Jesus, der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat

Mariä Himmelfahrt (Viertes glorreiches Geheimnis)
Mariä Himmelfahrt (Viertes glorreiches Geheimnis)

 

Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat

 

Die bildliche Darstellung zeichnet den Empfang der verklärten Jungfrau gleichsam an den Tempelpforten, am Eingang der Hallen des himmlischen Sion, über den Gestirnen der oberen Lichtwelten. Der Künstler mag an die Worte des Psalms gedacht haben : "Du hast meine rechte Hand gehalten, und in Deiner Huld mich hinangeführt, und zur Glorie mich aufgenommen." Unter den Chören der Himmlischen, die die Jungfrau begleiten, erscheinen die drei Erzengel, die vorzugsweise als Boten und Schirmer für das Werk des menschlichen Heils genannt werden. Unter den Himmelsbürgern, die die Kommende begrüßen, sind, wie billig, ihr irdischer Lebensgefährte, und ihre Eltern: Josef, Anna, Joachim, die Vordersten; ihr Ahnherr David begleitet die Lobgesänge der Engel; das erste Menschenpaar, von dem das Unheil ausgegangen ist, neigt sich vor der Wiederbringerin des Lebens, die ihm von Anfang her verheißen worden war.

 

Der hohe Frauentag

 

Mitten im Sommer, in der Höhe des Jahres, feiert die Kirche das höchste Marienfest, den Eintritt der Gottesmutter mit Leib und Seele in das ewige glorreiche Leben. Kein Marienfest ist in Poesie und bildender Kunst so verherrlicht worden, so dicht von Sagen und Legenden umrankt, so von sinnigen Gebräuchen umsponnen wie der hohe Frauentag.

 

Nach einer uralten Überlieferung ist Maria im Alter von 72 Jahren zu Jerusalem gestorben. An keiner Krankheit, sondern ganz aufgezehrt von Liebe und Sehnsucht nach ihrem göttlichen Kind, von seligster Betrachtung der himmlischen Heimat ganz zerflossen. Vor Jahren starb in Innsbruck eine überaus fromme Klosterfrau. Als sie eine Stunde vor ihrem Tod der Priester fragte, wie ihr zumute sei, gab sie glücklich lächelnd zur Antwort: „Wie einer Braut!“ Wie mag da der Tod Mariens, der Mutter Gottes, die von der Erbsünde und allen persönlichen Sünden frei war, lieblich, feierlich, ruhig und heilig gewesen sein! Ja, die Mutter Gottes starb leicht, leise und lieblich, wie eine ausgereifte Frucht unter dem Wehen des Morgenwindes sich vom Zweig des Baumes ablöst und lautlos in den Schoß des Grases gleitet; wie eine Blume, deren Leben die Sonne aufgeküsst hat, und die ihr schönes Haupt am Stängel neigt; wie das Ewige Licht, das im Dienst des Allerheiligsten sich verzehrt und leise erlischt, oder wie der edle Weihrauch, der, von der Glutwärme aufgelöst, in stillen Wellen aufwärts zieht und Wolken des süßesten Wohlduftes verbreitet zur Ehre des Herrn und zum Wohlempfinden der Menschen. – In der Poesie ist unser Festgeheimnis oft besungen worden. In der bildenden Kunst liebte man bis zum 13. Jahrhundert die Darstellungen: Maria auf dem Sterbebett – Mariens Heimgang – Mariens Hingang – Mariä Schlaf. Zu eigentlich künstlerischer Vollendung brachte die Festidee von Unserer Lieben Frauen Himmelfahrt erst die sienesische Malerschule. Von einem ganzen Kranz entzückender Engel umschwärmt, schwebt Maria über alles Himmelsblau in überirdische Sphären. Je eins dieser wunderbar schönen Bilder befindet sich zu Siena und München. Von den Hunderten von Darstellungen ist die herrlichste „Assunta“ von Tizian (in der Akademie zu Venedig).

 

Von Italien flog der Funke nach Spanien, Frankreich, Holland, Deutschland. Spaniens bedeutendste Leistung ist „Mariä Himmelfahrt“ von Murillo (in der Eremitage zu Petersburg). Alle oder fast alle Bilder, selbst Paul Rubens „Mariä Himmelfahrt“ (Hochaltar der Kathedrale zu Antwerpen) und Albrecht Dürers Darstellungen stehen im Bann italienischer Kunst und Eigenart. – Von den frommen Gebräuchen muss besonders die Blumenweihe (Kräuterweihe, Wurzelweihe) am hohen Frauentag erwähnt werden. Die Liturgie vergleicht Maria wegen ihrer unvergleichlichen keuschen Schönheit und wegen des überirdischen Wohlgeruches ihrer Tugenden mit Blumen. So ist sie nach der Epistel der Festmesse ein Rosenstrauch, ein schöner Ölbaum auf dem Feld, ein Ahorn am Wasser, ein Zimtstrauch, Balsam und eine erlesene Myrrhe. Nach der Lauretanischen Litanei die geistliche Rose. Nach der Matutin eine blühende Rose in den Tagen des Frühlings, eine Lilie am Wasserbach. Dass gerade am Himmelfahrtstag die feierliche Weihe der Blumen vorgenommen wird, ist wohl auch bedingt von der Jahreszeit und von der schönen Legende, wonach die Apostel bei Öffnung des Grabes statt des Leichnams Blumen gefunden haben.

 

Wir sollen das Fest in Freude und Sehnsucht feiern. In Freude über die einzigartige hohe Auszeichnung unserer Mutter. Wo hat es denn jemals ein gutes Kind gegeben, das sich nicht über die Ehrung seiner Mutter von Herzen gefreut hätte? In Sehnsucht: Wir sind noch in der Fremde, weit von der Mutter. Wenn du die Mutter Gottes fragen könntest: „Mutter, bist du ganz glücklich?“, so gäbe sie zur Antwort: „Noch nicht ganz; erst wenn auch du bei mir bist!“

 

Aus der zweiten Rede des heiligen Johannes Damascenus über den Heimgang der allerseligsten Jungfrau:

 

Nicht zum Staube ist die allerseligste Jungfrau heute zurückgekehrt. Denn durch keine irdischen Neigungen wurde sie zum Staub hinabgezogen. Nein, ihr Herz war immer hinaufgerichtet in himmlischen Gedanken. Weil sie darum ein lebendiger Himmel gewesen ist, wird sie in den Himmel aufgenommen. Wie sollte sie, aus der für alle das wahre Leben floss, den Tod kosten? Jedoch, sie nimmt das von ihrem Sohn gegebene Gesetz des Todes an. Als Tochter Adams unterzieht sie sich dem alten Strafurteil. Hat doch auch ihr Sohn, der das Leben selbst ist, das Todesurteil angenommen. Da sie aber die Mutter des lebendigen Gottes ist, ist es würdig, dass sie zu ihm selbst aufgenommen wird.

Eva hat der Einflüsterung der Schlange Einwilligung geschenkt. Mutterschmerz und Todesurteil sind aber ihre Strafe, und in den dunklen Verließen der Unterwelt erhält sie ihre Wohnung. Die selige Gottesmutter aber hat dem Wort Gottes Gehör verliehen. Darum wurde sie mit der Wirkung des Heiligen Geistes erfüllt. Auf den Englischen Gruß Gabriels empfing sie jungfräulich Gottes Sohn. Ohne jeglichen Schmerz hat sie ihn geboren und hat sich ganz Gott geweiht. Wie könnte sie ein Raub des Todes bleiben? Wie könnte die Unterwelt sie verschlingen? Wie könnte die Verwesung Besitz ergreifen von jenem Leib, in dem das Leben empfangen ist? Ihr wurde darum ein gerader, ebener und leichter Weg zum Himmel bereitet. Hat nicht Christus, die Wahrheit und das Leben, selbst gesagt: "Wo ich bin, da soll auch mein Diener sein?" Muss da nicht doch vielmehr seine Mutter bei ihm sein?

 

Zehn Sätzchen, von denen jeweils eins vor jedem Ave gelesen werden kann:

 

1. Ich versetze mich an das Sterbebett der Gottesmutter nach Jerusalem. Kein körperlicher Schmerz quält sie. Allein das Verlangen nach dem lieben Sohn verzehrt die irdische Hülle.

 

2. Das Sterben der Gottesmutter ist das schönste irdische Sterben. Denn hier ist keine Angst wegen irgendeines Makels. Fleckenlos von ihrer unbefleckten Empfängnis bis zum Tod liegt ihr Leben hinter ihr. Es ist geziert durch die herrlichsten Tugenden, durch die innigste Vereinigung mit Gott. Es ist durchwandelt auf so vielen Straßen des Kreuzes und der Demut. Wer ein solches schönes und inhaltsreiches Leben gelebt hat, dem kann der Tod keine Schrecken bringen.

 

3. So stirbt Maria ohne Schmerzen, wie eine reife Frucht sich sanft vom Baum löst. Ihre Seele zieht hinauf zur jubelnden Vereinigung mit Gott.

 

4. Ihr Leib wird von Johannes liebevoll bestattet. So stehe ich am Grab Mariä. Die Erde hat ihre liebste Mutter verloren. Nein. Nicht verloren. Besonders diese Mutter vergisst ihre Kinder auch im Himmel nicht.

 

5. Ihr Leib darf nicht verwesen. Denn nie hat ihn ein Makel der Sünde zum Staub hinabgezogen, wie dies bei mir der Fall ist.

 

6. Von diesem Leib hat der ewige Gottessohn Fleisch und Blut angenommen. So wenig darum der Leib Christi der Verwesung anheimfiel, so wenig auch der Leib seiner Mutter.

 

7. Christus erweckt seine Mutter zu neuem Leben. Er gibt ihr herrlichste Verklärung, und die Engel tragen sie zum Himmel empor.

 

8. Wie freue ich mich, o himmlische Mutter, dass dir diese große Auszeichnung zuteil wurde. Du hast uns allen das Leben gebracht. Darum gebührten dir nicht Verwesung, sondern Unverweslichkeit und ewige Verklärung.

 

9. O Maria, erbitte mir die Gnade eines reinen, zum Himmel führenden Lebenswandels. Hilf mir, dass mein Leben reich sei an Gebet und Vereinigung mit Gott, reich an guten Werken. Hilf mir, dass auch ich die irdischen Dornen durch Gottergebung verwandle in himmlische Rosen.

 

10. O Gottesmutter, stehe mir bei in meiner Sterbestunde, empfange meine arme Seele und führe sie bittend zu deinem göttlichen Sohn, meinem Richter.