufen, der schon lange seine religiösen Pflichten vernachlässigt hatte. Im Hausflur vertraute ihm die Frau des Sterbenden an, dieser habe ihn nur rufen lassen, um ihn durch Fragen in Verlegenheit zu bringen. Als der Priester eintrat, redete ihn der Advokat mit schon fast gebrochener Stimme an: „In meiner ziemlich bedenklichen Lage möchte ich Euer Hochwürden eine Frage vorlegen, die Sie mir ohne Zweifel beantworten können: Gibt es eine Ewigkeit oder nicht? Da zog der Priester seine Uhr heraus, legte den Finger auf das Zifferblatt und sprach: „Ehe der kleine Zeiger das Zifferblatt ganz durchlaufen hat, werden Sie selbst Zeugnis davon ablegen nicht nur, dass es eine Ewigkeit, sondern auch, dass es eine ewige Gerechtigkeit gibt.“ Der Kranke geriet außer sich vor Zorn, brach in Schimpfworte aus und forderte den Priester auf, zu gehen. Aber kurz darauf besann er sich eines Besseren. Die Antwort hatte ihn erschüttert. Er wollte es doch nicht darauf ankommen lassen, erst durch eigene schreckliche Erfahrung belehrt zu werden. Er ließ den Priester noch einmal zu sich bitten und brachte in großer Zerknirschung sein Leben vor Gott in Ordnung.

 

 

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1950, Band 11, Seite 445)

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