Der heilige Rosenkranz

 

Die Blumen des Rosenkranzes

verwelken nicht;

sie bleiben ewig frisch

in den Händen dessen,

der Maria verehrt.

Papst Pius XII.

 

Als die Mutter Gottes im Jahr 1858 zu Lourdes dem Hirtenmädchen Bernadette Soubirous 18mal erschien, trug sie jedesmal am rechten Arm einen Rosenkranz. Das hatte sicherlich seine Bedeutung. Offenbar wollte die Mutter Gottes dadurch andeuten, wie lieb ihr das Rosenkranzgebet sei. Dieses Gebet dürfte wohl unter allen Gebeten, die zur Verehrung Mariens dienen, ihr am liebsten sein. Denn darin kehren immerfort wieder jene denkwürdigen Worte, mit denen sie einst der Erzengel begrüßt hatte, damals, als er ihr die Ankunft des Heiles ankündigte. Diese Worte des Engels erfreuen noch heute das Herz der Himmelskönigin und rufen in ihr eine der schönsten Erinnerungen ihres Lebens wach.

Matthias Hergert

 

 

Betrachtungen über die 15 traditionellen Rosenkranzgesätze:

 

 

Das Kind und der Rosenkranz

 

Es war einer der trüben Regentage, wie sie in Rom selten sind; ist es aber mal ein solcher Tag, dann sieht es traurig aus, und es ist gleich alles so trüb, so leer, so melancholisch. Die Italiener sind wie die Blumen; sobald die Sonne mal nicht scheint, hängen sie die Köpfe und falten ihre Blüten zu. Sie sind wie die Sterne; sobald Wolken am Himmel sind, sieht man sie nicht, oder doch nur verschleiert und verborgen.

 

Es war deshalb auch recht öde auf den Straßen, und eintönig klatschte der Regen auf die Steine und Dächer. An manchen Stellen stand schon das Wasser; die Via Sistina herunter lief es schon in kleinen Bächlein, die es sich selbst gegraben haben. Nur einige Polizisten und Carabiniere gingen zwei zu zwei die Straße vor dem Quirinal auf und ab. In eiligen Schritten kam eine der mächtigen Gestalten der königlichen Leibkürassiere die Via Venti Settembre herunter, durchquerte die Kreuzung der Quattre Fontane und eilte zu dem Palast seines Königs.

 

Unbeachtet saß oder kauerte vielmehr auf der Treppe unter dem Eingangstor der Kirche der Carlini eine weibliche Gestalt, und an sie gedrängt lag ein kleiner Junge. Hin und wieder schaute wohl mal ein Vorübergehender hin, die meisten aber gingen, ohne hinzuschauen, ihres Weges. Auf ihren Knien hatte die Frau ein Kästchen voll kleiner Döschen, wie man in Italien für einen Saldo die Streichhölzer den Armen abkauft. An der Seite des Kleinen, neben ihm, lagen in ein buntes Tuch gebunden kleine Sträußchen von Stiefmütterchen und anderen Blumen.

 

Ob die beiden sich ausruhten? In der Tat, sie schliefen alle beide, und es war ein rührender Anblick, wie sie da lagen. Auf dem Antlitz der Mutter, denn das war sie offenbar, hatte das Leben, das harte, seine Linien gezogen; Sorge und Arbeit, mitunter wohl auch Hunger und Not, hatten da nicht gefehlt, aber doch lag auch ein stiller Friede, ein ergebenes Lächeln in ihren Zügen.

 

Und der Kleine? Er hatte den Kopf an sie gelehnt, wie an ein Kissen, und mit der Linken umschlang er sie. Auf seinen Wangen lag die frische Farbe der unschuldigen Kindheit.

 

Da kam ein Mönch aus der Kirche, in ähnlichem Gewand, wie es das malerische Kleid der Dominikaner ist, nur die Kapuze war spitzer, der Mantel kürzer, und er trug keinen Hut; auf der linken Seite des Mantels hatte er ein rotes Kreuz. Es war ein Trinitarier, in Rom die Carlini genannt. Wo die Frau mit dem Jungen saß, war ja ihre Kirche, La chiesa die Carlini. Er sah die beiden und lächelte, und griff in die Tasche. Viel war es wohl nicht, was er gefunden, ein Zehnzentesimostück aber immerhin; still legte er es der Armen zu den Döschen auf die Knie und ging weiter.

 

Ob nun eines der Englein, die alles sehen, nicht warten konnte vor Freude, oder auch ein anderes das kleine Kupferstück schützen wollte vor diebischen Fingern anderer Passanten, deren Herz nicht so weich wie das des mitleidigen Mönches, - letzterer war kaum um die Ecke der Straße, da wachte die Bettlerin auf.

 

„La mia Madonna! – Meine Madonna!“ entfuhr es ihren Lippen, und sie sah die Münze.

 

Und gleichsam als seien sie und ihr Kind nur ein Leben, wie sie erwachte, schlug auch der Kleine die Augen auf, und als sie ihm das Geldstück zeigte, sagte er voll kindlicher Freude:

 

„Per la mia mamma! – Für meine Mama!“

 

Und sie nahm seinen Kopf, und ihn liebkosend, küsste sie ihn mit den Worten:

 

„Poveretto mio, Giuseppino mio, Piccino mio! – Mein armes Kerlchen, mein Josefchen!“

 

Und dann fing sie an, ihm etwas zu erzählen, es wäre unmöglich, ihr zu folgen.

 

Als die geendet, hatte auch der Regen nachgelassen, und in munteren Sprüngen lief der Kleine mit seinem Bündel Blumen die Via Sistina hinunter über die Piazza Barbarini die Via Veneto hinauf vor die Villa Veneto hinauf vor die Villa Margueritha; hier schien sein Platz zu sein. So klein er war, so pfiffig war er auch schon. Einheimische, Italiener, ging er gar nicht an. Kam aber ein Fremder, und besonders, wenn es ein junges Pärchen war, flugs war er da und bot sein Sträußlein an oder steckte es der Überraschten sogar in die Bluse oder ins Kleid an den Gürtel. Kam ein Wagen, war er so flink, dass er ein Stück Weges mitlief, und selten, dass er ein Sträußlein vergebens hineingeworfen hat, ein Soldo wenigstens flog dafür heraus. So tat er es denn auch heute.

 

Indessen war die Mutter aufgestanden, aber nicht wie sonst stellte sie sich an die Ecke der Straße und bot ihre Streichhölzlein an, nein, sie packte sie zusammen, zog ein farbiges Tuch aus der Tasche, legte es über den Kopf und trat in die Kirche. So tun es die Italienerinnen. Nie gehen sie ohne Hut oder Schleier in die Kirche, und fehlt ihnen beides, legen sie ein Tuch, und sei es nur ihr Taschentuch, über die Haare. Es ist die Sitte, wie sie die heilige Schrift den ehrbaren Frauen angibt. Und es steht ihnen gut, es liegt etwas Gottgeweihtes, Feierliches darin.

 

So sah auch die Frau gar nicht mehr aus wie eine Bettlerin, in ihrem farbigen Campagnerkleid, den großen, goldenen Ringen in den Ohren, über das noch schwarze Haar das bunte Tuch. Die Augen nach oben zum Bild der Madonna gewendet, hatte sie die Hände gefaltet und einen Rosenkranz um sie geschlungen.

 

„Prega per me! – Bitte für mich!“ hörte man sie beten. Nachdem sie lange gekniet hatte, setzte sie sich in eine Ecke auf den Fuß einer Marmorsäule und schaute von da zu ihrer Madonna.

 

Was hatte sie doch soeben geträumt?

 

Sie saß vor der Kirche, und neben ihr der kleine Giuseppe; er lehnte sich an sie, und sie sah ihn einschlafen; da kam ihr der Gedanke: Was, wenn sie nun stürbe? Sie erschrak, und dann schlief sie ein. Da kam der Gedanke wieder. Aber sie konnte nicht sterben; wer sorgte für ihren Jungen? Und wer gab ihr Geld, dass sie doch dem Pförtner einen Soldo zu geben hatte; als Bettlerin wollte sie doch nicht auch nicht zum Himmel kommen. Und sie hatte heute noch nicht ein Döschen verkauft. Da wurde sie wach; doch nein, sie träumte, sie sah die Madonna, die hielt auf ihren Armen – ihren Bambino, ihren Piccino, wahrhaftig ihren Giuseppino, und er schlief so selig, und die Madonna lächelte so zu ihr. Und dann wurde sie aber wach, nein, es war immer noch Traum, da stand eine weiße Gestalt vor ihr mit schwarzem, wallendem Mantel und einem roten, funkelnden Kreuz an der Seite, ein Engel, und – der gab ihr eine Münze für den Himmelspförtner. Und nun war es aber kein Traum mehr, sie wurde wach, und sie hatte doch das Geld, das war doch keine Täuschung. Lange mochte sie wohl so in der Kirche gewesen sein und ihre Gedanken nachgehangen haben; und als ein Pater gerade in den Beichtstuhl ging, hatte sie noch gebeichtet, und auch er musste ihren Traum anhören und entließ sie getröstet.

 

Es war Abend geworden, und von allen Kirchen sandte das Aveläuten seinen Gruß über das große Rom. Da kam auch der kleine Giuseppe die Via Sistina heraufgesprungen; sein Tüchlein war leer, er hatte alle Blumen verkauft.

 

Doch was war da an der Treppe der Chiesa bei Carlini passiert? Eine Menge Neugieriger stand zusammen. Er wollte sich gerade hindurchdrängen, da kam ein alter Trinitarier mit weißem Bart aber freundlichen Augen auf ihn zu, fasste ihn bei der Hand und nahm ihn einfach auf die Arme und trug ihn ins Kloster.

 

„Dov` è la mia mamma? – Wo ist meine Mamma?“ hörte man ihn fragen.

 

„Nel paradiso – Im Himmel“, wäre die Antwort gewesen. Man sagte ihm aber nichts, er hätte es doch noch nicht verstanden.

 

Was war geschehen? Der Traum der Mutter hatte sich erfüllt. Als der Klosterbruder zum Aveläuten ging, hatte er sie an der Säule beim Altar der Madonna gefunden; er glaubte, sie schliefe, und wollte sie wecken. Es war aber eine Tote.

 

Er meldete es seinem Obern; es war der Pater, der kurz vorher sie Beichte gehört hatte. So erfüllte er, ohne es zu sagen, von wem er geheißen, der toten und der himmlischen Mutter Wunsch, als er den kleinen Giuseppe ins Kloster trug; sie selbst trugen sie gerade aus der Kirche.

 

So trüb und regenvoll der vorhergegangene Tag war, so hell und wolkenlos stieg der andere Morgen auf. So ist es fast allemal im schönen Rom. Regnet es heute, so regnet es sich aus, und morgen steht ein blauer Himmel droben. Und wie das Wetter sind auch die Menschen. Schnell, impulsiv, sie können böse sein, erregt, zornig, doch sie tragen nicht nach, sie vergessen im Nu und sind wieder gut wie vorher. Ihr Herz ist wie ihr Firmament.

 

So war auch nach dem Regentag, dem deutschen Tag, wie die Italiener sagen, ein Sonnentag, ein italienischer Tag, aufgegangen. Wie ganz anders sieht dann Rom aus. Die Römer sind Sonntagskinder und Sonnenkinder. Ist die Sonne da, ist auch Sonntag bei ihnen. Alles kommt aus den Häusern und Stuben und putzt sich und eilt ins Freie. Die Italiener leben in der Sonne. Alle Straßen beleben sich, und gegen den Nachmittag ist Corso und Monte Pincio voll Spaziergängern, und drängt sich Wagen hinter Wagen.

 

Der kleine Giuseppe saß still in einem Zimmerchen der Trinitarier und sehnte sich hinaus in die freie Luft und in die Straßen. Ein Häuflein abgebrochener Blumen lag vor ihm, die hatte er im Klostergarten abgepflückt, und er saß mit ihnen am Boden und band sie zu kleinen Sträußlein. Der arme Kleine sah recht traurig drein, und hin und wieder tropfte doch ein Tränlein in seine Blumen. Der gute alte Mönch in dem weißen Gewand hatte es ihm langsam klar gemacht, dass seine Mama in den Himmel gegangen ist. Erst hatte er es nicht verstanden und sich sogar darüber gefreut und in die Hände gepatscht, da der Mönch ihm den Himmel so schön schilderte, und dass seine Mutter es nun so gut habe. „Dann gehe ich auch“, rief er ein über das andere Mal. Doch als er ihm sagte, das gehe noch nicht, und es sei weit, und seine Mutter komme auch nicht wieder, da ging es ihm auch in der Seele auf, dass das Sterben und Totsein etwas arg Trauriges sei. Und als er gar noch hörte, er solle nun im Kloster bleiben, seine Mutter wolle das so, da wusste sein kleines Herz nicht mehr ein und aus, und er wurde still und scheu, blieb aber im Haus. Um ihm eine Freude zu bereiten, ließ man ihn im schönen Klostergarten herumlaufen, und ließ es auch ruhig zu, als er sich Blumen um Blumen pflückte, soviel als seine Hände tragen konnten.

 

Während er noch so da am Boden saß und eben das letzte Sträußlein geflochten, zehn Stück lagen in einer Reihe neben ihm, da öffnete sich die Tür, und der greise Obere trat ein. Voll Mitleid und Rührung sah er auf den armen Schelm herab, der treuherzig zu ihm aufschaute.

 

„Komm mit“, sagte er nur und fasste den Kleinen an der Hand, nahm mit der anderen die Sträußlein, die in seiner Rechten einen kleinen Strauß nur ausmachten, und so ging er mit dem armen Waisen hinaus, durch den Gang zur Kirche.

 

Niemand war darin. Kühle und Dunkel lag in der Kirche wie Engelsfittiche über die Altäre ausgebreitet.

 

Der Mönch führte den Kleinen zum Altar der Madonna, wo tags zuvor seine Mutter gekniet hatte. Vor dem Altar ließ er das Händchen des Kleinen los und ließ ihn allein, er selbst trat die Stufen empor und steckte die Blumen, die Gioseppino gebunden hat, in die Vasen. Der Kleine freute sich darüber, und ohne es zu wissen, stand er an der Stelle vor der Säule, wo sie tags zuvor seine Mama gefunden, eingeschlafen, wie der Bruder meinte zuerst, eingeschlafen aber für immer, wie er nur zu schnell merkte.

 

„Padre“, klang es da plötzlich vom Mund des Kleinen an des Mönchen Ohr, und es klang wie Freude und Jubel, und in seinen kleinen Händchen hielt er einen abgebeteten Rosenkranz. Es war der seiner Mutter. Offenbar war er ihrer Hand entglitten, als die himmlische Mutter sie zu sich nahm, und sie musste ihn hier sterbend liegen lassen, dass ihr geliebter Giuseppino ihn fände.

 

Immer und immer wieder küsste der Kleine den Rosenkranz und die Medaille der Madonna daran. Tief gerührt sah der greise Pater zu, und eine helle Träne stahl sich ihm ins ernste Auge. Er hieß den Kleinen neben sich knien und in der verstorbenen Mutter Namen schenkte er ihn der Gottesmutter. Den Rosenkranz ließ er dem Kind, das ihn sich um den Hals hängte und unter sein braunes Hemdlein verbarg.

 

Und am Abend des Tages begruben sie draußen auf dem Friedhof von S. Lorenzo, auf dem Gottesacker für die Armen, seine Mutter. Nun war es die Madonna, und sie schützte ihn treulich und hielt der verstorbenen Mutter Wort.

 

* * *

 

Jahre waren vergangen. Menschen gar viel gestorben, eine neue Generation stand in der Blüte ihres Lebens. Rom war unverändert dasselbe, nur schöner und üppiger geworden, und manches Alte hatte ein neues Kleid bekommen. Sonnentage und Regentage waren noch immer dieselben, und auch die Römer und Römerinnen und Fremden wie immer.

 

In der kleinen runden Kirche der Trinitarier war großes Fest. Der Altar der Madonna war mit Damast und Gold ausgeschlagen, mächtige Glaslyster hingen herab, und wohl über hundert Kerzen brannten. Eine prächtige Kanzel war aufgeschlagen, um die die Leute saßen und standen. Ein noch nicht alter Pater hielt die Predigt, und alles lauschte seinen Worten.

 

Gerade hatte er begeistert über den Gnadenschatz der Gottesmutter geredet; nun setzte er sich auf den roten Sessel, der auf dem Kanzelpodium stand. Es wurde noch stiller, und er erzählte:

 

„Wie die Madonna hilft und schützt, das kann ich euch erzählen an einem Mönch. In frühester Jugend hatte dessen Mutter ihn der Madonna geopfert und sterbend geschenkt“ – eine Pause entstand. Was ging in der Seele des Predigers vor?

 

Er sprang auf und trat an den Rand des Podiums vor.

 

„Hier war es, an jener Säule, vor dem Altar der Madonna, da fanden sie meine Mutter tot.“

 

Er war ganz bleich geworden, alles hielt den Atem und schaute nach der Stelle, nach der seine Hand deutete.

 

„Ich war ein ganz kleiner Junge. Man nahm mich auf ins Kloster.“ In kurzen Sätzen kam es heraus, die aber tief ergriffen. „Am anderen Tag kniete ich da, wohl als man sie begrub. Da fand ich ihren Rosenkranz, hier, ich trage ihn am Gürtel“, und er zeigte ihn den sich Zusammendrängenden. „Dann knieten wir dort am Altar, der selige Pater Lucas und ich Kleiner. Später sagte er mir, dass er da der Madonna mich geschenkt hat, dass ich mal sein Nachfolger werde. Ihr wisst, das bin ich nun. Aber, zu Ehren der Madonna, was liegt nicht alles dazwischen! Man tat mich armen Waisen damals zu den Schwestern, dort wurde ich erzogen, und musste lernen und arbeiten und beten. Eines Tages, und ich war auf und davon.

 

Ich lebte vom Betteln, - ich stahl auch – doch froh wurde ich nie; um den Hals die corona, der Rosenkranz der Mutter, der brannte, doch ich tat ihn nie fort; den hätte ich – ich glaube, erstochen, der den mir genommen.

 

Und doch, es verflogen die Jahre, ich durchzog die Städte bis hinab nach Venedig und weiter. So vergingen elf Jahre, elf Jahre, Madonna verzeihe, da kam ich nach Rom, doch fast noch ein Junge, ich zog durch die Straßen, ich ging nach Lorenzo, zwar wusste ich das Grab nicht, nur dass sie da lag, und dann kam ich hierher, da, da an der Säule, da warf ich mich nieder, vom Ruck brach die corona, der Rosenkranz, und fiel mir vom Hals, ich raffte ihn auf und hielt ihn in den Händen und weinte zur Mutter und zur Madonna.

 

Da kam Pater Lucas, es war am Vorabend seines Todes. Der Heilige! Er zog mich empor. „Nun bleibst du für immer“, waren seine Worte, „und er nahm mich aufs Neue mit in das Kloster.

 

Und dann blieb ich und nun bleib ich. Ich erzähle euch es zum Nutzen und auch zur Freude, dass ihr erkennt an mir, wie sie helfen und retten kann, die Madonna.“

 

Heiliger Ernst und tiefe Ergriffenheit lag auf allen Gesichtern, als er geendet hatte. Sie liebten ihn ja, ihren guten Pater Giuseppe, des alten Pater Lucas dritten Nachfolger im Amt, dessen entsannen sich noch alle. Was er erzählt, es band sie nun nur noch inniger an ihn und machte ihn ihnen noch lieber.

 

In lautem Gesang klang es zu Ende der Predigt durch die Kirche, in immer wiederkehrendem Refrain: „O rosa mystica, prega per me!“ „O du geheimnisvolle Rose, bitte für mich!“ – „Prega per me!“ „Bitte für mich!“

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Der Rosenkranz und die Sterbenden

 

Von allen Gebetsübungen zu Ehren der Mutter Gottes ist ohne Zweifel der Rosenkranz die erhabenste und die am meisten verbreitete. Allen Heiligen, vom heiligen Dominikus angefangen bis heute, war der Rosenkranz sehr lieb. Es war das beliebteste Gebet der demütigen Schäferin Germana Cousin. Der heilige Johannes Berchmans wollte neben dem Kruzifix und dem Regelbuch der Gesellschaft Jesu auch den Rosenkranz in der Hand haltend sterben. Der heilige Franz von Sales hatte das Gelübde gemacht, jeden Tag den Rosenkranz zu beten. Der heilige Franz Xaver, der Apostel von Indien, trug den Rosenkranz Tag und Nacht am Hals; dasselbe tat auch der heilige Benediktus Labre, der sonderbare Pilger des 18. Jahrhunderts. Dem heiligen Alfons Rodriguez hatte sich mit der Zeit wegen des fortwährenden Durchgleitens des Rosenkranzes am Daumen und am Zeigefinger eine Höhlung gebildet. „Ein einziges Gegrüßet seist du, Maria, des Rosenkranzes hat mehr Wert als die ganze Welt“, sagte der heilige Alfons von Liguori. Eines Abends, als sein Leben sich dem Ende zuneigte, wurde der heilige Greis von der Angst ergriffen, weil er im Zweifel war, ob er an jenem Tag das Rosenkranzgebet verrichtet habe. Der Laienbruder, der damals als Krankenpfleger den Heiligen bediente, sagte ihm, um ihn zu beruhigen: „Gnädiger Herr, es scheint mir, wir haben es schon miteinander verrichtet.“ Der Heilige antwortete: „Es scheint Ihnen! Es scheint Ihnen!..., aber sind Sie denn wirklich gewiss? Wissen Sie nicht, dass von dieser Andachtsübung mein ewiges Heil abhängt?“ Er wollte nicht einschlafen, bis er der Mutter Gottes die Huldigung seiner kindlichen Andacht geleistet hatte. „Seht hier den kostbaren Schatz des Vatikans“, sagte Pius IX. einer Pilgerschar, indem er ihnen den Rosenkranz zeigte. Manche gute Menschen sagen sogar mutig, dass die heilige Kirche Maria auf die Schwelle der Ewigkeit gesetzt habe, damit sie denjenigen Vertrauen einflöße, welche sie zu überschreiten haben. Ist es uns auch nur selten möglich, den armen Sterbenden von Maria zu erzählen, so bietet sich uns doch oft die Gelegenheit, zu Maria von den armen Sterbenden zu erzählen, und wir könnten ihre Sache nicht besser vertreten als durch die andächtige Verrichtung des Rosenkranzgebetes. Wie ist es denn auch möglich, dass wir täglich fünfzigmal zu Maria beten: Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, und dass diese mitleidvolle Mutter uns oder einer anderen Seele, für die wir beten, nicht die große Gnade eines guten Todes erlange? Bekanntlich ist schon der bloße Name Maria ein Schrecken für die Teufel und jagt sie sofort in die Flucht. Wie oft hat sich der Satan gezwungen gesehen, bei der bloßen Anrufung des Namens Mariä die Seelen, welcher er sich bereits sicher war, wieder freizulassen! Der heilige Dominikus hat mit dem Rosenkranz Südfrankreich von den Albigensern befreit. Der heilige Pius V. hat durch das Rosenkranzgebet mächtig zu dem Sieg der Christen über die Türken bei Lepanto am 7. Oktober 1571 beigetragen. Mit dem Rosenkranz in der Hand gelang es den ersten Missionaren in vielen fernen Ländern den christlichen Glauben im Auftrag des Herrn zu verkünden und die Menschen zu Christus und seiner Kirche zu führen. Legen auch wir dieses mächtige Werkzeug des Apostolates niemals aus unserer Hand. Wenn wir den Rosenkranz beten, vergessen wir auch nicht, einige Gegrüßet seist du, Maria, für die armen Sterbenden aufzuopfern. Der Rosenkranz wurde mit Recht einmal der Inbegriff des Christentums genannt.

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Das Fest des heiligen Rosenkranzes

 

Bis 1913 am ersten Sonntag im Oktober - seit 1913 am 7. Oktober

 

Der heilige Papst Pius V. (+1.5.1572) hat wegen des Sieges über die Türken bei Lepante am 7. Oktober 1571 das Fest Maria zum Siege allgemein zu feiern befohlen. Papst Gregor XIII. hat später verordnet, das Fest unter dem Namen Rosenkranzfest am ersten Sonntag im Oktober zu feiern.

 

Palladius und Sozomenus erzählen von Paulus, einem Abt in Lybien, der zu den Zeiten des heiligen Antonius des Eremiten (4. Jahrhundert) lebte, dass er jeden Tag einhundertmal das alte Gebet hersagte, das er an kleinen Steinchen abzuzählen pflegte. Als man den Leichnam der heiligen Gertrud, die im Jahr 667 gestorben war, erhob, fand man Kügelchen an einer Schnur gereiht neben ihr liegen, woran man nach Art der damaligen Rosenkränze schon eine bestimmte Zahl von Vaterunser und Ave Maria abzuzählen pflegte. Leo IV. im Jahre 847 zum Papst erwählt, befahl allen Soldaten, welche die Sarazenen von den Mauern Roms weggejagt hatten, sie sollten einen Rosenkranz von fünfzig Ave Maria bei sich tragen, und dieser Andacht schrieb er dann den Sieg zu, den die Soldaten erfochten hatten. Weiter liest man in dem Leben des heiligen Albertus: Er habe täglich 150 Mal seine Knie gebeugt und dabei jedes Mal ein Ave Maria gebetet. Schon früh war es besonders bei den Einsiedlern gebräuchlich, täglich statt der 150 Psalmen Davids 150 Ave Maria zu beten, die man wie die Psalmen mit dem Lobspruch auf die allerheiligste Dreifaltigkeit schloss und mit dem Vaterunser öfters unterbrach. So wurden auch später dreiundsechzig Ave Maria zum Andenken der dreiundsechzig Lebensjahre Marias gebetet, die man die Krone Mariens nannte.

 

Der Rosenkranz, so wie er jetzt überall gebräuchlich ist, wurde durch den Stifter des Predigerordens, den heiligen Dominikus (+ 6.8.1221) eingeführt, wie Papst Gregor XIII. in seiner Bulle vom Jahre 1577 bezeugt, wo er sagt: „Der heilige Dominikus, da er die meisten Provinzen Frankreichs und Italiens durch allerlei Drangsale, besonders aber durch die Ketzerei der Albigenser und anderer Irrtümer, die an verschiedenen Orten aufkeimten, heimgesucht sah, hat die Andacht des Rosenkranzes, aus göttlicher Eingebung unter den Christen eingeführt, um den Zorn Gottes zu besänftigen und durch die Fürbitte der heiligsten Jungfrau Hilfe zu erlangen; das geschah vom Jahre 1208 an, während dessen Dominikus gegen die Albigenser predigte.“

 

Im 12. Und 13. Jahrhundert hatten sich aus den Lehren der Manichäer viele und unterschiedliche neue Sekten gebildet. Man nannte sie Flagellanten, Petrobusianer, Brugowiler, Arnoldisten, Henrizianer, Arme von Lyon, Katharen (Reine, weil sie nur das reine Evangelium zu glauben vorgaben, woraus das Wort Ketzer entstanden ist), Waldenser und schließlich Albigenser, so genannt nach Alby in Languedok, wo sie sich hauptsächlich aufhielten.

 

Diese Sekten behaupteten, mit mehr oder weniger Abweichungen untereinander, die Taufe sei ein bloßes Sinnbild, aber kein Sakrament, die Messe sei kein Opfer, die Beichte müsse man abschaffen. Auch ein Fegefeuer würde es nicht geben und einige waren der Meinung, dass es auch keine Hölle gäbe. Beten, Almosengeben und Messe lesen für die Verstorbenen seien daher Missbräuche. Es habe nie Mirakel (Wunder) gegeben und die kirchlichen Segnungen usw. seien Aberglauben. Auch sei es ein Aberglauben, Kirchhöfe zu weihen. Der Papst habe vor den übrigen Bischöfen keinen Vorzug. Die Kirche könne keine Ablässe erteilen, sie könne überhaupt keine Gesetze erlassen. Auch gebe es keine Auferstehung des Leibes. Alle Gebetsformeln müsse man verwerfen, außer dem Vaterunser, vor allem aber das Ave Maria, denn der Heiligendienst sei ein Götzendienst. Das Kreuz, die Reliquien und Bilder verehren sei Abgötterei. Maria verdiene keinen Vorzug vor allen anderen Gläubigen. Es sei kein wesentlicher Unterschied zwischen den Priestern und Laien. Die katholische Kirche sei zur Zeit des Papstes Silvester von Gott abgefallen und seit jener Zeit könne in derselben niemand mehr selig werden, er lebe so gläubig und gerecht er immer wolle. Man müsse sich lediglich an die Bibel halten. Manche sagten: Nur an das Neue Testament, weil nur dieses Gott, das Alte aber den Teufel zum Urheber habe. Die Kirchen der Katholiken seien Wohnungen des Satans. Gott sei überall gegenwärtig und wolle keine Tempel. Dessen ungeachtet sei es zulässig, sich äußerlich katholisch zu stellen, die Kirchen der Katholiken zu besuchen, ihre Gebräuche mitzumachen, um sich vor Verfolgung dadurch zu schützen und um die katholischen Priester in ihren Verfälschungen des reinen göttlichen Wortes zu ertappen. Von der weltlichen Obrigkeit lehrten sie, sie habe kein Recht zu strafen und Gesetze zu erlassen.

 

Dominikus versuchte mit allem Eifer aber ohne großen Erfolg sie von ihren Verirrungen abzubringen. In einer Kapelle Apuliens warf er sich schließlich vor dem Bildnis unserer lieben Frau auf die Knie und betete inständig, dass sie durch ihren mächtigen Schutz ihm beistehe durch die Macht, mit der sie der höllischen Schlange den Kopf zertreten hat, und den Irrtum und die Sünde vernichten möge. Von der Mutter der Barmherzigkeit gestärkt und ermahnt, begnügte er sich nicht mehr mit der Widerlegung der Irrtümer wie bisher, sondern Dominikus predigte ab sofort von den wunderbaren Vorzügen der heiligen Jungfrau, von ihrem mächtigen Schutz und lehrte die Leute, wie sie öfters und gläubig ihr zu Ehren den heiligen Rosenkranz beten sollten. Er erklärte ihnen dieses wunderbare Gebet mit einem solchen Erfolg, dass mehr als 100.000 Sektierer und eine unzählige Menge von Sündern in kurzer Zeit sich bekehrten. So entstand die Bruderschaft des heiligen Rosenkranzes.

 

Gegen den Rosenkranz wird oft gesagt, dass durch dieses Gebet Maria mehr als Christus verehrt werde, so als ob Maria ohne Christus und nicht gerade nur in und durch Christus verherrlicht werden könnte.

 

Alle Andacht, alle Verehrung, damit auch die Heiligenverehrung bezieht sich zuletzt auf Gott, der der Anfang und das Ende aller Dinge ist. Dass dies die Lehre der Kirche ist, erkennen wir aus dem alten Kirchengebet vom Festtag des Rosenkranzes: „Gott, dein eingeborener Sohn hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung die Schätze des ewigen Heiles erworben. Wir verehren diese Geheimnisse im heiligen Rosenkranz der seligen Jungfrau Maria. Lass uns nachahmen, was sie enthalten, und erlangen, was sie verheißen. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. Amen.“

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Rosenkranzverehrer unter den Heiligen

 

Die Heiligen waren fast alle eifrige Rosenkranzbeter. Bei manchen aber ist die Liebe zum Rosenkranz besonders auffallend gewesen.

 

Den Vorrang unter den heiligen Rosenkranzbetern hat der heilige Dominikus, der Stifter des Dominikanerordens. Durch ihn wurde der Rosenkranz erst recht eingeführt und zu den beliebtesten Andachtsübungen gemacht.

 

Die heilige Franziska von Rom betete täglich den heiligen Rosenkranz und war bei der Betrachtung seiner Geheimnisse oft so in Andacht versunken, dass sie der äußeren Sinne braubt war.

 

Der heilige Bernardin von Siena pflegte den Rosenkranz allezeit mit gebeugten Knien und mit bloßen Füßen zu beten, um der seligsten Jungfrau zugleich ein Opfer der Abtötung zu bringen.

 

Von der heiligen Coletta schreibt eine Zeitgenossin: Tag und Nacht trug sie den Rosenkranz und betete ihn zu jeder freien Stunde, woraus sie derartigen Gewinn schöpfte, dass sie zuweilen, wenn ihr nicht selten bei den großen Schmerzen, die sie litt, der Mut ausging, kein anderes Mittel zur Hand hatte zur Gewinnung neuer Kräfte und zur Sammlung der Lebensgeister als die Berührung dieser heiligen Kügelchen.

 

Der heilige Nikolaus von der Flüe hatte seit seinem Abschied von der Welt beständig den Rosenkranz in den Händen. Selbst seinen Stock hatte er durch Einschnitte und Astknoten so eingeteilt, um daran den Psalter beten zu können.

 

Der heilige Franz Xaver aus der Gesellschaft Jesu pflegte täglich den Rosenkranz zu beten; war er durch apostolische Arbeit des Tages über daran gehindert, so verwandte er getreulich einen Teil der Nacht zu der Marianischen Übung.Um den Heiden, die er zum Glauben bekehrte, die so heilsame Übung des Rosenkranzes mehr zu empfehlen, trug der Heilige selbst am Hals hängend sichtbar einen Rosenkranz und gebrauchte ihn zur Wirkung ausgezeichneter Wunder.

 

Der heilige Ignatius von Loyola, der Stifter der Gesellschaft Jesu, empfahl die Übung des Rosenkranzes seinen Ordensbrüdern aufs dringlichste und fügte unter die Vorschriften der Regel seiner Gesellschaft auch die Übung des Rosenkranzes und die Betrachtung der Geheimnisse ein.

Der heilige Karl Borromäus nimmt unter allen Verehrern der Rosenkranzandacht, die er selbst unter anderen Andachten eine ganz göttliche nennt, einen hervorragenden Platz ein. Er selbst betete mit seinem Hauspersonal täglich auf den Knien den Rosenkranz und verlangte von den jungen Klerikern, die unter seiner Obhut auf das Priestertum vorbereitet wurden, das tägliche Rosenkranzgebet.

 

Der heilige Philipp Neri hielt Tag und Nacht so viel wie immer den Rosenkranz fest und pflegte ihn täglich zu beten.

 

Der heilige Petrus Canisius aus der Gesellschaft Jesu war gewohnt, täglich den Rosenkranz zu beten und hielt ihn noch als Greis stets in der Hand. Wurde er auf dem Weg von Frauen öfter gebeten, ihre Kinder zu segnen, so tat er es derart, dass er zugleich den Müttern befahl, für die Kinder getreulich den Rosenkranz zu beten.

 

Der heilige Alphonsus Rodriguez war dem Dienst der Rosenkranzkönigin so ergeben, dass er vom häufigen Gebrauch der Rosenkranzperlen der Daumen und Zeigefinger der rechten Hand nach seinem Tod ganz verhärtet waren.

 

Der heilige Johannes Berchmans aus der Gesellschaft Jesu betete täglich den ganzen Rosenkranz; bei Nacht schlief er, den Rosenkranz um den Arm gewickelt, am Tag hatte er ihn stets am Hals hängen. Wenn er den Rosenkranz betete, sah man ihn entweder kniend oder auf- und abgehend, zuweilen stand er unbeweglich still und war so in die Betrachtung der Geheimnisse vertieft, dass er kaum bemerkte, wenn man ihn grüßte.

 

Der heilige Stanislaus Kostka konnte in seiner letzten Krankheit infolge zu großer Schwäche den Rosenkranz nicht mehr beten. Dennoch wollte er ihn nie aus der Hand lassen und als man ihn nach dem Grund fragte, erwiderte er: "Das ist der Rosenkranz meiner lieben Himmelsmutter, der mir überaus teuer ist, weil eine Sache, die Maria angehört; daher tröstet mich auch nichts so sehr, als denselben bei mir zu haben."

 

Der heilige Franz von Sales hatte das Gelübde gemacht, täglich den Rosenkranz zu beten. Sein Gelübde hielt er aufs Treueste. Täglich verwendete er eine volle Stunde für das Rosenkranzgebet. Konnte er am Tag dieser Übung nicht nachkommen, so verrichtete er es in der Nacht. Jeden ersten Sonntag des Monats schloss er sich der Rosenkranz-Prozession an, mit dem Rosenkranz in der Hand, und gab noch als Bischof seinem Volk das Beispiel frommer Andacht für die Gottesmutter. Den Gebrauch, den Rosenkranz am Arm und Gürtel zu tragen, behielt er stets bei als Zeichen und Pfand seiner Ergebenheit; und als er im Tod schon die Sprache verlor, ließ er von seinen Gefährten den Rosenkranz vorbeten.

 

Die heilige Johanna Franziska von Chantal, Mitstifterin der Salesianerinnen, machte schon in der Welt das Gelübde, täglich den dritten Teil des Rosenkranzes zu beten und hielt es nachher getreu bis zu Tod.

 

Der heilige Joseph Calasanz hatte die Übung, täglich den Rosenkranz zu beten und verordnete auch, dass die Genossen seines Ordens (die Piaristen) jeden Tag zusammen der seligen Jungfrau die Ehrenpflicht des Rosenkranzes leisteten und noch im Tod empfahl er dringend, ehe er zum Himmel ging, diese heilsame Andacht seinen Söhnen, weil sie durch die Betrachtung der Geheimnisse zur höchsten Vollkommenheit gelangen würden.

 

Der heilige Petrus Claver aus der Gesellschaft Jesu pflegte allen, die zu ihm kamen, Rosenkränze auszuteilen, damit die Kinder, die ihm anvertraut waren, sich in der Übung des Rosenkranzes hielten; man kann die Rosenkränze, die er verschenkte, kaum zählen.

 

Der heilige Joseph von Cupertino vom Orden des heiligen Franziskus pflegte in seiner Zelle, wenn er Ordensleute oder Priester empfing und das Gespräch ausging, vorzuschlagen, den Rosenkranz miteinander zu beten.

 

Der heilige Benedikt Joseph Labre pflegte alle Tage den ganzen Rosenkranz zu beten, wobei er sich der Beschauung der Geheimnisse ganz hingab; als öffentliches Wahrzeichen seine Liebe und Verehrung für Maria trug er einen Rosenkranz am Hals und wanderte so zur Verehrung der Heiligtümer zu allen Kirchen der ewigen Stadt und ganz Italiens.

 

Der heilige Alphons Maria Liguori war schon von Kindesjahren an das beten des Rosenkranzes gewohnt. Sein ganzes Leben hindurch hatte er stets zwei Rosenkränze, den einen am Hals hängen, den anderen außen am Gürtel befestigt. Er machte das Gelübde, täglich den Rosenkranz zu beten und hielt es mit wunderbarem Eifer bis zum letzten Augenblick. Seinen Schülern hinterließ er die Vorschrift, bei Missionen nach der Predigt täglich dem Volk den Rosenkranz vorzubeten.

 

Der heilige Clemens Hofbauer aus der Gesellschaft des allerheiligsten Erlösers zog sich schon als Kind in das Innere des Hauses zurück, um gleich seiner frommen Mutter den Rosenkranz zu beten. Als Priester beteuerte er, über die göttlichen Wahrheiten durch den Rosenkranz mehr erfahren zu haben als aus vielen Büchern. Er pflegte nicht nur selbst täglich den Rosenkranz zu beten, sondern bemühte sich auch, andere dazu anzuspornen.

 

Von der gottseligen Anna Julianna, Gemahlin des Erzherzogs von Tirol, wird erzählt, dass sie in ihrem Witwenstand statt einer goldenen Kette den Rosenkranz um den Hals trug. Als ihr Beichtvater sie fragte, warum sie dieses tue, gab sie die schöne Antwort: "Den Rosenkranz habe ich allezeit gerne bei mir haben wollen und von Jugend auf geliebt. Dieser war mir in der Kindheit Kurzweil, in der Jugend eine Andacht, in der Ehe und aller Trübsal ein Trost; nunmehr soll er mir im Witwenstand zur Ehre und Zierde sein."

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Das Rosenkranz-Lied

 

Manche meinen auf das Rosenkranzgebet Jesu Wort anwenden zu können: „Wenn ihr betet, dann plappert nicht wie die Heiden.“ Jesus meint damit, wer betet, muss wissen, was er tut, denn beim Beten steht man vor Gott. Und genau das geschieht doch beim Rosenkranz. Es ist ein Sich-Vertiefen in die Geheimnisse von Leben, Tod und Auferstehung des Herrn. Wer aber könnte uns tiefer mit hineinnehmen als Maria, die Gottesmutter. Der Rosenkranz ist ein Gebet mit Maria und an der Hand Mariens. Man hat in unseren Tagen wieder neu entdeckt, dass Worte, die man immer wieder vor sich hinspricht, die Seele in einen bestimmten Zustand versetzen. Es ist eine Form der Meditation. Wenn im Monat Oktober die Einladung zum täglichen Rosenkranz ergeht, dann ist das keine Einladung an die anderen, sondern eine Einladung an jeden Einzelnen von uns. Für so vieles haben wir Zeit, auch für Dinge, die zu nichts führen und niemanden dienen. Nehmen wir uns doch etwas Zeit für das Rosenkranzgebet.

 

Rosenkranz-Lied

 

Es glänzt kein Licht im Sternensaal

So hell als wie der Sonnenstrahl,

Und unter Blumen glänzt hervor

Der Rose schönster Purpurflor.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Ein Meisterwerk aus Gottes Hand,

Gepflanzt, gepflegt im heil`gen Land,

Gefielst du schon von Ewigkeit

Der heiligsten Dreifaltigkeit.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Erblüht im Garten Nazareth,

Dort, wo der Engel grüßend steht

Und spricht: Es sei dir keine gleich;

Er nennt dich Rose gnadenreich!

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Des Himmels und der Erde Pracht

Aus dieser milden Rose lacht.

Maria! Du entzückst mich ganz,

Dir flecht` ich einen Rosenkranz.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Den goldnen heil`gen Rosenkranz,

Umstrahlt von deinem Tugendglanz,

Von Engelsgrüßen wind` ich dir;

Ach, nimm ihn gnädig an von mir!

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Der schöne Kranz, er wird bestehn,

Bis einst die Welt zu Grund wird gehn;

Die Tugend ist den Rosen gleich,

Hier dornenvoll, dort freudenreich.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

Die Freude, Glorie – und den Schmerz,

Die flecht` ich um dein Mutterherz,

Und in den Kranz recht tief hinein –

Soll meine Lieb` gebunden sein.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn!

 

So will ich täglich kränzen dich,

Bis du im Tod bekränzest mich,

Und mit dem Kranz der Seligkeit

Sich einst mein Herz in Gott erfreut.

Du aller Rosen Königin,

Sei mir gegrüßt mit Herz und Sinn! Amen.

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An die Rosenkranzkönigin

 

Dein Herz, o Jungfrau, strahlt hernieder

Von Mutterlieb so wonniglich,

Und unsere Herzen steigen wieder

Zu dir empor und lieben dich.

Sei unsre Mutter immerdar;

Schütz deiner Kinder bange Schar;

In Lebensnot und Todesdrohn

Erfleh uns Sieg von deinem Sohn!

 

In unsren Herzen soll erglühen

Der Liebe Glut, von dir entfacht,

Der Liebe Rosen sollen blühen,

Von deinem Mutteraug bewacht.

Sei unsre Mutter immerdar;

Schütz deiner Kinder bange Schar;

In Lebensnot und Todesdrohn

Erfleh uns Sieg von deinem Sohn!

 

Wenn dann, o Mutter, wir am Throne

Erschaun dein Herz in Herrlichkeit,

Sei Dank in frohem Jubeltone

Geweiht dir durch die Ewigkeit.

Sei unsre Mutter immerdar;

Schütz deiner Kinder bange Schar;

In Lebensnot und Todesdrohn

Erfleh uns Sieg von deinem Sohn!

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Hymne auf die Rosenkranzkönigin

 

Rosenkranzkönigin, Jungfrau der Gnade,

Lehre uns wandeln auf himmlischem Pfade!

Freudigst erheben wir unser Gebet zu dir,

Jungfrau, Jungfrau der Gnade!

 

Rosenkranzkönigin, Mutter, du reine!

Hilf, dass dir unser Herz ähnlich erscheine!

Schirme uns allezeit treulich im Kampf und Streit,

Mutter, Mutter, du reine!

 

Rosenkranzkönigin, Fürstin, du hehre!

Flehe bei deinem Sohn, dass er gewähre,

Was von dem Himmel kommt und uns zum Heile frommt.

Fürstin, Fürstin, du hehre!

 

Rosenkranzkönigin, unser Vertrauen!

Lass uns in Leid und Not fest auf dich bauen,

Bis in den Selgen Kreis grüßt dich mit Lob und Preis

Unser, unser Vertrauen!

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Das Rosenkranzgebet hilft einer Sterbenden

 

Das Rosenkranzgebet vermittelt einem Sterbenden die hl. Sakramente

 

Ein Priester aus Franklin in Amerika erzählt in einem Missionsbericht folgendes: „Es war im Herbst 1865, als ich morgens in aller Frühe, nachdem ich wie gewöhnlich meinen Rosenkranz in der Absicht gebetet hatte, recht viele Seelen zu retten, mich zur Abhaltung des Gottesdienstes zu einer entfernten Missionsstation begab. Als ich während des erhabenen Opfers die heilige Kommunion ausgeteilt und dann Wasser und Wein genommen hatte, entdeckte ich auf dem Korporale noch eine kleine hl. Hostie, die ich mitkonsekriert, aber vorher ganz übersehen hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als diese mit nach Hause zu nehmen. Zur Rückkehr wurde mir ein Wagen angeboten; ich zog es jedoch vor, den Heimweg zu Fuß, allein mit meinem Jesus, zurückzulegen und die Richtung durch einen ausgedehnten Wald zu nehmen, da man mir den Weg genau beschrieben hatte. So kam ich im Wald an einer Hütte vorbei. Vor derselben saß ein Irländer, der mich all sogleich als einen katholischen Priester erkannte. Er sprang herzu und bat mich bei ihm einzukehren und seiner schwer erkrankten Frau die heiligen Sakramente zu spenden. Ich trat ein und als mich die Frau sah, hob sie mit zitternden Händen ihren Rosenkranz in die Höhe und sagte mit matter Stimme: „Also doch nicht umsonst, mein Vertrauen ist nicht enttäuscht worden!“ Sie empfing mit rührender Andacht die heiligen Sterbesakramente und erzählte mir dann, dass sie schon seit vielen Jahren täglich den Rosenkranz gebetet habe, damit die liebe Gottesmutter ihr die Gnade erwirke, in dieser Wildnis wenigstens auf dem Totenbett doch die heiligen Sakramente zu empfangen. Sie starb dann noch an demselben Tag.“

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"Dieser Rosenkranz hat mich gerettet"

 

Ein Priester wurde zu einer Kranken gerufen, die in einer Straße unter der Hausnummer 28 wohnte. Irrtümlicherweise ging er in das Haus Nr. 18 hinein. Er stieg in den ersten Stock und fand nur verschlossene Türen; er stieg in den zweiten Stock hinauf, wo ihm ein Kind ein Zimmer zeigte, worin eine Kranke liege.

 

Er fand wirklich in dem Zimmer eine kranke Frau, neben deren Bett ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren saß.

 

Der Priester fragte ihn: „Wie geht es Ihrer Frau?“ „Das geht Sie nichts an; was haben Sie überhaupt hier zu suchen? Wer hat Sie gerufen?“ „Es hat mich jemand zu einer Kranken gerufen. Vielleicht habe ich mich in der Hausnummer geirrt, aber ich glaube doch auf jeden Fall, dass ich auch hier von Nutzen sein könnte. Es ist ohne Zweifel eine Fügung Gottes, dass ich zu Ihrer Frau gekommen bin.“ „Ja gewiss hat Sie der liebe Gott hierher geführt“, flüsterte die Frau mit sterbender Stimme, „ich will gerne beichten.“ „Durchaus nicht“, erwiderte der Mann, „seit zehn Jahren hat kein Priester seinen Fuß hier ins Haus gesetzt. Lassen Sie uns in Ruhe, Herr Pfarrer, und kümmern Sie sich nicht um unsere Angelegenheiten.“ „Mein Freund“, sagte der Pfarrer, „die Seele Ihrer Frau gehört Ihnen nicht. Also werde ich sie Beichte hören und meine Pflicht tun, Sie wollen uns daher eine Weile allein lassen.“ Der Mann brummte noch etwas, ging aber dann doch hinaus. Dann zeigte die Frau ihm einen Rosenkranz, der neben ihr hing und sagte: „Sehen Sie, dieser Rosenkranz hat mich gerettet. Seit zehn Jahren habe ich vor Furcht vor meinem Mann Gott und meine Religion verlassen, aber doch an jedem Tag noch ein Gebet des Rosenkranzes gebetet.“ Darauf bereitete sich die totkranke Frau durch eine reumütige Beichte auf ihr bald folgendes gottergebenes Hinscheiden vor.

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Der Rosenkranz Unserer Lieben Frau vom heiligsten Herzen

hat geholfen

 

Ein Priester der Diözese Gurk in Österreich wurde zu einem Sterbenskranken gerufen, um denselben zum Empfang der heiligen Sakramente zu bewegen. Man sagte ihm zugleich: der Kranke wolle nichts davon wissen. Sofort erinnerte sich der Gerufene der Äußerung des Paters Clemens Hofbauer, er habe in solchen Fällen erprobt, dass der Erfolg nie ausblieb, wenn es ihm gelinge auf dem Weg einen Rosenkranz zu beten. Da aber der Weg nur ein kurzer und ein Zögern nicht ratsam war, so griff er zum kleinen Rosenkränzchen Unserer Lieben Frau vom heiligsten Herzen. Eben hatte er es beendet, als er auch schon am Tor des bezeichneten Hauses stand. Dort empfing ihn ein Dienstbote mit den Worten: „Sie wollen zu dem Kranken? Da werden Sie nichts ausrichten. Er will nicht die heiligen Sakramente empfangen.“ Um doch einen Versuch zu machen, ging der Priester die Stiege hinauf. Als an der Tür ins Krankenzimmer eine andere Person im gleichen Sinne sich aussprach, entschlüpfte ihm die halb ungeduldige Bemerkung: „Gut, dann werden wir umso schneller fertig sein.“ Damit trat er ein und fragte den augenscheinlich dem Tod zueilenden Herrn, wie es ihm gehe. Auf die Erwiderung, dass es ihm recht übel gehe, meinte der Priester: „Dann würde ich Ihnen raten, sich mit Gott recht bekannt zu machen.“ „Recht gerne“, sagte der Kranke, „wenn Sie mir nur helfen wollen, ich bin zu allem bereit.“ Erstaunt sahen die anwesenden Hausleute einander an und ihr Staunen wuchs, als der Kranke um Hilfe des Priesters zu einer Generalbeichte bat. Mit rührender Andacht empfing er die heilige Wegzehrung und die Letzte Ölung. Freudestrahlenden Gesichtes dankte er immer wieder von neuem dem Priester, der auf dem Heimweg selbst tief gerührt ein Te Deum betete und der Königin des heiligen Rosenkranzes herzlich dankte.

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Hausmittel zur Bekehrung der Sünder

 

Dem heiligen Redemptoristenpater Clemens Maria Hofbauer wurde eines Tages in Wien mitgeteilt, es läge eben ein alter Sünder am Sterben, der sich nicht bekehren wolle. Achtzehn Jahre schon habe er nicht mehr gebeichtet. Da sei es denn freilich kein Wunder, dass ein solcher Sünder verstockt, und Hopfen und Malz an ihm verloren sei. Der heiligmäßige Mann aber war anderer Meinung: er kannte ein probates Mittel, und brauchte nur Zeit um es anwenden zu können, dann war auch an einem achtzehnjährigen Sünder noch nicht Hopfen und Malz verloren. Dieses Mittel aber war der Rosenkranz; „denn“, pflegte er zu sagen, „wenn ich zu einem Kranken gerufen werde, von dem ich im Voraus weiß, dass er zur Beicht nicht vorbereitet ist oder gar vom Beichten nichts wissen will, so bete ich unterwegs den Rosenkranz, und alles geht dann nach Wunsch, sobald ich zu dem Kranken komme. Und sollte da nicht auch die liebe Mutter Gottes nicht zu Hilfe eilen, wo sie fünfzig- bis hundertfünfzigmal zu Hilfe gerufen wird? Daher fragte er denjenigen, der ihm die Nachricht von dem achtzehnjährigen Sünder gebracht, ob es weit bis zu diesem Kranken wäre. Dieser meinte, es sei schon ziemlich weit, er wohne in der Wiener Vorstadt. Das war ihm aber gerade recht; denn jetzt hatte er vollauf Zeit, unterwegs den Rosenkranz für den Sterbenden zu beten. Darum erwiderte er: „Er wird sich bekehren; denn ich habe noch keinen gefunden, der sich noch nicht bekehrt hätte, wenn ich vorher Zeit gehabt, den Rosenkranz für ihn zu beten.“ Der Erfolg aber rechtfertigte auch diesmal sein Vertrauen auf den Rosenkranz; der Sünder bekehrte sich und starb reuevoll. Darum pflegte Pater Hofbauer den Rosenkranz „seine Bibliothek und sein kräftiges Hausmittel zur Bekehrung der Sünder“ zu nennen.

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Der Rosenkranz hilft den Glauben bewahren

 

Als vor ungefähr 280 Jahren der letzte katholische Missionar in Japan zum Martertod geführt wurde, streckte er aus den Flammen des Scheiterhaufens noch den Rosenkranz in die Höhe und rief seinen Gläubigen zu: „Haltet fest an dem, so werdet ihr den Glauben bewahren!“ In der Tat, als später katholische Glaubensboten den lang verschlossenen Boden des Inselreiches wieder betreten durften, fanden sie zu ihrer unnennbaren Freude im Innern des Landes ganze Gemeinden gläubiger Katholiken; sie hatten das Wort des sterbenden Glaubenszeugen nicht vergessen: Der Rosenkranz war ihnen Katechismus und Predigt gewesen und mit ihm hatten sie den heiligen Glauben vererbt von Geschlecht zu Geschlecht.

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Maria schützt zwei Rosenkranzbeter bei einem Eisenbahnunglück

 

Bei Mönchenstein in der Schweiz geschah vor vielen Jahren ein schreckliches Eisenbahnunglück. In dem Zug befanden sich auch zwei Frauen aus dem Jura, die von einer Wallfahrt nach Einsiedeln zurückkamen. In Basel begannen sie gemeinsam ihren Rosenkranz zu beten. Sogleich wurden sie Gegenstand des Spottes der Reisegesellschaft, die zu einem Sängerfest fuhr. Als der Zug auf der Brücke von Mönchenstein anlangte, kam der Schaffner und forderte die Fahrkarten. Als er die zwei Frauen den Rosenkranz beten sah, stimmte er auch in das Hohnlachen der Fahrgäste ein. In demselben Augenblick brach die Brücke und alles stürzte unter furchtbaren Krachen in die Tiefe. Unter den Toten und Verwundeten, die man aus den Trümmern zog, befanden sich auch jene beiden Frauen; ihre Kleider waren zerfetzt und sie waren mit Blut überronnen; aber sie waren am Leben und ganz unverletzt. Das Blut an ihren Kleidern war von den übrigen Fahrgästen, die entweder tot oder aber schrecklich verstümmelt dalagen. Einem Mann und einer Frau, die neben den beiden betenden Frauen gesessen hatten, waren die Beine nicht bloß gebrochen, sondern ganz zerquetscht und zermalmt.

 

Die frommen Rosenkranzbeter hatten sichtlich Mariens Schutz gefunden.

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Der Rosenkranz als Lebensretter

 

Vor vielen Jahren starb in einer Stadt am Rhein ein hochbetagter Mann, der seine letzten Jahre nur mit Beten und guten Werken zubrachte. Das war aber nicht immer so Brauch in seinem Leben. Sein großes Vermögen und das Weltleben führten ihn nach dem Tod seiner Eltern von dem rechten Weg ab zu einem religiös gleichgültigen und verkommenen Leben. So kam es, dass er selbst an Selbstmord dachte; aber Gott hatte ihm eine fromme, mitleidige Schwester gegeben, welcher die Verirrung ihres Bruders unsäglich zu Herzen ging. Sie betete täglich einen Rosenkranz für den unglücklichen Bruder und betete ihn fünfzehn Jahre lang, ohne den gewünschten Erfolg zu sehen. Eines Tages nun, wie sie frühmorgens zur Kirche kam, fand sie ihren Bruder darin, tief erschüttert und weinend. Was hatte ihn nach so langer Zeit wieder einmal in die Kirche geführt? In der Morgenfrühe war er auf die Rheinbrücke gegangen, um sich ins Wasser zu stürzen. Da stieß er mit dem Fuß an etwas. Sogleich verspürte er eine unwiderstehliche Macht, sich zu bücken und den angestoßenen Gegenstand aufzuheben. Und was war es? - ein Rosenkranz, den jemand auf der Brücke verloren hatte.

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Eine große Beschimpfung der Muttergottes wird schwer bestraft

 

In einem französischen Sonntagsblatt war vor ca. 90 Jahren folgendes zu lesen: Ein Freidenker mit Namen Vallieres les Grandes spottete mit Vorliebe über die Kirche und ihre Zeremonien. Einmal kaufte er einen Rosenkranz und hing diesen seinem Jagdhund mit den höhnischen Worten um: „Der Rosenkranz passt ganz hübsch als Halsband für meinen Pluto. Er hat noch kein schöneres getragen!“ Eine Woche später sagte er in Freundeskreisen: „Ich habe, seitdem mein Hund den Rosenkranz trägt, noch nie so viele Hasen geschossen.“ Kurz darauf wurde der Freidenker von einem unerklärlichen Halsleiden befallen. Der Hals war ihm wie zugeschnürt, rings um den Hals sah man einen roten Streifen, den sich der Arzt nicht zu erklären wusste. Der Freidenker hatte fürchterliche Schmerzen und konnte weder Speise noch Trank zu sich nehmen. Nach drei Tagen starb er als ob er erwürgt worden sei. Nach seinem Wunsch wurde er begraben wie ein Hund ohne Kirche und ohne Priester. So hat Gott die Verehrung des Rosenkranzes und Beleidigung Mariens gerächt (1931).

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Die Königin des hochheiligen Rosenkranzes

 

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt:

Doch keins von allen kann dich schildern,

wie meine Seele dich erblickt.

 

So sang der bekannte Dichter Novalis. Wie gerne sehen wir die Bilder der lieben Mutter Gottes, falls sie nur von tüchtigen und frommen Meistern gezeichnet sind. Ein jedes ist anders wie das andere, in einem jeden finden wir einen Zug unserer himmlischen Mutter wieder, in diesem den einen, in jenem den andern; ihre ganze Schönheit, Majestät und Liebe, wie wir sie einst im Himmel zu schauen hoffen, wird eben keine irdische Hand und keine irdische Farbe wiedergeben können. Das gilt auch von den vielen Bildern, welche die seligste Jungfrau als Rosenkranzkönigin uns vorführen wollen.

 

Wir sehen hier so ein Bild; es ist etwas anders wie die andern, und doch wieder so schön. Wir verdanken es der Malerin Freifräulein Anna Maria von Oer zu Gößweinstein in Oberfranken, geboren zu Dresden am 9. Dezember 1846. Betrachten wir ein wenig das Bild der Rosenkranzkönigin.

 

Es fällt uns wohl gleich auf, dass die Malerin uns hier nicht so sehr den äußeren Glanz der Himmelskönigin darstellen wollte. Wir sehen keinen königlichen Thron, keinen königlichen Hofstaat, nicht einmal eine besondere Verbrämung oder sonstige Verzierung des Gewandes; nur eine sehr einfache Krone zeigt die Königin an. Man denkt unwillkürlich an die Psalmenstelle, wo es von der vom göttlichen Bräutigam erwählten Königin heißt: „Alle Herrlichkeit der Tochter des Königs ist inwendig.“ Beim Rosenkranz selbst ist es ja auch so, äußerlich so einfach, innerlich so reich. Freilich, diese innere entzückende, himmlische Hoheit und Schönheit spricht aus dem ganzen Bild in allen Zügen. Welche Würde und Eleganz offenbaren die äußerst einfachen und doch so fließenden und zarten Linien des Mantels, des Kleides, des Schleiers der seligsten Jungfrau, wie auch des Röckleins ihres göttlichen Kindes. Man denkt, es sei gar zu einfach, und doch, wie wirkt gerade diese Einfachheit hier so schön. Und die wunderbar ernstmilden Züge in dem Antlitz der Mutter und des Kindes! Betrachte sie recht lange und aufmerksam und schaue dem Kind in die Augen! Die Mutter schaut ja auch unverwandt zum Kinde hin. – Was will das Kind auf dem Schoß der Mutter, da es dich so anschaut, wohl sagen? Die liebe Mutter Gottes hat ihm mit der rechten Hand offenbar einen Rosenkranz gereicht und es gebeten, denselben für uns zu segnen. Das Kind aber hat ihn am Kreuzchen angefasst und ihn so hochgehoben, und während es nun uns das Kreuzchen am Rosenkranz zeigt, erhebt es die Rechte und segnet den Rosenkranz und segnet auch dich. „Bete den Rosenkranz“, will das göttliche Kind dir sagen, „und betrachte in den Geheimnissen, was ich und meine Mutter für dich getan und gelitten haben, und wohin wir dich führen wollen, wenn du uns folgen willst.“

 

Die Züge des göttlichen Kindes sind mild, aber doch wieder recht ernst; fast möchte man denken, sie sprächen etwas Trauriges und Flehendes aus, wie auch die Züge der Mutter nicht ohne Sorgen sind; die Mutter schaut ja auch genau auf das Kreuzchen in der Hand des Kindes hin. Es ist, als hörten wir die Klage: „So viel Liebe, so viel Opfer für die Menschen – und wo ist die Dankbarkeit der Menschen? Und wie viele werden doch zugrunde gehen!“ – Und wiederum hören wir die Bitte, die das Kind in seinem eigenen und seiner heiligsten Mutter Namen aussprechen will: „Nehmt den Rosenkranz, betet den Rosenkranz, dann wird das Licht der Gnade euch leuchten im heiligen Glauben, dann wird der Mut euch wachsen in der heiligen Hoffnung, dann wird die heilige Liebe in euch entzündet werden, dann werdet ihr die königlich-siegreiche Kraft des Rosenkranzes auch an euch erfahren in jeder Bedrängnis und jeder Gefahr.“ – Es ist nichts anderes, als jener Ruf, den Leo XIII. in seinen Enzykliken über den Rosenkranz an die ganze Christenheit richtete.

 

Die Besprechung des Bildes würde unvollständig bleiben, wenn wir nicht auch noch auf eine Besonderheit desselben aufmerksam machen würden, die, wie es scheint, einen sehr tiefen und großen Gedanken ausspricht. Wenn sonst die Maler die seligste Jungfrau als Königin darstellen, so nehmen sie als traditionelle Farbe für das Kleid der Mutter Gottes rot oder einen goldigen Ton, der Mantel ist blau. Hier ist das nicht, das Kleid ist schneeweiß, während der Mantel offenbar blaue Farbe anzeigt. Weiß und blau sind aber die Farben, welche der Darstellung der allerseligsten Jungfrau als der „unbefleckt Empfangenen“ eigen sind. Ebenso erinnert hier der Sternenkranz in dem Glorienschein um das Haupt an die unbefleckte Empfängnis. Malerisch hat das helle Weiß des Kleides in Verbindung mit dem gleichen Weiß des Schleiers eine schöne Wirkung, indem so die Gruppe aus dem dunklen Hintergrund sehr schön heraustritt. Aber es liegt etwas viel Größeres in der Verbindung dieser beiden Eigenschaften Mariens als Rosenkranzkönigin und als der unbefleckt empfangenen Jungfrau. Königin des heiligen Rosenkranzes nennen wir Maria, weil sie ihre königliche Macht über alle Mächte der Finsternis und allen Andrang jeglichen Übels so ganz vorzüglich durch den heiligen Rosenkranz und die Rosenkranzbruderschaft gezeigt hat, wie wir es aus der Geschichte wissen. Von der unbefleckten Empfängnis aber heißt es: „Und Gott sprach zur Schlange: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft; sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“ In beiden Fällen ist es: Maria de Victoria – Maria vom Sieg.

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Der heilige Apostel und Evangelist Johannes - das erste Marienkind 

 

Und wie der heilige Johannes das erste Marienkind war, so war er auch das würdigste und treueste von allen. Ihn hat eigens der liebe Gott vorbereitet und ihm eine solche Gnade jungfräulicher Reinheit und heiliger, himmlischer Liebe geschenkt, dass der liebe Heiland in der Todesstunde ruhig seine eigene heiligste und reinste Mutter ihm anvertrauen und schenken durfte. „Von derselben Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“, so fügt das Evangelium bei (Joh 19,27). Als der liebe Heiland starb, war Maria etwa 50 Jahre alt und stand allein in der Welt, der heilige Josef war schon seit Jahren gestorben. Sie lebte noch etwa 10 bis 15 Jahre auf dieser Welt, der liebe Heiland wollte sie wohl noch so lange der jungen Kirche als Trösterin zurücklassen. Zu fürchten brauchte sich aber Maria in ihrer Einsamkeit und in der Trennung vom heiligen Josef und Jesus nicht.

 

Der heilige Johannes war ihr Tröster und ihr Beschützer, ihr Ernährer und ihre Stütze, er sorgte in allen Stücken für sie in größter Liebe und Verehrung, wie nur ein guter Sohn für seine liebste Mutter sorgen kann. Darum lesen wir auch, dass, während die übrigen Apostel hinauszogen, um nach dem Befehl des Herrn das Evangelium allen Völkern zu verkünden, der heilige Johannes in Jerusalem zurückblieb, um der Mutter Gottes zu dienen. Erst nach ihrer glorreichen Himmelfahrt zog auch er hinaus, um das Wort Gottes zu predigen.

 

Wie mag deshalb auch Maria den heiligen Johannes, den vertrautesten Jünger Jesu, ihren treuesten Diener, ihr liebstes Kind, die Freude und Stütze ihres Alters geliebt haben! Sollte es denn nicht auch jetzt der Mutter Gottes eine ganz besondere Freude sein, wenn alle Christen den heiligen Johannes hoch in Ehren halten?

 

Wenn jemand deiner eigenen Mutter viel Ehre und sonst viel Gutes erwiesen hätte, würdest du ihn nicht lieben müssen und dich ihm erkenntlich erzeigen wollen? Nun aber ist doch Maria auch deine Mutter, die du lieb hast wie deine eigene Mutter, und hat also der heilige Johannes deiner Mutter so treu gedient und ihr so viel Freude gemacht und Gutes angetan. Da musst du wohl den heiligen Johannes unter allen lieben Heiligen ganz vorzüglich liebhaben und ihm deine Dankbarkeit durch eifrige Verehrung auch beweisen.

 

Wir verehren die lieben Heiligen, weil sie Gottes getreue Diener und Freunde sind, wegen der übernatürlichen Gaben und Vorzüge, die sie von Gott empfangen haben, wegen des Tugendbeispiels, das sie uns gegeben haben; wir rufen die lieben Heiligen an, weil wir wissen, dass ihre Fürbitte bei Gott viel vermag. Trifft dies nicht alles beim heiligen Johannes in hervorragender Weise zu? Welch getreuer Diener und Freund Jesu Christi er war, wurde schon erwähnt. Auch von den himmlischen Gaben und Vorzügen, durch die der heilige Johannes von Gott ausgezeichnet wurde, wurde schon etwas gesagt; man muss noch hinzufügen, dass er Apostel und Evangelist war, und dass wir ihm das schönste von den 4 Evangelien zu verdanken haben. Sein Tugendbeispiel aber ist so ansprechend: Unversehrte, gottgeweihte Jungfräulichkeit, innigste Liebe zu Jesus und Maria, flammender Eifer für die Ehre Gottes und den Glauben an den göttlichen Erlöser, mitleidsvolle, opferwillige Nächstenliebe! Dass endlich seine Fürbitte bei Gott überaus mächtig sei, daran können wir auch nicht zweifeln. Um von anderem zu schweigen, wird nicht der heilige Johannes bei der Mutter Gottes viel, ja alles vermögen, deren treuer Diener und Sohn, Tröster und Beschützer er war? Ist aber die Mutter Gottes gewonnen, so ist ja alles gewonnen.

 

Darum verehre den heiligen Johannes und versuche es auch mit deinen Anliegen bei ihm! Das wird gewiss nicht umsonst sein, vorausgesetzt dass deine Anliegen vernünftig sind, und du dich bemühst, zu beten, wie ein Christ beten soll. Neben dem heiligen Josef kann man sich wohl keinen besseren Patron bei Jesus und Maria ausdenken, als gerade den heiligen Johannes. Heutzutage wird freilich er wenig, viel zu wenig in Anspruch genommen. Nun, umso besser für dich, denn dann hat er ja die Taschen noch voll, und kann umso reichlicher austeilen. Das ist freilich sehr menschlich geredet. Aber wahr ist es doch, gerade weil er heutzutage viel vergessen wird, darum sollen wir erst recht uns bemühen, das gut zu machen und den lieben heiligen Johannes umso fleißiger zu verehren und in unseren Nöten anzurufen, aber auch uns bemühen, auf sein schönes Tugendbeispiel acht zu haben. Das gilt natürlich an erster Stelle allen Marienverehrern und Freunden des heiligen Rosenkranzes.

 

Da wird mancher Mensch sagen: „Gewiss, gern! Aber was sollen wir denn zum heiligen Johannes beten? In unseren Gebetbüchern finden wir nicht viel von ihm.“ Das macht nichts. Bete zu Ehren des heiligen Johannes ruhig den heiligen Rosenkranz, den freudenreichen oder den schmerzhaften oder den glorreichen. Alle drei passen recht schön zu seiner Verehrung. Du wirst sogar, wenn du die heilige Geschichte recht kennst und etwas nachdenkst, in den Geheimnissen den heiligen Johannes wiederfinden können, jedenfalls hat er an allen Geheimnissen große Freude. Und wie schön kann der heilige Johannes dir helfen, den Rosenkranz gut zu beten, er war ja so innig vertraut mit den Geheimnissen Jesu und Mariä.

 

Willst du in der Liebe zu Jesus und Maria wachsen, willst du zunehmen an Reinheit der Seele, an Einsicht in die göttlichen Dinge, dann rufe öfters gerade zu dem heiligen Johannes!

 

Vom lieben heiligen Johannes wäre noch viel Schönes zu sagen und zu erzählen.

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Des heiligen Dominicus Rosenkranz

 

Es ruht in stillem Schweigen

Ringsum die weite Flur;

Leis` flüstert`s in den Zweigen,

Als bete die Natur.

 

Die Sonne winkt vom Hügel

Im Westen ihr „Ade!“

Es spannt die Nacht die Flügel,

Bedeckt der Menschheit Weh.

 

Vom Himmel ruft den Seinen

Der liebe Gott „Gut Nacht!“

Und lässt den Mond hell scheinen

Zum Zeichen, dass er wacht.

 

Die Menschen sehn`s und legen

Getrost sich still zur Ruh`;

Wer noch auf fremden Wegen,

Eilt schnell dem Heime zu.

 

Nur dort geht noch ein Wand`rer

Zu später nächt`ger Zeit,

In einem schwarzen Mantel,

Darunter weißes Kleid.

 

Dominicus, der heil`ge,

Ihn nennen Land und Leut`,

Dem Menschenherzen retten

Des Herzens einz`ge Freud`.

 

Auch heute bracht` dem Volke

Das Gotteswort er dar;

Doch ist sein traurig Bangen,

Dass es vergebens war.

 

D`rum, da der Tag vergangen,

Er zur Capelle geht,

Die auf des Berges Höhe

In heil`ger Ruhe steht.

 

Dort vor des Kirchleins Schwelle

Bleibt stille heut er steh`n,

Und betet für die Menschen

In heißem Liebesfleh`n.

 

Es schweift sein ernstes Auge

In`s weite Tal hinaus,

In dem, von Nacht umhüllet,

Gedrängt liegt Haus an Haus.

 

Und wie er still so blicket,

Ohn` Wort und ohne Laut,

Ihm manche bitt`re Träne

Vom trüben Auge taut.

 

Sag` an, du heil`ger Vater!

Wozu die bitt`re Trän`? –

„Weil, ach, so viele Menschen

Verloren ewig geh`n.“

 

„Ach, dass ich helfen könnte!“ –

So fleht sein liebend Herz,

Und weinend schaut sein Auge

Zum Vater himmelwärts.

 

Da tönt wie Geisterstimme,

Leis` zitternd, silberhell,

Den Gruß des Herrn das Glöcklein

Vom Turme der Capell`.

 

Da öffnet er die Türe,

Kniet zum Altare hin,

Worauf im Bilde thronet

Der Christen Helferin.

 

„Du Mutter voll der Gnaden,

Getreue Mutter mein,

O lass doch meine Worte

Nicht ganz vergebens sein!“

 

Er spricht`s, und mit dem Glöcklein

Verklingt auch sein Gebet;

Und traurig, bitter weinend,

Er beim Altare steht.

 

Auf`s Neue tiefe Stille

Und Dunkel herrscht umher;

Das ew`ge Lämpchen zittert,

Malt flimmernd hin und her.

 

„Dominicus!“ so tönt es

Da plötzlich an sein Ohr;

Und forschend schaut sein Auge

Zum Bilde froh empor.

 

„Dominicus!“ ruft`s wieder;

Und wie er hin sich wandt`,

Das Jesuskind reicht nieder

Ein Röschen ihm zur Hand.

 

Und ohne lang` zu denken,

Wirft er`s Maria zu

Und betet still ein „Ave!“

Maria, hilf doch du!

 

Und wieder gibt ein Röschen

Ihm froh der Jesusknab`;

Dominicus getreulich

Es gibt der Mutter ab.

 

Und als er hundertfünfzig

Maria so gebracht,

Da hat die Mutter Gottes

D`raus einen Kranz gemacht.

 

Dem reicht sie ihrem Kinde

Voll Freud` und Mutterglück;

Da pflückt die Röschen wieder

Dominicus zurück.

 

Und wie er nun die Rosen

Auf`s Neu` der Mutter ganz

Geweiht, auch ihm die Mutter

Reicht einen Rosenkranz.

 

Und in dem Rosenkranze

Aus seiner Mutter Hand

Dominicus erkannte

Des Sieges Unterpfand.

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Enzyklika des Papstes Leo XIII. über den Rosenkranz

 

Ehrwürdige Brüder! Gruß und apostolischer Segen! Wenn Wir im Geiste die lange Spanne Zeit überblicken, welche Wir nach Gottes Ratschluss im Pontifikat zugebracht haben, dann können Wir nicht umhin, einzugestehen, dass Wir, obgleich über Unser Verdienst, den augenscheinlichsten Schutz der göttlichen Vorsehung erfahren haben. Dies glauben Wir aber vorzüglich den vereinigten, so überaus wirksamen Gebeten zuschreiben zu müssen, welche, wie einstmals für Petrus, so jetzt für Uns ununterbrochen von der gesamten Kirche verrichtet werden. Zuerst also sagen Wir Gott, dem Spender aller Güter, Unsern größten Dank. Für die Uns gespendeten Wohltaten werden Wir, so lange Wir leben, ihm Dank wissen. Und dann drängt sich die süße Erinnerung an den mütterlichen Schutz der hehren Himmelskönigin auf. Auch die dankbare Gesinnung für sie werden Wir fromm und unverletzt im Herzen bewahren und ihre Wohltaten preisen. Von ihr nämlich kommen wie von einem überaus ergiebigen Born die göttlichen Gnadengaben: in ihren Händen sind die Schätze der Erbarmungen des Herrn. Gott hat sie zum Ursprung alles Guten gemacht. In der Liebe zu dieser innig liebenden Mutter, welche Wir beständig und von Tag zu Tag in steigendem Maße zu pflegen bemüht sind, glauben Wir auch ruhig Unserer letzten Stunde entgegensehen zu können. Da Wir aber schon längst in der vermehrten Verehrung der Jungfrau wie in einer festen Burg das Heil der menschlichen Gesellschaft sicher zu stellen suchen, so haben Wir niemals davon abgelassen, das Rosenkranzgebet unter den Gläubigen zu fördern, und haben zu diesem Zweck bereits seit dem 1. September 1883 Enzykliken veröffentlicht und, wie Euch das wohl bekannt ist, Dekrete erlassen. Und da durch Gottes barmherzigen Ratschluss es Uns auch in diesem Jahre vergönnt ist, den Monat Oktober zu erleben, welcher nach Unserer früheren Anordnung der allerheiligsten Jungfrau geweiht sein soll, so können Wir es nicht unterlassen, Euch anzuspornen. Wir wollen in kurzen Worten zusammenfassen, was Wir bisher zur Förderung dieser Gebetsübung getan haben, und die Angelegenheit mit diesem Schriftstück weiter verfolgen, um dadurch sowohl Unser Interesse und Unsere Vorliebe für diese Gebetsform um so offenkundiger zu erkennen zu geben, als auch den Eifer der Gläubigen anzuspornen, diese heilige Gebetsübung auch fernerhin fromm und eifervoll fortzusetzen. Von dem beständigen Verlangen beseelt, das christliche Volk über die Kraft und die Würde des Marianischen Rosenkranzes aufzuklären, hatten Wir zunächst auf den mehr himmlischen als menschlichen Ursprung dieser Gebetsart hingewiesen und dann gezeigt, dass der wunderbare, aus dem englischen Gruß gewundene Kranz mit dem eingeflochtenen Gebet des Herrn und der damit verbundenen Betrachtung die vorzüglichste Gebetsform sei und im Besondern zur Erlangung des unsterblichen Lebens sehr fruchtreich sich erweise. Das Rosenkranzgebet nämlich bietet nicht nur ausgezeichnete Gebete, sondern befestigt auch den Glauben und stellt uns ausgezeichnete Tugendbeispiele in den zur Betrachtung Uns vorgehaltenen Mysterien vor Augen. Dasselbe ist außerdem leicht zu verrichten und dem Volksgeist angepasst. Dem Volk bietet die Betrachtung des Lebens der Familie von Nazareth zudem das Beispiel einer in jeder Beziehung vollkommenen Familie. Das christliche Volk hat noch stets erfahren müssen, dass diese Gebetsübung sich als durchaus heilkräftig erwiesen hat.

 

Mit diesen Gründen haben Wir hauptsächlich in Unsern zahlreichen Aufmunterungen das heilige Rosenkranzgebet empfohlen und dazu durch eine ausgedehntere Verbreitung desselben für die Majestät desselben gesorgt, indem Wir hierbei den Spuren Unserer Vorgänger folgten. Denn Sixtus V. glücklichen Angedenkens bestätigte die althergebrachte Übung des Rosenkranzgebetes. Gregorius XIII. setzte für dasselbe einen eigenen Festtag an; Clemens VIII. schrieb denselben dem Martyrologium ein; Clemens XI. ordnete an, dass derselbe von der ganzen Kirche beobachtet wurde; Benedikt XIII. nahm denselben in`s römische Brevier auf. Und auch Wir haben zur Erinnerung an Unsere Vorliebe für diese Gebetsform angeordnet, dass dieser Festtag in der gesamten Kirche mit eigenem Offizium als duplex secundae classis begangen werde, den ganzen Oktober zur Verrichtung dieses Gebets bestimmt und dann noch vorgeschrieben, dass der Lauretanischen Litanei auch die Anrufung „Königin des heiligsten Rosenkranzes“ beigefügt werde, gewissermaßen als gute Vorbedeutung für den Sieg in dem gegenwärtigen Kampfe.

 

Dann bleibt noch übrig, darauf hinzuweisen, dass das Rosenkranzgebet einen hohen Wert und Nutzen besitzt, weil es mit zahlreichen Privilegien und Rechten ausgestattet ist und vor allem an dem Schatz der Ablässe überaus reichen Anteil nimmt. Wie sehr daher allen denjenigen, die um ihr Seelenheil besorgt sind, daran gelegen sein muss, sich dadurch zu bereichern, ist leicht einzusehen. Es handelt sich nämlich um den gänzlichen oder teilweisen Erlass der zeitlichen Strafen, welche auch nach Vergebung der Sünde in diesem oder aber im jenseitigen Leben verbüßt werden müssen. Sehr reich ist ja der Schatz Christi, der Gottesmutter und der Heiligen, aus ihren Verdiensten entstanden, in Bezug auf welchen Unser Vorgänger Clemens VI. mit Recht jene Worte aus dem Buch der Weisheit anwendete: „Unendlich ist der Schatz für die Menschen; diejenigen, welche davon Gebrauch machen, sind der Freundschaft Gottes teilhaftig geworden.“ Schon haben die römischen Päpste kraft der ihnen von Gott verliehenen Gewalt den Marianischen Sodalitäten vom heiligsten Rosenkranz, welche diese Gebetsübung pflegen, die reichen Schätze dieser Gnaden erschlossen.

 

Daher haben auch Wir, in der Meinung, dass durch diese Wohltaten und Ablässe die Krone Marias um so heller leuchte und dadurch gewissermaßen mit den prächtigsten Edelsteinen geziert werde, den lange im Geiste überdachten Plan einer Konstitution über die Rechte, die Privilegien und Ablässe, welche die Sodalitäten vom heiligsten Rosenkranz genießen, zur Reife gebracht. Diese Unsere Konstitution soll ein Zeugnis für Unsere Liebe zur allerhehrsten Gottesmutter abgeben und gleichzeitig den gesamten Gläubigen ein Sporn sein und eine Belohnung für die Frömmigkeit darbieten, damit sie in der Todesstunde durch deren Hilfe erhöht werden und in ihrem Schoß süß ruhen könnten.

 

Das erflehen wir von Gott aus tiefster Seele und zwar durch die Vermittlung der Königin des heiligen Rosenkranzes. Und als Vorbedeutung und Unterpfand der himmlischen Gnaden erteilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, dem Klerus und dem Eurer Obhut anvertrauten Volk in großer Liebe den apostolischen Segen.

 

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 5. September 1898 im 21. Jahr Unseres Pontifikates.

 

Papst Leo XIII.

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Betrachtungen über den Rosenkranz

 

Der Rosenkranz: Ein starker Schild zum Schutz des Glaubens und zur Abwehr alles Bösen

 

An einem Sandkörnlein ist nichts Besonderes oder Schönes zu sehen. Es ist eben ein Sandkorn, du trittst es unbedenklich mit den Füßen. Und doch kann es mitunter für das Menschenleben von Nutzen und Bedeutung sein.

 

So habe ich von einem reichen Mann gelesen. Der wollte eines Tages zu einer bestimmten Stunde sich an einem Ort einfinden. Zu seinem Glück kam er nicht dorthin, sonst hätte er keinen Sonnenaufgang mehr erlebt. Es waren nämlich Räuber in derselben Gegend, und diese hatten schon lange auf den Geldbeutel des Herrn spekuliert und jetzt herausbekommen, dass er an diesem Tag zu dieser Stunde an einem für ihr Vorhaben günstigen Platz vorbeikommen würde. Wer aber nicht kam, war der Herr. Aus Furcht, dass ihr Plan verraten worden war, flüchteten die Räuber und wagten kein weiteres Mal ihm aufzulauern. Was ihr Vorhaben vereitelte, war ein Sandkörnlein. Der reiche Mann trug nämlich eine Taschenuhr bei sich. An dem Tag nun, wo er den Weg machen wollte, schaute er morgens auf die Uhr und sieht, er könne mit dem Aufbruch noch eine Stunde warten. Die Stunde geht vorüber und wie der Herr wieder auf die Uhr schaut, zeigt sie noch immer dieselbe Zeit. Sie war also stehen geblieben, und wie es sich herausstellte, war ein Sandkorn zwischen die Räder geraten und hatte ihren Gang gehindert. Da der Mann nun bereits eine Stunde zu spät daran war und nicht mehr zur bestimmten Zeit den Ort erreichen konnte, blieb er daheim und entging so den Räubern. Das Sandkorn war sein Lebensretter gewesen.

 

Dieses Glück haben einem andern Menschen ebenfalls mehrere Körner gebracht; sie waren nicht von festem Sand, sondern aus weichem Holz. Es waren die fünfzig Körner der Rosenkranzschnur, die er bei sich trug. Er war ein Förster und Jäger bei einem Grafen. Die Wildschützen sind ihm schon lang aufsässig gewesen. In einer Nacht nun musste der Förster durch einen dichten Wald. Plötzlich wurde er von zwei Wilderern überfallen; er setzt sich zur Wehr, bekommt aber einen Schuss auf die Brust und stürzt zu Boden. Die Wilderer machten sich davon, in der Annahme, ihn totgeschossen zu haben. Er lebte aber noch und wurde von seinen Leuten, die auf den Schuss herbeigekommen waren, nach Hause gebracht. Der Chirurg untersucht ihn, fand aber eine ungefährliche Wunde auf der Brust. Der Förster hatte nämlich in seiner Brusttasche einen Rosenkranz bei sich, und die Kugel hatte genau ihn getroffen, wodurch ihre Kraft so geschwächt worden war, dass sie nur eine kleine Wunde verursachte. So sind ihm die Körner des Rosenkranzes zu einem schützenden Schild geworden.

 

Die Geschichte mit dem hölzernen Rosenkranz ist so etwas wie ein Gleichnis von dem, was der Rosenkranz, der aus Geist, Herz und Wahrheit, aus Glaube, Hoffnung, Andacht und Liebe verfasst ist, ich meine das Gebet des marianischen Psalters für den einzelnen Christenmenschen, wie für die gesamte Christenheit nach Gottes Willen sein sollte, und schon viel tausendmal gewesen ist: Schutz und Schirm gegen feindliche Mächte aller Art.

Am Fest des heiligen Rosenkranzes kann man im Brevier lesen:

 

„ Als der Irrglauben der Albigenser das Gebiet von Toulouse in Südfrankreich in gottloser Weise verheerte, und seine Wurzel von Tag zu Tag tiefer einsetzte, da verlegte sich der heilige Dominikus im Jahr 1203 mit ganzer Kraft darauf, diesen Irrglauben zu entwurzeln. Um dies mit noch größerer Stärke zu bewerkstelligen, flehte er mit innigem Gebet um Beistand zur seligsten Jungfrau, deren hohe Würde durch jene Irrtümer auf das Schamloseste entehrt wurde, und der es gegeben ist, allen Irrglauben in der ganzen Welt zu vernichten. Wie nun berichtet wird, wurde er von Maria gemahnt, den Völkern den Rosenkranz zu predigen, der ein ganz besonderer Schild gegen die Irrlehren und Laster sei. Es ist zum Staunen, mit welchem Geisteseifer und mit welch glücklichem Erfolg der Heilige das ihm aufgetragene Amt erfüllte. Es ist aber der Rosenkranz eine bestimmte Gebetsweise, die darin besteht, dass wir 150 „Gegrüßet seist du, Maria“ usw., durch Einschaltung des „Vater unser“ usw. in 15 Absätze von je 10 „Ave Maria“ geteilt, beten und bei jedem Absatz ebenso viele Geheimnisse unserer Erlösung in frommer Betrachtung verehren. – Unzählbar sind die Früchte, die aus dieser so heilsamen Stiftung der Christenheit erwachsen sind.“ Hierauf erzählt das Brevier von zwei berühmten großen Siegen, die über die Erbfeinde der Christen errungen und nach frommer Meinung dem Gebet des heiligen Rosenkranzes zugeschrieben wurden.

 

Es ist demnach dieses Gebet in der Tat ein starker Schild, den Gott der Christenheit durch Vermittlung der Gottesmutter zum Schutz des Glaubens, zur Abwehr von falscher Lehre und heillosen Lastern geschenkt hat.

 

Schaut man diese katholische Gebetsweise nur äußerlich und oberflächlich an, hat sie allerdings nicht das Aussehen einer so mächtigen Schutzwaffe. Es hat sogar immer wieder Zeiten gegeben, auch noch vor einigen Jahren, wo man den Rosenkranz öffentlich verspottet und verlästert und zu altem unbrauchbarem Eisen geworfen hat. Auch heutzutage fehlt es nicht an solchen Menschen, die im Rosenkranz nichts als ein eintöniges, gedankenloses, langweiliges Lippengebet finden können. Aber es ist auch da wieder wahr: „das Schwache, Einfache und Verächtliche der Welt hat Gott auserwählt, um das Starke zu Schanden zu machen.“ Die Kraft des Rosenkranzes versteht niemand, der ihn nicht nach Anweisung der Kirche betet. Es ist mit ihm wie mit dem Tausendguldenkräutlein; es ist ein gar unansehnliches Waldblümchen; es liegt aber in ihm verborgen eine solche Heilkraft, als unsere Vorfahren sie nicht besser zu bezeichnen wussten, als dass sie sagten, sie sei wohl ihre tausend Gulden wert. Diese Heilkraft aber verspürt nur, wer sie ins Geblüt und von da aus ins Mark und Gebein bringt, wer das Tausendguldenkraut einnimmt.

 

Und einnehmen, ja wahrhaftig, das ist das rechte Wort, einnehmen muss derjenige den Rosenkranz, der seine Kraft und Wirkung an sich erfahren will. Du nimmst ihn ein, wenn du den Geist, der in den Worten des „Vater unser“, „Gegrüßet seist du, Maria“ und besonders in den fünfzehn Geheimnissen des Rosenkranzes liegt, zuerst durch eifriges Nachdenken herausdestillierst, durch den Glauben zu deinem geistigen Eigentum machst, und dann hinabdringen lässt in das Geblüt, ich meine, in dein Herz, in dein innerstes Seelenleben, in deinen Willen, in deine Liebe.

 

So meint es und so will es die heilige Kirche. Nach ihrer Anweisung betet den Rosenkranz nur derjenige, der einerseits die mündlichen Gebete des „Vater unser“ und „Ave Maria“ betet, andererseits aber mit diesen auch das Nachdenken über sie und die fünfzehn Geheimnisse verbindet. Wer nur das eine tut, das andere aber nicht, kann nicht einmal die Ablassschätze gewinnen, die die Kirche auf das Rosenkranzgebet verliehen hat; noch weniger aber kann er jene Kraft verspüren, die darin verborgen ist. Du musst es also machen wie mit den Gewürznelken und Pfefferkörnern, man zerkaut sie sorgfältig, wenn man ihren kräftigen Geschmack verkosten will.

 

Der Rosenkranz: Ein Führer ins Gelobte Land

 

Wenn du von Jerusalem und Betlehem gehört hast oder wenn du zu Weihnachten vor einer Krippe gekniet bist oder den Kreuzweg gebetet hast, ist dir da nicht der Gedanke gekommen: Könnte ich doch einmal diese heiligen Orte, wo mein Heiland gelebt hat, mit eigenen Augen sehen? Und vielleicht meist du bei diesem Gedanken, dort würde dir das Gebet wie von selber aus dem tiefsten Herzen heraufsteigen, währen du es jetzt gleichsam heraufpumpen musst. Ein solcher Wunsch ist schon zu verstehen. Aber wenn er dir auch erfüllt würde, und du kämest ins Heilige Land und schautest dort die Berge, Seen und Gegenden, und die Städte und Dörfer Palästinas, so könntest du doch gerade ihn, den Heiland selber, dort nicht mit den Augen sehen, seine Rede nicht mit den Ohren hören, und seine segnende Hand nicht mit deinem Mund küssen. Er ist schon seit zweitausend Jahren nicht mehr dort. Pilger, die im Heiligen Land waren, sagen daher auch, es sei ihnen dort gewesen, wie wenn sie aus der Fremde in die Heimat des Vaters zurückgekehrt wären, den Vater aber, der inzwischen gestorben ist, dort nicht mehr angetroffen hätten, und nur wehmütig stehen konnten an seinem Grab. Wenn also auch du nach Palästina kämst, so bliebe dir nichts übrig, als an den heiligen Stätten dir im Geist den Heiland vorzustellen, wie wenn er noch dort zu Betlehem in der Krippe läge, oder in Nazareth im stillen Haus aus und einginge, oder das schwere Kreuz vor dir den „Schmerzensweg“ hinauftragen würde.

Nun sage ich aber: eine solche Vorstellung kannst du dir überall machen, wo immer du bist, wenn sie auch nicht gerade so lebhaft wie an den heiligen Orten selber sein wird. Du wirst wohl auch einmal von deinem Elternhaus weggegangen sein in die Fremde. Wie leicht und wie oft hast du dir da deine Heimat in Gedanken vorgestellt und hast deine Familie im Geist gesehen, wie sie jetzt arbeiten, dann zu Tisch gehen, dann abends den Rosenkranz beten und am Sonntag zur Kirche gehen, und hast vielleicht gemeint du hörtest sogar die Glocken der Pfarrkirche, obwohl sie weit von dir weg gewesen sind. In gleicher Weise kannst du deine Seele über Land und Meer hinüber nach Palästina schicken, kannst dir selber die Landschaft und den Ort ausmalen oder durch Bilder vergegenwärtigen, und kannst geistig den Heiland sehen als Kind, jungen oder erwachsenen Mann und kannst vernehmen, was er überall dort gesprochen hat.

 

Eine solche geistige Wallfahrt und Pilgerreise ins Heilige Land machst du aber bei jedem Rosenkranz, wenn du ihn nicht bloß mit Mund und Zunge, sondern auch mit Kopf und Herz, mit Geist betest. Schneller als im schnellsten Flugzeug ist deine Seele dort und durchzieht in Gedanken all die heiligen Orte. Die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes sind ebenso viele Haltestellen, wo du deinen Heiland findest. Diese Stellen sind so hergerichtet, dass du das Leben des Herrn mit seinen wichtigsten Ereignissen durchwanderst, von Nazareth, wo es angefangen, bis hinauf zur Rechten des Vaters von dort er kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Überall ist er dein Erlöser, der für dich lebt, arbeitet, leidet, betet; überall an diesen Orten sammelt er Verdienste für dich, um dir die frohe Hoffnung des Heils zu geben.

 

Darum hat man den Rosenkranz mit seinen fünfzehn Geheimnissen mit Recht das „abgekürzte Evangelium“ Jesu Christi genannt. Das sagt auch die katholische Kirche im Messgebet am Rosenkranzfest, das du jedes Mal als Vorbereitung zum Rosenkranz verrichten kannst. Es heißt: „O Gott, dein eingeborener Sohn hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung den Lohn des ewigen Heils erworben. Wir bitten dich um die Gnade, dass wir durch die Betrachtung der Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes der seligsten Jungfrau Maria das nachahmen, was sie enthalten, und das erlangen, was sie verheißen.“

 

Es ist somit der Rosenkranz eine geistige Pilgerreise an die heiligen Stätten zu Jesus Christus, und hinein in das Gelobte Land seines heiligen Lebens, aus dem du mit reichen Schätzen beladen und wie aus einer Sommerfrische neubelebt wieder heimkehren kannst zu deinen täglichen Geschäften. Nach den vier heiligen Evangelisten ist der Rosenkranz der beste, sicherste und schönste Führer auf dieser Pilgerfahrt. Wenn du ihm folgst, führt er dich hinein auf kürzestem Weg bis zum Herzen Jesu.

 

Der Rosenkranz: Das Evangelium vom Herzen Jesu

 

Im Herbst fängt der Laubwald draußen an sich in schöne gelbe und rote Blätter zu kleiden, um sie dann nach einigen Tagen ganz abzulegen, aber nur auf kurze Zeit. Im Frühjahr wird er wieder im frischen Grün dastehen und der Obstbaum in reicher Blüte leuchten. Woher nimmt denn nur der Baum alle Jahre dieses neue Gewand und woher kommt die Schönheit der Blumen und Früchte? Woher anders, als aus den Wurzeln und aus dem Erdreich, aus dem sie herauswachsen.

 

Oder etwas anderes. Du gehst in den Wald hinein spazieren oder ins Wiesental. Auf einmal begegnet dir ein frisches Bächlein, fließt eilig an dir über Stock und Stein vorbei und erzählt dabei ein Kunterbunt in seiner Sprache. Wo ist es denn nur hergekommen? Geh du nur seinem Weg nach, den es selber gegangen ist; es führt dich schon zum Haus, wo es daheim war, zur Quelle am Felsgestein.

 

Oder noch etwas. Du arbeitest im Zimmer am Tisch. Da schleicht sich ein Lichtstrahl über den Tisch hin und noch ein zweiter und jetzt viele auf einmal; das ganze Zimmer wird hell nach allen Seiten. Die Strahlen sind vom Fenster hergekommen. Brennt denn das Glas? Ja, Wärme hat es bekommen, aber die Lichtstrahlen kommen von viel weiter, viele tausend Stunden weit daher. Es ist die Sonne in ihrem Brand, die sie mir zuschickt durch Luft und Glas.

 

Das ist jetzt auch gleichnisweise gesprochen. Wie nämlich die Strahlen aus der Sonne, das Bächlein aus der Quelle, die Zweige, Blüten und Früchte aus Wurzel und Stamm kommen, so geht das ganze Leben, Leiden und Sterben des Gottmenschen aus seinem heiligsten Herzen aus.

 

Stelle dich einmal hin zur Krippe in Betlehem. Wenn du das Kindlein weinen siehst, wie Kinder es tun, so gehe diesem Tränenbächlein nach und suche die Quelle davon auf. Frage deinen Heiland, was ihn denn zu weinen bringt, und du wirst zur Antwort erhalten: „Es ist mein Herz, es ist meine Liebe.“ Und wenn du ihn im späteren Leben im Tempel zu Jerusalem siehst, wo er die Strahlen seiner Weisheit unter den Schriftgelehrten leuchten lässt, oder wenn du am Kreuzesbaum ihn mit blutigen Rosen vieler Wunden bekleidet siehst, gehe dem nach und forsche nach dem Licht, woher die Strahlen kommen, und nach dem Garten, aus dem die Rosen stammen; du wirst finden, es ist das Herz, es ist die Liebe Jesu.

 

St. Paulus der Apostel hat einmal den Heiland am Kreuz betrachtet, und ist durch das Opferleiden Jesu vorgedrungen zum letzten Grund; und da hat er auch das heiligste Herz gefunden und erzählt nun: „Er hat sich für mich hingegeben, weil er mich geliebt hat.“ Der Heiland selber hat einmal gesagt: „Der Mund rede von dem, wovon das Herz übervoll sei.“ Das ist auch bei seinem Reden und Werken allen wahr gewesen; sie sind alle aus seinem Innersten, aus seinem freien Willen und seiner Liebe, oder was ja dasselbe ist, aus seinem Herzen hervorgegangen. Und wie man an den Früchten erkennen mag, zu welcher Gattung von Bäumen der Baum gehört, so kannst du ganz leicht aus allen Worten und Taten des Herrn erkennen, was für ein edles, gütiges, erbarmungsvolles, treues, demütiges, dankbares, gehorsames Herz er hat.

 

Nun aber erzählt dir, wie gesagt, der Rosenkranz in seinen fünfzehn Geheimnissen den ganzen Lebenslauf des Herrn nach den wichtigsten Ereignissen. Sie heißen „Geheimnisse“, und nicht umsonst. Denn es ist in ihnen etwas verborgen, was nicht jeder Mensch sieht, sondern nur der, der das Auge des Glaubens besitzt und gebraucht. Und so lange du dieses Verborgene, dieses Geheime nicht siehst, wirst du auch von den Geheimnissen nichts rechtes verstehen. Das Geheimnis aber ist vorzüglich die Liebe, das Herz des Herrn, aus dem diese fünfzehn Ereignisse seines Lebens wie die Lichtstrahlen von der Sonne ausgegangen sind.

 

In jedem Geheimnis zeigt er dir sein Herz und jedes Mal wieder von einer anderen Seite und jedes Mal lieb und ehrwürdig. Jedes Geheimnis ist also eine Erscheinung, eine Offenbarung seines Herzens, seiner Liebe. Aber noch mehr.

 

Die Perlen oder Körner oder Kügelchen des Rosenkranzes würden zum Beten nicht recht brauchbar sein, wenn sie nicht die Perlenschnur vereinigen und zusammenhalten würde. Was die Schnur für die Perlen, das ist das Herz Jesu für die fünfzehn Geheimnisse. Die Liebe durchzieht alle, die Liebe bringt sie zur Einheit, und macht, dass sie alle wie aus einem Guss vor dir stehen. Darüber hat der gelehrte Kardinal Wisemann ein schönes Wort geschrieben: „Das Herz Jesu ist es, das die verschiedenen Erscheinungen seiner menschlichen Gestalt miteinander verbindet, das strahlende Auge des Kindes, die arbeitsame Hand des jungen Mannes, die gewinnenden Lippen des Lehrers, das dornumkränzte Haupt des Opfers. Ihnen allen sendet das Herz die entsprechenden Ströme des Lebens, die bei ihm nur Ströme der Liebe waren. Aus der Überfülle dieses Herzens stammten die Tränen, die er über die Verstockten weinte, stammte jener geheimnisvolle Tau, der in Getsemani aus den Poren seiner Gesichtes drang, stammten die Ströme heiligen Blutes, die aus den vier großen Wunden auf Golgatha flossen, stammte der bedeutungsvolle Strom der Wiedergeburt, der aus seiner von der Lanze durchbohrten Seite hervorquoll. Und selbst sein Tod, was war er anders, als gerade das Brechen dieses heiligen Gefäßes selbst, damit nicht ein Tropfen seines göttlichen Schatzes den Menschen vorenthalten bliebe?“

 

Wenn du den Rosenkranz auf solche Weise, also gründlich betrachtest, wird er dir ein Evangelium des Herzens Jesu, ein wahres Herz-Jesu-Buch werden, das dir in fünfzehn Hauptstücken die Geschichte dieses Herzens erzählt.

 

Man hat bekanntlich die Rose zum Sinnbild der Liebe gewählt; das Geschenk einer Rose deutet auf Liebe des Herzens. In den fünfzehn Geheimnissen seines Lebens bietet demnach der Heiland selbst dir einen ganzen Kranz von Rosen oder vielmehr drei Rosenkränze, einen aus schneeweißen, einen aus blutroten, einen aus goldgelben Rosen gewunden, je nachdem sich seine Liebe, sein Herz in den Geheimnissen erzeigt. Das ist also ein Rosenkranz, den sein Herz dir widmet, ein rechter Rosenkranz vom heiligsten Herzen.

 

Und jetzt wirst du bereits ein erstes Mal die nahe Verwandtschaft verstehen, in der der Rosenkranz mit der Andacht zum heiligsten Herzen steht. In dem Kirchengebet, das am Fest dieses Herzens gebetet wird, heißt es: „wir verehren in der Andacht zum Herzen Jesu die vorzüglichsten Wohltaten seiner Liebe zu uns.“ Nun, was verehrst du denn in den fünfzehn Geheimnissen des Rosenkranzes anderes, als fünfzehn der vorzüglichsten Wohltaten seiner Liebe? Der Hauptsache nach ist also der Gegenstand bei beiden Andachten derselbe, es ist die Liebe, das Herz Jesu. Wenn dich also der Rosenkranz das heiligste Herz Jesu kennen lehrt in seiner Hoheit, in seinen Tugenden, in seinen Verdiensten und Gnadenschätzen, ist er da nicht wahrhaft ein Apostel oder Evangelist, auf Deutsch gesagt, ein Bote des Herzens Jesu?

 

Der Rosenkranz: Das Band der Liebe

 

Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seiner Liebe zu den Menschen. Es ist, als wenn dir der Heiland den Rosenkranz anbieten und bei den fünfzehn Geheimnissen sagen würde: „Tue das zu meinem Andenken.“ Die Geheimnisse sind ebenso viel Erinnerungen, oder Vergissmeinnichte des göttlichen Herzens. Damit aber wirst du ja aufgefordert, ihm Liebe mit Liebe, Herz mit Herz zu zahlen. Der Rosenkranz zeigt dir den Heiland in seinen Entbehrungen und Leiden und in den Verfolgungen, die ihm die Menschen angetan haben. Und dadurch weckt er in dir das Mitleid mit seiner verschmähten, abgewiesenen gekränkten Liebe, und drängt dich zur Sühne und Abbitte und Ersatzleistung. Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seinen Gebeten, Arbeiten und Opfern für die heiligsten Interessen Gottes und der Menschen. Dadurch regt er dich an, dich mit denselben Interessen zu beschäftigen. Der Rosenkranz zeigt dir das heiligste Herz in seinen edelsten Tugenden, und lockt dich so zu seiner Nachahmung. Der Rosenkranz zeigt dir schließlich das heiligste Herz in seiner Verherrlichung, in dem reichen Lohn, den es sich verdient hat, und weist dich damit hin auf die Verheißungen, die das heiligste Herz allen denen gegeben hat, die seinem Beispiel folgen, und ruft in dir die Hoffnung und das Vertrauen auf sich wach. Sind nun aber diese Tugendübungen, Gegenliebe, Sühne, Nachahmung, Vertrauen, Teilnahme an den Interessen Jesu nicht gerade auch die vorzüglichsten Übungen der Andacht zum göttlichen erzen? Und wenn der Rosenkranz, mit Geist und Herz gebetet, zu diesen Übungen anleitet, ist er da nicht ein Prediger, ein Bote der Andacht zum göttlichen Herzen?

 

Ich behaupte noch mehr und sage: Das Rosenkranzgebet regt nicht bloß zur Andacht zum göttlichen Herzen an, sondern wird selber zu solch einer Andacht, wenn du nur willst. Es ist ja mit ihm nicht anders, als mit allen frommen Werken, mit Beten, Fasten und Werken der Barmherzigkeit. Wie diese Übungen kannst du ja auch den Rosenkranz beten, bald um dem Erlöserherzen deine Liebe zu beweisen in dankbarer Erinnerung seines Liebeslebens für dich, bald um ihm eine Sühne darzubringen, bald um das Gebet dieses Herzens nachzuahmen und für die Förderung seiner Interessen zu flehen. Durch diese deine Absicht wird der Rosenkranz ein Werk zur Verehrung des göttlichen Herzens, es ist ein Strauß, ein Kranz von Rosen, die du dem Herrn bietest für den Dornenkranz, den die Feinde Jesu ihm ehedem in seinem Leiden um das Haupt geschlungen haben, die Feinde von heutzutage aber durch ihren Undank und ihre Kälte und Sakrilegien in sein Herz drücken.

 

Jesus will die Menschen zu seiner Liebe hin anlocken, oder wie er selbst gesagt hat, in ihnen „das Reich seines Herzens“ wieder aufrichten. Er zeigt den Menschen seine Liebe und will damit sogar scheinbar gefühllose Herzen anrühren und zur Gegenliebe bewegen. Nun sind aber die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes gerade die feurigsten Strahlen der Liebe Christi, sie sind die stärksten Lockrufe und wenn man so sagen darf, die schönsten Liebeslieder, in denen dein Heiland dir vorstellt, was er alles für dich getan hat, um dein Herz zu gewinnen und dich zu ihm zurückzuführen. Im Rosenkranz bietet er dir den Brautring; und wenn du deinerseits den Rosenkranz mit Geist und Herz betest, da bietest auch du ihm deinen Ring, ihr tauscht Ringe, wie man zu sagen pflegt. So wird der Rosenkranz zu einem Band der Liebe, das sich immer enger und fester um dein und sein Herz schlingt, je öfter und andächtiger du ihn betest.

 

Das mag vielleicht manchem als eine Übertreibung erscheinen. Aber mach doch einmal eine Probe. Vertiefe dich gläubig nur einen Monat lang jeden Tag auf eine Viertelstunde in die Geheimnisse des Rosenkranzes und dringe ihnen bis aufs Herz, bis auf den Grund. Es wird sich zeigen, wie wahr der Papst einmal gesagt hat: „durch die Übung des Rosenkranzes werden die Guten in der Tugend wachsen und die Verirrten zu ihrem Heil in sich gehen.“

 

Der Rosenkranz: Der allerköstlichste Rosenduft

 

Es hat dich vielleicht bei der bisherigen Betrachtung über den Rosenkranz gewundert, dass noch keine Silbe von der Gottesmutter vorgekommen ist. Der Rosenkranz gilt ja allgemein als eine Andacht zu ihr. Nun, das ist er auch in der Tat, und wenn ich dir vom Rosenkranz als einer Andacht zum Herzen des Heilandes geredet habe, so will ich dich damit durchaus nicht von Maria wegziehen. Im Gegenteil. Denn war Maria nicht die erste, die die Geheimnisse ihres Sohnes betrachtete, wie das Evangelium erzählt, in ihrem Herzen bewahrt und zu allererst daraus die reichste Frucht gewonnen hat? Wende dich also weiterhin bei jedem Ave des Rosenkranzes an sie und steige hinab in das Herz der gnadenvollen, heiligen Gottesmutter, dort wirst du finden, was sie für Andacht zur Liebe, zum Herzen ihres Sohnes gehabt hat. Sie führt dich bei jedem Ave zur gebenedeiten Frucht ihres Leibes, Jesus, den sie auch für dich vom Heiligen Geist empfangen, geboren, geopfert hat. Sie hat gewiss nichts dagegen, wenn du dann bei ihrem Sohn bleibst und dich ganz in sein Herz versenkst, wie sie es bei der Krippe und beim Kreuz getan hat und noch immer im Himmel tut.

 

In dem schönen Gebet: „Salve Regina“, „Sei gegrüßt, du Königin“, bittest du Maria, sie möge dir doch nach diesem elenden Leben zeigen die gebenedeite Frucht ihres Leibes. Im Rosenkranz tut sie dir das jetzt schon. Gehe also nur hin zu ihr mit diesem ihr so lieben Gebet. Wo die Mutter ist, findest du auch den Sohn; wie sie im Leben auf der Erde und im Himmel unzertrennlich vereint sind, so auch im Rosenkranz. Es gilt also auch da: durch die Mutter zum Sohn, durchs Mutterherz zum Sohnesherzen. Im Rosenkranz findest du das Herz Mariens, wenn du in die Rosen der hundertfünfzig Ave einen Duft und Wohlgeruch hinein hauchst, wie es für die Mutter des Herrn keinen angenehmeren geben kann.

 

Weiße, rote, gold`ne Rosen

Sprießt hervor das Herz des Herrn:

Rosen seines Erdenwallens,

Uns`rer Hoffnung heller Stern;

 

Rosen seines bittern Leidens,

Uns`res Heiles voller Sold;

Rosen seiner Ehr` und Freuden,

Uns`rer Krone lichtes Gold.

 

Lasset sie zum Kranz uns winden

Um das Haupt der Königin,

Rosen, die da aus dem Herzen

Ihres Sohnes froh erblüh`n!

 

Aber jetzt sei es für diesmal genug; nur noch eins: Soll dir der Rosenkranz die verheißenen Schätze bringen, so musst du jedes Mal die zwei Schwestern mitnehmen, die da heißen: Gebet und Betrachtung. In der Notburgakirche auf dem Eben steht der Spruch geschrieben:

 

Arbeit mit Gebet verbinden,

Lässt Gottes Segen finden.

 

Die Arbeit des Rosenkranzes besteht in der Betrachtung. Der Rosenkranz ist nämlich so etwas, wie ein Goldbergwerk. Durch die Betrachtung gräbst und dringst du in den Schacht hinein, wo das Gold, die Liebe des Herzens Jesu verborgen ist. Jedes der fünfzehn Geheimnisse ist ein solcher Schacht. Hast du aber eine reiche Goldader aufgedeckt, dann ist es an dir, durch demütiges Gebet des „Vater unser“ und „Gegrüßet seist du, Maria“ das Gold zu erheben und dir anzueignen. Der Demut des Gebetes bleibt nichts versagt nach Gottes treuem Wort: Den Demütigen gibt Gott seine Gnade. – Zu diesem heiligen Gold- und Schatzgraben sind nun alle aufs Freundlichste eingeladen. Die Schwester Betrachtung schließt uns die Schatzkammer auf, und Schwester Gebet greift zu. So können wir reich werden an allem Guten, was uns allesamt „die Königin des heiligen Rosenkranzes“, „Unsere Liebe Frau vom heiligsten Herzen“ erbitten wolle vom König aller Herzen, von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Der Rosenkranzfranzl

 

Ein Bericht aus schweren Tagen von Heinz Faller

(erschienen in „Rosenkranz“, Juli 1956, S. 202-204)

 

Der Lagerkoller wuchs von Tag zu Tag. Das entnervende Nichtstun, die ungewisse Zukunft, die Kartoffelschal-Brühe – all das zermürbte die Männer des Lagers im Waldgebiet bei Lunéville (Lunéville [ly.ne.vil] ist eine Gemeinde im Département Meurthe-et-Moselle in der Region Lothringen). Der Kommandant war ein Gottesleugner und Menschenhasser. Seine Reitpeitsche tanzte täglich in höllischem Rhythmus auf den kleidlosen Rücken der Landser.

 

An einem Sonntagmorgen wurden wir erneut durchsucht. „Filzen“ nannte man das im Lagerjargon. Wir besaßen nichts mehr außer einer leeren Konservendose zum Empfang der Brühe, einem zerfetzten Handtuch und einem durchlöcherten Hemd. Uhren, Ringe, Rasierzeug und Wäsche waren längst in den großen Taschen der Posten verschwunden. Wir hatten alles hingenommen, so wie müde Hunde Stockhiebe empfangen. Wir waren leer und ausgebrannt. Auch unsere Seelen.

 

So war es nicht verwunderlich, dass uns die erneute „Filzung“ nicht im Mindesten erregte. Wir breiteten alles vor uns aus auf unsere stinkenden Pferdedecken und blickten stumpf auf die glänzenden Lackstiefel und die wippende Peitsche, die durch die Reihen gingen. Was konnte schon zu finden sein bei diesem Basar des Elends, diesem Ausverkauf der Hoffnungslosigkeit? ...

 

Franzl, ein bärtiger Tiroler Bauer, Gebirgsschütze in zwei großen Kriegen, hockte am Fenster. Seine dunklen Augen brannten wie im Fieber.

 

„Taschen auf!“ Die Stiefelspitzen traten zwischen Dosen, leere Schachteln, Socken, rostige Löffel, ein paar abgegriffene Fotos. Franzl gehorchte und knöpfte seine Rocktaschen auf. Eine Blechbüchse mit Zigarettenstummeln gesellte sich zu den Vagabunden auf der Decke. „Sonst nix?“ Der Kommandant hatte eine messerscharfe Stimme. „Nein nix!“ Franzl schüttelte seinen Kopf. Aber – Herrgott – der Mensch ging nicht weiter, blieb lauernd stehen, schob mit einem Ruck den Franzl beiseite und riss die Decke mitsamt dem Stroh vom Boden. „Olala – du sein verruckt – du sein große filou – du tout de suite in bunkaer!“

 

Auf den Brettern lag ein Taschenmesser, ein winziges Ding, so wie es zufriedene Väter ihren Jungen auf dem Jahrmarkt erstanden, früher einmal. Jetzt lag das Ding da, unansehnlich und gar ein wenig verrostet, und daneben lag eine Reihe holzgeschnitzter Perlen, mit einem Faden zu einer Kette vereinigt. Eine Handvoll dieser Perlen fehlte noch dem Rosenkranz.

 

„Nix gutt“, sagte das feiste Gesicht noch einmal, „Nix gutt“, und die Stiefel zertraten mit Gewalt die Holzperlen.

 

Wir alle standen starr. Der Besitz eines Messers war bei schwerster Strafe verboten. Wie konnte der Tiroler nur . . .?

 

Franzl wurde abgeführt. Er ging kerzengerade. Mir fiel ein Bild ein aus meiner Jugend, aus der Schule, ein Bild, wie man einstmals den Andreas Hofer gen Tal führte. Herrgott, ja – so schritt auch der Franzl. Noch wagte keiner ein Wort. Erst als die Schritte unten auf dem Hof klangen, prallten die Gemüter aufeinander. Heftige Worte wurden laut. Für und gegen den Franzl. „Bravo, Franzl“, schrien die einen, andere begehrten auf, drohten dem „Spintisierer“, dem „Pfaffenknecht“. Sicher müsse nun die ganze Kompanie büßen.

 

Nur einer weinte still vor sich hin. Es war Heino, der blonde Finnenjunge, der als Treibholz des großen Völkermordens hier als prisonnier gelandet war. Nur wenige wussten, dass Heino in den bitteren Wochen der Gefangenschaft in Franzl einen rettenden Helfer, ja, noch mehr, einen gütigen Vater gefunden hatte. Kaum 18 Jahre zählte der Junge, der, in den Wäldern Kareliens aufgewachsen, schon in Kindertagen in den Strudel des Krieges geschleudert worden war. Vater und Mutter waren seinem Gedenken entglitten; ja selbst die Gnade einer Muttersprache hatte das Schicksal Heino verwehrt. Seine Sprache war ein seltsames Kauderwelsch aus Finnisch, Russisch und Deutsch, dem Jungen zur Qual, den Kameraden zuweilen eine dürftige Gaudi.

 

Noch ehe Franzl aus dem Arrestbunker wiederkam, hatte es sich herumgesprochen: Der Lagerkoller, diese zermürbende Krankheit, die Leib und Seele in gleicher Tücke folterte, hatte einen aus der Kompanie angesprungen, ihn zu Boden geworfen. Der war zum Judas geworden, hatte den Franzl gesehen und gemeldet.

 

Franzl kam gerade recht, um das Strafgericht der Kompanie an dem Verräter zu verhindern.

 

Dass man ihn fortan den „Rosenkranzfranzl“ nannte, kümmerte den Tiroler wenig. „Mei` Mutta selig hat schon immer g`sagt, wer ein Rosenkranzerl bei sich tragt und sich damit an` Herrgott festbind`, geht nit verlorn. S` ist grad wie a Seil im Fels.“ Damit rollte sich Franzl zur Seite und ließ das Gespött auf seinen breiten Buckel prallen.

 

Die Tage wurden immer schlimmer. Der Hunger weckte schlimme Geister. Misstrauen, Neid, Hass schossen ins Kraut wie giftige Blüten. Die ersten Brotdiebstähle erhitzten die Atmosphäre. Prügeleien wechselten mit zügellosen Wortgefechten. Das Stacheldrahtfieber ging um. Nistete sich in Herzen und Sinne. Das tägliche Brotteilen wurde zum Götzendienst. Wie gierige Raubtiere umlauerten die Männer den Teiler, mit flackernden Augen jede seiner Bewegungen misstrauisch verfolgend.

 

Endlich gab es Zigaretten. Es war ein Unglück. Tauschgeschäfte steigerten noch Zank und Streit. Flüche und Beschimpfungen schwirren wie giftige Pfeile durch das Halbdunkel der Baracke und zeigten, dass Menschenwürde und Gottgedenken immer mehr aus den Fugen gerieten.

 

Die Gesichter wurden knochiger; die Augen blickten von Tag zu Tag hoffnungsleerer aus dunklen Höhlen. Die ersten Ruhrkranken wankten in die Krankenbaracke. Die ersten Hügel wuchsen auf der herbstlichen Wiese hinter dem Lager. Es ließ sich schlecht verbergen, dass Franzl die Hälfte seiner Brotration an Heino abgab. Er tat das mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der allen irdischen Hunger in das göttliche Maß der Dinge einzureihen weiß. Die Spötter gaben bald das Rennen auf.

 

Einige wollten sogar gesehen haben, dass der Rosenkranzfranzl dem Heino das Beten beibringe. Drunten, an dem zerfallenen Pferdestall habe man beobachtet, wie der Alte dem Jungen die Hände zum Gebet ineinandergelegt hatte.

 

Es kam, wie es kommen musste. Eines Tages wurde Franzl in die Krankenbaracke getragen. Ruhrverdacht.

 

Zwei Tage später erwischte man den Heino beim Brotklauen. Fürchterlich wurde der Junge verdroschen. Am andern Morgen fand ihn ein Posten am Zaun. Mit einem schartigen Dosendeckel hatte er seinen Puls zerfetzt. Eine sofortige Blutübertragung rettete ihm das Leben. Der neue Kommandant hatte das Blut gespendet. Gott lebte noch . . .

 

Franzl tobte wie ein Irrer, als der „Sani“ die Neuigkeit von dem Finnenspitzbub als Frühstück servierte. Ein Fieber schüttelte drei Tage den Mann. Doch das harte Tirolergewächs zeigte sich Ruhr und Fieber gewachsen. Zäh war der Franzl wie eine Bergfichte, das musste man sagen, trotz der halben Brotration.

 

Der neue Lagerchef erlaubte dem Franzl nach seiner Genesung, an der Seite seines kleinen Freundes zu bleiben. Heino schwebte immer noch zwischen Leben und Tod. Ein Weinkrampf packte den Jungen, als er Franzl zum ersten Mal wiedererkannte. Sein Kopf glühte vor Scham und Reue.

 

Der Rosenkranzfranzl umsorgte Heino wie sein eigen Kind. Brot gab´s jetzt auch mehr; auch die Brühe war zur dicken Suppe avanciert. Oft hielt Franzl Heinos schmale Hände und erzählte Geschichten aus den Bergen, von den Dörfern und Leuten seiner Tiroler Heimat.

 

Nach harten Wochen hatte der Junge es geschafft. Er durfte wieder sitzen und blickte zum ersten Mal durch die Fenster, die am Abend die Oktobersonne zu feurigem Glühen brachte.

 

Und in dieses Glühen hielt an einem Sonntag der Franzl einen Rosenkranz dem Heino vor die glänzenden Augen, einen rechten Rosenkranz mit braunen, klobigen Perlen und einem dicken, unförmigen Kreuzlein. Heinos Augen weiteten sich, starrten erst auf den Franzl, der spitzbübisch grinste. „Komm Bub, jetzt erzähl ich dir d` Geschicht von dem Kranzerl. Bub, brauchst kein Angst net zu haben, s`war kein Messer dabei. Weißt, mein Brotration hab` ich durch Zigarettentausch vergrößert. Hab` selber nimmer g`raucht, dieweil ich`s doch immer so gern g`tan hab`. Aber schau, nass g`macht hab` ich`s Brot und gut geknetet. Hübsche Perlen hab i` g`dreht, feine Perlen, da, schau, und gut getrocknet auf`m Öfchen. Freilich, die ersten gingen daneben, aber nachher ging`s ganz sauber. Ein` Faden hat mir der Sani g`schenkt. Nadeln gibt`s ja g`nug im Revier. Siehst, jetzt ist`s fertig. S` Kreizerl ist aber noch nit ganz trocken.“

 

Da lag das merkwürdige Ding auf der Decke vor Heino, und der machte runde Kinderaugen. Ja, das war Franzl`s Rosenkranz, der auf Frankreichs blutgetränkten Fluren gewachsen ist. Ein Rosenkranz, den frommer Sinn und die Not der Zeit geschaffen hat.

 

Fortab ging zuweilen ein stilles Murmeln durch den Raum, ein holpriger Bass und eine helle Stimme, die tagtäglich an Festigkeit gewann.

 

Noch vor Weihnachten wurde Franzl als Österreicher entlassen. Der Kommandant hatte dem Tiroler außerdem die Erlaubnis erwirkt, Heino auf seinen Berghof über Innsbruck mitzunehmen. Als der Offizier das dem Franzl mitteilte, stand der Alte stramm. Wie ein Rekrut. Ich habe den Franzl nie in solcher Haltung gesehen. Es war beinahe komisch. Aber es lachte keiner. Auch nicht, als der Franzl mit seiner rissigen Faust die Hand des Offiziers drückte.

 

Fast die ganze Kompanie stand am Tor, als es Franzl und Heino den Weg in eine neue Zukunft freigab. Heino hielt des Tirolers Hand. So schritten beide zum LKW, der sie zum Bahnhof bringen sollte.

 

Ob der Junge wohl wusste, dass da ein Vater neben ihm ging, sein Vater, sein Retter, der ihm Leib und Seele aus dem Schutt der Zeit gewühlt und ihn der Welt und Gott wiedergegeben . . .?

 

Und der Kommandant, der sein Blut gegeben hatte, stand da und salutierte, als die beiden noch einmal winkten, Heino und der Rosenkranzfranzl . . .

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Rosenkranz-Schlussgebet

 

Bitte für uns, heilige Gottesmutter.

Das wir würdig werden der Verheißungen Christi.

 

Lasset uns beten.

Gott, dein eingeborener Sohn hat uns durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung die Schätze des ewigen Heils erworben. Wir verehren diese Geheimnisse im heiligen Rosenkranz der seligen Jungfrau Maria. Lass uns nachahmen, was sie enthalten, und erlangen, was sie verheißen. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn.

Amen.

O Gott, du Schöpfer und Erlöser aller Gläubigen, schenke den Seelen der verstorbenen Christgläubigen Nachlass aller ihrer Sünden, damit sie die heiß ersehnte Verzeihung durch fromme Fürbitten erlangen, der du lebst und herrschest in Ewigkeit.

Amen.

Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.

Und das ewige Licht leuchte ihnen.

Lass sie ruhen in Frieden.

Amen.

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Zum Rosenkranzmonat

 

Wieder ertönt die Stimme unserer heiligen Mutter, der Kirche, das Rosenkranzgebet im Monat Oktober zu pflegen. Seit der unvergessliche Papst Leo XIII. durch Enzykliken den katholischen Erdkreis wiederholt ermahnt, während dem Monat Oktober die Rosenkranzandacht zu beten, nennt der Volksmund den Oktober Rosenkranzmonat. Die Zeiten sind noch immer schwer. Heftiger stürmt Satan mit seinen Getreuen der Welt gegen den Felsen Petri an. Deshalb wünscht der Heilige Vater, dass seine Kinder auch dieses Jahr wieder im Monat Oktober die Rosenkranzkönigin anrufen, zu ihr beten und sie um Fürsprache für die hartbedrängte Kirche bitten, damit der Sieg beschleunigt werde. Für uns liegt eine große Ermunterung dem Ruf der Kirche Folge zu leisten darin, dass die Rosenkranzandacht mit zahlreichen Ablässen ausgezeichnet wurde, die den leidenden Seelen im Fegfeuer zugewendet werden können. Wollen wir den Armen Seelen dieses Almosen vorenthalten?

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Der heilige Dominikus betet

 

Der Apostel des Rosenkranzes

Von Bede Jarrett O.P.

Aus dem Buch: The Life of St. Dominic

1947, Newman Bookshop, Westminster, Md

 

Als der heilige Dominikus den Orden plante, der seinen Namen trägt, hatte er nicht vor, einen bloßen Gelehrten-Orden zu gründen, in dem seine Anhänger die Zeit mit Predigten und Lektüre verbringen sollten. Er wusste, dass das Studium dazu verführen kann, die Gefühlsseite der menschlichen Natur verkümmern zu lassen. In der Literatur wird der Professor für gewöhnlich als ein Typ dargestellt, der alles Gefühl für die Not und Sorge der leidenden Menschheit verloren hat. Man zeichnet ihn als einen Mann, der so in die Vergangenheit, in abstrakte Studien oder in leblose Theorien der Wissenschaft versunken ist, dass er gar nicht merkt, dass die Vergangenheit schon vorbei ist, dass das Leben etwas Wirkliches, dass es lebendig ist.

 

In den Augen des heiligen Dominikus lag die Gefahr für seine Anhänger gerade in diesem Aufgehen im Studium, so dass sie der eigentlichen Arbeit ihres geistlichen Amtes leicht entfremdet werden konnten. Um daher den apostolischen Geist in ihnen lebendig zu erhalten, schärfte der Heilige seinen Predigern ein, das Brevier im Chor zu beten, und legte ihnen Schweige- und Fastengebote, die Vorschriften der Klausur und die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams auf. So paradox es klingen mag: um seine Anhänger zu Aposteln zu machen, machte sie der heilige Dominikus zuerst zu Mönchen, d.h. um sie in die Welt zu schicken, hieß er sie, sich erst aus der Welt zurückzuziehen.

 

Dem ermüdenden Werk der Predigt fügte er die bis ins einzelne gehenden klösterlichen Verpflichtungen hinzu. Vor allem mussten die ganzen Tagesgebete gesungen werden. Vielleicht war es zu seiner Zeit gänzlich unmöglich, dies zu unterlassen, da man sich Mönche, die ihr Brevier privat beten, noch gar nicht vorstellen konnte. Sogar die weltlichen Seelsorgsgeistlichen sollten nach dem kanonischen Recht jener Zeit, soweit als möglich, das liturgische Gebet in einer öffentlichen Feier beten, an der sich die Gläubigen beteiligen konnten und es auch taten. Die Konzile bestanden darauf und ordneten im Besonderen an, dass die Prim und die Komplet zu Pfarreigottesdiensten, zu einer beinahe bindend vorgeschriebenen Form von Morgen- und Abendgebet werden sollten. Der heilige Dominikus hätte auch gar nicht daran gedacht, das Chorgebet aufzugeben, denn er war ein großer Liebhaber des liturgischen Gebetes.

 

Seine Lebensbeschreiber erzählen uns wiederholt von seiner eigenen Art der Andacht. Er hielt, wenn er nur irgendwie konnte, eine gesungene Messe und richtete es auf Reisen so ein, dass er zur Zeit der heiligen Messe in einem Kloster seines eigenen oder eines anderen Ordens war. Wir lesen auch, wie er unzählige Male vor dem Bild des Gekreuzigten eine Kniebeuge machte, ja sich wiederholt davor auf den Boden warf. Das Verbeugen, die Kniebeuge, das Stehen, jede Haltung des Körpers, jede Geste sollte nach seiner Auffassung der rechten Art, mit Gott zu sprechen, angepasst sein. Er betrachtete die Verehrung, die man Gott schuldete, als etwas, was den ganzen Menschen erforderte, etwas, was von jeder Gabe oder Fähigkeit der Seele oder des Körpers geschuldet wird. Hieraus ergibt sich auch die Vorstellung von geschlossenen Mönchsreihen in Chorstühlen, die ihrem Schöpfer lobsingen. Die Gestaltung dieser Feier durch ins Einzelne gehende Vorschriften, wie in der Hofetikette, beschäftigte ihn stets. So lesen wir, dass er seinen Platz im Chor verließ, unter seinen Mitbrüdern auf und ab ging und sie aufforderte: „Fortiter, fratres!“ (Kräftiger, meine Brüder!)

 

Das Chorgebet, wenn es gemessen gesungen wird, macht den Menschen unmerklich ernst und feierlich und gibt Gelegenheit, die Geheimnisse und Worte Gottes länger zu betrachten. Es bietet jene tägliche geistige Nahrung, die heutzutage durch die vorgeschriebene Betrachtung gewonnen werden muss. In jener Zeit aber waren das Chorgebet und das heilige Messopfer für Laien und Klerus die Verwirklichung des vollkommenen geistlichen Lebens. Exerzitien, Betrachtungen und Privatandachten galten nicht viel im Vergleich zu diesem offiziellen Gruß an den Schöpfer.

 

Außer dem Chorgebet, das in größeren Klöstern allgemein gesungen, in kleineren Gemeinschaften aber wegen der geringen Zahl der Teilnehmer nur rezitiert wurde (viele waren zum Predigen oder Almosensammeln abwesend), ordnete der heilige Dominikus noch Fasten und Abtötungen an, was die Predigermönche mit den strengsten Orden der Kirche gleichstellen sollte. Ohne Zweifel war die Berührung des Heiligen und seiner ersten Gefährten mit den Irrlehren in Ost- und Mitteleuropa der Grund, dass sie, soweit es der Glaube erlaubte, zur Ansicht neigten, die materiellen Dinge dieser Welt besäßen eine Neigung zum Bösen. Der heilige Dominikus wollte absichtlich zeigen, dass die Strenge, mit der sich die Irrlehrer mit Recht brüsteten, auch in der katholischen Kirche nicht unbekannt sei. So unterblieb jeder Genuss von Fleisch, Leinenkleider und erst recht Seide waren streng verboten, ausgenommen für die, die von einer der im Mittelalter häufigen Hautkrankheiten befallen waren. Der Schlaf wurde auf die für die menschliche Arbeitskraft unbedingt erforderliche Stundenzahl gekürzt.

 

Und doch klingt in diesem strengen Ideal des Heiligen auch ein lyrischer, heiterer Ton mit. Dominikus bestand auf dem Singen des Chorgebetes, sah aber nicht weniger streng darauf, dass es nicht unwillkürlich verlängert oder so langsam gesungen wurde, dass es die Zeit zum Studium verkürzte. Als man ihm berichtete, dass einige Mitbrüder über die Einhaltung der Regel Skrupel bekämen und sich fürchteten, eine Sünde zu begehen, falls sie die geringste Vorschrift der Ordensregel verletzten, wurde er so gerührt, dass er erklärte, er werde eher mit einem Messer in die Klöster gehen und jedes Exemplar der Regel zerschneiden, als den Menschen ein peinigendes Joch auferlegen. Er erklärte wiederholt, dass er nicht wolle, dass die Regel unter Sünde verpflichte.

 

Die Berichte aus seiner Jugendzeit zeigen uns einen ziemlich zurückhaltenden, ernsten Charakter. Das Universitätsleben ließ ihn sich noch mehr in sich selbst zurückziehen; Bücher waren ihm interessanter als die Gefährten, deren fröhliche Spiele und ausgelassene Vergnügungen er nicht liebte. Der einzige menschliche Zug, der uns aus jener Zeit berichtet wird, war sein Mitgefühl und Erbarmen mit den Leiden und Sorgen des Nächsten. Im Übrigen erscheint er mehr als Forscher denn als Mann des Handelns. Der Friede und die Zurückgezogenheit in Osma, wo er neun Jahre lang weltlicher Domherr war, zeigten ihm, wo sein Heil lag, nämlich im gesungenen Chorgebet, im priesterlichen und sakramentalen Leben, in den Verpflichtungen der Gemeinschaft und im Austausch der Meinungen. Von Natur aus edelmütig veranlagt, zeigte er jetzt noch mehr Menschenliebe und noch tieferes Mitgefühl, wurde umgänglicher und fand heraus, dass diese charakterliche Auflockerung aus dem Gebet in seiner Choral- und öffentlichen Form stammte.

 

Gerade im Gebet lag die Quelle seiner unermüdlichen Kraft, und zugleich vertiefte es auch seine Verbindung mit Gott. Besonders in der mehr persönlichen Art des Gebetes fand er es am natürlichsten, mit Gott zu reden.

 

Aus diesem Grunde hatte das Rosenkranzgebet in ihm seinen eifrigsten Apostel. Sein eigenes persönliches Gebet bestand aus laut gesprochenen Worten der Liebe und Anbetung, vermischt mit Schweigen. Es ging von der Rede zur stillen Betrachtung über. Alle diese Elemente waren im Rosenkranzgebet vereinigt. Es war Betrachtung und Beten zugleich, bestand es doch aus Vaterunsern und Gegrüßet seist du Maria, die man an den Perlen des Rosenkranzes in ihrer Zahl nachprüfte, ein Brauch, der schon älter war als das Christentum und schon vor dessen Zeit in ganz Europa weit verbreitet war. Der heilige Dominikus hat das Rosenkranzgebet nicht erfunden, aber er scheint es besonders verbreitet zu haben. Auf ihn soll nach einer alten Überlieferung die Einteilung des Rosenkranzes in Zehnergruppen, getrennt durch größere Perlen, genannt „Pater noster“, zurückgehen. Unter dem Einfluss seines Ordens verbreitete sich der Gebrauch von Rosenkränzen in der ganzen Christenheit. Seit der Zeit des heiligen Dominikus findet man sie auf Grabsteinen dargestellt und in der religiösen Literatur behandelt.

 

Aber das bloße Hersagen von Gebeten wäre nutzlos, wenn es nicht von dem Bewusstsein der Gegenwart Gottes begleitet wäre. So war es notwendig, die Idee irgendeines Geheimnisses oder einer Szene aus dem Leben unseres Herrn hinzuzufügen und es recht lebhaft vor die Vorstellung treten zu lassen, um das Herz zu Liebe und Verehrung aufzurütteln. Dieses Festlegen bestimmter Geheimnisse und ihrer traditionellen Zahl war zweifellos ein Vorgang, der sich durch Jahrhunderte hinzog. Es waren sorgfältig ausgewählte Stellen aus dem Leben unseres Herrn, wie es in den Evangelien oder der Überlieferung dargestellt wird, und während die Lippen die üblichen Gebete wiederholten, war der Geist umso mehr in der Lage, sich mit der jeweiligen Betrachtungsszene zu beschäftigen und ihre volle Bedeutung zu erfassen. Das Hersagen der Gebete wurde so beinahe zu einer mechanischen Hilfe für die Betrachtung. Der Zweck des Rosenkranzes war es, die Wirkung herbeizuführen, die der heilige Dominikus bei allen Gebeten im Auge hatte, nämlich eine ganz besonders innige Hingabe der menschlichen Seele an die göttliche Person Christi.

 

Schließlich muss noch beachtet werden, dass das Rosenkranzgebet die Möglichkeit jeder Pause und jenes Schweigens gibt, das der heilige Dominikus als wesentlich für das Gebet ansah. Er war der einfachste aller Heiligen in seinem Gebetsleben, weder durch seine geistige Tätigkeit noch durch die Arbeit des Predigens mit ihrer unaufhörlichen Beanspruchung aller Kräfte beschwert. Die Übung des Gebetes sollte nach seiner Auffassung nie so angesehen werden, als ob sie auf den Menschen allein beschränkt sei, als ob der Mensch allein der tätige Teilnehmer sei. Es sollte immer die Vorstellung der stillen Gegenwart Gottes einschließen.

 

Je tiefer unsere Gefühle sind, desto weniger reden wir davon. Leichte und oberflächliche Naturen aber fließen in dauerndem Reden über, wollen immer wieder etwas zur Erklärung ihrer Gefühle sagen. Werden tiefere Gemüter bewegt und aufgerüttelt, so finden sie, dass das Schweigen der Verwunderung allein ihrer Art entspricht. „Ich wäre sehr wenig glücklich, wenn ich sagen könnte, wie sehr ich es bin.“ Drückt Shakespeare diese Wahrheit aus. Aus diesem Grund fügt der heilige Dominikus zum einfachsten Gebet die Übung des Schweigens.

 

„Leeres Wiederholen“ lautete das offizielle Urteil der Reformatoren zur Zeit Königin Elisabeths. Und doch heißt es von Christus, dass er als er in tiefster Todesangst zu seinem Vater aufschrie, während ihm der Schweiß ausbrach und er zu Boden fiel, „zum dritten Mal die nämlichen Worte sprach“ (Mt 26,44). Wenn seine Seele in ihrem furchtbarsten Augenblick dies als das beste fand, können dann weniger vollkommene Seelen getadelt werden, wenn sie seinem Beispiel folgen? Schließlich schließt gerade die stetige Wiederholung von eintönig gesprochenen Worten die Sinne gegen die Umwelt ab und eröffnet der Seele ein Verständnis für andere und höhere Welten.

 

Alles, was dabei helfen konnte, wurde begierig verwendet: mündliches Gebet, Gesten und Rosenkranzperlen. Als der Heilige schließlich herausfand, dass eine Unterhaltung abwechselnd aus Sprechen und Schweigen bestehe und ein Lobchor am leichtesten durch die Andacht zu dem im Sakrament des Altars gegenwärtigen Gott erreicht werden könnte, war es der Altar, den er in den Mittelpunkt seiner Gebetsanweisungen stellte. Das Heilige Messopfer wurde der höchste Ausdruck des Gebetes und das Kruzifix seine vertrauteste Darstellung. Die Evangelien aber beschreiben in der wundervollsten Weise das vollkommenste Leben und die vollkommenste Gestalt und zeigen vor einem Hintergrund von Hügeln und Seen, Feldern, Dörfern und Städten die Gestalt des göttlichen Stifters. So wurde die Heilige Messe der Gegenstand der besonderen Andacht des hl. Dominikus, das Kruzifix sein täglicher Gefährte, sein „immer aufgeschlagenes Buch und sein liebstes Studium das Neue Testament. Er trug es immer bei sich, lernte es auswendig und machte es zum Lehrbuch seines Lebens. „Er sprach nur von und zu Gott“, sagte ein Nachfolger des hl. Dominikus. Wir können es fühlen, dass er dies ganz natürlich tat, weil Gott der Mittelpunkt seiner Tagesarbeit und seines nächtlichen Wachens war.

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Der Rosenkranz, ein Rettungsmittel in den Gefahren unserer Zeit

 

Von: F. Sandholzer, Pfarrer

Aus: Der Armen-Seelen-Freund

Heft 1-7, Oktober 1911 bis April 1912, 16. Jahrgang

 

Zwei Opferaltäre schauen wir am ersten, am blutigen Karfreitag auf der Schädelstätte. Der Leidenszug ist auf der Höhe des Kalvarienberges angelangt, die Kriegsknechte bereiten die Mordwerkzeuge: Hammer, Nägel und Stricke. Jesus wird herbeigeführt, nachdem man die an seinem ganz mit Wunden bedeckten Leib angeklebten Kleider gewaltsam herabgerissen hat. Im Gehorsam legt er sich auf diesen Altar, um sich mit den schärfsten Nägeln an ihn heften zu lassen. Es ertönt Schlag auf Schlag, hoch auf spritzt das göttliche Blut und rötet die Arme der Peiniger. Diese heben und ziehen das Kreuz und seine Last in die Höhe, bis sein Fuß mit erschütterndem Stoß in die Tiefe fährt. Der Altar ist aufgerichtet, auf ihm liegt das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sündenschuld und Sündenschmach der Welt. Auch der hohepriesterliche Schmuck fehlt nicht, seine Mitra ist die Dornenkrone, sein hohepriesterliches Gewand die Purpurfarbe der Wunden und des herabströmenden Blutes. Sterbend erhebt der Heiland nochmals die Augen zum Himmel und ruft das große Wort der Erlösung: „Es ist vollbracht!“ Überwunden sind Sünde und Hölle, geöffnet die Pforten des Himmels! Vor diesem Kreuzaltar lasst uns oftmals niederfallen und in Dankbarkeit geloben: Jesus, Dir wollen wir leben! Jesus, Dir wollen wir sterben! Jesus, Dein wollen wir sein und bleiben für immer!

 

Einen zweiten Altar findet ihr auf Golgatha. Ihr kennt wohl alle das Vesperbild: die schmerzhafte Mutter mit dem von der Fußsohle bis zum Scheitel verwundeten und zerrissenen Leichnam Jesu auf dem Schoß! In diesem Augenblick hat sich erfüllt die Weissagung Simeons: „Deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen!“ erfüllt das Wort des Propheten: „Groß wie das Meer ist dein Schmerz! Endlos, grundlos, uferlos wie das Meer!“ Doch auch Maria opfert ihren göttlichen Sohn als Lösepreis für die Sünden der Welt. Wie bei der Verkündigung des Engels spricht sie auch am Fuß des Kreuzes: „Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn!“ In dieser Hinsicht nennt sie der heilige Epiphanius, einer der ältesten Väter, den St. Augustin als einen bewunderungswürdigen, mit dem Geist Gottes erfüllten Lehrer rühmt, Priesterin und Altar. Und der heilige Germanus, Patriarch von Konstantinopel, ruft ihr zu: „Sei gegrüßt, heiliger Gottesthron, Schatzkammer des Himmels, Versöhnungsaltar der Welt!“ Von der Krippe bis zum Kreuz findet ihr Jesus und Maria beisammen. Was aber Gott verbunden hat, dürfen wir nicht auseinander trennen. Mit vollem Recht konnte ein Prediger jenen Tausenden von Männern aus Wien, die gemeinsam nach Maria-Zell gepilgert, das Wort zurufen: „Ein Volk, das Christum wieder findet, findet auch seine Mutter wieder!“

 

Auf die 12. Station: „Jesus erhöht am Kreuz“ folgt die 13. „Jesus im Schoß seiner Mutter“, so ist es im Kreuzweg, so sei es auch in unserem Leben! Nach Jesus schulden wir unseren glühendsten Dank, unseren treuesten Dienst Mariä. Um eure Andacht und Liebe zur Gottesmutter in euch immer mehr zu befestigen, möchte ich hinweisen auf die vorzüglichste aller Marianischen Andachtsübungen, auf den heiligen Rosenkranz. Er war stets ein Hilfsmittel in aller Not, er ist auch ein Rettungsmittel in den Gefahren unserer Zeit! Zu Maria aber flehen wir in Demut:

 

Mutter der Barmherzigkeit,

Zuflucht aller Sünder,

Helferin der Christenheit,

Segne deine Kinder!

 

Eine „göttliche Andacht“ nennt der große Bischof von Mailand, der heilige Karl Borromäus, den Rosenkranz. Ein wahres Wort, denn der Rosenkranz hat seinen Ursprung im Himmel. In jenem glückseligsten aller Augenblicke, in welchem der Erzengel im Namen der anbetungswürdigen Dreieinigkeit der seligsten Jungfrau zurief: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“ hat auch der Rosenkranz begonnen. Alle Engel Gottes, alle Heerscharen des Himmels stimmten ein in den Gruß Gabriels: Ave Maria! Doch auch die Art und Weise des Rosenkranzes, wie jetzt wir ihn beten, verdanken wir nicht dem Scharfsinn eines Gelehrten, nicht dem Eifer eines Missionars, nicht der Anordnung eines Papstes, sondern dem Eingreifen des Himmels, der Güte der seligsten Jungfrau. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts verbreiteten die Sekten der Albigenser und Waldenser in vielen Gegenden die fürchterlichste Verheerung; sie waren die grimmigsten Feinde der Kirche wie des Staates, ihre Lehre ein Gemisch abscheulicher Irrtümer. Mit Feuer und Schwert durchstreiften sie die Länder, plünderten die Kirchen, mordeten die Priester, traten das Allerheiligste mit Füßen. Vergeblich suchte der heilige Dominikus, vergeblich suchten tausend andere Missionare dem Strom des Verderbens, der Ausbreitung der Irrlehre einen Damm entgegenzusetzen. Von der Not der Christenheit aufs schmerzlichste gerührt, wandte sich Dominikus in immer heißeren Gebeten an die Mutter der Barmherzigkeit. Und siehe! Die Himmelskönigin neigte sich nieder zu ihrem frommen Diener und offenbarte ihm die Andacht des Rosenkranzes als die wirksamste Waffe, die Irrlehre zu vertilgen, das Laster auszurotten, den Eifer zu entflammen, die Erbarmungen des Herrn herabzurufen. Wunderbar war der Erfolg der ersten Rosenkranzpredigten des heiligen Dominikus und seiner Gefährten. Hunderttausende von Irrgläubigen söhnten sich aus mit der Kirche, eine zahllose Menge der verstocktesten Sünder bekehrten sich. So ist schon die erste Wirkung dieses Gebetes ein augenscheinlicher Beweis, dass es nicht ohne Hilfe des Himmels eingeführt worden ist.

 

Vom Himmel kommt und des Himmels würdig ist auch der Inhalt des Rosenkranzes. Wir beten das Apostolische Glaubensbekenntnis, für das das Märtyrerblut in Strömen geflossen ist, in dem Millionen und Milliarden ihr Heil und ihre Seligkeit gefunden haben. Es folgt das „Vaterunser“, das nicht einer der Cherubim oder Seraphim, das der ewige Gottessohn uns gelehrt hat. Er war der erste, der es gebetet hat. Und die Völker aller Sprachen und Farben wiederholen es viel millionenmalig jeden Tag und jede Nacht, und werden es wiederholen bis zum Ende der Welt. St. Augustin nennt es einen Ozean, dessen Schätze nie erschöpft werden können. Enthalten nicht schon die beiden Worte „Vater unser“ das ganze Christentum, die beiden Hauptgebote der Gottesliebe und Nächstenliebe? Erhebt uns nicht schon die Vorrede dieses Gebetes über die Sterne des Himmels, hinauf zum Thron Gottes, des Allerhöchsten? Daran schließt sich das Ave Maria an. Ist nicht Gott selbst der Verfasser? Solange die Christenheit ihres Erlösers nicht vergessen wird – und sie kann seiner nicht vergessen –, wird auch dieser Gruß des Engels den freudigsten Widerhall finden in den Herzen aller Gläubigen. Ein Volk ruft dem andern, ein Jahrhundert dem andern zu: Ave Maria! Sobald der Morgen graut, mahnen dich viele Glocken, zu beten: Ave Maria! Wenn die Sonne im vollen Glanz über deinem Haupt schwebt, so fordern dieselben Stimmen dich wieder auf, des großen Geheimnisses zu gedenken. Und wenn das Abendrot schwindet von den Bergen und die Nacht sich lagert mit ihren schimmernden Sternen über die Erde, ertönt nochmals die Glocke und bei des Tages Schluss sei dies dein letzter Gruß: Gegrüßet seist du, Maria! Seit den ältesten Zeiten wird das Ave mit einem Bittgebet geschlossen. Im Jahr 431 lehrte Nestorius, Patriarch von Konstantinopel, es sei nicht erlaubt, Maria Gottesgebärerin zu nennen. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die christliche Welt. Zweihundert Bischöfe versammelten sich zu Ephesus am 22. Juni. Den ganzen Tag stand das gläubige Volk vor dem Portal der Kirche. Es war bereits Nacht, als Cyrillus feierlich das Verdammungsurteil der neuen Irrlehre verkündete. In lauten Jubel brach die Menge aus, wie Engel vom Himmel gesandt wurden die Bischöfe begrüßt, Freudenfeuer wurden angezündet, alle Straßen ertönten vom Preis der seligsten Jungfrau! Von diesem Tag an sind dem Englischen Gruß die Worte beigesetzt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!“ Gewiss ein Gebet voll der Demut, voll des Glaubens und des Vertrauens!

 

Als die schönsten Blumen flechten wir in diesen Kranz die fünfzehn Geheimnisse im freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranz. Das ganze Werk der Erlösung, das Leben Jesu von jenem Augenblick, in dem er den Himmel verlassen, bis zum Augenblick, in welchem er aufgefahren in denselben, wird uns vorgeführt; das sind fünf Rosen schneeweiß, fünf Rosen blutrot, fünf Rosen goldstrahlend; das sind Geheimnisse, die nicht in Jahrtausenden, die nicht in Ewigkeit ausgedacht werden können! Wenn wir jeden Absatz mit dem Lobspruch schließen: „Die Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist!“ so ist das ein Gebet, das wir den Engeln abgelauscht haben, die Gott immerdar preisen: „Heilig, heilig, heilig bist Du, o Herr, der Heerscharen!“ Und dieser Rosenkranz soll, wie die Spötter sagen, ein langweiliges, geisttötendes Gebet, er soll ein sinnloses Herunterleiern, ein mechanisches Herplappern sein? Was der Edelstein ist für den Ring, was die Blumen sind für den Garten, die Sterne für den Himmel, das sind die Geheimnisse des Rosenkranzes für unsere Betrachtung. Es soll mir irgendeiner sagen, was an dieser Andacht nicht ehrwürdig, heilig, göttlich ist. Doch ich weiß es, es ist die oftmalige Wiederholung, die vielen missfällt. Hat der Heiland selbst nicht dreimal die Bitte am Ölberg wiederholt: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Kehrt nicht 27-mal im 135. Psalm der Vers wieder: In aeternum misericordia ejus, „In Ewigkeit währt seine Barmherzigkeit?“ 30-mal rufen die drei Jünglinge in Babylons Feuerofen: Benedicite! „Preiset den Herrn!“ Der schmerzgequälte Kranke wiederholt seinen Klageruf und der Bettler am Weg seine Bitte; selbst der leichtfertige Mensch singt sein unflätiges Lied und singt es immer wieder! Und wenn nun wir in unserer Armut, im Gefühl unserer Unwürdigkeit, unseres Sündenelends unsere Bitte erneuern –ist das tadelnswert? Wer ärgert sich darüber, dass er tausendmal dasselbe Blatt sieht auf dem Baum, dieselbe Blume auf der Au, dieselbe Ähre auf dem Saatfeld? Und wenn vielleicht millionenmalig jede Stunde der allerheiligste Name Gottes fluchend und lästernd missbraucht wird, ist es dann nicht ein Akt der Sühne, wenn wir zehnmal bei jedem Rosenkranzgeheimnis voll Ehrfurcht nennen den Namen Jesus? Eine Menge von Andachten schließt der Rosenkranz in sich; du verehrst in ihm die Kindheit Jesu, sein bitteres Leiden und Sterben, seine heiligen fünf Wunden; du gedenkst in ihm der sieben Schmerzen und Freuden Mariä wie des heiligen Joseph; er ist die schönste Andachtsübung zur Erlangung einer glückseligen Sterbestunde. Wenn in dieser gottentfremdeten Zeit die Andacht zum göttlichen Herzen Jesu uns zur Nachfolge seiner Tugenden einladet (Matthäus 11), wenn bei der jetzigen Zersplitterung und Selbstsucht die Liebesstrahlen aller Herzen sich sammeln sollen in dem einen Brennpunkt desjenigen Herzens, das mit ewiger Liebe uns geliebt, ist dann der Rosenkranz nicht eine wahre Hochschule des göttlichen Herzens? Mit der Verehrung des Herzens Jesu verbunden ist das Gebetsapostolat: ein Apostelamt durch das Gebet; der allerälteste und bis weitaus größte Verein zu diesem Zweck ist die Rosenkranzbruderschaft. Wie zur Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden ist der Rosenkranz dir ein Mittel zur Erlösung der armen Seelen; wir beten in ihm: „Bitte für uns arme Sünder“. Das Wörtlein „uns“ bezieht sich auf die ganz streitende und leidende Kirche, auf alle, die noch Sünder sind, die noch Sünden-Schuld und Sünden-Strafe auf sich geladen haben. Sehr passend lässt die Rosenkranz-Andacht sich vereinigen mit der Heiligen Messe; wie sie ein vierfaches Opfer ist, ein Lob- und Dank- und Sühn- und Bittopfer, so ist auch der Rosenkranz ein Lob- Dank- Sühn- und Bittgebet. Er passt zum feierlichen Amt wie zur Totenmesse, zum Fronleichnamsfest wie zum Leichenbegängnis; er passt zum tiefsten Schmerz, zu banger Klage, zur größten Freude. So oft du den Rosenkranz betest, machst du im Geist eine Wallfahrt nach Nazareth und Betlehem, zum heiligen Haus nach Loretto, zum Grab Christi nach Jerusalem, und heiliger und Ehrwürdiger sind keine Stätten auf Erden, wo auch die Sonne sich neigt, wo aus den Fluten sie steigt. Das ganze Kirchenjahr: die selige Weihnachtszeit mit dem Gloria der Engel, die Karwoche mit ihren Trauergesängen, der Ostertag mit seinem Halleluja kehren wieder im Rosenkranz; in einer kurzen Viertelstunde feierst du in ihm die schönsten Feste des Herrn und der seligsten Jungfrau. Wir dürfen also darüber nicht staunen, dass diese Gebetsform so beliebt und verbreitet ist. So manche Kapelle scheint nur dazu gebaut zu sein, als Versammlungsort zu dienen, in dem die zerstreut umherwohnenden Nachbarn ihren Psalter beten. In manch stolzer Kathedrale beginnt der Rosenkranz, wenn der priesterliche Chorgesang verklungen ist. Begegnest du einer Schar frommer Pilger, so hörst du von weiter Ferne ihr Ave; und gehst du in der Dämmerung des Feierabends durch eine christliche Gemeinde, so dringen dir aus manchem Haus die Klänge des Rosenkranzes entgegen, die hellen, reinen Kinderstimmen und der tiefe Chor der müden Arbeiter. Der Rosenkranz ist die Freude der Kinder Mariä wie die Zuflucht des armen Sünders. Wenn der junge Mann und die junge Frau an den Altar treten, um Gottes Segen zu erbitten für das eheliche Bündnis, so tragen sie den Rosenkranz.

 

Der Rosenkranz ist die Hoffnung des Schiffers auf dem Meer in brausendem Sturm; die Bergknappen beten ihn, ehe sie hinabsteigen in die gefahrvollen Tiefen. Um des Senners, um des frommen Hirten Hände schlingt sich der Rosenkranz auf hoher Alm; allein auf weiter Flur hält er seinen Gottesdienst, betet er seinen Rosenkranz. Das ist der Tag des Herrn! Die Barmherzige Schwester im Spital, die die ekelhaftesten Kranken pflegen, so oft das Röcheln der Sterbenden hören muss, schöpft im Rosenkranz ihren Heldenmut. Wenn der katholische Soldat auszieht zum Streit, dann ruht der Rosenkranz in seinem Tornister; ein Geistlicher, der den deutsch-französischen Krieg mitgemacht und Tausenden von verwundeten Soldaten beigestanden ist, berichtet, dass diese Tag und Nacht den Rosenkranz in den Händen hielten und ihn mit einem Eifer beteten, der ihn bis zu Tränen rührte. Wenn auch Du fern von Deiner Heimat sterben müsstest – wäre es auf der ödesten, entlegensten Insel des Ozeans – so lang du den Rosenkranz betest, bist du nicht einsam und verlassen, Maria, deine Mutter, ist bei dir und mit dir. Nimm überall deinen Rosenkranz mit, er ist ja ein Buch, ganz klein und doch sehr inhaltsreich; selbst der Blinde kann in diesem Buch lesen. Wenn einzelne von diesem Gebet nichts wissen wollen, so hat auch dies seine Gründe; der Rosenkranz ist ein katholisches Glaubensbekenntnis, darum verhasst von den Glaubensleeren und Glaubensfeinden; er ist ein gar demütiges Gebet, darum sagt er hochmütigen Geistern nicht zu; er ist ein anhaltendes Gebet, darum sind ihm leichtfertige, zerstreuungssüchtige Herzen nicht hold. Unzählige Männer und Frauen, deren Namen glänzen in der Weltgeschichte, haben diese so erhabene und doch so demütige Gebetsweise hochgeschätzt und fleißig geübt. Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne niemals unterging, ließ sich durch die wichtigsten Staatsgeschäfte nicht abhalten von seinem täglichen Rosenkranz. Tilly, der Sieger in hundert Schlachten, konnte von drei Dingen nie sich trennen: vom Schwert, vom Kruzifix und vom Rosenkranz.

 

Und als zu Rain im Waffentanz

Die Kugel kam geflogen,

Da ist mit Kreuz und Rosenkranz

Der Held zu Gott gezogen.

 

Wenn Prinz Eugenius, der edle Ritter, abends durch das Lager ging und den Rosenkranz betete, so wussten seine Soldaten, was das zu bedeuten hatte und sagten sich: Morgen wird es wieder einen heißen Tag geben! Auch Radetzky, der nie besiegte Feldherr, war ein Rosenkranz-General. Während einer Dienstzeit von 73 Jahren hat er 17 Feldzüge mitgemacht. Noch mit 83 Jahren stellt er sich 1849 an die Spitze der Armee und schlägt den 21. März den Feind bei Vigevano, am 22. bei Mortara und am 23. bei Novara so entschieden, dass Karl Albert seine Krone niederlegen musste. Drei Tage, drei Schlachten, drei Siege und Piemont lag Österreich zu Füßen! Als er vor der Schlacht bei Novara zu Pferd steigen wollte, suchte er ängstlich am Boden nach einem verlorenen Gegenstand, es war sein Rosenkranz. Ihr habt oft gehört von O`Conell, der es als seine Lebensaufgabe betrachtete, sein Vaterland aus einem der Sklaverei ähnlichen Zustand zu befreien, die Ketten zu sprengen, womit England die sieben Millionen katholischer Irländer gefesselt hielt. Nach jener berühmten Rede, die den Katholiken die Pforten des Parlamentes öffnete, zog er sich in eine Ecke des Saales zurück und betete den Rosenkranz. Werden nicht die Katholiken Deutschlands, ja der ganzen Welt stets in unvergänglicher Dankbarkeit nennen die Namen ihrer großen Vorkämpfer in schwerer Zeit: Mallinckrodt und Windthorst. Sie haben nicht Länder erobert, nicht Nationen aneinander gehetzt zu Blut und Mord: nein! sie haben gekämpft für die höchsten und heiligsten Güter der Menschheit, für die Erhaltung der Kirche, für das Recht, die Wahrheit und Freiheit. Was sie errungen, haben sie nicht allein für die Katholiken in Deutschland errungen, sondern der Segen, der von diesen Erfolgen ausfloss, hat sich ergossen über alle Katholiken des Erdkreises, sie alle mahnend und spornend zur Ausdauer in ähnlichem Ringen wider Unrecht und Gewalt. Auch diese Führer im geistigen Kampf waren Rosenkranz-Feldherren. Im Hause Mallinchrodts wurde in der Fastenzeit und im Maimonat täglich dies Gebet verrichtet. Windthorst war nicht nur ein Rosenkranzbeter, sondern auch ein Rosenkranzprediger; wie ein Missionar empfahl er diese Andacht auf den General-Versammlungen der deutschen Katholiken; in der von ihm errichteten Marien-Kirche in Hannover findet sich eine Rosenkranz-Gruppe, so schön, wie vielleicht kaum irgendwo weit und breit. Wer wagt es, solche Männer zu verspotten? Der französische Arzt Recamier ließ den Rosenkranz durch seine Finger gleiten, wenn er zu den Kranken fuhr, und doch sagt ein Freidenker von ihm, er sei die höchste Autorität in der Heilkunde, sein Ruf erfüllte Europa. Ich darf nicht schließen, ohne der berühmtesten Tonkünstler zu gedenken! Mozart hat weder im höchsten Unglück noch im vollen Glück des Rosenkranzes vergessen. Wer kennt nicht die Meisterwerke von Haydn? In unvergleichlichen Tönen hat er die Schöpfung der Welt, die sieben Worte Christi am Kreuz, die vier Jahreszeiten verherrlicht; stieß er auf Schwierigkeiten, so griff er zu seinem Rosenkranz. Christoph Gluck erhielt bei den Franziskanern den ersten Unterricht im Gesang. Von einem Bruder des Klosters erhielt er einst einen Rosenkranz mit der Mahnung: „Das ist alles, was ich dir geben kann, halte stets in Ehren den Rosenkranz und du wirst groß werden vor den Menschen und einst würdig der himmlischen Gesänge.“ Dies Wort war auch nicht vergeblich gesprochen; Gluck nannte den Rosenkranz sein Brevier.

 

Wie sehr steigt unsere Hochachtung vor dem Rosenkranz-Gebet, wenn wir der großartigen Wirkungen gedenken, die es hervorgebracht hat. Zahllos wie die Sterne des Himmels sind die Wunder, die der Rosenkranz gewirkt in Bedrängnissen einzelner wie ganzer Völker und Weltteile, in Gefahren des Heils wie in irdischen Nöten. Der Rosenkranz ist die Waffe der Kirche gegen ihre inneren und äußeren Feinde. Es war im Jahr 1571, als der wilde und grausame Selim an der Spitze eines furchtbaren und durch die errungenen Siege übermütig gewordenen Türkenheeres sich anschickte, in Europa einzudringen, um es in seiner ganzen Ausdehnung zu überschwemmen. Aber der Papst jener Zeit war ein würdiger Sohn des hl. Dominikus, der hl. Pius V. Er greift nach der unscheinbaren Waffe des heiligen Rosenkranzes. Er betete ihn mit aller Inbrunst des Herzens und des Geistes, wie nur immer ein Heiliger beten kann, und lässt ihn von allen Bruderschaften in Rom und in den übrigen christlichen Städten beten – und erlangte am ersten Sonntag des Oktobers 1571 jenen denkwürdigen Sieg, der ganz Europa den Glauben und die christliche Zivilisation vor dem barbarischen Joch des Halbmondes rettete. Der Papst sandte vor der Schlacht dem Großadmiral Johann von Österreich eine geweihte Fahne mit dem Bild der Gottesmutter und einen Rosenkranz; dieser wurde befestigt an der Flagge des Admiralschiffes. Hundert Jahre später nahm Sultan Soliman den Plan wieder auf, den christlichen Namen auf dem ganzen Erdboden wieder auszurotten. Zunächst sollte Wien fallen, die Vormauer Deutschlands; Wien sollte zu einer Türkenstadt, St. Stephan zu einer Moschee werden. Alles war in äußerster Angst, als ein ungeheures Türkenheer gegen Wien heranrückte. Wieder nahm man seine Zuflucht zu Maria, und die Rosenkranz-Bruderschaft hielt ihre Andachten und Prozessionen. Da kam zur rechten Zeit der Polenkönig Sobieski. Unter Anrufung der Himmelskönigin, unter dem Kriegsgeschrei „Maria!“ – griff er an und schlug das ungeheuer überlegene Türkenheer dergestalt in die Flucht, dass in wenigen Stunden das ganze Heer zerstreut und das Schlachtfeld mit Toten bedeckt war. Sobieski zog triumphierend in Wien ein, sein erster Gang war in die Augustiner-Kirche; dort legte er den Lorbeerkranz zu den Füßen der Marienstatue nieder, den die dankbaren Wiener ihm überreicht hatten. Stets trug Sobieski seinen Rosenkranz; dieser war 1883 bei der Ausstellung zum zweihundertjährigen Jubiläumsfest dieses Sieges zu sehen.

 

Zum dritten Mal wurde der Rosenkranz 1716 zum Schrecken der Türken; sie wurden geschlagen am Fest Mariä Schnee bei Peterwardein, während der Oktav von Mariä Himmelfahrt bei Korfu. Diese beiden Siege, durch die die Macht der Türken für immer gebrochen wurde, wurden allgemein der Fürbitte der Rosenkranzkönigin zugeschrieben. Zur dankbaren Erinnerung verordnete Papst Klemens XI., dass in Zukunft das Rosenkranzfest in allen Kirchen der Christenheit gefeiert werden solle. In dankbarer Gesinnung hat der Senat von Venedig feierlich erklärt: Non duces, non vires, non arma, sed Regina Rosarii fecit nos victores, „Nicht unser Führer, nicht unsere Macht, nicht unsere Waffen, sondern die Königin des Rosenkranzes machte uns zu Siegern!“ Unzählige Mal wiederholte sich diese Tatsache im 30jährigen Krieg; die katholischen Städte und Länder mussten fort und fort gegen vielfach überlegene Feinde kämpfen, gegen Deutsche, Dänen, Schweden und Franzosen. – Ein Übel entsetzlicher als der Krieg ist die Pest, die Hunderttausende hinweggerafft hatte; furchtbar litt durch sie die Stadt Pavia; doch an dem Tag, da gelobt wurde, eine Rosenkranz-Kapelle zu errichten, hörte die Pest auf. So wundervoll vertrieb der Rosenkranz die Pest zu Wien 1713, zu Paris 1748, zu Bologna 1630, zu Neapel 1656, zu Lissabon 1564.

 

Doch viel zahlreicher und großartiger sind die Wunder, die der Rosenkranz wirkt, wenn es sich um die Rettung der unsterblichen Seelen handelt. Wie viele Sünder sind durch ihn bekehrt worden, wie viele Ungläubige haben durch ihn die Gnade des Glaubens erlangt! Das Eichsfelder Volksblatt (1885, Nr. 52) berichtet von dem Sohn eines reichen Hauses, der bald nach dem Tod seiner Eltern auf die schlimmsten Abwege gekommen ist; doch seine fromme Schwester besuchte täglich eine Kapelle, die unweit der Stadt gelegen war, und empfahl dort ihren immer tiefer sinkenden Bruder der Mutter aller Gnade. 15 Jahre gingen vorüber, 15 Jahre der Sünde. Doch seine Schwester wankte nicht in ihrem Vertrauen. „Es ist nicht möglich,“ sagte sie, „Maria verlässt mich nicht.“ Aus dem Abgrund der Lasterhaftigkeit fiel ihr Bruder in den Abgrund der Verzweiflung. Eines Morgens war er daran, sich durch einen Sturz in den Fluss das Leben zu nehmen; schon erfasste er das Geländer, schon erhebt er den einen Fuß, da stößt er mit dem andern an etwas: es ist ein Rosenkranz; wie ein Blitz die finstere Nacht erleuchtet, durchzuckt der Gedanke seine Seele: Was wäre aus dir geworden im nächsten Augenblick? Er erkennt Gottes Gnadenruf, er ergreift diesen Rosenkranz, er beginnt das erste Mal zu beten nach langer Zeit und betend kommt er zu der Kapelle vor der Stadt, in der seine Schwester so manchen Rosenkranz für ihn gebetet hat, wohin sie auch heute beim ersten Morgengrauen geeilt war.

 

Wie groß war die Freude ihres Herzens, als sie ihren Bruder bitterlich weinend niedersinken sah vor dem Bild der Gottesmutter, der Zuflucht aller Sünder, der Hoffnung der Verzweifelten! „Nein, o Mutter, weit und breit schallt es durch deiner Kinder Mitte, dass Maria eine Bitte nicht gewährt, ist unerhört, unerhört in Ewigkeit!“ Vernehmt ein Beispiel, wie der Rosenkranz selbst die verstocktesten Sünderherzen überwindet. Im Gefängnis von Toulon hatte ein Galeerensträfling seinen Aufseher erstochen; das Todesurteil sollte in wenigen Stunden vollstreckt werden. Von unversöhnlichem Hass gegen die Religion erfüllt empfängt er den Priester unter Flüchen und Lästerungen, wie er sie nie gehört hatte. Die mildesten Worte, die ernstesten Ermahnungen waren vergeblich. Das Schafott steht schon aufgerichtet, man zählt nur mehr wenige Minuten bis zum Augenblick der Exekution. Den schrecklich brüllenden und vor Wut und Verzweiflung schäumenden Sträfling muss man knebeln und fesseln. Nochmals erscheint der Gefängnisgeistliche und vertrauend auf die seligste Jungfrau wirft er einen Rosenkranz um den Hals des Unglücklichen; und, o Wunder der Gnade! in diesem Augenblick ist der Löwe bezähmt, er fleht um Verzeihung, empfängt die Sakramente und stirbt voll Reue und Zerknirschung. Die übrigen Sträflinge des Zuchthauses waren durch diesen wunderbaren Beweis der Barmherzigkeit so sehr gerührt, dass sie ein eigenes Fest feierten zu Ehren der seligsten Jungfrau. Ein unvergleichlich schöneres Fest feierten die Engel des Himmels, die nach dem Wort des Evangeliums ein Freudenfest begehen über die Bekehrung jedes Sünders, ein umso größeres Freudenfest, je tiefer der Sünder gefallen, je geringer die Hoffnung auf seine Rettung gewesen ist. Wenn die heilige Kirche von Maria, ihrer Schutzherrin, erklärt: Tot sunt tibi dotes, quot sidera coelis, „Unzählbar sind deine Herrlichkeiten wie die Sterne des Himmels“, so dürfen wir mit demselben Recht ihr zurufen: „Unzählbar sind auch die Wunder deiner Barmherzigkeit! Du bist die Mutter der Barmherzigkeit! Ewig wollen wir preisen deine Barmherzigkeit!“

 

Der Rosenkranz ist auch oft der Vermittler gewesen für die Gnade des Glaubens. In der Propaganda zu Rom, in der Glaubensboten für die heidnischen Völker herangebildet werden, sammelten sich öfters die Zöglinge um einen greisen Missionar. Einmal zog dieser einen schlichten Rosenkranz hervor und sprach bewegt: „Dem Rosenkranz verdanke ich alles Glück meines Lebens. Meine Heimat ist in der Nähe der Stadt Damaskus. Meine Eltern gehörten dem Judentum an. Ich zählte ungefähr 15 Jahre, als eines Abends ein alter von Krankheit gebeugter Wanderer an unsere Behausung pochte und um Aufnahme bat, die wir ihm auch nicht versagten. Viele Stunden brachte ich an seinem Lager zu; vor seinem Tod offenbarte er mir, dass er ein Missionspriester sei, und bot mir diesen Rosenkranz, sein letztes und teuerstes Eigentum. Unwillig trat ich zurück, doch der Sterbende sprach voll Ernst: Diejenige, die durch ihn verehrt wird, ist die größte Tochter deines Volkes. In allen Gefahren deines Lebens wende dich an sie, sie wird gewiss dir helfen. Sie hat mir auch geholfen, darum bin ich Christ und Missionar geworden“, schloss Pater Vitalis. Für viel tausende andere ist der Rosenkranz zu dem Stern geworden, der sie wie einst die Könige des Morgenlandes zur Krippe des Heilands führte. Ihr ruft in der Litanei Maria an als den Morgenstern. Ein Morgenstern ist auch der Rosenkranz, es verschwindet immer mehr die Nacht des Unglaubens, des Irrglaubens und des Glaubenszweifels, die Sonne der Wahrheit und der Gnade geht auf. Vor nicht langer Zeit äußerte sich ein Herr zu einem ihm befreundeten Priester: Ich möchte gern glauben, doch es ist mir unmöglich! Der entgegnete ruhig: Beten Sie den Rosenkranz und Sie werden glauben! Scheinbar ein sonderbares Mittel, doch es hat geholfen und wird wieder helfen. Denn eben im Rosenkranz schauen wir die Lehren des Glaubens, die Wunder des Glaubens, die Beweise des Glaubens, den Trost und Segen des Glaubens. Der Rosenkranz ist also ein höchst passendes Gebet für unsere Zeit der Glaubensgleichgültigkeit und Glaubenslosigkeit. Was das Öl ist für das Licht, ist das Gebet, besonders auch der Rosenkranz, für den Glauben. Die auffallenden Rosenkranz-Wunder unserer Zeit (denken wir an Lourdes, Valle di Pompeji usw.) sind ebenso viele göttliche Zeugnisse für den Glauben. Statt tausenden will ich eines erwähnen. Am 14. Juni 1891 ereignete sich in Mönchenstein in der Schweiz, wo gerade ein Sängerfest stattfand, ein entsetzliches Eisenbahnunglück. In erschütterten Versen führt es uns der Dichter von Bern vor:

 

Hinaus, hinaus nach Mönchenstein

Zum Sängerfest wallt groß und klein.

Der Sonntag zog herauf mit Pracht,

Im Perlentau der Morgen lacht.

Am Himmel hoch die Sonne stund,

Noch immer wächst der Sängerbund.

Sie singen von Lenz und Jugendmut, -

O singt von Leid und Not und Blut!

Heraus, heraus, du Sängerschar,

Vom Lorbeerkranz zur Totenbahr´!

Die Brücke stürzt, es stürzt der Zug,

Der ganze Zug im Windesflug.

Der Bogen kracht, ein Wehgeschrei, -

Versunken ist die Wagenreih´.

Wer nicht zermalmt in seinem Blut,

Der liegt ertrunken in der Flut!

O Morgenrot voll Licht und Glanz,

O Abendrot und Totenkranz!

 

Auch hier schauen wir die Macht des Rosenkranzes in einer wunderbaren Rettung, die der „Obwalder Volksfreund“ erzählt. In dem Zug befanden sich zwei Frauen aus dem Jura, die von einer Wallfahrt nach Einsiedeln zurückkamen. Eingestiegen in Basel, begannen sie gemeinsam ihren Rosenkranz zu beten. Sofort wurden sie verspottet. Eben forderte der Kontrolleur die Fahrkarten und stimmte ein in das Hohngelächter, als er die betenden Frauen sah. In diesem Augenblick bricht die Brücke und alles stürzt in die Tiefe. Unter den Leichnamen und Verwundeten, die man aus den Trümmern zog, waren auch jene beiden Frauen, mit zerfetzten Kleidern, mit Blut überronnen. Aber wunderbar – sie waren noch am Leben und ganz unverletzt; das Blut an ihren Kleidern war von den übrigen Fahrgästen, die entweder tot oder schrecklich verstümmelt waren. Einem Mann und einer Frau, die neben den beiden betenden Frauen gesessen hatten, waren die Füße nicht einfach gebrochen, sondern ganz zerquetscht und zermalmt. Verstummt ist in den Fluten der Mund manches Spötters, die frommen Pilgerinnen aber beteten noch inbrünstiger als zuvor: Ave Maria!

 

Der Rosenkranz ist das Rettungsmittel in den Gefahren der Gegenwart. Unsere Zeit ist eine Zeit des Prunkens und Prahlens, eine Zeit der Selbstvergötterung. Hochmütig stößt man Gott hinaus aus dem Staatsleben, aus dem Heiligtum der Familie, aus dem Herzen des Einzelnen. Im Rosenkranz werden dir hingegen die idealsten Musterbilder der Demut vor Augen geführt: Jesus und Maria. Was die Sonne ist unter den Sternen, ist die seligste Jungfrau unter den Engeln Gottes. Und doch nennt sie sich in Demut eine Dienstmagd des Herrn! Und Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der den Himmel zu seinem Thron hat, das Sternenheer zum Saum seines Gewandes und die Erde zum Schemel seiner Füße, siehst du im dritten Geheimnis des Rosenkranzes in der Futterkrippe zu Betlehem, auf erbärmliches Stroh gebettet.

 

Ein anderes Gebrechen der heutigen Welt ist die Sittenlosigkeit, die entweiht den Tempel Gottes, zerstört das Ebenbild Gottes, die verpestet Leib und Seele, über einzelne und ganze Nationen Fluch und Verderben bringt. Gleich einem reißenden Strom, der die Dämme durchbrochen hat, gleich einem Meer, das über seine Ufer getreten ist, verwüstet sie alles. In wahnsinniger Verblendung wird dieser neuen Sündflut aller mögliche Vorschub geleistet. Das wirksamste Heilmittel gegen diese Sünde ist der schmerzhafte Rosenkranz, ist die Geißelsäule, an die Christus gebunden war. Mit dem Propheten klagt er: „Die Sünder haben auf meinem Rücken geschmiedet!“ (Psalm 128), gleichsam als ob er sagen wollte: Das Blut ergoss sich von meinem Rücken, wie die Feuerstücke eines glühenden Eisens unter den Hammerschlägen der Schmiedeknechte. Kannst du noch sagen, die Sünde sei nur menschliche Schwachheit? So viele Wunden am heiligen Leib des Gekreuzigten, so viele Zungen sind es, so viele Blutstropfen, so viele Stimmen sind es, die da hinausrufen in alle Welt, hindurchdringen durch alle Jahrhunderte bis hin an die Grenzen der Erde und ans Ende der Zeit: „Gott ist ein gerechter Gott und seine Gerichte sind fürchterlich!“

 

Der Rosenkranz greift gewaltig tief ein in die soziale Bewegung unserer Tage. Man hat es darauf angelegt, den arbeitenden Klassen ihren Glauben zu entreißen und sie zu verbrüdern in Gesellschaften des Umsturzes und der Gottlosigkeit. Der ausgestreute Todeskeim wächst sichtlich empor und trägt bereits die giftigsten Früchte. Darum so viel Elend und Jammer im Arbeiterstand, darum so viel Neid und Hass, darum so viele Ausbrüche des Zornes und der Verzweiflung, darum die häufigen Streiks und Auflehnungen, darum die Verachtung der Religion, darum die bereit gehaltene Blutfahne und die Verschwörung zum Sturz alles Bestehenden, der beschlossene Krieg gegen alle. Auch in dieser Hinsicht ist der Rosenkranz ein Rettungsmittel. Er zeigt euch, liebe Arbeiter, die Würde des Arbeiters und der Arbeit, er lehrt euch die Arbeit verstehen, hilft sie euch tragen, verheißt euch den höchsten Lohn. Auch du bist, so rufen dir die Geheimnisse der Erlösung zu, ein Kind Gottes, auch du darfst beten: Vater unser. Der Heiland selbst ist dein Vorarbeiter, dein Mitarbeiter in der Zimmermannswerkstätte Sankt Joseph zu Nazareth. Und doch war das nur erst eine Lehrlingsarbeit gegenüber dem furchtbaren Geschäft, das ihm sein himmlischer Vater auferlegt. Sein Hauptwerk hat nur einen Tag gedauert, aber solchen Schweiß hat noch kein Arbeiter vergossen, wie er, der im Ölgarten für uns Blut geschwitzt hat. Trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte er es seinen Arbeitgebern nicht schnell und gut genug machen; sie waren mit Peitschen hinter ihm her, als er für uns ist gegeißelt worden. Er murrte nicht, als die blutigen Tropfen herabperlten auf die Steine und in den Straßenstaub von Jerusalem, und schwere Balken auf seiner Schulter lagen, Galgenholz zu seiner eigenen Hinrichtung. Hast du eine Arbeit, die auch nur den tausendsten Teil so schwer ist?

 

Euch allen, ihr Armen und Bedrängten ist der Rosenkranz ein wahrer Himmelsbote. Die Welt verachtet euch, sie spricht von Lumpen und Strolchen und Pack, weil vielleicht einer von Hunderten die Armut selbst verschuldet. Sie spricht von Proletariat und Gesindel. Wie trostreich, wenn euch der Rosenkranz denjenigen vorstellt, der arm geworden ist um unsertwillen. (2. Kor.) Hatte je ein Menschenkind eine ärmere Wiege, ein ärmeres Sterbebett als der menschgewordene Gottessohn? Der glorreiche Rosenkranz ist euch allen in Wahrheit ein Evangelium, eine frohe Botschaft. Er zeigt euch den Lohn der Arbeit, den Lohn der Armut, den Lohn der Geduld. Durch den schmerzhaften Rosenkranz dieses Erdenlebens geht’s zum glorreichen Rosenkranz der Himmelsfreuden. Wenn verblichen ist auf Erden aller Glanz, eure Herrlichkeit währt noch. Wenn zu Staub geworden sind Gold und Edelsteine, euer Reichtum währt noch. Wenn zerronnen ist jede Erdenlust, eure Freude währt noch. Hingegen mahnt euch, ihr Reichen, der Rosenkranz und die Pflicht der Liebe. Wer durch die Geheimnisse dieser Andacht auch im Ärmsten und Elendesten einen Bruder, eine Schwester Christi erkennt, der wird bald edlere Liebhabereien haben als Hunde und Pferde, teure Kleidung und riesige Autos, er wird dann aber auch jenen überreichen Lohn erlangen, den der Herr den Barmherzigen verheißen hat. So macht der Rosenkranz arm und reich glücklich. So ist er in Wahrheit eine Schule der Weisheit, ein Universalheilmittel, das Weltgebet, die große Verkehrsstraße zwischen Himmel und Erde, ein Arsenal der vortrefflichsten Waffen gegen unsere Feinde.

 

Von diesem Gedanken durchdrungen hat der höchstselige Heilige Vater Leo XIII. im Jahr 1883 angeordnet, dass in allen Kirchen der ganzen Welt im Monat Oktober der Rosenkranz gebetet werde. Und viele Millionen Rosenkränze sind seitdem auch jeden Tag verrichtet worden. Wenn wunderbar die Erfolge gewesen sind, die Papst Leo erreicht in Verteidigung der Freiheit und der unveräußerlichen Rechte der Kirche, wenn das Glaubensbewusstsein vielfach gestärkt wurde, wenn die Treue und Anhänglichkeit an den Apostolischen Stuhl inniger geworden ist, wenn die Kirche sich ausgebreitet hat in den fernsten Missionsgebieten, wenn der Heilige Vater wiederholt als internationaler Schiedsrichter aufgetreten ist unter den Staaten diesseits und jenseits des Ozeans, wenn seine zahlreichen Sendschreiben über die großen religiösen und sozialen Fragen der Gegenwart sogar für die nicht-christliche Welt Gegenstand der Bewunderung und Anerkennung waren, wenn alle Völker des Erdkreises wetteiferten, seine Jubelfeste auf das Würdigste zu feiern: so war das das Werk des Rosenkranzes, der Triumph des Rosenkranzes. Papst Leo war der Bannerträger des heiligen Rosenkranzes. Eines dürfen wir nicht vergessen auf deutschem Boden. Welch eine traurige Zeit war für einen großen Teil des Reiches der Kulturkampf. Verlassen standen so viele Altäre, im Gefängnis so viele Priester, verödet der Weg zum Gotteshaus. Die Inful der Bischöfe war zur Dornenkrone geworden, ihr Hirtenstab ein Wanderstab auf dem Weg in die Verbannung. Auch hier hat der Rosenkranz geholfen. Im Jahr 1875 kam ich in Begleitung meines Zöglings des Grafen Leiningen nach Kevelaer, dem weltberühmten Wallfahrtsort. Zahlreich waren die Pilger erschienen aus allen Teilen Norddeutschlands. Niemals in meinem Leben habe ich mit einer solchen Andacht den Rosenkranz beten gesehen, wie an jener Gnadenstätte und auf dem Weg zu ihr hin. Wenn einer der Vorbeter den Rosenkranz aufopferte für „unsern gefangenen Erzbischof“ oder für „alle gefangenen Priester und Bischöfe“ oder für „die aller Seelsorge beraubten Gemeinden“, begann ein allgemeines Schluchzen unter den Tausenden von Pilgern. Männer weinten wie die Kinder. Es ist vieles nun anders und besser geworden! Gott sei Dank und der seligsten Jungfrau!

 

Beten wir alle nach der Meinung des Heiligen Vaters fleißig den Rosenkranz. Die Geschicke der Kirche und der Welt sind oftmals durch den Rosenkranz entschieden worden. Wir werden dadurch auch eines überreichen Gnadenschatzes teilhaft, der heiligen Ablässe.

 

Christliche Eltern, betet mit, betet für eure Kinder den Rosenkranz. Versammelt sie abends vor dem Gnadenthron Mariä, unter dem Schutzmantel der Himmelskönigin! Dieser häusliche Gottesdienst ist das segensreichste Erziehungsmittel. Noch in späteren Jahren, wenn ihr längst im Grabe ruht, werden sich eure Kinder dankbar erinnern an den Abendrosenkranz und auch euer gedenken im Gebet. Nicht umsonst schlägt bange euer Herz, wenn eure Kinder in die Fremde gehen. Doch ihr könnt sie nicht begleiten hinaus in die Ferne, ihr könnt nicht in der Stunde der Gefahr mahnend und warnend ihnen zur Seite stehen. Aber eins könnt ihr und eins müsst ihr! Weiht sie der Rosenkranzkönigin! Und dann werden eure Kinder über Schlangen und Basilisken treten, und Löwen und Drachen zertreten, d.h. sie werden überwinden die Feinde ihrer Seele. Und müsst ihr Eltern den herbsten Schmerz erfahren, den es auf Erden gibt, habt ihr einen verlorenen Sohn, eine entartete Tochter, sind sie eure Totengräber, eure Sargnägel, verzagt nicht! Wenn vergeblich eure Mahnungen waren, eure Bitten und Tränen, verzagt nicht! Der Rosenkranz, den ihr betet, ist für sie ein Rettungsseil. Betet jahrelang, betet jahrzehntelang, wie Monika, es wird die Stunde der Erhörung kommen durch Maria, die Mutter der Barmherzigkeit! Eure Freude und euer Stolz sei es, ihr Jungfrauen, den Rosenkranz zu beten. Ihr seid der Hofstaat der Jungfrau aller Jungfrauen! Und welch besseres Schutzmittel könnte ich euch anempfehlen, teuerste Jünglinge, als den Rosenkranz. Zahllos sind die Gefahren, die auf euch warten: Gefahren in der Stadt, Gefahren auf dem Land, Gefahren in der Werkstatt, Gefahren in der Fabrik, Gefahren in der Kaserne, Gefahren beim Studium! Betet den Rosenkranz und ihr seid geschützt in allen Gefahren! Schon der Rosenkranz, den du bei dir trägst, ist eine ergreifende Predigt, eine ernste Erinnerung an die Mahnungen deiner Eltern, deines Seelsorgers. Hast du nicht ein Viertelstündchen des Tages übrig für den Rosenkranz? Du gehst abends vielleicht in eine Kapelle oder du machst oft einsam einen Weg, greif zum Rosenkranz, er ist dein Schutz! Und hast du keine Zeit, so bete ein Gesätzlein des Rosenkranzes. Solch ein Gesätzlein ist, wenn auch kein voller Kranz, doch ein schöner Blumenstrauß. Wärst du übermüde von schwerem Tagwerk, so bring doch allerwenigstens deiner himmlischen Mutter eine einzige Rose dar, ein Ave! Das ist das Werk von nur wenigen Sekunden, und doch hat der Tag 86.400 Sekunden. Bete dieses Ave und du wirst bewahren den Schatz des Glaubens, du wirst standhaft bleiben in deinen guten Vorsätzen!

 

Ihr alle, ihr Söhne und Töchter, betet den Rosenkranz auch für eure verstorbenen Eltern! Erinnere dich, wie du am Sterbebett deines Vaters gestanden hast. Er lag vielleicht lang und hart in den letzten Zügen, in hellen Tropfen rann ihm der Angstschweiß über die Stirn. Weißt du, was sein letzter wehmütiger Blick, sein halbgebrochenes Auge dir noch sagen wollte? „Bete für meine arme Seele!“ Und als es mit deiner Mutter zum Sterben kam, reichte sie dir die kalte Hand zum Abschied, gab dir ihren Segen und ermahnte dich mit gebrochener Stimme: „Wir sehen uns in dieser Welt nicht wieder, lebe christlich und gottesfürchtig, damit du nicht verloren gehst, meiner aber gedenke alle Tage in deinem Gebet!“ Hast du sie nie vergessen? Durchaus nichts nützt deinen Eltern ein Kranz von Gold und Silber, nichts ein Kranz der kostbarsten Brillanten. Doch unaussprechlich viel nützt ihnen ein Rosenkranz. Der Rosenkranz kommt vom Himmel, der Rosenkranz führt zum Himmel!

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Sinnbildliches von Maria, der "geistlichen Rose"

 

 

(Nach: Christliche Symbolik von Dr. Wolfgang Menzel, 1854)

 

1. Die Rose ist ein uraltes Sinnbild der Liebe, daher in der christlichen Symbolik vorzugsweise das Symbol der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria, als der Mutter der schönen Liebe, des Erbarmens und der allgemeinen Fürbitterin der armen Sünder; ferner Sinnbild der Gebete, die sich, ihr zum Preise, zum Rosenkranz aneinander reihen; und ob der Anmut und lautersten Lauterkeit ihres ganzen Wesens, wodurch sie für Gott als der köstlichste Wohlgeruch sich erweist, wird sie von der Kirche „Rosa mystica, Geistliche Rose“ genannt. Auf Maria wird die Stelle des Hohenliedes 2,2 bezogen: „Wie die Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern!“ Maria heißt auch die Rose oder der Rosenzweig von der Wurzel Jesse oder Isai (des Königs David Vater, von dem sie stammte). Jesaja 11,1. Daher das schöne alte Kirchenlied:

 

„Ein Ros` ist entsprungen,

Von Jesse war die Art.“

 

In alten Liedern wird Maria auch besungen als die „Rose aus der heiligen Anna Schoß“ und als die „Rose ohne Dornen“, weil sie ohne die Erbsünde empfangen worden ist. Einmal nur wird Maria als der Rosenstrauch und Jesus Christus selbst als die Rose bezeichnet. Die „sieben Freuden Marias werden als sieben Rosen besungen, ebenso sind alle ihre Tugenden bei den alten Dichtern zum Rosenkranz geflochten“.

 

Neben einem Muttergottesbild bei Lucca wachsen Rosen, die hoch geehrt werden, weil einst hier ein stummer Hirtenknabe eine Rose fand und durch ihren Duft die Sprache wiedererhielt. Man nennt sie nun „Muttergottesrosen“.

 

Weil die Rose die Blume Unsrer Lieben Frau ist, daher lebt unter dem Volk die Sage: dass der Teufel, als Prinzip des Hasses des Reinen und der allerreinsten Jungfrau, die ja den „Schlangenzertreter“ geboren hat, keine Rosen leiden könne und durch den Geruch dieser Blume aus Besessenen vertrieben werde.

 

2. Die Kunst des Bildhauers und die des Malers liebt es, Maria als Rose in ihren Werken darzustellen. – So bezeichnen die Fenster-Rosetten, namentlich die in dunkler Rubinfarbe glühenden, die in vielen gotischen Marienkirchen vorkommen, die gebenedeite Jungfrau als die „Rosa mystica“. – Besonders beliebt war im Mittelalter die Vorstellung, Maria sitze im Rosental oder im Rosenhag. So ist sie gemalt auf einem alten Bild in Straßburg in einer Rosenhecke voll singender Vögel; desgleichen auf einem Bild von Schongauer in Colmar. – Auf einem Bild von Botticelli thront Maria in Rosen, von Engeln mit Lichtern umringt, die sie mit Rosen kränzen. – Alonso de Tobar malte in Madrid eine Allegorie des Rosenkranzes, die göttliche Gnadenmutter als Hirtin, wie sie ihre Schafe mit Rosen nährt. – Domenichino hat in Bologna Maria gemalt, wie sie Rosen auf die Martyrer streut. Die Rosen sind hier einesteils ein Sinnbild der Tröstungen, womit die Königin der Martyrer deren heiße Wunden kühlt; andererseits sind sie hier ein Sinnbild des Verdienstes, das aus den guten Werken und aus dem Martyrium erblüht, sei es der Gebete, sei es der Wunden. – Auf einem Gemälde von Carlo Maratti teilt die Madonna Rosenkränze unter Nonnen aus. – In einem der berühmtesten Bilder von Albrecht Dürer trägt die von ihm dargestellte Himmelskönigin einen Kranz von Rosen auf dem Haupt.

 

Es gibt aber auch noch eine andere Form der kirchlichen Malerei, in der die Rosen in Gebrauch gekommen sind. „Rosenkranz“ heißt nämlich die großartige Einrahmung von Dreifaltigkeitsbildern in einem einzigen großen Rosenkranz, der zuweilen noch in kleinere Rosenkränze sich teilt. Hier bedeuten die Rosen das Band der Liebe, das die drei göttlichen Personen in der allerheiligsten Dreieinigkeit umschlingt. Solche berühmten Rosenkränze findet man noch in Nürnberg und Schwabach. Der ausgezeichnetste ist aber wohl der in Weilheim in Württemberg. Er besteht aus drei Kränzen. Die Rosen des äußeren Kranzes sind weiß, des mittleren rot, des innersten golden. Jeder aber zerteilt sich wieder in fünf Medaillons. In der Mitte thront Maria mit dem göttlichen Christkind im Rosenkranz unter Engeln, oben erblickt man die allerheiligste Dreifaltigkeit, unten eine große Anbetung der Priester unter dem Papst und der Laien unter dem Kaiser. Die übrigen Bilder beziehen sich auf das Leben Jesu zwischen Mariä Verkündigung und dem Weltgericht.

 

Hierüber liest man in „Kunstwerke und Künstler in Deutschland von Dr. G. F. Waagen“ das Folgende:

 

„Ein höchst merkwürdiges und seltenes Beispiel von sinnvoller Verherrlichung einer Kirche in Deutschland durch große Wandgemälde gewährt die kleine gotische Kirche des Klosters St. Peter in dem südwestlich von Esslingen gelegenen Städtchen Weilheim. Die Malereien, die hier in Betracht kommen, sind allem Anschein nach bald nach der Beendigung des Baues im Jahr 1489 ausgeführt worden. Unter anderem enthält die westliche Wand ein Rosenkranzbild, das mir wahrscheinlich macht, dass diese auch in Franken gegen Ende des fünfzehnten und in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts so beliebte und so allgemein verbreitete Vorstellung in Schwaben ihren Ursprung genommen hat. Wie schön nämlich auch die Kunstdenkmale dieser Art sind, die ich in dem Relief in der Kapelle des Landauer Brüderhauses zu Nürnberg, sowie in Gemälden sowohl in der Kapelle der Kirche zu Schwabach, wie in der St. Gangolphskirche zu Bamberg gesehen; so ist doch in Weilheim die Wahl und die Verteilung der Gegenstände mit mehr Feinheit auf den Gedanken des Rosenkranzes bezogen und ist die Anordnung der einzelnen Vorstellungen in kleineren Runden der Form des großen Rundes, das alle umschließt, ungleich mehr entsprechend und stilgemäßer, als die Anordnung in Reihen übereinander, die jenen fränkischen Denkmalen gemeinsam ist. Hier befinden sich drei Rosenkränze ineinander, von denen der äußerste und mithin größte weiß ist und, sinnreich auf diese Farbe bezogen, in den fünf kleineren Runden, in der Verkündigung Mariä, der Heimsuchung, der Geburt Christi, der Anbetung der heiligen drei Könige, der Darstellung im Tempel, die Vorgänge der Verheißung und der Verherrlichung Jesu als Kind, der zweite von roter Farbe, aber ebenso sinnig im Christus am Ölberg, der Geißelung, Dornenkrönung, der Kreuztragung und der Kreuzigung die Hauptmomente des körperlichen Leidens Christi als Mensch enthält, während ihm im dritten, goldenen Kranz die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Ausgießung des heiligen Geistes, die Aufnahme Mariä in den Himmel und ihre Krönung daselbst – sowie das jüngste Gericht im vollen Glanz seiner göttlichen Natur erscheinen lassen. Diese letzteren reihen sich um die größere, die Mitte des ganzen einnehmende Vorstellung der allerseligsten Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß, dem zwei Engel mit dem Pflücken und dem Kränzewinden von Rosen beschäftigt sind. Oben, außerhalb des weißen Rosenkranzes, ist die allerheiligste Dreifaltigkeit in kolossalem Maßstab in der Art vorgestellt, dass Gott Vater und Christus, nebeneinander thronend, vom heiligen Geist überschwebt werden. Auf den Seiten schweben Engel mit den Passionswerkzeugen. Unten, zu beiden Seiten des weißen Rosenkranzes, das Menschengeschlecht in Verehrung der Gottheit, und zwar einerseits die Priester mit Papst und Kardinal, andererseits die Laien mit dem Kaiser an der Spitze.

 

3. Man verglich die Gebete aus unschuldsvollem oder reuigem Mund mit aufblühenden Rosen, daher eine Folge von Gebeten einem Rosenkranz.

 

Der aus Gebets-Perlen zusammengesetzte Rosenkranz hat die praktische Bestimmung, dem Teil des Volkes, der nicht lesen kann, als eine Art Handbuch beim Beten zu dienen. – Der kleine Rosenkranz heißt die „Krone“ und enthält 33 kleine Perlen, nach den Lebensjahren Jesu, und fünf große, nach den heiligen fünf Wunden Jesu. Jede kleine Perle bedeutet ein Ave Maria, das man beten soll, jede größere ein Vaterunser. – Der mittlere Rosenkranz zählt 63 kleine Perlen, nach den Lebensjahren Unserer Lieben Frau, und sieben große, nach ihren sieben Freuden und Schmerzen. – Der große Rosenkranz zählt 150 kleine und 15 große Perlen, so dass auf je zehn Ave Maria ein Vaterunser folgt. Er wird der „Psalter“ genannt, mit Bezug auf die 150 Psalmen, gewöhnlich aber der Marien-Psalter, weil er zumeist aus Ave-Gebeten besteht und der Himmelskönigin geweiht ist. Denn nach dem heiligen Dominikus, in dessen Orden der heilige Rosenkranz die erste große Verbreitung fand, flocht der Engel Gabriel aus 150 himmlischen Rosen drei Kränze für die heilige Jungfrau, einen weißen der Freuden – einen roten der Schmerzen, - einen goldenen der himmlischen Glorien. Diese zusammen wurden nun nachgeahmt in dem einen Gebetsrosenkranz aus 150 Perlen. Die Farbe ahmt man in den Perlen nach. Es gab prachtvolle Rosenkränze aus farbigen Edelsteinen. Die gewöhnlichen bestehen aus Holz, Glas, oder wohlriechenden Stoffen.

 

In dem berühmten Weltgericht von Michael Angelo werden Selige an einem Perlenkranz in den Himmel emporgezogen. Auf allen Bildern tragen die Seligen im Himmel Ehrenkronen in Gestalt von Perlenkränzen.

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Woher und wozu der Rosenkranz?

 

(Aus: Das Leben des heiligen Dominikus von P. H. D. Lacordaire)

 

Als der Erzengel Gabriel von Gott zur heiligen Jungfrau Maria nach Nazareth gesendet wurde, um ihr das Mysterium von der Fleischwerdung des Eingebornen Sohnes Gottes in ihrem keuschen Schoß zu verkünden, grüßte er sie mit den Worten: „Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Frauen!“ Diese Worte, die glückseligsten, die je ein Geschöpf vernommen hat, wurden von Geschlecht zu Geschlecht im Herzen und im Mund der Christen wiederholt, und aus der Tiefe dieses Tales der Tränen rufen sie unaufhörlich zur Mutter ihres Erlösers empor: „Gegrüßet seist Du, Maria!“ Aus den Chören des Himmels hatte Gott einen ihrer Führer an die demütige Tochter vom Stamm Davids abgeordnet, um ihr diesen glorreichen Gruß zu überbringen. Und jetzt, wo sie hoch über den Engeln und allen himmlischen Chören thront, sendet das Geschlecht der Menschen, dem sie als Tochter und Schwester angehörte, von der niederen Erde ihr den englischen Gruß zu: „Gegrüßet seist du, Maria!“ – Als sie ihn zum ersten Mal aus dem Mund Gabriels vernahm, empfing sie alsbald in ihrem Leib das Wort Gottes. Und jetzt, so oft ein menschlicher Mund diese Worte wiederholt, die ihre Mutterschaft ankündigten, bewegt sich ihr Herz in der Erinnerung eines Augenblickes, der nichts Ähnliches im Himmel und auf der Erde hat, und die ganze Ewigkeit wird von dem Seligsein durchdrungen, das die Himmelskönigin empfindet.

 

Obgleich aber die Christen immer gewohnt waren, ihr Herz in solcher Weise zu Maria zu erheben, so war doch mit dem uralten Gebrauch dieses Grußes weder eine bestimmte Regel noch Feierlichkeit verbunden. Die Gläubigen versammeln sich nicht, um solchen ihrer vielgeliebten Beschützerin darzubringen, sondern jeder folgte dabei einzeln dem besonderen Aufschwung seiner Liebe.

 

St. Dominikus, der die Macht der Vereinigung im Gebet wohl kannte, hielt es für nützlich, sie auf den Englischen Gruß anzuwenden, und glaubte, dass dieser gemeinsame Ruf eines ganzen versammelten Volkes mit großer Kraft zum Himmel aufsteigen werde. Die Kürze der englischen Worte selbst erforderte es, dass sie in einer gewissen Zahl wiederholt würden, jenen einfachen Zurufen gleich, womit dankbare Völker den Weg geliebter Fürsten bedecken. Die Wiederholung konnte aber leicht Zerstreuung des Geistes verursachen, und Dominikus beugte diesem dadurch vor, dass er die Grüße in mehrere Absätze verteilte und mit jedem derselben den Gedanken an eines der Geheimnisse unserer Erlösung verband, worin wir nacheinander Gegenstände der Freude, der Trauer und des Triumphes der allerseligsten Jungfrau erkennen. Auf diese Weise vereinigte sich die innere Betrachtung mit dem öffentlichen Gebet. Und indem das Volk seine Mutter und Königin begrüßte, folgte es ihr im Kern seines Herzens überall bei den hauptsächlichsten Ereignissen ihres Lebens nach. Und um den dauernden Beistand und die Feierlichkeit dieser Bittweise noch mehr zu sichern, bildete Dominikus eine besondere Bruderschaft.

 

Der fromme Gedanke des Heiligen wurde mit dem größten aller Erfolge, mit einem wahrhaft volkstümlichen, gesegnet. Das christliche Volk hat sich ihm von Jahrhundert zu Jahrhundert mit unglaublicher Treue hingegeben. Die Bruderschaften des Rosenkranzes haben sich unendlich vermehrt, und es lebt kaum ein Christ auf der Welt, der in seinem kleinen Rosenkranz nicht ein Bruchstück jenes durch alle Welt sich fortziehenden allgemeinen Rosenkranzes besäße. Wer hat nicht am Abend in den einfachen Dorfkirchen die tiefen Stimmen der Landleute in zwei Chören den Englischen Gruß hersagen gehört? Wer ist nicht den Prozessionen von Wallfahrern begegnet, die, in ihren Fingern die Perlen des Rosenkranzes bewegend, sich den langen Weg durch die abwechselnde Wiederholung des Namens Maria versüßen? Immer, wenn eine Sache zum dauernden Bestand und zur Allgemeinheit gelangt, birgt sie in sich eine geheimnisvolle Harmonie mit den Bedürfnissen und Geschicken des Menschen. Darum mag der blöde Rationalist lächeln, wenn Reihen von Menschen an ihm vorüberziehen, die immer ein und dasselbe Wort aussprechen. Wem aber ein helleres Licht aufgegangen ist, der begreift: dass die Liebe nur ein Wort hat, und dass es keine Wiederholung ist, wenn sie es immer ausspricht!

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Der Apostel des heiligen Rosenkranzes

 

 

(Aus: Blumen aus dem Garten des hl. Dominikus von P. F. Ratte)

 

Der selige Alanus de Rupe, dieser große Prediger und Beförderer des heiligen Rosenkranzgebetes, trat schon während seiner blühenden Jugendzeit in den Dominikaner-Orden; jedoch ließ er sich anfangs am Wachstum in der Gnade und Heiligkeit des Lebens weniger gelegen sein, als am Fortschritt in den Wissenschaften.

 

Zur Zeit nun, wo er in einer vornehmen Stadt in Holland das Prediger-Amt versah, und deswegen aus vielen Büchern sich den Stoff dazu sammelte, fielen ihm auch die Schriften zweier Dominikaner in die Hände, die im Kampf gegen die Albigenser des heiligen Dominikus Genossen gewesen sind, und die von den außerordentlichen Bekehrungen und Wunderzeichen erzählten, die der allmächtige Gott in Spanien und Frankreich auf das Gebet des heiligen Rosenkranzes gewirkt habe. Durch diese Lesung wurde Alanus innerlich angetrieben, seinem heiligen Vater und Ordensstifter in der Predigt und Verbreitung des Rosenkranzgebetes nachzufolgen. – Er begann damit, täglich mit Andacht den heiligen Rosenkranz zu beten und sein bisheriges laues Leben zu ändern, damit Maria, die gnadenreiche Königin des Rosenkranzes, es nicht verschmähen möchte, ihn als „ihren Apostel“ anzunehmen. So lange Alanus in Fehlern und Unvollkommenheiten dahingelebt hatte, waren ihm von Seiten der bösen Geister keine Versuchungen und Plagen zugestoßen. Kaum aber entschloss er sich zu einem eifrigen und heiligmäßigen Wandel, so schien es, als wäre die halbe Hölle gegen ihn losgelassen. Widerliche Empfindungen, quälende Gewissensängstlichkeiten, abscheuliche Gedanken und Vorstellungen, leibliche Krankheiten, innerliche Finsternisse und vieles andere bedrängte ihn sieben Jahre lang und brachte ihn mehr als einmal bis nahe an die Verzweiflung. Allein durch Sorge und Hilfe der allerseligsten Jungfrau Maria wurde der vielversuchte Mann vor jedem schweren Fall immer bewahrt, bis es Gott und seiner gebenedeiten Mutter gefiel, diesen Prüfungen ein Ende zu machen. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie groß nun die Liebe des heiligen Alanus zu Maria und seine Andacht zum Engels-Gruß war. Jeden Tag betete er mehrere Male den Rosenkranz. Sein erstes Wort am Morgen war: „Ave Maria!“ An allen Orten, wo er ging und stand, sah und hörte man ihn lispeln: „Ave Maria!“ So oft er wollte anfangen zu predigen, zu studieren, zu lesen, zu schreiben, - immer fiel er vorher auf seine Knie, um die Muttergottes mit einem „Ave Maria!“ zu begrüßen. Kurz alles, was er dachte, sprach und tat, war sozusagen eingeschlossen zwischen zwei „Ave Maria!“ Auch der akademische Vortrag, den er zu Rostock hielt, um den Ehrentitel eines „Baccalaureus (Bachelor) der heiligen Schrift“ zu erwerben, handelt vom „Ave Maria!“ Er zeigte nämlich darin die Erhabenheiten, Geheimnisse und Wirkungen des englischen Grußes mit einer solchen Tiefe und Begeisterung, dass er die ganze gelehrte Zuhörerschaft zur Liebe und Verehrung Marias entflammte, und alle sich in die Bruderschaft einschreiben ließen.

 

Nunmehr begann Alanus seine fünfzehnjährige Laufbahn als – „Apostel des heiligen Rosenkranzes“, und durchzog predigend fast halb Europa, überall das Rosenkranzgebet, so wie die gleichnamige Erzbruderschaft entweder einführend, oder doch wieder neu belebend. Und Gott gefiel es, diesen Predigten des gottseligen Mannes dadurch das größte Ansehen zu verleihen, dass sie von ähnlichen wunderbaren Zeichen, wie bei St. Dominikus begleitet wurden. Dieser außergewöhnlichen Wirksamkeit des begeisterten Prediger-Bruders fehlte es aber bald nicht mehr an Gegnern und Feinden, und Alanus musste manchen Spott, manche Schmährede und Verfolgung deswegen ertragen. Beim Bischof von Tournay in Flandern wurde eine förmliche Klageschrift gegen ihn eingereicht, so dass er sich in einem eigenen Buch über den heiligen Rosenkranz verteidigen musste. Auf Anstiften dessen, dem die heilige Jungfrau Maria den Kopf zertreten hat, wurden der Angriffe gegen Alanus und seine Rosenkranzpredigt endlich so viele, dass er sich entmutigt fühlte und in seinem Eifer nachlassen wollte. Da wurde er aber in einem Gesicht von unserem Herrn Jesus Christus hart getadelt und ermahnt: die unterbrochenen Predigten wieder aufzunehmen, widrigenfalls er selbst verantwortlich sein sollte für alle Sünden, die durch sein Predigen und das Gebet des heiligen Rosenkranzes hätten verhindert werden können; ja es wurde ihm – im Falle der Unterlassung – die ewige Verwerfung angedroht. Darüber müssen wir uns indes nicht verwundern, indem wir wissen, dass auch der heilige Apostel Paulus sich zum Predigen verpflichtet hielt unter dem Verlust des eigenen Heils. „Wehe mir“, ruft er aus, „wenn ich das Predigen unterlassen wollte!“ Das Evangelium, das St. Paulus, und der Rosenkranz, den Alanus zu predigen berufen war, hatten einen und denselben Hauptgegenstand zum Inhalt: denn der Rosenkranz mit seinen fünfzehn Geheimnissen aus dem Leben, Leiden und der Glorie unseres göttlichen Erlösers und seiner allerreinsten Mutter, so wie Alanus ihn predigte und auf jegliche Weise in der Christenheit zu verbreiten suchte, - was ist er anderes, als in Kürze das heilige Evangelium? – So fiel denn bei jener Erscheinung des Gekreuzigten der erschrockene Prediger auf seine Knie und sprach: „Herr, was soll ich tun?“ – Und Christus antwortete: „“Predige meinen und meiner Mutter Psalter, und fürchte dich nicht: ich will für dich streiten gegen alle deine Verfolger und sie zu Schanden machen!“

 

Auch Maria, die jungfräuliche Mutter selbst, erschien ihrem lieben Diener und ermunterte ihn auf das freundlichste, indem sie ihm zeigte: wie viele Gnaden und Segnungen mit dem Rosenkranz verbunden seien, und welcher Lohn im Himmel ihn, dem Prediger dieser Andacht, so wie alle Beter dieser Andacht erwarte.

 

Alanus begann nun wieder mit neuem Eifer die Rosenkranzpredigt, und erhielt dadurch für sich und seine Zuhörer täglich neue Gnaden vom Herrn und seiner allerseligsten Mutter Maria. Diese erschien ihm gar oft und flößte ihm eine solche Menge von Gedanken über den Rosenkranz und die rechte Gebetsweise ein, dass Alanus zum Predigen hierüber nie mehr unvorbereitet war. Und wenn er von Maria, dem englischen Gruß, dem Rosenkranz und seinen hehren Geheimnissen predigte, so riss seine Begeisterung alle mit sich fort, und auch die verhärtetsten Sünder bekehrten sich und kamen zur Beichte. Das Herz des Gottesmannes wurde dadurch immer mehr zur Liebe zu seiner himmlischen Königin entzündet, und die Muttergottes hinwieder erhöhte dieses Liebesfeuer im Herzen des Alanus, wenn sie ihm in der Verzückung erschien und ihn nicht nur mit dem Namen: Mein Diener! Mein Freund! Mein Sohn!“ anredete, sondern ihn öfters sogar: „Mein Bräutigam!“ nannte. Er sollte – für die treuen Dienste seiner Beharrlichkeit – der Gnade Gottes bis an das Ende seines Lebens versichert sein. Auch verbürgte ihm Maria: durch ein inneres Licht seiner Seele würde er ihr entzückendes Bild nie mehr aus seinem Herzen verlieren. Alles, was er durch das Gebet des Rosenkranzes von Gott verlangen würde, sollte er stets erhalten. Immer würde er in den ihm begegnenden Widerwärtigkeiten des Lebens die Gnade haben, sich in Gottes Walten und Fügung zu ergeben, und in dieser vollkommenen Ergebenheit die Ruhe und den Frieden seines Inneren finden und bewahren. Oftmals wolle sie, die gütige Mutter, ihn ihre liebliche Stimme durch innere Ansprachen vernehmen lassen, wodurch sein Geist und Gemüt erquickt werden würde. Seinen Verstand wolle sie mit übernatürlicher Wissenschaft ausstatten, so dass er ohne mühsames Studieren und zur Verwunderung aller Menschen, zahlreiche Rosenkranz-Predigten halten könnte. Seine jungfräuliche Reinheit und Keuschheit wolle sie ihm beschirmen und der Art in Schutz nehmen, dass er nie mehr eine unlautere Regung empfinden würde. Das Leben und Leiden ihres göttlichen Sohnes werde er in seinem Herzen nachfühlen und jederzeit im Besitz eines gewissen inneren Trostes sein, der alle irdische Traurigkeit aus der Seele verbannt halten werde usw. – Diese und noch mehrere Gnadwirkungen, die der glückselige Mann selbst als unaussprechlich und unbeschreiblich bezeichnet, wurden ihm von der göttlichen Mutter verheißen. Und dass diese Verheißungen zur Wahrheit geworden sind, dafür zeugt der vollkommene Lebenswandel des reichbegnadeten Alanus und die Bekehrungen und Wunder, die auf sein Wort und Gebet stattgefunden haben. Die allerseligste Jungfrau sagte ihm einstmals: „Die Liebe und Andacht zum heiligen Rosenkranzgebet sei ein Zeichen der göttlichen Auserwählung. Der Widerwille gegen den englischen Gruß aber ein Merkmal der ewigen Verwerfung. Das solle er allen Brüdern und Schwestern der Erzbruderschaft verkünden!“

 

So führte der selige Alanus lange Jahre hindurch ein zwar äußerlich mühsames, aber durch göttlichen Trost innerlich von Süßigkeit überströmendes Leben, bis er seinem zeitlichen Ende nahe kam. Im Jahr 1475 ist er am Fest Mariä Geburt zu Zwoll in Holland, während er den Rosenkranz in den Händen hielt, unter fortwährendem Beten des englischen Grußes und Anrufung der heiligsten Namen Jesus und Maria, selig im Herrn entschlafen, um seinen Lohn bei Gott und Maria zu empfangen und ewiglich im Himmel zu genießen.

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Der lebendige Rosenkranz

 

(Aus: Der lebendige Rosenkranz von Michael Sintzel)

 

1. Gleichwie unter allen Blumen die Rose sich bewunderungswürdig auszeichnet und den Vorzug verdient – wegen ihrer besonderen Schönheit und glänzenden Farben sowohl, als auch ob ihres so lieblichen Geruches und ihrer heilsamen Wirkungen. In ähnlicher Weise behauptet der heilige Rosenkranz unter allen Andachtsübungen den ersten Platz, denn er prangt in den hochherrlichsten Geheimnissen unseres Heils, die in ihm enthalten sind.

 

Die Rose besteht aus grünen Blättern, spitzigen Dornen und der anmutigen, süßduftigen Blume, wovon die grünen Blätter gar sinnvoll den freudenreichen – die Dornen den schmerzensreichen – und die Blume selbst den glorreichen Rosenkranz andeuten.

 

Die heiligen Väter vergleichen dieses Gebet auch mit einer Krone. Die fünfzehn Vaterunser sind – ebenso viele goldflimmernde Sterne und die hundertundfünfzig Ave-Maria – Rosen, da ja Unsere Liebe Frau von der heiligen katholischen Kirche „Geistliche Rose“ genannt wird. Der selige Alanus de Rupe sagt dahin bezüglich: „Der Psalter Mariä ist eine Krone der Glorie, geschliffen aus dem Gold der Liebe und aus dem Edelstein der Verdienste der allerseligsten Jungfrau Maria.“

 

Oder eine andere Erläuterung: Der Kranz mit weißen Rosen stellt uns den freudenreichen Rosenkranz dar, worin die unbefleckt empfangene und stets makellos gebliebene Jungfrau Maria mit himmlischer Freude erfüllt wird – durch die wunderbare Empfängnis, Geburt, Aufopferung und das Wiederfinden des göttlichen Sohnes. – Und mit Johannes und Elisabeth sollen wir uns des menschgewordenen Sohnes Gottes freuen. – Der Kranz mit roten Rosen ist uns der schmerzensreiche Rosenkranz. – O, betrachten wir da, wie Jesus so viele und schreckliche Schmach, Angst, Pein und Leiden erduldete, bis er auch den letzten seiner kostbaren Blutstropfen für uns am Kreuz vergossen, auf dass er sich ganz und gar zur unendlichen Genugtuung für unsere Sünden dem himmlischen Vater aufopferte. Betrachten wir, wie die Gottheit die Bitterkeit der Leiden in dem Gottmenschen nicht schwächte, ja über die Maßen noch erhöhte durch die unaussprechbare Empfindung, durch die lebhafteste Vorstellung der Größe, Menge und Abscheulichkeit der Sünden, und indem die göttliche Allmacht bewirkte, dass die Ohnmacht der Menschheit nicht unterliege, bis der von Gott bestimmte Augenblick kam, da Christus rief: „Es ist vollbracht!“ – Betrachten wir da Marias Seele, mit dem Gottheiland ans Kreuz genagelt. Die Durchbohrung des Herzens Jesu ist die Durchbohrung ihrer Seele. Jetzt, unter dem Marterbaum auf Golgatha stehend, bringt sie mit ihrem inniggeliebten Sohn, auch sich selbst dem himmlischen Vater zum Opfer dar, wie sie ehedessen im Tempel dem Allerhöchsten diese Opferung angelobt hatte. Sie sollte nicht nur keusch, wie die Jungfrauen, rein, wie die Engel, beider Königin, sie sollte auch eine „Königin der Martyrer“ heißen. – O schmerzhafteste Mutter, trage Mitleiden mit all unserem Elend – um deiner allerbittersten Pein, um des Kreuzes Jesu Christi willen. – Der Kranz mit goldgelben Rosen ist uns der glorreiche Rosenkranz, der Strahlenkranz der ewigen Glorie und Herrlichkeit, mit der die heilige Muttergottes – im Triumph von den heiligen Engeln zum Himmel erhoben – durch die allerheiligste Dreifaltigkeit gekrönt worden ist. Christus wollte vor allen Engeln und Menschen diejenige der Seele und dem Leib nach verherrlichen, die ihm, dem Eingeborenen Sohn des himmlischen Vaters, als unbefleckte Jungfrau Mutter war. Er hat sie, die seine treueste und heiligste Dienerin hienieden gewesen ist, jenseits zur Königin des Himmels erhoben. – O bitten wir die von Gott Verherrlichte, dass wir durch ihre mächtige Fürbitte auch dereinst der Anschauung Gottes und ihrer Verherrlichung uns erfreuen mögen.

 

Domenico Zampiéri, bekannter unter dem Namen Domenichino, ein berühmter Maler der lombardischen Schule (geb. zu Bologna 1581), hat den Rosenkranz auf einem Altarbild in folgender Weise dargestellt. Die Himmelskönigin Maria ist von Engeln umgeben, von denen einige einen Blumenkranz, die anderen das Kreuz, wieder andere die Siegesfahne, vom Himmel herabschwebend, auf die Erde bringen. Auf der Erde selbst liegen viele andere verwelkte Blumenkränze, zerstückelte Kreuze und zerrissene Fahnen von jeglicher Gestalt und Farbe. – Über die Freude der Menschwerdung des Eingeborenen Sohnes Gottes in Maria und der Geburt aus ihr, erstirbt alle menschliche Lust. – Würden uns diese Blumen aus dem Paradies nicht gereicht, wie könnten wir uns der Blumen trösten, die morgens aufgehen und abends verwelkt sind? – Was würde uns in all dem verschiedenen Kreuz und Jammer dieser Welt den Mut erheben, so dass wir nicht verzagten, wenn nicht das Kreuz der Gnade, woran unser göttlicher Heiland starb, um uns den Kreuzweg zum Himmelsweg in seiner Nachfolge zu verklären? – Was würde es auch uns helfen, hätten wir selbst durch Beistand, Reichtum und Gewalt die ganze Welt an uns gebracht, würden wir durch den glorreichen Sieg über die Welt in Christus den Himmel nicht erobern, wozu uns der Osterfürst durch den andachtsvollen Dienst, den wir seiner gebenedeiten Mutter erweisen, gnädig verhelfen möge.

 

2. Der heilige Rosenkranz, dessen Schönheit und Anmut schon sein Name bezeichnet, ist aber ein uraltes, ehrwürdiges, gemeinschaftliches Gebet, von der katholischen Kirche selbst eingeführt und allen Gläubigen empfohlen, von den römischen Päpsten mit vielen Ablässen beschenkt, und von allen heiligen, also wahren Christen zu jeder Zeit mit inniger Freude und Andacht verrichtet worden. St. Franziskus von Sales z.B., dieser große Geisteslehrer, unterließ keinen Tag, den heiligen Rosenkranz zu beten. In der neuesten Zeit verrichtete der gottselige Bischof von Regensburg, Michael Wittmann, obgleich mit unglaublich vielen Arbeiten belastet, täglich das Gebet des heiligen Rosenkranzes, den er beständig bei sich trug.

 

Dieses verdienstliche, gnaden- und trostreiche Gebet ist ein öffentliches Bekenntnis unseres heiligen christkatholischen Glaubens, eine gemeinsame, öfters wiederholte Anbetung und Lobpreisung der allerheiligsten Dreifaltigkeit und eine kirchliche Verehrung der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, zugleich aber auch eine dankbare Erinnerung und Betrachtung der erhabensten und wichtigsten Geheimnisse und Wahrheiten unserer Religion, namentlich unserer göttlichen Erlösung durch den Eingeborenen Sohn Gottes Jesus Christus, seiner glorreichen Auferstehung und Himmelfahrt und der Sendung des Heiligen Geistes. Können wir nun ein schöneres und Kräftigeres Bekenntnis unseres Glaubens ablegen, als dieses, das die heiligen Apostel, von Christus und dem Heiligen Geist selbst unterrichtet, verfasst und gepredigt und mit ihrem Märtyrertod besiegelt haben? Kann wohl unsere Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit auf eine würdigere und erhabenere Weise geschehen, als durch das Gebet, das uns unser lieber Herr und Heiland selbst gelehrt hat und zu sprechen befahl mit den Worten: „So sollt ihr beten!“? Kann es ein wirksameres Bittgebet beim himmlischen Vater geben, das da um alles Heilsame für die Seele und den Leib fleht, als durch die unendlichen Verdienste seines Eingeborenen Sohnes, den er liebt und an dem er sein Wohlgefallen hat? – Gebührt denn aber nicht auch Maria, der Mutter des Sohnes Gottes und Welterlösers, unsere aufrichtigste Verehrung und Dankbarkeit? Welche Verehrung aber kann ihr angenehmer sein, als jene, die ihr mit seinem Gruß der Erzengel Gabriel auf das Geheiß Gottes selbst erwiesen und die katholische Kirche ihr stets bezeigt hat? Und können wir vor Gott eine begnadetere, liebenswertere und mehr vermögende Fürbitterin in allen Anliegen anrufen, als Maria, die, wie sie hienieden zunächst der Krippe und dem Kreuz ihres Sohnes gestanden ist, jenseits nun die Allernächste am Thron seiner ewigen Glorie ist? – Dazu kommt noch der Segen und die Teilnahme der ganzen katholischen Kirche, die ihre Gebete und ihr Lob Gottes in den Psalmengesängen damit vereinigt. (Der sogenannte „Marianische Psalter“ – 150 Ave Maria – besitzt Ähnlichkeit mit dem Psalter des Königs David – 150 Psalmen –, und hat davon seinen Namen. Daher er auch eine Vereinigung mit dem allgemeinen Psalter-Gebet – Brevier- und Chorgebet – der Kirche ist, und bei den Laien desselben Stelle ersetzt und auch dafür gilt.) – Überdies ist das genannte liebreiche Gebet für jede christliche Seele, wenn sie es recht im Geist und nach dem Willen der Kirche verrichtet, die leichteste und schönste beständige Übung in dem so notwendigen innerlichen Gebet oder der Betrachtung, und zwar der heilsamsten – nämlich des Lebens, Leidens und Todes und der Verherrlichung Jesu und Mariä – wo man die herrlichsten und herzgewinnendsten und einladendsten Muster der Tugend und Vollkommenheit und die besten Lehren, Rat und Trost für alle Verhältnisse des inneren und äußeren Leben stets vor sich hat.

 

Was nun die so oftmalige, ja immerwährende Wiederholung derselben Gebete betrifft: - wiederholen denn nicht auch die Engel und die Heiligen im Himmel am Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit immer und immer dieselbe Lobpreisung? Die einzelne Rose, gewunden in einem Kranz von Rosen, prangt sie nicht mit erhöhter Anmut und frischerem Farbenschmelz? – Im 135. Psalm des König Davids wiederholen sich bei jedem Vers die Worte: „Denn deine Barmherzigkeit währt in Ewigkeit!“ So wiederholt Christus, als er in der Todesangst den blutigen Schweiß vergoss, mit steigender Inbrunst die Worte: „Vater, nimm diesen Leidenskelch von mir!“ zu drei Malen. – Sankt Franziskus von Assisi pflegte immerdar die Worte zu wiederholen: „Mein Gott und mein alles!“ Kniend, die Arme ausgestreckt, mit himmelwärts gerichteten Augen, und so in heiliger Entzückung ganze Nächte durchwachend, wiederholte er immer nur die Worte: „Mein Gott und mein alles!“ So wurde die heilige Theresia von Jesus durch die Betrachtung der unendlichen Freuden oder Qualen der Ewigkeit noch als ein Kind so tief ergriffen, dass die Eltern sie oft an abgelegenen Stätten des Hauses fanden, wo sie unausgesetzt die halblauten Worte wiederholte: „Ewig, ewig, ohne Ende!“ Und im Sterben rief sie, so lange sie noch zu beten vermochte, immerdar dieselben Worte ausjubelnd: „Ich bin ein Kind der Kirche!“ – Die Liebe ist sinnreich, sie ist aber auch einförmig, indem sie alles in dem einen Gegenstand ihrer Verehrung sucht und nicht ermüdet, den einen Ruf seiner Zuneigung fort und fort zu wiederholen. Die Liebe will dadurch nicht bewirken, dass Gott ihr Vertrauen etwa nicht vergesse, denn auch in den künstlichen und mannigfachsten Gebetsweisen würde sie ihm nichts neueres und Beweglicheres sagen. Im Gegenteil erweist sich das Suchen nach Vielem und Verschiedenem gar oft als das Zeichen, dass man das eine Rechte noch nicht gefunden habe. – Man kennt doch auch die eiserne Gewohnheit im Lasterhaften. Durch Wiederholung derselben Handlung ist ja die Sünde mehr und mehr erstarkt. Warum nun traut man in der Gottesliebe und Gottesfurcht demselben Mittel der Gewohnheit nicht eine ebenso große und segensreiche Gewalt zu? – Kann aber das von wahrhaft inniger Liebe zu Gott und zu Maria erfüllte und hochflammende Herz – das Lob Gottes und Marias oft genug wiederholen? Ist das treuergebene Herz je von diesen Lobeserhebungen und Liebesbezeigungen zu ersättigen? Kann das gute Kind auch nur für einen Augenblick aufhören, seinem Vater, seiner Mutter seine Liebe zu versichtbaren und seine allerwichtigsten Anliegen ihnen stets zu offenbaren? Genießen wir nicht tagtäglich, ja sogar öfter des Tages, das nämliche Brot, als die kräftigste und gedeihlichste Nahrung unseres Leibes, ohne dass es uns je gleichgültig, lästig, oder gar zuwider wird?

 

Wie angenehm und wohlgefällig Gott der heilige Rosenkranz ist – dieser so liebliche Kranz himmlisch-duftender Gebets- und Andachtsblumen – und welch kräftige Wirkungen er vor dem Thron seiner Allmacht und Barmherzigkeit habe. Dies zeigte der Herr gleich bei seiner Einführung durch den heiligen Dominikus im Jahr 1208, und seitdem immer auf die offenbarste, oft wundersame Weise, vorzüglich bei Gelegenheit allgemeiner oder besonderer Anliegen und Drangsale. Frohlockend ruft darum der heilige Alphons von Liguori aus: „O wie viel Gutes verdankt die Welt dieser herrlichen Andacht! O wie viele sind durch sie von ihren Sünden befreit, wie viele dadurch zu einem heiligen Leben angeleitet worden, verdanken ihr einen guten Tod!“

 

O wie so ganz geeignet ist daher dieses Gott und Maria so wohlgefällige gemeinschaftliche Gebet besonders für unsre in jeder Hinsicht so armselige, notbedrängte und von mancherlei Stürmen schwer bedrohte Zeit, wie notwendig und wie heilsam: - um durch gemeinsames Zusammenbeten und gemeinsame Aufopferung der unendlichen Verdienste Jesu Christi und der Fürbitten Marias die Gerechtigkeit Gottes zu versöhnen, seine strengen Strafgerichte von uns abzuwenden und dafür seine väterliche Erbarmung und deren Segnungen über uns herabzuerbitten.

 

(Das heilige Rosenkranzgebet in seiner jetzigen Form ist veranlasst durch den heiligen Dominikus. Als nämlich im Jahr 1208 dieser große Diener Gottes und Marias, bei seinen riesenhaften Arbeiten gegen die Irrlehren der Albigenser, lange Zeit im glühendsten Eifer gepredigt, und sie oftmals überzeugt und beschämt hatte, aber dessen ungeachtet nur äußerst wenige von ihnen zur heiligen Kirche zurückführen konnte, verdoppelte er sein Gebet und seine Bußwerke, und wandte sich zumal in inbrünstiger Andacht an Maria, die Königin des Himmels, zu der er von frühester Jugend an die zärtlichste Liebe in seinem Herzen nährte und in seinem frommen Wandel versichtbarte, und flehte unter heißen Tränen zu ihr: die Herzen zu wenden und ihn durch ihre mächtige Fürbitte in seinen Missions-Arbeiten für das Heil der Seelen zu unterstützen. Da erschien ihm eines Tages die Mutter der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit in ihrer Himmelsglorie, und lehrte ihn das Gebet des Rosenkranzes, den er nun – nebst den Vorzügen der heiligen Gottesgebärerin – überall verkündigte und lehrte, und in Folge dessen in kurzer Zeit über hunderttausend Seelen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurücklenkte und eine zahllose Menge großer Sünder bekehrte. – Bald nun verbreitete sich die heilige Rosenkranz-Andacht weitum in der Christenheit. Es bildeten sich Verbrüderungen (Bruderschaften) unter dem Namen des „heiligen Rosenkranzes“, und die Kirche erlaubte dem Prediger-Orden ein eigenes Fest desselben zu feiern, was auch Jahrhunderte hindurch mit großer Andacht geschah.)

 

3. Der lebendige Rosenkranz trägt diesen Namen darum, weil er ein Verein von Gläubigen ist, dessen Mitglieder dasselbe Zeichen darstellen, das Unsere Liebe Frau dem heiligen Dominikus als ein sicheres Unterpfand der göttlichen Erbarmungen zu verleihen sich würdigte, nur – dass der Rosenkranz, den dieser geliebte Diener Marias zu jener Zeit erhielt, heutigen Tages in einem Kranz von Herzen sich darstellt, deren Verein es sich zum Zweck macht: durch die tägliche Betrachtung der Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes – Jesus und Maria wieder aufleben zu machen in den Herzen aller Gläubigen sowohl und vorerst in den Herzen der Vereinsgenossen, als auch in den Herzen der Sünder, deren Bekehrung der „lebendige Rosenkranz“ ohne Unterlass zu erflehen bemüht ist.

 

Um diesen so ersehnlichen Zweck zu erreichen, hat jedes Vereins-Mitglied täglich „ein Vaterunser, zehn Gegrüßet seist du Maria, und ein Ehre sei dem Vater usw.“ für die Erhaltung des Glaubens in den katholischen Reichen und für die Ausbreitung desselben in der ganzen Welt zu beten.

 

Die Einrichtung des lebendigen Rosenkranzes ist sehr einfach, und entspricht dem Sinnbild einer Rose, eines Rosenstockes und eines Rosengartens. – Das will sagen: Fünfzehn vereinte Personen, von denen einer der Vorsteher, oder eine die Vorsteherin ist, bilden eine Rose des lebendigen Rosenkranzes. – Elf Rosen, denen ein Rat oder eine Rätin vorsteht, bilden einen blühenden Rosenstock (von 165 Personen), - und die abermalige Vereinigung von fünfzehn dergleichen blühenden Rosenstöcken bildet einen Marianischen Rosengarten (von 2475 Personen). – Um jedoch der glorreichen Himmelskönigin Maria jene Huldigungen darzubringen, die der „lebendige Rosenkranz“ erzielt, ist es nicht nötig, sogleich einen blühenden Rosenstock oder gar Rosengarten zu bilden; auch eine einfache Rose desselben, aus fünfzehn reuevollen und demütigen Herzen zusammengesetzt, vermag schon die „Mutter der Barmherzigkeit“ zu rühren und durch ihre Fürbitten viele Gnaden von Gott zu erlangen.

 

Um die Ablässe zu gewinnen, die Seine Heiligkeit Papst Gregor XVI. dem Verein des lebendigen Rosenkranzes zu verleihen sich würdigte, ist notwendig: 1) dass fünfzehn Personen vereinigt seien; 2) dass jede dieser Personen in das Verzeichnis des Vorstehers oder der Vorsteherin dieser fünfzehn Mitglieder eingetragen sei, dass jedes Vereinsmitglied einen Monat hindurch täglich eins von den fünfzehn Geheimnissen des heiligen Rosenkranzes betrachte, und zur Ehre desselben ein Vaterunser, zehn Gegrüßet seist du Maria und ein Ehre sei dem Vater usw. in der oben erwähnten Absicht abbete. Auf solche Weise wird von diesen fünfzehn Personen alle Tage der ganze Rosenkranz (Psalter) gebetet.

 

Der Vorsteher oder die Vorsteherin eines jeden solchen Vereins von fünfzehn Personen hat die fünfzehn Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes gedruckt auf abgesonderten Zetteln, die untereinander gemischt sind, und alle Monate an einem bestimmten Tag durch das Los verteilt werden. Um die monatliche Umwechselung derselben zu erleichtern, so losen der Vorsteher oder die Vorsteherin, da die fünfzehn Mitglieder sich nicht auf einmal versammeln können, mit noch dreien der Vereinsgenossen in der Art, dass jedes der Versammelten vier dieser Geheimnisse ziehe, eins für sich und drei für die Abwesenden, welchen sie dieselben sogleich zu überbringen sich verpflichten.

 

Man sieht wohl, dass die jedesmaligen Vorsteher und Vorsteherinnen selbst vom Glauben und der Liebe zu Jesus inniglich beseelt sein müssen, um allen vereinigten Personen – mit Hilfe der drei Mitglieder, die die Geheimnisse durch das Los verteilen, ebenfalls jene Gesinnungen einzuflößen, die die göttliche Gnade bereits in ihre Herzen gepflanzt hat.

 

Unter den verschiedenen Obliegenheiten, die dieser Verein in Frankreich sich auferlegt, um den daselbst in hohem Grad eingerissenen geistlichen Übeln zu steuern, fand er sich bewogen, die Vereinsmitglieder auch dahin zu bringen: dass jedes von ihnen im Namen aller anderen Mitglieder des „lebendigen Rosenkranzes“ jährlich einmal, als Ehren-Abbitte vor dem allerheiligsten Altarsakrament ein Stundengebet halte, und eine halbe Stunde hindurch den „heiligen Kreuzweg“ besuche: zur Genugtuung für die Beleidigungen, die Jesus Christus täglich in diesem allerheiligsten Sakrament zugefügt werden, und zum Trost und zur Hilfe der Seelen aller verstorbenen Vereinsmitglieder. Jene aber, die da Priester sind: dass sie außerdem noch einmal im Jahr in derselben Meinung (Intension) eine Heilige Messe lesen, und die Ordens-Personen: dass sie gleichfalls in der besagten Absicht einmal die heilige Kommunion empfangen. – Auf solche Art wird unserem göttlichen Heiland zu allen Zeiten der Tribut der Anbetung dargebracht – als eine Art Ersatz für die Schmach, die ihm in der anbetungswürdigsten Eucharistie seines Fleisches und Blutes von Un- und Irrgläubigen, sowie von verstockten Sündern und Spöttern usw. angetan wird, während auch die Armen Seelen der Verstorbenen nicht unbedacht bleiben, und fortan Linderung ihrer Leiden und oftmals gänzliche Erlösung erlangen. – Gewiss gar mächtige Gründe, den Eifer der Mitglieder des „lebendigen Rosenkranzes“ mehr und mehr zu entflammen!

 

Ablässe, die den Mitgliedern des „lebendigen Rosenkranzes“ verliehen wurden, sind:

 

a) Ein vollkommener Ablass am ersten feierlichen Tag nach ihrem Anschluss an den Verein.

b) Alle Ablässe, die seither mit dem Beten des heiligen Rosenkranzes verknüpft waren.

c) Einen Teilablass für jedes Mal, als man den angewiesenen Teil an Werktagen betet.

d) Einen Teilablass an den Sonn- und Feiertagen des Jahres, desgleichen alle Tage durch die ganze Oktav von Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam und den Festen der Unbefleckten Empfängnis und Geburt Mariä.

e) Ein vollkommener Ablass an den hohen Festtagen: Weihnacht, Beschneidung (Neujahr), Heilige Drei Könige, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Allerheiligste Dreifaltigkeit, Fronleichnam, St. Peter und St. Paul und Allerheiligen. Desgleichen an allen hohen, sowie an allen minderen Festtagen der allerseligsten Jungfrau Maria, und am dritten Sonntag eines Monats.

 

Die vollkommenen Ablässe können den Verstorbenen zugewendet werden. Um sie zu gewinnen, wird aber erfordert: dass man beichte, (an den genannten Tagen) die heilige Kommunion empfange, und in einer Kirche das gewöhnliche Ablassgebet verrichte. – Die Kranken vermögen die vorbezeichneten Ablässe gleichfalls zu gewinnen, wenn sie jene Gebete und Werke verrichten, die ihnen der Beichtvater, den sie gewählt haben, hierzu vorschreibt.

 

Ausgezogen aus dem Breve Seiner Heiligkeit des Papstes Gregor vom 27. Januar 1832:

 

„O schöner, gottgefälliger, kirchlicher Verein des lebendigen Rosenkranzes“! wie viel vermagst du, unterstützt durch die Fürbitten Marias, durch dein gemeinsames, demütiges und bußfertiges Gebet vor dem Thron des Allerhöchsten auszurichten und zu bewirken! O mögest du auch in unserem Vaterland so allgemein verbreitet werden und so großen Marien-Segen bringen, wie bereits in anderen Ländern. Der Herr gebe es! Es sei uns allen gnädig und barmherzig der dreieinige Gott, hochgelobt durch die Fürbitte der unbefleckten und allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter!

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Geistige Rosenkranz-Perlen

 

1. Der Rosenkranz, den die Italiener „Corona“ nennen, war sonst immer der Schmuck der Großen und des Volkes, der Räte der Fürsten wie der Krieger. Die Bürger und Edelleute beteten Ihn, wenn sie vor die Stadt auf das Feld hinaus und dann wieder heimgingen, die Parteien in den Gerichtshöfen, während sie auf ihre Sachwalter warteten, die Christen aller Stände, indem sie sich die Ablässe von entfernten Kirchen holten. Selbst die Könige gaben ein erbauliches Beispiel hierin.

In den hehren Tagen des gläubigen Mittelalters erzählte man sich aber auch vom Rosenkranz die sehr anmutige Sage: „Dass nämlich an der Seite eines jeden Christen, der ihn mit Andacht bete, ein Engel stehe, der an einem Goldfaden bei jedem Ave Maria eine Rose und bei jedem Vaterunser eine Goldlilie reihe, und, nachdem er das Haupt des frommen Verehrers der Himmelskönigin mit diesen Blumen gekrönt habe, verschwinde, einen wunderlieblichen Rosen- und Lilien-Duft zurücklassend.“

 

2. Die Königin von Schottland und ihre großen Vasallen trugen Rosenkränze von Goldkügelchen. Die kühnen Ritter machten sich einfachere von Haselnüssen, die die Herbstsonne vergoldet hatte. Die goldenen Rosenkränze verschwanden aber mit der letzten katholischen Königin, der armen Maria.

Die Georgier und die italienischen Völker verwendeten zu ihren Rosenkränzen die Kerne des Baumes Apedara (Melia azedarach), den die Italiener jetzt noch den „Baum der Paternoster“ nennen.

Die Spanier verfertigten ihre Rosenkränze mit Kügelchen, die man aus Rosenholz schnitzte, und die Japaner benutzen zu ihren Rosenkränzen gar liebliche Kristallkügelchen.

 

3. Johannes von Baudricourt, Marschall in Frankreich und Statthalter von Burgund, hielt einen hölzernen Rosenkranz, den er vom heiligen Franziskus von Paula zum Geschenk empfangen, in hohen Ehren. Eines Morgens vermisste er ihn zu seinem größten Leid. Der Diener, der die Kleider des Marschalls besorgen musste, hatte aus Unachtsamkeit aus der Tasche den Rosenkranz ins Feuer fallen lassen. Man fand ihn aber einen Tag später unversehrt in der Asche des Kamins.

 

4. Die heilige Rosa von Lima, dieser Engel in Menschengestalt, diese erste Himmelsblüte auf dem Boden Amerikas, sagt: „Im heiligen Rosenkranz finde ich alles vereinigt, was das innere Gebet nur immer Erhabenes, Süßes und Trostvolles hat, und das mündliche Gebet vor Gott angenehm macht. Und soll das leerer, geistloser Lippendienst sein, wenn wir, indem wir beten, jedes Geheimnis des Rosenkranzes zu Gemüte führen, beherzigen und tief ins Gedächtnis einprägen?!“

 

5. St. Franziskus Xaverius, dieser große Apostel der Indianer, trug, um sich öffentlich als einen Diener Marias zu zeigen, stets einen Rosenkranz am Hals, und wirkte durch ihn die meisten Wunder, auf dass die Neubekehrten mit desto größerer Andacht den heiligen Rosenkranz beten möchten. Und auf ihn zeigend rief er aus: „Ich habe dich, Maria, du Königin des Rosenkranzes, zu meiner Schirmerin erwählt. Erwirke mir durch deine Fürbitte Vergebung meiner Sünden und der Sünden aller, die mir anvertraut sind!“

 

6. Alphons I., König von Portugal, pflegte zu seinen Ministern zu sagen: „Rufen wir die allerseligste Jungfrau Maria an, dass ihr Rosenkranz die Hilfe bei der Verwaltung meines Reiches sei!“

 

7. Johannes I., König von Böhmen, pflegte sehr oft an seine Freunde die Äußerung zu tun: „Ja, nächst den heiligen Sakramenten, setze ich auf die Rosenkranz-Andacht die Hoffnung meines ewigen Lebens!“

 

8. Casimir II., König von Polen, schrieb nach Rom an den General der Dominikaner: „Ich bitte, senden Sie mir Rosenkranz-Prediger, denn diese sind die geeignetsten Reformatoren meines Reiches!“

 

9. Der fromme Joseph Haydn, der so ausgezeichnete Künstler in der Musik, der die „Schöpfung der Welt“, die „sieben Worte des sterbenden Erlösers“, die „vier Jahreszeiten“ usw. in unvergleichlichen Tönen verherrlicht hat, entgegnete denen, die seine hohe Meisterschaft bewunderten: „Wenn ich den Rosenkranz gebetet habe, dann kommen wir die himmlischen Gedanken und Töne nur so zugeflogen, und ich finde kaum Zeit, sie schnell genug niederzuschreiben!“

 

10. Der heilige Franziskus von Paula pflegte schon als Junge auch zur kältesten Winterzeit mit entblößtem Haupt den heiligen Rosenkranz zu beten. Da dies seiner Mutter gewahr wurde und besorgte, es könnte der Gesundheit des Jungen schaden, bedeutete sie ihm, dass er doch das Haupt bedecken sollte. Und Franziskus gab ihr die folgende sehr merkwürdige Antwort: „Liebe Mutter! Wenn ich mit einer irdischen Königin zu reden hätte, so würdest du mir gewiss befehlen, vor ihr nur mit entblößtem Haupt zu erscheinen. Wie viel mehr denn geziemt es sich, dass ich diese Ehrerbietung beobachte, wenn ich mit Maria, der Muttergottes, der mächtigsten Königin des Himmels und der Erde, rede?“ Und so beständig blieb der Heilige in der Übung dieser Andacht, dass er vom 13. Lebensjahr an bis zum letzten Tag seines Lebens den heiligen Rosenkranz zu beten niemals unterließ.

 

11. Der heilige Bernhard von Siena pflegte allezeit mit gebeugten Knien und mit bloßen Füßen den Rosenkranz zu beten, um durch das Ertragen einiger Beschwerlichkeit der allerseligsten Jungfrau Maria – neben der Andacht – zugleich ein Opfer der Abtötung darzubringen.

 

12. Die heilige Gertrudis, diese eifrige Beterin des heiligen Rosenkranzes, wurde eines Tages mit einer gar lieblichen Vision erquickt. Sie sah nämlich vor den Füßen Jesu so viele Kügelchen von Gold liegen, als sie beim Rosenkranz-Beten Ave-Maria-Grüße ausgesprochen hatte, und bemerkte gleichfalls, wie der Herr diese Goldkügelchen auflas und sie seiner gebenedeiten Mutter darreichte, die sie huldvoll aufnahm und sprach: „Ich will diese Gaben der Gertrudis in ihrem Sterbestündlein mit ebenso vielen Gnaden vergelten!“

 

13. Die selige Cäcilia, dem Dominikaner-Orden angehörig, eine ehrwürdige Jungfrau und innige Verehrerin Marias, empfand beim andächtigen Beten des heiligen Rosenkranzes stets eine himmlische Beseligung. Auf ihrem Sterbebett sah sie die Königin des Himmels und einige Heilige, die sie täglich anzurufen gewohnt war. Als ihre Verzückung endete, rief sie in heißester Sehnsucht aus: „Wo ist mein liebster Jesus? Wo ist der Bräutigam meines Herzens? Wo ist seine heilige Mutter?“ Nachdem sie verschieden war, dufteten ihre Hände den Wohlgeruch von Rosen aus, zum Lohn: dass sie fast immer den heiligen Rosenkranz umfingen, den die Marien-Dienerin in ihrem Leben so viele tausend Male gebetet hatte.

 

14. Der heilige Andreas Avellinus konnte als Kind kaum noch reden, als er bereits den Rosenkranz zu beten begann. Später betete er zu Ehren der heiligen Jungfrau täglich den ganzen Marianischen Psalter und ihre kleinen Tagzeiten. Mangelte ihm ob der Ausführung notwendiger Geschäfte die Zeit dazu, so kürzte er die Mahlzeit ab, um der geliebten himmlischen Mutter seinen Tribut der Andacht darzubringen. Wie wohlgefällig Maria die Andacht ihres frommen Dieners gewesen ist, zeigte sich nach seinem Tod. Vier Jahre vor seinem Hinscheiden nämlich hatte er einen Apfelkern in das Gartenland gelegt. Aus diesem Kern wuchs ein stattlicher Baum empor, der gerade fünfzehn schöne rosige Äpfel trug: zum Sinnbild der fünfzehn Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes. Merkwürdig war auch, dass sich immer wieder dieselbe Zahl vervollständigte, wenn man auch den einen oder anderen Apfel pflückte, und dass die Blätter, Blüten und Früchte des Baumes den Kranken Linderung und Genesung verschafften.

 

15. Dr. Alois Flir, weiland Rektor der deutschen Nationalkirche „S. Maria dell` Anima“ zu Rom, schrieb im Jahr 1855, in der Nacht des heiligen Dreifaltigkeitssonntags, an einen seiner Freunde in der tirolischen Heimat:

„Es waren nun, seit meines Aufenthaltes in Rom, drei Prinzen aus dem Norden hier: Georg von Sachsen, Adalbert von Bayern und Ferdinand Max, Erzherzog von Österreich. Mit allen dreien kam ich in Berührung. Der Erzherzog Ferdinand Max verehrte mir einen Rosenkranz mit den Worten: „Nehmen Sie dies kleine Andenken, und wenn Sie den Rosenkranz beten, schließen Sie mich ein!“

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Rosenkränze, die im Himmel gesegnet werden

 

(Aus: Leben der Johanna von Jesus-Maria, von P. Martin Cochem)

 

1. Da die geliebte Braut Jesu Christi, die fromme Johanna von Jesus-Maria, gar hoch bei ihrem himmlischen Bräutigam in Gnaden stand, bat sie ihn einmal mit recht lebendigem Vertrauen: er wolle sich gefallen lassen, einige Rosenkränze, Bilder, Kreuze und Pfennige zu segnen und ihnen eine so kräftige Wirkung beizugeben, dass die Christgläubigen sich dieser Gnaden in ihrem zeitlichen Dasein bedienen könnten. Der Herr bewilligte ihre Bitte, und sie brachte verschiedene Rosenkränze, Kreuze, Bilder und Pfennige zusammen, legte sie an hohen Festtagen, besonders am grünen Donnerstag und Karfreitag, auf den Altar ihrer Hauskapelle, begab sich ins Gebet, und bat mit Inbrunst ihren lieben Jesus, er wolle sein erteiltes Versprechen erfüllen. Während dieses Gebetes wurde Johanna verzückt, und inzwischen kamen die Engel herab und nahmen die Rosenkränze samt den Kreuzen, Bildern und Pfennigen mit in den Himmel. Christus aber nahm sie in seine hochwürdigsten Hände, sprach seinen heiligsten Segen darüber, und erteilte ihnen absonderliche Kräfte und Wirkungen.

 

Da nun Johanna während der Weihung verzückt war, ging sie heimlich in ihre Kapelle, suchte dort überall die Rosenkränze, fand sie aber nirgends, und konnte auch nicht begreifen, wohin sie gekommen wären.

 

Indessen warteten alle Freunde und Nachbarn auf den Ausgang der Sache, und blieben so lange im Haus, bis die Rosenkränze wiederkamen.

 

Als sie eben es am wenigsten vermuteten, geschah es urplötzlich, dass die heiligen Engel die Rosenkränze, Kreuze, Bilder und Pfennige wieder vom Himmel herunterbrachten, und das ganze Haus mit lieblichen Geruch erfüllten. Alsbald liefen sie zur Kapelle, fanden die Jungfrau von der Verzückung zu sich gekommen, sahen auch die Rosenkränze nebst den übrigen Gegenständen auf dem Altar liegen, und alles mit einem so süßen Geruch von himmlischer Lieblichkeit erfüllt, dass nicht nur die leiblichen Sinne, sondern auch die Kräfte der Seelen dadurch erfreut wurden. Hieraus erkannten alle Anwesenden, dass diese köstlichen Schätze vom Himmel gekommen wären, und zugleich neben dem himmlischen Duft auch himmlische Wirkung mit sich herunterbrächten.

 

Die Wahrheit des Gesagten wird nun aus folgenden zwei Geschichten deutlich.

 

2. Einst gab der Erzbischof von Burgos, Ferdinand von Azevedo, seinem Kaplan sechs Rosenkränze, sie seiner geistlichen Tochter Johanna von Jesus-Maria zu überreichen, damit sie von Christus mögen gesegnet werden. Der Kaplan aber dachte diese Gelegenheit zu benützen, und kaufte unterwegs sechs andere Rosenkränze, damit sie zugleich mit den anderen in den Himmel möchten getragen werden. In solcher Absicht band er diese erkauften samt den anderen mit einer Schnur zusammen, so dass alle zwölf Rosenkränze ohne Unterschied vermischt waren. Er fand die Jungfrau in ihrer Betkammer, und sprach zu ihr: „Mutter, der Herr Erzbischof hat mich gesendet, Euch diese Rosenkränze einzuhändigen, mit der Bitte, Ihr wollet sie von Christus segnen lassen!“ „Es ist gut,“ erwiderte Johanna, „der Herr lege sie nur auf den Altar.“ Der Kaplan ging fort. Dies geschah an einem Freitag morgens. Daher begab sich Johanna in ihre Betkammer, um nach ihrem Gebrauch an diesem Tag die Übung des Leidens Christi zu halten, die von morgens bis nachmittags um 5 oder 6 Uhr zu währen pflegte.

 

Der gute Priester wurde inzwischen etwas unruhig, und verlangte zu wissen, ob seine Rosenkränze in den Himmel hinauf getragen worden sind, und ging daher heimlich in die Betkammer. Als er sah, dass die Jungfrau in ihrer Verzückung unempfindlich war, betrachtete er aufmerksam den Altar, und bemerkte, dass auf ihm jene sechs Rosenkränze nicht mehr lagen, die der Erzbischof ihm gegeben hatte, die anderen sechs aber, die er gekauft hatte, erblickte er abgesondert an der Ecke des Altars. Hierüber sehr verstört, entfernte er sich, und kam um sechs Uhr abends wieder, und sah die sechs erzbischöflichen Rosenkränze, mit besonders lieblichem Geruch behaftet, auf dem Altar liegen, die von ihm gekauften aber, wie zuvor, an der erwähnten Ecke des Altars abgesondert, und ganz geruchlos.

 

Dies kam dem guten Herrn wunderlich vor, und er sagte zu der Dienerin Christi: „Mutter, warum habt Ihr diese sechs Rosenkränze von den anderen abgesondert?“ Sie erwiderte: „Welche Rosenkränze?“ „Diese“, sprach er, „welche hier an der Ecke des Altars liegen.“ Sie wurde hierüber schamrot, und fragte den Kaplan: „Habt Ihr nicht alle Rosenkränze, die euch der Erzbischof gegeben hat, auf den Altar zusammengelegt? Behüte mich Gott! Was soll dies sein, dass Gott die einen Rosenkränze annähme und die anderen verwürfe?“ Als der Kaplan sie so schamrot und verstört sah, offenbarte er ihr die Wahrheit, dass er nämlich noch sechs zu den anderen getan habe. Sie aber sprach: „Wohlan, da Ihr es so gemacht habt, so ist Euch recht geschehen! Ihr hättet mir ja etwas von Euren Rosenkränzen sagen und Euer Begehren vorbringen können. Wisst Ihr nicht, dass ich dies alles aus Gehorsam tue, außer dem Gehorsam aber nichts tue? Wisst demnach, dass Eure Rosenkränze nicht im Himmel gewesen sind, und folglich auch nicht den Segen empfangen haben. Gleichwohl lasse sie der Herr hier, mit nächstem werden sie mit hinaufgenommen werden.“

 

3. Im Jahr 1625, in der heiligen Karwoche, während der Regierung des Papstes Urban VII., hat der bereits genannte Erzbischof von Burgos seiner geistlichen Tochter Johanna von Jesu-Maria einige Rosenkränze gegeben, und ihr befohlen: „Seine göttliche Majestät zu bitten, ihnen den heiligen Segen zu erteilen.“ Johanna, als eine gehorsame Tochter, ließ die Rosenkränze von Christus segnen. Nach empfangener Gnade, als sie dem Herrn Erzbischof die Rosenkränze wieder gab, sprach sie zu ihm: „Eure Hochwürden Gnaden wollen diese Rosenkränze hoch schätzen, denn außerdem, dass sie im Himmel den Segen und dessen Kraft und Wirkung empfangen haben, sind sie auch zu Rom gewesen, und haben am Gründonnerstag samt den Agnus-Dei den Segen von Seiner Päpstlichen Heiligkeit empfangen, und sind der Kraft und Wirkung dieses Segens teilhaftig geworden.“

 

Der fromme Prälat hatte zwar den Geist und die Heiligkeit Johannas genug geprüft, dennoch wollte er, da er eine gute Gelegenheit fand, diese Wahrheit besser erfahren. Er schrieb daher an einen Domherrn, namens Bartholomäus de Castro von Burgos, der eben damals in Rom war, was er von Mutter Johanna gehört hatte, und begehrte von ihm, er wolle nachfragen: ob dem also wäre? Dieser Domherr schrieb dem Erzbischof, dass Seine Päpstliche Heiligkeit in diesem Jahr die Agnus-Dei nicht gesegnet hätte, was die Dienerin des Herrn gesagt hatte, könnte folglich nicht wahr sein. Über diese Antwort wurde der Erzbischof sehr verstört, kam alsbald zu Johanna, und fragte: „Ob sie ihm nicht gesagt hätte, dass die bewussten Rosenkränze am Gründonnerstag den päpstlichen Segen samt den Agnus-Dei zu Rom, bekommen hätten?“ Sie antwortete: „Ja, Herr, so hab ich gesagt.“ Er fragte wieder: „Wie kann aber dies wahr sein, da die Agnus-Dei in diesem Jahr nicht gesegnet worden sind, wie mir von Rom geschrieben wurde.“

 

Johanna antwortete: „Der dies von Rom geschrieben, hat ganz wahr geschrieben, und ich habe auch wahr gesprochen, denn Seine Päpstliche Heiligkeit haben in diesem Jahr die Agnus-Dei nicht öffentlich, sondern im Geheimen gesegnet. Seine Heiligkeit haben auch die Rosenkränze auf dem Altar gesehen, und sie samt den Agnus-Dei gesegnet. Eure Hochwürdigen Gnaden mögen abermals nach Rom schreiben, so werden Sie erfahren, dass ich die Wahrheit geredet habe.“ Dies tat der Erzbischof, und begehrte von dem Domherrn inständig, weil diese Sache so wichtig wäre, er wolle Seine Päpstliche Heiligkeit um Audienz bitten, um die Wahrheit zu erfragen. Dies tat der Domherr, und erzählte dem Papst den ganzen Hergang der Sache. Hierauf erhob der Papst die Augen zum Himmel, dankte Gott, dass er – in seiner Zeit – der katholischen Kirche eine solche Tochter gegeben hätte, und sprach:

 

„Es ist wahr, was diese Dienerin Gottes sagt. Am Gründonnerstag haben wir wegen gewisser Ursachen die Agnus-Dei nicht öffentlich, sondern im Geheimen gesegnet. Und als wir sie segnen wollten, sahen wir einige Rosenkränze von verschiedenen Farben auf dem Altar. Wir wussten zwar nicht, wer sie hingelegt habe, gleichwohl haben wir sie gesegnet. Nach dem Segen aber wurde sie allplötzlich nicht mehr auf dem Altar gesehen. Dies kam uns wunderlich vor, und wir dachten, es müsse ein großes Geheimnis darunter verborgen sein, das wir jetzt aus Eurem Mund vernommen haben. Ohne Zweifel ist diese Person eine große Dienerin des Herrn. Schreibt ihr in meinem Namen, sie wolle mich dem allmächtigen Gott treulich anbefehlen!“

 

Seine Heiligkeit sendete ihr auch den Ablass für die Sterbestunde, und empfahlen sich sogar öfters in ihr Gebet.

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Der Lehrer unter den Schülern

 

(aus: Liebfrauengarten)

 

Antonius von Gislimbert wählte, nachdem er durch den Tod seine Gattin verloren hatte, mit der er in nur ganz kurzer Ehe gelebt hatte, zu seinem Beruf eine Beschäftigung, die selbst vom heiligen Thomas von Aquin ein „Martyrium“ genannt wird. Er widmete sich in Trient dem Dienst der männlichen Jugend, um sie in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache zu unterrichten. Und dreißig Jahre lang hat der Edelmann ununterbrochen für dieses ebenso demütige als dornenvolle Wirken seine ganze Kraft eingesetzt.

 

Er besaß aber auch eine gar anmutige Weise, das zarte Alter nicht nur in der lateinischen Sprache zu unterrichten, sondern nach und nach auch zur Andacht und Frömmigkeit anzuleiten. Er bediente sich ganz liebreicher Worte, um seinen kleinen Schülern die hochheiligen Geheimnisse unseres Glaubens, den Wert und die Schönheit der christlichen Tugend und das Verwerfliche und Verderbliche des Lasters anschaulich zu machen.

 

Zu den vielen Tugenden, nämlich der Geduld, die er im leuchtenden eigenen Leben vorbildlich seinen Schülern zeigte, gehört aber ganz besonders – die Liebe und Verehrung zur allerseligsten Jungfrau Maria. Er zeigte sich als ein echtes Mitglied der „Marianischen Kongregation“, indem er nicht damit zufrieden war, für sich selbst nur die heilige Muttergottes zu preisen und nachzuahmen, sondern auch den Herzen anderer, besonders der Jugend, diese Empfindungen der Ehrfurcht einzupflanzen und sie zum Marien-Dienst anzuleiten. – Unter anderem pflegte er, nach der Beendigung der nachmittägigen Schulzeit, sich in die Kirche der Dominikaner zu begeben. Dort versammelte er in der Kapelle des heiligen Rosenkranzes ganze Scharen von kleinen Jungen und Mädchen, kniete mitten unter ihnen und betete mit ihnen vor dem Muttergottes-Altar mit lauter Stimme den heiligen Rosenkranz. Gewöhnlich zog sich diese Andacht fast bis zum späten Abend hinaus, indem er das Rosenkranzgebet ein und das andere Mal wiederholte, und man merkte an den Versammelten einen solchen Eifer und liebliche Andacht, dass auch die Erwachsenen gerne daran teilnahmen und jedermann in der Stadt sich an dieser hehren Übung erbaute. – Ja, man glaubte das Andenken daran auch nach dem Tod Gislimberts noch erhalten zu müssen, und ließ in der genannten Kapelle an einer Tafel ein Gemälde entwerfen, worauf zu sehen ist: wie dieser fromme Herr, umgeben von vielen unschuldigen Kindern, Maria, seiner hochverehrtesten Mutter, die schuldige Andacht und Verehrung durch das Beten des heiligen Rosenkranzes abstattet.

 

Dieses Marianische Siegeszeichen, den Rosenkranz, trug Gislimbert fast immer in den Händen und betete daran sogar auch, wenn er auf den öffentlichen Straßen ging. – Maria, die „gütige Mutter“, lohnte ihm darum seine Liebe und seinen Eifer für die Verkündigung und Verbreitung ihrer Ehre durch vielfache Gnaden, die sie ihm bei ihrem göttlichen Sohn erwarb.

 

Zu Marias Huld und Macht hatte dieser treue Diener Marias auch, als die Stunde des Todes sich näherte, eine solche Zuversicht und genoss solch schönen inneren Frieden, als wenn ihm gar keine Todesgefahr bevorstände, bis er schließlich – am 30. August 1679 – unter ihrem mütterlichen Schutz gottselig im Herrn entschlief.

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Der rettende Rosenkranz

 

(aus: Geschichten vom heiligen Rosenkranz)

 

Der fromme Arzt Gaultier von Chlaubry ließ sich im Jahr 1805 in der Pfarrkirche des heiligen Thomas von Aquin zu Paris in die Bruderschaft des heiligen Rosenkranzes aufnehmen.

 

In dem genannten Jahr zog er als Feld-Chirurg in den Krieg – mit dem festen Entschluss: immer und überall seine Pflicht als katholischer Christ und als Mitglied der Rosenkranz-Bruderschaft treu zu erfüllen. Und was er gelobte, das hielt er auch. Er trug den Rosenkranz immer bei sich und betete ihn tagtäglich.

 

Im Jahr 1808 befand er sich zu Madrid in Spanien, als dort jene Verschwörung ausbrach, in der das spanische Volk während mehreren Stunden schonungslos alle Franzosen, die damals unter Napoleon I. Spanien zu unterjochen suchten, mordete, die in seine Hände fielen. – Am Tag vorher hatte der Chirurg gerade – nach der Vorschrift der Bruderschaft – die heiligen Sakramente empfangen und ging zur Zeit des Aufruhrs, nicht ahnend die schrecklichen Gewalttaten, aus seiner Wohnung um sich auf seinen Posten zu verfügen. Alsbald sah er sich von einer wütenden Rotte umgeben, die, in ihm einen französischen Offizier erkennend, ihn schwer misshandelte und bereits Miene machte, ihn zu ermorden. In dieser allergrößten Gefahr rief er flehend zu Gott um dessen Gnade, und zu Maria um den Beistand ihrer Fürbitten. Da er in diesem furchtbaren Augenblick hörte, wie die Spanier die Franzosen „Ungläubige“ und „Gottesleugner“ nannten, fuhr ihm blitzschnell ein guter Gedanke durch die Seele. „O nein,“ rief er den Rasenden zu, „ich bin kein Ungläubiger! Hier – seht den Beweis!“ Bei diesen Worten zog er schnell seinen Rosenkranz aus der Tasche. Kaum hatten ihn die Mörder bemerkt, als sie, wie von höherer Macht überwältigt, still standen. Einige jedoch schienen noch unentschlossen, als in ihre Mitte ein Mann trat, der die Rettung des mit dem Tod bedrohten vollendete. Es war der Glöckner jener Kapelle, in der der Chirurg die heilige Kommunion empfing. Der Glöckner bezeugte: „diesen Mann habe ich gestern als frommen Katholiken in der Kirche beichten und die heilige Kommunion empfangen sehen.“ – Nun verwandelte sich der Hass in Liebe, die Mordlust in Ehrfurcht und sie führten ihn selbst in ein Haus, worin er gegen jegliche Gefahr sicheren Schirm fand.

 

Als später der Chirurg wieder nach Frankreich zurückkehrte, ließ er zu Paris in der Kirche des heiligen Thomas von Aquin zur feierlichen Danksagung für seine Errettung eine neuntägige Andacht halten und verkündete laut: „Die Königin des heiligen Rosenkranzes hat mich siegreich beschützt!“

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Das Gesicht des Rosenkranzes

 

Jeder Rosenkranz hat sein Gesicht. So gibt es nichtssagende und ernste, zerbrechliche und feste Rosenkränze, solche, bei denen es schwer ist, in Andacht zu kommen, und solche, bei denen die Andacht von selber kommt.

 

Ich habe ein Stück Rosenkranz von einem alten Missionar. Er ist nicht einmal mehr ein zusammenhängendes Gesetz, aber es wiegt Berge von modernen Rosenkränzen auf. Man muss es ruhig vor sich in der Hand liegen haben und sehen, wie die einzelnen Glieder fest wie Kettenringe ineinanderhängen, muss fühlen, wie jede Perle hart und fest aus einem guten, alten Holz und doch glatt und zart auf ihre Weise ist. Wenn ich feststellen will, was für ein Gesicht ein Rosenkranz hat, brauche ich ihn nur neben dieses Stück zu legen, gleich geht ein brüderlicher Strom, zieht eine innere Verwandtschaft hinüber, oder aber seine Hohlheit ist enthüllt und er – ist einer dieser dünngliedrigen Rosenkränze, die schwindsüchtig und nichtssagend wie die Gebete sind, die an ihnen herunterfließen.

 

Dieses Stück Rosenkranz eines alten Missionars gibt auch Antwort darauf, ob ein Rosenkranz etwas für einen Mann sei. Es hat in einer Hand gelegen, die ebenso den Spaten zu handhaben wie die Feder zu führen, ebenso die Flinte wie das Kreuz zu heben verstand, die um die schwere Arbeit im Weinberg des Herrn, um den erbitterten Kampf für Seelen wie um den Kampf um das eigene nackte Leben wusste.

 

So beantwortet sich diese Frage von selbst! Auch ist der Rosenkranz ein Kampfgebet und damit ein rechtes Gebet für den Mann, in den Türkenschlachten bei Lepanto (1571) und Peterwardein (1716) bewährt und nach dem Sieg vom Papst für die ganze Christenheit eingeführt. Es ist ein Gebet, das einmal den Bestand des Abendlandes gesichert hat und damit heute von größter Aktualität ist. Wenn es noch nie so schlecht um das Abendland gestanden hat wie heute, wo der Feind nicht mehr an einer Grenze, sondern im Niedergang des abendländischen Menschen mitten unter uns steht, dann ist die größte Stunde des Rosenkranzes gekommen. Schlingen wir ihn also fest um die Faust, fühlen wir die Not und Inbrunst, fühlen wir das christliche Blut von acht Jahrhunderten in ihm pochen, und lassen wir nicht nach, bis der Herr uns auch diesmal durch seine Mutter den Sieg, den Sieg über den abendländischen Menschen verliehen hat.

Ludwig Lenzen in

Münchener Katholische Kirchenzeitung vom 5. Oktober 1947